{"id":11951,"date":"2005-06-01T23:00:00","date_gmt":"2005-06-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-4\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"editorial-4","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/editorial-4\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 170: R\u00fcckkehr der B\u00fcrgerlichkeit, S. 1-2<\/p>\n<p>Politische Gezeitenwechsel k\u00fcndigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des b\u00fcrgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-gr\u00fcnen \u00c4ra k\u00f6nnte &#8211; trotz Merkels Verlusten &#8211; ein Anfang f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Parteien sein. Vorschnell riefen Lafontaine, Gysi und Konsorten eine &#8222;linke Mehrheit&#8220; im Lande aus: Die Gr\u00fcnen waren und sind, parteiensoziologisch betrachtet (und in diesem Heft analysiert), l\u00e4ngst verb\u00fcrgerlicht, auch wenn sich das politisch (noch) wenig auswirkt.<\/p>\n<p>Die gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich jedenfalls seit Jahren. Im R\u00fcckblick wird man sich dereinst \u00fcber die Paradoxie Gedanken machen, dass das rot-gr\u00fcne Lager, kaum an der Regierung, allm\u00e4hlich die kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und Steingart; sie haben die postmateriellen Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans Jonas abgel\u00f6st. Der Zeitgeist pr\u00e4gt die Semantik: &#8222;Eigenverantwortung&#8220; und &#8222;Leistungsbereitschaft&#8220; sind die konsensf\u00e4higen Kernbegriffe der \u00f6ffentlichen Debatten &#8211; und Schl\u00fcsselterminologien f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat offenkundig Folgen: Die B\u00fcrgerlichkeit kehrt zur\u00fcck, mit all ihren Chancen und Risiken.<\/p>\n<p>Ganz verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder antib\u00fcrgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus Affekten gegen wurde Identifikation mit B\u00fcrgerlichkeit. Der b\u00fcrgerliche Wertehimmel steht hoch im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im Mittelpunkt gellschaftspolitischer Diskussionen. Und b\u00fcrgerliche Lebensart &#8211; das Betreiben von Salons, das Sammeln moderner Kunst, die Pflege von kulturellen Traditionen &#8211; besch\u00e4ftigt mittlerweile auch 30j\u00e4hrige. Sind das blo\u00dfe \u00c4u\u00dferlichkeiten eines &#8222;B\u00fcrgerlichkeitsspiels&#8220;, eines &#8222;B\u00fcrgerlichkeitsrevivals als Retro unter vielen anderen&#8220;, das ohne Verbindlichkeit einfach zur &#8222;reichen Angebotspalette \u00e4sthetisierter Lebensstillagen&#8220; geh\u00f6rt (Gustav Seibt)? Wenn wir tats\u00e4chlich eine R\u00fcckkehr der Klassengesellschaft mit neuen und tiefen Spaltungen erleben, wie der Historiker Paul Nolte meint, so k\u00f6nnten solche Ph\u00e4nomene des Lebensstils Klassenbewusstsein gegen\u00fcber den Unterschichten schaffen. Der deutsche B\u00fcrger wird k\u00fcnftig in seiner Seele wieder den citoyen gegen den bourgeois verteidigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die vorg\u00e4nge machen sich auf die Suche nach der B\u00fcrgerlichkeit: Ralf Dahrendorf und Paul Nolte diskutieren miteinander die Frage, wie b\u00fcrgerlich die deutsche Gesellschaft der Gegenwart ist. Michael Th. Greven schaut mit einem von Dolf Sternberger inspirierten Blick auf die Wandlungen des B\u00fcrgers nach 1945. Die Spuren, die Joachim Ritter, Odo Marquard und deren Philosophie der B\u00fcrgerlichkeit im politischen Denken der Bundesrepublik hinterlassen haben, verfolgt Jens Hacke. Das Wechselspiel von gegenw\u00e4rtigen Zivilgesellschaftsdebatten und B\u00fcrgertumsdiskursen pr\u00e4sentiert Stefan Mei\u00dfner. So gegens\u00e4tzliche K\u00f6pfe wie Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann werden von Joachim Fischer als Theoretiker der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zusammengedacht. Die Gr\u00fcnen wandelten sich hinsichtlich Mitgliedschaft und W\u00e4hlern zu einer Partei des B\u00fcrgertums: so die &#8211; die Bundestagswahl noch nicht miteinbeziehende &#8211; Analyse von Melanie Haas. In der schweizerischen Bundeshauptstadt Bern hat Daniel Schl\u00e4ppi das Fortleben elit\u00e4rer b\u00fcrgerlicher Assoziationsformen bis in die Gegenwart erforscht, w\u00e4hrend Elisabeth Conradi Haushalt und Wohngemeinschaft mit Hilfe von Aristoteles, Hegel und aktuellen Zivilgesellschaftstheorien untersucht. Jens Nordalm zeigt, wie fragw\u00fcrdig g\u00e4ngige Formeln von &#8222;Verlust&#8220; oder &#8222;Renaissance&#8220; der B\u00fcrgerlichkeit im Grunde sind.<\/p>\n<p>Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.<\/p>\n<p>Den Imperativen von Imperien widmet sich anhand des US-amerikanischen Beispiels der Essay von Herfried M\u00fcnkler, w\u00e4hrend Jutta Roitsch in ihrem Essay die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seziert, die den f\u00f6deralen Bundesstaat immer weiter unterminiert. Kommentare und Kolumnen sowie Rezensionen beschlie\u00dfen das Heft.<\/p>\n<p>Am 4. Juni 2005 ist in Hannover 77j\u00e4hrig unser langj\u00e4hriges Redaktionsmitglied J\u00fcrgen Seifert gestorben &#8211; f\u00fcr die vorg\u00e4nge der schmerzliche Verlust eines leidenschaftlichen Mitstreiters und Mentors, dessen offener, kritischer Geist ohne Konventionen uns Verm\u00e4chtnis bleibt. Wir w\u00fcrdigen ihn ausf\u00fchrlich in diesem und im n\u00e4chsten Heft. In der Hoffnung, dass diese Ausgabe der vorg\u00e4nge im Sinne des citoyen J\u00fcrgen Seifert intellektuelle Br\u00fccken zu bauen vermag, w\u00fcnscht anregende Lekt\u00fcre<\/p>\n<p>Alexander Cammann<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11951","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/editorial-4\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 170: R\u00fcckkehr der B\u00fcrgerlichkeit, S. 1-2 Politische Gezeitenwechsel k\u00fcndigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. 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