{"id":11954,"date":"2005-06-01T21:30:00","date_gmt":"2005-06-01T19:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zivilgesellschaftsdiskurs-und-buergertumsdebatte\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"zivilgesellschaftsdiskurs-und-buergertumsdebatte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/zivilgesellschaftsdiskurs-und-buergertumsdebatte\/","title":{"rendered":"Zivilgesellschaftsdiskurs und B\u00fcrgertumsdebatte"},"content":{"rendered":"<p>(Re-)Konstruktion eines Beziehungsgeflechts<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.45-52<\/p>\n<p><i>Auf die Frage, ob die Bundesrepublik eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft sei oder sich dies nur einbilde, antwortete j\u00fcngst der Historiker Reinhart Koselleck: &#132;Sie ist beides. Sie bildet sich etwas ein und ist es objektiv.&#148; (Hettling\/Ulrich 2005: 40) Durch seine Anmerkung, dass jede Gesellschaft, da immer auch politisch verfasst, eine b\u00fcrgerliche ist, stellt sich die Frage, was sich die Gesellschaft einbildet, wenn sie sich als eine b\u00fcrgerIiche stilisiert und was sie \u00fcberhaupt unter &#132;b\u00fcrgerlich&#148; versteht. Diese Probleme sollen im folgenden anhand der seit den 1990er Jahren gef\u00fchrten B\u00fcrgertumsdebatte diskutiert werden. Zun\u00e4chst kreiste diese Auseinandersetzung darum, ob und inwieweit die zentralen Begriffe der Analysen f\u00fcr &#132;das lange 19. Jahrhundert&#148; &#150; &#132;B\u00fcrgertum&#148;, &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; und &#132;b\u00fcrgerliche Gesellschaft&#148; &#8211; auf die bundesrepublikanische Gesellschaft nach 1945 angewandt werden k\u00f6nnen. Gegenw\u00e4rtig scheint aber diese Frage keine Relevanz mehr zu besitzen. Vielmehr, so die These, wird in der Geschichte der B\u00fcrger nach Fragmenten gesucht, welche bei der Konstruktion eines neuen gesellschaftlichen Leitbildes hilfreich sein k\u00f6nnten. Diese Verschiebung der Fragestellung ist jedoch kein Resultat der Forschungsdebatte, sondern steht mit den gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Diskussionen um eine &#132;Zivilgesellschaft&#148; in engem Zusammenhang. Deswegen soll im folgenden nach den Bedingungen und Bedeutungen des diskursiven Erstarkens von &#132;B\u00fcrgertum&#148; und &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; bzw. nach den Ursachen der gegenw\u00e4rtigen Suche nach b\u00fcrgerlichen Kontinuit\u00e4ten in Sozialstruktur und Habitus gefragt werden.<\/i><\/p>\n<p>Ein wissenssoziologisch diskursanalytischer Perspektive kann hier helfen. Sie besitzt den Vorteil, die verschiedenen Begriffsbestimmungen nicht ausschlie\u00dflich auf die Sachdimension hin beobachten zu m\u00fcssen, sondern vielmehr auch die<i> soziale<\/i> und die zeitliche Dimension wissenschaftlicher Forschung in die Analyse mit einbeziehen zu k\u00f6nnen (vgl. grundlegend Luhmann 1984: 92-147). W\u00e4hrend die Sachdimension vor allem Aufschl\u00fcsse \u00fcber den Wahrheitsgehalt liefert, kann die soziale Dimension die Relevanz und Plausibilit\u00e4t, die zeitliche Ebene dagegen das historische Aufkommen und die Moden verschiedener Begriffskonstruktionen thematisieren.<\/p>\n<p>Karl Mannheim und Michel Foucault sind die Paten eines solchen Blicks. Beide ersetzten einen erkenntnistheoretisch fundierten absoluten Wahrheitsbegriff durch einen relationalen, um Beziehungen zwischen Wissensgehalten bzw. Aussagen in einem Diskursfeld aufzeigen zu k\u00f6nnen. In dieser Perspektive offenbart sich nun, wie die Thematisierung und Akzentuierung der Begriffsfacetten von &#132;B\u00fcrgertum&#148; und &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; sich in den letzten Jahren verschoben haben. Denn je nach deren Konturierung werden jeweils plausible Anschl\u00fcsse an gegenw\u00e4rtige gesellschaftliche Selbstthematisierungen &#151; wie die der Zivilgesellschaft &#151; gesucht.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst soll die B\u00fcrgertumsdebatte nachgezeichnet werden, um dann die ihr inne wohnende Entwicklung mit den Diskussionen um die Zivilgesellschaft in Beziehung zu setzen, deren gemeinsamer Fluchtpunkt das Konstruieren einer spezifischen b\u00fcrgerlichen Identit\u00e4t zu sein scheint.<\/p>\n<h5><span id=\"die-buergertumsdebatte-in-der-geschichtswissenschaft-seit-den-1990er-jahren\">Die B&uuml;rger&shy;tums&shy;de&shy;batte in der Geschichts&shy;wis&shy;sen&shy;schaft seit den 1990er Jahren<\/span><\/h5>\n<p>Seit den 1990er Jahren wurde vermehrt versucht, die Kategorien der einflussreichen historischen B\u00fcrgertumsforschung auf den Bereich der Zeitgeschichte zu \u00fcbertragen. Hatte man sich f\u00fcr die Forschungen zum 19. Jahrhundert auf mehr oder weniger klare Begriffe und Kriterien verst\u00e4ndigt (vgl. u.a. Kocka 1988), so zeigten sich schnell Schwierigkeiten bei einer direkten \u00dcbertragung: Eine wirkm\u00e4chtige Sozialformation B\u00fcrgertum lie\u00df sich in der Bundesrepublik schwer nachweisen. Es begann eine Debatte mit sich \u00fcberkreuzenden Positionen, bei welcher zun\u00e4chst gefragt wurde, ob wir in einer Gesellschaft leben, welche mit der Begriffstrias &#132;B\u00fcrgertum&#148;, &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; und &#132;b\u00fcrgerliche Gesellschaft&#148; ad\u00e4quat beschrieben werden kann. Alsbald \u00e4nderte sich jedoch die Fragestellung: Nunmehr wurde versucht, verschiedene Facetten von &#132;b\u00fcrgerlich&#148; und &#132;B\u00fcrgertum&#148; wiederzufinden. Dadurch fiel jedoch die Begriffstrias zunehmend auseinander; die einzelnen Kategorien wurden unscharf.<\/p>\n<p>Anfangs existierten in der Diskussion zwei Pole. Auf der einen Seite stand der Bochumer Historiker Hans Mommsen als Vertreter der bis in die 1990er Jahre fast durchg\u00e4ngig akzeptierten Position: Unter der Pr\u00e4misse, dass das B\u00fcrgertum im 19. Jahrhundert eine einheitliche soziale Formation mit einem spezifischen Wertebewusstsein und nicht nur eine Mittelschicht gewesen sei, konstatierte er dessen Untergang im 20. Jahr-hundert. Denn die sozialen Grundlagen, wie auch die f\u00fcr das B\u00fcrgertum kennzeichnenden Wertvorstellungen und Lebensformen, seien w\u00e4hrend der Weimarer Republik weit-gehend ausgeh\u00f6hlt worden (vgl. Mommsen 1991). Diese skeptische Position teilten mit \u00e4hnlichen Argumenten auch J\u00fcrgen Kocka und Lothar Gall: die \u00dcbertragung historischer Kategorien auf die Bundesrepublik m\u00fcsse sie unscharf machen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite steht man dagegen dieser \u00dcbertragungsm\u00f6glichkeit offener gegen\u00fcber. So \u00f6ffneten das Argument einer externen &#132;Restabilisierung und Restrukturierung einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148; (Niethammer 1990: 528f.) durch die Westalliierten und die These, dass eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft auch ohne stabiles B\u00fcrgertumexistieren kann (Wilharm 1990: 612), ein Feld f\u00fcr die zeithistorische B\u00fcrgertumsforschung. Jedoch l\u00f6ste sich hier die Verkn\u00fcpfung zwischen der Sozialformation &#132;B\u00fcrgertum&#148; und der &#132;b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148;; letztere wird verst\u00e4rkt \u00fcber &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; als Habitus beschrieben.<\/p>\n<p>Hannes Siegrist stellte Skeptiker und Optimisten hinsichtlich der Existenz von b\u00fcrgerlichen Strukturprinzipien, Wertvorstellungen oder Tr\u00e4gergruppen einander gegen\u00fcber, wobei die &#132;Krise und das Ende von B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerlichkeit [&#8230;] geradezu ein Mythos [seien], dem sich die Historiker und Gesellschaftswissenschaftler nur schwer entziehen k\u00f6nnen&#148; (Siegrist 1994: 563). Deswegen nimmt er gegen\u00fcber den Stimmen der Skeptiker eine skeptische Position ein. Denn b\u00fcrgerliche Strukturprinzipien, Rollenleitbilder, Mentalit\u00e4ten und Verhaltensweisen h\u00e4tten sich nach 1945 z\u00e4h erhalten und gingen immer neue Kombinationen ein, die ihren Charakter und ihr Gewicht erheblich ver\u00e4nderten. Damit nimmt Siegrist jedoch eine Pluralisierung der Begriffstrias in Kauf. Denn gerade mit dem Argument des dynamischen Wandels k\u00f6nnen jetzt den Begriffen neue Bedeutungen unterlegt werden und neue Verbindungen gekn\u00fcpft werden. Dadurch r\u00fcckt die Deutungsf\u00fclle des Begriffs B\u00fcrger wieder in den Vordergrund, die zwar neue Anschl\u00fcsse erm\u00f6glicht, aber die Kategorie zun\u00e4chst erst einmal aufweicht. Aus der Debatte wird eine Arbeit an Begriffen bzw. eine &#132;Arbeit am Mythos&#148; (vgl. Blumenberg 1979).<\/p>\n<p>Den Versuch, die Kategorien zeitgem\u00e4\u00df zu modernisieren, unternimmt schlie\u00dflich Hans-Ulrich Wehler in zwei gewohnt pointierten Aufs\u00e4tzen. Im ersten Beitrag bezieht er die b\u00fcrgerliche Zielutopie auf die Gegenwart. Dabei wird auf der einen Seite die Utopie der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft von der Sozialformation B\u00fcrgertum historisch entkoppelt, denn aus &#132;der Vogelperspektive betrachtet&#148; war das Verfechten der b\u00fcrgerlichen Zielutopie &#132;keineswegs an das Substrat ihrer b\u00fcrgerlichen Protagonisten gebunden.&#148; (Wehler 2000: 89) Auf der anderen Seite wird jedoch diese Zielutopie explizit an die gesellschaftliche Selbstbeschreibung als Zivilgesellschaft angeschlossen. So kann er die enthistorisierte Zielutopie auf das gesellschaftspolitische Tableau holen und der &#132;Renaissance der ,B\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#8216; in Gestalt der ,Zivilgesellschaft` jede politische und intellektuelle Unterst\u00fctzung&#148; (Wehler 2000: 92) zukommen lassen. In dem Zusammenschluss von Vergangenheit und Zukunft durch die Verkn\u00fcpfung des vagen Begriffs der b\u00fcrgerlichen Utopie mit einer normativen Konzeption von Zivilgesellschaft erreicht die Debatte eine andere Ebene. Festzuhalten bleibt, dass es aus dieser Sicht plausibel wird, auch in der Gegenwart nach b\u00fcrgerlichen Elementen zu fahnden.<\/p>\n<p>Im zweiten Aufsatz versucht Wehler zu zeigen, dass die gesamte Begriffstrias auf die Bundesrepublik \u00fcbertragbar sei und zudem der sozialen Ungleichheitsforschung unterst\u00fctzend unter die Arme greifen k\u00f6nnte. Denn der (neu-)b\u00fcrgerliche Lebensstil korreliere mit sozialer Ungleichheit, welche aber durch die zur &#132;Vielfaltforschung&#148; verkommene Ungleichheitsforschung aufgel\u00f6st werde. Anhand seines Fazits l\u00e4sst sich eine Verschiebung der Fragestellung feststellen: &#132;Man kommt um die Anerkennung b\u00fcrgerlicher Kontinuit\u00e4t und b\u00fcrgerlichen Aufstiegs nach 1945 nicht herum. [,..] Aber eins haben die kontinuierliche Expansion des B\u00fcrgertums und seine Ausstrahlungskraft bisher nicht herbeigef\u00fchrt: eine fundamentale Aufl\u00f6sung der Ungleichheitsstrukturen, die weiterhin einem schwer schmelzbaren Metallk\u00f6rper gleichen.&#8220; (Wehler 2001: 633f.) So ist aus der Ausgangsfrage nach der \u00dcbertragungsm\u00f6glichkeit der historischen Kategorien die Frage geworden, wie man die negativen Aspekte (Ungleichheitsproduktion) der gegenw\u00e4rtigen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft minimieren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Diese neue Fragestellung greift nun auch Eckart Conze in einer Replik auf Wehler auf, die letztlich jedoch am Kernargument vorbeigeht. Denn auch er findet die Begriffe der historischen B\u00fcrgertumsforschung auf die Gegenwart anwendbar, da man &#132;nicht Identit\u00e4t, Homogenit\u00e4t oder Best\u00e4ndigkeit sozialer Formationen postulieren [m\u00fcsse, S.M.], um sie \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum untersuchen zu k\u00f6nnen.&#148; (Conze 2004: 529) Durch dieses Argument wird es nun aber zunehmend schwieriger zu unterscheiden, inwieweit sich Begriff oder Gegenstand ver\u00e4ndert haben. Das durch die begriffshistorische Forschung erreichte Reflexionspotential wird so wieder aufgegeben.<\/p>\n<h5><span id=\"ankunft-in-der-gegenwart-die-buergertumsdebatte-heute\">Ankunft in der Gegenwart? Die B&uuml;rger&shy;tums&shy;de&shy;batte heute<\/span><\/h5>\n<p>J\u00fcngst fragte ein Sammelband zum B\u00fcrgertum nach 1945, welche &#132;Traditionen an B\u00fcrgerlichkeit nach 1945 noch vorhanden waren und in welchem Ma\u00dfe sie pr\u00e4gend wirkten&#148; (Hettling 2005: 9), l\u00e4sst aber hinsichtlich der Existenz wirkm\u00e4chtiger b\u00fcrgerlicher Muster keinen Zweifel aufkommen, denn mit &#132;Abges\u00e4ngen auf den B\u00fcrger sollte man [&#8230;] vorsichtig sein. Noch jedes Mal haben sie sich als verfr\u00fcht erwiesen.&#148; (Hettling 2005: 13) Die Hauptthesen des Bandes bestehen zum einen darin, dass die politische Aktualit\u00e4t der B\u00fcrgeridee auch auf den &#132;fortdauernden Elementen von B\u00fcrgerlichkeit&#148; als &#132;wirkungsm\u00e4chtige[n] Faktoren in der Geschichte der Bundesrepublik&#148; (Hettling 2005: 19) beruht. Zum anderen lie\u00dfe sich die Geschichte der Bundesrepublik nicht ohne diese B\u00fcrgerlichkeitselemente hinreichend erkl\u00e4ren. Wie schon Conze und Wehler gestehen die Autoren dem Kulturmuster &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; eine hohe Wandlungs- und Anpassungsf\u00e4higkeit zu. Doch wird der Begriff &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; zugleich recht hoch geh\u00e4ngt, denn erst &#132;in der Synthese von Staatsb\u00fcrgerlichkeit, pers\u00f6nlicher Selbst\u00e4ndigkeit als Individuum und einer hinreichenden sozio\u00f6konomischen Fundierung konstituiert sich <i>B\u00fcrgerlichkeit als Gesellschaftsmodell<\/i>.&#148; (Hettling 2005: 20; Hervorh. S.M.) Damit wird eine modernisierte Begriffsbestimmung auf der Folie des Zivilgesellschaftsdiskurses in Anschlag gebracht, welche mit der historischen B\u00fcrgertumsforschung nur noch wenig gemein hat (vgl. hierzu Kocka 1988: 17ff.; Lundgreen 2000). Ein Motiv hierf\u00fcr l\u00e4sst sich am Ende des einleitenden Aufsatzes finden: &#132;Selbstverantwortung als neues Zauberwort&#148; im gesellschaftlichen Diskurs k\u00f6nne nur wirkungsvoll propagiert werden, wenn es eine politische Verankerung und eine gesellschaftliche Utopie gebe. An diesem Punkt lohne es sich, &#132;erneut \u00fcber B\u00fcrgerlichkeit nachzudenken und mit b\u00fcrgerlichen Traditionen zu argumentieren.&#148; (Hettling 2005: 37) Anscheinend handelt es sich um die Konstruktion einer politisch-gesellschaftlichen Utopie mit Hilfe des Rekurses auf B\u00fcrgerlichkeit, um so den Begriff der Selbstverantwortung der neoliberalen Deutung zu entkleiden und ihn mit der zivilgesellschaftlichen Sph\u00e4re zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Auf der Sachebene ist zusammenfassend festzuhalten, dass zun\u00e4chst die Begriffe der historischen B\u00fcrgertumsforschung versuchsweise auf die zeithistorische Forschung \u00fcbertragen wurden. Um diese aber auf die Gesellschaft nach 1945 anwenden zu k\u00f6nnen, wurde verst\u00e4rkt mit der realen Wandlungsf\u00e4higkeit von &#132;B\u00fcrgertum&#148;, &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; und &#132;b\u00fcrgerlicher Gesellschaft&#148; argumentiert. Die damit verbundenen neuen Konnotationen und Bedeutungsfacetten konnten dann mit Hilfe des Bedeutungsreichtums des B\u00fcrgerbegriffs historisch r\u00fcckgebunden werden. Daraus entstanden im Vergleich zur historischen B\u00fcrgertumsforschung vielschichtigere und wandlungsf\u00e4hige Kategorien, welche jedoch dabei zunehmend unscharf wurden. Das Herauskristallisieren von B\u00fcrgerlichkeitselementen stellt damit aber nur noch geringen Erkenntnisgewinn in Aussicht.<\/p>\n<p>Warum ist es \u00fcberhaupt von Bedeutung, Facetten von &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; nach 1945 zu finden? Warum wird das Aufweichen von erfolgreichen Kategorien akzeptiert? Weil es sich &#150; so meine These &#150; um Konstruktionsprozesse von Identit\u00e4t handelt, denn genau an diesem Punkt ber\u00fchren sich die bisher geschilderte wissenschaftliche B\u00fcrgertumsdebatte und die gesellschaftlichen Diskussionen um eine &#150; wie auch immer verstandene &#151; Zivilgesellschaft. Obwohl schon oft \u00fcber Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen B\u00fcrgerlichkeit und Zivilgesellschaftlichkeit gestritten wurde, soll im folgenden durch die Einbeziehung der gesellschaftlichen Gegenwartsdiagnostik als Zivilgesellschaft nunmehr auch die Sozial- und Zeitebene der B\u00fcrgertumsdebatte aufgeschlossen werden. Denn gerade \u00fcber den gemeinsamen Fluchtpunkt beider Diskussionen &#150; dem unhinterfragten Streben nach einer gesellschaftspolitischen Identit\u00e4t &#150; k\u00f6nnen die wechselseitigen semantischen Verkn\u00fcpfungen verst\u00e4ndlich werden.<\/p>\n<h5><span id=\"normative-verschraenkung-zivilgesellschaftskonzeptionen-und-buergerlichkeit\">Normative Verschr&auml;n&shy;kung: Zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schafts&shy;kon&shy;zep&shy;ti&shy;onen und B&uuml;rger&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Die Rede von einer Zivilgesellschaft ist eng mit dem gesellschaftlichen Umbruch in den osteurop\u00e4ischen Staaten 1989\/90 verbunden. Wie tief auch immer das semantische Verh\u00e4ltnis zu diesem Epochenbruch tats\u00e4chlich sein mag: Die zeitliche Parallele zwischen der wissenschaftlichen B\u00fcrgertumsforschung und dem diskursiven Erstarken der Zivilgesellschaft bleibt erstaunlich. Die Vermutung liegt somit nahe, dass sich beide nicht unabh\u00e4ngig voneinander entwickelt haben, sondern vielmehr aufeinander beziehen.<\/p>\n<p>Um auf die soziale Ebene zu gelangen, sollen zun\u00e4chst zwei Positionen in der Thematisierung von Zivilgesellschaft unterschieden werden. Auf der einen Seite gibt es verschiedene Konzeptionen, welche den gesellschaftlichen Ort (weder Staat, noch Wirtschaft oder Familie) oder auch die soziale Qualit\u00e4t (u.a. Geneinwohlengagement, Gewaltfreiheit) von Zivilgesellschaft in das Zentrum ihrer Analysen stellen &#151; gemeinsam ist diesen Konzepten ein normatives Verst\u00e4ndnis des Begriffs. Auf der anderen Seite wird eher eine Historisierung und Kontextualisierung des Zivilgesellschaftsdiskurses angestrebt, um \u00fcber dessen Konstruktion und Mechanismen Auskunft geben zu k\u00f6nnen &#150; diese Perspektive versteht sich als <i>deskriptiv<\/i> (vgl.: Kocka 2002: 16f.).<\/p>\n<p>Aufgrund der Heterogenit\u00e4t der Ausgangspr\u00e4missen und Gegenstandbeschreibungen soll folgend der normative Strang zivilgesellschaftlicher Konzeptionen genauer in den Blick genommen werden, um die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben zu k\u00f6nnen. Der normative Diskurs wird als Analysegegenstand ernst genommen, aber mit Hilfe einer deskriptiven Perspektive auf Zivilgesellschaft beobachtet, um so die Verschr\u00e4nkung zwischen der Zivilgesellschaft und der B\u00fcrgertumsdebatte auf der Sozialebene anhand von Plausibilit\u00e4ten und Begriffsmoden sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Zahllose Positionen tauchen in den Debatten auf: Gerhard Schr\u00f6der geht es &#132;um eine ,Zivilisierung des Wandels&#8216; durch politische Integration und ein neues B\u00fcrgerbewusstsein&#148; (Schr\u00f6der 2002: 186), f\u00fcr Julian Nida-R\u00fcmelin stellt die Zivilgesellschaft ein &#132;ethisches Projekt&#148; dar (Nida-R\u00fcmelin 2002: 254). Beschw\u00f6rend wird von B\u00fcrgerengagement, -bewusstsein, -gesellschaft oder -beteiligung gesprochen, um gesellschaftliche Integration durch Identifizierung als B\u00fcrger zu erreichen. Der Begriff &#132;B\u00fcrger&#148; bleibt dabei schillernd vieldeutig. Claus Offe vergleicht b\u00fcrgerschaftliches Engagement gar mit Pornographie, da beide Ph\u00e4nomene &#132;der Erfahrung unmittelbar zug\u00e4nglich, aber begrifflich schwer zu fassen&#148; sind (Offe 2002: 276). Um dieser Definitionsnot etwas Abhilfe zu verschaffen, wird dann auf die historische Gestalt des B\u00fcrgers rekurriert, welcher nunmehr &#132;als Leitbild einer kommenden und gew\u00fcnschten Gesellschaft&#148; (Bude 2005: 116) gilt. Insofern wird \u00fcber einen renovierten B\u00fcrgerbegriff versucht, &#132;Tradition f\u00fcr Zukunft zu nutzen.&#148; (ebd.) Hier kommt es zu einer Verschr\u00e4nkung zwischen der B\u00fcrgertumsdebatte und den normativen Konstruktionen einer Zivilgesellschaft: Die &#132;Selbst\u00e4ndigkeit als B\u00fcrger [&#8230;][ist] erforderlich, um [&#8230;] eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft zu bilden&#148; (Hettling 2005: 37).<\/p>\n<p>Die Verschr\u00e4nkung beider Diskurse geschieht jedoch weniger in der Sachdimension, als vielmehr in der Sozialdimension, auf der Verkn\u00fcpfungen \u00fcber Plausibilit\u00e4t und Relevanz hergestellt werden. Indem das Projekt der Zivilgesellschaft als relevant empfunden wird, entstand erst die Frage nach dem bisherigen gesellschaftspolitischen Erfolg der Bundesrepublik nach 1945. Erst der allgemein reetablierte B\u00fcrgerbegriff lie\u00df die Antwort, dass der Erfolg in den weiterhin vorhandenen Elementen von B\u00fcrgerlichkeit zu finden ist, plausibel werden.<\/p>\n<p>Die vorgenommenen Anschl\u00fcsse an die B\u00fcrgertumsdebatte sind an einigen Argumenten ablesbar. So wird angemerkt, dass der Untergang des B\u00fcrgertums sich in der Forschung immer wieder verschoben hat. Dadurch kann die Motivation begr\u00fcndet werden, auch nach dem vermeintlichen Verschwinden des B\u00fcrgertums noch nach diesem zu fahnden. Ein zweites Argument besteht in dem Hinweis auf die Wandlungsf\u00e4higkeit des B\u00fcrgertums gleich einem Cham\u00e4leon (vgl. Bude 2005: 123), welches die Kontinuit\u00e4t in den Vordergrund r\u00fcckt. Drittens wird konstatiert, dass sich b\u00fcrgerliche Verhaltensweisen diffundiert haben. Dadurch kann erkl\u00e4rt werden, dass B\u00fcrgerlichkeit auch ohne stabiles B\u00fcrgertum weiterzuexistieren vermag. Mit Hilfe dieser Argumente kann die B\u00fcrgertumsforschung als Fundament f\u00fcr die Diskussionen um eine Zivilgesellschaft dienen. Doch war dies nur m\u00f6glich, weil die gesellschaftliche Konstruktion einer Zivilgesellschaft B\u00fcrgertumsforschung nach 1945 \u00fcberhaupt erst plausibel gemacht hatte. Damit greifen aber die gesellschaftspolitischen Diskussionen in die wissenschaftliche Konstruktion der bundesrepublikanischen Geschichte nach 1945 ein, was den Erkenntnisgewinn der historischen Forschung deutlich verringert, da er vorwiegend auf einer semantischen Begriffsmode aufbaut. Die Verkn\u00fcpfung normativer Anspr\u00fcche mit analytischen Kategorien konfrontiert die Geschichtswissenschaft wieder mit ihrer historiographischen Schw\u00e4che, die man l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubt hatte. Historischer Erkenntnisgewinn ist jedenfalls nur dann zu erwarten, wenn klare, analytische Kategorien benutzt werden und gegen\u00fcber Begriffskonjunkturen eine besonders skeptische Haltung eingenommen wird. In der gegenw\u00e4rtigen B\u00fcrgertumsdiskussion scheinen da Zweifel angebracht.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Bude, Heinz 2005: B\u00fcrgertumsgenerationen in der Bundesrepublik; in: Hettling, Manfred\/Ulrich, Bernd (Hg.): B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburg, 5.111-132<br \/>Blumenberg, Hans 1979: Arbeit am Mythos, Frankfurt\/Main<br \/>Conze, Eckart 2004: Eine b\u00fcrgerliche Republik? B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerlichkeit in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft; in: Geschichte und Gesellschaft, 30. Jg., S. 527-542<br \/>Hettling, Manfred 2005: B\u00fcrgerlichkeit im Nachkriegsdeutschland; in: Hettling, Manfred\/Ulrich, Bernd (Hg.): B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburg, S. 7-37<br \/>Hettling, Manfred\/Ulrich, Bernd 2005: Formen der B\u00fcrgerlichkeit. Ein Gespr\u00e4ch mit Reinhart Koselleck; in: Dies. (Hg.): B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburg, S. 40-60<br \/>Kocka, J\u00fcrgen 1988: Das europ\u00e4ische Muster und der deutsche Fall; in: Ders. (Hg.): B\u00fcrgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europ\u00e4ischen Vergleich, Band 1, G\u00f6ttingen, S. 9-84<br \/>Kocka, J\u00fcrgen 2002: Das B\u00fcrgertum als Tr\u00e4ger von Zivilgesellschaft &#150; Traditionslinien, Entwicklungen,<br \/>Perspektiven; in: Enquete-Kommission &#132;Zukunft des B\u00fcrgerschaftlichen Engagements&#148; des Deut-<br \/>schen Bundestages (Hg.): B\u00fcrgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, S. 15-22<br \/>Kocka, J\u00fcrgen et al. 2001: Neues \u00fcber Zivilgesellschaft. Aus historisch-sozialwissenschaftlichem<br \/>Blickwinkel [= WZB Discussion Paper Nr.P01-801]<br \/>Luhmann, Niklas 1984: Soziale Systeme. Grundri\u00df einer allgemeinen Theorie, Frankfurt\/Main Lundgreen, Peter (Hg.) 2000: Sozial- und Kulturgeschichte des B\u00fcrgertums. Eine Bilanz des Bielefelder Sonderforschungsbereichs (1986-1997), G\u00f6ttingen<br \/>Mommsen, Hans 1991: Die Aufl\u00f6sung des B\u00fcrgertums seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert; in: Ders. (Hg.): Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgew\u00e4hlte Aufs\u00e4tze, Reinbek bei Hamburg, S. 11-38<br \/>Nida-R\u00fcmelin,lulian 2002: B\u00fcrgergesellschaft als ethisches Projekt; in: Enquete-Kommission &#132;Zukunft des B\u00fcrgerschaftlichen Engagements&#148; des Deutschen Bundestages (Hg.): B\u00fcrgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, S. 253-255<br \/>Niethammer, Lutz 1990: War die b\u00fcrgerliche Gesellschaft in Deutschland nach 1945 am Ende oder am Anfang?; in: Ders. (Hg.): B\u00fcrgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, Frankfurt\/Main, S. 515-532<br \/>Offe, Claus 2002: Reproduktionsbedingungen des Sozialverm\u00f6gens; in: Enquete-Kommission &#132;Zukunft des B\u00fcrgerschaftlichen Engagements&#148; des Deutschen Bundestages (Hg.): B\u00fcrgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, S. 273-282<br \/>Schr\u00f6der, Gerhard 2002: Die zivile B\u00fcrgergesellschaft. Anregungen zu einer Neubestimmung der Auf-<br \/>gaben von Staat und Gesellschaft; in: Meyer, Thomas\/Weil, Reinhard (Hg.): Die B\u00fcrgergesell-<br \/>schaft. Perspektiven f\u00fcr B\u00fcrgerbeteiligung und B\u00fcrgerkommunikation, Bonn, 5.185-194<br \/>Siegrist, Hannes 1994: Ende der B\u00fcrgerlichkeit? Die Kategorien ,B\u00fcrgertum` und ,B\u00fcrgerlichkeit` in<br \/>der westdeutschen Gesellschaft und Geschichtswissenschaft der Nachkriegsperiode; in: Geschichte<br \/>und Gesellschaft, Jg. 20, S. 549-583<br \/>52\u00a0vorg\u00e4nge Heft 2\/2005, S. 45-52<br \/>Wehler, Hans-Ulrich 2000: Die Zielutopie der &#132;B\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148; und die &#132;Zivilgesellschaft&#148; heute; in: LUNDGREEN, Peter (Hg.) 2000: Sozial- und Kulturgeschichte des B\u00fcrgertums. Eine Bilanz des Bielefelder Sonderforschungsbereichs (1986-1997), G\u00f6ttingen, S. 85-93<br \/>Wehler, Hans-Ulrich 2001: Deutsches B\u00fcrgertum nach 1945. Exitus oder Ph\u00f6nix aus der Asche; in: Geschichte und Gesellschaft, Jg. 27, S. 617-634<br \/>Wilharm, IRMGARD 1990: Ende oder Wandel b\u00fcrgerlicher Gesellschaft?; in: Niethammer, Lutz (Hg.): B\u00fcrgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, Frankfurt\/Main, S. 612-623<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2272],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11954","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-stefan-meissner","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zivilgesellschaftsdiskurs und B\u00fcrgertumsdebatte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/zivilgesellschaftsdiskurs-und-buergertumsdebatte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zivilgesellschaftsdiskurs und B\u00fcrgertumsdebatte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"(Re-)Konstruktion eines Beziehungsgeflechts aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.45-52 Auf die Frage, ob die Bundesrepublik eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft sei oder sich dies nur einbilde, antwortete j\u00fcngst der Historiker Reinhart Koselleck: &#132;Sie ist beides. 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