{"id":11956,"date":"2005-06-01T21:00:00","date_gmt":"2005-06-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-gruenen-als-neue-partei-des-buergertums\/"},"modified":"2021-08-24T21:48:52","modified_gmt":"2021-08-24T19:48:52","slug":"die-gruenen-als-neue-partei-des-buergertums","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/die-gruenen-als-neue-partei-des-buergertums\/","title":{"rendered":"Die Gr\u00fcnen als neue Partei des B\u00fcrgertums"},"content":{"rendered":"<p>Geschichte &#8211; Milieu &#8211; W\u00e4hler &#8211; Mitgliedschaft<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.170, ( Heft 2\/2005 ), S. 61-70<\/p>\n<p><i>Die Tr\u00e4gerschichten des klassischen B\u00fcrgertums haben sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend gewandelt: Die antib\u00fcrgerliche Kritik der 1960er und 1970er Jahre, die Bildungsrevolution und in deren Gefolge die Aufsteiger aus den proletarischen Schichten, der Zerfall der politischen Klassenlogik in der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft zugunsten politischer Generationen seit den 1960er Jahren, aber auch die Vertreibung, Marginalisierung oder Nivellierung des B\u00fcrgertums in der DDR sorgten f\u00fcr ein ver\u00e4ndertes B\u00fcrgertum in nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Hinsicht. Doch wo liegt nunmehr die politische Heimat dieses neuen B\u00fcrgertums? Sind die Gr\u00fcnen dabei, die Nachfolge der traditionellen B\u00fcrgerparteien CDU und FDP anzutreten? Mit einer Analyse der gr\u00fcnen Mitglieder- und W\u00e4hlerstrukturen sowie des Politikangebots im Hinblick auf dessen Zielgruppenausrichtung soll eine erste Verortung b\u00fcrgerlicher Schichten im aktuellen bundesdeutschen Parteiensystem vorgenommen werden. Werfen wir zuvor jedoch einen Blick auf dieses neue B\u00fcrgertum\u00a0&#8211; in Abgrenzung zum alten B\u00fcrgertum &#8211; und seinen Entstehungsprozess in der Bundesrepublik.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"altes-und-neues-buergertum\">Altes und neues B&uuml;rgertum<\/span><\/h2>\n<p>Der Begriff des B\u00fcrgertums hat sich seit Jahrhunderten vielfach gewandelt. Nach den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa wurde mit ihm nicht l\u00e4nger eine mit politischen Rechten und Pflichten ausgestattete Gruppe innerhalb eines territorial abgegrenzten Gemeinwesens bezeichnet. Vielmehr konstituierte sich das B\u00fcrgertum nun \u00fcber den materiellen Besitz, aus dem heraus der Anspruch auf politische Privilegien abgeleitet wurde (M\u00fcnkler 1996: 72). Das B\u00fcrgertum begr\u00fcndete sich als Klasse, das sich zun\u00e4chst im Gegensatz zu den entrechteten Unterschichten des Feudalstaates, sp\u00e4ter zur aufkommenden Industriearbeiterklasse befand. In den modernen Massendemokratien des 20. Jahrhunderts erlebten die Gesellschaften Westeuropas eine Dominanz dieser b\u00fcrgerlichen Klassenkultur bis in die 1960er Jahre hinein. In dieser Zeit zeigte<br \/>sich das b\u00fcrgerliche Lebensmodell als stark und ausstrahlungskr\u00e4ftig genug, um die unteren Schichten anzuziehen und in die b\u00fcrgerliche Wertewelt zu integrieren (Nolte 2004: 67f.). Mit der bundesdeutschen Bildungsrevolution in den 1960er Jahren \u00f6ffnete sich der b\u00fcrgerliche Kosmos prinzipiell f\u00fcr alle Angeh\u00f6rigen der Gesellschaft; die Schichtgrenzen wurden durchl\u00e4ssiger. Allerdings f\u00fchrte diese Offenheit nicht zur unverr\u00fcckbaren Etablierung der b\u00fcrgerlichen Denk- und Lebensweise als Hegemonialkultur, sondern sie verlor stattdessen ihre Stellung als erstrebenswert erachtetes Lebensmodell. Nur vor diesem Hintergrund der theoretischen Erreichbarkeit des b\u00fcrgerlichen Lebensniveaus l\u00e4sst sich das Aufkommen der antib\u00fcrgerlichen Kritik am Ende der 1960er Jahre erkl\u00e4ren, die direkt aus dem B\u00fcrgertum selbst sowie aus den aufstiegsorientierten Schichten des Proletariats hervorbrach. Lange Zeit galt diese Protestwelle als endg\u00fcltiger Ausl\u00f6ser eines &#8222;Niedergangs der b\u00fcrgerlichen Denk- und Lebensformen&#8221; (Kondylis 1991). Inzwischen zeigt sich, dass der Schichtencharakter der bundesdeutschen Gesellschaft allen Nivellierungsanalysen zum Trotz bis heute \u00fcberlebt hat und nach dem Ende der Systemkonkurrenz von kapitalistischem und kommunistischem Gesellschaftsmodell wieder verst\u00e4rkt hervortritt (Nolte 2004: 34ff.). Doch haben sich die Tr\u00e4gerschichten der jeweiligen Klassen inzwischen in ihren Wertesystemen weitgehend gewandelt: Erwies sich das B\u00fcrgertum bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als Hort der Vernunft, des zweckrationalen Handelns, des Glaubens an die M\u00f6glichkeit zur Selbsterziehung und zur unbegrenzten Beherrschbarkeit von Natur und Leben (Kondylis 1991: 27; Hettling\/Hoffmann 1997: 333), so blieb der Wandel der Wertevorstellungen im Zuge der<i> stillen Revolution<\/i> (Inglehart 1977) in den 1970er Jahren nicht ohne Folgen f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Wertehimmel heutiger Zeit. Gerade in Teilen der traditionell eher konservativ gepr\u00e4gten b\u00fcrgerlichen Schichten der bundesdeutschen Gesellschaft konnte sich das postmaterialistische Denken mit der Priorit\u00e4t f\u00fcr Werte wie Emanzipation, Selbstverwirklichung, Individualit\u00e4t und Selbstverwaltung stetig ausbreiten. Die Gr\u00fcnde liegen zum einen im Einfluss des Zeitgeistes, zum anderen in der wirtschaftlich gesicherten Position der b\u00fcrgerlichen Schichten: Sie erlaubt es dem B\u00fcrgertum, sich auch in Krisenzeiten weiterhin an den weichen Themen der <i>Neuen Politik <\/i>zu orientieren. Daneben kehrten bis heute viele der inzwischen etablierten ehemaligen Vorreiter der stillen Revolution wieder in die b\u00fcrgerliche Lebensform zur\u00fcck, aus der sie in den 1960er Jahren aufgebrochen waren, oder traten als Aufsteiger mit entsprechenden Wertorientierungen in die B\u00fcrgertumsklasse ein.<\/p>\n<p>Es spricht also vieles daf\u00fcr, das Werteuniversum des heutigen B\u00fcrgertums als eine Kombination aus gleichzeitiger Bef\u00fcrwortung der \u00f6konomischen Marktfreiheit und des gesellschaftspolitischen Libertarismus, also von direkter Demokratie, Dezentralisierung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, zu betrachten (zum Libertarismus-Konzept vgl. Kitschelt 1992: 13). Damit w\u00fcrden die alten B\u00fcrgertugenden Ordnung, P\u00fcnktlichkeit, Flei\u00df und Sparsamkeit in ihrer Bedeutung inzwischen weit hinter Eigenverantwortung, Selbstverwaltung und freiheitlichem Denken rangieren. Die das Parteiensystem pr\u00e4genden Konfliktdimensionen zwischen den Grundwerten Marktfreiheit und Interventionismus sowie zwischen Libertarismus und Autoritarismus (Niedermayer 2003:<br \/>266f.) w\u00e4ren in einer klar abgrenzbaren gesellschaftlichen Gruppe entgegen bisheriger Annahmen verschmolzen: In der Parteienforschung wurden die Werte Interventionismus und Libertarismus bislang gemeinsam dem linken (<i>links-libert\u00e4ren<\/i>) Spektrum zugeordnet, Marktfreiheit und Autoritarismus galten als Wertesysteme rechts der Mitte (St\u00f6ss 1997: 161).<\/p>\n<p>Welche gesellschaftlichen Gruppen und Milieus stellen also das B\u00fcrgertum heutiger Zeit? Zun\u00e4chst weiterhin die klassisch-b\u00fcrgerliche Klientel aus konservativ gepr\u00e4gter Wirtschaftselite, die, sofern \u00e4lteren Jahrgangs, kaum postmaterialistische Werte ausgebildet hat und, sofern j\u00fcngeren Alters, sich trotz libert\u00e4rer Wertorientierungen jedoch in direkter Abgrenzung zu den Postmaterialisten und deren Staatsorientierung definiert (<i>Generation Golf<\/i>; vgl. Klein 2003: 107f.). Au\u00dferdem eine postmaterialistisch gepr\u00e4gte gesellschaftliche Elite, postmaterialistisch gepr\u00e4gte Aufsteiger als Gewinner der Bildungsrevolution sowie ein von Repressionserfahrungen gepr\u00e4gtes und die DDR \u00fcberlebendes B\u00fcrgertum. Dieses hier konzipierte <i>neue B\u00fcrgertum <\/i>zeichnet sich auch weiterhin nach den wesentlichen sozialstrukturellen Kriterien des <i>alten B\u00fcrgertums <\/i>aus, also der Zugeh\u00f6rigkeit zur Oberschicht, oberen oder mittleren Mittelschicht, einem hohen formalen Bildungsgrad sowie einer Erwerbst\u00e4tigkeit, die vor allem wissensbasierte und eigenverantwortliche T\u00e4tigkeiten einschlie\u00dft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"buergerliche-parteien-im-wandel\">B&uuml;rgerliche Parteien im Wandel<\/span><\/h2>\n<p>Spricht man von den b\u00fcrgerlichen Parteien, meint man die gem\u00e4\u00dfigten Parteien[1] rechts von der Mitte des politischen Spektrums, also konservative und konfessionelle Parteien sowie liberale Mitteparteien, die sich in allen westlichen Demokratien aus den liberalen Traditionen des 19. Jahrhunderts, oder, wie in Skandinavien, durch eine Anpassung vormaliger Bauernparteien an die Erfordernisse der industriellen Massendemokratie etablierten (Murphy 1996: 63). Der <i>b\u00fcrgerliche<\/i> <i>Block<\/i> fand als politische Kraft allerdings erst mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und ihren Parteien gegen Ende des 19. Jahrhunderts zusammen. Er war Ausdruck der neuen Dominanz der gesellschaftlichen Spaltungslinie zwischen wirtschaftsb\u00fcrgerlichen und Industriearbeiter-Interessen. Zuvor verliefen die das Parteiensystem pr\u00e4genden Frontlinien noch mitten durch die b\u00fcrgerliche Schicht, in der sich liberale und konfessionelle Parteien im Kirche-Staat-Konflikt gegen\u00fcberstanden oder Konservative und Liberale als Vertreter des l\u00e4ndlichen Adels bzw. des st\u00e4dtischen B\u00fcrgertums.<\/p>\n<p>Die Dominanz des Arbeit-Kapital-Konflikts entwarf eine politische Lagerstruktur, in der sich die parteilichen Vertreter der Arbeiterschaft und die des B\u00fcrgertums gegen\u00fcberstanden. Innerhalb des b\u00fcrgerlichen Lagers kam es dabei in nahezu allen westlichen Demokratien zu einer Hegemonie konservativer bzw. nach 1945 auch christdemokratischer Parteien. Die Liberalen wurden dagegen stets, zum Teil bis heute, durch interne Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe zwischen linksliberalen B\u00fcrgerrechtskr\u00e4ften und rechtsgerichteten national-liberalen Vertretern geschw\u00e4cht, die nicht selten zu Spaltungen der liberalen Parteien f\u00fchrten. Als Konsequenz bem\u00fchten sich die Liberalen oftmals um eine Mitteposition zwischen Sozialisten und Konservativen oder dienten innerhalb des b\u00fcrgerlichen Lagers als Juniorpartner. Beide Varianten sind auch in der Geschichte der Bundesrepublik seit 1949 zu beobachten und entsprachen lange Zeit der Stellung der FDP als K\u00f6nigsmacherin im deutschen Regierungssystem.<\/p>\n<p>Mit dem Eintritt der Gr\u00fcnen in das bundesdeutsche Parteiensystem und sp\u00e4testens seit dem Hinzukommen der PDS haben sich die beiden Parteienbl\u00f6cke wieder deutlich polarisiert. Durch die schrittweise Etablierung rot-gr\u00fcner Koalitionen zun\u00e4chst auf L\u00e4nderebene wurde die FDP in ihre Rolle als Mehrheitsbeschafferin der CDU innerhalb des b\u00fcrgerlichen Blocks zur\u00fcck gedr\u00e4ngt. Zwar gab es weiterhin Versuche der FDP, sich als Partei der Mitte und damit in <i>\u00c4quidistanz<\/i> zu den beiden Volksparteien CDU und SPD zu pr\u00e4sentieren\u00a0&#8211; zuletzt im Bundestagswahlkampf 2002 -, jedoch blieben diese ohne elektoralen Erfolg. Auf der anderen Seite des Parteienwettbewerbs bem\u00fchen sich die Gr\u00fcnen sp\u00e4testens seit ihrer Regierungsteilnahme im Bund 1998 vor allem in den Fragen um eine liberale Ausrichtung, die auf der Konfliktlinie Arbeit-Kapital verhandelt werden (Bornh\u00f6ft et al. 2003: 38). Damit empfiehlt sich die Partei inzwischen als die neue Mittepartei, die zunehmend anschlussf\u00e4hig an das b\u00fcrgerliche Lager wird. Schon 1995 riet der Parteienforscher und Gr\u00fcnen-Experte Joachim Raschke, die Gr\u00fcnen sollten die &#8222;FDP beerben, ohne FDP zu werden&#8221;, und dabei &#8222;Reformpartei bleiben, Mittelpartei werden&#8221; (Raschke 1995: 12). Das Vorankommen der B\u00fcndnisgr\u00fcnen auf diesem strategischen Weg zeigt auch die seit Ende der 1990er Jahre immer wieder aufbrechende Debatte um schwarz-gr\u00fcne B\u00fcndnisse auf L\u00e4nderebene. Auch die CDU ist inzwischen prinzipiell offen f\u00fcr derlei Gedankenspiele, und das l\u00e4ngst nicht mehr nur in den liberalen und urbanen Landesverb\u00e4nden. Doch was genau macht die Gr\u00fcnen zur neuen b\u00fcrgerlichen Option?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-gruenen-als-partei-des-buergertums\">Die Gr&uuml;nen als Partei des B&uuml;rgertums<\/span><\/h2>\n<p>Nicht nur das B\u00fcrgertum selbst hat sich nach 1990 stark ver\u00e4ndert, auch die Gr\u00fcnen erlebten als Partei in diesem Zeitraum starke Wandlungsprozesse. Dabei war die Hauptrichtung immer klar: Die Gr\u00fcnen wurden &#8222;mittiger&#8221;, homogener und damit auch b\u00fcrgerlicher.<\/p>\n<p>Belege f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Herkunft von Teilen der Gr\u00fcnen oder f\u00fcr eine allm\u00e4hliche Verb\u00fcrgerlichung der Partei finden sich in ihrer kurzen Geschichte mehr als reichlich: Angefangen bei den Gr\u00fcndungsmitgliedern der b\u00fcrgerlich-wertkonservativen Vorl\u00e4uferorganisation <i>SVP Die Gr\u00fcnen<\/i>, \u00fcber schwarz-gr\u00fcne Gedankenspiele in Kreisen der \u00d6kolibert\u00e4ren Baden-W\u00fcrttembergs bereits Ende der 1980er Jahre, bis hin zur Aufforderung Joschka Fischers 1988, die Gr\u00fcnen in Richtung der neuen Mittelschichten hin zu \u00f6ffnen und die Position einer <i>\u00f6kologischen<\/i> FDP einzunehmen (Klein\/Falter 2003: 60), zeugt schon das erste Jahrzehnt gr\u00fcner Politik von ersten b\u00fcrgerlichen Positionen. Gleichzeitig wird jedoch die noch stark heterogene interne Struktur deutlich, die die Partei zur andauernden Besch\u00e4ftigung mit sich selbst zwang und dar\u00fcber eine notwendige Verst\u00e4ndigung \u00fcber die programmatische und strategische Ausrichtung verhinderte.<\/p>\n<p>Erst der Fall der Mauer im November 1989 und das Wahldebakel bei der Bundestagswahl 1990 sorgten f\u00fcr eine Kl\u00e4rung der Richtungsstrategie, die mit dem Verlassen gro\u00dfer Teile der linken Kr\u00e4fte aus dem Umfeld der <i>\u00d6kosozialisten<\/i> und des <i>Linken Forums <\/i>einherging. Auf der darauf folgenden Bundesversammlung im April 1991 wurden wichtige Strukturreformen beschlossen, die die Partei kompatibler mit den Spielregeln des parlamentarischen Systems und damit elektoral wieder erfolgreich machen sollten. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4hlten die Gr\u00fcnen als Selbstbezeichnung die einer <i>\u00f6kologischen Reformpartei<\/i> (ebd.: 62), womit die Option einer radikalen Systemopposition endg\u00fcltig ad acta gelegt und eine Gruppe Radikal\u00f6kologen um die ehemalige Bundesvorstandssprecherin Jutta Ditfurth zum Parteiaustritt bewegt wurde. Mit dem Abflauen der Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe und der Abspaltung der Extreme wurde der Weg der Westgr\u00fcnen frei f\u00fcr den Zusammenschluss mit dem ostdeutschen <i>B\u00fcndnis 90<\/i>, das als wertkonservative B\u00fcrgerrechtspartei (ebd.: 61) einer st\u00e4rker pragmatischen Ausrichtung der Gesamtpartei Vorschub leistete. Die realpolitische Linie setzte sich in den 1990er Jahren nicht zuletzt auch aufgrund der Einsicht in das \u00c4lterwerden der gr\u00fcnen Anh\u00e4ngerschaft und deren damit verbundenen sozialen Integration gegen\u00fcber einer fundamentalistischen Protesthaltung durch. So war es im Grunde folgerichtig, dass 1998 B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in eine Regierungskoalition auf Bundesebene eintraten.<\/p>\n<p>Seitdem wurde der beschrittene Weg hin zu einer zuverl\u00e4ssigen Reformpartei noch konsequenter verfolgt, da die Erfordernisse der Regierungsverantwortung verst\u00e4rkende Wirkung entfalteten und die Politik der gr\u00fcnen Mitglieder in Kabinett und Fraktion immer eindeutiger die Richtung vorgaben. Nach erneuten schweren K\u00e4mpfen zwischen Realos und Linken um die Regierungspolitik\u00a0&#8211; so um die Eins\u00e4tze der Bundeswehr im Kosovo und Afghanistan oder um den Atomkompromiss\u00a0&#8211; entschloss sich die Partei 1999 zur Initiierung einer Debatte um ein neues Grundsatzprogramm, in der Hoffnung, auf diesem Weg die sich zu zerreiben drohende Partei zu integrieren (Egle 2003: 107). Vor allem ein stark am Pragmatismus orientierter Ton und die Reflexion des eigenen Wandels pr\u00e4gen das neue Programm, das im M\u00e4rz 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Berlin verabschiedet wurde. Mit dem darin entwickelten erweiterten Gerechtigkeitsbegriff, der \u00fcber die reine materielle Umverteilungslogik hinaus weist und daneben immaterielle Ressourcen wie Bildung, Geschlecht, Herkunft und Lebensstil in den Blick nimmt, machen die Gr\u00fcnen ein Politikangebot, das sich sowohl in Richtung eines aufkl\u00e4rerischen Humanismus als auch einer Parteinahme f\u00fcr die Schw\u00e4chsten der Gesellschaft interpretieren l\u00e4sst und damit auch f\u00fcr b\u00fcrgerliche Schichten w\u00e4hlbar wird (ebd.: 110). Dar\u00fcber hinaus gelang mit der notwendig gewordenen Anpassung an die Realit\u00e4ten des Regierungsalltags in verschiedenen Politikfeldern, wie der Au\u00dfen-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, die \u00d6ffnung gegen\u00fcber den b\u00fcrgerlichen W\u00e4hlern der Mitte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"buergerliche-waehlerschaft-der-gruenen\">B&uuml;rgerliche W&auml;hler&shy;schaft der Gr&uuml;nen?<\/span><\/h2>\n<p>F\u00fcr die Annahme, dass die Gr\u00fcnen mit den eben beschriebenen \u00c4nderungen ihres Politikangebots lediglich auf die Hinwendung ihrer W\u00e4hlerschaft zu einer b\u00fcrgerlichen Lebensform reagiert haben, spricht in der Wahlforschung so manches. So haben Markus Klein und J\u00fcrgen Falter errechnet, dass die W\u00e4hler der Gr\u00fcnen 1982 \u00fcber das geringste Einkommen im Vergleich mit den W\u00e4hlerschaften von CDU, SPD und FDP verf\u00fcgten, seit 1990 ein sprunghafter Anstieg ihres Einkommens zu verzeichnen ist, und sie schlie\u00dflich im Jahr 2000 alle anderen W\u00e4hlerschaften \u00fcberfl\u00fcgelten (Klein\/Falter 2003: 162). Bekannt wurde der Befund von Falter aus dem Jahr 2004, wonach die Gr\u00fcnen die FDP als Partei der<i> Besserverdienenden <\/i>inzwischen abgel\u00f6st h\u00e4tten: Bei der Bundestagswahl 2002 verf\u00fcgten 32,4 Prozent der Gr\u00fcnen-W\u00e4hler \u00fcber ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von 3000 Euro und mehr; demgegen\u00fcber verdienten nur 20,4 Prozent der FDP-W\u00e4hler genauso gut, bei CDU\/CSU waren es immerhin 25,9 Prozent der W\u00e4hler in dieser Einkommensklasse (<i>Der Spiegel <\/i>36\/2004: 28). Damit liegen die Gr\u00fcnen-W\u00e4hler an der Spitze der Einkommensskala, unterscheiden sich jedoch von der Spitzenverdiener-Klientel der FDP durch die Bedeutung, die sie materiellen Werten beimessen. So stellt Ulrich Eith \u00fcber die Gr\u00fcnen-W\u00e4hler fest: &#8222;Das Selbstverst\u00e4ndnis definiert sich nicht \u00fcber das Einkommen, sondern entlang von Wertevorstellungen.&#8221; (ebd.: 32)<\/p>\n<p>Die Frage bleibt offen, ob es sich bei diesen wohlhabender gewordenen W\u00e4hlern um immer dieselben W\u00e4hler handelt, die ihrem Lebenszyklus folgend inzwischen eine gefestigte Position in der Gesellschaft einnehmen und somit\u00a0&#8211; gem\u00e4\u00df der These von den Gr\u00fcnen als einem <i>Ein-Generationen-Projekt\u00a0<\/i>&#8211; f\u00fcr eine allm\u00e4hliche Alterung der Gr\u00fcnen-Anh\u00e4ngerschaft sorgen (B\u00fcrklin\/Dalton 1994), oder ob sich im Lauf der Jahre die W\u00e4hlerschaft der Gr\u00fcnen m\u00f6glicherweise ausgetauscht hat. F\u00fcr Letzteres lassen sich in den j\u00fcngsten Wahlanalysedaten deutliche Belege finden. Schaut man sich nur die Ergebnisse der letzten Wahlen aus dem Jahre 2005 und 2004[2] sowie die der Bundestagswahl 2002 im Vergleich an, dann f\u00e4llt auf, dass nur eine Minderheit der W\u00e4hler von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen der Partei bereits bei der jeweils vorangegangenen Wahl die eigene Stimme gegeben hat.[3] Die Mehrheit der Gr\u00fcnen-W\u00e4hler aller betrachteten Wahlg\u00e4nge\u00a0&#8211; mit Ausnahme der Europa-Wahl 2004, bei der die Partei 60 Prozent ihrer W\u00e4hlerschaft seit der Bundestagswahl 2002 halten konnte\u00a0&#8211; hatte zuvor entweder eine andere Partei unterst\u00fctzt, keine Partei gew\u00e4hlt oder war zum ersten Mal wahlberechtigt.[4]<\/p>\n<p>Daneben f\u00e4llt hinsichtlich der f\u00fcr das B\u00fcrgertum relevantesten Erwerbsgruppe eines besonders ins Auge: B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen haben bei allen Wahlg\u00e4ngen in fast allen Erwerbsgruppen deutlich dazu gewinnen k\u00f6nnen, ganz besonders jedoch in der Gruppe der Selbst\u00e4ndigen. So waren die Gewinne in dieser Gruppe bei der Bundestagswahl 2002 unter allen erhobenen Erwerbsgruppen mit vier Prozent am deutlichsten, genauso bei den Landtagswahlen in Brandenburg mit f\u00fcnf Prozent und bei denen in Sachsen mit vier Prozent. Bei den f\u00fcr die Gr\u00fcnen insgesamt sehr erfolgreichen Europawahlen 2004 konnten sie bei den Selbst\u00e4ndigen sogar elf Prozentpunkte im Vergleich zur Wahl 1999 dazu gewinnen und \u00fcberfl\u00fcgelten damit den Anteil der FDP-W\u00e4hler in dieser Gruppe deutlich (21 zu 14 Prozent), in Schleswig-Holstein lagen die Gr\u00fcnen bei den Selbst\u00e4ndigen mit der FDP gleichauf. Bei allen Wahlen, mit Ausnahme der Landtagswahlen im Saarland und in Sachsen, wurden die Gr\u00fcnen neben den Beamten und den Personen in Ausbildung am h\u00e4ufigsten von Selbst\u00e4ndigen gew\u00e4hlt. Dabei gehen die Gewinne der B\u00fcndnisgr\u00fcnen unter den Selbst\u00e4ndigen seit den Wahlg\u00e4ngen 2004 mit Verlusten in dieser Gruppe bei mindestens einer der klassischen b\u00fcrgerlichen Parteien einher: In Schleswig-Holstein gewannen die Gr\u00fcnen bei den Selbst\u00e4ndigen drei Prozent, w\u00e4hrend die CDU einen und die FDP drei Prozentpunkte verlor, in Brandenburg nahmen die Gr\u00fcnen bei den Selbst\u00e4ndigen um f\u00fcnf Prozent zu, w\u00e4hrend die CDU 16 Prozent in dieser Gruppe abgeben musste; \u00e4hnlich die Bilanz in Sachsen (+4 vs. -15) und im Saarland (+3 vs. -4). Besonders deutlich fiel das Ergebnis bei der Europawahl aus, bei der die Gr\u00fcnen unter den Selbst\u00e4ndigen im selben Ausma\u00df hinzugewinnen konnten wie die CDU in dieser Gruppe verlor (elf Prozent). Im Gegenzug verloren die Gr\u00fcnen bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein unter den Arbeitslosen acht Prozentpunkte, w\u00e4hrend die CDU bei ihnen acht Prozent hinzugewann und die FDP ihren Anteil in dieser Gruppe konstant halten konnte. Trotz dieser Befunde bleiben FDP und vor allem CDU weiterhin die Parteien der Selbst\u00e4ndigen, jedoch ist mit einem weiteren Eindringen der Gr\u00fcnen in diese W\u00e4hler-Gruppe zu rechnen.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend ist demnach auch der Befund von Klein und Falter, wonach sich die westdeutschen W\u00e4hler der Gr\u00fcnen seit deren Gr\u00fcndung entlang der wirtschaftspolitischen Links-Rechts-Achse deutlich nach rechts bewegen und 2000 sogar dem gem\u00e4\u00dfigten rechten Spektrum zuzurechnen sind (Klein\/Falter 2003: 174). In den neuen Bundesl\u00e4ndern bewegten sich die b\u00fcndnisgr\u00fcnen W\u00e4hler dem entgegengesetzt von einer Mitteposition im Jahre 1992 hin zu einer deutlich linken Positionierung im Jahr 2000, was dem Linksruck der gesamten ostdeutschen Bev\u00f6lkerung in dieser Zeit entspricht. Entlang der Wertachse zwischen libert\u00e4ren und autorit\u00e4ren Einstellungen bleiben die W\u00e4hler von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen in Ost- wie in Westdeutschland deutlich im libert\u00e4ren Bereich verankert (ebd.: 176).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"buergerliche-mitgliedschaft-der-gruenen\">B&uuml;rgerliche Mitglied&shy;s&shy;chaft der Gr&uuml;nen?<\/span><\/h2>\n<p>Die Wandlung der Partei hatte nat\u00fcrlich auch Folgen f\u00fcr die Zusammensetzung der Mitgliedschaft. W\u00e4hrend sich die strategische und politische Ausrichtung der B\u00fcndnisgr\u00fcnen immer st\u00e4rker an den Erfordernissen der parlamentarischen Demokratie orientierte, verlor die Partei mit jeder inhaltlichen Neupositionierung einen Teil der unterlegenen Gruppierungen und gewann neue Mitglieder aus den Milieus der Gesellschaft, welche die jeweiligen Richtungswechsel unterst\u00fctzen konnten. Die Annahme, dass auch die Ver\u00e4nderungen in der Mitgliedschaft eine Verb\u00fcrgerlichung der Partei anzeigen, wird durch den Befund der Potsdamer Parteimitgliederstudie belegt. Danach waren im Fr\u00fchjahr 1998 lediglich 44 Prozent der Gr\u00fcnenmitglieder bereits vor 1990 in die Partei eingetreten, die restlichen 56 Prozent also erst im Zuge oder sogar nach der Durchsetzung der Realo-Strategie gegen\u00fcber einer Fundamentalopposition (Klein\/Falter 2003: 102). Dementsprechend rechneten sich 1998 auch 53 Prozent der Parteimitglieder dem Realo-Fl\u00fcgel zu. Doch wie sieht es mit der Stellung der Gr\u00fcnen-Mitglieder im gesellschaftlichen Schichtengef\u00fcge aus? L\u00e4sst sich durch die empirischen Daten ihre mehrheitliche Zugeh\u00f6rigkeit zum <i>neuen<\/i> B\u00fcrgertum nachweisen?<\/p>\n<p>Bei der Frage nach der Schichtzugeh\u00f6rigkeit geben sich die Mitglieder von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen mehrheitlich als Angeh\u00f6rige der mittleren Mittelschicht aus, wie die Mitglieder aller anderen Parteien auch (Heinrich et al. 2002: 10). Auch bei der zweit-und drittgr\u00f6\u00dften Gruppe (obere und untere Mittelschicht) machen die Gr\u00fcnen, abgesehen von der PDS, keine Ausnahme. Vermutet man das B\u00fcrgertum vor allem in der oberen und mittleren Mittelschicht sowie der Oberschicht, dann werden vor allem die Parteien FDP (89 Prozent), CDU (88 Prozent) und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen (85 Prozent) von ihm als Mitglieder gepr\u00e4gt. Bei der SPD kommen die Angeh\u00f6rigen dieser Schichten auf 77, bei der PDS auf nur 48 Prozent. Zu den beiden nicht b\u00fcrgerlichen Schichten, untere Mittelschicht und Unterschicht, z\u00e4hlen sich bei der FDP elf Prozent, bei der CDU 13 Prozent und bei B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen 16 Prozent der Mitglieder, bei der SPD sind es dagegen 23 und bei der PDS 61 Prozent. Damit werden mit Ausnahme der PDS alle Parteien mehrheitlich von den Schichten des B\u00fcrgertums gepr\u00e4gt, jedoch am deutlichsten CDU und FDP sowie die Gr\u00fcnen, die sich von der SPD und erst recht von der PDS in ihrer sozialen Zusammensetzung deutlich unterscheiden.<\/p>\n<p>Als klassische Berufe des B\u00fcrgertums gelten gemeinhin die des alten Mittelstands, also Selbst\u00e4ndigkeit, akademische und freie Berufe. 15 Prozent der Mitglieder von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen \u00fcben einen dieser Berufe aus, genauso wie 14 Prozent der CDU- und 22 Prozent der FDP-Mitglieder (ebd.: 12). Bei der SPD geh\u00f6ren sechs Prozent und bei der PDS vier Prozent diesen Berufsgruppen an. Dominant sind die b\u00fcrgerlichen Berufe damit in keiner der aufgef\u00fchrten Parteien, jedoch haben sie im linken Lager aus SPD und PDS eine eindeutig marginale Bedeutung, wohingegen sie bei den Gr\u00fcnen in \u00e4hnlichem Ma\u00dfe beheimatet sind wie bei CDU und FDP. Bei den nicht b\u00fcrgerlichen Berufsgruppen Arbeiter, Landwirte und Arbeitslose zeigt sich hingegen keine deutliche Zugeh\u00f6rigkeit der Gr\u00fcnen zum b\u00fcrgerlichen Block: Geben bei ihnen elf Prozent ihrer Mitglieder, bei der CDU acht und bei der FDP sieben Prozent einen solchen Beruf an, so finden sich bei der SPD 13 und bei der PDS zehn Prozent, die diesen Gruppen angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auch beim Bildungsgrad ergeben sich eindeutige B\u00fcrgertumsmerkmale bei den Mitgliedern der Gr\u00fcnen, allerdings werden diese von den Mitgliedern der FDP und der PDS geteilt. Mit 58 Prozent ist der Anteil der Akademiker von allen Parteien bei den Gr\u00fcnen am h\u00f6chsten, weitere 22 Prozent ihrer Mitglieder haben Abitur (ebd.: 16). Bei der FDP besitzen 54 Prozent ein abgeschlossenes Hochschulstudium, bei der PDS 53 Prozent. Bei der CDU liegt der Anteil der Personen mit h\u00f6chstem Bildungsabschluss bei 38 Prozent \u00e4hnlich wie bei der SPD, die 33 Prozent Akademiker in ihren Reihen z\u00e4hlt. Insgesamt werden alle Parteien in Ostdeutschland deutlich st\u00e4rker von Akademikern gepr\u00e4gt als in Westdeutschland, wobei die Unterschiede zwischen Ost und West bei den Gr\u00fcnen und der FDP aufgrund ihres hohen Akademikeranteils im Westen nicht erheblich sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-gruenen-als-neue-buergerliche-partei\">Die Gr&uuml;nen als neue b&uuml;rgerliche Partei<\/span><\/h2>\n<p>Die Dominanz b\u00fcrgerlicher Merkmale innerhalb der Mitgliedschaft von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, die deutliche Orientierung der Gr\u00fcnen-W\u00e4hler an Mittepositionen, die Anzeichen f\u00fcr einen Austausch sowohl der Mitgliedschaft wie der W\u00e4hlerschaft seit 1990 und die dabei stabile Ausrichtung am libert\u00e4ren Wertesystem sprechen zusammen f\u00fcr die Repr\u00e4sentanz der neuen B\u00fcrgertumsgruppierungen durch B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. Die beiden klassischen b\u00fcrgerlichen Parteien FDP und CDU halten weiterhin die Mehrheit innerhalb der konservativ gepr\u00e4gten Wirtschaftselite, doch wird es f\u00fcr sie zunehmend schwerer, die libert\u00e4ren b\u00fcrgerlichen Schichten allein aufgrund sozio\u00f6konomischer Politikangebote an sich zu binden. Die Gr\u00fcnen \u00fcberlassen eine am Sozialinterventionismus ausgerichtete Politik immer deutlicher den linken Parteien SPD und PDS, wie u.a. im Fr\u00fchjahr 2005 die unterschiedliche Rolle der rot-gr\u00fcnen Koalitionspartner in der von der SPD angesto\u00dfenen &#8222;Kapitalismus-Debatte&#8221; belegte. Sie n\u00e4hern sich selbst wirtschaftsliberalen Konzepten, in denen staatlicher Interventionismus h\u00f6chstens als \u00f6kologisches Korrektiv oder zum Schutz von Minderheiten gerechtfertigt erscheint. Damit k\u00f6nnen sich die libert\u00e4r orientierten B\u00fcrgerschichten eher bei den Gr\u00fcnen wieder finden als im reinen Neoliberalismus der FDP oder im gesellschaftspolitischen Anti-Modernismus der CDU.<\/p>\n<p>Zwar hat Franz Walter in mehreren Aufs\u00e4tzen auf die Erosion der b\u00fcrgerlichen Anh\u00e4ngerschaften der Union hingewiesen und die &#8222;Verproletarisierung&#8221; der b\u00fcrgerlichen Parteien beschrieben (Walter\/B\u00f6sch 1998; Walter 2004: 34ff.): Eine systematische Analyse der W\u00e4hlerstr\u00f6me zwischen FDP, CDU und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen sowie ein empirischer Beleg f\u00fcr den hier vermuteten Zusammenhang zwischen b\u00fcrgerlichen Schichtmerkmalen und wirtschaftsliberal-libert\u00e4ren Wertauspr\u00e4gungen steht jedoch noch aus.<\/p>\n<p>1Zum Teil k\u00f6nnen sich auch rechtspopulistische Parteien auf eine b\u00fcrgerliche Basis st\u00fctzen. Als Beispiele dienen u.a. bis Anfang 2005 die FP\u00d6 in \u00d6sterreich, seit den 1990er Jahren die SVP in der Schweiz, Ende der 1990er Jahre die Schill-Partei in Hamburg oder auch seit Beginn der 1990er Jahre die Alleanza Nazionale in Italien.<br \/>2 Landtagswahlen im Saarland am 5. September 2004, in Brandenburg und Sachsen am 19. September 2004, in Schleswig-Holstein am 20. Februar 2005 sowie die Europawahl am 13. Juni 2004.<br \/>3 Alle Analysen gehen auf die Daten der Wahltagsbefragungen von Infratest dimap zur\u00fcck.<br \/>4 W\u00e4hlerhaltequoten gegen\u00fcber der vorangegangenen Wahl auf entsprechender Ebene: 48 Prozent<br \/>bei der Bundestagswahl 2002, 32 Prozent bei der saarl\u00e4ndischen Landtagswahl 2004, 14 Prozent in<br \/>Brandenburg und 27 Prozent in Sachsen 2004 sowie 43 Prozent in Schleswig-Holstein 2005 (eigene Berechnungen auf Grundlage der Daten von Infratest dimap).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p><i>Bornh\u00f6ft, Petra et al.<\/i> 2003: Pragmatismus pur; in: Der Spiegel 10, 1. M\u00e4rz 2003, S. 38-46<br \/><i>B\u00fcrklin, Wilhelm\/Dalton, Russel J<\/i>. 1994: Das Ergrauen der Gr\u00fcnen; <i>in: Klingemann<\/i>, <i>Hans-Dieter\/Kaase, Max <\/i>(Hg.): Wahlen und W\u00e4hler. Analysen aus Anla\u00df der Bundestagswahl 1990, Opladen,<br \/>S. 264-302<br \/><i>Egle, Christoph<\/i> 2003: Lernen unter Stress: Politik und Programmatik von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen; in: <i>Ders. et al<\/i>. (Hg.): Das rot-gr\u00fcne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schr\u00f6der 1998-2002, Wiesbaden, S. 93-116<br \/><i>Heinrich, Roberto et al. <\/i>2002: Parteimitglieder im Vergleich: Partizipation und Repr\u00e4sentation. Kurzfassung des Abschlussberichts zum gleichnamigen DFG-Projekt, Potsdam<br \/><i>Hettling, Manfred\/Hoffmann, Stefan-Ludwig <\/i>1997: Der b\u00fcrgerliche Wertehimmel. Zum Problem individueller Lebensf\u00fchrung im 19. Jahrhundert; in: <i>Geschichte und Gesellschaft<\/i>, Jg. 23, S. 333-359<br \/><i>Inglehart, Ronald<\/i> 1977: The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, New Jersey<br \/><i>Kitschelt, Herbert<\/i> 1992: The Formation of Party Systems in East Central Europe; in: <i>Politics &amp; Society<\/i>, Jg. 20, H.1, S. 7-50<br \/><i>Klein, Markus<\/i> 2003: Gibt es die Generation Golf? Eine empirische Inspektion; in: <i>K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/i>, Jg. 55, H. 1, S. 99-115<br \/><i>Klein, Markus\/Falter, J\u00fcrgen W<\/i>. 2003: Der lange Weg der Gr\u00fcnen. Eine Partei zwischen Protest und Regierung, M\u00fcnchen<br \/><i>Kondylis, Panajotis <\/i>1991: Der Niedergang der b\u00fcrgerlichen Denk- und Lebensform. Die liberale Moderne und die massendemokratische Postmoderne, Weinheim<br \/><i>M\u00fcnkler, Herfried <\/i>1996: B\u00fcrgertum\/B\u00fcrgerliche Gesellschaft und Kultur; in: <i>Nohlen, Dieter <\/i>(Hg.): W\u00f6rterbuch Staat und Politik, Bonn, S. 71-74<br \/><i>Murphy, Detlef<\/i> 1996: B\u00fcrgerliche Parteien; in: <i>Nohlen, Dieter <\/i>(Hg.): W\u00f6rterbuch Staat und Politik, Bonn, S. 63-71<br \/><i>Niedermayer, Oskar<\/i> 2003: Parteiensystem; in: <i>Jesse, Eckard\/Sturm, Roland <\/i>(Hg.): Demokratien des 21. Jahrhunderts im Vergleich. Historische Zug\u00e4nge, Gegenwartsprobleme, Reformperspektiven, Opladen, S. 261-288<br \/><i>Nolte, Paul<\/i> 2004: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, Bonn<br \/><i>Raschke, Joachim<\/i> 1995: Parteifamilie mit offener Werte-Kombination; in: <i>Frankfurter Rundschau<\/i>, Nr. 46 vom 23. Februar 1995, S. 12<br \/><i>St\u00f6ss, Richard<\/i> 1997: Stabilit\u00e4t im Umbruch. Wahlbest\u00e4ndigkeit und Parteienwettbewerb im &#8222;Superwahljahr&#8221; 1994, Opladen\/Wiesbaden<br \/><i>Walter, Franz <\/i>2004: Zur\u00fcck zum alten B\u00fcrgertum: CDU\/CSU und FDP; in: <i>Aus Politik und Zeitgeschichte<\/i>, B40, S. 32-38<br \/><i>Waltey, Franz\/B\u00f6sch, Frank <\/i>1998: Verlust der Mitte. Die Erosion der christlichen Demokratie; in: <i>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/i>, Jg. 43, H.11, S. 1339-1350<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2274],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11956","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-melanie-haas","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Gr\u00fcnen als neue Partei des B\u00fcrgertums - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/die-gruenen-als-neue-partei-des-buergertums\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Gr\u00fcnen als neue Partei des B\u00fcrgertums - 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