{"id":11957,"date":"2005-06-01T20:50:00","date_gmt":"2005-06-01T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/orientierung-und-distinktion\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"orientierung-und-distinktion","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/orientierung-und-distinktion\/","title":{"rendered":"Orientierung und Distinktion"},"content":{"rendered":"<p>Zur Bedeutung von Geschichte f\u00fcr b\u00fcrgerliche Eliten: das Beispiel Bern<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.71\/79<\/p>\n<p><i>Die aktuellen Figurationen b\u00fcrgerlicher Lebenswelten in Bern, von denen im folgenden die Rede sein soll, lassen sich nur nach einer historischen R\u00fcckschau interpretieren. Zun\u00e4chst werden daher die historischen Hintergr\u00fcnde der bernischen Verh\u00e4ltnisse betrachtet, und im Anschluss daran die am Beispiel der Berner Burgergemeinde gemachten Beobachtungen eingeordnet.[1]<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"historisches-stadtbuergertum-versus-gewoehnliche-einwohner\">Histo&shy;ri&shy;sches Stadt&shy;b&uuml;r&shy;gertum versus gew&ouml;hnliche Einwohner<\/span><\/h5>\n<p>In vordemokratischer Zeit \u00fcbte eine aristokratisch gepr\u00e4gte st\u00e4dtische Elite, das Patriziat, die politische Herrschaft \u00fcber Bern, den gr\u00f6\u00dften Stadtstaat n\u00f6rdlich der Alpen, aus. Das Patriziat war Teil der st\u00e4dtischen B\u00fcrgerschaft, dem durch Besitz des B\u00fcrgerrechtes privilegierten Kern der Stadtbev\u00f6lkerung. Die bernische Terminologie bezeichnet<i> B\u00fcrger <\/i>als Burger und das <i>B\u00fcrgerrecht als B\u00fcrgerrecht<\/i>. Die <i>B\u00fcrgerschaft,<\/i> die Summe der Burger, war in Form von Gesellschaften organisiert, die im Sp\u00e4tmittelalter aus Gilden und Handwerkerverb\u00e4nden hervorgegangen waren. Bei den Gesellschaften, die sich seit dem 20. Jahrhundert teilweise wieder als<i> Z\u00fcnfte <\/i>oder <i>Zunftgesellschaften <\/i>bezeichnen, handelt es sich um erbrechtlich definierte Personenverb\u00e4nde beziehungsweise um Besitzkorporationen (Schl\u00e4ppi 2005; 2006).<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit dem 17. Jahrhundert schottete sich die Stadtb\u00fcrgerschaft aus Furcht um ihre materiellen und rechtlichen Privilegien hermetisch gegen Zuz\u00fcgler und soziale Aufsteiger aus der Einwohnerschaft ab. Der Sturz der alten Ordnung, den die Besetzung des bernischen Staatsgebietes durch Napoleonische Truppen im Jahr 1798 ausl\u00f6ste, tat der Vorzugsstellung der etablierten Stadtb\u00fcrger keinen Abbruch. Die Angeh\u00f6rigen der Burgerschaft behaupteten ihren qua Geburt begr\u00fcndeten Sonderstatus sogar im Jahr 1831, als im Staat Bern erstmals liberale Kr\u00e4fte aus den ehemaligen Untertanengebieten die Macht \u00fcbernahmen und die jahrhundertealte Vorherrschaft der Stadt \u00fcber das Land brachen. Aber selbst die freisinnigen Politiker, die das politische System und die Verfassung von s\u00e4mtlichen \u00dcberresten der st\u00e4ndischen Strukturen des Ancien Regime zu s\u00e4ubern trachteten, legten nicht Hand an die altbernischen Korporationen. Anstatt diese kurzerhand und endg\u00fcltig abzuschaffen, wurden 1832 zwei unabh\u00e4ngig voneinander funktionierende kommunale Gebilde geschaffen, die bis in die Gegenwart nebeneinander existieren (Rieder 1998: 35-37; Schl\u00e4ppi 2001: 39-60, 164-167; Tanner 1995: 574-576).<\/p>\n<p>Die 1832 gegr\u00fcndete Einwohnergemeinde umfasst alle stimmberechtigten Einwohner Berns und ist somit die \u00f6ffentlich-rechtliche und politische Nachfolgerin der alten Stadtgemeinde (Rieder 1998: 34f.). Sie garantiert das Funktionieren der Verwaltung und der politischen Institutionen, organisiert demokratische Wahlen und Abstimmungen, verf\u00fcgt \u00fcber die Steuerhoheit und erf\u00fcllt s\u00e4mtliche Aufgaben des \u00f6ffentlichen Dienstes. Die Burgergemeinde &#151; so bezeichnet sich der aus den Nachkommen des altbernischen Herrenstandes und der ehemaligen Stadtb\u00fcrgerschaft gebildete abstrakte Personenverband, der \u00fcbrigens auch noch im 21. Jahrhundert in Form der 13 traditionellen Gesellschaften organisiert ist &#151; trat zwar die politische Hoheit 1832\/33 formell ab (Schl\u00e4ppi 2001: 61f.; Tanner 1995: 581-584). Im Rahmen eines 1852 mit der Einwohnergemeinde abgeschlossenen Teilungsvertrags sicherte sie sich aber erhebliche Verm\u00f6genswerte sowie betr\u00e4chtlichen Immobilien- und Landbesitz in und um Bern, wo-durch namhafte Teile des kommunalen Allgemeinguts bis in die Gegenwart der Verf\u00fcgungsgewalt der Einwohnergemeinde entzogen sind (Rieder 1998: 173-178). Ihr Reichtum versetzte die Burgergemeinde in die Lage, ohne Erhebung von Abgaben informell bei politischen Entscheidungen mitzumischen, wobei sie namentlich auf die Stadtentwicklung und auf die Kulturpolitik Einfluss nahm (Rieder 1998: 321-342).[2]<\/p>\n<h5><span id=\"buergerschaft-und-buergerliche-aufsteiger-naehern-sich-an\">B&uuml;rger&shy;schaft und b&uuml;rgerliche Aufsteiger n&auml;hern sich an<\/span><\/h5>\n<p>Nicht zuletzt wegen des beachtlichen \u00f6konomischen Kapitals der Burgergemeinde und den damit verbundenen Nutzungschancen bem\u00fchten sich bereits im 19. Jahrhundert immer mehr anpassungswillige b\u00fcrgerliche Aufsteiger um Aufnahme in die Burgerschaft[3] und um den Erwerb des exklusiven Burgerrechts. Allerdings waren die Mentalit\u00e4ten der geburtsst\u00e4ndisch definierten Burgerschaft und der modernen Leistungseliten so gegens\u00e4tzlich, dass die burgerliche Parallelkommune lange Zeit nur wenige Ausgesuchte in ihre Reihen aufnahm. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert behielt die Burgergemeinde ihre mehrheitlich ablehnende Haltung gegen Au\u00dfenstehende bei (Schl\u00e4ppi 2001: 171-174). Erst massive politische Agitation, welche in den 1880er Jahren die altbernischen Korporationen abschaffen wollte, setzte bei den altbernischen Oberschichten einen z\u00f6gerlichen Gesinnungswandel in Gang (Schl\u00e4ppi 2001: 67-72).<\/p>\n<p>Bevor der alte Argwohn der Aristokraten einem entkrampften Umgang mit den b\u00fcrgerlichen Leistungseliten wich, mussten erhebliche kulturelle Gegens\u00e4tze \u00fcberwunden werden. Dies geschah unter anderem im Rahmen der <i>Gr\u00fcndungsfeier <\/i>der Stadt Bern von 1891. Der B\u00fcrgertumsforscher Philipp Sarasin sieht in derartigen Feiern, wie sie f\u00fcr die Zeit charakteristisch waren, den &#132;Versuch b\u00fcrgerlicher Sinn- und Konsensstiftung durch den Rekurs auf ,Geschichte&#148; (Sarasin 1990: 309). Tats\u00e4chlich kam den pomp\u00f6saufgezogenen Festlichkeiten zum 800j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Stadt und einem aufw\u00e4ndig inszenierten historischen Festspiel eine zentrale Rolle bei der wechselseitigen Integration st\u00e4dtischer Oberschichten aristokratischen und b\u00fcrgerlichen Herkommens zu. Nach langen und erbitterten Streitigkeiten um die von liberaler und konservativer Seite unnachgiebig erhobenen Anspr\u00fcche auf die bernische Heldenhistorie verst\u00e4ndigten sich die Nachkommen der patrizischen Standeseliten und die aufstrebenden Leistungseliten Ende des 19. Jahrhunderts erstmals auf eine partnerschaftliche Verwaltung und Nutzung des historischen Erbes. Patrizier mit aristokratischen Wurzeln und B\u00fcrger ohne nennenswerte Abstammung stellten 1891 die heroischen Schlachterfolge (Laupen, Murten, Grandson, Nancy) und deren Hauptprotagonisten, welche Bern im Sp\u00e4tmittelalter gro\u00df und m\u00e4chtig gemacht hatten (Bubenberg, von Erlach etc.), in einem f\u00fcr die Zeit typischen Kost\u00fcmumzug endlich gemeinsam dar (Schl\u00e4ppi 2001: 453-460).<\/p>\n<p>Die neu gefundene Einigkeit hatte zur Folge, dass sich die geburtsst\u00e4ndisch definierte Burgerschaft um 1900 ideologisch \u00f6ffnete und vordergr\u00fcndig eine liberalere Aufnahmepolitik etablierte. Nur ein Jahrhundert sp\u00e4ter werden die damals aufgenommenen Sippen bereits als &#132;alte&#148; unter noch \u00e4lteren Familien respektiert (Schl\u00e4ppi 2001: 79-81), denn wer sich als Angeh\u00f6riger eines historischen Verbands im Licht der hehren Heroengeschichte sonnen darf, genie\u00dft in Bern auch im 21. Jahrhundert noch hohes Ansehen, selbst wenn er keine aristokratischen Vorfahren vorweisen kann. Allein die Aufnahme geschafft zu haben, gilt in der b\u00fcrgerlichen Oberschicht als Auszeichnung, ist doch allenthalben bekannt, wie klein der handverlesene Kreis der auserw\u00e4hlten &#132;Neuburger&#148; ist.[4]<\/p>\n<h5><span id=\"das-aufnahmeprozedere-132burgerlichkeit148-in-reinkultur\">Das Aufnah&shy;me&shy;pro&shy;ze&shy;dere: &#132;Burger&shy;lich&shy;keit&#148; in Reinkultur<\/span><\/h5>\n<p>Wer das Burgerrecht erwerben will, muss zun\u00e4chst ein offizielles Aufnahmebegehren stellen, das danach in mehreren Schritten von unterschiedlichen Instanzen und Gremien gepr\u00fcft wird. Reglementarische Vorgaben, wie die Aufnahmeverfahren formell abzulaufen und welchen Erwartungen die Kandidaten zu gen\u00fcgen haben, existieren nicht. Die imagin\u00e4re Liste der notwendigen Bedingungen ist jedoch lang (Rieder 1998: 137-152; Schl\u00e4ppi 2001: 204-209). Zentral f\u00fcr eine Neuaufnahme ist sicherlich der materielle Wohlstand der Petenten.[5] Mindestens ebenso wichtig sind aber wohlgeordnete famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse, worunter eine intakte Ehe mit Kindern verstanden wird. Die direkten Nachkommen befinden sich mit Vorteil bereits in einer h\u00f6heren Ausbildung oder haben immerhin eine realistische Aussicht, zu sp\u00e4terem Zeitpunkt eine respektable Berufskarriere ergreifen zu k\u00f6nnen (Schl\u00e4ppi 2001: 186-190).<\/p>\n<p>Will ein Anw\u00e4rter echte Chancen haben, muss er zudem \u00fcber einen au\u00dferordentlichen Leistungsausweis verf\u00fcgen, wenn auch nicht unbedingt im Sinn von objektiv erbrachter Arbeit. Wesentlich wichtiger ist die subjektive Einsch\u00e4tzung der absolvierten Laufbahn durch die Einburgerungsgremien, denen als Basis f\u00fcr ihre Meinungsbildung einerseits mehrere mit Hausbesuchen bei den Kandidaten verbundene pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che dienen, die ihre Eindr\u00fccke andererseits aber mit in burgerlichen Kreisen informell eingeholten Referenzen absichern. Die Aufnahme in die Burgergemeinde dr\u00fcckt gewisserma\u00dfen aus, dass der Aufgenommene am Platz Bern bereits \u00fcber gute Kontakte zu Leuten verf\u00fcgt, die seine Tauglichkeit als potentieller Burger anhand der richtigen moralischen Ma\u00dfst\u00e4be beurteilen k\u00f6nnen. H\u00e4ufig bauen solche Beziehungsnetze auf bekannt- oder verwandtschaftlichen Verbindungen zu tonangebenden Akteuren der Burgerschaft auf (Schl\u00e4ppi 2001: 204-206). Wichtig ist au\u00dferdem ein distinguierter Lebensstil &#151; deshalb unter anderem die Hausbesuche .[6]<\/p>\n<p>Das am schwierigsten zu fassende Aufnahmekriterium ist die &#132;Verbundenheit mit Bern&#148;. Obwohl die f\u00fcr Einburgerungen verantwortIichen Entscheidungstr\u00e4ger stereotyp auf der zentralen Bedeutung dieses Kriteriums insistieren, fehlt eine konkrete Definition, welche diese Kategorie n\u00e4her umschreiben w\u00fcrde. Unter der Chiffre &#132;Verbundenheit mit Bern&#148; kann somit alles oder nichts gefasst werden. Untersucht man die Argumentationszusammenh\u00e4nge, in denen der Begriff jeweils zur Anwendung kommt, gibt das Pr\u00e4dikat &#132;Verbundenheit mit Bern&#148; dar\u00fcber Auskunft, dass ein Bewerber spezifische Wertehaltungen teilt und in den Probegespr\u00e4chen zu erkennen gegeben hat, dass er um die Wichtigkeit bestimmter Einstellungen und Mentalit\u00e4ten f\u00fcr den inneren Zusammenhalt der Burgergemeinde wei\u00df. Dazu geh\u00f6ren unter anderem die Identifikation mit einer spezifischen Sichtweise der bernischen Tradition sowie ein Sample bestimmter konservativer Weltanschauungen.&#8216; Voraussetzung jeder Einburgerung ist, dass die Verantwortungstr\u00e4ger ihre eigenen Auffassungen von einer vern\u00fcnftigen Lebensgestaltung und einige ihrer pers\u00f6nlichen dogmatischen Dispositionen in den Bewerbern wieder erkennen k\u00f6nnen (Schl\u00e4ppi 2001: 207-209; 2005). Das Attribut &#132;Verbundenheit mit Bern&#148; steht f\u00fcr eine erfolgreich bestandene Gewissenspr\u00fcfung und dient, da inhaltlich nicht explizit umschrieben, als willk\u00fcrliches Ausschlusskriterium (Rieder 1998: 145-147). Ob die Burgergemeinde eine Einburgerung vollzieht, ist deshalb reine Ermessenssache.<\/p>\n<p>Der geschilderte Anforderungskatalog deckt sich mit den b\u00fcrgerlichen Lebenskonzepten, die im 19. Jahrhundert an der Schwelle zur klassischen Moderne ausformuliert wurden und sich in der Folge als schichtimmanente Leitbilder durchsetzten (Rieder 1998: 70-72; Tanner 1995: 159-476). Wer im 21. Jahrhundert in die Burgergemeinde aufgenommen wird, erf\u00fcllt ein durch und durch traditionelles Muster von &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; (Schl\u00e4ppi 2001: 192-204). Obwohl viele der langwierigen Einburgerungsverfahren auf der Strecke bleiben, weil ein Bewerber den zust\u00e4ndigen Personen nicht passt, ist der Drang arrivierter Aufsteiger nach Aufnahme in die Burgergemeinde ungebrochen. Aus dieser Tatsache kann abgeleitet werden, dass f\u00fcr konservativ denkende Eliten das urb\u00fcrgerliche Programm nichts an Attraktivit\u00e4t eingeb\u00fcsst hat. Die Aufnahme in die Burgergemeinde weist einen Angeh\u00f6rigen der st\u00e4dtischen Oberschicht dar\u00fcber aus, dass seine soziale Stellung ihm den Zugang in den elit\u00e4ren Verkehrskreis erlaubt. Erst durch die Einburgerung erh\u00e4lt der wirtschaftliche Erfolg die Aura einer akkreditierten konservativen Kultiviertheit, welche erworbener Wohlstand allein nicht ausstrahlt (Schl\u00e4ppi 2001: 216-219).<\/p>\n<h5><span id=\"aufwaendige-integration\">Aufw&auml;ndige Integration<\/span><\/h5>\n<p>Die Aufnahme in die Burgergemeinde stellt eine Transformation von Verm\u00f6gen und sozialen Ressourcen in kulturelles und symbolisches Kapital dar. Origin\u00e4r b\u00fcrgerlichen Konzepten bez\u00fcglich eines sparsamen Umgangs mit Geld und anderen Ressourcen zufolge muss eine derartige Investition langfristig amortisiert werden, indem sie nachhaltig bewirtschaftet wird (Schl\u00e4ppi 2001: 453; Tanner 1995: 401-407). Dies bedingt Bildung, Pflege und Ausbau des erworbenen Beziehungsnetzes. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem geselligen Leben zu. \u00dcbers Jahr hinweg bietet sich an unz\u00e4hligen gesellschaftlichen Anl\u00e4ssen Gelegenheit, neue Kontakte zu etablieren oder bereits bestehende Beziehungen zu vertiefen. Eine entscheidende Funktion nehmen dabei die nach wie vor gepflegten M\u00e4nneressen ein, an denen in Anlehnung an die b\u00fcrgerliche Vereinskultur des vorletzten Jahrhunderts Trink- und Rederituale zelebriert werden (Schl\u00e4ppi 2001: 461-464; 2005).<\/p>\n<p>Das zentrale Medium der burgerlichen Vergemeinschaftung ist &#151; auch dies typisch b\u00fcrgerlich (Tanner 1995: 159-280) &#151; die Familie. Anl\u00e4sslich von sogenannten &#132;Kinder-&#148; oder &#132;Jugendfesten&#148;, an denen idealerweise auch Eltern und Gro\u00dfeltern teilnehmen, werden im Beisein von Familienangeh\u00f6rigen und Verwandten aller Generation die noch nicht vollj\u00e4hrigen Nachkommen auf Kosten der Korporationskassen reich beschenkt. Auch hinter diesen im Kontext b\u00fcrgerlicher P\u00e4dagogisierung im 19. Jahrhundert entstandenen Br\u00e4uchen steht der Gedanke, dass sich die Investition Einburgerung erst dann lohnt, wenn das Interesse an der burgerlichen Sache und damit auch der Nutzen aus den unterschiedlichen Verbindungen an die Folgegeneration weitergegeben werden kann (Rieder 1998: 266, 272-274; Schl\u00e4ppi 2005: 465-469).<\/p>\n<p>Den inneren Spielregeln der Burgerschaft zufolge erwirbt sich das soziale und kulturelle Kapital, welches die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem der geschichtstr\u00e4chtigen Traditionsverb\u00e4nde darstellt, nicht wie Anteilscheine in einer einmaligen Gesch\u00e4ftstransaktion. Selbst wer alle H\u00fcrden der Aufnahmeprozedur genommen und seine Einkaufssumme bezahlt hat, kann sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Einerseits wird von Neulingen aktives Engagement f\u00fcr die burgerliche Sache erwartet. Andererseits spielt innerhalb der Burgergemeinde eine subtile Standeshierarchie, die sich aus der familialen Herkunft (Rieder 1998: 229-232, 356), definiert durch das Jahr, in dem der Stammvater eingeburgert wurde, und aus den Verdiensten der Vorfahren um burgerliche Belange ableitet (Schl\u00e4ppi 2001: 83). Akzeptanz und Ansehen im Gruppenverband m\u00fcssen und k\u00f6nnen mit freiwilligen Eigenleistungen erarbeitet werden. Viele Neuburger \u00fcbernehmen ehrenamtlich zeitintensive Verwaltungsaufgaben. Sie sind in ihren Amtshandlungen bem\u00fcht, die Wertehaltungen und die immanente Logik der Traditionskorporationen durch eine spezifische Praxis in besonders reiner Form zu reproduzieren &#151; eine typische Verhaltensweise von Assimilierten (Schl\u00e4ppi 2001: 414).[8]<\/p>\n<h5><span id=\"streben-nach-geschichte\">Streben nach Geschichte<\/span><\/h5>\n<p>Der Makel der fehlenden famili\u00e4ren Herkunft hingegen kann objektiv nicht korrigiert werden, denn das Jahr der Einburgerung ist objektiv gegeben. Bemerkenswerterweise bem\u00fchen sich aber auff\u00e4llig viele Neuburger unter erheblichem Aufwand um die Konstruktion m\u00f6glichst langer Ahnenreihen. Gelingt es dann im Einzelfall, einen genealogischen Link bis ins 17. oder gar ins 16. Jahrhundert herzustellen, wird dies \u00fcber Wappentafeln, Ahnenportr\u00e4ts, antiken Hausrat und bereitwillig erz\u00e4hlte Legenden \u00e4u\u00dferlich sichtbar gemacht. Auch wenn all diese Behelfsmittel auf das Einburgerungsjahr und somit auf die faktische Stellung in der Sozialhierarchie keinerlei Einfluss haben, geben sie ihren Besitzern doch Halt und einen Hauch von Historizit\u00e4t (Rieder 1998: 232, 277; Sarasin 1997: 242; Schl\u00e4ppi 2001: 89f.).<\/p>\n<p>M\u00fcssen Neuburger im Ringen nach Akzeptanz das eigene Herkommen erforschen, dokumentieren und kommunizieren, so besch\u00e4ftigen sie sich auch mit der bemischen Geschichte. Dabei hat sie weniger die analytisch-kritische, wissenschaftliche Geschichtsschreibung als vielmehr der vielfach \u00fcberholte Wissensstand zu interessieren, welcher dem Selbstverst\u00e4ndnis der Eliten altbernischen Herkommens entspricht und in den in Leder gebundenen Klassikern der sanktionierten Lokalhistorie nachzulesen ist. In zahlreichen internen Publikationen burgerlicher Vereinigungen erscheinen regelm\u00e4\u00dfig von Laienschreibern verfasste historische Beitr\u00e4ge, die sich vielfach mit der eigenen Familiengeschichte besch\u00e4ftigen oder den Inhalt von Archivalien referieren, die der Verfasser zuf\u00e4llig in die Hand bekommen hat.<\/p>\n<p>Ein eindimensionales Verst\u00e4ndnis von Geschichte als Summe erz\u00e4hlbarer Ereignisse treibt mitunter seltsame Bl\u00fcten. Einige der burgerlichen Gesellschaften, welche in der Vormoderne Bez\u00fcge zu bestimmten Berufen hatten, lassen die alten Handwerke wieder aufleben und veranstalten zum Beispiel Schmiedekurse oder richten in der ehemaligen Zunftstube eine traditionelle Werkstatt ein (Schl\u00e4ppi 2001: 472f., 492f.). Die kriegshandwerkliche Tradition lebt in Form des von der &#132;Reismusketengesellschaft&#148; organisierten &#132;Zunftschiessens&#148; weiter. Geschossen wird mit unhandlichen Vorderladerb\u00fcchsen und selbst gegossenen Bleikugeln. Einige Apotheken im alten Stadtkern, die sich im Besitz von Neuburgern befinden, stellen anhand von \u00fcberlieferten Rezepten traditionell bernische Genuss- und Heilmittel her.<\/p>\n<p>Neuburger organisieren euphorisch historische Jubil\u00e4en und nehmen \u00fcberproportional und \u00fcbereifrig daran teil. Sie suchen und sammeln \u00dcberreste aus der patrizisch-aristokratisch gepr\u00e4gten bemischen \u00dcberlieferung, zu der sie weder einen quellenm\u00e4\u00dfig nachweisbaren Bezug noch eine famili\u00e4re Verbindung haben. Sie stiften f\u00fcr ihre Gesellschaften s\u00fcndhaft teures Silbergeschirr, auf dem sie historische Sujets anbringen. Weil viele meinen, mit ihrem Verm\u00e4chtnis &#132;Geschichte machen&#148; zu k\u00f6nnen, schreiben sie der beschenkten Nachwelt gleich noch den Verwendungszweck ihrer Gabe vor (Schl\u00e4ppi 2001: 322-328; 2005). Wenn es der gesellschaftliche Rahmen erlaubt, werden diskrete Anstecknadeln oder auch auff\u00e4llig beschriftete und mit Zunftwappen verzierte Kleidungsst\u00fccke getragen. Imposante Fahnen geh\u00f6ren zur Grundausstattung jeder burgerlichen Korporation. Neuburger adaptieren das scheinbar historisch \u00fcberlieferte &#132;Stadtberndeutsch&#148; des Patriziates, einen artifiziell antiquierten Soziolekt,9 von dem sie alle im Rahmen burgerlicher Vergemeinschaftung bei erstbester Gelegenheit feststellen,dass er distinktiven Charakter hat (Rieder 1998: 232, 254f.; Schl\u00e4ppi 2001: 86f., 328f.; Siebenhaar\/St\u00e4hli 2000: 13-15, 67f., 70f.).<\/p>\n<h5><span id=\"geschichte-als-medium-der-orientierung-und-distinktion\">Geschichte als Medium der Orien&shy;tie&shy;rung und Distinktion<\/span><\/h5>\n<p>Sammeln, Sortieren, Ordnen, Beschriften und Festschreiben sind typische Strategien b\u00fcrgerlicher Lebensbew\u00e4ltigung und dienen der &#132;Konstruktion eines Weltbildes mit den Mitteln visueller Zeichen&#148;, wobei das &#132;Kontinuum der Signifikanzen&#148; keine &#132;L\u00fccke zwischen Selbstbild und Weltbild&#148; erlaubt (Sarasin 1990: 252). Die besagten Handlungsweisen dienen also der Selbstvergewisserung und werden dann besonders virulent, wenn aufgrund allgemeiner gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungsprozesse hergebrachte Gewissheiten zur Diskussion stehen. Der materialisierte, handfeste Zugang burgerlicher Kreise zur Geschichte soll in Zeiten des Umbruchs b\u00fcrgerliche Identit\u00e4t konstituieren und absichern.<\/p>\n<p>Allerdings verm\u00f6gen nicht einmal die im kollektiven Selbstverst\u00e4ndnis so bedeutsamen burgerlichen &#132;Traditionen&#148; das brennende Verlangen nach Orientierung und Halt in der Vergangenheit zu stillen. Irritation macht sich (nicht nur) bei Neuburgern breit, wenn klar wird, dass viele der gegenw\u00e4rtig gepflegten &#132;Traditionen&#148; aus dem 19. Jahrhundert stammen oder gar erst im 20. Jahrhundert unter erheblichem finanziellem Auf-wand k\u00fcnstlich institutionalisiert wurden. Wenn selbst Neusch\u00f6pfungen j\u00fcngeren Datums schon nach wenigen Jahren als &#132;Traditionen&#148; gelten, l\u00e4uft dies b\u00fcrgerlichen Begriffen von Geschichtlichkeit, welche Historie und Herkommen als jahrhundertealte unverr\u00fcckbare Fakten fernab von kreativem Wandel und Neuinterpretation sehen, zuwider. Bezeichnenderweise unternahmen seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gewisse Neuburger wiederholt den Versuch, das \u00fcberlieferte Brauchtum f\u00fcr die Nachwelt bleibend zu reglementieren (Schl\u00e4ppi 2005).<\/p>\n<p>Immer noch zeigen b\u00fcrgerliche Eliten der Schweizer Bundeshauptstadt gro\u00dfes Interesse an der Aufnahme in eine der geschichtstr\u00e4chtigen burgerlichen Korporationen. Die Attraktivit\u00e4t und Wirkungsmacht der origin\u00e4r b\u00fcrgerlichen Kategorien des 19. Jahrhunderts sind in konservativen Kerngruppen also ungebrochen. Dass diese Trends ausgerechnet im ausgehenden 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine neue Bl\u00fcte erleben, d\u00fcrfte sich durch die Dynamik der globalisierten Welt &#151; diese l\u00e4sst sich durchaus mit den an der Schwelle zum 20. Jahrhundert stattgefundenen Transformationsprozessen parallelisieren &#151; ebenso erkl\u00e4ren, wie mit der Renaissance von &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; als handIungsleitender Kategorie sozialer Eliten.<\/p>\n<p>Origin\u00e4r b\u00fcrgerliche Praktiken pr\u00e4gen den burgerlichen Alltag. Dass diese im burgerlichen Sozialmilieu nach wie vor die Leitkultur darstellen, l\u00e4sst die beteiligten Akteure im Glauben, traditionale Konzepte w\u00fcrden ihre Relevanz auch in Zeiten von exzessivem <i>Individualismus<\/i> und rapidem gesellschaftlichem Wandel nicht einb\u00fcssen. So bleibt die Hoffnung der Individuen intakt, die von anthropologisch inspiriertem Stammesdenken durchdrungene Korporation werde ihnen auch in einer weltumspannend vernetzen Gesellschaft, die jeden \u00fcberschaubaren Handlungszusammenhang zunehmend zersetzt, Orientierung und Geborgenheit im jahrhundertealten Kontinuum des Traditionsverbands bieten. Bourgeoise Sinnsuche in der Konstruktion und Reproduktion historischer Mythen wird unter Bezugnahme auf das Konzept der <i>invented tradition <\/i>(Hobsbawm 1999 [1983]) oft als Ph\u00e4nomen des historistischen 19. Jahrhunderts verbucht &#151; zu Unrecht, denn die Teilhabe an Geschichte ist f\u00fcr konservative Sozialeliten auch noch im 21. Jahrhundert von eminent identit\u00e4ts- und sinnstiftender Bedeutung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wirkt die von &#132;Traditionen&#148; ges\u00e4ttigte Historizit\u00e4t als Distinktionsmerkmal gegen\u00fcber anderen urbanen Oberschichten. Wenn auch die verfassungsrechtlichen Gegebenheiten, wie sie am Beispiel Berns gezeigt wurden, einzigartig sein d\u00fcrften, so werden sich analoge Distinktionsmuster auch in verwandten sozialen Konstellationen beobachten lassen. Einige der auf die bemische Burgerschaft zutreffenden Befunde k\u00f6nnen auf vergleichbare Populationen in anderen Gegenden \u00fcbertragen werden. Sind b\u00fcrgerliche Oberschichten seit Generationen etabliert, beanspruchen sie allein schon aufgrund ihres Herkommens f\u00fcr sich einen kulturellen Vorrang, einen \u00fcberlegenen Lebensstil und neigen zu einem herablassenden Umgang mit tiefer gestellten Sozialgruppen. Gestandene Eliten schauen stets und \u00fcberall standesbewusst auf einfache Leute, &#132;Neureiche&#148; und &#132;Empork\u00f6mmlinge&#148; herab.<\/p>\n<p>[1] Der vorliegende Beitrag basiert auf langj\u00e4hrigen Forschungen des Verfassers. Auf Angaben zu theoretischer Literatur und Quellen wird verzichtet, vgl. dazu Schl\u00e4ppi 2001.<br \/>[2] So beispielsweise j\u00fcngst im Zusammenhang mit der Realisierung des Museumsprojekts Zentrum Paul Klee, oder auch mit dem Kulturpreis der Burgergemeinde, einer mit rund 70 000 Euro dotierten Auszeichnung, die bislang ausschlie\u00dflich an arrivierte Berner K\u00fcnstler und etablierte bernische Kulturinstitutionen vergeben wurde.<br \/>[3] Ist hier in Bezug auf die j\u00fcngere Geschichte von der Burgerschaft die Rede, so werden darunter nicht alle der unterdessen weit \u00fcber 10.000 Mitglieder der Burgergemeinde verstanden, von denen ein grosser Teil weder in Bern ans\u00e4ssig ist noch die spezifischen Lebenskonzepte teilt, welche im inneren Kreis des Personenverbands G\u00fcltigkeit haben. Vielmehr soll der Begriff eine Kerngruppe der st\u00e4dtischen Oberschicht bezeichnen. Es handelt sich um rund 2.000 Personen, die in und um Bern wohnen und sich leidenschaftlich am politischen und geselligen Leben der Burgergemeinde beteiligen. Der innere Zirkel dieser Kerngruppe, der einflussreiche Positionen besetzt, d\u00fcrfte etwa aus 200 M\u00e4nnern in gehobenen b\u00fcrgerlichen Berufen bestehen.<br \/>[4] Aus Gr\u00fcnden der Verst\u00e4ndlichkeit verzichtet der vorliegende Beitrag auf die begriffliche Unterscheidung zwischen &#132;Neu-&#148; und &#132;Jungburgern&#148;, die in den neusten Untersuchungen zur Burgerschaft eine wichtige Rolle spielt (Arn 1999; Rieder 1998; Schl\u00e4ppi 2001; 2005). Ist in der Folge von Aufnahmebedingungen f\u00fcr Neuburger die Rede, so sind diese Ausf\u00fchrungen als idealtypische Synthese zu verstehen. Jede Einburgerung ist f\u00fcr sich gesehen singul\u00e4r. Dennoch sind die anhand vieler Beispiele gemachten Beobachtungen verallgemeinerbar. Ausgeklammert werden hier aber die Einburgerungen mit Burgert\u00f6chtern verheirateter M\u00e4nner. F\u00fcr diese sogenannten &#132;Schwiegersohnf\u00e4lle&#148; gelten grunds\u00e4tzlich andere Spielregeln (Schl\u00e4ppi 2001: 222-226).<br \/>[5] Bereits die Aufnahmegeb\u00fchren haben selektiven Charakter. Sie werden individuell festgesetzt und liegen f\u00fcr einen Familienvater zwischen ca. 10.000 und 30.000 Euro zuz\u00fcglich rund 5000 Euro f\u00fcr die Ehepartnerin und f\u00fcr jedes minderj\u00e4hrige Kind (Schl\u00e4ppi 2001: 209-213).<br \/>[6] Dieser zeichnet sich unter anderem durch Liegenschaftsbesitz oder mindestens eine Wohnadresse in einem der bernischen Oberschichtenquartiere aus. Als Folge dieser r\u00e4umlichen Definition des Sozialmilieus besuchen Jugendliche aus burgerlichen Kreisen vielfach die gleichen Bildungsinstitute (Schl\u00e4ppi 2001: 115-120; Tanner 1995: 313f.).<br \/>[7] Etwa eine rigorose Haltung bez\u00fcglich Ordnung, Sauberkeit und Verkehrspolitik im \u00f6ffentlichen Raum, eine skeptische Haltung gegen\u00fcber den demokratisch gew\u00e4hlten Gremien und den Verwaltungsinstitutionen der Einwohnergemeinde, Sympathie f\u00fcr das b\u00fcrgerliche Modell der Geschlechterrollen. In der Tat wurde das Frauenstimmrecht in den burgerlichen Gesellschaften erst in den 1970er Jahren gegen erhebliche innere Widerst\u00e4nde eingef\u00fchrt. Immer noch engagieren sich Frauen in erster Linie als dienende Helferinnen im wohlt\u00e4tigen Bereich. In den h\u00f6chsten \u00c4mtern sind so gut wie keine Frauen zu finden (Rieder 1998: 112-114, 152-154; Schl\u00e4ppi 2001: 330-336, 362f., 459).<br \/>[8] In h\u00f6here \u00c4mter gelangen neu eingeburgerte Familien in der Regel erst in zweiter oder dritter Generation. Aufgrund ihres Eifers haben die neuen Familien in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts die Nachkommen des ehemaligen Patriziates aus gewissen Chargen fast v\u00f6llig verdr\u00e4ngt und sind zur wichtigsten Tr\u00e4gerschicht der Institutionen altbernischen Ursprungs geworden (Braun 2004: 201f., Schl\u00e4ppi 2001: 348-353). Die Selbstdarstellung der Burgergemeinde in den Medien und ihr gelegentlicher Auftritt im politischen oder kulturellen Leben pflegt das Bild eines genealogisch legitimierten Traditionsverbands, der ein sch\u00fctzenswertes Kulturerbe verk\u00f6rpere. Selbst das linke politische Spektrum und die Presse, von wo aus eigentlich Kritik an der Existenz einer autonomen Parallelgemeinde laut werden m\u00fcsste, erliegen dem Nimbus der Historie (Rieder 1998: 291f.).<br \/>[9] Burgerliche Sozialarbeiter hei\u00dfen Almosner, Reglemente sind Satzungen; Pr\u00e4sidenten werden mit Obmann, Sekret\u00e4re mit Stubenschreiber und Rechnungsf\u00fchrer mit Seckelmeister angesprochen. Der Gemeinderat hei\u00dft Waisenkommission und statt von einem Subventionsfonds redet das burgerliche Bern von einem Stubengut. Auch seltsame Akzentsetzungen bei der Aussprache der Namen einiger bedeutender Patriziergeschlechter dienen der Entlarvung Au\u00dfenstehender.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Arn, Karoline 1999: &#132;Mehr Sein als Scheinen&#148;. Die Burgerschaft der Stadt Bern im 19. und 20. Jahr-hundert. Eine st\u00e4dtische Elite in st\u00e4ndischer Exklusivit\u00e4t, Lizentiatsarbeit, Bern Braun, Hans 2004: Die Familie von Wattenwyl, Bern Hobsbawm, Eric 1999 [1983]: Inventing Traditions; in: The Invention of Tradition. Ed. by Eric Hobsbawm and Terence Ranger, Cambridge, 5.1-14 Rieder, Katrin 1998: &#132;H\u00fcterin der bernischen Tradition&#148;. Eine Institutionenanalyse aus kulturgeschichtlicher Perspektive, Lizentiatsarbeit, Bern Sarasin, Philipp 1990: Stadt der B\u00fcrger. Struktureller Wandel und b\u00fcrgerliche Lebenswelt 1870-1900, Basel 1870-1900, Basel\/Frankfurt\/Main Sarasin, Philipp 1997: Stadt der B\u00fcrger. B\u00fcrgerliche Macht und st\u00e4dtische Gesellschaft, Basel 1846&#151;1914, 2. Aufl., G\u00f6ttingen\u00a0 Schl\u00e4ppi, Daniel 2006: Berns burgerliche Gesellschaften; in: Andre Holenstein et al. (Hg.), &#132;Berns M\u00e4chtige Zeit&#148;. Das 16. und 17. Jahrhundert neu entdeckt, Bern (i. E.) Schl\u00e4ppi, Daniel 2001: Die Zunftgesellschaft zu Schmieden zwischen Tradition und Moderne. Sozial-, struktur- und kulturgeschichtliche Aspekte von der Helvetik bis ins ausgehende 20. Jahrhundert, Bern (= Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, Bd. 81) Schl\u00e4ppi, Daniel 2005: Geschichte der Zunftgesellschaft zu Metzgern von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, Bern (i. E.) Siebenhaar, Beat\/St\u00e4hli, Fredy 2000: Stadtberndeutsch. Sprachportr\u00e4ts aus der Stadt Bern, Murten Tanner, Albert 1995: Arbeitsame Patrioten &#151; wohlanst\u00e4ndige Damen: B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerlichkeit in der Schweiz 1830-1914, Z\u00fcrich<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2275],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11957","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-daniel-schlaeppi","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Orientierung und Distinktion - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/orientierung-und-distinktion\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Orientierung und Distinktion - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Bedeutung von Geschichte f\u00fcr b\u00fcrgerliche Eliten: das Beispiel Bern aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.71\/79 Die aktuellen Figurationen b\u00fcrgerlicher Lebenswelten in Bern, von denen im folgenden die Rede sein soll, lassen sich nur nach einer historischen R\u00fcckschau interpretieren. 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