{"id":11959,"date":"2005-06-01T19:30:00","date_gmt":"2005-06-01T17:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/jenseits-von-verfallsklage-und-renaissancejubel-buergerliches-leben-in-der-gegenwart\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"jenseits-von-verfallsklage-und-renaissancejubel-buergerliches-leben-in-der-gegenwart","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/jenseits-von-verfallsklage-und-renaissancejubel-buergerliches-leben-in-der-gegenwart\/","title":{"rendered":"Jenseits von Verfallsklage und Renaissancejubel: B\u00fcrgerliches Leben in der Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 170 ( Heft 2\/2005), S.80-86<\/p>\n<p><i>Weder verschwinden momentan der B\u00fcrger, das B\u00fcrgertum, das B\u00fcrgerliche, noch erfahren sie gerade eine Renaissance. Sie existieren einfach, seit dem 19. Jahrhundert bis heute, und in durchaus \u00e4hnlicher Weise. Das Auf und Ab der Diskurse und Diagnosen ber\u00fchrt einen Menschentyp nicht, der unter den Bedingungen der modernen Welt ein selbst gestaltetes und frei geordnetes Leben f\u00fchren will. Der Sinn des B\u00fcrger-Begriffs in der gleichwohl schwelenden Debatte ist ein vielfacher. Keiner dieser vier &#132;B\u00fcrger&#148; ist der aufgeregten Diskussion bed\u00fcrftig.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"der-132buerger148-als-staatsbuerger\">Der &#132;B&uuml;rger&#148; als Staats&shy;b&uuml;rger<\/span><\/h5>\n<p>Staatsb\u00fcrger sind und bleiben wir alle, auf der heutigen Stufe politisch-sozialer Verfasstheit. Der politische B\u00fcrger ist Gegenstand der Reflexion seit Aristoteles, der ihn partikularistisch-ausschlie\u00dfend dachte; &#132;B\u00fcrger&#148; sind bei ihm die wenigsten. Universalistisch wird er gedacht erst in der Moderne, seit Thomas Hobbes&#8216; individualistischer Staatsbegr\u00fcndung, mit Verwirklichungsschritten in den Monarchien des 18. Jahrhunderts, in der Franz\u00f6sischen Revolution und durch den <i>Code Napoleon<\/i>, dann durch die Verfassungen des 19. Jahrhunderts, mit tats\u00e4chlichen Hemmnissen, etwa im preu\u00dfischen Drei-Klassen-Wahlrecht bis 1918. Ein politisch teilhabendes, allgemeines Staatsb\u00fcrgertum, die Gleichheit vor dem Gesetz und die Gleichheit der politischen Rechte sind seither das Selbstverst\u00e4ndliche. In diesem politischen Sinne ist der B\u00fcrger die Folge-Figur des zuerst durch den Absolutismus des 18. Jahrhunderts vereinheitlichten, unterschiedslos dem Staat gegen\u00fcbergestellten Untertanen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber braucht man nicht weiter zu reden, auch nicht \u00fcber den gew\u00fcnschten Grad der Engagiertheit dieses B\u00fcrgers. Zun\u00e4chst ist es durchaus ausreichend und politikphilosophisch befriedigend, wenn er im freiheitlichen Rechtsstaat sein Wahlrecht aus\u00fcben kann und aus\u00fcbt.<\/p>\n<h5><span id=\"der-132buerger148-als-akt-einer-selbstzuschreibung-emphatisch-elitaerer-art\">Der &#132;B&uuml;rger&#148; als Akt einer Selbst&shy;zu&shy;schrei&shy;bung empha&shy;tisch-e&shy;li&shy;t&auml;rer Art<\/span><\/h5>\n<p>In der Form elit\u00e4rer Selbstzuschreibung verbindet sich mit dem &#132;B\u00fcrger&#148; humanistische Bildung, selbst\u00e4ndige (Hettling 2000) oder akademisch-staatsdienstliche Arbeit, Orientierung an der Hochkultur und am Staat, dabei durchaus noch eine Thomas Mannsche Abwehr von Zumutungen des Politischen in der eigenen Lebenssph\u00e4re und die kulturkritische Skepsis der Vermassung und Verflachung des modernen Lebens.<\/p>\n<p>Dieser &#132;B\u00fcrger&#148; ist, so jedenfalls Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest in einem Interview mit dem Magazin <i>Cicero<\/i>, verschwunden (FesdSiedler 2005). Mit diversen Ein-dr\u00fccken begr\u00fcnden beide ihre Diagnose: Man sehe keine Krawatten mehr auf dem Kudamm; die Gesellschaft Berlins kenne weder B\u00fcrgertum mehr noch Kleinb\u00fcrgertum; es gebe keinen geltenden Kanon von b\u00fcrgerlichen Werten mehr, keine Zuverl\u00e4ssigkeit, Gesetzestreue und kein ernstes Staatsb\u00fcrgertum, \u00fcberhaupt keine gro\u00dfen Verb\u00e4nde, an die sich ein B\u00fcrgertum anschlie\u00dfen k\u00f6nne; der seit dem Nationalsozialismus die Deutschen besetzende Begriff der Volksgemeinschaft verunm\u00f6gliche ein B\u00fcrgertum, das von Abgrenzungen und Differenzbewusstsein lebe; in der Konsens-Demokratie k\u00f6nne es kein B\u00fcrgertum geben; das B\u00fcrgertum bestehe aus einem Leben in geordneter Freiheit, f\u00fcr das es aber einen bestimmten Menschen brauche (also dieser Mensch und dieses Leben verschw\u00e4nden); der Analphabetismus in Deutschland bedrohe B\u00fcrgerlichkeit.<\/p>\n<p>Solche Impressionen lassen einen zun\u00e4chst ratlos. Man befreie sich aus dieser b\u00fcrgerlichen Endzeitstimmung durch einen entschlossenen Blick in die Welt, &#132;auf der Suche nach Wirklichkeit&#148; (Helmut Schelsky). Siedler und Fest k\u00f6nnen keine B\u00fcrger dieses Zuschnitts mehr entdecken &#151; aber es gibt sie, mutma\u00dflich sogar recht zahlreich, selbst den Beamtenb\u00fcrger, den Siedler verschwunden glaubt wie den Hanseb\u00fcrger. Die immerhin feststellbaren Wandlungen der B\u00fcrgerlichkeit sind positiv: Kulturkritik spielt f\u00fcr die nachwachsenden B\u00fcrger nicht mehr die Rolle, die sie lange und noch f\u00fcr Siedlers und Fests Generation spielte. Auch die Frage &#132;politisch oder unpolitisch?&#148; wirkt heute alt. Politisches Interesse, politische Gespr\u00e4che und die Lekt\u00fcre einer guten Zeitung sind selbstverst\u00e4ndlich. Die Selbst\u00e4ndigkeit ist selten geworden; aber angestellte Akademiker empfinden sich als geistig hinreichend selbst\u00e4ndig und haben ihr b\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein von der Form (heute durchaus auch von der Existenz) des Arbeitsvertrages l\u00e4ngst entkoppelt.<\/p>\n<p>Der Blick in meinen Freundeskreis trifft auf lauter b\u00fcrgerliche Mittdrei\u00dfiger (und diese Freunde haben wiederum Freundeskreise voller B\u00fcrger): der Diplomat und die ministerialbeamtete Juristin, die keinen Liederabend vers\u00e4umen, mit allseits durch kultivierten Konsumgewohnheiten, sie klavierspielend, er Klassisch-B\u00fcrgerliches lesend, mehrsprachig und europ\u00e4isch beheimatet; der promovierte Historiker und die promovierte Kunsthistorikerin, er in hohem Amt in b\u00fcrgerlicher Partei, sie pendelnd im s\u00fcddeutschen Museumsdienst, Kunst sammelnd; der geisteswissenschaftliche Hochschulassistent und die Innenarchitektin zwischen hauptst\u00e4dtischer Kultur und Jahrhundertwende-Landhaus, die politische Journalistin und der Klinikarzt, theaterorientiert, klassische und spanische Musik aus\u00fcbend, mit Baby und stets Abendg\u00e4ste-offener Wohnung, der Wissenschaftsjournalist und die nach Norden pendelnde Forschungsinstituts-Biologin, um ein gelingendes Leben der Balance zwischen Berufen und zwei Kindern ringend, gespr\u00e4cheliebend und weltl\u00e4ufig; das Jungverlegerpaar, kunstsinnig und -sammelnd, exzessiv lesend, der Waldspazierg\u00e4nge so bed\u00fcrftig wie der Vernissagen, die promovierte Unternehmensberaterin und die Psychologin, an allem interessiert und an vielem teilhabend, was die Feuilletons besprechen; der K\u00fcnstler, lesende Maler, kunstgeschichtlich orientiert und versiert, in gro\u00dfz\u00fcgigem Altbau-Atelier, mit gelegentlichen Runden um eine durchaus b\u00fcrgerliche Tafel. Alle diese B\u00fcrger sind bereit zu finanziellem Engagement. Sie machen sich viele Gedanken, etwa \u00fcber die Frage, wie man in den partnerschaftlich-zweifachen b\u00fcrgerlichen Lebensentwurf Kinder integriert. Das einzig Beklagenswerte scheint heute zu sein, dass so viele b\u00fcrgerliche Menschen mit 35 beruflich noch keinen festen Boden unter sich f\u00fchlen oder so viele gar arbeitslos sind. Aber das macht sie nicht unb\u00fcrgerlich.<\/p>\n<p>Und es g\u00e4be ihn nicht, den Handwerker- oder Unternehmer-B\u00fcrger im Stadtrat? Und in den deutschen Parlamenten s\u00e4\u00dfen keine B\u00fcrger? Und in Hamburg g\u00e4be es keinen gebildeten und politisch t\u00e4tigen Kaufmanns-B\u00fcrger? Auch Siedler und Fest m\u00f6chte man zurufen, was die S\u00fcddeutsche Zeitung j\u00fcngst den schn\u00f6selig-abgrenzungss\u00fcchtigen Dandy-Konservativen, den Alexander von Sch\u00f6nburgs und Christian Krachts, zurief: &#132;Jungs, macht Euch mal wieder locker!&#148;<\/p>\n<h5><span id=\"der-132buerger148-als-der-vorherrschende-soziale-typ\">Der &#132;B&uuml;rger&#148; als der vorherr&shy;schende soziale Typ<\/span><\/h5>\n<p>Was hat es auf sich mit der Beobachtung, b\u00fcrgerliches Verhalten und b\u00fcrgerliche Werte (Kunstsammeln, M\u00e4zenatentum und Salon, Familien-, Werte- und Leistungs-Diskurse) erf\u00fchren gegenw\u00e4rtig eine Renaissance? Die B\u00fcrger im exklusiven Sinne haben nie auf-geh\u00f6rt, Kunst zu sammeln, sie haben nie aufgeh\u00f6rt, sich zu treffen, sich Vortr\u00e4ge zu halten und Gespr\u00e4che \u00fcber Kultur und Gesellschaft zu f\u00fchren; man denke nur an Rotarier und Lions-Club in jeder noch so kleinen Stadt. Dass Sammeln und Salon im Kommen seien, mag erstens ein Berliner Eindruck sein und w\u00e4re, wenn es zutr\u00e4fe, ein Ausdruck der seit dem Kaiserreich ununterbrochen zunehmenden Verbreitung b\u00fcrgerlicher Lebensformen &#150; und w\u00e4re zudem im Falle des Sammelns ein Ausdruck des immens gestiegenen Angebotes moderner Kunst und ein Ausdruck des Attraktivit\u00e4tsverlusts von Aktien.<\/p>\n<p>30-40j\u00e4hrige Neu-Berliner setzen selbst in solcher Salon-Seligkeit doch nur die nie gef\u00e4hrdete B\u00fcrgerlichkeit ihrer 68er-Eltern fort, die ihrerseits die ausgepr\u00e4gte B\u00fcrgerlichkeit der fr\u00fchen Bundesrepublik weitergetragen haben (seit Schwarz 1981 immer neu best\u00e4tigt, zuletzt Hettling et al. 2005). B\u00fcrgerlichkeit war l\u00e4ngst das \u00dcbliche, seit die Gesellschaft des Kaiserreichs sich zu verb\u00fcrgerlichen begonnen hatte (Nipperdey 1994). B\u00fcrger sind wir so viele wie nie in der &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#148; (Helmut Schelsky). Dass es in jener Gesellschaft fortdauernde Differenzen gibt, was man heute mit klugem Gesicht stets einwendet, h\u00e4tte Schelsky nie bestritten. Aber die von ihm beschriebene Tendenz zum Abklingen von Spannungen und Unterschieden bestand in den 1950er und 1960er Jahren unbestreitbar.<\/p>\n<p>In dieser &#132;Mittelstandsgesellschaft&#148; der Bundesrepublik ist die \u00fcberwiegende Mehrheit zwar unselbst\u00e4ndig, angestellt, aber in Konsumgestaltung, Lebensstil und sozialen Leitbildern als durchaus b\u00fcrgerlich anzusprechen (Freyer 1959). In ihr unterschieden sich nach 1945 dennoch etwa die Akademiker von den anderen: indem sie Hausmusik machten oder in Politik und \u00d6ffentlichkeit mit F\u00fchrungsanspruch pr\u00e4sent blieben (Siegrist 1994). Erster Weltkrieg, Revolution, Republik, Inflation, Nationalsozialismus und Krieg hatten zwar eine Krise des B\u00fcrgerlichen in Selbstgef\u00fchl und sozialem Status erzeugt, die aber doch offenbar \u00fcberwunden wurde. Die Erfolgsgeschichte der Verb\u00fcrgerlichung war dabei seit Nietzsche stets begleitet von B\u00fcrgertums-Kritik (Conti 1984), die in der Jugendbewegung, in Expressionismus, Nationalsozialismus und 68er-Bewegung hohe Wellen schlug, jenen Prozess aber doch nicht hinderte, ihn eher geistig er-frischte und belebte. Und die 68er haben Familie, Ordnung, Leistung und Karriere mit Leichtigkeit unter guten Rahmenbedingungen gelebt, sich dabei blo\u00df geleistet, anders zu reden. Gegen Verfallsklagen wie Renaissancejubel sprechen im \u00fcbrigen auch die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, die keinerlei Verfall etwa der individuellen Wertsch\u00e4tzung von Leistung in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren feststellen konnte (Bolte 1993).<\/p>\n<p>Diese fest gegr\u00fcndete B\u00fcrgerlichkeit scheint auch nicht grunds\u00e4tzlich gef\u00e4hrdet durch etwaige Ver\u00e4nderungen der Lebenssituation einzelner ihrer Tr\u00e4ger. Single-Dasein und Kinderlosigkeit oder prek\u00e4re Arbeitsbiographien und Geldeinbu\u00dfen machen nicht aus einem B\u00fcrger einen Nicht-B\u00fcrger, sondern aus einem vielleicht gl\u00fccklichen einen ungl\u00fccklichen B\u00fcrger und aus einem vielleicht sorglosen einen verunsicherten B\u00fcrger, aus einem B\u00fcrger mit Arbeit einen immer wieder auch ohne Arbeit. Wenn man die Chance hatte, einen b\u00fcrgerlich-geistigen Lebensstil zu erwerben, kann man ihn auch mit weniger Geld und in schwieriger Zeit aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Welche Differenzierungen sind n\u00f6tig, welche bisher unterbliebenen Unterscheidungen? Die klassische Unterscheidung zwischen citoyen und bourgeois in der B\u00fcrgertumsdebatte hilft nicht mehr; der deutsche B\u00fcrger-Begriff meint und fordert seit langem beides. Wie steht es um die Unterscheidung von B\u00fcrgern und Kleinb\u00fcrgern? Sind wir ein &#132;Millionenheer von Kleinb\u00fcrgern&#148; (Prinz Asfa-Wossen Asserate), die nichts als die Arbeit und den gelegentlichen Urlaub im Kopf haben, nach 1945 &#132;eine amorphe, flei\u00dfige Masse [..], die keinen Ehrgeiz hatte au\u00dfer Volkswagen und Rimini&#148; (Wolf Jobst Siedler)? Das sind ma\u00dflose Vereinfachungen. Es gibt diese Reduktion in den K\u00f6pfen, aber es gab und gibt dort auch Subtileres. Und das ganz Subtile war noch nie in der Mehrheit der gleichwohl b\u00fcrgerlichen K\u00f6pfe. Auch die Abgrenzungsversuche j\u00fcngerer Autoren wie Alexander von Sch\u00f6nburg oder Christian Kracht kommen f\u00fcr unsere Frage nicht in Betracht: In der U-Bahn etwa, die von Sch\u00f6nburg so unangenehm findet, sind viele B\u00fcrger unterwegs.<\/p>\n<p>Was folgt aus Paul Noltes wiederholter Wiederentdeckung der &#132;Unterschichten&#148;, deren Leitbild der Verb\u00fcrgerlichung zerbr\u00f6ckelt sei (Nolte 2004)? Seit zwei Jahrzehnten sei die neue Massenkultur zu einer Klassenkultur der Unterschichten geworden, mit den Problemfeldern Ern\u00e4hrung, Gewaltvideos und latenter Gewalt, Massenmedien vom&#132;Unterschichtenfernsehen&#148; bis zu den Bohlen- und Effenberg-B\u00fcchern, elektronischen autistischen Dauerspielen, Unh\u00f6flichkeit, Schulscheitern und Bildungsmangel und Jogging-Hose am Sonntag. Die Gesellschaft sei vielf\u00e4ltig gespalten, zwischen RTL2 und Arte, Aldi und Edelitaliener, zwischen Marken und Automodellen &#132;oben&#148; und &#132;unten&#148;. \u00dcberall best\u00fcnden Unterschiede und Segmentierungen und Klassenpr\u00e4gungen, auch r\u00e4umlich segregiert in Stadtteilen; \u00fcberall sei Schelsky \u00fcberholt und widerlegt (wenn er \u00fcberhaupt jemals Recht gehabt habe). Dabei geht es hier, das sieht auch Nolte, nirgendwo zuerst um Geldmangel (der Unterschichten-Lebensstil ist teuer!), sondern um Mangel an kulturellen Ressourcen, um die Sozialisation in problematische Lebensformen, Verhaltensweisen und Konsummuster.<\/p>\n<p>Das alles ist wohl wahr. Aber die Frage bleibt: Waren diejenigen fr\u00fcher geistiger, die heute viel RTL2 sehen? Neuere Studien belegen die Nivellierung des Medienkonsums: Ob wohlhabend, ob Akademiker oder ob beides nicht &#151; alle sehen alles, jeder guckt \u00fcberall mal rein; &#132;Unterschichtenfernsehen&#148; gibt es nicht (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. April 2005). Schon immer lebten viele beklagenswert dumpf und passiv und formlos ihr Leben. Hier waltet offenbar bei Nolte ein utopisches Moment; denn nicht aus allen Menschen werden &#132;B\u00fcrgerliche&#148;. Dass es stets so viele wie m\u00f6glich werden, muss das Ziel jeder Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik sein.<\/p>\n<p>Wieder innerhalb der Sozialgruppe der b\u00fcrgerlich Lebenden sollte man mit einer gr\u00f6\u00dferen Spanne von Lebensformen und -inhalten rechnen als man das im bildungsb\u00fcrgerlichen Deutschland oft zu tun bereit war. Es ist nicht so leicht, jemandem &#132;Bildung&#148; zu- oder abzusprechen. Das Bem\u00fchen jedenfalls, ihrer auf klassischem Wege habhaft zu werden, ist recht gro\u00df, selbst in Berlin: Jedes Konzert der Philharmoniker ist ausverkauft, jeder Lessing- und Goethe-Abend des Deutschen Theaters auch, die Lindenoper sehr gut ausgelastet, Kunst- und historische Ausstellungen sind Publikumsmagneten (der Verweis auf die &#132;Event-Kultur&#148; ist miesepetrig und hochn\u00e4sig). Daneben gibt es keinen Grund, denjenigen aus dem Ph\u00e4nomen &#132;B\u00fcrger\/b\u00fcrgerlich&#148; auszusortieren, der von solcher Hochkultur kaum noch etwas wahrnimmt und seine Zeit stattdessen der Science-Fiction-Literatur widmet oder den Platten der Berliner Elektro-Szene oder der Kunst des Kochens oder der Pflege des Gartens. Es macht keinen Sinn, hier zu eng und elit\u00e4r zu sein. Auch der eher traditionelle Bildungsb\u00fcrger hat immer neu zu begr\u00fcnden: Warum heute Schiller? Wenn wir darauf eine Antwort finden, k\u00f6nnte die \u00fcbrigens geistig anspruchsvoller sein als die Antwort des B\u00fcrgertums im 19. Jahrhundert, das auf den nationalen Schiller fixiert war. Es macht auch keinen Sinn, an der k\u00fcnftigen B\u00fcrgerlichkeit der Abiturienten- und Studierendenmassen zu zweifeln. Verflachung und Nivellierung &#151; Diagnosen, die hier hinzugeh\u00f6ren scheinen &#151; sind heute als dramatische Gegenwartsbeschreibung nicht mehr glaubw\u00fcrdig. Sie werden seit Tocqueville und Mill und Treitschke beklagt; sie sind l\u00e4ngst eingetreten &#151; seit immer mehr Menschen B\u00fcrger werden. Dabei handelt es sich jedoch um eine Verflachung auf recht hohem Niveau. Und die herausragenden, bedeutenden Einzelnen sind ja nicht verschwunden. Beachtenswert in diesem Zusammenhang ist vielmehr die seit Georg Simmel oft wiederholte Beobachtung, dass es seelisch und geistig noch nie so anstrengend war, \u00fcberhaupt zuleben, wie es das in der modernen Gesellschaft ist. Der B\u00fcrger ist also ein heroischer Bew\u00e4ltiger des Alltags.<\/p>\n<p>Gefahr f\u00fcr die B\u00fcrgerlichkeit unserer Gesellschaft scheint in diesem Sinne grunds\u00e4tzlich auszugehen von der Autonomiefeindlichkeit des modernen, des &#132;besch\u00e4digten Lebens&#148; (Theodor W. Adorno) in den &#132;gro\u00dfen Superstrukturen&#148; (Arnold Gehlen), dem der B\u00fcrger immer neu Freiheitspotentiale abzugewinnen sucht. Der B\u00fcrger ist in diesem Sinne der aktive Mensch, der immer neu darum k\u00e4mpft, in den &#132;sekund\u00e4ren Systemen&#148; des &#132;technischen Zeitalters&#148; (Hans Freyer) nicht geistig unkenntlich zu werden.<\/p>\n<h5><span id=\"der-132buerger148-als-projektion-reformpolitischer-appelle\">Der &#132;B&uuml;rger&#148; als Projektion reform&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;scher Appelle<\/span><\/h5>\n<p>Zumeist hat heute das Reden von &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; politische Gr\u00fcnde. Der &#132;eigenverantwortliche&#148; und familiengr\u00fcndende, der gemeinschaftsorientierte und stiftende B\u00fcrger wird beschworen. Das hat wenig mit der Renaissance einer Lebensform zu tun (die nie tot war), sondern gilt als \u00f6konomisch-sozialtechnische Notwendigkeit, die man als geistigen Appell verkleidet. Seit der letzten Jahrhundertwende und erneut nach 1945 in den Texten liberal-konservativer Autoren wie Wilhelm R\u00f6pke begleiten solche B\u00fcrger-Appelle die Welt der Massenzivilisation und des Sozialstaats. In der reformtrunkenen Publizistik heute sind sie allgegenw\u00e4rtig, von Arnulf Barings &#132;B\u00fcrger auf die Barrikaden&#148; \u00fcber Ulf Poschardts Anrufung einer dem Land heute fehlenden &#132;aufgekl\u00e4rten Souver\u00e4nit\u00e4t und Liberalit\u00e4t eines selbstbewussten und ehrgeizigen B\u00fcrgertums&#148; bis zu Paul Noltes neuer &#132;B\u00fcrgergesellschaft&#148;.<\/p>\n<p>Nolte will die in den Unterschichten manifesten Defizite an B\u00fcrgerlichkeit im Namen einer sich als Leitkultur verstehenden b\u00fcrgerlichen Kultur der b\u00fcrgerlichen Mittelschichten mutig bek\u00e4mpft sehen. Als b\u00fcrgerlich gilt ein moralisches, verantwortungsbewusstes und gemeinwohlorientiertes Verhalten, das in den Mittelschichten, so Nolte, allerdings auch kaum vorhanden sei, die selbst hedonistisch und egoistisch der nachwachsenden Generation Werte und Verantwortung zunehmend schwerer vermitteln k\u00f6nnten. Die hier n\u00f6tige Wende k\u00f6nne sich aber eine gegenw\u00e4rtige &#132;Wiederentdeckung&#148; b\u00fcrgerlich-konservativer Werte zunutze machen.<\/p>\n<p>Gegen eine solche, bei Nolte immerhin niveauvolle, Appell-Kultur wird hier eine Lanze f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesundheit Deutschlands gebrochen. Wir brauchen nicht mehr Gemeingef\u00fchl; in existentieller Situation wird es sich reichlich bew\u00e4hren (wovon dann alle \u00fcberrascht sind wie bei der Elbe-Flut 2002). Was soll das \u00fcberhaupt sein, die &#132;Ego-Gesellschaft&#148;? Jeder muss sich um sich selbst in seinem n\u00e4heren Umfeld k\u00fcmmern d\u00fcrfen; dass aus diesem legitimen vielfachen pursuit of happiness eine Gesellschaft werde, daf\u00fcr m\u00fcssen zuerst ordnende Regeln sorgen. Auf Menschlichkeit und Moral im relevanten Nahraum darf man noch immer vertrauen.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerliche &#132;Gesetzestreue&#148;, etwa im Steuer- und Sozialbereich, braucht vern\u00fcnftige Gesetze; vielfach sind Ordnungen unvern\u00fcnftig geworden, nicht die Menschen schlecht. &#132;Eigenverantwortung&#148; wird ge\u00fcbt werden, sobald ihr ein Raum geschaffen ist. Und es finden sich in den Lebenskreisen der B\u00fcrger durchaus politische Aktivit\u00e4t, kulturelle Initiative und soziale Verantwortung: In einer kleinen westf\u00e4lischen Stadt l\u00e4dt der Kulturausschuss die andernorts \u00fcberzeugende Shakespeare-Inszenierung in die Stadthalle, die Volkshochschule und der Mitgliederreiche Kunstverein richten Vernissagen und privat finanzierte, hochklassige Klavierabende aus, Orchester und Ch\u00f6re der Schulen, der Kirchengemeinden und der Stadt haben keinerlei Nachwuchssorgen, die Kommunalpolitik gilt als Feld sinnvoller Mitgestaltung, ein eigener Verein gr\u00fcndet und tr\u00e4gt ein Frauenhaus, ein Schreinermeister f\u00e4hrt viermal ins nicht ganz nahe Dortmund, um <i>Wagners Ring <\/i>zu sehen.<\/p>\n<p>So steht es um unser b\u00fcrgerliches Leben. Dem oft plausiblen kulturkritischen Blick gilt der B\u00fcrger seit langem als das Unwahrscheinliche. Freuen wir uns, dass es ihn so oft gibt.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Bolte, Karl Martin 1993: Wertewandel. Lebensf\u00fchrung. Arbeitswelt, M\u00fcnchen<br \/>Conti, Christoph 1984: Abschied vom B\u00fcrgertum. Alternative Bewegungen von 1890 bis heute, Ham-<br \/>burg<br \/>Fest, Joachim\/Siedler, Wolf Jobst 2005: Verschwindet das B\u00fcrgertum?; in: Cicero. Magazin f\u00fcr politische Kultur, April, S. 74-83<br \/>Freyer, Hans 1959: B\u00fcrgertum, Art. im Handw\u00f6rterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 2, G\u00f6ttingen Hettling, Manfred 2000: Die pers\u00f6nliche Selbst\u00e4ndigkeit. Der archimedische Punkt b\u00fcrgerlicher Le-<br \/>bensf\u00fchrung; in: Der b\u00fcrgerliche Wertehimmel. Innenansichten des 19. Jahrhunderts, hg, v. Man-<br \/>fred Hettling u. Stefan-Ludwig Hoffmann, G\u00f6ttingen, S. 57-78<br \/>Hettling, Manfred\/Ulrich, Bernd (Hg.) 2005: B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburg<br \/>Nipperdey, Thomas 1994: Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. 1: Arbeitswelt und B\u00fcrgergeist, M\u00fcnchen<br \/>Nolte, Paul 2004: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, M\u00fcnchen<br \/>Riedel, Manfred 1972: B\u00fcrger, Staatsb\u00fcrger, B\u00fcrgertum; in: Geschichtliche Grundbegriffe, hg. v. Otto Brunner et al., Bd. 1, Stuttgart, S. 672-725<br \/>Schelsky, Helmut 1965: Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufs\u00e4tze, D\u00fcsseldorf\/K\u00f6ln Schwarz, Hans-Peter 1981: Die \u00c4ra Adenauer. Gr\u00fcnderjahre der Republik 1949-1957, Stuttgart u.a. Siegrist, Hannes 1994: Der Wandel als Krise und Chance. Die westdeutschen Akademiker 1945-1965;<br \/>in: Wege zur Geschichte des B\u00fcrgertums, hg. v. Klaus Tenfelde u. Hans-Ulrich Wehler, G\u00f6ttingen,<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2277],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11959","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jens-nordalm","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Jenseits von Verfallsklage und Renaissancejubel: B\u00fcrgerliches Leben in der Gegenwart - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/jenseits-von-verfallsklage-und-renaissancejubel-buergerliches-leben-in-der-gegenwart\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Jenseits von Verfallsklage und Renaissancejubel: B\u00fcrgerliches Leben in der Gegenwart - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge Nr. 170 ( Heft 2\/2005), S.80-86 Weder verschwinden momentan der B\u00fcrger, das B\u00fcrgertum, das B\u00fcrgerliche, noch erfahren sie gerade eine Renaissance. 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