{"id":11960,"date":"2005-06-01T18:00:00","date_gmt":"2005-06-01T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/herrscher-der-raeume\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"herrscher-der-raeume","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/herrscher-der-raeume\/","title":{"rendered":"Herrscher der R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Handlungslogiken von Imperien am Beispiel der USA<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.105-116<\/p>\n<p><i>Irgendwann im vergangenen Jahrhundert scheinen der Wissenschaft von der Politik F\u00e4higkeit und Bereitschaft, die Funktionsweise von Imperien zu durchdenken, verloren gegangen zu sein. Die Frage nach der sozialpolitischen Ordnung wird fast durchweg auf die Alternative reduziert, vom Staat oder von der Gesellschaft her zu denken; dass beide Ordnungsmodelle durch imperiale Strukturen \u00fcberlagert sein k\u00f6nnen, wird entweder \u00fcbersehen oder entschieden negiert. L\u00e4sst man die normativen Politikentw\u00fcrfe des 20. Jahrhunderts Revue passieren, so kommen in ihnen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Imperien nicht vor. Und wo von Imperien die Rede ist, da in normativ ablehnender Form oder als einer politischen Ordnung, die prinzipiell der Vergangenheit angeh\u00f6re. Das Ende der europ\u00e4ischen Kolonialreiche und schlie\u00dflich der Zusammenbruch der Sowjetunion stehen f\u00fcr das Ende imperialer Ordnung. Angesichts der j\u00fcngsten politischen Entwicklungen d\u00fcrfte es freilich nahe liegend sein, das &#132;Denken des Imperiums&#148; neu zu erfinden. Dies ist um so dringlicher, als vermutlich eine ganze Reihe von Missverst\u00e4ndnissen und Dissensen zwischen den USA und einer Reihe europ\u00e4ischer Staaten aus eben diesem Nicht-Denken imperialer Handlungslogiken und Selbsterhaltungsimperative resultiert. Die Wiederaneignung eines &#132;Denkens des Imperiums&#148;, vor allem auf Seiten der Europ\u00e4er, ist darum nicht blo\u00df eine innerakademische Herausforderung, sondern sie tr\u00e4gt auch zur Kl\u00e4rung politischer Fragen und zur politischen Orientierung bei. Die &#132;Imperiumsvergessenheit&#148; des politischen Denkens d\u00fcrfte vielerlei Gr\u00fcnde haben: Entscheidend ist wohl, dass imperiale Strukturen durchweg unter dem Verdacht stehen, individuelle Freiheit und kollektive Selbstbestimmung zu blockieren, also eine mehr oder minder stark ausgepr\u00e4gte Form der Repression darzustellen, die politisch wie intellektuell zu bek\u00e4mpfen ist. Dementsprechend werden Imperien, wenn sie denn \u00fcberhaupt in den Blick kommen, von vornherein unter anti imperialen Vorzeichen betrachtet. Die \u00c4ra imperialer Machtentfaltung hinter sich gelassen zu haben, geh\u00f6rt zu den positiven Entwicklungen im Selbstverst\u00e4ndnis der Europ\u00e4er. Aber auch die USA haben ihren Gr\u00fcndungsakt, die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung gegen\u00fcber Gro\u00dfbritannien und die Gr\u00fcndung einer republikanischen F\u00f6deration, als einen anti imperialen Akt in ihr politisches Selbstverst\u00e4ndnis eingeschrieben. Die politische Ordnung der Staaten galt als das verbindliche Modell, zumal dies auch durch die UNO so festgeschrieben wurde. Aber dann kam der Kraft- und Bedeutungsverlust der Staaten dazwischen, der etwa Mitte der 1970er Jahre begann und sich in den 1990ern Jahren erheblich beschleunigte. Befinden wir uns also am Anfang einer neuen \u00c4ra imperialer Ordnung? Die Vermutung, dass dem so sein k\u00f6nne, ist in j\u00fcngster Zeit vermehrt zu h\u00f6ren: zumeist besorgt, gelegentlich auch erleichtert. Sehen wir uns also zun\u00e4chst die Struktur imperialer Macht und Ordnung an.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"die-differenz-zwischen-staatlicher-und-imperialer-macht\">Die Differenz zwischen staatlicher und imperialer Macht<\/span><\/h5>\n<p>Imperien folgen in Aufbau und Funktionsweise anderen Prinzipien als Staaten; demgem\u00e4\u00df unterliegen sie auch anderen politischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Der wohl wichtigste Unterschied zwischen staatlicher und imperialer Macht besteht darin, dass sich Staaten gegen\u00fcber anderen Staaten in einem reziproken Verh\u00e4ltnis der Gleichheit befinden. Das ist bei Imperien nicht der Fall. Die Idee des Staates und der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t, wie sie im Europa der Fr\u00fchen Neuzeit entstand, ist grunds\u00e4tzlich mit der Vorstellung einer Vielzahl von Staaten verbunden, die sich wechselseitig als gleichberechtigt anerkennen, auch wenn sie sich \u00fcber die Ziehung von Grenzen und die Zugeh\u00f6rigkeit von Gebieten streiten und deswegen sogar Kriege f\u00fchren m\u00f6gen. Dem Selbstverst\u00e4ndnis von Imperien dagegen ist diese Reziprozit\u00e4tsannahme fremd: Auch wenn im globalen Ma\u00dfstab mehrere Imperien nebeneinander bestehen und wom\u00f6glich sogar friedlich koexistieren, so erkennen sie sich doch nicht als Gleiche an, sondern begr\u00fcnden sich auf einander ausschlie\u00dfenden Ordnungsvorstellungen. In ihnen ist die soziopolitische Welt auf ein einziges Zentrum hin geordnet, und dieses Zentrum erkennt keine anderen gleichberechtigten Zentren neben sich an. Von daher tendieren Imperien grunds\u00e4tzlich zum Unilateralismus, w\u00e4hrend das Konzept der Multilateralit\u00e4t seiner Grundidee nach mit der pluriversen Staatenwelt verbunden ist.<\/p>\n<p>Der Ausschlie\u00dflichkeitsanspruch imperialer M\u00e4chte gilt selbst f\u00fcr die Zeit des Ost-West-Gegensatzes, als sich die USA und die Sowjetunion mitsamt den um sie gelagerten B\u00fcndnissystemen in einer bipolaren Weltordnung gegen\u00fcberstanden. Von einigen Ausnahmen abgesehen, haben sie zwar ihre jeweiligen Einflusssph\u00e4ren machtpolitisch respektiert, sich gegenseitig aber niemals gleiche Legitimit\u00e4t zugestanden. Die klassenideologische Aufladung dieses Gegensatzes, die aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stammt, aber in der Hoch-Zeit des Ost-West-Gegensatzes nur noch eine untergeordnete Rolle spielte, hat zahllose Beobachter dieser Konfliktlage in die Irre gef\u00fchrt und sie von einem &#132;Weltb\u00fcrgerkrieg&#148; sprechen lassen. Tats\u00e4chlich ging es um die konkurrierenden Legitimationsanspr\u00fcche zweier Imperien. Eine wechselseitige Anerkennung in Analogie zu den zwischenstaatlichen Anerkennungsverh\u00e4ltnissen war hier nicht m\u00f6glich. Sie scheiterte nicht am fehlenden Willen der politischen Akteure, sondern an den strukturellen Selbsterhaltungserfordernissen imperialer Ordnungen: H\u00e4tte der &#132;Westen&#148; den &#132;Osten&#148; als gleichberechtigt anerkannt, so h\u00e4tte er sich als politische Ordnung selbst aufgegeben,was in umgekehrter Hinsicht im \u00fcbrigen genauso gilt. Imperien haben, im Unterschied zu Staaten, eine mission, und die duldet keine gleichberechtigte Alternative neben sich.<\/p>\n<p>Aber die Bipolarit\u00e4t der internationalen Ordnung bis 1991 hat dazu gef\u00fchrt, dass die Kennzeichen und Leistungsanforderungen von Imperien im Hintergrund blieben und nicht offen zutage traten. Das \u00e4nderte sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als die Vereinigten Staaten als einzige verbliebene Weltmacht immer deutlicher als imperialer oder quasi-imperialer Akteur auftraten und dabei als das sichtbar wurden, was sie zuvor immer auch schon waren, jedoch nie so deutlich nach au\u00dfen gekehrt hatten: als imperiale Macht. \u00dcber vier Jahrzehnte n\u00e4mlich war die NATO f\u00fcr die USA eine Instanz der politisch-milit\u00e4rischen Selbstbindung und hatte deren M\u00f6glichkeiten imperialen Agierens Grenzen gesetzt. Zwar \u00fcbten die USA den bei weitem gr\u00f6\u00dften Einfluss innerhalb des B\u00fcndnisses aus, etwa indem sie grunds\u00e4tzlich den Oberkommandierenden der B\u00fcndnisstreitkr\u00e4fte stellten, aber andere wichtige Positionen, wie die des Generalsekret\u00e4rs, wurden von den Verb\u00fcndeten besetzt, die so einen ihre Gr\u00f6\u00dfe und milit\u00e4rische St\u00e4rke weit \u00fcberwiegenden Einfluss erlangten. Dies war der Preis, den die USA \u00fcber lange Zeit f\u00fcr die Stabilit\u00e4t und Handlungsf\u00e4higkeit des B\u00fcndnisses zu zahlen bereit waren. Es war dies eine Selbstbeschr\u00e4nkung unter den Bedingungen der Konkurrenz zweier Imperien, aus der die USA einen erheblichen politischen Mehrwert zogen, weil die Sowjetunion als konkurrierende imperiale Macht zu vergleichbaren Selbstbeschr\u00e4nkungen weder bereit noch in der Lage war. Eine den USA vergleichbare Selbstbeschr\u00e4nkung der Sowjetunion h\u00e4tte mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit zum Zerfall des Warschauer Paktes gef\u00fchrt &#150; und dadurch verwandelte sich die Selbstbeschr\u00e4nkung der USA in einen \u00fcberzeugenden Beweis ihrer politischen \u00dcberlegenheit.<\/p>\n<h5><span id=\"hegemonie-oder-imperium\">Hegemonie oder Imperium?<\/span><\/h5>\n<p>Die Selbstbeschr\u00e4nkungen der USA im Gegensatz zu den unbeschr\u00e4nkten Herrschaftsanspr\u00fcchen der Sowjetunion wurde h\u00e4ufig als der Unterschied zwischen Hegemonie und Imperium bezeichnet. Auch im Vorfeld des j\u00fcngsten Golfkrieges wurde diese Unterscheidung immer wieder bem\u00fcht, um den USA die Rolle eines &#132;wohlwollenden Hegemon&#148; schmackhaft zu machen. Aber die Grenzziehung zwischen Hegemonie und Imperium ist schwierig, weil die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend sind. Im Anschluss an Heinrich Triepel, dessen Buch <i>Die Hegemonie<\/i> nach wie vor die beste Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist, kann man sagen, dass sich der Hegemon an die Regeln, die er gegeben hat, auch selber h\u00e4lt, w\u00e4hrend das Imperium dazu tendiert, die Regeln seiner Machtaus\u00fcbung je nach den eigenen Erfordernissen zu \u00e4ndern (Triepel 1938). Man kann dies auch als den Unterschied zwischen Vor-Herrschaft und Herrschaft bezeichnen. Ebenfalls im Anschluss an Triepel kann man sagen, der Hegemon behandele seine Gefolgschaft formell als Gleiche, wenn er auch bei allen wesentlichen inhaltlichen Fragen erwarte, dass man seinen Vorgaben folge, wohingegen das Imperium nie von einer formellen Gleichheit zwischen der zentralen Macht und den Gefolgschaftsstaaten ausgehe. Tats\u00e4chlich konnte man den Unterschied zwischen NATO und Warschauer Pakt in der Zeit des Ost-West-Gegensatzes so beschreiben.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung zwischen Imperium und Hegemonie zeigt aber auch, dass die Art der Herrschaftsaus\u00fcbung nicht allein vom Zentrum abh\u00e4ngt, wie die meisten Imperialismustheorien unterstellt haben, sondern ebenso auch von der Peripherie: ob die expandierende Macht hier auf Akteure trifft, die ihr eher gleich oder g\u00e4nzlich verschieden sind, ob diese Akteure die Hegemonie des St\u00e4rkeren anerkennen, gar ihn um Schutz ersuchen oder ob sie sich ihm notorisch widersetzen usw. So kann man denn auch sagen, dass es die zur\u00fcckhaltende Form imperialer Machtaus\u00fcbung war, die Washington in Europa die kommode Position eines Hegemon erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<h5><span id=\"das-amerikanische-imperium-nach-1989\">Das ameri&shy;ka&shy;ni&shy;sche Imperium nach 1989<\/span><\/h5>\n<p>Das hat sich mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes ge\u00e4ndert. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schwand das Interesse der US-Administration an Selbstbindung, da der aus ihr gewonnene politische Mehrwert keine Rolle mehr spielte. So wurde die freiwillige Selbstbindung zunehmend als eine l\u00e4stige Fesselung durch die Verb\u00fcndeten erfahren, wodurch die eigene Handlungsf\u00e4higkeit \u00fcber Geb\u00fchr eingeschr\u00e4nkt wurde. Die M\u00f6glichkeit zu einer zun\u00e4chst unbemerkten L\u00f6sung dieser Fesseln stellte sich f\u00fcr die USA im Zusammenhang mit der NATO-Osterweiterung Ende der 1990er Jahre, in deren Verlauf sie die NATO aus einem Milit\u00e4rb\u00fcndnis in eine politische Allianz verwandelten, mit der sie West- und Mitteleuropa mit starken Ausstrahlungen auf Osteuropa unter ihrer Kontrolle halten k\u00f6nnen, ohne sich dabei gr\u00f6\u00dferen Selbstbindungen und Selbstverpflichtungen unterwerfen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Folgen dieser Ver\u00e4nderung wurden deutlich, als nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September 2001 die NATO zwar erstmals in ihrer Geschichte den B\u00fcndnisfall erkl\u00e4rte, sie in dem anschlie\u00dfenden Krieg gegen das afghanische Talibanregime aber keinerlei Rolle spielte, sondern durch eine <i>Koalition der Willigen <\/i>abgel\u00f6st wurde, in der die USA aufgrund fehlender formaler Strukturen eine uneingeschr\u00e4nkt dominierende Rolle spielten. Das Machtungleichgewicht zwischen den europ\u00e4ischen Staaten auf der einen und den USA auf der anderen Seite trat nunmehr offen zutage und wurde seitens der Amerikaner als Basis ihrer Entscheidungsdominanz in Anspruch genommen. Robert Kagan hat das in seinem Essay <i>Macht und Ohnmacht <\/i>ganz offen ausgesprochen: Die US-Amerikaner bestellen das Essen, die Europ\u00e4er waschen das Geschirr ab (Kagan 2003). Die Dramatik der Ver\u00e4nderungen, die sich hier innerhalb k\u00fcrzester Zeit vollzogen haben, wurde durch zwei Entwicklungen noch versch\u00e4rft: 1. durch den Umstand, dass die Amerikaner das R\u00fcstungsniveau des Ost-West-Gegensatzes tendenziell aufrechterhielten, w\u00e4hrend die Europ\u00e4er die Friedensdividende einstrichen und ihre R\u00fcstungsausgaben absenkten; 2. durch den Wechsel von der Clinton- zur Bush-Administration, die sich in ihrer politischen Grundausrichtung nicht einmal so sehr unterschieden, diese aber auf eine v\u00f6llig verschiedene Art kommunizierten. Vor allem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld f\u00fchrte dies den Europ\u00e4ern im Vorfeld des dritten Golfkrieges einige Male drastisch vor Augen.<\/p>\n<h5><span id=\"imperiale-mission-151-anti-imperialer-hass\">Imperiale Mission &#151; anti imperialer Hass<\/span><\/h5>\n<p>Die reziproken Anerkennungsverh\u00e4ltnisse der Staatenwelt, wie sie sich in Europa seit Mitte des 17. Jahrhunderts herausgebildet hat, erlauben den einzelnen Staaten den Verzicht auf eine weltgeschichtliche Legitimationsideologie, ja sie erzwingen ihn geradezu. Bei den Imperien ist das anders: Sie m\u00fcssen eine Ideologie entwickeln, die der soziopolitischen Ordnung des Imperiums eine herausgehobene Bedeutung f\u00fcr das Wohlergehen und den Fortbestand der Welt zuweist. Wir k\u00f6nnen dies die Mission des Imperiums nennen. Dabei kann es sich um die Sicherung des Friedens handeln, oder den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit oder die Durchsetzung von Marktwirtschaft, Demokratie und Menschenrechten, oder das Aufhalten des Weltendes und dergleichen mehr. Imperien rechtfertigen sich in ihrer machtpolitischen Singularit\u00e4t, ihrem Anspruch, den Gang der Dinge tendenziell f\u00fcr die ganze Menschheit zu entscheiden, durch ihr besonderes Verh\u00e4ltnis zur Geschichte, zu Gott, zur Vorsehung usw. Imperien schreiben sich so eine besondere Aufgabe zu, durch die sie zum Garanten und Aufseher des Wohls der gesamten Menschheit werden.<\/p>\n<p>Die weltpolitische Legitimationsideologie der Imperien provoziert freilich starke Reaktionen, vor allem an der Peripherie und jenseits der imperialen Grenzen. In ganz anderer Weise als Staaten sind Imperien das Objekt von Bewunderung wie Feindschaft. Die Staatenwelt kennt vergleichbares nicht, da sie durch die Konstruktion reziproker Anerkennung starke Zustimmungs- und Ablehnungsgef\u00fchle neutralisiert hat. Dagegen scheiden sich an den Imperien in aller Welt die Geister: in Freunde und Unterst\u00fctzer auf der einen sowie Hasser und Feinde auf der anderen Seite. Dass die USA weltweit pro-amerikanische wie antiamerikanische Stellungnahmen provozieren, ist nichts neues, sondern ein die Geschichte s\u00e4mtlicher Imperien begleitendes Ph\u00e4nomen. Im Prinzip handelt es sich dabei um Stellungnahmen zur imperialen Legitimationsideologie, die im einen Fall akzeptiert, wom\u00f6glich gar emphatisch unterst\u00fctzt und im anderen verworfen und bek\u00e4mpft wird. Imperien und viele ihrer B\u00fcrger haben darum ein anderes Verh\u00e4ltnis zu ihrer politischen Umgebung als die B\u00fcrger von Staaten: Sie fragen sich, warum sie nicht noch mehr bewundert und geliebt werden und sie f\u00fchlen sich gleichzeitig in hohem Ma\u00dfe angefeindet und bedroht.<\/p>\n<h5><span id=\"zentrum-und-peripherie-grenzen-und-raum\">Zentrum und Peripherie, Grenzen und Raum<\/span><\/h5>\n<p>Eine weitere Quelle f\u00fcr die notorischen Missverst\u00e4ndnisse zwischen US-Amerikanern und Kontinentaleurop\u00e4ern ist die unterschiedliche Wahrnehmung politischer Grenzziehungen und darauf begr\u00fcndet der unterschiedliche Umgang mit Grenzen. In der Welt der Staaten markieren politische Grenzen immer auch die Differenz zwischen Krieg und Frieden: Die \u00dcberschreitung einer solchen Grenze mit bewaffneter Macht ist hier mit einer Kriegserkl\u00e4rung gleichbedeutend, unabh\u00e4ngig davon, ob diese nun formell ausgesprochen wird oder nicht. Das ist bei Imperien keineswegs der Fall. Grenzen sind f\u00fcr Imperien fast immer semipermeabel: Von au\u00dfen nach innen darf sie keiner mit bewaffneter Gewalt \u00fcberschreiten, ohne mit massiver Gegenreaktion rechnen zu m\u00fcssen. F\u00fcr sich selber freilich nehmen Imperien sehr wohl in Anspruch, die Grenzen anderer Staaten zu \u00fcberschreiten und sich in deren innere Angelegenheiten einzumischen, ohne dass dies als ein Krieg im v\u00f6lkerrechtlichen Sinne anzusehen w\u00e4re. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind Mittelamerika und die Karibik der Hinterhof der USA. Das ist die zwingende Folge des imperialen Selbstverst\u00e4ndnisses als globaler Ordnungsgarant und Friedensstifter. Schon Caesar begr\u00fcndete seine Milit\u00e4rintervention in Gallien damit, dass dort Streitigkeiten zwischen verschiedenen St\u00e4mmen ausgebrochen seien und die unterdr\u00fcckte Seite ihn zur Hilfe gerufen habe. Er ging davon aus, dass der Senat in Rom diese Erkl\u00e4rung als Rechtfertigung einer weitreichenden Eroberungspolitik akzeptieren w\u00fcrde. Es steht au\u00dfer Frage, dass dieser Senat eine gallische Milit\u00e4rintervention in die r\u00f6mischen B\u00fcrgerkriege keinesfalls als gerechtfertigt angesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Imperien und Staaten unterscheiden sich nicht nur im Umgang mit Grenzen, sondern auch hinsichtlich der einheitlichen politischen Gestaltung des je eigenen Raumes. In Staaten hat die Machtaus\u00fcbung \u00fcberall und jederzeit auf die gleiche Weise und nach denselben Prinzipien zu erfolgen, und das um so mehr, je st\u00e4rker sich ein Staat zum Rechts- und Verfassungsstaat entwickelt hat. Imperiale Machtaus\u00fcbung ist dagegen nach einem System von Kreisen und Ellipsen geordnet, die vom Zentrum zur Peripherie auseinander laufen. Mit diesen Kreisen und Ellipsen ver\u00e4ndert sich auch die Art und das Ma\u00df der Selbstbindung imperialer Macht. Im Zentrum, im eigentlichen Kernland des Imperiums, ist sie am st\u00e4rksten, und hier gleicht sie dem, was f\u00fcr die Selbstbindung der Macht in Staaten gilt. Zur Peripherie hingegen nimmt sie immer weiter ab, ohne dass damit gegen die Funktionsprinzipien der imperialen Ordnung versto\u00dfen w\u00fcrde. Das zeigt sich nicht nur an der Frage, ob US-Recht auch in Guant\u00e4namo gilt. W\u00e4hrend Staaten ihre Stabilit\u00e4t und Funktionsf\u00e4higkeit aus der Herstellung einheitlicher Rechtsr\u00e4ume gewinnen, ist dies bei Imperien gerade nicht der Fall. Sie gewinnen Flexibilit\u00e4t und Handlungsf\u00e4higkeit aus dem Wechsel von Rechts- und Machtzonen. Probleme und Herausforderungen werden nach M\u00f6glichkeit in die Zone verlagert, wo sie am besten und effektivsten bearbeitet wer-den k\u00f6nnen. F\u00fcr Staaten w\u00e4re dies ein Prozess der Selbstaufl\u00f6sung, bei Imperien ist dies ein Flexibilit\u00e4tsgewinn. Aber bevor aus diesem Unterschied vorschnell antiimperiale Schlussfolgerungen gezogen werden, ist hinzuzuf\u00fcgen, dass imperiale Ordnungen auch eine Problembearbeitungskapazit\u00e4t besitzen, die die von Staaten weit \u00fcbersteigt.<\/p>\n<h5><span id=\"die-leistungsanforderungen-an-imperien\">Die Leistungs&shy;an&shy;for&shy;de&shy;rungen an Imperien<\/span><\/h5>\n<p>Die vergleichende Betrachtung imperialer Machtordnungen zeigt, dass diese f\u00fcnf Imperativen gen\u00fcgen m\u00fcssen, wenn sie \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum Bestand haben wollen. Das hei\u00dft sicherlich nicht, dass sie dies immer in gleichem Ma\u00dfe tun m\u00fcssen, aber das Scheitern an einer dieser Anforderungen bzw. auch nur ein sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hin-ziehendes Bearbeitungsdefizit f\u00fchrt zu wachsendem Problemdruck in den anderen Bereichen. In der Regel ist dann der Prozess des Verfalls einer imperialen Ordnung in eine irreversible Etappe eingetreten und der endg\u00fcltige Zusammenbruch des Systems l\u00e4sst nicht mehr lange auf sich warten. Es gibt freilich auch Beispiele daf\u00fcr, dass es entschlossenen und durchsetzungsf\u00e4higen Reformern gelungen ist, solche Krisen der imperialen Ordnung zu bew\u00e4ltigen und in einen neuen Zyklus imperialer Machtentfaltung einzutreten. In der r\u00f6mischen Geschichte sind die Kaiser Augustus, Diocletian und Konstantin Beispiele daf\u00fcr; in der britischen Geschichte wird man \u00e4hnliches von William Pitt d.J. (1759-1806) und William Gladstone (1809-1898) sagen k\u00f6nnen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die Voraussetzungen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der f\u00fcnf Leistungsimperative wiederhergestellt haben. Geht man davon aus, dass die USA nach einer langen, fast das gesamte 19. Jahrhundert andauernden Anlaufphase erst im \u00dcbergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zu einer imperialen Macht aufgestiegen sind, die Dauer des amerikanischen Imperiums also eher kurz ist und es sich noch auf dem Weg zum Zenit seiner Machtentfaltung befindet, so hat es bislang noch keine vergleichbare Krisenetappe durchschritten. Es k\u00f6nnte freilich sein, dass die US-Administration die Terroranschl\u00e4ge vom 11. September und die darin zu Tage getretene Verletzlichkeit ihrer Macht als Anbeginn einer solchen Krisenetappe begriffen und dementsprechend radikal darauf reagiert hat. Die Aufl\u00f6sung bisheriger Selbstbindungen k\u00f6nnte als ein starkes Indiz daf\u00fcr angesehen werden.<\/p>\n<p>Drei der Leistungsanforderungen an Imperien beziehen sich auf die Modi der Integration des beherrschten Raumes. Es handelt sich dabei um die wirtschaftliche, die kulturell-zivilisatorische und schlie\u00dflich die administrative Integration, die man sich jedoch nicht nach dem Prinzip der Vereinheitlichung, wie es f\u00fcr Staaten Geltung hat, vorstellen darf. Vielmehr geht es um die Herstellung eines sicheren Raumes, in dem Waren, Dienstleistungen und Informationen vom einen Ende bis zum anderen problemlos ausgetauscht werden k\u00f6nnen und der sich durch sein gesteigertes Sicherheitsniveau von den Zonen wachsender Unsicherheit an seinen R\u00e4ndern abgrenzt. Es sind vor allem die erh\u00f6hten Sicherheitsgarantien innerhalb dieses Raumes, durch die die imperiale Ordnung sich gegen\u00fcber der angrenzenden &#132;Unordnung&#148; als \u00fcberlegen erweist. Auf der Basis dieser Sicherheitsgarantien entstehen verdichtete Austauschbeziehungen, die den Wohlstand f\u00f6rdern, zivilisatorischen Fortschritt erm\u00f6glichen und eine kulturelle Bl\u00fcte hervorbringen, wie sie zuvor unvorstellbar gewesen ist. Fast zwangsl\u00e4ufig sind die Grenzen solch imperialer Machtordnungen darum &#132;Barbarengrenzen&#148;, an denen sich ein sozial differenzierter, wirtschaftlich fortgeschrittener und zivilisatorisch entwickelter Raum von seiner zur\u00fcckgebliebenen Umgebung abhebt. Genau dies macht die Attraktivit\u00e4t imperial beherrschter R\u00e4ume aus: Sie er\u00f6ffnen M\u00f6glichkeiten der Lebensf\u00fchrung, wie sie au\u00dferhalb ihrer nicht vorhanden sind. Diese M\u00f6glichkeiten fu\u00dfen durchweg auf dem h\u00f6heren Wohlstandsniveau, der gr\u00f6\u00dferen Sicherheit und der differenzierteren Bet\u00e4tigungsm\u00f6glichkeiten innerhalb des imperialen Raumes.<\/p>\n<h5><span id=\"die-macht-des-meeres\">Die Macht des Meeres<\/span><\/h5>\n<p>In der Geschichte haben seezentrierte Imperien durchweg eine gr\u00f6\u00dfere wirtschaftliche Integration zustandegebracht als landzentrierte. Auf See n\u00e4mlich waren die Transportkosten um ein Vielfaches niedriger als auf dem Landweg. Das um das Mittelmeer zentrierte Imperium Romanum und das zun\u00e4chst auf den Nordatlantik und sp\u00e4ter dann auf den Seeweg nach Indien gest\u00fctzte britische Empire waren wirtschaftlich viel st\u00e4rker integriert als das chinesische Reich oder das Reich der Zaren. Pointiert wird man sagen k\u00f6nnen: Seereiche wie die USA betreiben wirtschaftliche Integration \u00fcber Warenzirkulation, die sie besteuern; Landimperien konzentrieren sich dagegen auf Mehrproduktabsch\u00f6pfung durch administrative Besteuerung. Das erkl\u00e4rt, warum seegest\u00fctzte Imperien in der Regel erheblich liberaler sind und in geringerem Ma\u00dfe Einschr\u00e4nkungen der Freiheit vornehmen m\u00fcssen als landgest\u00fctzte Imperien. Gro\u00dfreiche, die \u00fcber Handel und Wandel integriert sind, k\u00f6nnen nicht nur liberaler sein als administrativ zusammengehaltene Reichsbildungen, sondern sie besitzen auch Flexibilit\u00e4tsvorteile, die in Krisensituationen von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung sind. Seezentrierte Imperien k\u00f6nnen Krisen darum besser meistern als gro\u00dfe Landreiche, die von au\u00dfen erobert werden oder an Revolutionen im Innern zerbrechen. Das gilt f\u00fcr Seereiche so nicht: Sie werden nicht erobert oder durch innere Revolutionen zerst\u00f6rt, sondern schwinden langsam dahin. Der Ost-West-Gegensatz in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts hat diese Grundregel der Weltgeschichte f\u00fcr landgest\u00fctzte Imperien einmal mehr best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hei\u00dft dies nicht, dass seegest\u00fctzte Imperien allein durch wirtschaftlichen Austausch und nicht auch durch Verwaltungsstrukturen integriert sind. Aber wie das Beispiel der USA zeigt, haben die Verwaltungsstrukturen hier eine geringere Bedeutung. Man k\u00f6nnte auch sagen, dass durch eine st\u00e4rkere Inanspruchnahme wirtschaftlicher Faktoren das Anforderungsgef\u00fcge seegest\u00fctzter Imperien so beschaffen ist, dass die Verwaltungsstrukturen nicht als erste \u00fcberlastet werden. St\u00e4rker wirtschaftliche als administrative Integration des imperialen Raumes hat zudem den Vorteil, dass die herrschaftlich repressive Seite der imperialen Ordnung weniger in den Vordergrund tritt. Und die Wohlstandgewinne f\u00f6rdern die Zustimmung zur imperialen Ordnung auch bei den nicht im Zentrum lebenden Imperiumsb\u00fcrgern. Wohlstandversprechen, gar Wohlstandssteigerung senkt die Beherrschungskosten. Wirtschaftliche Integration ist einer der &#132;weichen&#148; Faktoren der Macht im Sinne von Joseph Nye. Imperien funktionieren um so besser, je st\u00e4rker sie sich auf solche weichen Machtfaktoren st\u00fctzen k\u00f6nnen (Nye 2003). Das Umstellen auf die &#132;harten&#148; Faktoren der Macht, also auf die Beherrschungs- und Repressionsapparate wie Polizei und Milit\u00e4r, ist immer gleichbedeutend mit einem Flexibilit\u00e4tsverlust. Und vor allem f\u00fchrt es zu einem dramatischen Anstieg der Beherrschungskosten. Das wiederum f\u00fchrt zu wachsender Repression an der Peripherie und erh\u00f6hten Lasten im Zentrum.<\/p>\n<h5><span id=\"stabilitaet-und-sicherheit-als-sinn-des-imperiums\">Stabilit&auml;t und Sicherheit als Sinn des Imperiums<\/span><\/h5>\n<p>Dass diese kosteng\u00fcnstige Variante imperialer Integration zum Tragen gebracht werden kann, hat jedoch eine unverzichtbare Voraussetzung: die Garantie eines hohen Niveaus an Sicherheit innerhalb des imperialen Raumes. Nur unter dieser Voraussetzung kann es zu einer langfristig angelegten, robusten wirtschaftlichen Integration kommen. H\u00e4ndler und Gro\u00dfkaufleute, Unternehmer und Bankiers k\u00f6nnen nur dann langfristig angelegte Entscheidungen treffen, wenn ihnen solche Sicherheit gew\u00e4hrt wird. Freilich ist Sicherheit ein komplexer Begriff, und in ihm ist die Sicherung der Handelswege ebenso erfasst wie die Zuverl\u00e4ssigkeit der Informationen, die Rechtssicherung ebenso wie die Sicherung gegen \u00e4u\u00dfere Bedrohungen. Sicherheit ist der Inbegriff des Friedens. Es kommt darum nicht von ungef\u00e4hr, dass fast jedes Imperium sich als Friedensordnung begriffen und gefeiert hat: pax romana, pax britannica, pax sovjetica, pax americana&#8230;<\/p>\n<p>Strategisch versierte Gegner zielen darum auf diesen zentralen Funktionsimperativ imperialer Macht: ihre Sicherheitsgarantien. Sie k\u00f6nnen auf diese Weise den Imperien einen gr\u00f6\u00dferen und langfristig folgenreicheren Schaden zuf\u00fcgen, als wenn sie deren Herrschaftsapparat, vor allem das Milit\u00e4r, direkt angreifen w\u00fcrden. Als den germanischen Wanderv\u00f6lkern der Einbruch in die Tiefe des R\u00f6mischen Reiches gelungen war, hatte dies den Zusammenbruch der imperialen Infrastruktur zur Folge und die r\u00f6mische Milit\u00e4rmaschine, der diese Wanderv\u00f6lker in einer offenen Feldschlacht kaum gewachsen waren, kollabierte von selbst infolge des Zusammenbruchs ihrer wirtschaftlichen Voraussetzungen. Der rasche Zusammenbruch der europ\u00e4ischen Kolonialreiche in dey Mitte des 20. Jahrhunderts, von den Briten \u00fcber die Franzosen bis zuletzt zu den Portugiesen, folgte einem \u00e4hnlichen Muster: Zwar zielten die Partisanenkriege an der Peripherie nicht auf die wirtschaftlichen Verbindungslinien, aber sie erh\u00f6hten die Beherrschungskosten des imperialen Raumes und raubten den proimperialen Eliten in den Randgebieten die \u00dcberzeugung, dass sie sich auch in Zukunft auf die Sicherheitsgarantien des Imperiums verlassen konnten. Die Briten, die am st\u00e4rksten auf die wirtschaftliche Integration ihres Empire gesetzt hatten, erkannten als erste, dass sie dieser Herausforderung auf Dauer nicht gewachsen waren und gaben ihr Reich auf.<\/p>\n<p>Man wird die Bedeutung, die die Anschl\u00e4ge vom 11. September f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Zukunftsaussichten des amerikanischen Imperiums gehabt haben, nur richtig ermessen, wenn man sie als den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt einer strategischen Offensive gegen die beiden zentralen Leistungsanforderungen liberaler Imperien begreift: das Wohlstands-versprechen und die Sicherheitsgarantien. Auch wenn die R\u00fcstungsausgaben der Amerikaner mehr als doppelt so hoch sind wie die der Europ\u00e4er, so steht doch au\u00dfer Frage, dass die Beherrschungskosten des US-dominierten Raumes bislang eher gering und irr Vergleich mit fr\u00fcheren Imperien sehr niedrig gewesen sind &#150; jedenfalls wenn man sie an der Gr\u00f6\u00dfe des dominierten Raumes und dem in ihm erwirtschafteten Wohlstand misst. Das strategische Ziel der terroristischen Akteure vom 11. September war die Erh\u00f6hung der Beherrschungskosten f\u00fcr den US-dominierten Raum. Gleichzeitig zielten die Attacken aber auch auf das Sicherheitsgef\u00fchl der in diesem Raum lebenden Menschen: Unter den hochsensiblen Bedingungen eines wesentlich \u00fcber B\u00f6rsenkurse und Aktiennotierungen integrierten Wirtschaftsraumes sind es nicht so sehr die physischer.<\/p>\n<p>Verbindungslinien, \u00fcber deren Bedrohung Sicherheitsgarantien dementiert werden, sondern der Angriff zielt auf die sogenannte Phantasie der Anleger, \u00fcber die wirtschaftliche Unsicherheit und lange w\u00e4hrende Phasen \u00f6konomischer Depression ausgel\u00f6st werden. Die anschlie\u00dfenden Terrorangriffe auf Touristeneinrichtungen in Djerba, Bali unc Mombasa sollten diese Unsicherheitserfahrung auf die breite Masse der Touristen ausweiten. Analysen, die unter Hinweis auf die &#150; gemessen an fr\u00fcheren Kriegen &#150; geringe Zahl der Opfer diese Bedrohung zu relativieren versuchten, haben deren strategische Funktion nicht begriffen. Es ist keineswegs Hysterie, sondern die Folge einer k\u00fchlen Analyse, wenn die US-Administration davon ausgeht, dass es sich hier um einen Krieg handelt. Ob dieser Krieg Europa erfasst, was mit den Anschl\u00e4gen von Madrid kurz der Fall zu sein schien, wird sich demn\u00e4chst zeigen.<\/p>\n<h5><span id=\"imperiale-eliten\">Imperiale Eliten<\/span><\/h5>\n<p>Mit der wirtschaftlichen Integration des imperialen Raumes ist die Entstehung einer &#132;reichsweiten&#148; Ober- und Mittelschicht verbunden, die ein vitales Interesse an der Aufrechterhaltung der durch das Imperium hergestellten und garantierten Friedensordnung hat. Sie ist darum auch bereit, einen Teil der von ihr eingestrichenen Friedensdividende in die Aufrechterhaltung der imperialen Strukturen zu investieren. In der Regel findet dies seinen Niederschlag in der widerstandslosen Bereitschaft zur Abf\u00fchrung von Steuern und Abgaben, aus denen die Beherrschungskosten des imperialen Raumes finanziert werden. Aber diese Belastungen d\u00fcrfen den Ertrag der Friedensdividende nicht \u00fcber-schreiten &#150; das ist neben der wirtschaftlichen, administrativen und zivilisatorischen Integration die vierte Leistungsanforderung, der imperiale Ordnungen gen\u00fcgen m\u00fcssen. Wahrscheinlich d\u00fcrfen die Beherrschungskosten die Friedensdividende nicht einmal n\u00e4herungsweise verzehren, da sonst das Interesse dieser Ober- und Mittelschicht an der Aufrechterhaltung der imperialen Ordnung schwindet und man sich von kleinr\u00e4umigeren Ordnungen ein besseres Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis verspricht. Auf die USA bezogen stellt sich dies als die mit Finanzknappheit begr\u00fcndete Unterst\u00fctzungsverweigerung der engsten Verb\u00fcndeten und als ein Erstarken isolationistischer Grundstr\u00f6mungen innerhalb der amerikanischen Wahlbev\u00f6lkerung dar. Pr\u00e4sidenten, die Zuviel in die imperiale Ordnung investieren und dar\u00fcber den Wohlstand im imperialen Zentrum vernachl\u00e4ssigen, laufen Gefahr, bei der n\u00e4chsten Wahl abgel\u00f6st zu werden. Die in ihrem Zentrum demokratisch kontrollierten Imperien sind dadurch gekennzeichnet, dass ein privilegierter Teil der Reichsbev\u00f6lkerung die Kosten-Nutzen-Relation imperialer Machtentfaltung in regelm\u00e4\u00dfigem Abstand kontrolliert. Man wird darum davon auszugehen haben, dass beim amerikanischen Imperium die Orientierung an der Kosten-Nutzen-Bilanz eine sehr viel st\u00e4rkere Rolle spielt, als dies in den klassischen Weltreichen der Fall gewesen ist. Das ist einerseits ein Selbstschutz gegen milit\u00e4rische Abenteuer, die im Falle der USA sehr viel schneller korrigiert werden als bei den vorangegangenen Imperien, aber es ist zugleich auch eine Angriffsm\u00f6glichkeit, die von den strategischen Gegnern der USA ausgebeutet werden kann. Die Tr\u00e4ger des Widerstands im Irak scheinen dies sehr genau erkannt zu haben.<\/p>\n<h5><span id=\"herrscher-der-raeume\">Herrscher der R&auml;ume<\/span><\/h5>\n<p>Als f\u00fcnfte und letzte Leistungsanforderung an ein Imperium ist schlie\u00dflich die F\u00e4higkeit zur milit\u00e4rischen Sicherung der Grenzen zu nennen, wobei \u00fcber die blo\u00dfe Grenzsicherung hinaus die Bereitschaft zur politischen Kontrolle der um die Peripherien des Reichs angrenzenden R\u00e4ume geh\u00f6rt. Einmal mehr unterscheidet dies Imperien von Staaten. Selbstverst\u00e4ndlich unterliegen auch Staaten den Erfordernissen einer milit\u00e4rischen Grenzsicherung, und sie treffen auch dann daf\u00fcr Vorkehrungen, wenn sie nur von befreundeten Staaten umgeben sind. Im Unterschied dazu haben Imperien aber auch das Vorfeld dieser Grenzen im Auge und unter Kontrolle zu behalten; imperiale Grenzen sind n\u00e4mlich, wie oben dargelegt, keine zwischen gleichartigen politischen Gebilden, sondern grenzen den imperial geordneten Raum von der ihn umgebenden Unordnung ab. Damit diese Unordnung den imperial geordneten Raum nicht schrittweise infiltriert, wird sie auf deren eigenem Gebiet durch imperiale Interventionen bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Die von Imperien betriebene Art der Grenzsicherung greift demgem\u00e4\u00df sehr viel h\u00e4ufiger und auch sehr viel schneller zu milit\u00e4rischen Mitteln, als dies in der Handlungsrationalit\u00e4t von Staaten, zumal von demokratischen Staaten liegt. Freilich bildet hier nicht die Regierungsform der Demokratie, sondern die Organisation der Macht in Form eines Staates oder eines Imperiums den entscheidenden Unterschied. Zwischenstaatliche Kriege waren bereits im 19. Jahrhundert sehr viel seltener als imperiale Milit\u00e4rinterventionen in angrenzende Gebiete. Daf\u00fcr waren zwischenstaatliche Kriege, selbst wenn sie kurz ausfielen, sehr viel blutiger als imperiale Interventionen, die sich selbst den Charakter von Pazifizierungskriegen gaben. In den Kriegen zwischen Staaten treffen gleich-artige M\u00e4chte aufeinander, die zu einer tendenziell gleichen Ressourcenmobilisierung in der Lage sind. Dementsprechend hart wird um den Sieg gerungen. In ihrer ganzen Geschichte haben die USA gegen einen \u00e4u\u00dferen Feind (der Sezessionskrieg des S\u00fcdens ist hier also nicht einbezogen) keinen so verlustreichen Krieg gef\u00fchrt wie die europ\u00e4ischen Staaten w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs. Imperiale Kriege sind in der Regel asymmetrische Kriege, in denen die milit\u00e4rorganisatorisch und waffentechnisch \u00fcberlegene imperiale Macht auf keinen gleichartigen und demgem\u00e4\u00df auch keinen gleichwertigen Gegner trifft. Dadurch gelingt es ihr fast immer, die eigenen Verluste in Grenzen zu halten.<\/p>\n<p>Die von einem Teil der europ\u00e4ischen Staaten an der Irakpolitik der USA ge\u00fcbte Kritik ist aus der Vorstellung erwachsen, hier handele es sich um die Konfrontation zwischen zwei gleichartigen und gleichberechtigten Staaten, was es gem\u00e4\u00df den Bestimmungen der UN-Charta ja auch war. In amerikanischer Perspektive hingegen handelte es sich um die Pazifizierung einer Peripheriezone des Imperiums. Nie und nimmer war dies f\u00fcr die Amerikaner ein Konflikt zwischen Gleichen, sondern eine weltpolitische Ordnungsma\u00dfnahme; dementsprechend traten sie im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf. Das Zerw\u00fcrfnis zwischen einem Teil der europ\u00e4ischen Staaten und den USA resultiert darum, entgegen den \u00dcberlegungen Robert Kagans, nicht aus unterschiedlichen strategischen Kulturen, sondern aus einem ordnungspolitischen Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Asmus, Ronald D. 2002: Opening NATO&#8217;s Door. How the alliance remade itself for a new Era, New York Fukuyama, Francis 1992: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, M\u00fcnchen<br \/>Hacke, Christian 2001: Zur Weltmacht verdammt. Die amerikanische Au\u00dfenpolitik von J.F. Kennedy bis G.W. Bush, M\u00fcnchen<br \/>Hardt, Michael\/Negri, Antonio 2002: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt\/Main\/New York Hertsgaard, Mark 2003: Im Schatten des Sternenbanners. Amerika und der Rest der Welt, M\u00fcnchen\/Wien<br \/>Huntington, Samuel 1996: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wien\/M\u00fcnchen<br \/>Johnson, Chalmers 2000: Ein Imperium verf\u00e4llt. Ist die Weltmacht USA am Ende?, M\u00fcnchen Kagan, Robert 2003: Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin Kennedy, Paul 1989: Aufstieg und Fall der gro\u00dfen M\u00e4chte. \u00d6konomischer Wandel und milit\u00e4rischer<br \/>Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt\/Main<br \/>M\u00fcnkler, Herfried 2002: Die neuen Kriege, Reinbek<br \/>M\u00fcnkler, Herfried 2005: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft vom alten Rom bis zu den USA, Berlin Nye, Joseph S. 2003: Das Paradox der amerikanischen Macht. Warum die einzige Supermacht der Welt Verb\u00fcndete braucht, Hamburg<br \/>Schmitt, Carl 1981 [1944]: Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung, K\u00f6ln-L\u00f6venich Todd, Emmanuel 2002: Weltmacht USA. Ein Nachruf, M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich<br \/>Triepel, Heinrich 1938: Die Hegemonie. Ein Buch von f\u00fchrenden Staaten, Stuttgart<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2278],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11960","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-herfried-muenkler","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Herrscher der R\u00e4ume - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/herrscher-der-raeume\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Herrscher der R\u00e4ume - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Handlungslogiken von Imperien am Beispiel der USA aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.105-116 Irgendwann im vergangenen Jahrhundert scheinen der Wissenschaft von der Politik F\u00e4higkeit und Bereitschaft, die Funktionsweise von Imperien zu durchdenken, verloren gegangen zu sein. 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