{"id":11966,"date":"2005-03-01T22:00:00","date_gmt":"2005-03-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-39\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"editorial-39","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/editorial-39\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S. 1<\/p>\n<p>Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualit\u00e4tszeitungen reduzierten ihre Umf\u00e4nge und gaben ganze Zeitungsteile v\u00f6llig auf. Die SPD wurde Eigent\u00fcmerin der<i> Frankfurter Rundschau<\/i>, nachdem diese linke Tageszeitung zuvor eine B\u00fcrgschaft von der Regierung Roland Kochs annehmen musste, um zu \u00fcberleben. Medienkonzerne wollen Kartellregelungen aushebeln und ringen um eine Ministererlaubnis f\u00fcr geplante Fusionen, die mit der Zeitungskrise begr\u00fcndet werden. Textlieferanten ersetzen Redaktionen, der Anzeigenmarkt bricht als Folge der \u00f6konomischen Krise zusammen. Anspruchsvolle intellektuelle Nischenprodukte mit Tradition werden abgesto\u00dfen: der Rowohlt Verlag trennte sich vom <i>Kursbuch<\/i>, der DGB stellte die <i>Gewerkschaftlichen Monatshefte <\/i>ein. Die Lage der &#132;Vierten Gewalt&#148; scheint gef\u00e4hrdet wie kaum je zuvor.<\/p>\n<p>Jedoch relativiert sich das Bild bei genauerem Hinsehen: Die Krise der Tageszeitungen folgte auf einen beispiellosen Boom Ende der 1990er Jahre; Qualit\u00e4tsmedien wie die <i>Zeit oder der Spiegel <\/i>stehen zudem weiterhin \u00f6konomisch gut da. Zwar beklagen kulturkritisch gef\u00e4rbte Diagnosen &#8211; die \u00fcbrigens die Medien seit jeher begleiten &#8211; einen Verfall der \u00f6ffentlichen Kommunikation und verweisen dabei mit Recht auf die ebenso unbestreitbare und wie unaufhaltsame Trivialisierung der Medienwelt <i>\u00e4 la Dschungelcamp <\/i>oder Sch\u00f6nheits-OP-Shows im Fernsehen. Doch zugleich waren die M\u00f6glichkeiten, sich fundiert und tiefsch\u00fcrfend zu informieren, noch nie so gut wie heute; die Zugangsm\u00f6glichkeiten zu hochwertigem Wissen haben sich enorm demokratisiert. Solche scheinbar gegenl\u00e4ufigen Tendenzen sind zum einen Indizien f\u00fcr reale gesellschaftliche Spaltungsprozesse zwischen bildungsorientierten Medieneliten und zappenden Dauerkonsumenten. Zum anderen spiegeln sie das eherne Gesetz der Moderne: Zunehmende Individualisierung emanzipiert und erm\u00f6glicht die freie Wahl; dauerhafte Bindung \u00fcber den Moment hinaus nimmt dadurch jedoch ab. Die Ressource Aufmerksamkeit wird nicht mehr kontinuierlich und l\u00e4ngerfristig verteilt, intellektuelle Konzentration erfolgt situativ. Ist damit der &#132;kritische Aufkl\u00e4rungsjournalismus \u00fcberholt&#148;, m\u00fcssen Journalisten endlich &#132;Abschied nehmen von ihrem alten Aufkl\u00e4rungsideal&#148;, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz j\u00fcngst forderte?<\/p>\n<p>Die <i>vorg\u00e4nge <\/i>verteidigen unverdrossen das alte kritische Aufkl\u00e4rungsideal: Die Philosophin<i> Simone Dietz <\/i>\u00fcberpr\u00fcft das Potential, das die Fernsehkritik in G\u00fcnter Anders&#8216; <i>Antiquiertheit des Menschen <\/i>(1956) f\u00fcr eine Analyse der heutigen Medienlandschaft besitzt. <i>Thomas J\u00e4ger <\/i>und <i>Henrike Viehrig <\/i>interpretieren in ihrem empirisch fundierten Beitrag die Berichterstattung \u00fcber die Flutkatastrophe Ende 2004, die eine ver\u00e4nderte Politik bewirkt habe. Dem komplexen Wechselverh\u00e4ltnis zwischen massen-medialem System und Journalismus geht <i>Garsten Brosda <\/i>nach; er betont die autonome Eigenlogik des Journalismus, die auch k\u00fcnftig Chancen f\u00fcr kommunikative Qualit\u00e4t b\u00f6te. Aus journalistischer Sicht fasst <i>R\u00fcdiger Soldt<\/i> die Wandlungsprozesse in der Realit\u00e4t \u00fcberregionaler Tageszeitungen zusammen. <i>Thomas Leif <\/i>verweist auf die Gefahren f\u00fcr die Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148;: wachsender PR-Einfluss, Dauerinszenierungen und Verlust kritischer Recherchekompetenz. Schlie\u00dflich wirft <i>Gottfried Oy <\/i>einen differenzierten Blick auf Alternativmedien, deren Krise schon Ende der 1970er Jahre einsetzte und die dennoch ihre Rolle als Produzenten eines kritischen Gegendiskurses erf\u00fcllten. Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.<\/p>\n<p>Der<i> Essay <\/i>von Reinhard R\u00fcrup besch\u00e4ftigt sich sechzig Jahre nach Kriegsende mit einem besonderen Erinnerungsort: der Topographie des Terrors in Berlin. Als langj\u00e4hriger Direktor schildert er anhand eigener Erfahrungen ihren bis heute schwierigen Werdegang vor dem Hintergrund deutscher Gedenkkultur. In den Kommentaren und Kolumnen pl\u00e4diert Robin Celikates f\u00fcr die gesellschaftskritische Funktion von Sozial-und Kulturwissenschaften; <i>Ulrich Finckh <\/i>fordert eine Vereidigung der Soldatinnen und Soldaten auf die Verfassung; <i>Mischa Bechberger <\/i>und Danyel Reiche erkl\u00e4ren die Instrumente zur F\u00f6rderung erneuerbarer Energien. Am Ende erinnert die Schriftstellerin Inge Deutschkron in einem gro\u00dfen Portr\u00e4t an Gustav Heinemann. Rezensionen beschlie\u00dfen wie gewohnt das Heft.<\/p>\n<p>Intellektuell anregende und aufkl\u00e4rende Lekt\u00fcre w\u00fcnscht<\/p>\n<p>Alexander Lammann<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11966","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/editorial-39\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S. 1 Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualit\u00e4tszeitungen reduzierten ihre Umf\u00e4nge und gaben ganze Zeitungsteile v\u00f6llig auf. 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