{"id":11967,"date":"2005-03-01T21:20:00","date_gmt":"2005-03-01T20:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/weltverlust-und-medienwirklichkeit\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"weltverlust-und-medienwirklichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/weltverlust-und-medienwirklichkeit\/","title":{"rendered":"Weltverlust und Medienwirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Zur Aktualit\u00e4t von G\u00fcnther Anders&#8216; Fernsehkritik<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S.3-10<\/p>\n<p>1956, als man in Deutschland noch stolz darauf sein konnte, \u00fcberhaupt einen Fernsehapparat zu besitzen, als die Zapperwelt der Fernbedienung, der 24-Stunden-Programme und der \u00fcber zwanzig Fernsehkan\u00e4le noch ein ferner Traum war und der Begriff der virtuellen Realit\u00e4t noch keine Verbreitung hatte, ver\u00f6ffentlichte der aus dem amerikanischen Exil nach Europa zur\u00fcckgekehrte Philosoph G\u00fcnther Anders sein Buch <i>Die Antiquiertheit des Menschen.<\/i> Unter dem Titel <i>Die Welt als Phantom <\/i>und Matrize verkn\u00fcpfte er darin ein seit Rousseau bekanntes Motiv der Kulturkritik, die Entfremdung des Menschen von der Welt, mit dem damals neuen Ph\u00e4nomen des Fernsehens. Durch Massenmedien werde uns die Welt entfremdet und in einem Vorgang der Pseudofamiliarisierung verbiedert, meinte G\u00fcnther Anders schon damals. Wir selbst entwickelten uns dabei zu &#132;Masseneremiten&#148; und &#132;voyeurhaften Herrschern \u00fcber Weltphantome&#148; (Anders 19801: 116).<\/p>\n<p>Auf die behaglichen Puschenkinozuschauer der 1950er Jahre musste diese unvers\u00f6hnliche Kritik am Fernsehen als moralinsaure Spielverderberei wirken. Wie ist sie heute, fast f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter zu beurteilen, in einer Zeit, in der das Fernsehen f\u00fcr uns alle so selbstverst\u00e4ndlich zum Alltag geh\u00f6rt, dass die Kritik daran keine blo\u00dfe Warnung mehr sein kann, sondern der unbequemen Aufforderung gleichkommt, unser Leben zu \u00e4ndern? Von heute aus betrachtet erzeugen G\u00fcnther Anders&#8216; Thesen \u00fcber das Fernsehen ein \u00fcberraschend widerspr\u00fcchliches Bild: Seine Kritik wirkt sowohl \u00fcberzogen und \u00fcberholt als auch prophetisch und aktuell, und diese Ambivalenz ist es wert, n\u00e4her betrachtet zu werden.<\/p>\n<h5><span id=\"die-gesendete-schlaraffenwelt\">Die gesendete Schla&shy;raf&shy;fen&shy;welt<\/span><\/h5>\n<p>&#132;Wenn die Welt zu uns kommt, statt wir zu ihr&#148;, schreibt G\u00fcnther Anders, &#132;so sind wir nicht mehr ,in der Welt&#8216;, sondern ausschlie\u00dflich schlaraffenlandartige Konsumenten. [&#8230;] Wenn sie zu uns kommt, aber doch nur als Bild, ist sie halb an- und halb abwesend, also phantomhaft. [&#8230;] Wenn die dominierende Welterfahrung sich von solchen [mobilen und virtuell zahllosen] Serienprodukten n\u00e4hrt, dann ist (sofern man unter ,Welt` noch dasjenige versteht, worin wir sind), der Begriff ,Welt` abgeschafft, die Welt verspielt&#8220; (Anders 1980 I: 11 lf.).<br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Allein der Hinweis, dass Anders&#8216; These vom Weltverlust in der Tradition kulturkritischer Entfremdungstheorien steht, reicht nicht aus, um sie zu adeln. Im Gegenteil &#150; seine Formel vom Weltverlust muss zun\u00e4chst einmal unter Sinnlosigkeitsverdacht gestellt werden. Denn wenn ,Welt` im Sinn einer Totalit\u00e4t verstanden wird, einer Allheit dessen, was der Fall ist, dann ist die These ihres Verlusts absurd. Um &#132;Weltverlust&#148; zu konstatieren, muss man einen au\u00dferweltlichen, einen &#132;extramundanen&#148; Standpunkt einnehmen k\u00f6nnen, zum Beispiel durch die Wendung vom Irdischen zum G\u00f6ttlichen. Aber einen g\u00f6ttlichen Standpunkt hat der Atheist G\u00fcnther Anders gewiss nicht im Sinn gehabt. Was also markiert den Gegenpol zur Welt, aus dem die These vom Weltverlust ihren Sinn bezieht?<\/p>\n<p>G\u00fcnther Anders&#8216; ,Welt` ist weder eine ontologische Kategorie im Sinn einer Allheit des Seins, noch ist sie, im Sinn Kants, eine regulative Idee, die auf Ganzheit zielt. Gemeint ist auch keine spezifische Seinsregion im ph\u00e4nomenologischen Sinn. ,Welt` ist f\u00fcr Anders vielmehr eine bestimmte Art der Erfahrung, die er mit Heideggers Begriff des &#132;In-der-Welt-seins&#148; bezeichnet. Genau genommen geht es um ein bestimmtes Weltverh\u00e4ltnis des Menschen, um das Verh\u00e4ltnis zu einem &#132;Au\u00dfen&#148;, das nicht durch uns bestimmt und uns nicht gef\u00fcgig ist, in dem wir uns verorten als in einem unbequemen, widerst\u00e4ndigen Ansich. Dieses Weltverh\u00e4ltnis bildet die normative Basis f\u00fcr Anders&#8216; Kritik an der falschen, der phantomhaften Welt der Fernsehkonsumenten, die nach seiner Deutung der uralten Idee des Schlaraffenlands nachgebildet ist:<\/p>\n<p>&#132;Dieses Schlaraffenland ist, wie man sich erinnert, im <i>ganzen essbar<\/i>&#148;, schreibt Anders, &#132;mit Haut und Haaren, weil [&#8230;] [diese Welt] ungenie\u00dfbare Reste schon nicht mehr enth\u00e4lt. Und jener letzte ,Widerstand`, den die r\u00e4umliche oder geldliche Distanz der Ware vom Konsumenten gew\u00f6hnlich darstellt, ist dort gleichfalls vernichtet, weil sich die Gegenst\u00e4nde, die ,gebratenen Tauben&#8216; selbst ,senden`, n\u00e4mlich in die bereits offenen M\u00e4uler hineinfliegen. Da die St\u00fccke dieser Welt keinen anderen Zweck haben als den, einverleibt, verzehrt und assimiliert zu werden, besteht der Daseinsgrund der Schlaraffenwelt ausschlie\u00dflich darin,<i> ihren Gegenstandscharakter zu verlieren<\/i>; also nicht als Welt dazusein. Und damit ist die heutige ,gesendete` Welt beschrieben.&#148; (Anders 1980I: 195).<\/p>\n<h5><span id=\"verbiederung-phantom-matrize\">Verbie&shy;de&shy;rung, Phantom, Matrize<\/span><\/h5>\n<p>Verbiederung, Phantom, Matrize &#150; das sind die Stichworte, mit denen Anders die entfremdete, falsche Welt des Fernsehens beschreibt, die als Ganze zur L\u00fcge wird.<\/p>\n<p>Verbiedert ist die Fernsehwelt in der Scheinvertrautheit, mit der sie in unser Zuhause kommt, in der nun auch das Ferne so nah liegt und den konzentrischen Aufbau von Nah und Fern des nat\u00fcrlichen Weltverh\u00e4ltnisses neutralisiert (Anders 1980 I: 110). Inder anbiedernden Heuchelei der Moderatoren, die uns begr\u00fc\u00dfen wie gute Freunde und sich verabschieden mit der Hoffnung, uns in der n\u00e4chsten Sendung wieder zu sehen, als s\u00e4hen sie uns wirklich und nicht nur wir sie, werden Fremde zu Schein-Bekannten. In der konsumgerechten Zurichtung zum gut verdaulichen Serienprodukt ist die Welt scheinbar f\u00fcr uns da, wann immer wir es w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Als <i>Phantome <\/i>sind die Fernsehbilder weder Wirklichkeit noch Schein, weder Gegenw\u00e4rtiges noch blo\u00dfe Repr\u00e4sentanten von Abwesendem, sondern in ihrer Phantomhaftigkeit zweideutig: Sie sind wirklich und scheinbar, gegenw\u00e4rtig und abwesend. Wirklichkeit und lebendige Gegenwart erfordern direkte sinnliche Erfahrung und die F\u00e4higkeit zur Stellungnahme; beides aber bleibt uns vor dem Fernsehbild versagt. Was wir sehen, sehen wir sozusagen aus zweiter Hand, unsere Stellungnahme findet vor dem Fernseher kein Geh\u00f6r. Und dennoch ist das, was wir sehen und h\u00f6ren, <i>wirklich<\/i> im Sinn von etwas, &#132;was uns treffen kann und wovon wir abh\u00e4ngen&#148; (Anders 1980 II: 251), und es ist gegenw\u00e4rtig im Sinn eines fast ohne Zeitdifferenz ablaufenden Geschehens.<\/p>\n<p>G\u00fcnther Anders hat seine Deutung der phantomhaften Fernsehwelt als einer dritten Qualit\u00e4t neben Wirklichkeit und Schein noch \u00fcberboten mit der These, die Differenz zwischen Wirklichkeit und Schein selbst werde durch das Fernsehen schlie\u00dflich aufgehoben. Weil im Fernsehen zwischen Ernst und Scherz, Information und Unterhaltung und unserer Rolle &#132;als moralisch-politisches Wesen oder Mu\u00dfekonsument&#148; (Anders 1980 I: 143) nicht mehr unterschieden werden k\u00f6nne, w\u00fcrden wir systematisch &#132;der F\u00e4higkeit beraubt, Realit\u00e4t und Schein zu unterscheiden&#148; (Anders 1980 II: 252). Als Beispiel f\u00fchrt er die &#132;vereinsamten alten Damen&#148; an, die an den Ereignissen der Familienserien so lebhaften Anteil nehmen, dass sich in den Rundfunkh\u00e4usern Pakete voll geh\u00e4kelter J\u00e4ckchen f\u00fcr die Fernsehbabys stapelten (Anders 1980 I: 144). In der neueren Literatur wird das gleiche Ph\u00e4nomen illustriert durch die Zuschaueranfragen, die an den Fernsehsender gerichtet werden, sobald in der <i>Lindenstra\u00dfe<\/i> eine Wohnung frei geworden ist.<\/p>\n<p>An die These von der Aufhebung des Unterschieds zwischen Wirklichkeit und Schein kn\u00fcpft G\u00fcnther Anders&#8216; drittes Stichwort an, das der <i>Matrize<\/i>. &#132;Wenn das Ereignis in seiner Reproduktionsform sozial wichtiger wird als in seiner Originalform, dann muss das Original sich nach seiner Reproduktion richten, das Ereignis also zur blo\u00dfen Matrize ihrer Reproduktion werden.&#148; (Anders 1980 I: 111). Weniger abstrakt gesprochen: Wenn nicht mehr das Ereignis selbst z\u00e4hlt, sondern erst die Verbreitung seiner Bilder im Fernsehen, dann ist es nur konsequent, wenn das Ereignis gleich fernsehgerecht inszeniert wird. Wenn Studierende auf die dramatisch schlechten Bedingungen ihres Studiums aufmerksam machen wollen, dann tragen sie einen Sarg mit der Aufschrift &#132;Studium&#148; \u00fcber den Campus, nicht ohne vorher das Fernsehen eingeladen zu haben. Und erst wenn diese Bilder in den abendlichen Nachrichten erscheinen, hat die Demonstration ihren Sinn gefunden. Die Welt als Matrize &#150; damit bezeichnet Anders ein Ph\u00e4nomen, das Daniel Boorstin in seinem Buch Das <i>Image<\/i> einige Jahre sp\u00e4ter, 1961, unter dem Begriff der &#132;Pseudo-Ereignisse&#148; zusammengefasst hat, und das bis heute Gegenstand der Medienkritik und der empirischen Medienwirkungsforschung ist.<\/p>\n<h5><span id=\"zwischen-verprovinzialisierung-und-falscher-globalisierung\">Zwischen Verpro&shy;vin&shy;zi&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung und falscher Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h5>\n<p>Wie ist nun G\u00fcnther Anders&#8216; Sicht auf das Fernsehen heute zu beurteilen? Seine Begriffe der ,Verbiederung`, der ,Phantom- und Matrizenwelt&#8216; bieten m.E. auch nach f\u00fcnfzig Jahren einen geeigneten Rahmen f\u00fcr die Analyse der Fernsehwelt &#150; wenn man auf den irref\u00fchrenden Begriff des &#132;Weltverlusts&#148; verzichtet sowie auf die \u00fcberzogene These, die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Schein selbst w\u00fcrde durch das Fernsehen aufgehoben.<\/p>\n<p>Dass die Nivellierung von Nah und Fern, die er als &#132;Verbiederung&#148; kritisiert, auch positive Wirkungen haben k\u00f6nnte, hat Anders in der <i>Antiquiertheit<\/i> <i>des Menschen <\/i>zugestanden: Insofern die Gefahr der &#132;Verprovinzialisierung&#148; nicht geringer sei, als die der &#132;falschen Globalisierung&#148;, w\u00e4ren Techniken erforderlich, die unseren moralischen Gegenwartshorizont \u00fcber den sinnlichen Umkreis hinaus erweitern k\u00f6nnten (Anders 1980 I: 134). Seine pessimistische Einsch\u00e4tzung, das Fernsehen sei f\u00fcr eine solche Erweiterung kein geeignetes Medium, hat Anders sp\u00e4ter teilweise revidiert. Unter dem Eindruck der weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg r\u00e4umt er 1979 ein, &#132;dass Fernsehbilder doch in gewissen Situationen die Wirklichkeit, deren wir sonst \u00fcberhaupt nicht teilhaftig w\u00fcrden, ins Haus liefern und uns ersch\u00fcttern und zu geschichtlich wichtigen Schritten motivieren k\u00f6nnen. Wahrgenommene Bilder sind zwar schlechter als wahrgenommene Realit\u00e4t, aber sie sind doch besser als nichts.&#148; (Anders 1980 I: VIII)<\/p>\n<p>Welche Konsequenz hat dieses Zugest\u00e4ndnis f\u00fcr Anders&#8216; Kritik? Greift seine Revision nicht zu kurz &#150; sind wahrgenommene Fernsehbilder tats\u00e4chlich in jedem Fall schlechter als wahrgenommene Realit\u00e4t? K\u00f6nnen wir nicht in manchen F\u00e4llen froh sein, manche Ereignisse nur <i>als Bilder<\/i>, aber immerhin als solche gesehen zu haben? Warum f\u00fchrt das Fernsehen in manchen F\u00e4llen zur Erweiterung unseres moralischen Horizonts und in anderen nicht? Hat Anders das Fernsehen, das nach seiner \u00dcberzeugung weit mehr als nur ein Mittel ist, in seiner Manipulationswirkung \u00fcbersch\u00e4tzt, unsere M\u00f6glichkeiten der Mediennutzung hingegen untersch\u00e4tzt?<\/p>\n<p>Weil der Kulturkritiker Anders das Fernsehen zur beherrschenden Signatur der Gesellschaft erhebt, der alle anderen Weltverh\u00e4ltnisse untergeordnet werden, fallen Welt und Fernsehwelt, Mensch und Fernsehkonsument in falschen Totalisierungen zusammen. Im Stil einer paternalistischen Verblendungskritik verweist er auf die h\u00e4kelnden Damen, die zwischen Fernsehwelt und wirklicher Welt nicht mehr unterscheiden k\u00f6nnen und damit symptomatisch f\u00fcr uns, aber nicht f\u00fcr ihn, den Kritiker stehen. Denn nur weil er zwischen Sein und Schein trotz allem unterscheiden kann, ist seine Kritik am Verschwinden dieser Differenz m\u00f6glich. Wenn zumindest der Kulturkritiker in der Lage ist, sich dem suggestiven Schein der Fernsehbilder zu entziehen, dann muss das als Beleg daf\u00fcr genommen werden, dass nicht das Medium Fernsehen selbst die Verblendung diktiert, sondern dass der falsche, n\u00e4mlich unaufgekl\u00e4rte oder missbr\u00e4uchliche Umgang damit zum Realit\u00e4tsverlust f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Heute, f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, sind die h\u00e4kelnden alten Damen trotz der gesteigerten Verbreitung des Fernsehens, trotz der Zunahme der Sender und Sendungen und trotzdes aktuellen Beispiels aus der Lindenstra\u00dfe eine Randerscheinung geblieben, mit der sich kein Fernsehkritiker und kein Leser fernsehkritischer Texte im Ernst identifiziert. Selbst wenn wir gelegentlich in den Irrtum verfallen m\u00f6gen, einen Schauspieler mit seiner Rolle, einen Moderator mit seinem Image zu identifizieren, sind unsere Kategorien von Wirklichkeit und Schein doch noch soweit intakt, dass wir dies als Irrtum aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Anders&#8216; Kategorie der Phantomwelt als einer dritten Qualit\u00e4t zwischen Realit\u00e4t und Schein bietet dagegen eine viel \u00fcberzeugendere Grundlage f\u00fcr die Interpretation unserer Medienwirklichkeit &#150; eine Kategorie, die auch unser moralisches Dilemma in der Nivellierung zwischen Nah und Fern, zwischen &#132;Verprovinzialisierung&#148; und &#132;falscher Globalisierung&#148; beleuchten kann.<\/p>\n<p>Die Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien im Dezember 2004, die in Europa ausschlie\u00dflich als Fernsehbild erlebt wurde, ist f\u00fcr die Fernsehzuschauer weder wirklich erfahrbar gewesen, noch lie\u00df sie sich als blo\u00dfer Schein, als blo\u00dfes Bild aus der Wirklichkeit ausgrenzen. Diese Bilder sind genau das, was G\u00fcnther Anders als &#132;Phantome&#148; beschreibt: Sie sind keine wirkliche Erfahrung, sondern Erfahrung aus zweiter Hand und sind doch wirklich als etwas, was uns treffen kann; sie sind keine lebendige Gegenwart, weil wir in unseren Wohnzimmern gar nicht beteiligt sind, und sind doch gegenw\u00e4rtig, weil wir wissen, dass etwas jetzt geschieht, das Handeln erfordert. Die Fernsehphantome erzeugen eine so unvermeidliche wie obsz\u00f6ne Gleichzeitigkeit von behaglicher Sicherheit und schreiender Not, die in manchen F\u00e4llen schwer auszuhalten ist, die wir aber in der Regel gleichm\u00fctig hinnehmen.<\/p>\n<p>Wenn in den Tagen oder Wochen nach einer solchen Katastrophennachricht die Bilder der verw\u00fcsteten Landstriche und der verst\u00f6rten Menschen sich nur noch zu wieder-holen scheinen, wenn schlie\u00dflich alle erdenklichen Aspekte in allen einschaltbaren Fernsehrunden er\u00f6rtert sind, haben wir unsere M\u00f6glichkeiten als Fernsehkonsumenten ausgesch\u00f6pft und gehen zu anderen Themen \u00fcber &#150; was sollten wir anderes tun? Sollten wir das Leid der Welt von Anfang an aus unseren Wohnzimmern verbannen, weil wir ihm doch nicht gerecht werden k\u00f6nnen? Das w\u00e4re, mit Anders gesprochen, der Weg der &#132;Verprovinzialisierung&#148;, der f\u00fcr niemanden heute mehr eine reale Option darstellt. Die Option kann nur sein, die &#132;falsche Globalisierung&#148; zu einer richtigen zu machen. Aus dieser Perspektive sind die Phantombilder des Fernsehens, die wir als eine eigene Medienwirklichkeit l\u00e4ngst in unseren Alltag integriert haben, kein Weltverlust, sondern ein Gewinn f\u00fcr unsere Welt, mit dem umzugehen wir allerdings erst lernen m\u00fcssen.<\/p>\n<h5><span id=\"die-virtuelle-oeffentlichkeit-der-masseneremiten\">Die virtuelle &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit der Masse&shy;n&shy;e&shy;re&shy;miten<\/span><\/h5>\n<p>Die Frage nach unseren Umgangsformen mit dem Fernsehen im Dienst einer richtigen Globalisierung, n\u00e4mlich einer real gestalteten und moralisch vertretbaren Globalisierung, verweist auf eine weitere Facette der Kritik von G\u00fcnther Anders, f\u00fcr die sein Stichwort des Masseneremiten steht. Auch der &#132;Masseneremit&#148; ist bei Anders das Produkt eines Verlusts, n\u00e4mlich des Verlusts der lebendigen Gegenwart der Welt, in der Erfahrung und Stellungnahme ein gegenseitiges Verh\u00e4ltnis bilden.<\/p>\n<p>Masseneremiten, die massenhaft aber jeweils allein in ihren Wohnzimmern mit Nachrichten \u00fcber die Welt beliefert werden, sind wir in der Tat erst durch das Fernsehen geworden. Zwar konfrontieren uns auch Zeitung oder Radio als vereinzelte Medienkonsumenten mit Nachrichten \u00fcber die Welt, ohne eine M\u00f6glichkeit zur direkten Stellungnahme zu bieten. Aber erst das Fernsehen als Bild- und Tonmedium mit der M\u00f6glichkeit zu sogenannten &#132;Live-\u00dcbertragungen&#148; hat die Suggestion eines echten Kommunikationserlebnisses so gesteigert, dass es mehr und mehr als Ersatz realer Kommunikation fungiert.<\/p>\n<p>&#132;In politisch brenzlichen [sich] Zeiten eilen wir nachhause, um durch die Medien zu erfahren, was es ,drau\u00dfen` gibt&#148;, konstatiert Anders (Anders 1980 II: 84). Und er erg\u00e4nzt in diesem Zusammenhang seine Diagnose der Verbiederung durch die These von der &#132;Zellenmentalit\u00e4t&#148; der Masseneremiten (Anders 1980 II: 82), die auch in der Au\u00dfenwelt ihr Solistentum nicht mehr ablegen: &#132;So wie die Au\u00dfenwelt durch die Medien ins Haus gebracht wird, so wird umgekehrt die Zuhause-Mentalit\u00e4t in die Au\u00dfenwelt mithinausgenommen.&#148; (Anders 1980II: 85)<\/p>\n<p>Nicht die Tatsache, dass durch das Fernsehen &#132;Meinungen heute genauso geliefert werden wie alle anderen Fertigwaren&#148;, entzieht den bestehenden Demokratien die Basis, wie Anders meint, sondern die Tatsache, dass es neben diesem Supermarkt der Fertigwaren allenfalls noch elit\u00e4re Nischen des Kunsthandwerks f\u00fcr Meinungen gibt, aber keinen politisch relevanten, als \u00f6ffentlich erfahrbaren Raum lebendiger Auseinandersetzung. Der eigentliche Verlust, oder weniger r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt formuliert: die eigentlich gravierende L\u00fccke, die das Fernsehen geschlagen hat, liegt hier, in der politischen \u00d6ffentlichkeit. Nicht das Verschwinden der Differenz von Wirklichkeit und Schein ist das Problem, das wir durch die verwirrende Mixtur von Ernst und Unernst der Fernsehbilder zu bew\u00e4ltigen haben, sondern der flie\u00dfende \u00dcbergang von der moralisch-politischen Teilhabe zum unterhaltungsorientierten Konsum. Dies ist aber nicht, wie es u.a. die Thesen Neil Postmans nahe legen, in erster Linie ein Problem der Qualit\u00e4t der Sendungen und ihrer Neigung zum infotainment. Es ist vielmehr ein strukturelles Problem der Situation, in die wir uns als Fernsehzuschauer gebracht haben.<\/p>\n<p>Das moralisch Anst\u00f6\u00dfige der Gleichzeitigkeit unserer behaglichen Sicherheit im Fernsehsessel und der schreienden Not, die uns manche Phantombilder des Fernsehens liefern, liegt nicht darin, dass es auf der Welt gleichzeitig gl\u00fcckliche und ungl\u00fcckliche Menschen gibt. Auch das erleben wir durchaus als moralisch anst\u00f6\u00dfig, wenn wir uns verantwortlich f\u00fchlen f\u00fcr das allgemeine Wohl. Aber das ist keine Anst\u00f6\u00dfigkeit, die das Medium verursacht. Die vom Fernsehen verursachte moralische Anst\u00f6\u00dfigkeit liegt darin, dass wir vor dem Fernseher zu blo\u00dfen Voyeuren des Ungl\u00fccks anderer werden, und zwar auch dann, wenn die Journalisten sich um einen seri\u00f6sen und respektvollen Stil der Berichterstattung bem\u00fchen. Ohne die konkrete Gegenwart der Situation, ohne die Gegenseitigkeit der Kommunikation und damit die M\u00f6glichkeit, auf das phantomhaft Erlebte zu reagieren, sind wir, wie G\u00fcnther Anders es ausdr\u00fcckt, &#132;der Lieferung ausgeliefert&#148; (Anders 1980 II; 130, 197).<\/p>\n<p>Das Internet als Massenmedium hat diese &#132;Einwegkommunikation&#148; in mancherlei Hinsicht durchbrochen und mit der M\u00f6glichkeit der massenhaften Teilnahme an globalen Kommunikationsprozessen eine ,virtuelle \u00d6ffentlichkeit&#8216; geschaffen, die nicht an die Identit\u00e4t von Raum und Zeit gebunden ist. Im Verbreitungsgrad allerdings kann das Internet mit dem Fernsehen noch nicht konkurrieren &#151; und deshalb bleibt bis auf weiteres das Fernsehen das Leitmedium der politischen \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<h5><span id=\"spendensammlung-verbrecherjagd-und-die-lust-am-handeln\">Spenden&shy;samm&shy;lung, Verbre&shy;cher&shy;jagd und die Lust am Handeln<\/span><\/h5>\n<p>Die Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien ist ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Beispiel einer Fernsehnachricht, die uns beeindruckt und den moralischen Impuls zum Handeln weckt. Die meisten Informationen und Bilder des Fernsehens hinterlassen keinen in seiner Wirksamkeit vergleichbaren Eindruck. Es gelingt ihnen gar nicht erst, die Aufmerksamkeit einer relevanten Gruppe von Zuschauern zu b\u00fcndeln. Bei Naturkatastrophen in fernen Gegenden sind au\u00dferdem nicht nur unsere unmittelbaren Handlungsm\u00f6glichkeiten begrenzt, auch die Suche nach Schuldigen und die Resignation vor un\u00fcberschaubaren politischen Verh\u00e4ltnissen bleiben begrenzt. So gelingt es dem Fernsehen in diesem Fall sogar, durch Spendenaufrufe und Berichte \u00fcber die Arbeit der Hilfsorganisationen vor Ort uns nicht nur Phantombilder, sondern auch reale Handlungsoptionen zu zeigen. Betrachten wir aber die verschiedenen langfristigen Probleme, die durch eine solche Naturkatastrophe und mehr noch durch andere Ereignisse wie zum Beispiel gewaltt\u00e4tige Konflikte aufgeworfen werden, wird das Feld der Handlungsm\u00f6glichkeiten wieder un\u00fcbersichtlich. Diese Un\u00fcbersichtlichkeit selbst ist sicher keine neue, die uns erst das Fernsehen beschert h\u00e4tte. Die Wirkung des Fernsehens besteht darin, dass es uns handlungsrelevante Nachrichten liefert, ohne einen Raum zu er\u00f6ffnen, in dem unsere Reaktionen darauf stattfinden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>In F\u00e4llen wie der Flutkatastrophe, in denen es dem Fernsehen gelingt, uns nicht allein als Zuschauer anzusprechen, sondern auch zum Handeln zu bringen, er\u00f6ffnen sich allerdings neue Probleme: Das Fernsehen wird selbst zum Akteur im politischen Prozess, der eine bestimmte Strategie vertritt und seine Berichte und Sendungen dieser Strategie unterordnet. So werden Berichte \u00fcber ineffektive Verwendungen von Spendengeldern vermutlich eher vermieden. Zudem m\u00fcndet die politische Strategie unvermeidlich auf das Feld, auf dem das Fernsehen immer schon Akteur ist, n\u00e4mlich auf den Markt der Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Die Z\u00e4hlung der Spenden, der Charity-Count, verselbst\u00e4ndigt sich parallel zum Body-Count zum Aufmerksamkeitsmagnet. Die fortgesetzte Berichterstattung \u00fcber die Katastrophenregion auf allen Kan\u00e4len er-zeugt bei den Zuschauern den gleichen Effekt wie Reality-Serien: Wir schalten uns ein, um zu sehen, wie es dort unten nun weitergeht. Trotzdem ist gerade die Spendensammlung durch das Fernsehen sicher ein Beispiel, das nicht Kritik, sondern Unterst\u00fctzung verdient. In anderen F\u00e4llen, in denen das Fernsehen zum Handeln aufruft, ist die Kritik eher angebracht, z.B, wenn XY ungel\u00f6st die Zuschauer zur Verbrecherjagd animiert. Letztlich kann es nicht darum gehen, dem Fernsehen selbst abzuverlangen, uns auch noch die Arena zu bereiten, in der wir real handeln k\u00f6nnten, und uns die Optionen vorzugeben, nach denen wir handeln sollen &#151; das Ergebnis solcher Verkn\u00fcpfung ist, wie G\u00fcnther Anders gezeigt hat, die Welt der Matrize, die fernsehgerecht inszenierte Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Es geht aber umgekehrt auch nicht um die Forderung nach Abschaffung des Fernsehens, die G\u00fcnther Anders nahe legt. Auch geht es nicht allein um seine Verbesserung oder Erg\u00e4nzung durch andere Technologien wie das Internet, um die Einseitigkeit der Kommunikation und die erzwungene Sprachlosigkeit der Zuschauer aufzuheben. Wenn wir nicht dem fatalistischen Tenor eines Weltverlustschmerzes verhaftet bleiben wollen, m\u00fcssen wir das demokratische und globalisierende Potential der neuen Medienwirklichkeit nutzen und ihr eine lebendige politische \u00d6ffentlichkeit zur Seite stellen. Worauf es heute wie damals vor allem ankommt, ist die Erg\u00e4nzung der technisch vermittelten durch eine lebendige Kommunikation, die sich als \u00f6ffentliche erfahren kann.<br \/>Im Prozess der richtigen, also realen und moralisch vertretbaren Globalisierung ist das Fernsehen nicht nur ein Gewinn, sondern bis auf weiteres unverzichtbar. Den Zeitpunkt des Absprungs zu bestimmen, den Moment, bevor die Medienkommunikation beginnt, als Ersatz statt als Vermittler lebendiger Kommunikation zu fungieren, diese Leistung m\u00fcssen wir selbst erbringen. Es bleibt zu hoffen, dass das von Hannah Arendt so emphatisch hervorgehobene Charakteristikum des Menschen als eines zur Politik begabten Wesens, n\u00e4mlich die Lust am Handeln, zumindest hin und wieder daf\u00fcr sorgen wird, dass uns dieser Absprung gelingt.<\/p>\n<p>Weil es praktisch nicht um die Abschaffung des Fernsehens geht, sondern um seine richtige Nutzung und Erg\u00e4nzung als Medium der \u00d6ffentlichkeit, greift der philosophische Ansatz der Kulturkritik allein zu kurz. Die Kulturkritik fragt nach den strukturellen Auswirkungen eines solchen Massenmediums auf unsere Kultur. Erg\u00e4nzt werden muss sie um die gesellschaftstheoretische Perspektive, die die Massenmedien als Institution in das \u00fcbergeordnete Gef\u00fcge der gesellschaftlichen Institutionen einordnet. Beide Perspektiven bed\u00fcrfen drittens der Erg\u00e4nzung durch empirische Medienforschung und durch Medienethik, die die praktischen Voraussetzungen und Normen der Mediengestaltung und -nutzung in den Blick nimmt. G\u00fcnther Anders&#8216; Kategorien der Verbiederung, der Phantom- und Matrizenwelt und des Masseneremiten k\u00f6nnen f\u00fcr diese verschiedenen Ebenen der Medientheorie einen \u00fcbergreifenden Rahmen bieten, der dazu beitragen mag, dass wir unsere Welt nicht verlieren, sondern verstehen und gestalten.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Anders, G\u00fcnther 1980 [1956]: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I: \u00dcber die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution; Bd. II: \u00dcber die Zerst\u00f6rung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2281],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11967","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-simone-dietz","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Weltverlust und Medienwirklichkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/weltverlust-und-medienwirklichkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Weltverlust und Medienwirklichkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Aktualit\u00e4t von G\u00fcnther Anders&#8216; 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