{"id":11968,"date":"2005-03-01T21:00:00","date_gmt":"2005-03-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/medienpraesenz-und-aufinerksamkeitssteuerung\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"medienpraesenz-und-aufinerksamkeitssteuerung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/medienpraesenz-und-aufinerksamkeitssteuerung\/","title":{"rendered":"Medienpr\u00e4senz und Aufinerksamkeitssteuerung"},"content":{"rendered":"<p>Die Flutkatastrophenberichterstattung und ihre politischen Folgen<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.169 ( Heft 1\/2005), S.11-19<\/p>\n<p>Kein anderes Ereignis der letzten vier Jahre hat im deutschen Fernsehen derart die Agenda bestimmt wie die Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien im Dezember 2004. Die Terroranschl\u00e4ge in New York und Washington vom 11. September 2001 waren 13 Tage lang ununterbrochen die erste Nachricht der ARD-Tagesschau; die Elbeflut im August 2002 nahm 14 Tage lang diese Position ein, die Flut in S\u00fcdostasien erreichte nun diese Aufmerksamkeit sogar 15 Tage und damit l\u00e4nger als alle anderen Nachrichtenereignisse. Dabei haben vergleichbare Naturkatastrophen im Ausland bisher keine so gro\u00dfe Aufmerksamkeit erfahren, wie etwa das Erdbeben in Bam (Iran) ein Jahr zuvor, \u00fcber das 7 Tage lang an erster Stelle berichtet wurde. Zudem verdr\u00e4ngte die Tsunami-Berichterstattung andere wichtige Entwicklungen wie den Krieg im Irak, den Regierungswechsel in der Ukraine und die Implementation von Hartz IV in Deutschland fast v\u00f6llig aus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit. Zwar ist generell festzustellen, dass \u00fcber pl\u00f6tzliche, dramatische und zeitlich scharf begrenzte Ereignisse in den Medien eher berichtet wird und deshalb der Zugang zur wichtigsten deutschen Informationssendung durchaus zu erkl\u00e4ren ist. Die Intensit\u00e4t der Berichterstattung ist jedoch \u00fcberraschend und stellt eine neue Qualit\u00e4t dar.<\/p>\n<p>Diese neue Art und Weise der Fokussierung \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit hat n\u00e4mlich zu einer enormen Spendenbereitschaft im privaten wie \u00f6ffentlichen Bereich gef\u00fchrt und damit praktische Folgen in den Handlungen der Medienrezipienten ausgel\u00f6st, die wiederum politische und institutionelle Konsequenzen nach sich zogen. Privates, \u00f6ffentliches und politisches Handeln wurde durch die intensive Form der Medienfokussierung provoziert. Die privaten Spenden in Deutschland stellen mit ca. 500 Mio. Euro weltweit die h\u00f6chsten Zuwendungen dar. Dies erstaunt vor allem deshalb, weil parallel in Deutschland ein Diskurs \u00fcber eingeschr\u00e4nkte private Einkommen gef\u00fchrt und sp\u00e4ter wieder aufgenommen wurde.<\/p>\n<p>Auch Unternehmen sahen sich angesichts dieser gro\u00dfen Aufmerksamkeitsfokussierung, die einen sozialen Druck zum Spenden ausl\u00f6ste, veranlasst, Betr\u00e4ge in Millionenh\u00f6he bereitzustellen. Aus deutscher Perspektive traten dabei die Deutsche Bank (10 Mio. Euro) und Michael Schumacher (10 Mio. USD) sowie Daimler-Chrysler (2 Mio. USD), Telekom, Siemens, Allianz, BASF, AXA (jeweils 1 Mio. Euro) und Bayer (0,5 Mio. Euro) hervor. Allein in den USA \u00fcberstiegen die privaten und \u00f6ffentlichen Spenden ebenfalls den Betrag von 1 Mrd. USD, gefolgt vom Anrainerstaat des Katastrophengebietes, Australien, knapp unter dieser Marke.<\/p>\n<p>Die kollektive Spendenmobilisierung in Deutschland erfasste nicht nur Einzelpersonen, sondern parallel zur Berichterstattung mehr und mehr Vereine, Schulklassen oder Kommunen. Es verging Ende Dezember und Anfang Januar kein Tag, an dem nicht mannigfache Spendenaufrufe die Haushalte erreichten und in TV-Shows f\u00fcr die Opfer der Flutwelle gesammelt wurde. Die einzelnen Fernsehsender traten hierzu in Konkurrenz auf, w\u00e4hrend sich die Hilfsorganisationen in B\u00fcndnissen zusammengeschlossen hatten.<\/p>\n<p>Die Regierung Schr\u00f6der sah sich angesichts dieser Dynamik gezwungen, die anf\u00e4ngliche Hilfszusage von 1 Mio. Euro auf 500 Mio. Euro zu erh\u00f6hen. Allein die australische Regierung stellt mit ca. 650 Mio. Euro mehr \u00f6ffentliche Mittel zur Verf\u00fcgung, die amerikanische Regierung sagte &#151; trotz offen formulierter milit\u00e4rischer und \u00f6konomischer Interessen, die Paul Wolfowitz, fr\u00fcherer amerikanischer Botschafter in Indonesien, bei einem Besuch darlegte &#151; hingegen 280 Mio. Euro zu.<\/p>\n<p>\u00dcber die Hilfszusagen hinaus hat die Bundesregierung inzwischen mit Christina Rau eine Fluthilfe-Koordinatorin als pers\u00f6nliche Beauftragte des Bundeskanzlers eingesetzt, um die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit f\u00fcr die Hilfsma\u00dfnahmen aufrechtzuerhalten und vom Arbeitsstab des Ausw\u00e4rtigen Amtes auf das Bundeskanzleramt zu lenken.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung bereitet sich darauf vor, die Erinnerung an die enorme \u00f6ffentliche Wirkung der Berichterstattung in Zukunft zur Steigerung ihres Renommees bei den deutschen W\u00e4hlern zu nutzen. Mit den finanziellen Zusagen und der Einrichtung der Koordinatorenstelle erh\u00e4lt die Region S\u00fcdostasien dabei eine politische Bedeutung, die sie f\u00fcr die deutsche Au\u00dfenpolitik zuvor nicht hatte.<\/p>\n<p>Das entwicklungspolitische Engagement der Bundesregierung vor der Flutkatastrophe beschr\u00e4nkte sich in der Region S\u00fcdostasien auf L\u00e4nder wie Vietnam, Kambodscha, Laos und Osttimor, wobei ausdr\u00fccklich der Aufbau von Basisinfrastruktur und die Armutsbek\u00e4mpfung im Vordergrund standen (Ausw\u00e4rtiges Amt 2002: 11). In dieser Zeit beliefen sich die f\u00fcr die gesamte Region Asien und Ozeanien zugesagten Mittel der \u00f6ffentlichen Entwicklungszusammenarbeit auf 1.044 Mio. Euro; die tats\u00e4chlich ausgezahlte Summe betrug lediglich 60 Prozent der urspr\u00fcnglichen Zusagen, n\u00e4mlich 631 Mio. Euro (BMZ 2005). Die am 6. Januar 2005 im Zeichen von erh\u00f6hter \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit zugesagten 500 Mio. Euro Wiederaufbauhilfe unterscheiden sich von der bisherigen Politik in zwei Aspekten: zum einen richtet sich die Entwicklungszusammenarbeit auf bisher nicht ber\u00fccksichtigte L\u00e4nder und Regionen aus (Sri Lanka und die indonesische Provinz Aceh), und zum anderen bekommt die Realisierung der Hilfe unter dem Stichwort Partnerschaftsinitiative f\u00fcr S\u00fcdasien eine neue, \u00f6ffentlichkeitswirksame Gestalt. Von der Entwicklung der Aufmerksamkeit und dem \u00f6ffentlichen Interesse an den konkreten Hilfsleistungen der Bundesregierung wird auch abh\u00e4ngen, wie hoch der Prozentsatz an den zugesagten Mitteln ist, der tats\u00e4chlich ausgezahlt werden wird.<\/p>\n<p>Warum zeitigten die Ereignisse von S\u00fcdostasien in Deutschland eine derartige Wirkung? Denn aufgrund der geographischen Distanz ist die Bundesrepublik f\u00fcr diese Frage eigentlich nicht mit Australien, aufgrund der weltpolitischen Rolle nicht mit den USA gleichzusetzen; gleichwohl engagieren sich die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat in \u00e4hnlichem Ma\u00df wie die regionale Mittelmacht und die Weltmacht. Fernab vom Katastrophengebiet und \u00e4hnlich wie andere europ\u00e4ische Staaten durch den Verlust von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern betroffen, unterscheidet sich die Reaktion in Deutschland zudem erheblich von den anderen europ\u00e4ischen Staaten und Gesellschaften. Die franz\u00f6sische Regierung stellt f\u00fcr die Hilfs- und Wiederaufbauma\u00dfnahmen ca. 53 Mio. Euro zur Verf\u00fcgung, die Regierung Ihrer Majest\u00e4t ca. 77 Mio. Euro. Private Spenden aus Frankreich belaufen sich auf 45 Mio. Euro, im Vereinigten K\u00f6nigreich betragen sie 143 Mio. Euro &#151; und belaufen sich damit auf 10 (Frankreich) bzw. 20 (Gro\u00dfbritannien) Prozent der deutschen Zusagen.<\/p>\n<p>Unsere These ist, dass durch die spezifische Art und Weise der Berichterstattung \u00fcber die Flutkatastrophe nicht nur die Spendenbereitschaft in Deutschland enorme Ausma\u00dfe angenommen hat, sondern auch unerwartete (und deshalb zuf\u00e4llige) \u00c4nderungen in der deutschen Au\u00dfen- und Entwicklungspolitik ausgel\u00f6st wurden und dar\u00fcber hinaus institutionelle Ver\u00e4nderungen im Ansatz zu beobachten sind. Die Ursache f\u00fcr diese Prozesse liegt aber in der Art und Weise, wie die deutschen Medien \u00fcber die Flutkatastrophe berichtet haben.<\/p>\n<h5><span id=\"die-besonderen-bedingungen-der-tsunami-berichterstattung\">Die besonderen Bedingungen der Tsuna&shy;mi-&shy;Be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung<\/span><\/h5>\n<p>Die Rolle der Medien ist gerade bei internationalen Entwicklungen nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzen, denn anderweitig erlangen die wenigsten Menschen Kenntnisse \u00fcber die Geschehnisse. Verst\u00e4rkt wird ihre Bedeutung dadurch, dass internationale Prozesse h\u00e4ufig sehr komplexe Gestalt annehmen, viele (meist unbekannte) Akteure involviert sind und eigene Erfahrungen zur Einsch\u00e4tzung der medial vermittelten Situationen fehlen. Der lang anhaltende Krieg im Kongo beispielsweise, der bisher weit \u00fcber die zehnfache Opferzahl der Flutkatastrophe gefordert hat, steht deshalb v\u00f6llig au\u00dferhalb des Blickfeldes deutscher Medien; die Komplexit\u00e4t des Konfliktes ist kaum zu vermitteln, die sich abspielenden Prozesse sind nur schwer zu beurteilen. Dies war bei der Flutkatastrophe ganz anders. Im Unterschied zu den meisten internationalen Geschehnissen handelte es sich dabei um eine einfache Konstellation: Natur gegen Mensch. Alle Menschen waren Opfer, weshalb die Lage einheitlich beurteilt werden konnte und sich keine moralischen Dilemmata er\u00f6ffneten. Berichte \u00fcber die politischen und \u00f6konomischen Bedingungen der Fr\u00fchwarnung, verz\u00f6gerte Hilfsma\u00dfnahmen oder gar kriminelle Handlungen im Umfeld der Katastrophe traten v\u00f6llig in den Hintergrund. Da die Flutwelle zudem nicht vorhergesehen wurde, kam die Nachricht v\u00f6llig \u00fcberraschend und hatte einen entsprechend extrem hohen Neuigkeitswert. Die Aufmerksamkeit war zu Beginn sicher, musste dann jedoch gesteuert werden. Dies ist in einer bisher beispiellosen Weise gelungen.<\/p>\n<p>Da konkurrierende Themen wie der Krieg im Irak oder die Demonstrationen in der Ukraine schon l\u00e4nger im Fokus der Berichterstattung standen, hatten sie an Attraktivit\u00e4t f\u00fcr Medienmacher und Zuschauer verloren. Und gleichzeitig war der Zeitpunkt g\u00fcnstig, um die hohe Aufmerksamkeit dauerhaft erzielen, denn die Mediennutzung und insbesondere der Fernsehkonsum liegen an Feiertagen erheblich h\u00f6her als zu anderen Zeiten. Ein quasi-pers\u00f6nlicher Bezug zwischen Betrachter und Ereignis konnte dar\u00fcber hinaus hergestellt werden, weil \u00fcber Deutsche in der Krisenregion bzw. \u00fcber ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde in Deutschland berichtet werden konnte.<\/p>\n<p>Zerst\u00f6rte Hotelanlagen l\u00f6sten bei den Betrachtern schlie\u00dflich greifbarere Assoziationen aus als Bilder aus fremden Kulturen. Verst\u00e4rkt wurde diese Wahrnehmung da-durch, dass &#132;Urlaubsvideos&#148; von der hereinbrechenden Flut gezeigt wurden: unprofessionelle Bilder, die den Blick des Urlaubers auf das freie Meer schlagartig in den Hotelinnenhof verengten und dann an einzelnen Personen h\u00e4ngen blieben. Unterlegt waren diese Filme durch Schreie und entsetzte Reaktionen. Dadurch entstand ein Surrogat des Authentischen, das entlang \u00e4hnlicher Urlaubsblicke der Betrachter Anschlussf\u00e4higkeit herstellte. W\u00e4hrend ein Kriegsberichterstatter ein fremdes Auge in fremder Umgebung ist, handelte es sich bei den privaten Aufnahmen von der hereinbrechenden Flut um eine glaubhafte Vermittlung, die Ereignisse in gewohnter Umgebung mitzuerleben.<\/p>\n<p>Es bestanden demnach keine Assoziationsbarrieren gegen\u00fcber fremdartigen Kulturen, weil die Bilder zerst\u00f6rter Gebiete aus Touristenr\u00e4umen stammten und diese sich weltweit \u00e4hnlich sind. Deswegen wirkten die Bilder der Flutwelle intensiver auf die Betrachter ein, als dies bei \u00e4hnlich verheerenden Naturkatastrophen, beispielsweise dem Erdbeben in Bam 2003 oder dem Wirbelsturm in Bangladesh 1991 der Fall war. Diese \u00fcberstiegen der fremdartigen Lebenswelt wegen das Vorstellungsverm\u00f6gen der deutschen Betrachter. Entgegen der in den Medien weit verbreiteten \u00c4u\u00dferung von der &#132;unvorstellbaren Zerst\u00f6rung&#148; reduzierten die Fernsehbilder die Zerst\u00f6rungen durch die Flutwelle gerade auf ein vorstellbares Ma\u00df.<\/p>\n<p>Weiterhin bestand zwischen den Bildern zerst\u00f6rter Str\u00e4nde und der Vorstellung vom Urlauberparadies eine so gro\u00dfe Distanz, dass die Zerst\u00f6rungen verst\u00e4rkt ins Bewusst-sein treten konnten, anders beispielsweise als in der Berichterstattung zum Krieg in der sudanesischen Provinz Darfur, bei der Hunger, Elend und Krieg quasi Charakteristika der Lebensverh\u00e4ltnisse sind, zumindest in den Augen der Betrachter. Die Flutwelle war von der angenommenen Normalit\u00e4t hingegen drastisch zu unterscheiden.<\/p>\n<h5><span id=\"die-realitaet-der-medienberichterstattung-in-den-nachfolgenden-wochen\">Die Realit&auml;t der Medien&shy;be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung in den nachfol&shy;genden Wochen<\/span><\/h5>\n<p>Unter diesen Bedingungen &#150; ein dramatisches Ereignis mit einfacher Konstellation, dem auch noch ein &#132;deutsches&#148; Gesicht gegeben werden konnte &#150; entfaltete die Flutkatastrophe ihre Medienwirkung. Die enorme Aufmerksamkeit in den ersten Tagen wurde durch eine geschickte Inszenierung der Dramatik &#150; zuerst \u00fcber die Opferzahlen, sp\u00e4ter \u00fcber die Spendenh\u00f6he &#150;, eine zupackende Personalisierung &#150; mit deutlichem Schwerpunkt auf dem eigenen Land &#150; und die konstante Botschaft der einfachen Menschgegen-Natur-Konstellation f\u00fcr lange Zeit aufrecht erhalten. Die empirische Analyse belegt dies.<br \/>F\u00fcr die Untersuchung der Medienberichterstattung in Deutschland wurden sowohl Printmedien als auch Fernsehberichte in der Zeit vom 26. Dezember 2004 bis 18. Januar, 2005 betrachtet. Ausgew\u00e4hlt wurden f\u00fcr die Printmedien drei Tageszeitungen &#150; die<br \/>Frankfurter Allgemeine Zeitung, die S\u00fcddeutsche Zeitung und Die Welt; die Fernsehberichterstattung wurde anhand der 20-Uhr-Tagesschau der ARD analysiert.l Bei beiden Medienformen stand die Frage im Mittelpunkt, welche Bezugspunkte das berichtete Geschehen f\u00fcr den Zuschauer erfahrbar und verst\u00e4ndlich machen sollten. Wir haben daher alle Tagesschau-Beitr\u00e4ge und Zeitungsartikel \u00fcber die Flutkatastrophe nach ihrem Bezug entweder zu Berichten \u00fcber die betroffenen Regionen (Zerst\u00f6rung vor Ort, Situation der Einheimischen etc.), zu deutschen Themen (vermisste Urlauber, Schicksale von Hinterbliebenen, Reaktionen der Bundesregierung, Einsatz deutscher Helfer im Katastrophengebiet etc.) oder zu Spendenaktionen und Hilfsma\u00dfnahmen kategorisiert (vgl. Anhang, Tabelle 1).<\/p>\n<p>27,2 Prozent der Beitr\u00e4ge in den Printmedien stellten einen direkten Bezug der Ereignisse in S\u00fcdostasien zu Deutschland her. Besonders in den ersten Tagen nach der. Katastrophe ist dieses Ph\u00e4nomen zu beobachten, das durch die erh\u00f6hte Aufmerksamkeit aufgrund der Feiertage zus\u00e4tzliche Wirkung entfalten konnte. Berichte \u00fcber die Lage in den betroffenen L\u00e4ndern nahmen den gleichen Stellenwert (27,2 Prozent) ein. \u00dcber die Frage, wie den Betroffenen geholfen werden k\u00f6nne, wurden Artikel in gr\u00f6\u00dferer Zahl hingegen erst am vierten Tag der Berichterstattung ver\u00f6ffentlicht. Am Ende nahmen sie mit 24,2 Prozent einen \u00e4hnlichen Raum wie die Deutschland- und situationsbezogenen Berichte ein.<\/p>\n<p>Insgesamt konzentrierte die Berichterstattung ihre Aufmerksamkeit fast zwei Wochen mit sehr hoher Frequenz auf die Ereignisse in S\u00fcdostasien und die damit in Zusammenhang gebrachten Vorg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Das Erdbeben im iranischen Bam am 26. Dezember 2003 erfuhr im Vergleich zur Berichterstattung \u00fcber die Flutwelle eine weit geringere Aufmerksamkeit (in der Spitze 60 Prozent der Tsunami-Berichte), die auch nur wenige Tage eine hohe Frequenz aufwiesen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der S\u00fcddeutschen Zeitung und der Welt erschienen 611 Artikel zur Flutkatastrophe und lediglich 159 Artikel zum Erdbeben im Iran (jeweils im Vergleichzeitraum 27. Dezember bis 18. Januar 2003\/04 bzw. 2004\/05).<\/p>\n<p>Noch ausgepr\u00e4gter ist die Berichterstattung im deutschen Fernsehen, f\u00fcr das wir die Ausgaben der Tagesschau (ARD, 20 Uhr) ausgewertet haben. Dabei nehmen die Bei-tr\u00e4ge mit Deutschlandbezug einen Anteil von fast 40 Prozent ein. Auch hier stellen wir eine Konzentration in den ersten Tagen nach dem Ereignis fest, mit Spitzen nach Weih-nachten und zu Silvester, an denen dies die H\u00e4lfte der Katastrophen-Berichterstattung ausmacht (vgl. Anhang, Tabelle 2).<\/p>\n<p>L\u00e4nger als eine Woche umfasste mehr als die H\u00e4lfte der Informationsbeitr\u00e4ge der Tagesschau Ereignisse, die mit der Flutkatastrophe zusammenhingen. Die mit Deutschland in Beziehung gesetzten Berichte \u00fcberragen die Berichterstattung aus der betroffenen Region deutlich (39,3 zu 30,1 Prozent). Zum Ende des Untersuchungszeitraums nehmen Beitr\u00e4ge zur internationalen Hilfsleistung einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Raum ein und erreichen insgesamt 28,1 Prozent. Nur knapp drei Prozent der Beitr\u00e4ge setzen sich mit anderen Themen (Papstmesse f\u00fcr die Flutopfer, Entwicklung eines Fr\u00fchwarnsystems) auseinander. Hier ist ein deutlicher Unterschied zu den Printmedien festzustellen, in denen 21,4 Prozent der Beitr\u00e4ge sich mit der Naturkatastrophe auf andere Weise, z.B, durch die Erkl\u00e4rung ihres Entstehens, besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<h5><span id=\"die-komplexen-wirkungen-der-tsunami-berichterstattung\">Die komplexen Wirkungen der Tsuna&shy;mi-&shy;Be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung<\/span><\/h5>\n<p>Wie stets bei dramatischen Ereignissen beinhaltet die Berichterstattung auch die Selbstbeobachtung der Medien. Bis auf wenige Ausnahmen entstand der Eindruck einer ebenso realistischen wie den Ereignissen angemessenen Berichterstattung (Tagesspiegel 2005). Die Suggestion einer ethisch sauberen Dokumentation der Ereignisse konnte da-durch geweckt und aufrechterhalten werden, dass die Dramatik in zwei sukzessiv ablaufende und sich gleichzeitig \u00fcberschneidende Prozesse kanalisiert wurde. Angesichts der anfangs nur sp\u00e4rlich verf\u00fcgbaren Informationen und der Tatsache, dass zerst\u00f6rte Gebiete gro\u00dffl\u00e4chig lange nicht begehbar waren, musste keine eigene Ereignisdramatik aufgebaut werden. Die zu Beginn der Berichterstattung nahezu st\u00fcndliche Zunahme der Opferzahlen lieferte eine ausreichende Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die Vermittlung der situativen Dramatik. Parallel hierzu &#150; und schlie\u00dflich diesen Prozess abl\u00f6send &#150; wurden die stetig aktualisierten Spendenh\u00f6hen zu einem zweiten Ma\u00dfstab, diesmal in der Reaktion der Betrachter. Gepaart mit einem st\u00e4ndigen Bezug zu den Aspekten des Ungl\u00fccks, die f\u00fcr die deutschen Rezipienten als bedeutsam dargestellt wurden, verlief die gesamte Tsunami-Berichterstattung entlang der beiden Handlungsstr\u00e4nge &#132;Katastrophe&#148; und &#132;Hilfe&#148;.Einsamkeit vor allem in der Fernsehberichterstattung erfuhr. Dabei ist der bruchlose Wechsel der Berichterstattung \u00fcber das Erdbeben und die Folgen der Flutwelle zur internationalen Hilfe besonders auff\u00e4llig. Daraus konnte die simultane Dramatik aus Opfern und Spenden konstruiert werden.<\/p>\n<p>Um die Aufmerksamkeit immer wieder neu fokussieren zu k\u00f6nnen, lie\u00dfen sich Medien auch f\u00fcr die partikularen Interessen der verschiedenen Gruppen vor Ort instrumentieren, etwa wenn die amerikanischen Streitkr\u00e4fte den Hilfseinsatz zur Verbesserung des weltweiten Images der USA und speziell ihres Milit\u00e4rs nutzen. Seit dem 2. Januar 2005 &#150; also schon sechs Tage nach der Flut &#150; war das amerikanische Milit\u00e4r im Einsatz, ins-besondere mit dem Flugzeugtr\u00e4ger Abraham Lincoln, auf dem Pr\u00e4sident Bush das Ende der Kampfhandlungen im Irak verk\u00fcndete und der nun erneut als Symbol f\u00fcr eine gute Sache stehen sollte.<\/p>\n<p>Die amerikanischen Hilfsma\u00dfnahmen f\u00fchrten jedoch zur Verdr\u00e4ngung anderer Organisationen, die sich nun ihrerseits \u00fcber die Medien Geh\u00f6r verschafften und beklagten, dass sie mit ihren eigenen Hilfsma\u00dfnahmen nicht beginnen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Diese Auseinandersetzungen er\u00f6ffneten den Medien die M\u00f6glichkeit, die Berichterstattung entlang stets neu konstruierter, jedoch dem Hauptthema untergeordneter Konfliktlinien weiterzuf\u00fchren. Eine Analyse anhand der Beitr\u00e4ge zur Lage in Aceh ergibt, dass zu Beginn der Hilfsma\u00dfnahmen Opfer und Helfer vereint gegen die anscheinend inkompetente indonesische Regierung stehen. Im weiteren Verlauf der Berichterstattung werden die Hilfsma\u00dfnahmen der USA kritisiert und vermeintlich uneigenn\u00fctzigen eigenen Hilfsvorhaben entgegen gestellt, insbesondere durch das deutsche Lazarettschiff Berlin. Gleichzeitig wurde die Pr\u00e4senz islamischer Nichtregierungsorganisationen als gef\u00e4hrlich dargestellt, weil diese die Notlage der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihre Zwecke missbrauchten. Der seit Jahrzehnten gewaltsam ausgetragene, jedoch von der deutschen \u00d6ffentlichkeit wenig beachtete Konflikt um die Region Aceh fand durch die Berichterstattung gesteuerte Aufmerksamkeit: Regierung und Rebellen m\u00fcssten sich unter dem Eindruck der Katastrophe einander ann\u00e4hern und den Konflikt friedlich beilegen. Dies war der st\u00e4rkste Beleg einer von der politischen Realit\u00e4t Indonesiens abgekoppelten Berichterstattung, die &#150; sieht man von dem Aufruf der Organisation \u00c4rzte ohne Grenzen zur Einstellung der Spenden f\u00fcr diese Region ab &#150; keinen der Konflikte politisierte.<\/p>\n<p>Wenn man die in der deutschen Fernsehlandschaft am meisten um Objektivit\u00e4t und Sachlichkeit bem\u00fchte Nachrichtensendung zum Ma\u00dfstab nimmt, bezogen sich knapp 40 Prozent der Berichte auf deutsche Aspekte der Katastrophe. Es ist davon auszugehen, dass die \u00fcbrigen \u00f6ffentlich-rechtlichen sowie privaten Nachrichtenformate diesen Bezug noch st\u00e4rker in das Blickfeld ihrer Zuschauer ger\u00fcckt haben und somit der Eindruck entstand, die Auswirkungen der Flutwelle betr\u00e4fen deutsche B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in besonderem Ma\u00dfe. Die Spendenbereitschaft der deutschen \u00d6ffentlichkeit liefert nun den Beleg f\u00fcr die Wirksamkeit dieser Berichterstattung. Durch das st\u00e4ndige Rekurrieren auf die deutsche Perspektive der S\u00fcdostasien-Flut entstand f\u00fcr den Betrachter das Gef\u00fchl des Betroffenseins, auch wenn im pers\u00f6nlichen Umkreis keinerlei Auswirkungen der Flut zu sp\u00fcren gewesen waren.<\/p>\n<p>Allein die Tatsache, zu einer bestimmten Zeit am Strand gewesen zu sein &#150; eine Erfahrung, die die meisten Menschen in Deutschland teilen &#150;, machte die Menschen zu potentiellen Opfern. Und zwar nicht zu Opfern einer abstrakt absehbaren Gefahr, sondern einer urpl\u00f6tzlich hereinbrechenden Naturgewalt. Diese Situation konstruierte das Grundthema der Berichterstattung &#132;Natur gegen Mensch&#148;, in der es keine Schuldigen geben konnte. Dadurch wurden alle unmittelbar oder eben \u00fcber die Medien vermittelt Betroffenen zu einer gro\u00dfen Opfergemeinschaft. Dies war eine wesentliche Bedingung daf\u00fcr, dass die der Flutwelle nachfolgenden Ereignisse allein als menschliche Schicksale dargestellt werden konnten, ohne die politische Dimension der Ereignisse zu thematisieren. Nicht nur politische und sozio\u00f6konomische Konflikte in der Region S\u00fcdostasien wurden dadurch aus dem Blickfeld der Betrachter verbannt, auch die politische Dimension der Hilfsma\u00dfnahmen wurde der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit entzogen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2283,2282],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11968","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-henrike-viehrig","autoren-thomas-jaeger","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Medienpr\u00e4senz und Aufinerksamkeitssteuerung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/medienpraesenz-und-aufinerksamkeitssteuerung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Medienpr\u00e4senz und Aufinerksamkeitssteuerung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Flutkatastrophenberichterstattung und ihre politischen Folgen aus: Vorg\u00e4nge Nr.169 ( Heft 1\/2005), S.11-19 Kein anderes Ereignis der letzten vier Jahre hat im deutschen Fernsehen derart die Agenda bestimmt wie die Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien im Dezember 2004. 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