{"id":11970,"date":"2005-03-01T19:00:00","date_gmt":"2005-03-01T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-zukunft-des-politischen-journalismus\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"die-zukunft-des-politischen-journalismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/die-zukunft-des-politischen-journalismus\/","title":{"rendered":"Die Zukunft des politischen Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Policy-Analysen versus Boulevardisierung<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge  Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S.30-33<\/p>\n<p>Wie wichtig Qualit\u00e4t im Journalismus sein kann, war zuletzt im Sommer des Jahres 2004 zu sehen. Auch Reporter, die eigentlich eher ge\u00fcbt darin waren, \u00fcber die neuesten Szene-Clubs der Stadt zu berichten, kannten pl\u00f6tzlich nur noch ein Thema: die Arbeitsmarktreform der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung. Jede regionale Arbeitsagentur wurde ausgeleuchtet, und einige weniger genau arbeitenden Journalisten prangerten die sozialen H\u00e4rten der Reform an. Nun enth\u00e4lt die Reform zweifelsohne Zumutungen, Ungerechtigkeiten und Konstruktionsfehler. Kritik l\u00e4sst sich aber gerade bei einem so heiklen und f\u00fcr die politische Gem\u00fctslage der Republik wichtigen Thema nur richtig gewichten, wenn die Fakten stimmen. Das war oftmals nicht der Fall. So wurde in Fernsehreportagen und Artikeln immer wieder behauptet, wer k\u00fcnftig das neue Arbeitslosengeld erhalte, der m\u00fcsse (im Westen) von 345 Euro leben. Dass zus\u00e4tzlich hierzu auch Mietund Heizungskosten \u00fcbernommen werden, fiel unter den Tisch. Wer aber aus Unkenntnis harte Fakten noch schlimmer macht, der ist &#8211; freiwillig oder unfreiwillig &#8211; ein fahrl\u00e4ssiger Populist und muss sich vorwerfen lassen, die ohnehin schon schwierig gewordene Beziehung zwischen den B\u00fcrgern und der Politik zu belasten. Nat\u00fcrlich gibt es in den \u00f6ffentlichrechtlichen Programmen, den \u00fcberregionalen Zeitungen und in den Regionalbl\u00e4ttern dennoch viele kompetente Artikel zu diesem Thema. Aber man kann an diesem kleinen Beispiel erkennen, warum eine Demokratie &#8211; zumal eine, in der den Menschen Ver\u00e4nderungen zugemutet werden &#8211; einen Qualit\u00e4tsjournalismus mit hohem Verantwortungsbewusstsein braucht.<\/p>\n<p>Viele Jahre lang ist der Medienmarkt &#8211; wie die alte Bundesrepublik auch &#8211; eine ziemlich statische Angelegenheit gewesen: Die Zahl der Meinungsmacher war \u00fcber-schaubar, die Verweildauer auf wichtigen Positionen relativ lang, Alter und Erfahrung z\u00e4hlten viel, Beh\u00e4bigkeit war eine gesch\u00e4tzte Tugend. Darin lassen sich viele Vorteile sehen. Gleichwohl ist der Vorwurf, es habe sich damals um ein abgeschottetes journalistisches Kastenwesen gehandelt, nicht von der Hand zu weisen. In der deutschen Medienlandschaft hat es dann in den letzten Jahrzehnten zwei entscheidende Ver\u00e4nderungssch\u00fcbe gegeben: die Einf\u00fchrung des Privatfernsehens Mitte der 80er sowie die Umw\u00e4lzung der Medienlandschaft in den 90er Jahren durch Wiedervereinigung, Regierungsumzug, die politische Kraftlosigkeit der Spa\u00df-Generation sowie eine geradezu orgiastische Expansionsphase durch die sogenannte New Economy. Das Ergebnis dieser Umw\u00e4lzungen ist paradox: Hatte man noch gegen Ende der 90er Jahre an das grenzenlose Wachstum der Informationsgesellschaft geglaubt und prognostiziert, nur mit der Spielart des teuren Edelfedern-Popjournalismus lie\u00dfe sich die Qualit\u00e4tstageszeitung &#150; bedroht vom Internet und allerlei Nachrichtenkan\u00e4len &#8211; retten, war man sich nach dem Zusammenbruch der Internetwirtschaftpl\u00f6tzlich nicht mehr sicher, ob der alte politische Qualit\u00e4tsjournalismus \u00fcberhaupt eine Zukunft habe.<\/p>\n<p>Die 90er Jahre waren ein Gr\u00fcnderjahrzehnt. Nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte haben sich die Medienlandschaft und das Verst\u00e4ndnis von Journalismus so stark ver\u00e4ndert. Es gab reihenweise Zeitschriften- und Zeitungsneugr\u00fcndungen &#150; Focus, Die Woche, Tango, brand eins und Econy, um nur einige zu nennen. Ziel der Verleger war es, neue Marktsegmente, neue Leser zu gewinnen. Das ging einher mit bislang in Deutschland un\u00fcblichen neuen Formen: Auch in der politischen Berichterstattung sollten nicht nur Gesetzesvorhaben referiert werden; st\u00e4rker gefragt waren nunmehr theatralisierende Darstellungsformen. Die Politiker entsprachen diesem Bed\u00fcrfnis gern und befriedigten die Nachfrage. Sie lie\u00dfen sich wie Guido Westerwelle in den Big-Brother-Container einladen oder inszenierten Politik, wo sie in ihrer Komplexit\u00e4t den meisten B\u00fcrgern nur noch schwer zu vermitteln war. Das bekannteste Beispiel ist hier wohl die Abstimmung im Bundesrat \u00fcber das Zuwanderungsgesetz, \u00fcber deren inszenatorischen Charakter der saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sident Peter M\u00fcller (CDU) kurze Zeit sp\u00e4ter (wiederum mit eigenem politischen Kalk\u00fcl) Auskunft gab. &#132;Wer komplexe Sachverhalte darlegt, kommt als Umstandskr\u00e4mer an. Wer zuh\u00f6rt, gilt schnell als Schlaffi. Wer zuviel wei\u00df, wirkt wie ein Streber. Der bayerische Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber, der im letzten Bundestagswahlkampf als Kanzlerkandidat der Union in einer Christiansen-Talkshow mit Prozentzahlen um sich warf wie ein Zirkusclown mit Torten, [&#8230;] fing sich eine vernichtende Presseschelte ein.&#148; (Leinemann 2004: 65ff.) Die Professionalisierung der politischen Kommunikation durch die Akteure, also Ministerien, Parteien und Verb\u00e4nde, hat mit dem Regierungsumzug stark zugenommen. Weit verbreitet ist der Versuch der Zeitungen, mit Exklusivmeldungen Aufmerksamkeit in anderen Medien zu erzielen. Das hat Hintergrundrunden, in denen zu Bonner Zeiten sehr vertraulich gesprochen wurde, entwertet, weil die Korrespondenten dort kaum noch etwas erfahren. Richard Meng, Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin, beschreibt den Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit seit dem Regierungsumzug treffend: &#132;Jedenfalls w\u00e4chst der Markt f\u00fcr politische PR rapide, w\u00e4hrend der f\u00fcr politischen Qualit\u00e4tsjournalismus seit Jahrzehnten eng begrenzt und in etwa gleich gro\u00df blieb. [&#8230;] Auch im politischen Journalismus \u00fcbertrumpft von jeher die thematische Allzust\u00e4ndigkeit der Machtberichterstattung den Fachjournalismus.&#148; (Meng 2002: 89, 92)<\/p>\n<p>Das Privatfernsehen, die Vielzahl der Reporter in Berlin, die Suche nach publikumsfreundlichen Darstellungsformen, um die immer politikm\u00fcder werdenden B\u00fcrger \u00fcberhauet noch zu erreichen, haben der Boulevardisierung &#8211; auch in den alten Qualit\u00e4tsverlagen &#8211; Vorschub geleistet. Die Zeit musste Ende der 90er Jahre eine Antwort auf die knappere, buntere und grafikverliebte Woche finden. Die Woche hat nicht \u00fcberlebt, aber f\u00fcr eine formative Phase der Medien in der Berliner Republik war sie stilbildend. Sogar die Frankfurter Allgemeine hat in gewisser Weise mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf neue Bed\u00fcrfnisse reagiert und hiermit vor allem j\u00fcngere Leser gewonnen.<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der optimistisch begonnenen Projekte der 90er Jahre hatte \u00f6konomisch keinen Erfolg, abgesehen von Focus. Die Berlin-Beilagen der \u00fcberregionalen Zeitungen wurden eingestellt, auf dem Berliner Markt haben sich weder die Berliner Zeitung noch der Tagesspiegel zu neuen \u00fcberregionalen Mitbewerbern entwickeln k\u00f6nnen. Die Medienkrise der Jahre 2000 und 2001 hat vielmehr zu einer Konzentration und &#8211; verursacht durch eine rigide Sparpolitik gro\u00dfer Verlagsh\u00e4user &#151; zu einer Qualit\u00e4tsverschlechterung gef\u00fchrt. Man muss nicht so pessimistisch sein wie Franziska Augstein, f\u00fcr die der Journalismus nunmehr eine von &#132;Geldmangel, Jugendwahn und falschem Populismus&#148; beherrschte Branche ist (Augstein 2004: 31). Gleichwohl ist aber v\u00f6llig unstrittig, dass die Voraussetzungen f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus nach der (vorl\u00e4ufigen) \u00dcberwindung der Medienkrise sehr viel schlechter geworden sind: Es wird in absehbarer Zeit wohl nur noch zwei gro\u00dfe \u00fcberregionale Tageszeitungen in Deutschland geben: Die Welt ist trotz erheblicher Anstrengungen chronisch defizit\u00e4r und die Frankfurter Rundschau ist dabei, sich st\u00e4rker auf die Regionalberichterstattung zu konzentrieren. Bleiben also die Frankfurter Allgemeine und die S\u00fcddeutsche, die ihre unterschiedlichen Profile, auch das ist ein Ergebnis der Krise, eher gesch\u00e4rft haben.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen aber Zeitungen tun, um sich auf die ver\u00e4nderten Bedingungen einzustellen? Welche Zukunft hat der Qualit\u00e4tsjournalismus in der Tageszeitung &#8211; vor allem in Konkurrenz zu Internet und Fernsehen? Das sind Fragen, die sich nur beantworten lassen, wenn man noch einmal einen Blick auf die schon angesprochenen Bedrohungen wirft.<\/p>\n<ol>\n<li>\u00a0Mehr Geld f\u00fcr mehr Qualit\u00e4t wird es vermutlich in den n\u00e4chsten Jahren nicht geben.<br \/>Weder die Umf\u00e4nge der Zeitungen noch die Zahl der Redakteure werden sp\u00fcrbar<br \/>wachsen. Einige Werbem\u00e4rkte, zum Beispiel Rubrikenanzeigen f\u00fcr Immobilien oder<br \/>gebrauchte Autos, haben sich in das Internet verlagert.<\/li>\n<li>Die Nachrichtengrundversorgung werden zunehmend Rundfunksender, Fernsehen und vor allem Angebote wie SpiegelOnline \u00fcbernehmen, auch wenn sie vielfach \u00f6konomisch wenig einbringen.<\/li>\n<li>Die politischen Prozesse bleiben kompliziert, aber der Trend zur Zuspitzung und Personalisierung, mithin also zur Boulevardisierung wird anhalten.<\/li>\n<li>\u00a0Das Leseverhalten \u00e4ndert sich dramatisch. Zwar verbringen die B\u00fcrger immer mehr Zeit mit Mediennutzung, aber die Zeitungen profitieren davon nicht. 1980 betrug die durchschnittliche Lesezeit von Tageszeitungen 38 Minuten, im Jahr 2000 waren es nur noch 30 Minuten (Glotz\/Meyer-Lucht 2004).<br \/>Auf diese Entwicklung kann es nur zwei Antworten geben: konservatives Beharren oder die Anpassung an vermeintlich modernere Medien. Letzteres scheint wenig Erfolg versprechend zu sein, denn mit jeder weiteren Anpassung der Tageszeitung an das Internet &#8211; wie sie zum Beispiel bei Welt kompakt oder News zu sehen ist &#8211; macht sie sich \u00fcber-fl\u00fcssig. Eine Chance hat sie nur mit \u00fcberlegener Analyse und vor allem einer wesentlich zuverl\u00e4ssigeren und umfangreicheren Recherche. Das Monopol zu informieren haben die Zeitungen immer st\u00e4rker verloren; selbst den Lokalzeitungen erw\u00e4chst heute Konkurrenz durch Internet-Angebote, Stadtmagazine und kostenlose Anzeigenbl\u00e4tter. Das beste Unterscheidungsmerkmal, das Zeitungen haben, ist die Qualit\u00e4t der Information. Ein neuer journalistischer Empirismus und policy-Analysen, wie man sie weder im Fernsehen noch im Internet findet, k\u00f6nnten Qualit\u00e4tszeitungen ihr \u00dcberleben und ausreichende Auflagezahlen sichern.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Gleichzeitig mit der Wirtschaftskrise zu Beginn des neuen Jahrtausends ist auch die postmoderne \u00dcberflussgesellschaft an ihr Ende gekommen. Ihr medialer Ausdruck war der sogenannte Pop-Journalismus, der das Ph\u00e4nomenologische wichtiger nahm als die Fakten. F\u00fcr ihn muss es auch k\u00fcnftig Reservate geben &#151; im Feuilleton oder im Gesellschaftsteil. Irrpolitischen Teil der Zeitung hat er nichts (mehr) zu suchen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Augstein, Franziska 2004: Wo der Stuss sich dr\u00e4ngen darf &#8211; Rede zur Lage des Feuilletons; in: Frankfurter Hefte\/Neue Gesellschaft, 51. Jg., H. 12, S. 31-34<br \/>Glotz, Peter\/Meyer-Lucht, Robin (Hg.) 2004: Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel, Konstanz<br \/>Leinemann, J\u00fcrgen 2004: H\u00f6henrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, M\u00fcnchen Meng, Richard 2002: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schr\u00f6der?, Frankfurt\/Main<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2285],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11970","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ruediger-soldt","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Zukunft des politischen Journalismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/die-zukunft-des-politischen-journalismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Zukunft des politischen Journalismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Policy-Analysen versus Boulevardisierung aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S.30-33 Wie wichtig Qualit\u00e4t im Journalismus sein kann, war zuletzt im Sommer des Jahres 2004 zu sehen. 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