{"id":11971,"date":"2005-03-01T18:00:00","date_gmt":"2005-03-01T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/dienstleister-oder-aufklaerer\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"dienstleister-oder-aufklaerer","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/dienstleister-oder-aufklaerer\/","title":{"rendered":"Dienstleister oder Aufkl\u00e4rer?"},"content":{"rendered":"<p>Nivellierung, Inszenierung und Public Relations als Gefahr f\u00fcr die &#132;Vierte Gewalt&#148;`<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge  Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S. 34-48<\/p>\n<p>Die Vorschuss-Lorbeeren f\u00fcr eine ungehinderte journalistische Arbeit in Deutschland sind gewaltig, der rechtliche Rahmen f\u00fcr die so genannte &#132;Vierte Gewalt&#148; kaum zu beanstanden. &#132;Eine freie, nicht von der \u00f6ffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelm\u00e4\u00dfig erscheinende politische Presse f\u00fcr die moderne Demokratie unentbehrlich&#148;, hei\u00dft es in der Spiegel-Entscheidung des BVG vom 5. August 1966. Zwar ist dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichts schon fast 40 Jahre alt, aber auch die Rechtsprechung der folgenden Jahre orientierte sich an dieser Leitlinie. Sp\u00e4ter wurde auch der Informantenschutz und die Vertraulichkeit der Redaktionsarbeit abgesichert (BVG, 25.1.1984). Im Laufe der Zeit bildete sich die Faustregel heraus: Je gr\u00f6\u00dfer das Informationsinteresse der \u00d6ffentlichkeit an einem bestimmten Vorgang, desto wichtiger ist das Grundrecht der Pressefreiheit vor den \u00fcbrigen Grundrechten und den allgemeinen Gesetzen (vgl. Kredithai-Entscheidung des BVG vom 20.4.1982).<\/p>\n<p>Das so genannte Informationsinteresse ist aber kein statischer, unver\u00e4nderbarer Begriff. Deshalb stellt sich die Frage, ob die rechtlichen Privilegien der &#132;Vierten Gewalt&#148; sich nicht mit dem ver\u00e4nderten Informationsinteresse der Gesellschaft &#8211; und den gesamten medialen Rahmenbedingungen &#8211; wandeln. Ungekl\u00e4rt ist, ob, zugespitzt formuliert, die &#132;Vierte Gewalt&#148; am Ende nur noch viertklassig ist und die Schutzrechte der Pressefreiheit langsam br\u00f6ckeln. Das breite Interpretations-Spektrum zum &#132;Caroline-Urteil&#148; illustriert, wie sich Ver\u00e4nderungen in der Medien- und Gesellschaftskultur auf die Spruchpraxis hoher Gerichte auswirken.<\/p>\n<p>Da sich zus\u00e4tzlich der gesamte Politikprozess und die Kompetenzverteilung zwischen den verschiedenen politischen Ebenen grundlegend ver\u00e4ndert hat, wird die Frage aufgeworfen, welche Rolle den Medien als &#132;Vierter Gewalt&#148;, als Kontroll- und Kritikinstanz k\u00fcnftig noch zukommt.<\/p>\n<p>Die etablierte Politik befindet sich schon seit Jahren im Zustand einer Dauerkrise, auf-geregt und nerv\u00f6s &#8211; aber oft auch folgenlos &#8211; begleitet von den Medien. Politik ist ein z\u00e4hes, schwerf\u00e4lliges, kompliziertes, verschachteltes und meist sehr belastendes Gesch\u00e4ft. Die handelnden Akteure &#151; selbst im Bundestag &#8211; kennen ihre Grenzen. Das Ende der Politik und die Dominanz der \u00d6konomie wird mittlerweile nicht nur auf Akademietagungen thematisiert. Der t\u00e4gliche Politikbetrieb, die unendliche Papierproduktion, die oft unkoordinierten Sitzungen bis tief in die Nacht, das Gef\u00fchl der Ohnmacht und der Einflusslosigkeit, der Druck der \u00dcberforderung und der Inkompetenz, die Abh\u00e4ngigkeit von Fraktionsspitzen oder Ministern &#8211; all das l\u00e4sst sich kaum vermitteln. Viele relevante Entscheidungen spielen sich im Verborgenen &#8211; hinter den Kulissen &#8211; unter dem bestimmenden Einfluss von Ministerialb\u00fcrokratie und m\u00e4chtigen Lobbygruppen ab. J\u00fcrgen Leinemann hat diese Zusammenh\u00e4nge anschaulich in seinem Buch H\u00f6henrausch &#8211; Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker ausgeleuchtet. Der fr\u00fchere Direktor der Hessischen Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Konrad Schacht, bilanzierte im Lichte dieser Entwicklungen und von 30 Jahren aktiver Politikerfahrung, es sei durchaus rational, sich nicht politisch zu engagieren.<\/p>\n<p>Die Folge dieses Politikbetriebs, in dem die Wirtschafts-Lobby faktisch den Ton angibt und mit ihrem &#132;\u00d6konomisierungs- und Privatisierungsdiskurs&#148; schon l\u00e4ngst Querschnitts-Politik betreibt, ist ein Zuwachs von &#132;Darstellungspolitik&#148; &#8211; quasi der Ersatz f\u00fcr die klassische Politikvermittlung der &#132;Vierten Gewalt&#148;. Der DGB-Vorsitzende Sommer hatte in seiner ersten \u00f6ffentlichen Pr\u00e4sentation die &#132;Meinungsf\u00fchrerschaft&#148; der Wirtschaftsverb\u00e4nde beklagt. Ihnen sei es gelungen, ihre &#132;\u00f6konomischen Interessen&#148; in der \u00d6ffentlichkeit als &#132;allgemeine Interessen&#148; darzustellen. Seitdem hat sich dieses Zerrbild noch versch\u00e4rft. Gerade in \u00f6konomischen Fragen gibt es mittlerweile in Wissenschaft und Publizistik einen gedanklichen Mainstream, der das Denken in Alternativen von vorneherein ausschlie\u00dft. Nicht nur Minister, Ministerpr\u00e4sidenten und Oberb\u00fcrgermeister verlegen sich auf Grund reduzierter Handlungsspielr\u00e4ume zunehmend aufs Repr\u00e4sentieren als Politikersatz, hecheln von Termin zu Termin, haben kaum Zeit zum Denken oder gar die Mu\u00dfe, ein Problem wirklich zu durchdringen. Die mediale Au\u00dfendarstellung hat stets Vorrang vor der konzeptionellen Innenausstattung. Politik &#151; so lautet ein gefl\u00fcgeltes Wort in der Berliner Republik &#8211; ist nur das, was in den Medien stattfindet. Allein Medienpr\u00e4senz bietet heute die Legitimationsgrundlage f\u00fcr den politischen Betrieb. Medienbeachtung ist die W\u00e4hrung, in der politischer Erfolg gemessen wird; sie ist die Orientierungsmarke, in der sich Beliebtheit und Bekanntheit in den w\u00f6chentlichen Rankings spiegeln. In unserer &#132;Erfolgsgesellschaft&#148; werden die Medien folglich auch Fluchtpunkt f\u00fcr Politiker, die mit Medienpr\u00e4senz ihre eigene Ohnmacht, aber auch ihre Schw\u00e4che im parlamentarischen System \u00fcberspielen. Die Darstellung von &#132;inszenierter Politik&#148; \u00fcberwiegt gegen\u00fcber der kritischen Reflexion von &#132;tats\u00e4chlichen Politik-Prozessen&#148;.<\/p>\n<p>Die Tendenz zur Medien-Sucht haben die Akteure auf der anderen Seite l\u00e4ngst erkannt. Der Medienforscher Horst R\u00f6per hat das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis gegen\u00fcber den Medien ganz n\u00fcchtern analysiert und festgestellt, dass &#132;die Medienkonzerne einflussreicher sind als die Parlamente&#148;. Auch der Bundestagspr\u00e4sident hat wiederholt den Einflussverlust der Parlamente gegen\u00fcber den Talkshows beklagt. Dabei haben wir in Deutschland eine auf den ersten Blick paradoxe Situation: Der Medienmarkt ist in den vergangenen Jahren explodiert, und gleichzeitig haben sich zwischen den Print-, H\u00f6rfunk- und Fernsehm\u00e4rkten unbemerkt gewaltige Konzentrationsprozesse vollzogen. Diese k\u00e4mpfen unter enormem Konkurrenzdruck um die Gunst der Werbekunden und der Zuschauer, Zuh\u00f6rer und Leser &#150; bevorzugt in der von der Werbewirtschaft ikonisierten jungen, konsumstarken Zielgruppe unter 40 Jahren. Die medieninternen Konzentrationstendenzen &#150; etwa durch die zunehmende Zentralisierung von redaktionellen Entscheidungen &#150; in gro\u00dfen Regionalzeitungen oder Sendern, werden kaum registriert. Auch wenn Lokalredaktionen nicht mehr autonom entscheiden k\u00f6nnen, reduziert sich der Pluralismus von Meinungen und Positionen.<\/p>\n<p>Diese Tendenzen in der Bundesrepublik greifen wie ein gro\u00dfes Zahnrad ineinander und bedingen sich wechselseitig. Es gibt eine konsistente Linie, die vom blockierten Politikbetrieb zur Ersatzfunktion der medialen Pr\u00e4senz und schlie\u00dflich zur Verk\u00fcrzung der Realit\u00e4t f\u00fchrt. Zugespitzt lautet die These, dass die Entscheidungsschw\u00e4che der Politik die Flucht in die mediale Welt beg\u00fcnstigt und die daraus entstehende Realit\u00e4tsverk\u00fcrzung ein verzerrtes Bild von Politik und Gesellschaft bietet. Der Kanzler hat dies anschaulicher ausgedr\u00fcckt, als er von dem politikbestimmenden Dreieck &#132;Bild, BamS und Glotze&#148; sprach.<\/p>\n<p>Es erscheint also nicht \u00fcbertrieben, wenn wir heute von der &#132;Medien-Demokratie&#148; sprechen, in der die parlamentarische Demokratie aufgegangen ist. Dies steht zwar noch nicht in den Sozialkundeb\u00fcchern und auch nicht in den Schriften der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung. Ulrich Sarcinelli sieht die Parteien-Demokratie nach dem exemplarischen Studium des NRW-Wahlkampfes 2000 lediglich &#132;auf dem Weg zur Mediendemokratie&#148;. Aber &#150; jenseits von D\u00fcsseldorf &#150; werden selbst die Akteure im Berliner Reichstag der eindeutigen Tendenz zur medial bestimmten Demokratie nicht widersprechen. Die Vizepr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, pl\u00e4diert daf\u00fcr, dass die Politik ihr Verh\u00e4ltnis zu den Medien neu bestimmt und empfiehlt, &#132;die Medien als eigenst\u00e4ndige Machtsph\u00e4re statt als verl\u00e4ngerten Arm des Politischen zu begreifen&#148;. Dieser \u00fcberf\u00e4llige Diskurs-Prozess w\u00fcrde zumindest die Lage in der Berliner Mitte verklaren. Der zunehmenden Mediatisierung von Politik hat auch die Zeitschrift Cicero Rechnung getragen: Sie misst dem Feld der Medien eine \u00e4hnliche Bedeutung zu wie der Innen-, Au\u00dfen- und Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<h5><span id=\"informations-elite-und-unterhaltungs-proletariat\">Infor&shy;ma&shy;ti&shy;ons&shy;-E&shy;lite und Unter&shy;hal&shy;tungs&shy;-Pro&shy;le&shy;ta&shy;riat<\/span><\/h5>\n<p>Im Lichte dieser Ausgangslage und eingebettet in eine permanente Reiz\u00fcberflutung und Aufmerksamkeits-Beanspruchung der B\u00fcrger suchen Politiker folglich nach Momenten der Publikumszuwendung zwischen Reklame, Kino, Musik, Konzerten etc, im Konsum-Paradies Deutschland. Das h\u00f6chste Gut f\u00fcr einen Politiker ist heute das Produkt &#132;Aufmerksamkeit&#148;. Um dies zu erreichen, ist kein Weg zu steinig, kein Kompromiss zu schwer, keine Anbiederung zu plump.<\/p>\n<p>Die Folge dieser Entwicklung ist, dass Politiker auch auf die Unterhaltungs-B\u00fchne treten m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden. Auff\u00e4llig ist, dass etwa f\u00fcr die Einladung in Talkshows immer noch der Faktor Prominenz entscheidend ist. Mehr als die H\u00e4lfte aller Auftritte bestreiten etwa 20 Politiker, ermittelte das K\u00f6lner Institut f\u00fcr empirische Medienforschung. Die Zuschauer bem\u00e4ngeln zwar die &#132;Selbstinszenierung&#148; von Politkern und auff\u00e4llig auch die mangelnde Kompetenz der &#132;Talkmaster&#148; &#150; dies scheint aber den Konsum der Shows nicht zu beeintr\u00e4chtigen. Sabine Christiansen gilt unter den Vertretern der politischen Klasse in Berlin immer noch als die &#132;wichtigste B\u00fchne&#148;. Tissy Bruns vom Berliner Tagesspiegel hat die Lage so zusammengefasst: &#132;Die Medien (reagieren) immer \u00fcberhitzter, die Politiker immer flacher, das Volk wird immer d\u00fcmmer, weil alle Politik zur Unterhaltung, zum Schlagabtausch nach Reiz-Reaktions-Schema wird.&#148; Wir haben es also mit einer kleinen Informations-Elite und einem gro\u00dfen, wahlentscheidenden Unterhaltungs-Proletariat zu tun.<\/p>\n<h5><span id=\"die-wichtigsten-trends-innerhalb-der-trivialisierungsspirale\">Die wichtigsten Trends innerhalb der Trivi&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rungs&shy;spi&shy;rale<\/span><\/h5>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auchdie B\u00fcrger fliehen zunehmend in ihr visuelles Unterhaltungs-Paradies. Selbst journalistische Enth\u00fcllungen sind in diesem hitzigen Klima immer \u00f6fter eine weitere Spielart der Unterhaltung. Auch die Nachrichtenproduktion in Deutschland hat sich dem Trend zum Entertainment angepasst. Der Rausch der Nachrichtenbilder aus aller Welt wird nicht selten zu einem rasanten Bilder-Cocktail vermengt, der kaum mehr etwas vermittelt, aber das gute Gef\u00fchl hinterl\u00e4sst, man wisse ja, was gerade rund um den Globus passiert.<\/p>\n<p>Nicht nur mit &#132;moderierten Nachrichten&#148; haben sich die Medien auf die Bed\u00fcrfnislage des Publikums und die gleichzeitige Randlage der Politik eingestellt. Entscheidende Ver\u00e4nderungen im Nachrichtengesch\u00e4ft hat Georg Ruhrmann (Universit\u00e4t Jena) in seiner Studie &#132;Info mit -tainment&#148; festgestellt: &#132;Vorallem die Nachrichtenfaktoren Konflikt, Negativit\u00e4t sowie Nutzen und Prominenz beeinflussen die Auswahl der Journalisten.&#148; &#132;Es gibt eine zunehmende Orientierung der Nachrichtenredakteure an Sensationalismus und Emotionen.&#148; Die Nachrichtenfaktoren &#132;Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus bef\u00f6rdern die Rezeption&#148;. Ingesamt best\u00e4tigen seine Untersuchungen die These der Konvergenz von \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern. Ihre Angebote sind f\u00fcr viele Zuschauer nicht mehr unterscheidbar; 30 Prozent vergessen bzw, vermeiden Nachrichten und sind kognitiv nicht mehr erreichbar. Fraglich ist, ob die Medien im Feld dieser Koordinaten die ihnen zugewiesene Rolle als &#132;Kontrollinstanz&#148; noch wirksam wahrnehmen k\u00f6nnen. Denn die Chancenstruktur und der Raum f\u00fcr die zugewiesene anspruchsvolle Aufgabe werden immer br\u00fcchiger.Folgende Trends f\u00fcgen sich zu einem medialen Bildschirm:Es gibt eine Komplexit\u00e4tsfalle, der man selbst in journalistischen Formaten entgehen will. Politik soll Spa\u00df machen, nachvollziehbar sein, betroffen machen. Eine Vereinfachungs-Spirale dreht sich mit beeindruckendem Tempo immer weiter. In Kursen zum Thema Boulevard-Journalismus f\u00fcr Politikjournalisten (in der ARD) wird deshalb auch konsequent die erl\u00f6sende Losung vermittelt: &#132;Informations-Reduzierung bedeutet Quotensteigerung.&#148; Selbst unter den Machern der politischen Magazine hat sich das b\u00f6se Wort der &#132;Politik-Politik-Themen&#148; eingeschlichen. \u00dcbersetzt hei\u00dft das: Reine Politikberichterstattung \u00fcber Prozesse, Hintergr\u00fcnde und ungekl\u00e4rte Konflikte ist schlecht verk\u00e4ufliche Ware. Ratgeber-Themen &#132;laufen besser&#148;.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dft sich eine Personalisierungsfalle an. Themen, die keine durchgehende Personalisierung zulassen, fallen durch das Raster der &#132;Planer&#148;, die formatgerechte Kriterien erf\u00fcllen m\u00fcssen. Die Expansion der Talkshows auf allen Kan\u00e4len und Wellen st\u00fctzt diesen Trend. Auff\u00e4llig ist hier, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Bereitschaft von Politikern, an &#132;weichen Sendungen&#148; von Kerner bis Christiansen teilzunehmen, und gleichzeitig konventionelle Intervieww\u00fcnsche politischer Magazine oder von Hintergrund-Sendungen abzulehnen.<\/p>\n<p>Im Sog der nahezu besinnungslosen Service-Orientierung ist eine Nutzwert-Falle festzustellen. Die Kriterien, wann ein Thema zur Nachricht oder zum vertiefenden Bericht wird, haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend ge\u00e4ndert. Statt der \u00fcblichen Relevanzkriterien und bew\u00e4hrten Nachrichtenfaktoren geht es nun um Gespr\u00e4chswert, Nutzwert, Unterhaltungswert einer Nachricht. Der Informationswert &#150; im politischen Sinne &#150; ger\u00e4t in eine Randposition. In seiner fortgeschrittenen Vollkommenheit ist diese Tendenz in den Privatradios an Standorten mit hoher Konkurrenz &#150; wie etwa Berlin &#150; h\u00f6rbar: die Ergebnisse der geistigen Selbstverd\u00fcnnung zwischen Quiz, Hits und Clips. Aber auch die popul\u00e4ren Wellen der \u00f6ffentlichrechtlichen Konkurrenz bewegen sich mitten in dieser Konkurrenzspirale. Mit wachsendem Publikumserfolg, was die H\u00f6rer-Resonanz angeht; dies weisen aktuelle Media-Analysen aus. Kein Wunder: Beide Systeme besch\u00e4ftigen seit Jahren die gleichen Beratungsfirmen, die den Radiomarkt &#150; von den Kultur- und Infowellen abgesehen &#150; normiert haben. Der Wortanteil ist in den vergangenen Jahren auch bei seri\u00f6sen Wellen um rund 25 Prozent reduziert worden. Die alte Konvergenz-These &#150; also die erwartete Anpassung der beiden Systeme in Inhalt, Stil und Anmutung &#150; wird heute wohl niemand mehr ernsthaft bestreiten. Alle Medien bedienen sich am Supermarkt der Wirklichkeit und haben dabei einen besonderen Blick auf das Leichte, Seichte, Schr\u00e4ge und nat\u00fcrlich Unterhaltsame. Zerstreuende und kommerzorientierte Programmangebote sind in den Mssenprogrammen eindeutig programmpr\u00e4gend.<\/p>\n<p>Zu all diesen Tendenzen kommt &#150; sozusagen als verbindendes Glied zwischen Politik und Journalismus &#150; die Kompetenz\/alle. Nicht wenige professionelle Beobachter haben beobachtet, dass Politiker in der Regel den Journalisten \u00fcberlegen sind. Sie haben meist &#132;leichtes Spiel&#148; mit Journalisten, die froh sind, einen soundbite oder eine oneliner abzufangen und den dann in der Redaktion abzuliefern. Insgesamt gibt es die Tendenz &#150; vor allem in den elektronischen Medien &#150; hin zum Producer, der Themen nach Vorgabe umsetzt und \u00fcberhaupt kein Interesse mehr an eigener Einordnung oder gar individueller, aus Erfahrung gespeister Kommentierung hat. Der Journalistentyp eines Karl Feldmeyer (FAZ) scheint langsam auszusterben.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt wird dieser Werkstattbericht durch zunehmende Bem\u00fchungen der Pressestellen und beauftragten PR-Agenturen, in den Prozess des Agenda-Settings und Agenda-Cuttings einzugreifen. Das bedeutet: Das Ausma\u00df an gesteuerter und blockierter Information wird immer gr\u00f6\u00dfer. Versierte Medienprofis verfolgen das Ziel der Erwartungs-Steuerung des Publikums. Kombiniert wird dieser Trend mit dem Bem\u00fchen der Themen-Ausblendung und der Themen-Akzentuierung mit einem bestimmten, vorher geplanten wording. Dass dies immer reibungsloser und selbstverst\u00e4ndlicher funktioniert, beweisen die t\u00e4glichen, knappen &#132;Statements ohne Nachfrage&#148; der wichtigsten Akteure in den elektronischen Medien und Nachrichtenagenturen. Die Hektik des Politikbetriebs in Berlin versch\u00e4rft diesen Trend zur Oberfl\u00e4chlichkeit. Professionelle Medienstrategen konzentrieren sich bei ihrem Gesch\u00e4ft gerne auf die m\u00e4chtigen Nachrichtenagenturen und die relevanten Fernsehkan\u00e4le und versuchen, \u00fcber sie ihre Botschaften zu platzieren. Gegen die Macht der Agenturen kommt dann selbst etwa ein gutwilliger und kompetenter H\u00f6rfunk-Redakteur nicht mehr an. Die Zentralen st\u00fctzen sich in der Praxis in der Regel allein auf das Agenturmaterial, ohne zu pr\u00fcfen, auf welcher Grundlage dieser Service entstanden ist.<br \/>Zu dem Spiel auf der Medienb\u00fchne geh\u00f6ren auch der rasche Wechsel von Themen, die kaum aufgeworfen &#150; in der Fachsprache hei\u00dft das &#132;angeteast&#148;&#150; sind und schon wieder von der Agenda verschwinden. Es gibt also einen gro\u00dfen Themenverschlei\u00df; die Spirale des aktuellen &#132;News-Durchlaufs&#148; dreht sich immer schneller. Nur wenige Themen k\u00f6nnen sich mittel- und langfristig &#132;halten&#148;, meist nur, wenn ihre Sinnstruktur einfach ist und gleichzeitig polarisiert zwischen den politischen Lagern diskutiert wird. Wolfgang Sch\u00e4uble hat diesen Trend beklagt, aber auch kein Gegenrezept verraten, wie man auf die immer rascher aufeinander folgenden Themenkonjunkturen reagieren k\u00f6nnte. Ernsthaftere Themen haben in diesem Raster nur noch einen Platz am Rand.<\/p>\n<p>Was wichtig und was unwichtig ist, welche Themen interessieren und welche lang-weilen, geht immer wieder auf die in der &#132;Quote&#148; gemessene Zuschauer- oder Zuh\u00f6rer-Resonanz zur\u00fcck. Im Print-Bereich entscheiden die Auflagenzahlen. Selbst bei den Agenturen liegen morgens schon die Abdruck-Ergebnisse der einzelnen Geschichten auf dem Tisch. Sogar Alfred Biolek beklagt den Trend zur Quotenfixierung. Fr\u00fcher sei er gefragt worden, ob er eine gute Sendung produziert habe. Heute w\u00fcrde er nur noch nach der Quote gefragt. WDR-Redakteure wollten in ihrem Hause den Leitsatz &#132;Die Qualit\u00e4t hat der Quote voranzugehen&#148; durchsetzen. Dieser einfache Satz kam einer Palastrevolution gleich, unannehmbar f\u00fcr die Unternehmensleitung. Die Folge: Rein quantitative Kriterien bestimmen das Ranking im journalistischen Alltag und damit die Ressourcenausstattung.<\/p>\n<p>Der Trend zur Unterhaltung hat in den elektronischen Medien aber noch einen anderen simplen Grund. Talk-Formate, Call-In- und Service-Sendungen aller Art sind billiger zu produzieren. Da auf Grund teurer Show-Sendungen, explodierender Sport- und Spielfilmrechte etc. die Budgets immer knapper werden, geraten journalistisch aufwendigere Produktionen st\u00e4rker in den Hintergrund. Die immer wieder aufkeimende Diskussion \u00fcber die Reduzierung und neuerdings auch die Verk\u00fcrzung (auf 30 Minuten) der politischen Magazine in der ARD ist ein Sinnbild f\u00fcr diesen Medien-Trend. Die (Kontroll-) Gremien schauen weitgehend zu, verstehen sich als Teil des Managements und interessieren sich allenfalls f\u00fcr branchenspezifische oder regionale Partikularinteressen. Wissen sie, was mit der Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; gemeint ist?<\/p>\n<h5><span id=\"public-relations-als-gefahr-fuer-den-journalismus\">Public Relations als Gefahr f&uuml;r den Journa&shy;lismus<\/span><\/h5>\n<p>Am wirksamsten wird die vermeintliche Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; jedoch von einer stillen Macht ausgeh\u00f6hlt, die auf leisen Sohlen den Journalismus zunehmend bedroht. Und dies, ohne dass es \u00f6ffentlich bemerkt w\u00fcrde. Es geht um den Einfluss der PR-Industrie, zu der die meisten Journalisten ein naives, unkritisches Verh\u00e4ltnis pflegen. In fast keinem journalistischen Lehrbuch findet sich auch nur ein Kapitel zum Thema &#132;PR&#148;, in dem die Motive und Methoden der florierenden Branche untersucht werden. Keine Warnungen, keine Hinweise, keine skeptischen Gedanken. Vielleicht liegt das daran, dass viele PR-Berater sich selbst als Journalisten sehen und vielleicht sogar ihre Mitgliedsbeitr\u00e4ge an die gleiche &#132;Gewerkschaft&#148; (DJV) abf\u00fchren. Die meisten Journalisten haben l\u00e4ngst die &#132;Vermittler- und Service-Rolle&#148; der PR-Agenturen akzeptiert, &#132;verkaufen&#148; gerne weiter, was ihnen zuvor &#132;verkauft&#148; wurde. Nicht nur f\u00fcr den Schweizer Publizisten Rene Grossenbacher steht der publizistische Sieg der PR-Branche \u00fcber den recherchierenden Journalismus fest: &#132;Das Public-Relations-System hat auf Kosten der Medien und der Journalisten gewonnen; dieser Trend wird anhalten.&#148; Fast zwei Drittel der Berichterstattung basieren auf &#132;offiziellen Verlautbarungen, Pressekonferenzen, Pressemitteilungen und anderen PR-Quellen&#148;. Weil nur noch jeder zehnte Artikel aus eigener journalistischer Initiative entstehe, so Grossenbacher, mutiere der Journalist zunehmend zum &#132;Textmanager&#148;, der sich &#132;aufs K\u00fcrzen und oberfl\u00e4chliches Neutralisieren von Texten&#148; beschr\u00e4nke. Die viel beschriebenen Tendenzen im Journalismus &#151; wie die Nutzwert-Orientierung, die Unterhaltungs-Orientierung oder die Personalisierungs-Orientierung &#151; f\u00f6rdern diese Entwicklung. Andere Zw\u00e4nge des Medienbetriebs f\u00fchren meist zu der Frage: &#132;L\u00e4sst sich die Story rasch, unkompliziert und ohne gro\u00dfen Aufwand umsetzen?&#148; Bei der Beantwortung dieser Frage sind die PR-Referenten auf allen Ebenen gerne behilflich. Sie fungieren gleichsam als Informations-Transformatoren, als intellektuelle Sauerstoff-Oasen und (kostenlose) Stoff-Lieferanten f\u00fcr die Medien. Am sinnf\u00e4lligsten f\u00fcr diesen Trend ist die Arbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), finanziert u.a, von dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Die Imagebrosch\u00fcre vom Oktober 2004 wurde von zw\u00f6lf Sch\u00fclern der K\u00f6lner\u00a0 Journalistenschule f\u00fcr Politik und Wirtschaft gemacht. Vertrieben wurde die 20-seitige Brosch\u00fcre als Beilage der Zeitschrift Journalist. Besonders wirksam ist der w\u00f6chentliche Redaktionsservice der von den Unternehmerverb\u00e4nden finanzierten &#132;Initiative&#148;. Die Journalisten werden mit aufbereiteten &#132;Themenangeboten&#148; versorgt. Lapidar hei\u00dft es am Ende: &#132;Der TV-Redaktionsservice der INSM produziert sendefertige Beitr\u00e4ge, stellt 0-T\u00f6ne und Schnittbilder zur Verf\u00fcgung und vermittelt Interviewpartner.&#148; Diese Initia-. tive ist der Vorbote f\u00fcr eine Professionalisierung von journalistischer PR, die ahnungsund fraglos \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p>Wie sich dieses System in der Fernsehpraxis auswirkt, hat der HR-Redakteur Ingo Nathusius dokumentiert. Distanzlosigkeit, Faulheit, mangelhafte Berufsauffassung und die soziale N\u00e4he sind demnach die Grundlagen f\u00fcr die Manipulations-Mechanismen, auf die sich viele Journalisten einlassen. Wie perfekt das System von &#132;Geben und Nehmen&#148; mittlerweile organisiert ist, beschreibt Nathusius anhand von zahlreichen Praxisbeispielen. Doch die Mischung aus &#132;Bilderwahn und Zeitdruck&#148; &#151; sozusagen das Gleitmittel der bestellten Wahrheiten &#151; kommt nicht ohne die Produzenten im schnellen Gesch\u00e4ft aus: &#132;Es lockt wenig Dichter und Denker an. Eher m\u00f6gen vorbehaltlose Einsatzfreude, Flexibilit\u00e4t, ein Hauch Oberfl\u00e4chlichkeit und eine Prise Eitelkeit vorherrschen. In solchen Strukturen ist das Bed\u00fcrfnis nach Selbstkritik und Reflexion gering.&#148;<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der nach dem gro\u00dfen Boom erstmals die Berufsgruppe der Journalisten mit Entlassungen zu k\u00e4mpfen hat und PR-Unternehmen sich als Jobmaschinen pr\u00e4sentieren, werden fr\u00fcher g\u00fcltige Tabuzonen ge\u00f6ffnet, gelten bew\u00e4hrte Standards nicht mehr. Der private Rundfunk &#151; besonders in den Metropolen &#151; m\u00fcsste sich eigentlich als &#132;Dauerwerbesendung&#148; etikettieren; denn nirgendwo sonst wird so schamlos zwischen redaktionellen und &#132;gekauften&#148; Beitr\u00e4gen changiert. Bei Rockland-Radio gibt es im Programm sogar regelm\u00e4\u00dfig gekaufte &#132;Info-Minuten&#148;. Renommierte Tageszeitungen wie der Tagesspiegel oder die S\u00fcddeutsche Zeitung r\u00e4umen sogar ihre Titelseiten f\u00fcr die Werbung. Aber l\u00e4ngst ist es kein Geheimnis mehr, dass bestimmte Publikationen nicht mehr f\u00fcr den Lesermarkt, sondern allein f\u00fcr den Anzeigenmarkt kreiert werden. Nicht selten liefern die Redaktionen das ansprechende Umfeld f\u00fcr die Werbung; zu diesem Zweck gibt es langfristige Beilagen-Planungen und kurzfristige Absprachen zwischen Redaktion und Anzeigen-Abteilung. Nicht wenige Verlage unterhalten noch eigene Konkurrenz-Bl\u00e4tter in ihrer Region, um einen ernsthaften publizistischen Wettbewerb zu unterbinden. In diesem Rahmen ist der Spielraum der Public Relations schier grenzenlos. Thomas Gierse von der Rhein-Zeitung beklagt die entsprechenden Tendenzen im Almanach f\u00fcr Journalisten (2002). Sein pragmatisches Fazit: &#132;Passives Hinnehmen solcher Trends, Kapitulieren vor den immer wieder neu formulierten Anspr\u00fcchen der PR-Macher muss dennoch nicht sein.&#148; Am Ende empfiehlt der Lokalredakteur &#132;einen ehrlichen Umgang miteinander&#148; und warnt vor dem Verfall der Sitten. Vielleicht hilft auch der wachsweiche Hinweis des Deutschen Presserates, der im Pressekodex mahnt, die Grenze zur Schleichwerbung nicht zu \u00fcberschreiten. Im Presserat ist man in j\u00fcngster Zeit etwas hellh\u00f6riger geworden, nachdem Journalistenvereinigungen eine strikte Trennung von PR und Journalismus gefordert hatten. Aber auch ein Blick in die Landespressegesetze w\u00e4re n\u00fctzlich; hier wird immerhin die Kennzeichnung entgeltlicher Leistungen gefordert. Stumpfe Gesetze, professionelle PR-Leute, \u00fcberforderte Produzenten &#150; das ist das Klima, in dem die Informations-Setzung der bezahlten Kommunikation vortrefflich gedeiht. Manchmal verdichtet sich der Eindruck, dass Journalismus zunehmend zur Kommentierung von Marketing verkommt. Den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts liegt ein anderes Verst\u00e4ndnis von Journalismus zu Grunde.<\/p>\n<h5><span id=\"die-medien-als-viertes-rad-der-pr-industrie\">Die Medien als viertes Rad der PR-In&shy;dus&shy;trie?<\/span><\/h5>\n<p>Der Kampf um Aufmerksamkeit der Kunden wird im Zeitalter der Reiz\u00fcberflutung k\u00fcnftig wesentlich auf dem Feld der PR ausgetragen. Die Ausgaben f\u00fcr klassische Werbung sind in den vergangenen Jahren bereits um etwa 5 Prozent geschmolzen. Sponsoring, Sonderwerbeformen, PR, Gewinnspiele und andere versteckte Werbeformen wachsen dagegen. Ziel ist die m\u00f6glichst &#132;kreative inhaltliche und formale Vernetzung unterschiedlicher Werbetr\u00e4ger&#148;, wie Annette Coumont (&#132;Spezialistin f\u00fcr vernetzte Kommunikationsl\u00f6sungen&#8220;) in der WDR-Hauszeitschrift Print (9\/2002) schreibt: &#132;Ziel ist die Verzahnung von klassischen und nicht-klassischen Medien, um den maximalen werblichen Gesamtnutzen zu erreichen.&#148; Konzepte f\u00fcr diese gewinntr\u00e4chtigen Crossmedia-Aktivit\u00e4ten entstehen unter anderem in PR-Agenturen. Es besteht also die ernst zu nehmende Gefahr, dass publizistische Aufgaben mit kommerziellen Interessen vermischt werden, ohne dass dies f\u00fcr die Mediennutzer erkennbar w\u00e4re. Volker Lilienthal hat diese kommerziellen Verkn\u00fcpfungen unter anderem am Beispiel des ZDF detailliert dokumentiert. Damit konnten zwar einige Korrekturen eingeleitet werden, aber das Grundproblem der kommerziellen Durchdringung bleibt. Die Medien &#150;&#132;Vierte Gewalt&#8220; oder viertes Rad am Wagen der PR-Industrie? Eine Frage, die sich viele Journalisten \u00fcberhaupt nicht stellen. Wie die Verschmelzung von Journalismus und PR in der Praxis aussieht, hat Andrea K\u00f6hler am Beispiel der US-Pharmaindustrie in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung beschrieben. Veronika Hackenbroch erg\u00e4nzt dieses Stimmungsbild mit ihrem Spiegel-Beitrag \u00fcber die Pharmaindustrie, die Allerweltsleiden immer h\u00e4ufiger zu bedrohlichen Krankheiten aufbauscht (Spiegel 36\/2002). J\u00f6rg Blech (Der Spiegel) hat ebenfalls zahlreiche Fallbeispiele in seinem Sachbuch zu den &#132;erfundenen Krankheiten&#148; beigesteuert. Viele PR-Insider werden wissen, wie man Selbsthilfegruppen f\u00fcr bestimmte Krankheits-Profile gr\u00fcndet und begleitet &#150; nur um neue M\u00e4rkte zu schaffen und die Nachfrage zu stimulieren. Die Anzeigen- und PR-abh\u00e4ngige Medizinpresse spielt bei diesen &#132;Aufkl\u00e4rungs-Kampagnen&#148; gerne mit. Die Kassen\u00e4rztlichen Vereinigungen stellen zudem die &#132;passenden Moderatoren&#148; f\u00fcr die &#132;patientenorientierten Gesundheits-Magazine&#148;.<\/p>\n<p>Wie diese Tauschbeziehungen wirklich funktionieren, haben britische Kollegen am Beispiel der Tabak-Lobby detailliert nachgezeichnet. In Deutschland gibt es nur ganz wenige gr\u00fcndliche Recherchen \u00fcber die Praktiken der PR-Industrie.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass die PR besonders im Konsumg\u00fctermarkt (Tabak, Autos, Reisen, Musik, Film) l\u00e4ngst akzeptiert ist. So investierten die Produzenten von Pearl Harbour 5 Millionen Dollar f\u00fcr eine ausgefallene Pressekonferenz zum Start des Films. PR-Etats von 50 bis 100 Millionen Dollar sind in dieser Branche keine Ausnahme.<\/p>\n<p>Sicher gibt es die ehrenwerten PR-Abteilungen etwa von Universit\u00e4ten oder Bibliotheken. Ihre Absicht ist allein die unvoreingenommene, faire, ehrliche und umfassende Information der Journalisten. Solche Ausnahmen mag es in der PR-Szene geben. Der Normalfall ist allerdings durch den klaren Auftrag eines Kunden an den Dienstleister definiert. PR-Firmen sind ihren kommerziellen Auftraggebern verpflichtet, die f\u00fcr die Durchsetzung ihrer Interessen in der \u00d6ffentlichkeit bezahlen. Die Medien haben allerdings einen entgegengesetzten Auftrag. Sie sollen m\u00f6glichst unvoreingenommen die Leser, Zuh\u00f6rer oder Zuschauer \u00fcber wichtige Vorg\u00e4nge informieren und aufkl\u00e4ren. PR und Journalismus verhalten sich also wie der Teufel zum Weihwasser. PR-Vertreter m\u00fcssen interessengeleitet die &#132;halbe Wahrheit&#148; verkaufen, Journalisten m\u00fcssen unabh\u00e4ngig ein Thema umfassend ausleuchten, also die &#132;ganze Wahrheit&#148; vermitteln.<\/p>\n<p>Wenn Konflikte im Spiel sind, haben PR-Agenturen die Aufgabe, Journalisten bei ihrer Arbeit zu behindern und sie m\u00f6glichst mit Teilinformationen abzuspeisen. Die Informations-Blockade bis hin zur Verweigerung geh\u00f6rt zum ganz normalen Gesch\u00e4ft. Es liegt im Kalk\u00fcl der PR-Agenturen und im Interesse der Auftraggeber, nur Ausschnitte ihrer Realit\u00e4t zu pr\u00e4sentieren, w\u00e4hrend Journalisten &#132;alle Seiten h\u00f6ren sollen&#148; und keine Favoriten in der Berichterstattung haben sollen. Selbst die kleinste Kreisverwaltung hat. Mittlerweile das Handwerk der subtilen Desinformation, der Teilinformation oder der hybriden Nicht-Information gelernt. Die in den Landespressegesetzen niedergelegte &#132;Auskunftspflicht&#148; ist f\u00fcr sie eine Farce. Die hartn\u00e4ckigen Widerst\u00e4nde der Industrie und von einzelnen Ministerien gegen ein Informationsfreiheitsgesetz auf Bundesebene illustrieren zudem die Bedeutung des Informationszugangs f\u00fcr Journalisten. Die gravierenden Ver\u00e4nderungen in diesem Sektor haben das Bundesverfassungsgericht und andere h\u00f6here Gerichte in j\u00fcngster Zeit noch nicht aufgegriffen. Defizite in der meist affirmativen Kommunikationswissenschaft f\u00fchren dazu, dass solche Erkenntnisse auch nicht in den wissenschaftlichen Diensten der Gerichte ankommen. Die &#132;Vierte Gewalt&#148; zehrt noch von ihrem in der Vergangenheit erarbeiteten Mythos.<\/p>\n<p>Zum Repertoire mancher PR-Agenturen geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch die juristische Beratung der \u00f6ffentlichkeitsscheuen Kundschaft. Wie k\u00f6nnen Recherchen im Keim erstickt, wie k\u00f6nnen Autoren verunsichert und Texte verhindert werden? Der Capital-Gr\u00fcnder Adolf Theobald hat die K\u00f6nigsform der PR-Agenten damit beschrieben, dass fertige Geschichten erst gar nicht ver\u00f6ffentlicht werden. Nat\u00fcrlich gegen Honorarzahlung. Wer einen tiefen Einblick in die Pr\u00e4zisionsarbeit der PR-Branche werfen will, sollte das Portrait-Buch von Peter Glotz \u00fcber Ron Sommer lesen. Glotz hat jahrelang die Telekommunikations-Politik im sozialdemokratischen Umfeld gepr\u00e4gt. Auch Stefan Aust war Mitglied in Sommers Medienrat. Das genaue Studium der Telekom-Berichterstattung im &#132;Sturmgesch\u00fctz der Demokratie&#148; ist deshalb besonders erhellend. Anschaulich ist auch das Beispiel eines &#132;PR-Managers des Jahres&#148;, Klaus Walter, Leiter der Konzernkommunikation von Lufthansa. Auch er verhinderte die Sanktionen gegen die S\u00fcddeutsche Zeitung beim Ankauf von Kontingenten f\u00fcr die Flugg\u00e4ste durch sein Unternehmen nicht. Er wurde f\u00fcr sein &#132;transparentes und reaktionsschnelles&#148; Krisenmanagement ausgezeichnet. Ausgew\u00e4hlt wurde er von den Kollegen Kommunikationsdirektoren der Deutschen Post, Siemens, RWE und der Bundesregierung.<\/p>\n<p>Das Thema PR und der Einfluss auf die Funktionsf\u00e4higkeit der &#132;Vierten Gewalt&#148; wird in Zukunft ganz vorne auf der Tagesordnung der Medien-Diskussionen stehen.<\/p>\n<h5><span id=\"verzerrung-vereinfachung-und-verwandlung-auswirkungen-auf-politik\">Verzerrung, Verein&shy;fa&shy;chung und Verwand&shy;lung: Auswir&shy;kungen auf Politik<\/span><\/h5>\n<p>F\u00fcr die politische Kommunikation bedeuten all diese ineinander greifenden Prozesse zun\u00e4chst einmal eine Vereinheitlichung der Kommunikationsangebote und eine Verzerrung der politischen Realit\u00e4t durch die Betonung einfacher, eing\u00e4ngiger, unkomplizierter Stoffe. Die hintergr\u00fcndige, stimmige, analytisch eingeordnete Information in den Massenmedien wird Mangelware. Dies betrifft vor allem den fl\u00fcchtigen Massenkonsum; selbstverst\u00e4ndlich gibt es ein \u00fcberragend gutes Informationsangebot in den zweiten H\u00f6rfunkprogrammen und dem Deutschlandfunk, im Fernsehen oft nach Mitternacht oder aber im Print-Sektor in den Qualit\u00e4ts-Zeitungen. Im europ\u00e4ischen Vergleich nimmt der Qualit\u00e4ts-Sektor nach wie vor eine f\u00fchrende Stellung ein.<\/p>\n<p>Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Medientendenzen ist aber eine andere Tagesordnung der Politik. Die Medienresonanz und die Medienthematisierung wird zur bestimmenden Gr\u00f6\u00dfe der Politikgestaltung. Die Abbildung in den Medien hat eine Ersatzfunktion, die den immer enger werdenden Gestaltungsspielraum im politischen Gesch\u00e4ft kompensieren soll. Die Medien geben also mit ihren skizzierten Filter- und Akzentuierungsprozessen die Richtung im \u00f6ffentlich beachteten Politikprozess an. Die Medien bestimmen mit ihrer inneren Logik \u00fcberwiegend die Agenda, nicht die Politik selbst. Nur was in den Medien behandelt wird, ist \u00fcberhaupt Gegenstand \u00f6ffentlicher Debatten und damit der Politik. Dies f\u00fchrt im Umkehrschluss dazu, dass die politischen Akteure zunehmend weniger auf ihre eigenen Wurzeln, Ideen und Konzepte vertrauen, sondern bereits in der ersten Stufe der Entwicklung politischer \u00dcberlegungen an den medialen Wirkungshorizont denken. Kommt dieses oder jenes an oder f\u00e4llt Forderung X und Konzept Y schon durchs (vermutete) Raster des M\u00f6glichen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben die Akteure in der politischen Arena einen erheblichen Einfluss auf die Themensetzung. \u00dcber die Ausgestaltung eines Themas im Wechselspiel mit den Medien, entscheiden sie aber nicht selbst. In der Studie zur &#132;Mediendemokratie&#148; im Auftrag der NRW-Landesanstalt f\u00fcr Rundfunk wurde beispielsweise herausgefunden, dass die Wahlkampfmanager verst\u00e4rkt versucht hatten, fernsehgerechte Ereignisse zu inszenieren. Dieser Trend zur Inszenierung mit dem Kernziel, &#132;Bilder f\u00fcr Bildermacher&#148; (Goergen) herzustellen, hat deutlich zugenommen. Die Medien haben auf Grund ihrer Filterfunktion &#150; wer und was kommt an &#150; folglich auch einen indirekten Einfluss auf die Personal-Rekrutierung der Parteien. Die Faktoren &#132;Tele-Charisma&#148;, Inszenierungsf\u00e4higkeit, Medien-Vertrautheit etc, werden immer wichtiger. Auf- und Abstieg von Politikern sind oft verbunden mit ihrer jeweiligen Medienkarriere. Am Beispiel der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel konnte man die Inszenierungsf\u00e4higkeit der Medien im Herbst 2004 sehr anschaulich verfolgen.<\/p>\n<h5><span id=\"darstellungspolitik-und-inszenierungsdruck\">Darstel&shy;lungs&shy;po&shy;litik und Insze&shy;nie&shy;rungs&shy;druck<\/span><\/h5>\n<p>&#132;Ein Bild sagt mehr als tausend Worte&#148; &#150; diese Volksweisheit begr\u00fcndet den Boom der skizzierten Bilderproduktion zur Vermittlung politischer Botschaften. Eine Untersuchung der University of Columbia belegt, dass \u00fcber die pers\u00f6nliche Ausstrahlung zu 55 Prozent nonverbale Signale und zu 38 Prozent die Stimme entscheiden. Nur zu 7 Prozent wirkt sich der Inhalt in der Beurteilung der pers\u00f6nlichen Ausstrahlung aus. Diese Ergebnisse korrespondieren mit der Erkenntnis, dass der Mensch seine Umwelt mit etwa 75 Prozent \u00fcber das Auge und mit etwa 10 Prozent \u00fcber das Ohr wahrnimmt. Auf diese Befunde baut die Darstellungspolitik auf. Kein Wunder, dass in diesem Umfeld die Farbe der Haare des Kanzlers zwischen Natur und Grau keine unwesentliche Rolle spielt und sogar die Gerichte besch\u00e4ftigt. Der medienerfahrene Politikwissenschaftler J\u00fcrgen Falter hat den politischen Betrieb immer wieder von innen besichtigt und kommt zu einem Befund, der als Leitsystem f\u00fcr die Entwicklung von Medienstrategien gelten kann:<br \/>&#132;Politik besteht heute viel st\u00e4rker als fr\u00fcher aus einer Abfolge von Inszenierungen. Das liegt nicht zuletzt an der Ausbreitung des Fernsehens, das dem Betrachter eine scheinbar direkte Beziehung zwischen Politikern und B\u00fcrgern \u00fcber den Bildschirm vorgaukelt. Scheinbar deshalb, weil das Medium mit seinen Machern, seinen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und Manipulationsm\u00f6glichkeiten ja immer dazwischengeschaltet ist. Die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Mediums Fernsehen wiederum beg\u00fcnstigen bestimmte Inszenierungsformen der Politik: schnelle Statements vor laufender Kamera, 20-fach wiederholt und Talkshows in scheinbar wechselnder und doch l\u00e4ngerfristig gesehen immer gleicher Besetzung mit 50 bis maximal 75 Gesichtern und bestenfalls zehn verschiedenen Meinungen. \u00ab<\/p>\n<p>Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist die Mahnung an den Journalismus verbunden, sich dem zunehmenden Inszenierungsdruck zu verweigern. Die entscheidende Frage ist, wie mit einem hintergr\u00fcndigen Journalismus auf diese Herausforderungen reagiert werden k\u00f6nnte. Nur durch die Verbesserung der Recherchef\u00e4higkeit &#150; sozusagen als Qualit\u00e4tsscharnier f\u00fcr die Medien &#150; k\u00f6nnte ein wirksamer Gegentrend bef\u00f6rdert werden. W\u00fcrden verschiedene Aktivit\u00e4ten ineinander greifen, k\u00f6nnte das Prinzip der &#132;Vierten Gewalt&#148; auf diese Weise wieder belebt werden.<\/p>\n<p>Recherchef\u00e4higkeit als Qualit\u00e4tsprogramm f\u00fcr die &#132;Vierte Gewalt&#148;<br \/>Ber\u00fchmten Schriftstellern verzeiht man gerne, wenn sie schonungslos mit der benachbarten Disziplin des Journalismus umgehen. Henning Mankell bringt die Medien-Misere auf den Punkt: &#132;Zu viele Autoren verschwenden ihr K\u00f6nnen auf einen verkr\u00fcppelten Journalismus, der zu nichts verpflichtet&#148;, kritisierte er harsch. &#132;Sie liefern Nachrichten als Unterhaltung.&#8220; Eine lebendige Demokratie brauche aber &#132;nachforschende, detektivisch arbeitende Journalisten&#148;.<\/p>\n<p>Sein Appell blieb jedoch &#150; wie viele andere Mahnungen &#150; ziemlich unbemerkt und verdunstete rasch. Kein Wunder: Journalistische Selbst-Kritik, die eigene Reflexion des Gewerbes oder gar medienethische Debatten werden in Deutschland nicht gepflegt.<br \/>Die Folge: Im Medien-Treibhaus der Unverbindlichkeit, Schnelligkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit gedeihen Mythen vortrefflich. Dazu geh\u00f6rt auch der Mythos des &#132;investigativen Journalismus&#148;, aber auch das Klischee der &#132;Vierten Gewalt&#148;.<\/p>\n<p>Darauf hat j\u00fcngst der US-Journalist Seymour Hersh hingewiesen. Sey Hersh, k\u00fcrzlich noch zu Recht als &#132;bester investigativer Journalist unserer Tage&#148; gepriesen, sagte ganz lakonisch in die ZDF-Kamera: Das Wichtigste sei sein Informanten-Netz. Nur gute Quellen f\u00fchrten zu wirklichen Enth\u00fcllungen. Schon bei seinen fr\u00fcheren Jobs als Pentagon-Korrespondent der Nachrichten-Agentur AP beschaffte er sich Informationen lieber in der Offiziers-Cafeteria, als in den Pressekonferenzen. Neue Kontakt-Nummern f\u00fcr sein Adressbuch sammelte er in internen Hauszeitschriften oder Telefonverzeichnis-sen der Ministerien. Sein Augenmerk galt besonders pensionierten oder auff\u00e4lligen Mitarbeitern, die eigene Positionen formulierten. Sie k\u00f6nnten gute Quellen sein.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns: Wichtige Informationen im Dunkelfeld von Korruption und Amtsmissbrauch werden selten selbst von Journalisten &#132;ausgegraben&#148;, sie werden meist gesetzt. Scharpings verh\u00e4ngnisvolle Verbindung mit dem PR-Lobbyisten Hunzinger wurde zun\u00e4chst dem Spiegel offeriert. Anschlie\u00dfend dem Stern; das Hamburger Magazin lie\u00df sich dann auf den Deal ein. Weltekes Adlon-Ausflug wurde von seinen politischen Gegnern im Finanzministerium mit Hilfe der Rechnungsbelege skandalisiert. Ein Mitarbeiter des Bundes der Steuerzahler organisierte im Verbund mit der Bild-Zeitung den Aufschrei gegen den &#132;Miles-and-More-Missbrauch&#148; unserer Parlamentarier. Der fr\u00fchere CDU-Schatzmeister Leisler Kiep &#132;verkaufte&#148; seine Informationen in der CDU Spenden-Aff\u00e4re ganz gezielt, um im Gegenzug seine Schwarzgeld-Rolle etwas aufzuhellen. Die Kette dieser interessengeleiteten Pseudo-Enth\u00fcllungen lie\u00dfe sich noch fortsetzen: Sie funktioniert im Geflecht der Lokalpolitik genauso wie im Kanzleramt, in Ministerien oder Beh\u00f6rden. Im Kampf um Machterwerb oder Machterhalt ist die Steuerung von kritischer \u00d6ffentlichkeit eine zentrale Ressource. Die privilegierte Rolle der &#132;Vierten Gewalt&#148;, gest\u00fctzt von den Verfassungsv\u00e4tern und -m\u00fcttern, aber auch den Richtern des Bundesverfassungsgerichts, hat f\u00fcr eine lebendige Demokratie also eine konstituierende Funktion. Diese Aufgabe muss allerdings auch wahrgenommen werden. Unabh\u00e4ngige Quellenpflege und die Erschlie\u00dfung neuer Quellen ist folglich einer der wichtigsten Besch\u00e4ftigungen von Journalisten, die mehr sein wollen, als die Textmanager von Agentur- oder PR-Material.<\/p>\n<p>Mit jedem ver\u00f6ffentlichten Skandal wird die Luft aber d\u00fcnner. F\u00fcr Beh\u00f6rden-Chefs ist jedes (noch so kleine) Informations-Schlupfloch ein Risiko. Nachdem die Welt \u00fcber interne Vermerke der hessischen Landesregierung zum Thema &#132;NPD-Verbot&#148; berichtete, wurde sogar das BKA eingeschaltet, um die Quelle k\u00fcnftig stillzulegen. Auch in den Staatsanwaltschaften werden h\u00e4ufig &#132;interne Ermittlungen&#148; aufgenommen, wennwichtige Schriftst\u00fccke den Postweg verlassen. Die EU-Anti-Korruptionsbeh\u00f6rde OLAF schaltete die belgische Justiz ein und beschlagnahmte die kompletten Akten des Br\u00fcsseler Stern-Korrespondenten. Die Botschaft dieser Aktionen richtet sich nicht in erster Linie an die kritisch berichtenden Journalisten; die Warnung geht an die Informanten. Nach der Ver\u00f6ffentlichung wichtiger Recherche-Ergebnisse kommt es immer h\u00e4ufiger dazu, dass dienstliche Erkl\u00e4rungen von potenziellen Informanten verlangt werden. Zu der politischen Einsch\u00fcchterung kommt oft noch die juristische Verfolgung vor und nach unliebsamen Ver\u00f6ffentlichungen.<\/p>\n<p>Klaus Bednarz (WDR), der fr\u00fchere Monitor-Chef, hat diesen Trend schon fr\u00fch erkannt und gemahnt, dass der Anteil investigativer Eigenleistungen sinke. Chefredakteure und Verlagschefs bremsten kritische Recherchen, &#132;da sie kostspielige Klagen oder unliebsame politische, sprich unternehmenspolitische Folgen f\u00fcrchten&#148;. Der Autor Marc Pitzke spitzt noch zu: &#132;Investigativer Journalismus ist bei uns eine verlernte Kunst. Intensive Recherche ist nicht gefragt.&#148; Mustert man die Ver\u00e4nderung der Medienlandschaft, kann man dieser Einsch\u00e4tzung nicht widersprechen.<\/p>\n<h5><span id=\"aufklaerer-statt-dienstleister-die-noetige-innere-haltung-der-journalisten\">Aufkl&auml;rer statt Dienst&shy;leister; die n&ouml;tige innere Haltung der Journa&shy;listen<\/span><\/h5>\n<p>Sicherlich schrumpft der Markt f\u00fcr soliden Hintergrund-Journalismus und f\u00fcr meist finanziell aufwendige Recherchen. Dies liegt jedoch nicht nur an den &#132;\u00e4u\u00dferen&#148; Bedingungen, sondern auch an der &#132;inneren&#148; Haltung vieler Journalisten. Das Berufsbild hat sich im Laufe der Jahre im Windschatten des vollj\u00e4hrigen Privatfunks ver\u00e4ndert. Viele Journalisten sehen sich als Dienstleister f\u00fcr Service-Informationen, nicht als Aufkl\u00e4rer von Missst\u00e4nden oder Mahner gegen Korruption, Machtmissbrauch und \u00c4mterpatronage. Der Broadway-Kolunmnist Walter Winchell hat diese Haltung zynisch so beschrieben: &#132;Zu viel Recherche macht die sch\u00f6nste Geschichte kaputt.&#148; All diese Faktoren beeinflussen, beeintr\u00e4chtigen und behindern den sogenannten &#132;investigativen Journalismus&#148;, der in Deutschland immer noch eine Ausnahme-Gattung ist.<\/p>\n<p>Es gibt aber keinen Grund, sich von dieser n\u00fcchternen Bilanz entmutigen zu lassen. Vielmehr sollte man den Blick auf soliden und seri\u00f6sen Recherche-Journalismus richten. Wenn es gel\u00e4nge, bei allen journalistischen Produkten die Quellenvielfalt zu erh\u00f6hen, wenn es gel\u00e4nge, gesteuerte PR-Informationen zu filtern und zu hinterfragen, und wenn es gel\u00e4nge, die richtigen Fragen an die richtigen Leute zu richten &#150; dann w\u00fcrden wir die Fundamente eines verantwortlichen Journalismus erneuern und die Kritikfunktion der Medien st\u00e4rken. Und dies w\u00e4re dann vielleicht das solide und stabile Fundament, auf dem sich dann &#132;investigativer Journalismus&#148; entwickeln k\u00f6nnte, der diesen anspruchsvollen Namen auch wirklich verdient.<\/p>\n<p>Fazit: Die Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; ist nicht akut bedroht, aber doch durch die skizzierten Tendenzen im Medienbetrieb gef\u00e4hrdet. Dieser Gef\u00e4hrdung kann nur entgegengesteuert werden, wenn die beschriebenen Entwicklungen ernst genommen werden. Alle Tendenzen, den Medienbetrieb weiter zu kommerzialisieren und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen f\u00fcr recherchierenden Journalismus zu begrenzen, m\u00fcssen abgewehrt werden. Auf der Tagesordnung der Medien m\u00fcsste &#151; erstens &#151; eine intensive Selbstverst\u00e4ndnis-Debatte \u00fcber die Chancen und Grenzen des Journalismus in der Demokratie stehen. Einzelne Rundfunkanstalten und Verlage haben in dieser Sache erste Gehversuche unternommen. Noch ist das Sinnvakuum aber nicht gef\u00fcllt. Wir ben\u00f6tigen &#151; zweitens &#151; eine Renaissance der professionellen Weiterbildung von Journalisten. Die Verantwortung der Medien f\u00fcr den demokratischen Diskurs braucht Fundamente, die Wissen, Werte und Haltungen mit einbeziehen. Und schlie\u00dflich geht es &#151; drittens &#151; darum, die Arbeitsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen, recherchierenden Journalismus auf allen Ebenen zu sichern und die kommerzielle Durchdringung der Medien zu stoppen. Nur in der Verkn\u00fcpfung dieser drei Grundlinien wird Journalismus mehr sein als die Kommentierung von Marketing. Nur so werden es &#132;bestellte Wahrheiten&#148; k\u00fcnftig wieder schwerer haben, den \u00f6ffentlichen Diskurs zu bestimmen.<\/p>\n<p><b>* <\/b>Der Beitrag ist ein \u00fcberarbeiteter und aktualisierter Vorabdruck aus der Festschrift f\u00fcr Michael Haller zum 60. Geburtstag, die im April 2005 erscheint: Christoph Fasel (Hg.): Qualit\u00e4t und Erfolg<br \/>im Journalismus (UVK Verlag, Konstanz).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1871],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11971","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thomas-leif","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dienstleister oder Aufkl\u00e4rer? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/dienstleister-oder-aufklaerer\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Dienstleister oder Aufkl\u00e4rer? 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