{"id":11972,"date":"2005-03-01T17:30:00","date_gmt":"2005-03-01T16:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/neuer-hunger-nach-vertiefenden-texten\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:41","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:41","slug":"neuer-hunger-nach-vertiefenden-texten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/neuer-hunger-nach-vertiefenden-texten\/","title":{"rendered":"Neuer Hunger nach vertiefenden Texten"},"content":{"rendered":"<p>Gegen&ouml;ffentlichkeit als Qualit&auml;tssicherung der Qualit&auml;tsmedien<\/p>\n<p>Vorg&auml;nge Nr. 169 (1\/2005), S.49-57<\/p>\n<p><i>Die Krise der Qualit&auml;tsmedien ist auch eine Krise der Kritik an Medien und &Ouml;ffentlichkeit, wie sie &uuml;ber Jahrzehnte durch die Medienprojekte der Neuen Sozialen Bewegungen vertreten wurde. Der Sammelbegriff Gegen&ouml;ffentlichkeit bedeutete einmal, die Kritik praktisch werden zu lassen und den medialen Produkten eigene Gegenprodukte entgegenzusetzen, wie das Oskar Negt und Alexander Kluge formulierten (Negt\/Kluge 1972). Nischen der Aufkl&auml;rung, die es auch innerhalb der Massenmedien immer gab, sind keineswegs von selbst erstanden, sondern mussten durch eben diese praktische Medienkritik erk&auml;mpft werden &#8211; eine etwas andere Art der Qualit&auml;tssicherung. Die Politik einer &bdquo;Gegenmanipulation&rdquo; mit den eigenen &bdquo;wahreren&rdquo; Informationen, wie sie zu Zeiten der studentischen Protestbewegung Ende der 1960er Jahre etwa Johannes Agnoli einforderte (Agnoli 1990), hatte allerdings den unangenehmen Beigeschmack, die Empf&auml;ngerinnen von Nachrichten zum Ziel von Manipulation zu degradieren, nur dieses Mal mit guten, weil fortschrittlichen Absichten. Die Umw&auml;lzung der bestehenden Verh&auml;ltnisse, die man sich von der Verbreitung unterbliebener Nachrichten &mdash; so der zweite Teil des Titels einer der einflussreichsten Periodika der westdeutschen Linken von 1973 bis 1981: Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) &mdash; versprach und heute noch verspricht (siehe indymedia; vgl. Hamm\/Zaiser 2000), blieb jedoch aus. Stattdessen zeigte sich ein anderer (Neben-)Effekt: Durch die Besch&auml;ftigung mit Medien und &Ouml;ffentlichkeit steigerte sich die Medienkompetenz der beteiligten Akteure immens. Ein anderer Umgang, eine andere Rezeption der durch die Massenmedien vermittelten Inhalte wurde m&ouml;glich. Es deutete sich zudem an, dass der bislang vernachl&auml;ssigte Bereich der Medienrezeption bzw. Medienwirkung ein weit st&auml;rkeres Eigenleben aufzuweisen hat, als bislang angenommen.<\/i><\/p>\n<p>Allerdings ist diese Art der Medienpolitik nicht erst seit heute in der Krise. Soziale Bewegungen sind weggebrochen; ihre Medien laufen Gefahr, zu blo&szlig;en Vereins-Mitteilungsbl&auml;ttern oder publizistischen Trutzburgen des Recht-Habens zu werden (vgl. H&uuml;hner 2005). Der &ouml;konomische Druck auf die wenigen &uuml;brig gebliebenen Akteure ist zu gro&szlig;, als dass sie sich weiterhin ehrenamtlich gegen &ouml;ffentlicher Medienproduktion widmen k&ouml;nnten. Einzig die Mangelwirtschaft der Gegen&ouml;ffentlichkeit mangels Werbeeinnahmen wurde zur Blaupause f&uuml;r die neoliberale Zeitungsproduktion, so hat es den Anschein.<\/p>\n<p>Nach einem Internet-Boom im Zuge der aufkommenden globalisierungskritischen Bewegung Ende der 1990er Jahre existiert heute eine bunte Mischung aus alten und neuen Projekten einer kritischen Publizistik in den Bereichen Print- und Onlinemedien, Rundfunk, Video, Fernsehen und Medienwerkst&auml;tten, die sich weiterhin den Zielen einer oppositionellen Gegen&ouml;ffentlichkeit &ndash; selbst verwaltet, unabh&auml;ngig und nicht-kommerziell &ndash; verpflichtet f&uuml;hlen, diese aber anders akzentuieren. Statt eines emanzipatorischen, rein auf Aufkl&auml;rung bedachten Mediengebrauchs, wie ihn noch Hans Magnus Enzensberger einforderte (Enzensberger 1970), ist inzwischen von taktischen Medien oder taktischem Mediengebrauch die Rede. Was n&uuml;tzt das beste Flugblatt, wenn es keiner lesen will? Je nach Kommunikationsziel werden heute unterschiedliche, vernetzte Medien &ndash; Print, Internet, Video, oder Radio &ndash; mittels differierender Kommunikationsstrategien &ndash; Ironie, Fake oder &bdquo;Klartext&#8220;-Information &ndash; bespielt, um <i>agenda setting <\/i>zu betreiben (vgl. autonome a.f.r.i.k.a. gruppe et al. 1997; &reg;y 2005).<\/p>\n<p>Gerade weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Sender und Empf&auml;nger von medialen Botschaften zwei nahezu eigenst&auml;ndige Pole eines komplexen Kommunikationsprozesses sind, stellt sich immer wieder die Frage nach dem Publikum. Ist ein ma&szlig;geblicher Bestandteil der Krise der Qualit&auml;tsmedien ein in Befragungen immer wieder ausgemachtes Desinteresse neuer Leserschichten, so machen andere, wie etwa die <i>&Auml;sthetik&amp;Kommunikation<\/i>-Redakteurin Elisabeth von Haebler angesichts einer konstatierten inhaltlichen Verflachung der Medien einen &bdquo;neuen Hunger nach vertiefenden Texten aus&rdquo; (zit. n. Aguigah 2004). W&auml;hrend Medienwissenschaftler nicht m&uuml;de werden zu betonen, dass die Kernkompetenz von Qualit&auml;tsmedien gerade darin l&auml;ge, wohl&uuml;berlegte Themenwahl und Interpretationen als Orientierungspunkte in einer zunehmenden Informationsflut anzubieten, so geben sich diese alle M&uuml;he, jene Erkenntnisse der Publizistik zu ignorieren: Redaktionen werden ausged&uuml;nnt, Texte k&uuml;rzer und oberfl&auml;chlicher, Grenzen zwischen Werbung und redaktionellen Beitr&auml;gen durchl&auml;ssiger. Ob es tats&auml;chlich ein Interesse an Qualit&auml;t gibt oder das nur der Wunschtraum einer im dem Abstieg befindlichen, um kulturelle Lufthoheit ringenden bildungsb&uuml;rgerlichen Schicht ist, steht in Frage.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-medienkrise-in-ihren-verschiedenen-auspraegungen\">Die Medienkrise in ihren verschie&shy;denen Auspr&auml;&shy;gungen<\/span><\/h2>\n<p>Es erscheint sinnvoll, sich zun&auml;chst einen &Uuml;berblick &uuml;ber die unterschiedlichen Interpretationen der Medienkrise zu verschaffen. Da ist zun&auml;chst die an Fakten orientierte Deutungsweise der Publizistik, wie sie etwa Hermann Meyn in der Neuauflage seines Standardwerks <i>Massenmedien in Deutschland <\/i>vertritt (Meyn 2004). Seine Krisendefinition konzentriert sich auf die &ouml;konomischen Aspekte: 2001 sei die durch Wachstum verw&ouml;hnte Branche erstmals mit sinkenden Verkaufsauflagen und drastische Einbr&uuml;chen bei den Werbeeinnahmen konfrontiert gewesen. Die Auflage der Tageszeitungen sei zwischen 1990 und 2002 um 6 bis 9 Prozent gesunken; die Reichweite ging von 1979, als noch 75 Prozent der 14- bis 29-j&auml;hrigen angaben, am Vortag eine Zeitung gelesen zu haben, auf 53 Prozent im Jahr 2002 zur&uuml;ck. Die Standardkalkulation kommerzieller Printmedien, zwei Drittel der Einnahmen aus Anzeigen zu erzielen, wurde 2001 mit einem Minus von 14 Prozent und 2002 mit einem Minus von 12 Prozent bei den Werbeeinnahmen ersch&uuml;ttert. Allerdings, so schr&auml;nkt Meyn ein, gab es die gr&ouml;&szlig;ten Einbr&uuml;che bei den Stellenanzeigen: &bdquo;Im Kern handelte es sich um eine Stellenmarkt-Krise der &uuml;berregionalen Qualit&auml;tszeitungen&rdquo; (ebd.: 73). W&auml;hrend diese Stellenmarkt-Krise lediglich eine kaum zu beeinflussende Folgeerscheinung der Krise des Arbeitsmarktes ist, macht Meyn weit mehr der R&uuml;ckgang der Verkaufszahlen und die geringere Reichweite der Qualit&auml;tszeitungen Sorgen. Er f&uuml;hrt dies auf ver&auml;nderte Nutzungsgewohnheiten zur&uuml;ck: Regionale Bindungen, f&uuml;r Tageszeitungen mit ihren Lokalteilen besonders wichtig, seien in Aufl&ouml;sung begriffen, zudem gebe es eine zunehmende Aufsplitterung von Interessen und W&uuml;nschen, die das Medium Zeitung nicht mehr erf&uuml;llen k&ouml;nne. Dennoch h&auml;tten Zeitungen eine Zukunft, weil sie das einzige reflexive Massenmedium mit &bdquo;Zeit f&uuml;rs Nachdenken&rdquo; (ebd.) seien.<\/p>\n<p>Im Feuilleton hingegen wird die Krise weit mehr auf den Bedeutungsverlust der Qualit&auml;tsmedien hin zugespitzt. Rene Aguigah hat beispielhaft die in diesem Zusammenhang vier zentralen Thesen formuliert: Zun&auml;chst ist von einem grundlegenden Strukturwandel die Rede. Klassische Leser- und Autorenmilieus, sowohl bildungsb&uuml;rgerlicher wie kulturrevolution&auml;rer Ausrichtung, seien in Aufl&ouml;sung begriffen, die traditionelle Figur des &bdquo;freien Intellektuellen&rdquo; sei zur aussterbenden Spezies geworden. Schlie&szlig;lich sei an den Qualit&auml;tsmedien, zu denen Aguigah in erster Linie intellektuelle Zeitschriftenprojekte wie das<i> Kursbuch <\/i>oder <i>Lettre <\/i>z&auml;hlt, der Medienwandel vorbeigegangen; kritischer Geist finde sich aktuell eher im Netz als in gedruckten Publikationen. Und nicht zuletzt sei auch eine &Ouml;ffnung der Massenmedien zu verzeichnen. Debatten, f&uuml;r die es vor Jahren noch spezieller Publikationen bedurft h&auml;tte, f&auml;nden heute in den Feuilletons der gro&szlig;en Tageszeitungen statt (Aguigah 2004).<\/p>\n<p>Die politische Gegen&ouml;ffentlichkeit thematisiert ihre Krise in Abgrenzung zu den Massenmedien unter einem anderen Fokus. Im Kontext der &ouml;ffentlich gemachten Existenzkrise der Wochenzeitung <i>Jungle World<\/i> entstand 2004 ein Internetforum, in dem die zentralen Thesen versammelt waren &mdash; das aber bezeichnenderweise mangels Teilnahme nach einigen Monaten wieder geschlossen wurde (vgl. N.N. 2004). Neben dem &ouml;konomischen Druck, den Publikationen, die noch nie von einer Zweidrittelkalkulation ausgehen konnten, nat&uuml;rlich anders erleben, war dort von einer &bdquo;Wagenburgmentalit&auml;t&rdquo; der verbliebenen gegen &ouml;ffentlichen Zeitschriftenprojekte die Rede. Es g&auml;be innerhalb der Linken, die sich ma&szlig;geblich um ihre Medien gruppiere, kaum noch das Interesse an Szene und Spektren &uuml;bergreifenden Debatten. Dar&uuml;ber hinaus zeige sich auch hier das Problem eines ver&auml;nderten Informationsverhaltens. Zudem sei die politische Rolle gegen&ouml;ffentlicher Medien oft ungekl&auml;rt: Verstehe man sich als kollektiver Organisator, als Organ einer Bewegung oder Ort des &Uuml;berwinterns in bewegungslosen Zeiten, oder entspricht das Selbstverst&auml;ndnis eher dem einer Plattform f&uuml;r die verschiedensten Positionen? Ebenso offen sei das Selbstverst&auml;ndnis der Redakteure und freien Mitarbeiter, die zwischen der Selbstwahrnehmung als Lohnschreiber, Meinungsmacher oder Mittler zwischen Medien und Akteuren sozialer Bewegungen schwanken w&uuml;rden. Kurz und gut: So wie in den Massenmedien hat sich auch innerhalb der gegen&ouml;ffentlichen Medien der Diskurs &uuml;ber die Krise der Medien etabliert. W&auml;hrend allerdings innerhalb der Massenmedien &ouml;konomische Fragen im Vordergrund stehen, nutzen die Organe der Gegen&ouml;ffentlichkeit die Krise zum Rundumschlag. Ist das Konzept Gegen&ouml;ffentlichkeit endg&uuml;ltig &uuml;berholt? Macht es &mdash; provokativ formuliert &mdash; noch weiterhin Sinn, in der Regel journalistisch-handwerklich schlechte Produkte herzustellen, nur wegen eines, zudem noch permanent in Frage gestellten, politischen Mehrwerts?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-krise-der-alternativen-medien-ein-spezialfall\">Die Krise der Alter&shy;na&shy;tiven Medien &mdash; ein Spezialfall<\/span><\/h2>\n<p>Krisenph&auml;nomene der Gegen&ouml;ffentlichkeit und der Alternativen Medien werden schon Ende der 1970er Jahre, kurz nach ihrer Bl&uuml;tezeit, diagnostiziert (vgl. Stamm 1988). F&uuml;r Christina Holtz-Bacha, die die Alternative Presse als Teil der Mediengeschichte der Bundesrepublik analysiert, ist die Sache klar: &bdquo;25 Jahre nach ihren Anf&auml;ngen, rund 20 Jahre nach einer kurzen Bl&uuml;tezeit &mdash; Mitte der neunziger Jahre hat sich die Alternativpresse in der Bundesrepublik &uuml;berlebt&rdquo; (Holtz-Bacha 1999: 345). Nur &uuml;ber Inhalte, zudem noch unprofessionell dargeboten, lasse sich das Stammpublikum aus den Anfangstagen nicht mehr halten, Anpassungsprozesse ver&auml;nderten die alternative Medienlandschaft. &Uuml;berlebende dieser Krise seien lediglich die Stadtmagazine und die<i> tageszeitung <\/i>als &uuml;berregionale Publikation. F&uuml;r die Publizistik verschwindet die Alternativpresse also schon vor mehr als einem Jahrzehnt aus dem Fokus des Forschungsinteresses.<\/p>\n<p>Gerade da, wo es interessant wird, h&ouml;rt eine solche Art der Analyse allerdings auf: Wieso haben sich die Alternativen Medien &uuml;berlebt? Weil ihre Ziele Eingang in die Massenmedien gefunden haben? Weil sich oppositionelle Medien inzwischen an anderen als den Gegen&ouml;ffentlichkeit-Modellen orientieren? Statt sich mit Fakten wie Auflage, Verbreitungsgrad oder Leserbindung herumzuschlagen, ginge es darum, die verschiedenen politischen Konzepte, die im Sammelbegriff Gegen&ouml;ffentlichkeit zusammenlaufen, herauszuarbeiten und zu verfolgen, wo &mdash; in welch verdrehter Form auch immer &mdash; sich diese in der heutigen Medienlandschaft wiederfinden. Drei idealtypische Formen von kritischen Theoremen von &Ouml;ffentlichkeit, Medien und Demokratie und den mit ihnen korrespondierenden Praxisformen der letzten 30 Jahre lassen sich in diesem Kontext bestimmen: Gegen&ouml;ffentlichkeit als Sorge um die Demokratie, Betroffenenberichterstattung als Kritik an der Massendemokratie und Kommunikation als emanzipative Strategie (vgl. Oy 2001: 191ff.).<\/p>\n<p><i>a ) Gegen&ouml;ffentlichkeit als Sorge um die Demokratie<\/i><\/p>\n<p>Im September 1967 wird auf einer Delegiertenkonferenz des SDS als Reaktion auf die Berichterstattung &uuml;ber die studentische Protestbewegung in den Massenmedien eine &bdquo;Resolution zum Kampf gegen Manipulation und f&uuml;r die Demokratisierung der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; verabschiedet (SDS 1967). Hier ist zum ersten Mal im Kontext bundesrepublikanischer sozialer Bewegungen von Gegen&ouml;ffentlichkeit die Rede. Nach Ansicht des SDS ist es die &ouml;konomische Krise, die nach dem Ende der Restaurationsphase der Nachkriegszeit Repression und Manipulation als Herrschaftsmittel beg&uuml;nstigt. &Ouml;ffentlichkeit sei in dieser historischen Phase nicht mehr &bdquo;Widerspiegelung des grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts&rdquo; (ebd.: 29), sondern &bdquo;funktionale Beherrschung der Massen&rdquo; (ebd.). Herrschaft beruhe auf der &bdquo;erkauften Zustimmung der Beherrschten&rdquo; (ebd.). Somit werde der Kampf um die &bdquo;Befreiung des Bewusstseins&rdquo; (ebd.) die zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung &ndash; nicht nur auf einer manifesten Ebene, sondern auch bis hin zur psychischen Konstitution der Individuen. Die &bdquo;Enteignet-Springer&#8220;-Kampagne mit ihren Zielen Entflechtung der Monopole, Abschaffung der Werbung, Schutz vor staatlichen Eingriffen, innere Pressefreiheit und Recht auf Artikulation in den Medien wird zur ersten umfassenden und offensiven Aktion gegen Meinungsmanipulation erkl&auml;rt. Das Aktionsprogramm beinhaltet den Kampf um das Grundrecht auf Freiheit der Information und die Aufforderung zur Bildung einer &bdquo;praktisch-kritischen&rdquo; (ebd.: 34) &Ouml;ffentlichkeit: &bdquo;Es kommt darauf an, eine aufkl&auml;rende Gegen&ouml;ffentlichkeit zu schaffen, die Diktatur der Manipulateure muss gebrochen werden&rdquo; (ebd.).<\/p>\n<p>Auf Grundlage einer solchen Vorstellung von Gegen&ouml;ffentlichkeit sollten die 1970er Jahre zum Jahrzehnt der alternativen Publizistik werden. Treffend wurde sie von Geert Lovink im kritischen Sinn mit dem Begriff &bdquo;Megaphonmodell&rdquo; (Lovink 1992) charakterisiert: Vom Aktivismus weniger und der Verbreitung der richtigen Informationen wird sich eine Art gesellschaftsver&auml;ndernde Kettenreaktion versprochen.<\/p>\n<p><i>b ) Betroffenenberichterstattung als Kritik der Massendemokratie<\/i><\/p>\n<p>Das zweite gro&szlig;e Konzept innerhalb der Theorie und Praxis alternativer &Ouml;ffentlichkeit stellt sich &ndash; anders als das Konzept Gegen&ouml;ffentlichkeit, welches eine explizit moderne, an der Philosophie der Aufkl&auml;rung orientierte politische Theorie ist &ndash; in die ambivalente Tradition der Kritik der Massengesellschaft. Hinter dem Ansatz der authentischen Kommunikation, welcher die &bdquo;eigentlichen&rdquo; Bed&uuml;rfnisse der Individuen in den Mittelpunkt stellen m&ouml;chte, steht eine fundamentale Kritik an den Informations- und Kommunikationsangeboten der Massenmedien. Ihnen wird vorgeworfen, sie w&uuml;rden auf Grund ihrer anonymen und einseitigen Struktur einen realen Meinungs- und Wissensaustausch verhindern und somit dazu beitragen, dass es den Individuen nicht mehr m&ouml;glich sei, &bdquo;wirkliche&rdquo; Erfahrungen zu machen. Eine solche Kritik rekurriert insbesondere auf fr&uuml;hb&uuml;rgerliche Formen der kommunikativen Praxis und auf die Etablierung konkreter geografischer statt abstrakter Orte des kommunikativen Austauschs.<\/p>\n<p>Drei Momente stehen bei dieser Art Medienkritik im Mittelpunkt: Das ist zun&auml;chst die Vorstellung der Authentizit&auml;t selbst, das hei&szlig;t der Propagierung einer &bdquo;wirklichen&rdquo; Kommunikation statt einer durch die Massenmedien vermittelten, die als eine verf&auml;lschte Form angesehen wird. Zum Zweiten geh&ouml;rt zu diesem Konzept ein positiver Bezug auf den Begriff der Kreativit&auml;t. Rezeption wird innerhalb des Theorems der authentischen Kommunikation als eigenst&auml;ndige kreative T&auml;tigkeit nicht anerkannt, insbesondere die Rezeption massenmedialer Angebote f&auml;llt unter das Verdikt des unkritischen, passiven Konsumierens. Schlie&szlig;lich ist die Vorstellung der Authentizit&auml;t eng mit dem Betroffenheitskonzept verbunden. Gem&auml;&szlig; dem Postulat der Politik in erster Person wurde einer als authentisch eingesch&auml;tzten &Auml;u&szlig;erung eines Betroffenen mehr Glauben geschenkt als Berichten aus den etablierten Medien. Durch die kategorische Ablehnung von Journalismus sollte der Zusammenschluss von authentischer Meinungs&auml;u&szlig;erung, Bericht der Betroffenen, Kollektivit&auml;tserfahrungen und politischer Aktion gewahrt bleiben (vgl. Stamm 1988: 71ff.).<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus geht es den Akteuren der alternativen Medien auch um den Organisierungs- und Mobilisierungseffekt, der die authentische von der Massenkommunikation abhebt. Eine Art Selbstaufkl&auml;rung der Beteiligten soll im Gegensatz zu klassischen anonymen Aufkl&auml;rungsprozessen die Ber&uuml;cksichtigung individueller Erfahrungs- und Lebenswelten verb&uuml;rgen.<\/p>\n<p><i>c) Kommunikation als emanzipative Strategie<\/i><\/p>\n<p>Das dritte gro&szlig;e Konzept innerhalb der Theorie und Praxis alternativer &Ouml;ffentlichkeit schlie&szlig;lich ist das R&uuml;ckkanal- oder Interaktivit&auml;tsmodell. Von der sowjetischen Avantgarde in den 1920er Jahren &uuml;ber Brecht und Benjamin bis zu den Netzwerktheorien der 1990er Jahre zieht sich der Gedanke, nur ein grundlegender Wandel des Verh&auml;ltnisses von Medienproduzenten und -rezipienten k&ouml;nne eine Umw&auml;lzung der Struktur der Medien und somit der Gesellschaft hervorbringen. Dieser Wandel wurde zum einen &ndash; zun&auml;chst am Radio, wesentlich sp&auml;ter dann am Internet &ndash; an der technischen M&ouml;glichkeit, zugleich senden und empfangen zu k&ouml;nnen, als Chiffre f&uuml;r wahrhaft demokratische Verh&auml;ltnisse und zum anderen an der theoretischen Besch&auml;ftigung mit dem Rezeptions-verhalten &ndash; ma&szlig;geblich angeleitet durch Stuart Hall und seine Unterscheidung in affirmierende, kritische und oppositionelle Lesarten &ndash; deutlich.<\/p>\n<p>Grunds&auml;tzlich eint die Ans&auml;tze der Interaktion, dass Kommunikationsprozesse als Gegenpol zu den als vermachtet beschriebenen Strukturen der klassischen Massenmedien angesehen wird. Historisch bezieht sich diese Betonung von Kommunikation auf die Durchsetzung der Meinungsfreiheit als eine der zentralen Forderungen der b&uuml;rgerlichen Revolutionen (vgl. Schuster 1995). Die Etablierung von Kritik und die Entstehung der Medien sind historisch untrennbar miteinander verbunden. Im Prozess der Ausdifferenzierung der kommunikativen Techniken setzte sich jedoch eine Art &bdquo;Gest&auml;ndniszwang&rdquo; (Dorer 1997: 248) durch, die ehemals freie Meinungs&auml;u&szlig;erung wurde in eine Art &bdquo;Verpflichtung zur medialen Selbstrepr&auml;sentation&rdquo; (ebd.: 249) transformiert. Wenn also heute von einer Diskursivierung der Macht ausgegangen werden kann, sollten dementsprechend andere politische Strategien eingefordert werden. Kommunikation kann demnach nicht mehr an sich als demokratisierend beschrieben werden. Es geht vielmehr darum, benennen zu k&ouml;nnen, welche Aspekte von Kommunikation &ndash; ehemals in emanzipativem Sinne eingefordert, heute machtkonform integriert &ndash; &ouml;ffentliche R&auml;ume anders strukturieren w&uuml;rden und welche inzwischen fester Bestandteil dieser R&auml;ume sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-zukunft-eines-modells-alternativer-oeffentlichkeit\">Die Zukunft eines Modells alter&shy;na&shy;tiver &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Wo finden sich nun die in diesen drei idealtypischen Konzepten formulierten politischen Ziele wieder? Inwieweit deren Praxis Eingang in Inhalt und Konzept moderner Medien gefunden hat, soll an deren Grundlagen &uuml;berpr&uuml;ft werden. Diese sind (vgl. Oy 2001: 191ff.): Politik in erster Person, Betroffenheit und Authentizit&auml;t, Verbreitung zur&uuml;ckgehaltener Nachrichten, Verwirklichung des R&uuml;ckkanal-Theorems, nichthierarchische Arbeitsteilung und schlie&szlig;lich parteipolitische und &ouml;konomische Unabh&auml;ngigkeit.<\/p>\n<p>Der Einzug von Politik in erster Person, Betroffenheit und Authentizit&auml;t in die Massenmedien ist sicherlich am deutlichsten zu beobachten. Losgel&ouml;st von politischen Inhalten, werden Betroffenheit und authentische Meinungs&auml;u&szlig;erung selbst zum Inhalt und verleihen den Medien ein kritisches Image. Hier zeigt sich die Vereinbarkeit von Betroffenheit und Personalisierung, eine der Grundlagen des Journalismus. Was auf den ersten Blick wie eine &Ouml;ffnung einer ehemals monokulturellen Hegemonie hin zu nicht-hegemonialen Lebensl&auml;ufen oder einfach nur abseitigen Themen wirkt, stellt lediglich eine neue Form der erweiterten Selbstdisziplinierung in der geforderten permanenten Rede &uuml;ber sich selbst dar. Inwieweit die Normierung massenmedialer Lese-, Seh- und H&ouml;rgewohnheiten das in erster Linie alltagskulturelle Rezeptionsverhalten bestimmt, kann allerdings nicht allein &uuml;ber die Analyse der Medieninhalte, sondern nur &uuml;ber die Besch&auml;ftigung mit der kulturellen Hegemonie selbst gekl&auml;rt werden.<\/p>\n<p>Die Verbreitung zur&uuml;ckgehaltener Nachrichten: Rein quantitativ kann davon ausgegangen werden, dass mittels zunehmender Anzahl von Printmedien, Fernsehkan&auml;len, H&ouml;rfunksendern und Onlineangeboten die Zahl der ver&ouml;ffentlichten und auch relativ breit zug&auml;nglichen Informationen zunimmt. Allerdings zeigt sich ebenso, dass auch die vermehrte Anzahl an Publikationsm&ouml;glichkeiten kein Verlassen des vorher festgesteckten hegemonialen Terrains erm&ouml;glicht. Insbesondere im globalen Kontext zeigt sich doch allzu oft eine erschreckende Fixierung auf eine bornierte nationale Perspektive. Zu beobachten ist zudem eine zunehmende Passivierung der &Ouml;ffentlichkeit und eine Zusammenhangs- und Folgenlosigkeit kritischer &Auml;u&szlig;erungen.<\/p>\n<p>Verwirklichung des R&uuml;ckkanal-Theorems: Ging es bei Brecht noch darum, anhand der nicht genutzten technischen M&ouml;glichkeiten des Radios aufzuzeigen, inwiefern die Vermachtung eines neuen Massenmediums zur machtf&ouml;rmigen Verknappung der demokratisierenden Potenziale f&uuml;hrt, so ist diese Argumentationsweise angesichts der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in gewisser Weise obsolet geworden. Zwar gibt es auch heute ebenso Vermachtungsprozesse neuer Medientechnologien, welche die Spielr&auml;ume f&uuml;r emanzipative M&ouml;glichkeiten verkleinern &ndash; wie die Massenmedialisierung des Internets zeigt &ndash;, aber der &bdquo;R&uuml;ckkanal&rdquo; als technische M&ouml;glichkeit ist l&auml;ngst eingef&uuml;hrt, eine tats&auml;chliche Umw&auml;lzung der Verh&auml;ltnisse in der Medienwelt l&auml;sst aber weiter auf sich warten.<\/p>\n<p>Auch die Aspekte der angestrebten nichthierarchischen Arbeitsteilung und der damit zusammenh&auml;ngenden &ouml;konomischen und parteipolitischen Unabh&auml;ngigkeit innerhalb der Projekte der alternativen Medien fungierten &ndash; neben ihrer utopischen Rolle, die sie sicherlich auch spielten &ndash; als Innovationspotenzial f&uuml;r die Umstrukturierung der Produktion &ndash; nicht nur im Bereich der Medien (vgl. Hirsch 2002; Negri\/Hardt 2004). Selbstausbeutung und ein hoher ldentifikationsgrad mit Arbeit und Betrieb waren die betriebswirtschaftlichen Vorteile der Alternativen Medien. So konnten handwerkliche und materielle Schw&auml;chen durch gro&szlig;e Innovativkraft ausgeglichen werden. Indem nun die Massenmedien diese ehemaligen alternativen Konzepte &ndash; und auch die dazugeh&ouml;rigen, entsprechend hoch motivierten Seiteneinsteiger &ndash; &uuml;bernehmen, wird das gesamte Konzept &uuml;berarbeitungsbed&uuml;rftig.<\/p>\n<p>Ist diese Auseinandersetzung mit Medientheorie und -praxis nun als ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit linker Gegen&ouml;ffentlichkeit und Alternativer Medien zu verstehen? Mit Sicherheit nicht: Denn die Notwendigkeit der Auseinandersetzung um Realit&auml;tsdeutungen und deren informationelle Grundlagen &ndash; einer Arbeit am Diskurs &ndash; besteht in jeder gesellschaftlichen Situation, so auch heute. Es geht dabei um eine R&uuml;ckbesinnung auf die St&auml;rken der Alternativen Medien: Sie unterscheiden nicht zwischen den Aspekten der Information, Kontextualisierung und Vernetzung. Es gelingt ihnen somit, zumindest f&uuml;r einen begrenzten Zeitraum, Elemente eines kritischen Gegendiskurses zu etablieren. Das Modell Alternative &Ouml;ffentlichkeit als gesellschaftskritisches Konzept kann seine Wirkung nur entfalten, indem es nicht als isolierte Medientheorie, sondern als umfassende Gesellschaftstheorie begriffen wird. Eine Theorie, die sich immer wieder praktisch umsetzen l&auml;sst, zeitlich und &ouml;rtlich begrenzt, ohne Hoffnung auf gro&szlig;en politischen oder &ouml;konomischen Mehrwert &ndash; aber dennoch Erfolg versprechend, so paradox das klingen mag.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Agnoli, Johannes 1990: Die Transformation der Demokratie und andere Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Bd. 1, Freiburg<br \/>Aguigah, Rene 2004: Gestalt im Experiment. Auf Schlingerkurs: Zur Lage der Kulturzeitschriften; in: Frankfurter Rundschau v. 28. August<br \/>autonome a.f.r.i.k.a. gruppe et al. 1997: Handbuch der Kommunikationsguerilla. Hamburg, Berlin Dorer, Johanna 1997: Das Inteniet und die Genealogie des Kommunikationsdispositivs. Ein me&#8209;<br \/>dientheoretischer Ansatz nach Foucault; in: Hepp, Andreas\/Winter, Rainer (Hg.): Kultur &ndash; Medien<br \/>&ndash; Macht. Cultural Studies und Medienanalyse, Opladen, S. 247-258<br \/>Enzensberger, Hans Magnus 1970: Baukasten zu einer Theorie der Medien; in: Kursbuch , Jg. 6, H. 20, S. 159-186<br \/>Hanzzn, Marion\/Z,czisez-, Michael 2000: com.une.farce und indymedia.uk &ndash; zwei Modi oppositioneller Netznutzung; in: Das Argument, Jg. 42, H. 238, S. 755-764<br \/>Hirsch, Joachim 2002: Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen, Hamburg<br \/>Holtz-Bacha, Christina 1999: Alternative Presse; in: Wilke, J&uuml;rgen (Hg.); Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, S. 330-349<\/p>\n<p>H&uuml;ttnej; Bernd et al. (Hg.) 2005: Vorw&auml;rts und viel vergessen. Beitr&auml;ge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen, Neu-Ulm (i.E.)<br \/>Lovink, Geert 1992: H&ouml;r zu &ndash; oder stirb! Fragmente einer Theorie der souver&auml;nen Medien, Berlin\/Amsterdam<br \/>Meyn, Hermann 2004: Massenmedien in Deutschland (Neuauflage), Konstanz<br \/>N.N. 2004: Brauchen wir ein &uuml;bergreifendes Zeitungsprojekt; in: <a href=\"http:\/\/www.debattez.de.vu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.debattez.de.vu<\/a><br \/>Negri, Antorzio\/Hardt, Michael 2004: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt\/Main\/New York<br \/>Negt, Oskar-\/Kluge, Alexander 1972: &Ouml;ffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von b&uuml;rgerlicher und proletarischer &Ouml;ffentlichkeit, Frankfurt\/Main<br \/>Oy, Gottfried 2001: Die Gemeinschaft der L&uuml;ge. Medien- und &Ouml;ffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik, M&uuml;nster<br \/>Ders. 2005: &bdquo;Haut dem Springer auf die Finger&rdquo; &ndash; Neue Soziale Bewegungen und ihre Medienpolitik; in: H&uuml;ttzaer, Bernd et al. (Hg.): Vorw&auml;rts und viel vergessen. Beitr&auml;ge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen, Neu-Ulm (i.E.)<br \/>Schuster, Thomas 1995: Staat und Medien. &Uuml;ber die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit, Frankfurt\/Main<br \/>SDS 1967: 22. ordentliche Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Resolutionen und Referate; in: neue kritik, Jg. 8, H. 44, S. 12-66<br \/>Stamm, Karl-Heinz 1988: Alternative &Ouml;ffentlichkeit. 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