{"id":11973,"date":"2005-03-01T15:30:00","date_gmt":"2005-03-01T14:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft\/","title":{"rendered":"Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkst\u00e4ttenlandschaft"},"content":{"rendered":"<p>Erfahrungen als wissenschaftlicher Direktor<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005 ), S.75-92<\/p>\n<p><i>Das \u00f6ffentliche Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus ist in Deutschland mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nicht schw\u00e4cher, sondern st\u00e4rker geworden. Allerdings war das alles andere als ein kontinuierlicher Prozess. In der alten Bundesrepublik, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches verstand, gab es auf der normativen Ebene der Politik von Anfang an eine klare Abgrenzung vom &#132;Dritten Reich&#148; und den in ihm und von ihm ver\u00fcbten Verbrechen. Auch wurde seit den 1960er Jahren an Schulen, Universit\u00e4ten und Einrichtungen der politischen Bildung ernsthafte historische Aufkl\u00e4rungsarbeit geleistet, deren Wirkungen allerdings zun\u00e4chst begrenzt blieben. In der bundesdeutschen Gesellschaft war vielmehr jahrzehntelang das Verlangen \u00fcberm\u00e4chtig, sich nicht konkret und schon gar nicht im Detail mit der NS-Geschichte auseinandersetzen zu m\u00fcssen, sondern &#132;endlich&#148; einen &#132;Schlussstrich&#148; zu ziehen und die nationalsozialistische Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. &#132;Antifaschismus&#148; als politische Grundeinstellung oder gar als politisches Programm blieb eine Angelegenheit von relativ kleinen Minderheiten. Die gro\u00dfe Mehrheit war davon \u00fcberzeugt, dass eine demokratische Gesellschaft, die erfolgreich sein will, ihren Blick in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit richten m\u00fcsse.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"die-geteilte-ns-vergangenheit-bundesrepublik-und-ddr\">Die geteilte NS-Ver&shy;gan&shy;gen&shy;heit: Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik und DDR<\/span><\/h5>\n<p>In der DDR war f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus von Anfang an die Auffassung bestimmend, dass Kommunisten und Sozialisten nicht nur &#132;Opfer des Faschismus&#148;, sondern auch &#132;K\u00e4mpfer gegen den Faschismus&#148; gewesen seien und diesen Kampf mit Hilfe der Sowjetunion schlie\u00dflich gewonnen h\u00e4tten. Man sah sich deshalb, anders als in der Bundesrepublik, nicht in der Nachfolge des Reiches, sondern als dessen revolution\u00e4re Alternative, als radikalen Neuanfang der deutschen Geschichte. Der &#132;Antifaschismus&#148; war ein zentraler Bestandteil des politischen Selbstverst\u00e4ndnisses der DDR. Die monumentalen &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkst\u00e4tten&#148;, die seit Mitte der 1950er Jahre an den Orten der ehemaligen Konzentrationslager in Buchenwald, Ravensbr\u00fcck und Sachsenhausen geschaffen wurden, geh\u00f6rten drei Jahrzehnte lang zu den wichtigsten politischen Symbolorten der DDR, f\u00fcr die es in der alten Bundesrepublik nichts Vergleichbares gab.<\/p>\n<p>Allerdings wurde der &#132;Antifaschismus&#148; schon sehr fr\u00fch im Interesse der SED-Politik instrumentalisiert. Die &#132;Entnazifizierung&#148; wurde in den Dienst des &#132;Klassenkampfes&#148; gestellt und f\u00fcr die Durchsetzung einer planwirtschaftlich-sozialistischen Gesellschaftsordnung genutzt. Da der Nationalsozialismus als extreme Form des Faschismus und dieser als der politische Arm des &#132;Finanzkapitals&#148; galt, wurde der &#132;Antifaschismus&#148; unter den Bedingungen des Kalten Krieges in erster Linie zu einer Waffe im Kampf gegen die angeblich &#132;faschistische&#148; Bundesrepublik. Entsprechend gering war das Interesse an einer konkreten Aufarbeitung der NS-Geschichte, an anderen Opfer- und Widerstandsgruppen als denen, die zur unmittelbaren Vorgeschichte der SED gerechnet werden konnten, und auch an einer &#132;T\u00e4ter-Geschichte&#148;, die \u00fcber pauschale Zuordnungen und Verurteilungen hinausging. F\u00fcr Initiativen von unten bestand so gut wie gar kein Spielraum, selbst die Einflussm\u00f6glichkeiten der Fachwissenschaft waren gering. Der &#132;Antifaschismus&#148; galt als eine Angelegenheit der Politik, \u00fcber die auf h\u00f6chster Ebene zu entscheiden war. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus wurde zentral gelenkt &#150; bis hin zu einzelnen Tafeltexten in den &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkst\u00e4tten&#148;.<br \/>W\u00e4hrend in der DDR trotz einiger Differenzierungen in den sp\u00e4teren Jahren die grunds\u00e4tzlichen Positionen bis 1988\/89 unver\u00e4ndert blieben, kamen die Dinge in der alten Bundesrepublik zun\u00e4chst langsam, dann immer schneller in Bewegung. In den 1960er Jahren fanden vor allem der Eichmann-Prozess in Jerusalem und der Auschwitz-Prozess in Frankfurt\/Main \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit, ehe die studentische Bewegung in den Jahren um 1968 f\u00fcr Unruhe auch hinsichtlich der NS-Vergangenheit sorgte &#150; dabei allerdings zwischen einfallsreichen Provokationen (&#132;Unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren&#8220;) und engstirnigem Dogmatismus schwankend. Der Regierungsantritt des fr\u00fcheren Emigranten und linken Antifaschisten Willy Brandt leitete einen politischen Klimawechsel ein, und der Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghetto-Aufstandes wurde zum weltweit beachteten Symbol eines neuen Verh\u00e4ltnisses zum Nationalsozialismus, des Mitgef\u00fchls mit den Opfern, des Eingest\u00e4ndnisses von nationaler Schuld und der \u00dcbernahme von moralischer und politischer Verantwortung. Seit Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre wurde die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu einer \u00f6ffentlichen Angelegenheit.<\/p>\n<p>Es waren engagierte B\u00fcrger, nicht zuletzt Jugendliche, die nun nach den Spuren des Nationalsozialismus in ihrem unmittelbaren Lebens- und Erfahrungsbereich suchten, sich den &#132;vergessenen Opfern&#148; widmeten, die Orte der Verfolgung und des Leidens wieder sichtbar machten, die Fragen nach den T\u00e4tern und den Verantwortlichen nicht abstrakt, sondern konkret stellten. Diese Geschichtsbewegung, die auch eine Demokratisierungsbewegung war, fand die Aufmerksamkeit und Unterst\u00fctzung der Medien und &#150; nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern &#150; schlie\u00dflich auch der Politik. So entwickelte sich von den 1980er Jahren an in der alten Bundesrepublik eine breit aufgef\u00e4cherte Erinnerungslandschaft, die sich an den Orten orientierte, an denen die Geschichte geschehen war, und die deshalb in ihrer Struktur notwendigerweise dezentral sein musste. Die Gedenkst\u00e4tten, Denkm\u00e4ler, Gedenktafeln, die jetzt entstanden, waren Proteste gegen die bis dahin praktizierte Verdr\u00e4ngung der NS-Geschichte, aber auch Dokumente des Willens, sich dieser Vergangenheit k\u00fcnftig zu stellen, die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu einem unverzichtbaren Bestandteil der demokratischen Kultur der bundes-. deutschen Gesellschaft zu machen.<\/p>\n<h5><span id=\"nach-1989-veraenderung-und-ausweitung-des-gedenkens\">Nach 1989: Ver&auml;nderung und Ausweitung des Gedenkens<\/span><\/h5>\n<p>Die verbreitete Bef\u00fcrchtung, dass das Ende der DDR und die Vereinigung zu einem neuen deutschen Nationalstaat ein rasches Abflauen des \u00f6ffentlichen Interesses an der kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bewirken w\u00fcrden, erf\u00fcllte sich erfreulicherweise nicht. Das Interesse an den verschiedenen Formen der Erinnerungskultur, nicht zuletzt an der Pflege der historischen Orte und der historisch-politischen Bildungsarbeit, hat vielmehr weiter zugenommen. Die Pr\u00e4senz der NS-Zeit in den Medien ist heute beinahe \u00fcberw\u00e4ltigend (und manchmal beunruhigend); die Bereitschaft der gro\u00dfen Wirtschaftsunternehmen, aber auch f\u00fchrender Wissenschaftseinrichtungen, die jeweils eigene NS-Vergangenheit aufzuarbeiten bzw. aufarbeiten zu lassen, ist geradezu, sprunghaft angewachsen, und auch die Sensibilit\u00e4t der Politik bzw. der Politiker ist weiter gestiegen. Die Bundesregierung hat sich seit Anfang der 1990er Jahre verpflichtet gef\u00fchlt, zumindest f\u00fcr eine \u00dcbergangszeit einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der fr\u00fcheren &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkst\u00e4tten&#148; zu leisten, und sie hat in dieses &#132;Gedenkst\u00e4tten-Programm&#148; einer 50prozentigen Bundesbeteiligung auch die Berliner Einrichtungen einbezogen, in denen es nicht um Fragen der Lokal- oder Regionalgeschichte geht, sondern &#150; wie in der Topographie des Terrors, der Gedenkst\u00e4tte Deut-scher Widerstand und dem Haus der Wannseekonferenz &#150; um die gro\u00dfen Fragen der deutschen und europ\u00e4ischen Geschichte unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. 1999 ist schlie\u00dflich, Anregungen und Forderungen des Deutschen Bundestages folgend, in partei\u00fcbergreifendem Konsens eine &#132;Gedenkst\u00e4ttenkonzeption&#148; der Bundesregierung verabschiedet worden, die den Beginn einer auf Dauer ausgerichteten nationalen Gedenkst\u00e4ttenpolitik bedeutet. Ohne die grunds\u00e4tzliche Zust\u00e4ndigkeit der Bundesl\u00e4nder in Frage zu stellen, beteiligt sich der Bund seitdem ohne zeitliche Befristung an der Finanzierung wichtiger Einrichtungen in Berlin und den neuen Bundesl\u00e4ndern, und er stellt dar\u00fcber hinaus im Rahmen der &#132;Projektf\u00f6rderung&#148; j\u00e4hrlich betr\u00e4chtliche Mittel zur Strukturverbesserung anderer Gedenkst\u00e4tten zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Das alles geschah, wie nicht \u00fcbersehen werden darf, vor dem Hintergrund vielf\u00e4ltiger Entwicklungen in anderen L\u00e4ndern, die in die gleiche Richtung wiesen. In den 1980er und 1990er Jahren entstanden in den USA in rascher Folge Holocaust-Professuren, Holocaust-Lehr- und Forschungsprogramme und nicht zuletzt auch Holocaust Museen, an deren Spitze das 1993 er\u00f6ffnete United States Holocaust Memorial Museum in Washington steht. Auch in zahlreichen anderen europ\u00e4ischen und au\u00dfereurop\u00e4ischen L\u00e4ndern machte sich in diesen Jahren ein neues Interesse an der Geschichte des Holocaust bemerkbar, das seinen Ausdruck unter anderem in der Schaffung gro\u00df an-gelegter nationaler Holocaust-Zentren in Gro\u00dfbritannien und Frankreich fand: dem im Sommer 2000 in London er\u00f6ffneten Holocaust Museum und dem im Januar 2005 in Paris der \u00d6ffentlichkeit \u00fcbergebenen Memorial de la Shoah. Ein starkes Nachholbed\u00fcrfnis zeigte sich seit Anfang der 1990er Jahre in den fr\u00fcher kommunistisch regierten L\u00e4ndern Osteuropas, in denen die Erinnerungskultur streng normiert war und eine besondere Herausstellung der Juden und anderer deutlich abgrenzbarer Opfergruppen nicht zulie\u00df.<\/p>\n<p>Die Parallelit\u00e4ten zwischen der deutschen Erinnerungskultur und den Entwicklungen in anderen L\u00e4ndern enden freilich da, wo es um die Fragen von Schuld und Verantwortung geht. Man nimmt zwar seit einigen Jahren das Ph\u00e4nomen der Kollaboration und der Mitschuld einheimischer Verwaltungen oder bewaffneter Verb\u00e4nde an den NS-Verbrechen sehr viel ernster, als es jahrzehntelang geschehen ist. Dennoch bleibt die Grenze un\u00fcbersehbar: In fast allen L\u00e4ndern waren die Einheimischen die Opfer und die Deutschen die T\u00e4ter, waren die Verbrechen von Fremden, von Eroberern und Besatzern, zu verantworten. Das Deutsche Reich dagegen war keiner Fremdherrschaft unterworfen, das NS-Regime kam nicht von au\u00dfen, sondern war aus der Mitte der deutschen Gesellschaft entstanden. Die Deutschen hatten die NSDAP zwar nicht mehrheitlich gew\u00e4hlt, aber sie hatten sie doch zur deutlich st\u00e4rksten Partei gemacht. Sie unterst\u00fctzen die &#132;nationale Revolution&#148; von 1933, soweit sie nicht zu den unmittelbar Verfolgten geh\u00f6rten, und sie bejubelten in den folgenden Jahren die innen- und au\u00dfenpolitischen Erfolge Hitlers. Sie wurden in ihrer gro\u00dfen Mehrheit zu Mittr\u00e4gern des politischen Systems, seiner rassistischen Ideologie, seiner Ausgrenzungen, seiner au\u00dfenpolitischen Aggressionen, seiner Kriegf\u00fchrung und schlie\u00dflich, in kleinerer Zahl, auch seiner Verbrechen. Wer in Deutschland der Opfer gedenkt, muss deshalb immer auch die T\u00e4ter im Blick haben, muss sich mit der Geschichte seines eigenen Landes kritisch auseinandersetzen. Das macht die Erinnerungsarbeit schwieriger und gleichzeitig dringlicher als in anderen L\u00e4ndern. Diese Einsicht sollte uns davor h\u00fcten, die Parallelen in der Erinnerungskultur der verschiedenen L\u00e4nder allzu stark zu betonen und dabei die prinzipiellen Unterschiede zwischen dem Gedenken an die Opfer und der Aufkl\u00e4rung \u00fcber die T\u00e4ter zu verwischen. Nat\u00fcrlich muss unsere Gesellschaft der Opfer gedenken, aber sie muss sich mit nicht geringerer Intensit\u00e4t der Frage nach den T\u00e4tern und nach den politisch-gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, unter denen die Taten m\u00f6glich wurden, stellen.<\/p>\n<h5><span id=\"der-historische-ort-der-topographie-des-terrors\">Der historische Ort der Topographie des Terrors<\/span><\/h5>\n<p>Das ist gewisserma\u00dfen das Stichwort f\u00fcr die Berliner Topographie des Terrors, bei der es um einen sogenannten &#132;T\u00e4terort&#148; geht. Zun\u00e4chst soll die Geschichte dieses Projekts rekapituliert werden &#150; vor dem Hintergrund der bisher skizzierten allgemeinen Entwicklungen. Es geht hier um ein seit nunmehr einem halben Jahrhundert unbebautes Areal im Zentrum Berlins mit einer Fl\u00e4che von etwas mehr als vier Hektar, auf dem sich zwischen 1933 und 1945 die wichtigsten Terrorzentralen des NS-Systems befanden: die Gestapo-Zentrale, die Reichsf\u00fchrung der SS, der Sicherheitsdienst (SD) des Reichsf\u00fchrers der SS und das Reichssicherheitshauptamt. Hier standen die Schreibtische von Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner, von Werner Best und Gestapo-Chef Heinrich M\u00fcller. Von diesem Ort aus wurde die Verfolgung und Ermordung der politischen Gegner und der Angeh\u00f6rigen der als &#132;sch\u00e4dlich&#148;, &#132;gef\u00e4hrlich&#148; oder &#132;\u00fcberfl\u00fcssig&#148; definierten &#132;Rassen&#148; im gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich zentral gelenkt, d.h. zu-n\u00e4chst innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches und w\u00e4hrend des Krieges auch in gro\u00dfen Teilen Europas. Das gilt f\u00fcr die europ\u00e4ischen Juden ebenso wie f\u00fcr die Roma und Sinti, f\u00fcr die polnische Intelligenz, die bolschewistischen Funktion\u00e4re, die sowjetische Zivilbev\u00f6lkerung und viele andere mehr. Es gibt keinen anderen Ort, der in gleicher Weise f\u00fcr die Planung und Organisation der gro\u00dfen NS-Verbrechen stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Von den Geb\u00e4uden, die von den genannten Einrichtungen genutzt wurden, existiert keines mehr. In der Schlussphase des Krieges durch Bomben und Artilleriebeschuss teils schwer besch\u00e4digt, teils vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt, wurden die Ruinen bis Mitte der 1950er Jahre gesprengt, die \u00dcberreste entfernt. Mit der Teilung der Stadt gerieten die Grundst\u00fccke an die Peripherie West-Berlins, und ab 1961 lagen sie im unmittelbaren Schatten der Mauer. Die &#132;enttr\u00fcmmerten&#148; Fl\u00e4chen wurden von einer Bauschuttverwertungsfirma und einem &#132;Autodrom&#148;, in dem man ohne F\u00fchrerschein Auto fahren konnte, genutzt. So war die Geschichte allm\u00e4hlich unsichtbar geworden und in nahezu vollst\u00e4ndige Vergessenheit geraten. Erst Ende der 1970er Jahre kam es im Zusammenhang mit der Internationalen Bauausstellung Berlin zu ersten Wiederentdeckungen und bald auch zu ersten \u00f6ffentlichen Diskussionen. Man begann nun vom &#132;Gestapogel\u00e4nde&#148; zu sprechen und ein Denkmal f\u00fcr die Opfer des Nationalsozialismus an dieser Stelle zu fordern. Als sich der Berliner Senat 1983 anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages der nationalsozialistischen &#132;Machtergreifung&#148; entschloss, einen Wettbewerb f\u00fcr &#132;das Gel\u00e4nde des Prinz-Albrecht-Palais&#148; auszuschreiben, blieb das jedoch ein halbherziger Schritt, weil man einerseits im Hinblick auf die Opfer des NS-Terrors ein &#132;Mahnmal&#148; wollte, andererseits aber auch ein &#132;Naherholungsgebiet&#148;, einen &#132;Stadtteilpark&#148; f\u00fcr das &#132;mit Gr\u00fcn unterversorgte Kreuzberg&#148;. Es fehlte zu diesem Zeitpunkt, wie sich bei dem Wettbewerb deutlich zeigte, eine \u00f6ffentliche Diskussion, die der historischen Dimension des Ortes gerecht geworden w\u00e4re und sorgf\u00e4ltig durchdachte Konzepte f\u00fcr dessen k\u00fcnftige Nutzung formuliert h\u00e4tte. So war beispielsweise in dem Antrag der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses, mit dem der Senat aufgefordert wurde, sich des Gel\u00e4ndes anzunehmen, davon die Rede gewesen, dass mit dem Mahnmal &#132;eine Ausstellungs- und Forschungsst\u00e4tte&#148; verbunden werden sollte, &#132;in deren Mittelpunkt die Opfer des Antisemitismus stehen&#148; sollten. Durch diesen Zusatz wurde dem Senat die Gelegenheit gegeben, auf das 1982 an der TU Berlin gegr\u00fcndete Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung zu verweisen und damit den Gedanken, das Gedenken durch Forschung und Aufkl\u00e4rung am historischen Ort zu erg\u00e4nzen, insgesamt beiseite zu schieben.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-gedenkinitiativen-wettbewerbsideen-buergerinitiativen-und-politik\">Neue Geden&shy;ki&shy;n&shy;i&shy;tia&shy;ti&shy;ven: Wettbe&shy;werbs&shy;ideen, B&uuml;rger&shy;in&shy;itia&shy;tiven und Politik<\/span><\/h5>\n<p>Angesichts der unklaren Ausgangslage war es kaum verwunderlich, dass der Wettbewerb, in dem 194 Entw\u00fcrfe vorgelegt wurden, letztlich scheiterte, obwohl &#151; oder eher: weil &#151; der von der Jury mit dem 1. Preis bedachte Entwurf sich durch eine bemerkenswerte Radikalit\u00e4t auszeichnete. Die &#132;Freizeitbed\u00fcrfnisse&#148; souver\u00e4n ignorierend, schlugen die Verfasser (Nikolaus Lang und J\u00fcrgen Wenzel) vor, das ganze Gel\u00e4nde gleichsam zu versiegeln, d.h. es mit Metallplatten zu bedecken, auf denen jeweils Texte nationalsozialistischer Verfolgungsdokumente zu lesen sein sollten. Obwohl man zwischen den Platten Kastanien pflanzen wollte, wurde damit der Blick auf die Opfer durch den Blick auf die T\u00e4ter ersetzt, wurde der Ort als das kenntlich gemacht, was er war: ein T\u00e4terort. Das war mehr als die Politik und auch gro\u00dfe Teile der interessierten \u00d6ffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt zu akzeptieren bereit waren. Allerdings begann nun die Diskussion intensiver und auch heftiger zu werden. Interessierte Organisationen und Einzelpersonen schlossen sich schon 1983 in dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand zusammen. 1985 folgte die Initiative f\u00fcr den Umgang mit dem Gestapogel\u00e4nde, in der sich Vertreter der Akademie der K\u00fcnste, der Hochschule der K\u00fcnste, der Evangelischen Akademie, des Vereins Aktives Museum, des DGB (Landesverband Berlin), der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte, des Werkbundes und anderer Einrichtungen zusammenfanden, um nicht nur die Diskussion, sondern auch die Entscheidungen \u00fcber das Gel\u00e4nde voranzutreiben. Es waren diese B\u00fcrgerinitiativen, die in den n\u00e4chsten Jahren weitgehend die Diskussion bestimmten. Doch kam es nicht zu einer B\u00fcndelung der verschiedenen \u00dcberlegungen und Interessen in einem eindeutigen gemeinsamen Aktionsprogramm.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Berliner Politik entstand ein Handlungszwang daraus, dass man entschieden hatte, zur 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahre 1987 in Ankn\u00fcpfung an die &#132;Preu\u00dfen-Ausstellung&#148; von 1981 im Martin-Gropius-Bau eine gro\u00dfe kulturhistorische Ausstellung zur Berlin-Geschichte zu pr\u00e4sentieren. Es bedurfte keines gro\u00dfen Nachdenkens, um zu begreifen, dass es politisch unm\u00f6glich war, die Geschichte Berlins aufwendig zu rekonstruieren und gleichzeitig die NS-Geschichte auf den unmittelbar benachbarten Grundst\u00fccken zu ignorieren. Angesichts des gescheiterten Wettbewerbs und der inzwischen teilweise hitzigen Diskussionen lag es nahe, zum Jubil\u00e4umsjahr f\u00fcr das sogenannte &#132;Gestapogel\u00e4nde&#148; eine provisorische L\u00f6sung zu suchen. Anfang 1985 \u00fcbertrug der Senat die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr das Gel\u00e4nde dem Kultursenator Volker Hassemer und dem &#132;Beauftragten des Senats f\u00fcr die 750-Jahr-Feier&#148;, dem Intendanten der Berliner Festspiele Ulrich Eckhardt. Dabei nannte er f\u00fcr die &#132;provisorische Gestaltung des Gel\u00e4ndes&#148; folgende Eckpunkte: &#132;Beseitigung der \u00c4rgernisse des derzeitigen Zustands [womit die Aktivit\u00e4ten der Bauschuttfirma und des Autodroms gemeint waren], Freihaltung und Markierung der Grundrisse der Geb\u00e4ude ehemaliger NS-Standorte, [&#8230;] Einbeziehung der Vegetation und Wegef\u00fchrung im S\u00fcdostbereich [das waren offen-sichtlich die Reste des fr\u00fcheren &#132;Stadtteilpark&#8220;-Konzepts]&#148;.<br \/>Erinnerungen an die Vorgeschichte der Topographie des Terrors<\/p>\n<p>An diesem Punkt beginnt meine eigene Beteiligung an der Geschichte. An den fr\u00fcheren Diskussionen war ich nur am Rande, als Berater der &#132;Preu\u00dfen-Ausstellung&#148; und im Rahmen einer Anh\u00f6rung des Regierenden B\u00fcrgermeisters Richard von Weizs\u00e4cker zur Vorbereitung des Wettbewerbs von 1983, beteiligt gewesen. Der &#132;Preu\u00dfen-Ausstellung&#148; von 1981 war es \u00fcbrigens gelungen, zum ersten Mal das Interesse einer gr\u00f6\u00dferen, nicht nur Berliner \u00d6ffentlichkeit auf das benachbarte &#132;Gestapo-Gel\u00e4nde&#148; zu lenken. Im Fr\u00fchjahr 1985 wurde mir, gemeinsam mit dem T\u00fcbinger Ausstellungs- und Museumsfachmann Gottfried Korff, die wissenschaftliche Leitung der Berlin-Ausstellung \u00fcbertragen. Zeitgleich wurde eine Planungsgruppe geschaffen, mit der die Ausstellungskonzeption beraten werden sollte. Schon in der ersten Sitzung dieser Gruppe wurde, unter meinem Vorsitz, auf Anregung von Ulrich Eckhardt beschlossen, dass die historische Erschlie\u00dfung und Kommentierung des benachbarten Gel\u00e4ndes von dem Team der Berlin-Ausstellung zu leisten sei. Da ich der leitende Historiker in dem Team war, fiel die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr diesen Teilbereich mit einer gewissen Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ohne eigentlichen Beschluss, an mich. Dass daraus eine &#151; bis zu meinem R\u00fccktritt vom Amt des Wissenschaftlichen Direktors im Fr\u00fchjahr 2004 &#151; zwanzigj\u00e4hrige Besch\u00e4ftigung mit der Topographie des Terrors werden w\u00fcrde , war damals nicht vorauszusehen. Die Aussicht<br \/>h\u00e4tte mich zweifellos erschreckt und sehr viel vorsichtiger in meinen Entscheidungen gemacht. Dennoch gestehe ich auch an dieser Stelle gern, dass ich das so \u00fcberaus lange und intensive Engagement in dieser Sache nie bereut habe &#151; wenngleich man angesichts der st\u00e4ndigen Verz\u00f6gerungen in der Konsolidierung des Projekts und der uns\u00e4glichen Bauprobleme gelegentlich schon ins Gr\u00fcbeln kommen konnte.<\/p>\n<p>Die Voraussetzung daf\u00fcr, dass daraus eine so lange Geschichte geworden ist, war zun\u00e4chst der Erfolg des 1987 geschaffenen Provisoriums. Dieser Erfolg hatte, wie \u00fcblich, viele M\u00fctter und V\u00e4ter. Da war die Anfang 1986 gebildete, von mir geleitete Arbeitsgruppe (Frank Dingel, Thomas Friedrich, in den letzten Monaten verst\u00e4rkt durch Klaus Hesse), die die historische Recherche betrieb, Fotos und Dokumente sammelte, die Informationstafeln auf dem Gel\u00e4nde und die Ausstellung vorbereitete, dabei wesentlich unterst\u00fctzt durch Wolfgang Scheffler und Gerhard Schoenberner, die als wissenschaftliche Berater gewonnen werden konnten. Da war die st\u00e4ndige, oft kontroverse Diskussion mit der Initiative f\u00fcr den Umgang mit dem Gestapogel\u00e4nde, die unseren Bem\u00fchungen eher skeptisch und grunds\u00e4tzlich misstrauisch gegen\u00fcber stand, obwohl die inhaltlichen Positionen gar nicht sehr weit von einander entfernt waren, da wir die in den vorangegangenen Diskussionen erarbeiteten Positionen in unsere Planungen einbezogen hatten. Die gr\u00f6\u00dfte Wirkung ging, r\u00fcckblickend betrachtet, von dem hartn\u00e4ckigen Dr\u00e4ngen der Initiative aus, Grabungen auf dem Gel\u00e4nde durchzuf\u00fchren, um die noch vorhandenen Geb\u00e4udereste zu sichern. Ich selber war in dieser Hinsicht durchaus z\u00f6gernd, weil ich von dem aufwendigen Unternehmen keine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse erwartete. Dabei untersch\u00e4tzte ich, wie sich zeigte, nicht nur den Umfang dessen, was bei der um 1960 vorgenommenen &#132;Enttr\u00fcmmerung&#148; \u00fcbrig geblieben war, sondern auch die emotionale Wirkung der im Sommer 1986 wieder ans Licht gebrachten materiellen Spuren der Geschichte. Einen gro\u00dfen Anteil an dem Erfolg hatten J\u00fcrg Steiner, der Architekt des Ausstellungspavillons, der auf den \u00fcberraschend entdeckten Kellermauern eines Kantinengeb\u00e4udes f\u00fcr den &#132;Pers\u00f6nlichen Stab des Reichsf\u00fchrers SS&#148; errichtet wurde, Claus-Peter Gross und Margret Schmitt als erfahrene Ausstellungsgestalter sowie Hendrik Gottfriedsen als Verantwortlicher f\u00fcr die &#132;provisorische Herrichtung&#148; des gesamten Gel\u00e4ndes, der Freifl\u00e4chen und H\u00fcgel, der Wege und der Einz\u00e4unung. Nicht zuletzt wurde der Erfolg durch das politische Gesp\u00fcr und die Standfestigkeit Volker Hassemers und Ulrich Eckhardts und die ebenso phantasievolle wie engagierte Arbeit ihrer Mitarbeiter, einschlie\u00dflich des Teams der Berlin-Ausstellung, erm\u00f6glicht. Es waren in der Tat viele beteiligt, und sie alle haben, wie der unvoreingenommene Blick zur\u00fcck deutlich zeigt, einen unverzichtbaren Beitrag geleistet.<\/p>\n<h5><span id=\"weit-mehr-als-eine-ausstellung-merkmale-eines-markenzeichen\">Weit mehr als eine Ausstel&shy;lung: Merkmale eines Marken&shy;zei&shy;chen<\/span><\/h5>\n<p>Das, was im Juli 1987 als Topographie des Terrors der \u00d6ffentlichkeit \u00fcbergeben wurde, war mehr als eine Ausstellung. Es war die Pr\u00e4sentation eines historischen Ortes, der an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert, an die Opfer und an die T\u00e4ter. Es handelt sich dabei \u00fcbrigens nicht, wie h\u00e4ufig zu lesen und zu h\u00f6ren ist, um einen &#132;authentischen&#148; Ort, denn ein solcher Ort w\u00fcrde nicht nur voraussetzen, dass die Geb\u00e4ude noch stehen, sondern dass auch die Uniformen noch pr\u00e4sent sind, die Angeh\u00f6rigen von SS und Gestapo ihrer T\u00e4tigkeit nachgehen und die damaligen Machtverh\u00e4ltnisse weiter bestehen. Wohl aber handelt es sich um den Ort, an dem die Verbrechen konzipiert, vorbereitet und in Gang gesetzt wurden. Es ist deshalb kein &#132;authentischer&#148;, aber ein historischer Ort, und zwar ein historischer Ort von herausragender, ja einzigartiger Bedeutung.<\/p>\n<p>Die Topographie des Terrors des Jahres 1987 bestand aus vier Grundelementen: der Sicherung der historischen Spuren, also der noch vorhandenen Geb\u00e4udereste, der \u00d6ffnung des Gel\u00e4ndes f\u00fcr ein interessiertes Publikum, den Informationstafeln auf dem Gel\u00e4nde (am Standort der jeweiligen Einrichtungen) und schlie\u00dflich der historischen Ausstellung. Die uns damals leitende Vorstellung war, dass der Besucher auf ein ihm fremdes, in seiner Wirkung irritierendes Gel\u00e4ndes st\u00f6\u00dft, es voller Neugier betritt und mit Hilfe der Informationstafeln vorl\u00e4ufig erkundet, ehe er sich schlie\u00dflich der Ausstellung zuwendet, um sich an Hand der dort gezeigten Bild- und Textdokumente genauer auf die Geschichte des NS-Terrors einzulassen. Das ist ein topographischer Zugang, bei dem der Ort und seine Erschlie\u00dfung im Vordergrund stehen, der Zugang zur Geschichte \u00fcber den Ort gesucht wird. Die von Frank Dingel damals eher beil\u00e4ufig gepr\u00e4gte Formulierung &#132;Topographie des Terrors&#148; bringt dieses Konzept auf den Begriff. Ich gestehe aber, dass ich diesen Titel f\u00fcr das ganze Unternehmen seinerzeit nur mit gro\u00dfen Bauchschmerzen &#150; und weil mir nichts Besseres einfiel &#150; akzeptiert habe, da ich davon ausging (und auch heute noch ausgehe), dass es nur wenige Menschen gibt, die ohne Hilfe eines Nachschlagewerkes sagen k\u00f6nnen, was eine &#132;Topographie&#148; ist oder bedeutet. Solcher Bedenken ungeachtet setzte sich die Bezeichnung sofort durch. Die Alliteration war offensichtlich sehr verf\u00fchrerisch, und das Nebeneinander von &#132;Terror&#148; und &#132;Topographie&#148; stimulierte die Phantasie.<\/p>\n<p>Inzwischen ist die Topographie des Terrors geradezu zum Markenzeichen geworden.An vielen Orten und in den unterschiedlichsten sachlichen Zusammenh\u00e4ngen sind in den letzten Jahren &#132;Topographien&#148; entworfen worden, in manchen St\u00e4dten sogar &#132;Topographien des Terrors&#148; als Rundwege zu den lokalen Adressen der NS-Geschichte. Allerdings wird man sorgf\u00e4ltig pr\u00fcfen m\u00fcssen, ob der topographische Zugang zur Geschichte langfristig die gleiche Wirkung haben wird, wenn die Topographie des Terrors in baulicher Hinsicht einmal kein Provisorium mehr sein wird und nahezu jeder Besucher wegen des hohen Bekanntheitsgrades dieser Einrichtung im voraus wei\u00df, was ihn dort er-wartet. Dann wird der Gang \u00fcber das Gel\u00e4nde zwar immer noch seinen besonderen Reiz haben, weil es sich um einen bedeutenden historischen Ort handelt, aber er wird f\u00fcr die meisten Besucher allenfalls im Detail noch \u00dcberraschungen enthalten. Wenn der Ort all-gemein bekannt ist, verliert der topographische Ansatz an Faszination, w\u00e4hrend der systematische Zugriff auf die Geschichte umso gr\u00f6\u00dferes Gewicht bekommt.<\/p>\n<p>Es war \u00fcbrigens nicht von Anfang an geplant, die Topographie des Terrors als selbst\u00e4ndige Ausstellung in einem eigenen Ausstellungsgeb\u00e4ude zu zeigen. Urspr\u00fcnglich dachten wir, dass es gen\u00fcgen w\u00fcrde, in einem der ebenerdigen Eckr\u00e4ume des <br \/>Martin-Gropius-Baus die n\u00f6tigen Informationen zur Verf\u00fcgung zu stellen. Erst w\u00e4hrend der Vorbereitung erkannten wir allm\u00e4hlich, dass es hier um weit mehr ging als um die Gestapo-Zentrale. Parallel dazu stellte sich heraus, dass die \u00dcberlieferung von Bild- und Textdokumenten sehr viel reichhaltiger war, als wir zun\u00e4chst angenommen hatten. So fiel die Entscheidung, f\u00fcr das Vorhaben eine eigene Ausstellung zu schaffen und f\u00fcr sie auf dem Gel\u00e4nde ein tempor\u00e4res Geb\u00e4ude zu errichten, erst relativ sp\u00e4t. Damit verbunden war die \u00dcberlegung, die Topographie des Terrors nicht gemeinsam mit der Hauptausstellung, sondern schon einige Zeit fr\u00fcher zu er\u00f6ffnen, um ihr gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu sichern und sie nicht als blo\u00dfen Annex zur &#132;Berlin-Ausstellung&#148; erscheinen zu lassen. Das Medienecho war \u00fcberaus gro\u00df, sehr positiv und anhaltend. Man verstand die Topographie des Terrors als einen ernsthaften und \u00fcberzeugenden Versuch West-Berlins, sich endlich der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt in aller \u00d6ffentlichkeit zu stellen. Von vielen Besuchern und Beobachtern, nicht zuletzt der ausl\u00e4ndischen Medien, wurde das offensichtlich als ein befreiender Vorgang empfunden.<\/p>\n<p>Angesichts der begrenzten Vorbereitungszeit und des sehr geringen Personaleinsatzes ist es bemerkenswert, dass die Ausstellung bis heute im wesentlichen unver\u00e4ndert gezeigt werden kann und auch nach fast zwei Jahrzehnten noch immer erfolgreich ist, ja sogar erfolgreicher als je zuvor, da die Besucherzahlen inzwischen bei rund 350.000 pro Jahr angekommen sind. Das kann nicht durch einen besonders hohen Aufwand an Material und modernen Medien erkl\u00e4rt werden, hat aber mit Sicherheit mit der Pr\u00e4sentation am historischen Ort zu tun, wobei die durch die Bauarbeiten 1997 erzwungene Verlagerung in die Ausgrabungen entlang der Niederkirchnerstra\u00dfe die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung noch einmal verst\u00e4rkt hat. Zustimmung finden noch immer die zur\u00fcckhaltende Pr\u00e4sentation der Materialien und die Beschr\u00e4nkung auf Fotos und Faksimiles von Dokumenten neben knappen Einf\u00fchrungen in die einzelnen Sachkomplexe. Zur\u00fcckhaltung bedeutet dabei nicht Unentschiedenheit in der Sache oder interesselose Distanz. Das Material wird nicht einfach ausgebreitet, sondern ist sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt und einer Argumentation zugeordnet. Die Ausstellung ist parteilich im Sinne einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung, in der die Menschen- und B\u00fcrgerrechte an-erkannt und praktiziert werden. Sie ist auch unmissverst\u00e4ndlich in ihrer Sprache: Mord wird Mord genannt, und Verbrechen werden als Verbrechen bezeichnet. Was auch immer sich \u00fcber die jetzige Fassung sagen l\u00e4sst: Sicher ist, dass die Ausstellung, wenn sie endlich einmal zur Dauerausstellung werden soll, nicht nur \u00fcberarbeitet, sondern neu gedacht und erarbeitet werden muss. Dabei ist dem ver\u00e4nderten Forschungsstand, nicht zuletzt aufgrund der \u00d6ffnung der osteurop\u00e4ischen Archive, Rechnung zu tragen, dem sich wandelnden \u00f6ffentlichen Interesse, den ver\u00e4nderten \u00e4sthetischen Bed\u00fcrfnissen und auch den neuen technischen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<h5><span id=\"der-schwierige-werdegang-eines-provisoriums-nach-1987\">Der schwierige Werdegang eines Provi&shy;so&shy;riums nach 1987<\/span><\/h5>\n<p>Der besondere Reiz der Topographie des Terrors, wie sie sich 1987 darstellte, bestand in ihrem provisorischen Charakter. Das Ganze wirkte vorl\u00e4ufig, unabgeschlossen, experimentierend, die \u00d6ffentlichkeit zur Mitgestaltung einladend. Allerdings zeigte sich schon nach wenigen Jahren, dass sich die urspr\u00fcngliche Offenheit nicht beliebig lange bewahren lie\u00df. Das Gel\u00e4nde ver\u00e4nderte sich, mit dem Erfolg wuchsen die Erwartungen, es entstanden neue Aufgaben, und aus der Improvisation wurde Routine. Schon im Herbst 1987 war entschieden worden, dass das Experiment Topographie des Terrors<br \/>nicht mit dem Ende des Jubil\u00e4umsjahres zu ende sein w\u00fcrde. Senator Hassemer pr\u00e4gte damals die Formulierung, dass das Provisorium so lange bestehen bleiben werde, &#132;bis etwas Besseres an seine Stelle gesetzt werden kann&#148;. Das war eine Bestandsgarantie und zugleich eine Aufforderung, sich um dauerhafte L\u00f6sungen zu bem\u00fchen. Ein Jahr sp\u00e4ter setzte der Senat eine sogenannte &#132;Fachkommission&#148; ein, die den Auftrag erhielt, &#132;Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die k\u00fcnftige Nutzung des Prinz-Albrecht-Gel\u00e4ndes&#148; zu machen. Es w\u00e4re ein Thema f\u00fcr sich, die Arbeit dieser Kommission, deren Vorsitz mir als dem Verantwortlichen f\u00fcr die Topographie des Terrors \u00fcbertragen wurde, und die von ihr im M\u00e4rz 1990, unter Ber\u00fccksichtigung der inzwischen eingetretenen politischen Ver\u00e4nderungen, vorgelegten Empfehlungen vorzustellen und zu diskutieren. Hier gen\u00fcgt der Hinweis, dass die Kommission nicht nur nationale und internationale Experten in ihre Beratungen einbezogen hat, sondern sich mit Nachdruck und Erfolg auch um eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die Diskussion \u00fcber die Zukunft der Topographie des Terrors bem\u00fchte.<\/p>\n<p>Die Empfehlungen, die die Grundlage oder zumindest den Ausgangspunkt aller nachfolgenden Entscheidungen bildeten, sahen vor, das Gel\u00e4nde im wesentlichen in dem Zustand von 1987 zu belassen, die Ausstellungshalle durch ein Besucher- und Dokumentationszentrum sowie ein Internationales Begegnungszentrum zu erg\u00e4nzen und dem Projekt Topographie des Terrors eine dauerhafte Form zu geben. Es vergingen allerdings weitere Jahre, ehe es dem neuen Kultursenator Ulrich Roloff-Momin gelang, die \u00f6ffentlich-rechtliche Stiftung Topographie des Terrors zu gr\u00fcnden &#150; 1992 in einer \u00dcbergangsregelung als unselbst\u00e4ndige Stiftung, 1995 als selbst\u00e4ndige Stiftung. Es handelt sich dabei um eine Stiftung des Landes Berlin unter Beteiligung des Bundes, der seit 1994 auch die H\u00e4lfte der Kosten tr\u00e4gt. Das war ein gro\u00dfer Schritt nach vorn, zumal mit der Gr\u00fcndung der Stiftung die Absicht verbunden war, den Bau eines Besucher- und Dokumentationszentrums unverz\u00fcglich in Angriff zu nehmen. Tats\u00e4chlich wurde der internationale Wettbewerb, dessen Teilnehmer vom Senat eingeladen wurden, in den ersten Monaten des Jahres 1993 durchgef\u00fchrt. Ende M\u00e4rz stand mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor der 1. Preistr\u00e4ger fest, und wenig sp\u00e4ter war entschieden, dass der Zumthor-Entwurf auch gebaut werden sollte.<\/p>\n<h5><span id=\"leidensgeschichte-und-endgueltiges-scheitern-der-zumthor-bau\">Leidens&shy;ge&shy;schichte und endg&uuml;ltiges Scheitern: der Zumthor-Bau<\/span><\/h5>\n<p>Die &#132;unendliche&#148; Leidensgeschichte des Zumthor-Baus kann hier nur gestreift werden, obwohl sie zum Kernbereich meiner Erfahrungen als Direktor der Stiftung Topographie des Terrors geh\u00f6rt. Richtig ist, dass die Vertreter der Stiftung, die der Jury als Sachpreisrichter angeh\u00f6rten (darunter auch ich), nicht f\u00fcr den Zumthor-Entwurf gestimmt haben, weil er in mehreren Punkten gegen die Ausschreibungsbedingungen verstie\u00df und den funktionalen Anforderungen der Stiftung weniger als andere Entw\u00fcrfe zu entsprechen schien. Der Wettbewerb wurde von der Mehrheit der Architekten entschieden, die von Anfang an die \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten des Entwurfs zum alleinigen Kriterium machten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Stiftung, wie Peter Zumthor behauptet hat, den Bau auch in der Folgezeit nicht gewollt und mehr behindert als gef\u00f6rdert hat. Das Gegenteil ist richtig: Ich selber habe gleich nach der Preisverleihung den Kontakt zu dem Architekten gesucht, um gemeinsam mit ihm f\u00fcr die Topographie des Terrors das Beste daraus zu machen. Unmittelbar darauf hat der &#132;Arbeitsausschu\u00df&#148; der Stiftung \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, dass dieser Entwurf realisiert werden soll. Es hat in den folgenden Jahren immer wieder Auseinandersetzungen in der Sache gegeben, aber die Stiftung hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie den Zumthor-Bau wollte. Ich selber habe mich in mehreren Krisensituationen bei den zust\u00e4ndigen Politikern nachdr\u00fccklich &#150; und mit Erfolg &#150; daf\u00fcr eingesetzt, das Vorhaben trotz aller Planungs- und Finanzprobleme nicht aufzugeben, und ich habe im Fr\u00fchjahr 2000 als erster darauf hingewiesen, dass man das Denkmal f\u00fcr die ermordeten Juden, das J\u00fcdische Museum und die Topographie des Terrors als ein Ensemble spezifisch hauptst\u00e4dtischer Erinnerungskultur sehen m\u00fcsse und dass unter diesem Gesichtspunkt die Architektur Zumthors &#150; neben Daniel Libeskind und Peter Eisenman &#150; zus\u00e4tzliche Bedeutung gewonnen habe. In allen Gremien und in der \u00d6ffentlichkeit hat die Stiftung mehr als zehn Jahre lang trotz immer neuer Krisen unbeirrt an Zumthor und seinem in der Fachwelt nahezu uneingeschr\u00e4nkt bewunderten Entwurf festgehalten &#150; bis zum Fr\u00fchjahr 2004, als der Baustopp in sein f\u00fcnftes Jahr ging und weder der Architekt noch die Bauverwaltung in der Lage waren, ein auch nur halbwegs verl\u00e4ssliches Datum f\u00fcr die Wiederaufnahme der Bauarbeiten und f\u00fcr die \u00dcbergabe des fertigen Geb\u00e4udes an die Stiftung zu nennen. Ich bin aus diesem Grunde zur\u00fcckgetreten, und die Stiftung hat einige Wochen sp\u00e4ter die Entscheidung der Senatorin f\u00fcr Stadtentwicklung und der Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien, sich von Zumthor zu trennen, offensichtlich als Befreiung empfunden. Das war ein schmerzhafter Vorgang f\u00fcr alle Beteiligten, auch f\u00fcr mich pers\u00f6nlich, da das elfj\u00e4hrige Ringen um den Bau und seine Vollendung nicht zu dem erhofften Erfolg gef\u00fchrt hatte. Es war auch das Eingest\u00e4ndnis einer Niederlage.<\/p>\n<p>Vom Architekten ist diese Entscheidung mit so viel Unverst\u00e4ndnis und Unwillen aufgenommen worden, dass er im Sp\u00e4tjahr 2004 sogar den Versuch unternommen hat, dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht wegen der Verletzung seiner Pers\u00f6nlichkeitsrechte Klage zu erheben, wenn auch ohne jeden Erfolg. Was immer man im einzelnen ins Feld f\u00fchren und m\u00f6glicherweise kontrovers diskutieren k\u00f6nnte: Es ist unbestreitbar, dass elf Jahre nach dem Wettbewerb von dem geplanten Geb\u00e4ude lediglich das Fundament und drei Erschlie\u00dfungst\u00fcrme vorhanden waren. Und man sollte sich daran erinnern, dass f\u00fcr die gesamte Bebauung am Potsdamer Platz, d.h, f\u00fcr einen ganzen neuen Stadtteil mit vielen Prestigebauten, der seit einer Reihe von Jahren in voller Funktion ist, der erste Spatenstich auch erst 1993 getan wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint es verst\u00e4ndlich, dass sich die Proteste gegen die K\u00fcndigung Zumthors in engen Grenzen hielten und alles in allem bald abflauten. Der gro\u00dfe Kredit, den Peter Zumthor als Architekt aus guten Gr\u00fcnden hat, war hinsichtlich der Topographie des Terrors im Laufe der Jahre offenbar selbst in Fachkreisen weitgehend aufgebraucht worden.<\/p>\n<p>In einem Teil der \u00d6ffentlichkeit und besonders unter Architekten und Architekturkritikern ist allerdings teils unter wirtschaftlichen, teils unter \u00e4sthetischen Gesichts-punkten der inzwischen erfolgte Abriss der schon gebauten Geb\u00e4udeteile scharf kritisiert worden. Ich halte diesen Abriss f\u00fcr unbedingt n\u00f6tig und die Gegenargumente f\u00fcr wenig durchdacht. Die Nutzung des Fundaments und der Erschlie\u00dfungst\u00fcrme durch einen anderen Architekten, wie manche gefordert haben, h\u00e4tte schwierige urheberrechtliche Probleme aufgeworfen. Vor allem aber: der Geb\u00e4udegrundriss von 17 m Breite und 125 m L\u00e4nge ist f\u00fcr ein Ausstellungsgeb\u00e4ude au\u00dferordentlich problematisch und war nur im Hinblick auf die besonderen Qualit\u00e4t des von Zumthor entworfenen Baus akzeptabel. Es w\u00e4re v\u00f6llig abwegig, einen solchen Grundriss zur Grundlage neuer Entw\u00fcrfe zu machen. Andere Forderungen liefen darauf hinaus, die Geb\u00e4udeteile als ein Denkmal ihrer selbst, als eine, wie es hie\u00df, weithin sichtbare Erinnerung an die Schwierigkeiten im Umgang mit den NS-Terrorzentralen in unserer Gesellschaft zu bewahren. Einem gescheiterten Bauvorhaben ein Denkmal zu setzen, ist ein sehr ungew\u00f6hnlicher, in keiner Hinsicht \u00fcberzeugender Vorschlag. Ein solches Denkmal w\u00fcrde mit der eigentlichen Bestimmung des Gel\u00e4ndes, die Aufmerksamkeit auf die Geschichte der nationalsozialistischen Terror-Zentralen zu lenken, allzu offensichtlich konkurrieren und damit den historischen Ort entwerten.<\/p>\n<p>Fragt man nach den Ursachen des Scheiterns, so muss zuerst vom Architekten die Rede sein. Die von ihm entworfene Architektur war offensichtlich sehr viel komplizierter, als sie auf den ersten und auch auf den zweiten Blick wirkte. Die Anforderungen an die Baumaterialien waren sehr hoch, vor allem aber warf die Geb\u00e4udekonstruktionau\u00dferordentlich schwierige technische Probleme auf, deren L\u00f6sung Zeit und Geld erforderte. Man wollte anders bauen, als es \u00fcblich ist, und das bedeutete, dass immer wieder Genehmigungen im Einzelfall erforderlich wurden, die umfangreiche und aufwendige technische Pr\u00fcfungen und Versuche voraussetzten. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, aber darauf hinweisen, dass der Architekt selber nach rund zehn Jahren voller Stolz erkl\u00e4rte, man habe nicht gewusst, wie bestimmte Aufgaben technisch zu l\u00f6sen seien, habe aber schlussendlich die damit verbundenen Herausforderungen doch bestanden. Man wollte ausdr\u00fccklich nicht konventionell, sondern experimentell bauen und untersch\u00e4tzte offensichtlich immer wieder die damit verbundenen Risiken.<\/p>\n<p>Die Hauptverantwortlichen f\u00fcr das Bau-Desaster und die damit verkn\u00fcpften Belastungen der Arbeit der Stiftung Topographie des Terrors sind allerdings bei der Berliner Bauverwaltung zu suchen. Die Bauverwaltung h\u00e4tte sp\u00e4testens im Jahre 1995 darauf aufmerksam machen m\u00fcssen, dass der Zumthor-Bau mit sehr schwierigen technischen Problemen verbunden war, dass er sehr viel teurer als geplant werden w\u00fcrde und dass er sehr viel l\u00e4nger dauern w\u00fcrde. Das alles hat sie nicht getan. Sie hat die Baugenehmigung erteilt, ohne dass wichtige Fragen hinreichend gekl\u00e4rt waren, und sie hat in den folgenden Jahren immer wieder die nicht zu verheimlichenden Probleme klein bzw. sch\u00f6n geredet. Sie hat weder die Stiftung als Nutzer noch die Senatskulturverwaltung als Bauherrin in ausreichendem Ma\u00dfe in die Planungen einbezogen, hat immer wieder unrealistische Termine f\u00fcr die Bauarbeiten und deren Abschluss genannt. Kurzum: sie hat versucht, den Zumthor-Bau, den sie unbedingt wollte, um nahezu jeden Preis und ohne die anderen Beteiligten angemessen einzubeziehen durchzusetzen. In der Sp\u00e4tphase des Projekts hat es im Rahmen eines personal- und zeitaufwendigen &#132;Baubegleitenden Ausschusses&#148; zeitweise ernsthafte Versuche gegeben, diesen Tendenzen entgegen-zutreten und auch f\u00fcr mehr Transparenz zu sorgen. Doch blieb diesen Bem\u00fchungen der durchschlagende Erfolg versagt. Inzwischen ist die naheliegende Schlussfolgerung gezogen worden, das Bauvorhaben der Topographie des Terrors der Berliner Bauverwaltung zu entziehen und der Bundesbauverwaltung zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, warum die Stiftung zu all diesem so lange geschwiegen hat. In den Medien ist diese Frage gelegentlich in vorwurfsvollem, anklagendem Ton formuliert worden. Nachdem die Entscheidung gegen Zumthor gefallen ist, liegt es in der Tat nahe zu fragen, warum das nicht schon sehr viel fr\u00fcher geschehen oder zumindest von der Stiftung gefordert worden ist. Der verstorbene Ignatz Bubis, der Vorsitzender des Internationalen Beirats der Stiftung und als solcher auch Mitglied des Stiftungsrats war, hat schon sehr fr\u00fch vor den unkalkulierbaren Risiken des Zumthor-Baus gewarnt, aber er blieb stets allein, und seine Argumente wurden von den anwesenden Vertretern der Bauverwaltung scheinbar zwingend widerlegt. Wichtig ist, dass die Probleme niemals geb\u00fcndelt auf den Tisch kamen, sondern allenfalls einzeln und auch dann noch gesch\u00f6nt. So hie\u00df es 1995, dass man statt 36 Mio. DM nunmehr 45 Mio. ben\u00f6tige, und es dauerte dann einige Jahre, ehe Ger\u00fcchte \u00fcber 130 Mio. Gesamtkosten in Umlauf kamen, die Anfang 2000 zur Sperrung der Baumittel durch den Berliner Haushaltsausschuss f\u00fchrten. 2001 einigten sich die Sachverst\u00e4ndigen und die Politiker schlie\u00dflich darauf, dass man das Geb\u00e4ude f\u00fcr 76 Mio. DM fertig stellen k\u00f6nne. Bald darauf wurde auch diese Summe schon wieder in Zweifel gezogen. Mit den zeitlichen Verz\u00f6gerungen war es \u00e4hnlich: Zun\u00e4chst war, allzu optimistisch, von einer Er\u00f6ffnung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1995 die Rede (man feierte dann immerhin zu diesem Zeitpunkt im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses den symbolischen Baubeginn), dann wurde der 50. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 als Er\u00f6ffnungsdatum genannt. Als das Datum n\u00e4her r\u00fcckte, sprach man von 2000, dann von 2001, schlie\u00dflich von 2004 (und unmittelbar vor dem Ende war von 2007 oder 2008 die Rede). Die Stiftung wurde von Mal zu Mal vertr\u00f6stet, und je l\u00e4nger es dauerte, umso st\u00e4rker wurde das Argument, dass man, nachdem man so lange gewartet und so viele Krisen \u00fcberstanden habe, nun nicht kurz vor Schluss aufgeben d\u00fcrfe. Genaue, verl\u00e4ssliche Kosten- und Zeitangaben hat die Stiftung ohnehin nie erhalten &#150; das l\u00e4sst sich aber erst im R\u00fcckblick eindeutig feststellen. Vielleicht ist es n\u00f6tig, darauf zu verweisen, dass die Stiftung \u00fcber kein eigenes Baureferat verf\u00fcgt und deshalb von den Fachleuten in der Bauverwaltung abh\u00e4ngig war, und dass sie nicht Bauherr, sondern lediglich der k\u00fcnftige Nutzer des Bauvorhabens war, der zwar W\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern, aber keine Auftr\u00e4ge erteilen oder zur\u00fcckziehen, also nicht entscheiden kann.<\/p>\n<h5><span id=\"fehlender-politischer-enthusiasmus-fuer-die-dauerhafte-gedenkstaette\">Fehlender politischer Enthu&shy;si&shy;asmus f&uuml;r die dauerhafte Gedenk&shy;st&auml;tte<\/span><\/h5>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man und muss man auch nach der Politik fragen. Die historischpolitische Bedeutung der Topographie des Terrors ist von den Politikern in Berlin und im Bund seit 1987 niemals ernsthaft in Frage gestellt worden. Dennoch war die Unterst\u00fctzung, abgesehen von einzelnen Senatoren und Staatssekret\u00e4ren, einigen f\u00fchrenden Bundestagsabgeordneten und der Mehrheit des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, eher lahm und ohne gro\u00dfe Dynamik. Es fehlte der Enthusiasmus, der unbedingte Wille, die Sache voranzubringen. Das mag damit zu tun haben, dass es schwieriger ist, sich mit den T\u00e4tern auseinander zu setzen, als der Opfer in repr\u00e4sentativem Rahmen zu gedenken oder die zerst\u00f6rte j\u00fcdische Geschichte in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum zu rekonstruieren. Es mag auch damit zu tun haben, dass es sich bei der Topographie des Terrors um einen Ort handelt, der sperrig und eher unscheinbar ist, sich f\u00fcr gro\u00dfe \u00f6ffentliche Auftritte nur wenig eignet.<\/p>\n<p>Leicht vorstellbar ist \u00fcbrigens auch, dass der Erfolg des Provisoriums die Politiker dazu verleitet hat, sich gleichsam zur\u00fcckzulehnen und die Entwicklungen abzuwarten. Die hohen Besucherzahlen, die vielf\u00e4ltigen Aktivit\u00e4ten der Stiftung auf anderen Gebieten, die st\u00e4ndig zunehmende nationale und internationale Anerkennung und Vernetzung der Stiftung konnten durchaus zu der Annahme verleiten, dass hier kein unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe. Hinzu kam und kommt, dass f\u00fchrende Berliner Politiker &#150; von Diepgen bis Wowereit, von St\u00f6lzl bis Flierl &#150; immer wieder die Auffassung vertreten haben, dass es in der Topographie des Terrors ebenso wie in einigen anderen Einrichtungen um deutsche und europ\u00e4ische Geschichte gehe, f\u00fcr die nicht das Land Berlin, sondern der Bund zust\u00e4ndig sei. Der Bund dagegen verweist darauf, dass er im Rahmen seiner Gedenkst\u00e4ttenpolitik bereits zu 50 Prozent an der Finanzierung dieser Einrichtungen beteiligt sei, und die von Bundesregierung und Bundestag gemeinsam verabschiedete &#132;Gedenkst\u00e4ttenkonzeption&#148; eine h\u00f6here Beteiligung nicht zulasse. In Zeiten leerer Kassen auf der Bundes- und erst recht der Landesebene f\u00fchren solche wechselseitigen Zuschreibungen der Zust\u00e4ndigkeit und der Verantwortung nur allzu leicht zu Verz\u00f6gerungen bei dem an sich vereinbarten Ausbau einer Einrichtung. Bauprobleme oder gar ein langfristiger Baustopp kommen gar nicht ungelegen, indem sie den jeweiligen Haushalt zumindest vorl\u00e4ufig entlasten. Unter Kulturstaatsminister Michael Naumann gab es \u00fcbrigens Pl\u00e4ne, im Anschluss an das J\u00fcdische Museum und das Denkmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas auch die Stiftung Topographie des Terrors zu einer Bundeseinrichtung zu machen. Sie waren allerdings noch nicht entscheidungsreif, als er aus dem Amt schied, und sein Nachfolger Nida-R\u00fcmelin verfolgte eine sehr viel strengere Linie hin-sichtlich der im Grundgesetz verankerten Zust\u00e4ndigkeit der L\u00e4nder in allen Kulturfragen.<\/p>\n<h5><span id=\"trotz-allem-verdienste-und-leistungen-der-topographie-des-terrors\">Trotz allem: Verdienste und Leistungen der Topographie des Terrors<\/span><\/h5>\n<p>Trotz dieser Schwierigkeiten sind die bisherigen Leistungen der Stiftung Topographie des Terrors unbestreitbar. In der Diskussion der Bauprobleme begegnete man nicht selten dem Missverst\u00e4ndnis, dass die Stiftung &#132;endlich arbeitsf\u00e4hig&#148; gemacht werden m\u00fcsse. Dazu kann ich nur feststellen, dass die Stiftung ohne ein eigenes Geb\u00e4ude zweifellos unter erschwerten Bedingungen arbeitet. Ebenso zweifelsfrei ist jedoch, dass sie seit vielen Jahren auf vielen Gebieten sehr erfolgreich, teilweise bahnbrechend t\u00e4tig ist. Ich nenne nur drei Beispiele f\u00fcr diese Entwicklungen:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>Der Ausstellungsbereich: Hier gibt es nicht nur die provisorische Dauerausstellung auf dem &#132;Topographie-Gel\u00e4nde&#148; und gelegentliche Ausstellungen am Bauzaun. Die Ausstellung Topographie des Terrors konnte 1989, noch vor der Wende, an vier Orten der DDR gezeigt werden und ist dort auf ein gro\u00dfes und nachhaltiges Interesse gesto\u00dfen. Englische und italienische Versionen waren in Chicago, Mailand und Genua zu sehen. Die Ausstellung Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde 1991192 in Berlin, Hamburg,<br \/>Dortmund und Sachsenhausen gezeigt. Die russische Fassung ist von rund 1,5 Millionen Menschen gesehen worden. Sie ist zu den wichtigen Jahrestagen des Krieges u.a, in Moskau, St. Petersburg und Wolgograd, in Moskau allein dreimal, in St. Peterburg zweimal an prominenter Stelle gezeigt worden. Andere zeitgeschichtliche Ausstellungen, davon einige als Wanderausstellungen, sind in Berlin, aber auch in vielen anderen St\u00e4dten pr\u00e4sentiert worden. Die Stiftung Topographie des Terrors gilt sp\u00e4testens seit<br \/>Mitte der 1990er Jahre national, aber auch international als eine der besten Adressen f\u00fcr pr\u00e4zise erarbeitete, sorgf\u00e4ltig gestaltete zeitgeschichtliche Ausstellungen. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Eine ausgesprochene Sonderstellung nimmt das Gedenkst\u00e4ttenreferat ein. Mit diesem 1993 von der Aktion S\u00fchnezeichen\/Friedensdienste \u00fcbernommenen Referat &#150; eine relativ spontane Entscheidung, auf die ich noch heute stolz bin &#150; leistet die Stiftung einen wichtigen, inzwischen ganz und gar unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland und zum Teil sogar \u00fcber die deutschen Grenzen hinaus. Das Gedenkst\u00e4ttenreferat nimmt Koordinierungsaufgaben f\u00fcr alle Gedenkst\u00e4tten und Gedenkst\u00e4tteninitiativen in Deutschland wahr, die sich der Aufarbeitung der NS-Geschichte widmen. Es f\u00fchrt j\u00e4hrlich zwei Seminare f\u00fcr Gedenkst\u00e4ttenmitarbeiter durch, dazu Fachseminare, aber auch gro\u00dfe internationale Konferenzen. Es veranstaltet Studienreisen in andere europ\u00e4ische L\u00e4nder, l\u00e4dt ausl\u00e4ndische Gedenkst\u00e4ttenmitarbeiter nach Deutschland ein, gibt sechsmal im Jahr die Zeitschrift Gedenkst\u00e4ttenRundbrief heraus, unterh\u00e4lt ein Gedenkst\u00e4ttenforum im Internet mit t\u00e4glichem Pressedienst, ber\u00e4t nationale und internationale Organisationen vom Ausw\u00e4rtigen Amt bis zur Task Force for International Cooperation an Holocaust Education. Es gibt keine andere Einrichtung in Deutschland, die in einem vergleichbaren Umfang, wenn \u00fcberhaupt, Personal- und Sachmittel f\u00fcr allgemeine Belange der Gedenkst\u00e4ttenarbeit aufwendet, wie es die Stiftung Topographie des Terrors seit vielen Jahren tut. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Als letztes Beispiel sei die Bibliothek der Stiftung genannt, die inzwischen mit ca. 20.000 Titeln zur Geschichte, Vor- und Nachgeschichte des Nationalsozialismus zu einer respektablen Spezialbibliothek geworden ist. Der Katalog ist im Internet verf\u00fcgbar, die Vernetzung mit anderen einschl\u00e4gigen Bibliotheken ist fortgeschritten. Auf der Grundlage eines im Hause erarbeiteten &#132;Thesaurus&#148; zur NS-Geschichte, eines systematisch entwickelten, streng normierten Schlagwortverzeichnisses, sind die Best\u00e4nde in vorbildlicher Weise elektronisch erschlossen. Die Bibliothek ist nicht zuletzt auch Mitinitiator und -organisator einer inzwischen gut funktionierenden Arbeitsgemeinschaft von Gedenkst\u00e4ttenbibliotheken. Die gro\u00dffl\u00e4chigen, gut ausgestatteten R\u00e4ume, die der Bibliothek seit Ende 2004 zur Verf\u00fcgung stehen, k\u00f6nnen einen ersten Eindruck davon vermitteln, was den Besuchern im Neubau der Stiftung auf dem &#132;Topographie-Gel\u00e4nde&#148; k\u00fcnftig zum Nachschlagen oder auch zu intensiverem Studium zur Verf\u00fcgung stehen wird.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<h5><span id=\"die-zukunft-der-topographie-des-terrors\">Die Zukunft der Topographie des Terrors<\/span><\/h5>\n<p>Nachdem der Abriss erfolgt ist und das Gel\u00e4nde wieder in den Zustand gebracht sein wird, in dem es sich vor Beginn der Arbeiten f\u00fcr den Zumthor-Bau befand, ist der wichtigste Schritt die Ausschreibung des neuen Wettbewerbs. Dabei m\u00fcssen die Angaben \u00fcber den historischen Ort, die Aufgaben und Ziele der Stiftung, das Ausstellungs-, Informations-, Bildungs- und Veranstaltungsprogramm, die Sammlungen und die beabsichtigten Forschungsaktivit\u00e4ten so pr\u00e4zise sein, dass Missverst\u00e4ndnisse, wie sie bei der ersten Ausschreibung aufgetreten sind, vermieden werden. Hier ist vor allem an die seit 1993 enorm gestiegenen Besucherzahlen und an die neu hinzugekommenen Arbeitsbereiche zu denken. Das gilt f\u00fcr das Gedenkst\u00e4ttenreferat, aber auch f\u00fcr die Bildungsarbeit, die immer wichtiger werden und damit auch immer mehr Raum ben\u00f6tigen, sowie f\u00fcr die st\u00e4ndig zunehmende Bedeutung der neuen Medien. In allen diesen Bereichen wird bei den begrenzten Mitteln, die f\u00fcr den Bau zur Verf\u00fcgung stehen werden, die Versuchung gro\u00df sein, zu klein zu planen und dadurch neue Probleme zu schaffen.<\/p>\n<p>Kaum weniger wichtig f\u00fcr den Erfolg des Wettbewerbs ist die Besetzung der Jury. Dabei muss aufgrund der Erfahrungen des ersten Wettbewerbs sorgf\u00e4ltig darauf geachtet werden, dass unter den Fachpreisrichtern, den Architekten, auch solche sind, die \u00fcber Erfahrungen mit Gedenkst\u00e4tten und \u00e4hnlichen Einrichtungen verf\u00fcgen. Dar\u00fcber hinaus sollte die Gruppe der Sachpreisrichter so stark wie m\u00f6glich besetzt werden, und in dieser Gruppe m\u00fcssen die Gedenkst\u00e4ttenerfahrungen besonders stark vertreten sein. Bei dem letzten gro\u00dfen einschl\u00e4gigen Wettbewerb, der f\u00fcr den Neubau der Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen durchgef\u00fchrt wurde, kam es auf der Basis einer entsprechenden Auswahl der Jurymitglieder zu einer engen Zusammenarbeit der beiden Preisrichtergruppen, die von allen Beteiligten als besonders produktiv und der Sache dienend empfunden wurde.<\/p>\n<h5><span id=\"eine-topographie-der-kuenftigen-deutschen-gedenkstaettenlandschaft\">Eine Topographie der k&uuml;nftigen deutschen Gedenk&shy;st&auml;t&shy;ten&shy;land&shy;schaft<\/span><\/h5>\n<p>Es gibt zur Zeit mehrere Ans\u00e4tze, die Gedenkst\u00e4ttenlandschaft in Deutschland, insbesondere in Berlin, neu zu ordnen. Dabei handelt es sich zum einen um den Antrag der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, der inhaltlich vor allem auf eine st\u00e4rkere F\u00f6rderung der Gedenkst\u00e4tten f\u00fcr die Opfer der kommunistischen Herrschaft zielt und organisatorisch die Bildung einer umfassenden Bundes Gedenkst\u00e4tten-Stiftung zur Diskussion stellt. Es gibt in der Tat noch immer einen deutlichen Nachholbedarf im Hinblick auf die kommunistische Diktaturgeschichte; insofern sind viele dieser Vorschl\u00e4ge und Forderungen im einzelnen durchaus unterst\u00fctzenswert. Wenig hilfreich ist jedoch die Rede von den &#132;beiden deutschen Diktaturen&#148;. Es ist nicht zu bestreiten, dass es in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zwei Diktaturen gab, doch sind die Unterschiede zwischen diesen Diktaturen nicht weniger wichtig als die Gemeinsamkeiten. Auf der Ebene der allt\u00e4glichen Diktaturerfahrung, der Verfolgung der politischen Gegner und der \u00dcberwachung der gesamten Bev\u00f6lkerung gab es gewiss viele Gemeinsamkeiten. In beiden F\u00e4llen handelte es sich um totalit\u00e4re Systeme. Andererseits ist von der DDR kein Eroberungs- und Vernichtungskrieg begonnen, kein V\u00f6lkermord begangen worden. Auch war die DDR von An-fang an Teil eines gr\u00f6\u00dferen, von der Sowjetunion eindeutig dominierten politischen und gesellschaftlichen Systems, dessen Entstehung und Charakter nicht aus der deutschen Geschichte, sondern nur aus der Entwicklung der kommunistischen Bewegung und des Sowjetsystems zu erkl\u00e4ren ist. Das alles war bekanntlich ganz anders beim Nationalsozialismus, dessen Aufstieg und Herrschaft in erster Linie zu kritischen Fragen an die deutsche Geschichte zwingt. Auch blieb die SED-Herrschaft auf das Gebiet der DDR beschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend die NS-Verbrechen zum gr\u00f6\u00dften Teil au\u00dferhalb der Grenzen des Deutschen Reiches ver\u00fcbt wurden und selbst unter den H\u00e4ftlingen der deutschen Konzentrationslager in der Schlussphase des Krieges \u00fcber 90 Prozent eine nicht-deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit besa\u00dfen. Es gibt deshalb viele Gr\u00fcnde, nicht nur zwischen den beiden Systemen, sondern auch zwischen den Einrichtungen, die der Erinnerung an die jeweiligen Verbrechen und deren Opfer dienen, deutlich zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Ganz davon abgesehen, w\u00fcrde eine Bundesstiftung, die sich auf alle Gedenkst\u00e4tten und Erinnerungsorte erstrecken soll, gegen die Kulturhoheit der L\u00e4nder und damit gegen die Verfassung versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Was die Neuordnung der Verh\u00e4ltnisse in Berlin angeht, an der vor allem die Bundesregierung im Rahmen ihrer Gedenkst\u00e4ttenf\u00f6rderung, aber auch das Land Berlin interessiert sind, geht es hier in sehr viel unmittelbarerer Weise auch um Interessen und<br \/>Entwicklungsm\u00f6glichkeiten der Stiftung Topographie des Terrors. Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass die Bundesregierung in ihren gegenw\u00e4rtigen \u00dcberlegungen davon ausgeht, dass eine allgemeine Bundesstiftung mehr Probleme schaffen als l\u00f6sen w\u00fcrde und dass es vor allem im Hinblick auf das hauptst\u00e4dtische Berlin sinnvoll ist, klar zu unterscheiden zwischen den Einrichtungen, in denen es um die NS-Geschichte geht, und den Einrichtungen, die der Geschichte der SBZ und der DDR gewidmet sind. Eine volle \u00dcbernahme der Topographie des Terrors in die Verantwortung des Bundes gilt weiterhin als nicht w\u00fcnschenswert. Angestrebt wird dagegen eine organisatorische Zusammenfassung der Stiftung Topographie des Terrors, der Gedenkst\u00e4tte Deutscher Widerstand, der Gedenkst\u00e4tte Haus der Wannseekonferenz und der Stiftung Denkmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas (mit dem &#132;Ort der Information&#8220;). Gedacht ist offensichtlich an eine Art &#132;Stiftung Berliner NS-Gedenkst\u00e4tten&#148;, unter deren Dach die bisherigen Einrichtungen eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Eigenst\u00e4ndigkeit, vor allem in ihrer inhaltlichen Arbeit, behalten und ihr je spezifisches Profil weiter sch\u00e4rfen sollen. Solche Pl\u00e4ne sind von den gemischt finanzierten Einrichtungen, auch von der Stiftung Topographie des Terrors, bisher entschieden abgelehnt worden. Man war mit den nur historisch erkl\u00e4rbaren unterschiedlichen Organisationsformen (Stiftung, Tr\u00e4gerverein, nachgeordnete Beh\u00f6rde &#151; alle aus \u00f6ffentlichen Mitteln alimentiert, mit jeweils 50 Prozent Bundesbeteiligung) zufrieden und sah keinen Anlass f\u00fcr \u00c4nderungen, von denen man vor allem Einschr\u00e4nkungen der eigenen Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit bef\u00fcrchtete. Inzwischen d\u00fcrften die Widerst\u00e4nde jedoch etwas geringer geworden sein. Eine noch engere Abstimmung der Aktivit\u00e4ten als bisher erscheint durchaus sinnvoll. Auch k\u00f6nnten eine gemeinsame \u00d6ffentlichkeitsarbeit und eine gemeinsame Publikationsstelle manche Vor-teile bieten. Vor allem aber scheint es der Bundesregierung darum zu gehen, durch eine gemeinsame Organisation bzw. eine gemeinsame Adresse die in Berlin geleistete Erinnerungsarbeit noch st\u00e4rker als bisher nach au\u00dfen, nicht zuletzt im Ausland, sichtbar zu machen. Daf\u00fcr gibt es zu einem Zeitpunkt, an dem in Europa neben dem eindrucksvollen Londoner Holocaust Museum nun auch eine gro\u00df angelegte Holocaust-Gedenkst\u00e4tte in Paris er\u00f6ffnet worden ist, in der Tat gute Gr\u00fcnde. Es wird deshalb n\u00f6tig sein, das F\u00fcr und Wider solcher Entwicklungen schon sehr bald sorgf\u00e4ltig zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Es bleibt der Wunsch, dass die neue Dynamik, die durch meinen R\u00fccktritt und vor allem durch die Trennung von Zumthor entstanden ist, nun nicht mehr verloren geht, dass die Politik auf Bundes- und auf Landesebene sich eindeutig f\u00fcr die Topographie des Terrors erkl\u00e4rt, dass der Wettbewerb sorgf\u00e4ltig vorbereitet wird und dann auch die gew\u00fcnschten Ergebnisse zeitigt, dass das Programm angesichts der ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen noch einmal durchdacht wird &#151; und dass schlie\u00dflich in drei bis vier Jahren alle heute diskutierten Probleme vergessen sein werden und die Stiftung Topographie des Terrors mit dem neuen Geb\u00e4ude am historischen Ort ihre Aufgaben wahrnehmen kann.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2287],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11973","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-reinhard-ruerup","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkst\u00e4ttenlandschaft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkst\u00e4ttenlandschaft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Erfahrungen als wissenschaftlicher Direktor aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005 ), S.75-92 Das \u00f6ffentliche Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus ist in Deutschland mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nicht schw\u00e4cher, sondern st\u00e4rker geworden. 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