{"id":11974,"date":"2005-03-01T14:00:00","date_gmt":"2005-03-01T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-zukunft-der-gesellschaftskritik\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"die-zukunft-der-gesellschaftskritik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/die-zukunft-der-gesellschaftskritik\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Gesellschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p>Zur politischen Funktion der Kultur- und Sozialwissenschaften*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft  1\/2005 ), S.93-99<\/p>\n<p><i>Die heutige Situation scheint einmal mehr durch den Abschied von umfassenden Theorien und gesellschaftskritischen Anspr\u00fcchen gekennzeichnet zu sein. Da mag es \u00fcberraschen, nach der politischen Funktion akademischer Disziplinen zu fragen, denen es in ihrer noch nicht allzu langen Geschichte auch und vor allem darum ging, sich als ,normale`, und das hei\u00dft oft: politisch ,neutrale` Wissenschaften zu etablieren. Die Kulturwissenschaften, die sich noch nicht einmal darin einig sind, ob es sie nun im Singular oder nur im Plural gibt, begn\u00fcgen sich &#151; im Gegensatz zu ihrem Vorbild, den Cultural Studies &#151;allzu oft mit Analysen von aus ihrem sozialen und politischen Kontext heraus gel\u00f6sten (pop-)kulturellen Ph\u00e4nomenen der Mikro- und Mesoebene, wie dem Siegeszug des Bikini oder der Kulturgeschichte des Gartenzwergs. Dabei kokettieren sie h\u00f6chstens mit einer dem kulturkonservativen mainstream gegen\u00fcber subversiven Haltung. Unterdessen konzentrieren sich die empirisch orientierten Sozial- und Politikwissenschaften unter dem auch universit\u00e4tsintern erzeugten Druck der unmittelbaren Verwertbarkeit zunehmend auf die Analyse einzelner Politikfelder und die Bereitstellung sozial technologischen Wissens f\u00fcr die Verwaltung, in-dem sie beispielsweise die Forstpolitik in der Europ\u00e4ischen Union oder die Verwaltungsreform des Landkreises untersuchen.<\/i><\/p>\n<p>Auch wenn solchen Analysen durchaus ihre Berechtigung zukommt, so \u00e4u\u00dfert sich in dieser neuen Bescheidenheit doch zugleich auf beunruhigende Weise ein positivistisches Selbstverst\u00e4ndnis &#151; &#132;Wir beschreiben und analysieren doch nur die Tatsachen&#148; &#151;, das auf theoretische und historische Reflexion weitgehend verzichten zu k\u00f6nnen glaubt. Begleitet wird dieser als Realismussteigerung eingef\u00fchrte Reflexionsabbau auf dem Kampfplatz der Theorie oft von der Diagnose vom &#132;Ende des gesellschaftskritischen Paradigmas&#148;. Der Vorwurf der &#132;Dekadenz der Kritik&#148;, des &#132;Alarmismus&#148; und der &#132;unentspannten Hypermoral&#148; an die Adresse jener, welche die Geschichte dieses Endes noch nicht als Anfang einer neuen Normalit\u00e4t akzeptiert haben, scheint jedoch nicht nur Ausdruck der Dekadenz einer Kritik der Kritik zu sein, die offen-sichtlich die &#8211; intellektuellen und sozialen &#151; Bedingungen ihrer eigenen M\u00f6glichkeit aus den Augen verloren hat. Vielmehr beruht dieses Selbstmissverst\u00e4ndnis des methodologischen Status der Kultur- und Sozialwissenschaften auch auf einem Missverst\u00e4ndnis des Zusammenhangs zwischen Sozialtheorie und Gesellschaftskritik, das auf eine unzureichende Vorstellung sowohl von Sozialtheorie als auch von Kritik zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (vgl. die Debatte in Wenze12002).<\/p>\n<h5><span id=\"sozialtheorie-als-interpretation-der-sozialen-praxis\">Sozialthe&shy;orie als Inter&shy;pre&shy;ta&shy;tion der sozialen Praxis<\/span><\/h5>\n<p>Mit dem Verlegenheitsterminus &#132;Sozialtheorie&#148; kann ein nicht v\u00f6llig trennscharf abgrenzbares disziplin\u00e4res Feld bezeichnet werden, auf dem kultur- und sozialwissenschaftliche sowie philosophische Theoriebildung, empirische und theoretische sowie normative Analysen sozialer Praktiken, Institutionen und Diskurse zusammen kommen. Das Verst\u00e4ndnis von M\u00f6glichkeit und Durchf\u00fchrung einer kritischen Gesellschaftstheorie hat sich in letzter Zeit vor allem unter dem Einfluss von Theorieentwicklungen wie dem linguistic, dem interpretive und dem performative turn gewandelt. Im Zuge dieser Debatten, welche die sprachliche Vermitteltheit und die Notwendigkeit der Interpretation der sozialen Wirklichkeit ebenso ins Bewusstsein ger\u00fcckt haben wie den Praxischarakter der Theorie selbst, wurde schnell deutlich, dass das f\u00fcr fr\u00fchere (etwa marxistisch oder funktionalistisch inspirierte) Formen der Gesellschaftstheorie durchaus charakteristische Vertrauen in die M\u00f6glichkeit einer umfassenden ,Theorie aus einem Guss&#8216;, eines einheitlichen Beschreibungssystems f\u00fcr alle sozialen Ph\u00e4nomene, heute nur noch um den Preis der Blindheit gegen\u00fcber der Komplexit\u00e4t der zu analysierenden Gegenst\u00e4nde zu haben w\u00e4re. Das scheint nun selbst den Vertretern der Systemtheorie, die ja mit dem Versprechen angetreten war, sozialer Komplexit\u00e4t durch die Ersetzung von Kritik durch Beobachtung gerecht zu werden, als letzter verbleibender Gro\u00dftheorie aufzugehen. Die auf eine als zunehmend komplexer erfahrene soziale Realit\u00e4t reagierende Pluralisierung und Hybridisierung sozial theoretischer Ans\u00e4tze und Beschreibungsweisen n\u00f6tigt im Rahmen der Sozialtheorie aber nicht nur zur Bezugnahme auf verschiedene Disziplinen der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, sondern auch zur Zusammenf\u00fchrung bisher sich penibel voneinander abgrenzender theoretischer Vokabulare wie jenen der angloamerikanischen liberalen politischen Theorie, des franz\u00f6sischen Poststrukturalismus und der verschiedenen post-marxistischen Ans\u00e4tze, wie etwa der Kritischen Theorie (Frankfurter Arbeitskreis f\u00fcr Politische Theorie &#038; Philosophie 2004).<\/p>\n<p>Mit Bezug auf die methodologische Frage nach den Erkenntnisbedingungen einer kritischen Sozialtheorie hat sich damit aber auch die Einsicht durchgesetzt, dass die Sozial- und Kulturwissenschaften und die Sozialphilosophie eine Wirklichkeit interpretieren, die nicht aus harten Tatsachen und gesetzm\u00e4\u00dfig ablaufenden Prozessen, sondern aus historisch spezifischen, sozial eingebetteten und normativ aufgeladenen Institutionen, Praktiken und Diskursen besteht, welche untrennbar mit bestimmten &#151; teils expliziten, teils impliziten &#151; individuellen und kollektiven Selbstverst\u00e4ndnissen verkn\u00fcpft und deshalb selbst immer schon interpretiert sind (Taylor 2004). Die Sozialtheorie kann die im Rahmen einer Problemstellung &#151; etwa der Frage nach dem Schicksal des f\u00fcr die Moderne konstitutiven Zusammenhangs von individueller und kollektiver Autonomie in Zeiten des postfordistischen Kapitalismus &#151; signifikanten Selbstverst\u00e4ndnisse nicht einfach identifizieren und beschreiben, sondern muss diese selbst in einer Interpretation artikulieren und explizieren, die Hypothesen \u00fcber die sinnhafte Verkn\u00fcpfung der einzelnen Elemente im Rahmen des gesellschaftlichen Ganzen beinhaltet. Zu Kultur geronnene symbolische Deutungs- und Interaktionsmuster sind deshalb nicht nur Gegenstand der Sozial- und Kulturwissenschaften &#151; viel-mehr stellen diese selbst als Interpretationsleistungen ein Moment der symbolischen Strukturierung der sozialen Welt dar, die jede Gesellschaft in Form von Kultur produziert.<\/p>\n<p>Die Theorie ist diesem Verst\u00e4ndnis zufolge kein der Praxis unvermittelt gegen\u00fcberstehendes, rein kognitives Unternehmen, das am zuverl\u00e4ssigsten aus der Distanz operiert, sondern der Versuch der Artikulation, Explizierung und Systematisierung der in den bestehenden sozialen Praktiken und den dazugeh\u00f6rigen Deutungsmustern selbst angelegten reflexiven und normativen Potenziale. Diese weisen \u00fcber ihre jeweilige institutionelle Verwirklichung immer auch hinaus, indem sie den an ihnen beteiligten Akteuren die Einnahme verschiedener Positionen gegen\u00fcber den faktischen sozialen Arrangements erm\u00f6glichen (Reckwitz 2003; Schatzki u.a. 2001). Eine solche sozial-theoretische Artikulation problematisiert damit allerdings auch die f\u00fcr eine bestimmte Praxis spezifischen M\u00f6glichkeiten des Handelns und Denkens, die Grenzen dessen, was aus Sicht der Akteure getan und gedacht werden kann und soll.<\/p>\n<h5><span id=\"sozialtheorie-als-kritik\">Sozialthe&shy;orie als Kritik<\/span><\/h5>\n<p>Was Adorno \u00fcber den Kulturkritiker schreibt, lie\u00dfe sich auch auf dessen nahen Verwandten, den Gesellschaftskritiker, beziehen: &#132;Dem Kulturkritiker passt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt. Er redet, als vertr\u00e4te er sei&#8217;s ungeschm\u00e4lerte Natur, sei&#8217;s einen h\u00f6heren geschichtlichen Zustand, und ist doch notwendig vom gleichen Wesen wie das, wor\u00fcber er erhaben sich d\u00fcnkt.&#148; (Adorno 2003: 11) Die aus einer solchen Metakritik zu ziehende Konsequenz ist aber keineswegs, wie von neokonservativer Seite behauptet, eine pauschale Delegitimierung von Kritik, sondern &#151; wie Adorno selbst fortf\u00e4hrt zu zeigen &#151; eine Neuverortung ihres Standpunktes: Der Kritiker spricht weder von au\u00dferhalb der kritisierten Kultur oder Gesellschaft, von einem Standpunkt der \u00dcberlegenheit oder der Erhabenheit aus, noch einfach von innen, aus einer Position der Demut und Verantwortlichkeit gegen\u00fcber seiner eigenen Kultur oder Gesellschaft. Kritik in Form von kritischer Selbstreflexion ist vielmehr ein strukturelles Element aller kulturellen und sozialen Praktiken, die ein bestimmtes Komplexit\u00e4tsniveau erreicht haben.<\/p>\n<p>Fragt man vor diesem Hintergrund nach der kritischen Funktion der Sozialtheorie, nach dem Ort der Kritik im Netz der Selbstbeschreibungen der Gesellschaft, so muss die Antwort auf die \u00dcberwindung einer seit der Debatte zwischen Kommunitarismus und Liberalismus etablierten Alternative abzielen: einerseits die &#132;schwachen&#148;, kontextualistischen Formen der Kritik, die in der Gefahr stehen, ihr kritisches Potenzial im Namen lokal geltender Werte und verwurzelter Kritik zu verspielen; andererseits die &#132;starken&#148;, universalistischen Formen, welche die Verbindung zu den Selbstverst\u00e4ndnissen und Motivationslagen ihrer Adressaten zu kappen drohen (Honneth 2000). Die in dieser Auseinandersetzung unterstellte Alternative zwischen Innen und Au\u00dfen, zwischen Immanenz und Transzendenz ist schlicht verk\u00fcrzend. Nat\u00fcrlich kann der Standpunkt der Kritik nie g\u00e4nzlich au\u00dferhalb der sozialen Praktiken und Diskurse liegen &#151; wer h\u00e4tte dies jemals behauptet? Vielmehr erfolgt die Kritik immer von einer ganz spezifischen, sozial lokalisierbaren Sprecherposition aus und mobilisiert das in die sozialen Praktiken selbst eingelassene reflexive Potenzial mit einer bestimmten Absicht. Die Verortung im sozialen Raum erlegt der Kritik aber eben deshalb keine eindeutigen Grenzen auf, da dieser Raum selbst unterbestimmt und interpretationsbed\u00fcrftig ist.<\/p>\n<p>Um welches Selbstverst\u00e4ndnis es in einer sozial theoretischen Interprefation geht, welchem individuellen oder kollektiven Subjekt dieses zugeschrieben wird, zu welchen sozialen Praktiken und Institutionen ein spezifisches Selbstverst\u00e4ndnis im Widerspruch steht, welche individuellen und sozialen Pathologien und Krisenerscheinungen sich aus solchen Widerspr\u00fcchen entwickeln und welche Kritik hieraus abgeleitet werden kann &#151; dies sind alles umstrittene Fragen, und alleine schon deshalb kann die Sozialtheorie nie v\u00f6llig neutral, also blo\u00df objektiv beschreibend verfahren. Ihr Vorgehen ist immer interpretierend und damit in einem Raum umstrittener alternativer Deutungen und sich eventuell sogar widersprechender Beschreibungen verortet (Rosa 2004). Eine einfache Ableitung der Ma\u00dfst\u00e4be der Gesellschaftskritik aus diesen gesellschaftlichen Selbstverst\u00e4ndnissen, wie sie kommunitaristischen und kontextualistischen Positionen vorschwebt, ist deshalb ebenso wenig m\u00f6glich wie der Verzicht auf kritische Positionierung. Dabei muss Kritik hier nicht in einer totalen Verwerfungsgeste bestehen, die dem Ganzen der gesellschaftlichen Ordnung gilt &#151; Kritik (von griechisch: krinein) bedeutet ja erstmal nichts anderes, als das Treffen normativ gef\u00e4rbter Unterscheidungen, zu denen man sich dann wiederum verhalten muss.<\/p>\n<p>Aus der Unvermeidlichkeit dieser Kunst des Unterscheidens folgt, dass Sozialtheorie und Gesellschaftskritik nicht als zwei voneinander getrennte Unternehmen gedacht werden k\u00f6nnen. Deutung und Kritik der Gegenwart bedingen sich gegenseitig, weil sich beide in einem Spektrum m\u00f6glicher und umstrittener (Neu-)Beschreibungen verorten m\u00fcssen. Diese (Neu-)Beschreibungen fungieren immer auch als Problematisierungen der thematisierten Selbstverst\u00e4ndnisse und er\u00f6ffnen einen Raum ihrer m\u00f6glichen Ver\u00e4nderung. Sie bef\u00e4higen die Akteure n\u00e4mlich zu einem Perspektivenwechsel und zur Einnahme einer distanzierten Position gegen\u00fcber ihren eingespielten Praktiken und Diskursen, so dass diese als m\u00f6gliche Formen der Organisation und der Repr\u00e4sentation der sozialen Welt neben anderen begriffen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Statt den Anspruch zu erheben, von einem aus allen Praxiszusammenh\u00e4ngen heraus gel\u00f6sten Standpunkt zu sprechen, beschreibt die Sozialtheorie die f\u00fcr ein spezifisches soziales Feld konstitutiven Praktiken, Diskurse und Hintergrundverst\u00e4ndnisse und die in ihnen und durch sie ausgetragenen Konflikte von einer bestimmten Position aus und macht diese so der gesellschaftlichen Problematisierung, der Selbstthematisierung und -transformation zug\u00e4nglich. Als Interpretationen zweiter Ordnung k\u00f6nnen diese Beschreibungen gar nicht anders als umstritten sein, da sie sich nicht an den objektiven Tatsachen ablesen lassen. Allein durch ihre nachweisliche Umstrittenheit kann allerdings schon ein Bewusstsein der Kontingenz &#151; dessen, dass es nicht so sein muss, wie es ist &#151; und damit der Ver\u00e4nderbarkeit der sozialen Welt, der M\u00f6glichkeit eines anderen Selbstverst\u00e4ndnisses und anderer Praktiken entstehen (Tully 2003). Mit dem klassischen ideologiekritischen Programm, etwa der Kritischen Theorie, teilt eine solche Herangehensweise zumindest die Operation der &#132;Entnaturalisierung&#148;, die als nat\u00fcrlich und unver\u00e4nderbar erfahrene soziale Verh\u00e4ltnisse als durch soziales Handeln vermittelte, reproduzierte und damit auf gleichem Wege auch wieder transformierbare Arrangements erweist. Als ideologisch k\u00f6nnen dann genau jene Diskurse bezeichnet werden, welche die Konflikthaftigkeit und Kontingenz sozialer Praktiken, Institutionen und Ordnungen verdecken, indem sie suggerieren, es ginge eben nicht anders. Dass es &#151; leider oder gl\u00fccklicherweise &#151; nicht anders gehe, und dass man deshalb gar nicht dar\u00fcber nachzudenken brauche, wie es denn besser gehen k\u00f6nnte &#151; das war schon immer der wenig glaubw\u00fcrdige Realismus derer, die sich ganz gut mit dem Status Quo arrangiert haben.<\/p>\n<p>Ein solches in der Umstrittenheit von Interpretationen verankertes Verst\u00e4ndnis von Kritik verf\u00e4llt keineswegs einer Hermeneutik des Verdachts, die hinter jeder glatten Oberfl\u00e4che das verborgene Wirken b\u00f6ser M\u00e4chte vermutet. Ebenso wenig ist eine kritische Sozialtheorie dazu verdammt, mantraartig eines der beiden Gro\u00dfrepertoires der Kritik zu wiederholen und abwechselnd die Konstruiertheit aller Ph\u00e4nomene durch soziale Praktiken und Diskurse und die Determiniertheit sozialer Akteure durch das Wirken unverf\u00fcgbarer Strukturen aufzudecken (Latour 2004). Den Gegenstand der Kritik bilden vielmehr jene Verfestigungen bestimmter Beschreibungen, die hegemoniale Deutungsmuster als einzig m\u00f6gliche \u00f6der legitime Weltsicht erscheinen lassen und damit die Prozessualit\u00e4t der sozialen Realit\u00e4t zu statischen und konfliktlosen Ordnungsmustern verfestigen. Die Aufgabe von Kritik besteht deshalb insbesondere in der Problematisierung dieses Erstarrens zu konsensuellen Arrangements, in denen sich alle Parteien scheinbar gem\u00fctlich eingerichtet haben, und in der Produktion einer f\u00fcr sozialen Wandel konstitutiven epistemologischen Offenheit. Gerade in der Offenlegung der Umstrittenheit und Konflikthaftigkeit der sozialen Realit\u00e4t und ihrer Deutungen selbst kann deshalb die kritische Funktion der Sozialtheorie gesehen werden.<\/p>\n<h5><span id=\"die-umkaempfte-nation-als-wirkungsfeld-kritischer-sozialtheorie\">Die umk&auml;mpfte Nation als Wirkungs&shy;feld kritischer Sozialthe&shy;orie<\/span><\/h5>\n<p>Am Beispiel des Begriffs der Nation m\u00f6chte ich nun zum Abschluss kurz skizzieren, inwiefern eine kritische Sozialtheorie einen Beitrag zum sozialen und politischen Bewusstsein dieser Umstrittenheit und Konflikthaftigkeit leisten kann. Zwar ist die politische Form der Nation durch Druck von innen &#151; durch die Steigerung innergesellschaftlicher Komplexit\u00e4t &#151; und von au\u00dfen &#151; durch Globalisierung und Europ\u00e4isierung &#151; in die Krise geraten, das politische Imagin\u00e4re, die \u00f6ffentlich geteilte symbolische Repr\u00e4sentation des Raums des Politischen, scheint aber immer noch in ihrem Bann zu stehen. Obwohl dies allzu leicht vergessen wird, befinden sich auch und gerade liberal-demokratische Gesellschaften in dem Dilemma, dass einerseits eine zu ,d\u00fcnne` Identit\u00e4t des Gemeinwesens nicht in der Lage zu sein scheint, die notwendigen sozial integrativen Leistungen zu erbringen und das Funktionieren des Systems zu stabilisieren, dass aber andererseits eine ,dickere` Identit\u00e4t nur auf Kosten der Anerkennung kultureller Vielfalt, anderer Arten, ein B\u00fcrger zu sein, politisch zu denken, zu sprechen und zu handeln, und damit auf Kosten der Liberalit\u00e4t der politischen Kultur m\u00f6glich ist. Die politisierbare Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, die Unterstellung kultureller Homogenit\u00e4t und die Spannungen zwischen Partizipation und Exklusion lassen sich auch in einer liberal abgefederten Bezugnahme auf die Nation, das Volk im Unterschied zur Bev\u00f6lkerung, als legitimationsstiftender politischer Gemeinschaft nicht eliminieren, sondern werden durch diese aller erst produziert (Balibar\/Wallerstein 1997; Menke 2001). Die Homogenisierungs- und Normalisierungsleistungen der b\u00fcrokratischen und informellen Agenturen des Nationalstaats waren demnach nicht nur historisch die Voraussetzung seines Erfolgs als politisches, soziales und \u00f6konomisches Projekt (Taylor 2002). Der imaginierten Einheit der &#132;Nation&#148; als symbolischem Bezugspunkt, in dem Staat und Gesellschaft zusammen treffen, kommt auch heute noch die Funktion der Komplexit\u00e4tsreduktion und der Kontingenzbew\u00e4ltigung, der identit\u00e4ts- und der Sinnstiftung zu, welche die Demokratie im Dienste der Sicherung der Einheit und der Einheitlichkeit der Ordnung allerdings auch permanent der Gefahr der (Aus-)Schlie\u00dfung, der Produktion jener, die definitiv nicht dazu-geh\u00f6ren k\u00f6nnen, aussetzt (Tully 1995). Auch wenn es so sein sollte &#151; und daf\u00fcr wird in der Tradition des Republikanismus ja immer noch h\u00e4ufig argumentiert &#151;, dass sich politische Gemeinschaften in Form eines politischen &#132;Wir&#148; oder der Nation (We, the people) konstituieren m\u00fcssen, um sich selbst als instituierend, also als genuin politisch handelnd zu denken, so darf dies doch \u00fcber eines nicht hinwegt\u00e4uschen: Die Einheit dieses &#132;Wir&#148; und der Nation bleibt im strengen Sinne unm\u00f6glich, da es in jeder politischen Gemeinschaft qua politischer Gemeinschaft immer einen irreduziblen, nicht-integrierbaren Rest gibt, zumindest einen unaufl\u00f6sbaren politischen Konflikt, durch den sich einige &#151; die &#132;Anderen&#148; &#151; vom etablierten &#132;Wir&#148; absetzen. Das &#132;Wir&#8220;-Sagen ist immer eine streitbare Behauptung, nie eine Feststellung kollektiver Identit\u00e4t, Ein reflektiertes Demokratieverst\u00e4ndnis sollte sich dieses Behauptungscharakters deshalb stets bewusst sein.<\/p>\n<p>Indem die Sozialtheorie diese Ambivalenzen aufzeigt, mag sie dazu beitragen, dass die politische Form der Nation und das ihr entsprechende &#132;Wir&#148; nicht als etwas Gegebenes oder als pr\u00e4existente, etwa kulturell definierte Einheit verstanden werden. Sie ist vielmehr Ergebnis einer politischen Praxis, die sich den Abbau jener sozialen und politischen Exklusionen, jener sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, jener nicht-demokratischen Bedingungen der existierenden Demokratie zum Ziel setzt, die sie selbst immer mitproduzieren muss, weil sich ihr Subjekt als eine nationale Gemeinschaft imaginiert (Balibar 2001). Damit wird ein revidiertes, jenseits der klassischen Positionen von Republikanismus und Liberalismus gelegenes Verst\u00e4ndnis der Demokratie m\u00f6glich, das deren genuin modernen, ja geradezu modernistischen Charakter genau darin sieht, die Kontingenz, Historizit\u00e4t und interne Heterogenit\u00e4t und Konflikthaftigkeit ihrer eigenen Ordnung anzuerkennen, sowie jeden absoluten Anspruch auf Selbstbegr\u00fcndung, Koh\u00e4renz und Vereinbarkeit und Einheitlichkeit ihrer Elemente zugunsten st\u00e4ndiger und zum Teil institutionalisierter Selbstreflexion, -kritik und -revision fallen zu lassen (Lefort 1986).<\/p>\n<p>Daf\u00fcr aber, dass politische Gemeinschaften, wie demokratisch und post-konventionell sie sich auch immer in der Au\u00dfen- und Innendarstellung gerieren, stets dazu tendieren wer-den, dieser Unbestimmtheit auszuweichen und diese Spannung aufzul\u00f6sen, findet man gen\u00fcgend Belege. Die hierzulande immer noch \u00fcbliche Kopplung insbesondere politischer Rechte an nationale Zugeh\u00f6rigkeit und kulturelle Loyalit\u00e4tsbeweise, die gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung vor die Zwangsalternative von Ausschluss oder Assimilation an ein diffuses und f\u00fcr geb\u00fcrtige Deutsche nicht verbindliches Ideal stellt, verdeutlicht auf erschreckende Weise, wie stark der \u00f6ffentliche Diskurs noch im Bann der Logik des Nationalen steht. Einem \u00e4hnlichen Muster folgen die in aller \u00d6ffentlichkeit durchgef\u00fchrten Spekulationen \u00fcber die unter dem Schutz des Kopftuchs sich zusammenbrauenden verfassungswidrigen Gedanken, die ja auch eher perverser Ausdruck der Unf\u00e4higkeit der Mehrheitsgesellschaft sind, endlich ein posthomogenes, den sozialen Realit\u00e4ten angemesseneres Selbstverst\u00e4ndnis auszubilden, als dass sie der Sorge um eine demokratische Pluralit\u00e4t unter dem Mantel des Grundgesetzes geschuldet w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Flucht vor Unbestimmtheit und Konflikthaftigkeit in die Eindeutigkeiten kulturell homogener Kollektive ist gerade Ergebnis des im Grunde anti-demokratischen Verlangens nach einer nicht-polemischen, von Spannungen freien Form der sozialen Organisation. Das &#132;Wir&#148;, auf welches sich die Grenzw\u00e4chter der Gemeinschaft so gerne berufen (&#132;Wir machen das hier eben so&#8220;), kann in einer Demokratie &#151; und das gilt auch f\u00fcr die Ebene der Europ\u00e4ischen Union &#151; keine vorg\u00e4ngige G\u00fcltigkeit beanspruchen, sondern nur auf polemische Art und Weise und im Konflikt artikuliert werden, da es eben nicht unabh\u00e4ngig vom politischen Prozess im Bezug auf pr\u00e4politische Tatsachen &#151; gemeinsame Abkunft, Geschichte, Kultur &#151; bestimmt werden kann. Jedes Bestreiten &#151; ob in der Praxis oder der Theorie &#151; der Notwendigkeit und der Berechtigung der Polemik und des Konflikts um das Gemeinsame ist daher ideologisch, da es suggeriert, es gebe ein solches Pr\u00e4-politisches Gemeinsames, dem dennoch politische Relevanz zukommen k\u00f6nne. Der Konflikt um die Grenzen des Politischen und der Gemeinschaft ist aber selbst Teil des demokratischen Projektes und nicht dessen aufzuhebende oder auszuschlie\u00dfende Gef\u00e4hrdung.<\/p>\n<h5><span id=\"sozialtheorie-als-produzentin-umstrittener-deutungen\">Sozialthe&shy;orie als Produzentin umstrit&shy;tener Deutungen<\/span><\/h5>\n<p>Die Funktion der Gesellschaftstheorie ist im hier diskutierten Zusammenhang nicht so sehr die Bereitstellung ausformulierter L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu gesellschaftlichen Problemlagen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, das Bewusstsein f\u00fcr diese Probleme und f\u00fcr alternative Beschreibungsm\u00f6glichkeiten zu sch\u00e4rfen und damit einen M\u00f6glichkeitsraum f\u00fcr andere Formen politischen Denkens, Sprechens und Handelns als die schon vorgesehenen zu er\u00f6ffnen (Ranciere 2003). Neben unumstrittenen, den common sense explizierenden, aber eben auch oft trivialen Beschreibungen sollten sich die Kultur- und Sozialwissenschaften das Erkenntnispotenzial nicht leichtfertig entgehen lassen, das eine entfremdende, idiosynkratische und auf den ersten Blick oft kontraintuitive Beschreibung sozialer Praktiken und Diskurse mobilisieren kann. Oft kann gerade ihnen die Artikulation eines diffus empfundenen Unbehagens zur Aufgabe werden, f\u00fcr dessen koh\u00e4rente Formulierung die geeignete Sprache noch nicht existiert. Kritisch ist eine Sozialtheorie aber nicht nur dann, wenn sie \u00fcber die Artikulation bisher politisch nicht h\u00f6rbarer oder sichtbarer sozialer Erfahrungen und Forderungen auf die Kritik und Transformation der bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zielt. Die Sozialtheorie muss sich vielmehr ihres eigenen methodologischen Status bewusst werden: als Produzentin von umstrittenen Beschreibungen, Deutungen, Analysen und Kritiken zur Situation der Zeit.<\/p>\n<p><b>*<\/b> Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck aus dem Buch Deutschland denken. Beitr\u00e4ge f\u00fcr die reflektierte Republik, hg. v. Undine Ruge und Daniel Morat, das im April 2005 im VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, Wiesbaden erscheint (206 S.; 19,90 Euro).<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. 2003:, Kulturkritik und Gesellschaft; in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd.10.1, Frankfurt\/Main, 5.11-30<br \/>Balibar, Etienne 2001: Nous, citoyens d&#8217;Europe? Les frontieres, l&#8217;Etat, le peuple, Paris<br \/>Balibar, Etienne\/Wallerstein, Immanuel 1997: Race, nation, classe. Les identites ambigues, 2. Aufl., Paris<br \/>Frankfurter Arbeitskreis f\u00fcr Politische Theorie &#038; Philosophie (Hg.) 2004: Autonomie und Heteronomie der Politik, Bielefeld<br \/>Honneth, Axel 2000: Rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt. Zur Idee der ,Kritik` in der Frankfurter Schule; in: Deutsche Zeitschrift f\u00fcr Philosophie, Jg. 48, H. 5, S. 729-737 Latour, Bruno 2004: Why Has Critique Run Out<br \/>of Steam?; in: Critical Inquiry, Jg. 30, H. 2, 5. 225-248<br \/>Lefort, Claude 1986: Essais sur le politique. XIXe-XXe siecles, Paris<br \/>Menke, Christoph 2001: Fremdenfeindlichkeit in der liberalen Demokratie; in: Deutsche Zeitschrift f\u00fcr Philosophie, Jg. 49, H. 5, S. 761-767<br \/>Ranciere, Jacques 2003: Politisches Denken heute; in: Lettre International, Sommer 2003, S. 5-7<br \/>Reckwitz, Andreas 2003: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken; in: Zeitschrift f\u00fcr Soziologie, Jg. 32, H. 4, S. 282-301<br \/>Rosa, Hartmut 2004: Four Levels of Self-Interpretation: A Paradigm for Interpretive Social Philosophy and Political Criticism; in: Philosophy and Social Criticism, Jg. 30, H. 5-6, S. 691-720<br \/>Schatzki, Theodore\/Knorr-Cetina, KarinlSavigny, Eike von (Hg.) 2001: The Practice Turn in Contemporary Theory, London<br \/>Taylor, Charles 2002: Demokratie und Ausgrenzung; in: Ders., Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie?, Frankfurt\/Main, S. 30-50<br \/>Taylor, Charles 2004: Modern Social Imaginaries, Durham<br \/>Tully, James 1995: Strange Multiplicity. 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