{"id":11978,"date":"2005-03-01T11:50:00","date_gmt":"2005-03-01T10:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-kinogaenger-als-flaneur\/"},"modified":"2005-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-03-01T11:00:00","slug":"der-kinogaenger-als-flaneur","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/der-kinogaenger-als-flaneur\/","title":{"rendered":"Der Kinog\u00e4nger als Flaneur"},"content":{"rendered":"<p>Siegfried Kracauers Filmkritiken in einer Gesamtausgabe<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S. 126-129<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre von Siegfried Kracauers Kleinen Schriften zum Film stimmt melancholisch. In den von der M\u00fcnchner Literaturwissenschaftlerin Inka M\u00fcller-Bach im Rahmen der auf neun B\u00e4nde angelegten Gesamtausgabe herausgegebenen B\u00e4nden trifft man auf eine Pers\u00f6nlichkeit, wie sie heute undenkbar erscheint: einen Filmkritiker, f\u00fcr den der Begriff Journalist zu klein scheint, da er noch in seinen k\u00fcrzesten Texten die Gr\u00f6\u00dfe seines Denkens schreibend zur Entfaltung bringt:<\/p>\n<p>Siegfried Kracauer: Kleine Schriften zum Film, hg. v. Inka M\u00fcller-Bach u. Mitarb, v. Mirjam Wetzel u. Sabine Biebl, 3 Teilb\u00e4nde (Werke 6), Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2004, 1.676 S., ISBN 3-518-58346-8, 112 Euro<\/p>\n<p>Dass der studierte Architekt Kracauer nie zum Darling des akademischen Betriebs avanciert ist, mag der \u00e4u\u00dferlichen Disparatheit seines intellektuellen Schaffens geschuldet sein. Sein Name taucht in der Filmtheorie ebenso auf wie in der Soziologie, in der Philosophie wie in der Literatur, in der Publizistik und im Umkreis der Frankfurter Schule. Der 1889 geborene Kracauer konnte neben der theoretischen Arbeit auf eine umfassende Praxis als Filmkritiker verweisen, was f\u00fcr die Gegenwart den Verlust einer kulturellen Einheit offenbart: Heute sind akademischer Diskurs und journalistisches Tagesgesch\u00e4ft weitgehend getrennt. Das mag mit der Institutionalisierung einer Disziplin wie der Filmkritik (an der Kracauer mitgewirkt hat) zusammenh\u00e4ngen. Die M\u00fchelosigkeit aber, die sprachliche Leichtigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t, mit der Kracauer zwischen der Abstraktheit philosophischen Denkens und der Verst\u00e4ndlichkeit eines Zeitungsartikels pendelt, ist heute so beeindruckend wie rar. Das Ende eines Denkens, das an gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen orientiert ist, als das universit\u00e4re Raster seinen jeweiligen F\u00e4chern zugesteht, bedeutete &#8211; bekannterma\u00dfen nicht, nur hier &#8211; der Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Seit 1921 arbeitete Kracauer bei der links-liberalen Frankfurter Zeitung, zun\u00e4chst als festerMitarbeiter, drei Jahre sp\u00e4ter als Redakteur, bis er zu Beginn der 1930er Jahre erst G\u00e4ngelung und Gehaltsk\u00fcrzung erleben musste, sp\u00e4ter dann die K\u00fcndigung des mittlerweile an rechte Eigent\u00fcmer \u00fcbergangenen Blattes. W\u00e4hrend die Kritiken und k\u00fcrzeren Essays der Jahre 1921 bis 1933 sich auf \u00fcber zwei B\u00e4nde erstrecken, kommen in den folgenden drei\u00dfig Jahren bis zu Kracauers Tod 1966 gerade drei-hundert Seiten zusammen. In der erbarmungslosen Chronologie dieser Edition ist das Stottern, in das der Motor von Kracauers film-kritischer T\u00e4tigkeit ger\u00e4t, von weitem zu vernehmen. Um 1930 verschwindet allm\u00e4hlich der Witz aus Kracauers Texten, w\u00e4hrend die Kritik an der Renaissance des Milit\u00e4rischen und Nationalistischen im Kino vehementer wird, sich die Stimmung der Zeit immer h\u00e4ufiger in die Texte mischt. Eine Besprechung im Sommer 1932 beginnt: &#132;Den lauten Ereignis-sen, die jetzt die Stra\u00dfe beherrschen, ist die ereignislose Stille in den Berliner Kinos umgekehrt proportional.&#148; (III: 73) Kracauers Diktum, wonach der Filmkritiker von Rang nur als Gesellschaftskritiker denkbar sei, wird schon kurz darauf zum Verm\u00e4chtnis, da Kracauer der M\u00f6glichkeit zur Kritik enthoben wird. Zwar schreibt er seit 1933 aus dem Exil in Frankreich, sp\u00e4ter in den Vereinigten Staaten f\u00fcr amerikanische und Schweizer Zeitungen (Neue Z\u00fcrcher Zeitung, Basler National Zeitung).<\/p>\n<p>Mit der Regelm\u00e4\u00dfigkeit aber, die es ihm erm\u00f6glichte, gerade &#132;die in den Durchschnitts-filmen versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enth\u00fcllen&#148; (III: 63), ist es vorbei. Im November 1933 schreibt er in trotziger Verbitterung: &#132;Von den vielen zur\u00fcckgebliebenen [&#8230;] werden selbst Nazis aus dem engeren kalm\u00fcckisch-arischen Sondergau ,Kulturtreue um Kulturtreue&#8216; nicht glauben, da\u00df die Kunst, die vor ihrem Einbruch auf ansehnlicher H\u00f6hestand, erledigt ist, wenn sie pfeifen.&#148; (III: 167) Sechs Tage vor dem &#132;Einbruch&#148; der nationalsozialistischen Herrschaft druckt die Frankfurter Zeitung die Rezension des Luis-Trenker-Films Der Rebell, die symptomatisch f\u00fcr Kracauers Auffassung von Filmkritik ist. Zum einen legt sie die versteckte Ideologie frei:<\/p>\n<p>&#132;Verherrlicht wird in dem Film die mythische Kraft des Volkes, die sich in den Steinlawinen am deutlichsten vergegenst\u00e4ndlicht, der von der Natur selber diktierte Gewaltakt gegen die usurpatorische Gewalt. [&#8230;] Das Unbehagen nun, das der Film erzeugt, entsteht offenbar dadurch, da\u00df er ein historisches Geschehen nicht in den n\u00f6tigen historischen Abstand r\u00fcckt, sondern es, gerade umgekehrt, mit aller Macht dem Heute auf pressen will.&#148; (III: 134; Hervorh. i. Orig.) Zum anderen wahrt sie eine kunstrichterliche Neutralit\u00e4t, die noch dem \u00fcblen Propaganda-St\u00fcck kritische Gerechtigkeit widerfahren l\u00e4sst: &#132;Der Hauptglanz strahlt nat\u00fcrlich von Trenker selbst aus [.,,] Als Reiter, Kletterer und Anf\u00fchrer vollbringt er Leistungen, die sich denen von Douglas Fairbanks getrost an die Seite stellen k\u00f6nnen. Die Freude, die man an ihnen hat, r\u00fchrt wohl davon her, da\u00df sie nicht einfach Bravourst\u00fcckchen sind, sondern jeweils aus dem Zwang der Situation hervorgehen und \u00fcberdies mit k\u00f6rperlichem Scharen ausgef\u00fchrt werden.&#148; (III: 133) Ganz nebenbei straft gerade die Ausgewogenheit von Kracauers Beurteilung die Vorstellung eines unpolitischen K\u00fcnstlers L\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Emigration trennt Kracauers kritisches Werk in zwei Teile: das stete Rezensentenwe= sen der 1920er Jahre, das den Film in seinem Werden als Kunstform begleitete, und die historisierende Betrachtung ab Ende der 1930er Jahre, die erstmals auf die gewordene Kunstform zur\u00fcckblickte, so in einer von Kracauer 1938 initiierten Artikelserie in der Basler National Zeitung Wiedersehen mit alten Filmen. Oder bei aktuellen Besprechungen, die er zum \u00dcberblick \u00fcber ein Genre oder einen Zeit-Trend weitete (Hollywoods Greuelfilme, Filme mit einer Botschaft, Die Stummfilmkom\u00f6die). Verbunden bleiben beide Abschnitte durch Kracauers kulturkritischen Ansatz, der sich noch 1961 am Ende seiner letzten, unver\u00f6ffentlichtgebliebenen Besprechung von Shirley Clarkes Film The Connection findet: &#132;Ich frage mich, ob es eine gute Idee war, den Anteil von Schwarzen am Drogenhandel und an der Rauschgiftsucht in einem solchen Ma\u00df \u00fcberzubetonen.&#148; (III: 473) Wie die soziale Wirklichkeit in die Muster des filmischen Erz\u00e4hlens hineinspielt und, umgekehrt, von ihnen gepr\u00e4gt wird, ist eine Frage, die in Kracauers Kritiken viel Platz f\u00fcr den Plot des jeweiligen Werks beansprucht. Im Unterschied zur heutigen Praxis der Kritik, die sich zumeist beeindruckt eine Vergangenheit, bei dem es viele Entdek-heute zumeist geschlossen sind, wohingeg kungen zu machen gibt. Und sei es nur die das Grand Rex, das Max Linder Panorar, melancholisch stimmende Beobachtung, dass oder das Studio des Ursulines in Paris ddie erw\u00e4hnten Frankfurter oder Berliner Kinos\u00a0Film-Fan noch immer zum Flanieren einlade druckt vom Ton des rezensierten Films zeigt, beurteilt Kracauer Konfektion als Konfektion. Das als ewiges Gestern inszenierte Wien wird ihm so zum running gag: &#132;Der Plunder, der nach der Revolution in Staub zerfallen schien, geb\u00e4rdet sich quicklebendig. Seine Darbietung ist gew\u00f6hnlich eine g\u00fcnstige Gelegenheit, auf Wien zur\u00fcckzugreifen [&#8230;] Es tr\u00e4umt und musiziert, es kennt keine Wohnungsnot, sondern nur Biedermeierstuben.&#148; (II: 153; Hervorh. i. Orig.) Film und Gesellschaft (Die kleinen Ladenm\u00e4dchen gehen ins Kino) ist eine Feuilletonserie aus dem M\u00e4rz 1927 \u00fcberschrieben, die in Kracauers Buch Das Ornament der Masse aus dem gleichen Jahr eingegangen ist und in der er sich mit der illusionistischen Unterf\u00fctterung der gegenw\u00e4rtigen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse durch das Kino besch\u00e4ftigt. Das Grundmotiv ist der Aufstieg einzelner als Losgewinn eines Schicksals, das zum Ausgleich die Klassenunterschiede zementiert: &#132;Das ist das Schema der Zille-Filme, die das Angenehme mit dem N\u00fctzlichen verbinden, indem sie das Proletariermilieu gruselig schildern und zugleich eine Person aus der H\u00f6lle erretten.&#148; (II:153)<\/p>\n<p>Aller Skepsis einer versteckten Ideologie gegen\u00fcber zum Trotz zeigt sich Kracauer als passionierter Kinog\u00e4nger, der den wahren &#132;Film-Fan&#148; als Flaneur charakterisiert: &#132;Jedenfalls geh\u00f6rt er nicht zur Menge derer, die in erster Linie zu den gro\u00df angek\u00fcndigten Premieren str\u00f6men und nur der Verf\u00fchrungskraft weltber\u00fchmter Stars erliegen. Im Gegenteil. Vom Abenteuerdrang der umherschweifenden Kamera beseelt, die gerade das Inoffizielle, Unbeobachtete visiert, liebt auch er es vor allem, aufs Geratewohl durch die Kinos zu schlendern und abseits von der Heerstra\u00dfe seine Entdeckungen zu machen.&#148; (III: 309) Seine Kritiken suchen nicht nur nach gesellschaftlichen Gehalten, sondern nach einer eigenen \u00c4sthetik des Films, wie sie sich etwa in der Montage oder der &#132;Raumbeherrschung&#148; von Eisenstein oder Pudowkin verwirklicht. Im Spiel der Schauspieler, das \u00fcblicherweise am<br \/>Ende jeder Besprechung gew\u00fcrdigt wird, dr\u00e4ngt Kracauer auf den Unterschied zur B\u00fchne, wo der Darsteller &#132;wirklich die Rolle spielt, in der er erscheint&#148;, der Filmschauspieler dagegen &#132;nur Beitr\u00e4ge zu einer Rolle, an der andere mitschaffen&#148; (III: 317) liefert. Den technischen Umw\u00e4lzungen seiner Jahre, Ton-und Farbfilm, steht Kracauer reserviert, aber nicht pessimistisch gegen\u00fcber. Er bef\u00fcrchtet bei zunehmender Mimesis der Filmkunst an die Realit\u00e4t einen Verlust am K\u00fcnstlerischen, da gerade der Mangel einen Ausdruck erforderte, der um vieles mehr gestaltet ist als das t\u00e4gliche Leben. Zugleich ist er aber klug genug, mit schwarzseherischer Prophetie sparsam umzugehen: &#132;Wie behutsam Urteile dieser Art formuliert zu werden verlangen, hat sich beim \u00dcbergang des stummen Films in den t\u00f6nenden gezeigt.&#148; (III: 185) Wenn auch sich der Film-Flaneur Kracauer vom Star wenig angezogen zeigt, so bieten die versammelten Texte, die in der Werkausgabe mit einem ausf\u00fchrlichen Anhang und einem aufwendig recherchierten Kommentar versehen sind, einen umfassenden Einblick in des Kritikers Vorlieben. Gerade beim zusammenh\u00e4ngenden Lesen ergibt sich so ein Daumenkino von Kracauers Geschmack, der unter den Regisseuren neben den erw\u00e4hnten Russen etwa Renoir, Lubitsch oder Rossellini sch\u00e4tzt, von Walther Ruttmanns Berlin-Film Symphonie der Gro\u00dfstadt dagegen wenig h\u00e4lt und von Orson Welles&#8216; Citizen Kane nicht allzuviel. Charlie Chaplin und Bunter Keaton liebt er wie Asta Nielsen und Greta Garbo, der er einen wunderbaren Essay schreibt. Kracauers vorurteilsfreie Zuneigung zum Kino zeigt sich aber auch darin, dass er die gute Kolportage zu loben wei\u00df und den Chargen der Durchschnittsproduktion wie Harry Piel oder Harry Liedtke mit ausdauern-der Sympathie die Treue h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&#132;Alte Filme sehen, hei\u00dft auch einen Kontrollgang durch seine eigene Vergangenheit zu machen&#148; (III: 226), schreibt Kracauer zu Beginn seiner BNZ-Serie. Die Lekt\u00fcre seiner Kritiken ist ebenfalls ein Kontrollgang durch.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2291],"publikationen":[2813],"class_list":["post-11978","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-matthias-dell","publikationen-169-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Kinog\u00e4nger als Flaneur - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/169-vorgaenge\/publikation\/der-kinogaenger-als-flaneur\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Kinog\u00e4nger als Flaneur - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Siegfried Kracauers Filmkritiken in einer Gesamtausgabe aus: Vorg\u00e4nge Nr. 169 ( Heft 1\/2005), S. 126-129 Die Lekt\u00fcre von Siegfried Kracauers Kleinen Schriften zum Film stimmt melancholisch. 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