{"id":11992,"date":"2004-12-04T18:50:00","date_gmt":"2004-12-04T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/theorie-im-gespraech\/"},"modified":"2004-12-04T12:00:00","modified_gmt":"2004-12-04T11:00:00","slug":"theorie-im-gespraech","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/theorie-im-gespraech\/","title":{"rendered":"Theorie im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>Ein Nachtrag zu Oskar Negts 70. Geburtstag<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ), 107-108<\/p>\n<p><i>Ich kenne keinen Menschen, der in einer Gespr\u00e4chsrunde so lange und so gut zuh\u00f6ren kann, bis er etwas sagt, wie Oskar Negt. Egal ob im wissenschaftlichen Disput unter Kollegen, in politischen Diskussionen (beispielsweise mit Rudi Dutschke, Peter von Oertzen, dem DGB-Vorsitzenden Ernst Breit oder Gerhard Schr\u00f6der) oder in der Runde des von Negt mitbegr\u00fcndeten Montagsgespr\u00e4chs in Hannover: Oft dachte ich, nun ist alles Wesentliche gesagt, was mag jetzt noch kommen? Da setzt Oskar Negt an. Meist nimmt er Stichworte auf, die jeder noch im Kopf hat. Nie ist es eine blo\u00dfe Zusammenfassung: Negt versteht es, die Frage, um die es geht, auf eine neue und andere Ebene zu heben. Solche Schritte lassen meist das, was zuvor gesagt wurde, in einem anderen Licht erscheinen.<\/i><\/p>\n<p>In der Philosophie haben Gespr\u00e4che seit Sokrates Tradition. F\u00fcr Negt ist das Diskutieren eine Voraussetzung f\u00fcr die Lebendigkeit von Wissenschaft. Erst im Widerstreit von Rede und Gegenrede strukturiert sich ein Problem. So bezeichnen Negt und sein Freund Alexander Kluge ihre gemeinsamen B\u00fccher, die aus solchen Gespr\u00e4chen, aus Tonbandaufzeichnungen, aus dem erneuten kritischen Durchgehen der Texte hervorgegangen sind, als &#132;gemeinsame Philosophie&#148;. Ob dies auch f\u00fcr die Leser gilt, bleibt offen. So <i>ist Geschichte und Eigensinn <\/i>(1981) kaum rezipiert worden.<\/p>\n<p>Negt hat in Hannover von 1970 bis zu seiner Emeritierung vor einem Jahr Soziologie gelehrt. B\u00fccher von ihm behandeln sowohl b\u00fcrgerliche wie proletarische \u00d6ffentlichkeit und die Geschichte der Arbeiterbewegung. Negt hat auch mitgewirkt an einer Reform von Erziehung und Bildung durch seine Beteiligung am Aufbau der Glockseeschule in Hannover und durch seine Texte \u00fcber Selbstregulierung und exemplarisches Lernen. Dies und sein Buch \u00fcber Kindheit und Schule (1997) haben dazu gef\u00fchrt, dass er zuweilen auch als Erziehungswissenschaftler bezeichnet wird. Andere sehen in Negt, weil er vor Gewerkschaftern redet und mit Kluge \u00fcber Ma\u00dfverh\u00e4ltnisse des Politischen (1992) geschrieben hat, einen Politikwissenschaftler<\/p>\n<p>Doch Negt ist nicht nur Wissenschaftler, er will immer auch politisch eingreifen. Ich erinnere mich an seine Auseinandersetzung mit der stalinistischen Marx-Auslegung am Ende der 1960er Jahre. J\u00fcrgen Habermas hatte Negt gerade als seinen Assistenten zu sich nach Heidelberg geholt. Den knappen und pr\u00e4gnanten Text nannte Negt Marxismus als Legitimationswissenschaft (1969). Damit hat er<br \/>eine Studentengeneration gegen DDR-Propaganda immunisiert und zugleich den Weg freigelegt f\u00fcr eine kritische, produktive Marx-Rezeption in der Studentenbewegung.<\/p>\n<p>Wenn Negt etwas gesagt oder geschrieben hat, steht das f\u00fcr ihn immer zur Diskussion. Fr\u00fch in seinem Leben hat Negt Kants Kritik der Urteilskraft f\u00fcr sich entdeckt. Als akademischer Lehrer wie als politischer Redner sieht er seine Aufgabe darin, die in jedem angelegte Urteilsf\u00e4higkeit zur Urteilskraft zu entwickeln. So gibt es f\u00fcr ihn in der &#132;Sph\u00e4re des Politischen&#148; keinen Vorrang des Allgemeinen. Wie f\u00fcr Hannah Arendt gilt f\u00fcr Negt im &#132;Politischen&#148; nur ein Ausgehen vom Besonderen. Wir m\u00fcssen versuchen, sagt er, im Besonderen das Allgemeine zu finden, zu treffen. Negt formuliert damit das Gegenbild zum Ideologen.<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze an Oskar Negt seinen politischen Blick. Politisch relevant war seine unmissverst\u00e4ndliche Aussage Anfang Juni 1972 in Frankfurt am Main auf dem Angela-Davis-Kongress: &#132;Es gab und es gibt, f\u00fcr die politische Linke nicht die geringste Gemeinsamkeit mit dem, f\u00fcr das Leute um Andreas Baader und Ulrike Meinhof die Verantwortung \u00fcbernommen haben&#148;. Nichts, sagte er, &#132;darf die politische Linke in der Bundesrepublik zur Solidarit\u00e4t mit dieser Gruppe veranlassen&#148;. Zu Negt geh\u00f6rt auch, dass er einen politischen Konflikt mit Joschka Fischer nicht vergessen wollte: Noch Jahrzehnte sp\u00e4ter hat Negt Fischer nachgetragen, dass dieser sich 1976 weigerte, gegen die RAF Stellung zu nehmen. Negts Verhalten kann nur derjenige verstehen, der wei\u00df oder erfahren hat, wie wichtig f\u00fcr ihn pers\u00f6nliche Beziehungen sind. Ich bin dank-bar, seine Freundschaft gewonnen zu haben. Inzwischen verstehe ich auch, weshalb es f\u00fcr ihn so wichtig war, sich bei Habermas noch Jahrzehnte sp\u00e4ter f\u00fcr die Herausgabe von Die Linke antwortet Habermas (1968) zu entschuldigen, die Negt inzwischen als politisch falsch erkannt hatte.<\/p>\n<p>Das letzte bedeutende Werk von Negt hat den Titel Arbeit und menschliche W\u00fcrde (2001). Es enth\u00e4lt seine Gegenposition zur gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftspolitik, also auch gegen\u00fcber der Politik von Bundeskanzler Schr\u00f6der, zu dessen Beratern Negt sich zuweilen z\u00e4hlen l\u00e4sst. Wir wissen seit Platos missgl\u00fccktem Abenteuer in Syrakus, welche Anziehungskraft die Vorstellung eines Einflusses auf Politik f\u00fcr einen Denker haben kann. Auch wenn es vergeblich bleibt: Es verdient Achtung, wenn Negt unerm\u00fcdlich versucht, auch pers\u00f6nlichen Kontakt zur Einwirkung auf Politik zu nutzen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[354],"publikationen":[2812],"class_list":["post-11992","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-juergen-seifert","publikationen-168-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Theorie im Gespr\u00e4ch - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/theorie-im-gespraech\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Theorie im Gespr\u00e4ch - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Nachtrag zu Oskar Negts 70. 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