{"id":12006,"date":"2004-09-20T16:05:00","date_gmt":"2004-09-20T14:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/landschaften-der-luege\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"landschaften-der-luege","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/landschaften-der-luege\/","title":{"rendered":"Landschaften der L\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>Ein aktueller Literaturbericht<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.167 ( Heft 3\/2004 ), 91-101<\/p>\n<p><i>Umf\u00e4ngt der &#132;Makel des Todes&#148; die L\u00fcge, der &#132;Beigeschmack der Sterblichkeit&#148;, s( wie es in Joseph Conrads Heart of Darkness hei\u00dft? Oder ist sie doch eher die &#132;Muttersprache unserer Vernunft&#148;, wovon Johann Georg Hamann seinen K\u00f6nigsberger Landsmann und Wahrheitsfreund Immanuel Kant 1759 offensichtlich vergeblich zu \u00fcberzeugen versuchte? Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die ideengeschichtliche Auseinandersetzung um die Bewertung der L\u00fcge f\u00fcr Philosophie, Politik und Privatleben Maria Bettetini, Professorin f\u00fcr mittelalterliche Philosophie in Venedig, hat eine ebenso gelehrte wie \u00fcberaus kurzweilige Einf\u00fchrung in die komplizierte Debattenlage verfasst:<\/i><\/p>\n<p><i>Maria Bettetini<\/i>: Eine kurze Geschichte der L\u00fcge. Von Odysseus bis Pinocchio, Wagenbach: Berlin 2003, 142 S., ISBN 3-8031-2461-1; 10,90 Euro<\/p>\n<p>In systematisch angelegten Kapiteln widmet sie sich den L\u00fcgendefinitionen von Aristoteles, Augustinus und vielen anderen, den White lies (den erlaubten L\u00fcgen), den L\u00fcgenbejahern (u.a. Schopenhauer) und -verneinern (u.a. Kant und Grotius) und der Lust an der L\u00fcge. Ihre Streifz\u00fcge f\u00fchren quer durch alle Jahrhunderte und Kulturen und bieten einen ausgezeichneten, problemorientierten und stilistisch brillanten \u00dcberblick \u00fcber alle Gedanken, die es jemals zur L\u00fcge gegeben hat &#8211; eine ideale Einstiegslekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Die deutsche L\u00fcgenexpertin lehrt Philosophie in D\u00fcsseldorf: Simone Dietz hat in der Reihe Rowohlts Enzyklop\u00e4die im vergangenen Jahr einen Extrakt ihrer Habilitationsschrift Der Wert der L\u00fcge (Paderborn 2002) vorgelegt:<\/p>\n<p><i>Simone Dietz<\/i>: Die Kunst des L\u00fcgens. Eine sprachliche F\u00e4higkeit und ihr moralischer Wert, Rowohlt Taschenbuch: Reinbek 2003, 174 S., ISBN 3-499-55652-9; 9,90 Euro<\/p>\n<p>Ebenso wie der Band ihrer italienischen Kollegin ist dieser Problemaufriss sehr gut geschrieben, ebenso ist er mit vielen Beispielen aus Kunst und Literatur angereichert, die die verlogenen F\u00e4higkeiten unserer Existenz veranschaulichen. Die Autorin n\u00e4hert sich der L\u00fcge auf drei Ebenen, erg\u00e4nzt um einen kleinen Schlussteil zur L\u00fcge im Privatleben und in der Politik: Im ersten Abschnitt stellt sie die Kommunikationsform L\u00fcge in den Mittelpunkt, zwischen Missbrauch der Sprache und Grauzonen wie H\u00f6flichkeit und Werbung; im zweiten Teil geht es um den Zusammenhang zwischen dem in den letzten Jahren stark in Mode gekommenen Vertrauensbegriff (den sie geschickt relativiert) und der Idee von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, deren instrumentellen Charakter sie betont. Im dritten Teil deutet sie die L\u00fcge als partielle Erm\u00f6glicherin von Freiheit. Simone Dietz betreibt eine sanfte Ehrenrettung der L\u00fcge, die gegen allzu rasche normative Urteile wappnet.<\/p>\n<p>Wann kommt es schon einmal vor, dass eine Dissertation 22 Jahre nach ihrem Erscheinen erneut aufgelegt wird? Herfried M\u00fcnkler, Professor f\u00fcr Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, hat das mit seinem Fr\u00fchwerk geschafft. Es ist jetzt wieder in einer preiswerten Taschenbuchausgabe allen an Machiavelli interessierten Lesern zug\u00e4nglich:<\/p>\n<p><i>Herfried M\u00fcnkler:<\/i> Machiavelli. Die Begr\u00fcndung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Fischer Taschenbuch: Frankfurt\/Main 2004, 506 S., ISBN 3-596-16178-9; 16,90 Euro<\/p>\n<p>Das Werk des Renaissancedenkers, von vielen immer noch als Apologie der politischen Amoral und L\u00fcge missverstanden, wird hier in einen breiten ideengeschichtlichen Horizont eingebettet (vgl. auch den Beitrag von Marc Schweska in diesem Heft). Die heute leicht angestaubt wirkende Sozialgeschichte der italienischen Stadtrepubliken mit Pest, Bankenkrisen und Kriegen, die Antikenrezeption im Werk Machiavellis und seiner Zeitgenossen sowie seine politischen Rezepturen: M\u00fcnkler denkt zusammen, was zusammengeh\u00f6rt, in der Sache bef\u00f6rdert durch eine stupende, sich in gelehrten Verweisen und Exkursen ergehende Kenntnis der Theoriegeschichte. Umso bedauerlicher ist es, dass der zuletzt vor allem als Kriegs- und Imperientheoretiker omnipr\u00e4sente &#132;Pulverkopf&#148; (Frankfurter Rundschau) es nicht f\u00fcr n\u00f6tig befand, dieser Neuauflage seines. Erstlings mit Klassikerpotenzial wenigstens einige geringf\u00fcgige \u00dcberarbeitungen angedeihen zu lassen: Weder Personen\u00a0 noch Sachregister erschlie\u00dfen das umf\u00e4ngliche Werk, die wissenschaftliche Literatur verharrt auf dem Stand von 1982 und ein neues, den einen oder anderen Aspekt kommentierendes Vor- oder Nachwort vermisst man ebenfalls.<\/p>\n<p>Der noch nicht drei\u00dfigj\u00e4hrige Nietzsche verfasste 1873 seine zu Lebzeiten unver\u00f6ffentlichte kleine Schrift \u00dcber Wahrheit und L\u00fcge im au\u00dfermoralischen Sinne, die in einem Insel-B\u00e4ndchen wiederver\u00f6ffentlicht wurde, erg\u00e4nzt um zahllose Aphorismen und Notizen des Philosophen zum Thema L\u00fcge und vom Herausgeber (selber Verfasser einer Kulturgeschichte der L\u00fcge) mit einem klugen Nachwort versehen:<\/p>\n<p><i>Friedrich Nietzsche:<\/i> \u00dcber Wahrheit und L\u00fcge. Ein Essay, Aphorismen und Briefe, hg. von Steffen Dietzsch, Insel: Frankfurt\/Main 2000, 98 S., ISBN 3-458-19207-7; 11,80 Euro<\/p>\n<p>Kalten Blickes verweist Nietzsche auf das Bewahrende und zugleich Zerst\u00f6rende, das L\u00fcgen innewohnt. Handeln und L\u00fcgen liegen dicht beieinander &#150; Nietzsches Sicht \u00e4hnelt darin der Hannah Arendts. L\u00fcge und Wahrheit sind soziale &#132;Relationen&#148; zu ihrer Umwelt; als solche kann man sie nicht vorab als gut oder schlecht qualifizieren. Im Zarathustra findet sich Nietzsches Attacke auf den neuen G\u00f6tzen: &#132;Der Staat ist das k\u00e4lteste aller kalten Ungeheuer. Kalt l\u00fcgt es auch [&#8230;] Aber der Staat l\u00fcgt in allen Zungen des Guten und B\u00f6sen; und was er auch redet, er l\u00fcgt&#148; &#150; seine Prophezeiung aus dem 19. Jahrhundert, die im 20. Jahrhundert so oft Wirklichkeit wurde.<\/p>\n<p>Den Kampf gegen die &#132;Verneiner&#148;, also diejenigen, &#132;die die Idee der Wahrheit als Gegenstand der Forschung generell kassieren wollen&#148;, den Kampf gegen diese gef\u00e4hrliche Bande also ficht der im vergangenen Jahr verstorbene Philosoph Bernard Williams in seinem letzten gro\u00dfen Werk:<\/p>\n<p><i>Bernard Williams: <\/i>Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003, 429 S., ISBN 3-518-58369-7; 34,90 Euro<br \/>Williams, den seine akademische Karriere nach Oxford, Cambridge und Berkeley f\u00fchrte (und der daneben fast zwanzig Jahre lang die English National Opera leitete), ist f\u00fcr die Schlacht mit allen alteurop\u00e4ischen Bildungsg\u00fctern ger\u00fcstet, die er in einer brillanten Sprache nach und nach pr\u00e4sentiert. Wahrheit bleibt f\u00fcr ihn allen g\u00e4ngigen Relativierungen zum Trotz ein zentraler Angelpunkt, um den sich Denken und Moral drehen. Die Kategorien Aufrichtigkeit, Genauigkeit, Vertrauen werden daf\u00fcr ins Feld geschickt und schlagen sich wacker, unterst\u00fctzt von Williams&#8216; Lekt\u00fcrefr\u00fcchten von Thukydides bis zum Menschlichen Makel Philip Roths. Der britische Humor des Autors trifft die Kommandeure der Gegenseite: Das pragmatische Philosophieren seines Kollegen Richard Rorty wird da schon mal als &#132;Fahren mit leerem Tank&#148; klassifiziert. Das ist kein intellektueller Antiamerikanismus, erkl\u00e4rt doch der Westernfan Williams in einer Fu\u00dfnote, aus den besten Filmen dieses Genres eine Anthologie der politischen Philosophie zusammenstellen zu wollen. Es gibt sie noch, die wahren Dinge.<\/p>\n<p>Vier Schweizer Autoren hatten im Anschluss an die Abschiedsvorlesung des Politikwissenschaftlers Alois Riklin die Idee, in vier gesellschaftlichen Subsystemen nach jener Wahrhaftigkeit zu suchen:<\/p>\n<p><i>Alois Riklin (Hg.): <\/i>Wahrhaftigkeit in Politik, Recht, Wirtschaft und Medien, St\u00e4mpfli\/Wallstein: Bern\/G\u00f6ttingen 2004, 203 S., ISBN 3-89244-770-5; 24 Euro<\/p>\n<p>Peter Studer, Vorsitzender der Schweizer Presserats und fr\u00fcherer Chefredakteur des Tages-Anzeigers, widmet sich der &#132;wahren Information&#148; anhand von Fallbeispielen aus der Praxis des Presserats; zuvor kommen bei ihm auch medienethische und rechtliche Aspekte zu Wort. Am interessantesten ist der Aufsatz zur \u00f6konomischen Sph\u00e4re, den Peter Ullrich, Direktor des Instituts f\u00fcr Wirtschaftsethik der Universit\u00e4t St. Gallen, verfasst hat. Die Betrugsskandale bei Enron, bei Schweizer Grossbanken und vielen anderen gro\u00dfen internationalen Firmen w\u00fcrden in der Wirtschaft einen Klimawechsel bewirken. Die amerikanische B\u00f6rsenaufsicht forderte 2002 gar von den Chefs s\u00e4mtlicher US-Unternehmern, bis zu einem bestimmten Stichtag einen pers\u00f6nlichen &#132;Wahrheitsschwur&#148; f\u00fcr die Korrektheit ihrer Bilanzen und Zahlen abzuleisten. Gemeinwohl und Gewinnmaximierung st\u00fcnden im Konflikt, die der neoliberale \u00d6konomismus zugunsten des letzteren entscheiden wolle und dabei die Wahrhaftigkeit als betriebliche Norm bek\u00e4mpfe. Nicht recht zu \u00fcberzeugen vermag das Pl\u00e4doyer von Alois Riklin, Wahrhaftigkeit dem Weberschen Politikerdtugendkanon aus Leidenschaft, Verantwortungsgef\u00fchl und Augenma\u00df hinzuzuf\u00fcgen: zu sehr ist das menschliche Handeln &#151; selbst in der Demokratie &#151; eben auch eine Sache der Unwahrhaftigkeit.<\/p>\n<p>Ringvorlesungen, noch dazu im Rahmen von Graduiertenkollegs, sind beliebter Anlass zur interdisziplin\u00e4ren Sammelbandproduktion &#151; die Qualit\u00e4t der Beitr\u00e4ge ist zu-meist sehr unterschiedlich. Das Regensburger Graduiertenkolleg Kulturen der L\u00fcge hat in kurzer Zeit gleich mehrere solcher B\u00fccher zum Thema L\u00fcge auf den Markt geworfen. Die Normalit\u00e4t von L\u00fcgen in Zweierbeziehungen erkl\u00e4rt zum Beispiel der Dresdner Soziologe Karl Lenz in einem Band mit leider etwas dramatisierenden Untertitel <i>Robert Hettlage (Hg.): <\/i>Verleugnen, Vertuschen, Verdrehen. Leben in der L\u00fcgengesellschaft, UVK: Konstanz 2003, 327 S., ISBN 3-89669-736-6; 29 Euro,<\/p>\n<p>in dem weitere 13 Beitr\u00e4ge zu finden sind. Von der italienischen Kultur der Omert\u00e4, des Schweigens unter der Herrschaft der Mafia, berichtet die Soziologin Anita Bestler in einem spannenden Aufsatz. Im Abschnitt \u00fcber die politische Arena und deren L\u00fcgenanf\u00e4lligkeit schaut der Kommunikationswissenschaftler Joachim Westerbarkey hinter die verschiedenen Masken, in denen Politik auftritt, Ulrich Sarcinelli versucht dem Wechselverh\u00e4ltnis zwischen Diskretion und Publizit\u00e4t in der Politik anhand des Umgangs zwischen Politikern und Journalisten auf die Spur zu kommen. Astrid Sch\u00fctz, Daniela Gr\u00f6schke und Janine Hertel pr\u00e4sentieren eine \u00fcberzeugende Typologie des politischen Skandals: sie systematisieren und verallgemeinern die Abl\u00e4ufe und Ausdrucksformen von Skandalen von Uwe Barschel, Roland Koch, Helmut Kohl bis Bill Clinton.<\/p>\n<p>Ein Jahr zuvor hatte eine Ringvorlesung an gleicher Stelle einen kulturgeschichtlich breiter aufgef\u00e4cherten Blick auf die L\u00fcge geworfen:<\/p>\n<p><i>Mathias Meyer (Hg.):<\/i> Kulturen der L\u00fcge, B\u00f6hlau: K\u00f6ln\/Weimar\/Wien 2003, 320 S., ISBN 3-412-05603-0; 32 Euro<\/p>\n<p>Der sch\u00f6ne Schein der Goethezeit besch\u00e4ftigt den Kunsthistoriker J\u00f6rg Traeger, der anhand von Landschaftsg\u00e4rten, Wachsfigurenkabinetten, k\u00fcnstlichen Antikennlandschaften, Schattenrissen u.a. auf die Kunst der Illusionen und T\u00e4uschungen jener Zeit verweist. Der Jurist Friedrich-Christian Schroeder analysiert die M\u00f6glichkeiten des Staates, bei strafrechtlichen Ermittlungen in gewissen F\u00e4llen zu t\u00e4uschen und zu l\u00fcgen; und Jan-Wilhelm Beck beseitigt mit zahlreichen Beispielen die bisherige Schieflage in der Wahrnehmung der Antike: Nicht nur die Griechen, sondern auch die R\u00f6mer pflegten die L\u00fcge, von Cicero bis Sallust.<\/p>\n<p>Soeben erschien ein Konferenzband, der die Ergebnisse einer Tagung des Graduiertenkollegs im Jahr 2003 dokumentiert:<\/p>\n<p><i>Steffen Greschonig\/Christine S. Sing (Hg.): <\/i>Ideologien zwischen L\u00fcge und Wahrheitsanspruch, Deutscher Universit\u00e4tsverlag: Wiesbaden 2004, 288 S., ISBN 3-8244-4581-6, 35,90 Euro<\/p>\n<p>Leider versammelt sich hier unter dem Oberbegriff &#132;Ideologie&#148; so ziemlich alles, was man assoziativ damit verbinden kann; stellenweise hat man den Eindruck, dass es vielen der Autoren nur darauf ankam, an einen der drei Termini, die der Tagung ihren Titel gaben, inhaltlich anzudocken. Verzichtet haben die Herausgeber in ihrer vierseitigen &#132;Einf\u00fchrung&#148; (sic!) auf jegliche definitorische oder begriffsgeschichtliche Herleitung &#151; Ideologie scheint etwas zu sein, was sich von selbst versteht. Der rote Faden ist zwischen Aufs\u00e4tzen beispielsweise \u00fcber den Massenmord an den Armeniern im Spiegel der t\u00fcrkischen Presse, die bulgarische Lyrik unter dem Kommunismus, Ger\u00fcchteproduktion im KZ Sachsenhausen, Kanzler Schr\u00f6ders Fernsehinterviews zum Golfkrieg, Konstruktion nationaler Identit\u00e4ten in der Sportberichterstattung und Karl Mannheims Klassiker Ideologie und Utopie nicht zu entdecken. Die Heterogenit\u00e4t, die man bei Ringvorlesungen meist in Kauf nimmt, wird bei Tagungsb\u00e4nden leicht zum \u00c4rgernis &#151; zumal wenn man in ihnen auf weitgehend argumentationsfreie und unfreiwillig komische Texte wie hier \u00fcber die L\u00fcgen- und Mythenkultur des rum\u00e4nischen Kommunismus st\u00f6\u00dft. Dabei sind in diesem Potpourri von 15 Aufs\u00e4tzen sehr viele dabei, die &#151; wie der erw\u00e4hnte Beitrag \u00fcber Karl Mannheim &#151; f\u00fcr sich genommen hochinteressant sind und breite Rezeption verdienen.<\/p>\n<p>Es geht auch anders: Wer auf die L\u00fcgen in Lynchland neugierig ist, sollte einen sehr gelungenen Sammelband zur Hand nehmen, der ebenfalls dem Regensburger Gr\u00e4duiertenkolleg entstammt:<\/p>\n<p><i>Kerstin Kratochwill\/Almut Steinlein (Hg.): <\/i>Kino der L\u00fcge, transcript: Bielefeld 2004, 194 5., ISBN 3-89942-180-9; 23,80 Euro<br \/>Verschiedene Filme und Regisseure werden in acht Beitr\u00e4gen junger, kulturwissenschaftlich bestens ausger\u00fcsteter Nachwuchswissenschaftler analysiert, u.a. David Lynchs Lost Highway (wer dieses Meisterwerk kennt, vermag die kongeniale Deutungskunst der beiden Autorinnen nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen), David Cronenbergs eXistenZ, Emir Kusturicas Schwarze Katze &#151; Wei\u00dfer Kater, Antonionis Blow Up und Kurosawas Rashomon. Das Spiel mit und die Darstellung von Unwahrheit und T\u00e4uschung wird zumeist virtuos vorgef\u00fchrt, bereichert um eine Einleitung von Jochen Mecke, die auf die doppelte Perspektive des Bandes hinweist: es geht einerseits um erz\u00e4hlte L\u00fcgen im Film, andererseits um Filme mit L\u00fcgenstruktur. Und warum Good bye, Lenin!, der deutsche Erfolgsfilm des letzten Jahres, eine Apologie des Kinos der L\u00fcge ist, erf\u00e4hrt man hier auch.<\/p>\n<p>Was trennt die List von der L\u00fcge? Mit seinen Forschungen \u00fcber Theorie, Geschichte und Praxis der List d\u00fcrfte es Harro von Senger zum meistgelesenen Sinologen im deutschsprachigen Raum gebracht haben. In einem Sammelband, ebenfalls basierend auf einer Ringvorlesung, hat Senger verschiedene Beitr\u00e4ge zur List von Wissenschaft-lern aller erdenklichen Fachrichtungen vereint:<\/p>\n<p><i>Harro von Senger (Hg.): <\/i>Die List, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 1999, 499 S., ISBN 3-518-12039-5;15 Euro<\/p>\n<p>List und L\u00fcge wird in theologischer Perspektive untersucht; auch Germanisten, Orientalisten, \u00c4gyptologen, aber auch Biologen (Die listenreiche Evolution: T\u00e4uschung bei Tieren, Pflanzen, Bakterien und Viren) nehmen die List als Kategorie ernst. In einer 44seitigen Einf\u00fchrung bietet der Herausgeber einen detail- und beispielsatten \u00dcberblick \u00fcber das, was man unter strategematischem Denken versteht, ausgehend von der jahrhundertealten chinesischen Denktradition der 36 Strategeme, in die Listen aller Arten rubriziert und klassifiziert worden sind.<\/p>\n<p>Wer glaubt, die chinesische Strategemlehre praktisch fruchtbar machen zu k\u00f6nnen, kann einen Blick in Harro von Senger: Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden, 4. Aufl., C.H.Beck: M\u00fcnchen 2004, 197 S., ISBN 3-406-47568-X; 9,90 Euro werfen. Der Leser wird mit Listen und Listbeispielen aller Art versorgt; er erf\u00e4hrt Grundlegendes \u00fcber die Entstehung der chinesischen Listenlehre. Doch viele der von Senger ausgew\u00e4hlten Beispiele sind zu skurril und werden zudem einseitig nach dem listfixierten Denken des Autors hin ausgerichtet. Das ist insofern schade, als Sengers Ansinnen, den Westen mit der chinesischen Listenlehre vertraut zu machen, verdienst-voll ist und an einigen Stellen sicher anregend und fruchtbar sein kann f\u00fcr theoretische Ankn\u00fcpfungspunkte.<\/p>\n<p>Wo es um Politik und L\u00fcge oder um politische Inszenierungen geht, r\u00fcckt die Beziehung von Politikern und Journalisten schnell ins Zentrum des Interesses. Gestaltet sich deren Verh\u00e4ltnis als Kumpanei oder als Antagonismus? \u00dcber die wechselseitigen Interpenetrationen (also die gegenseitigen Durchdringungen der beiden Systeme) ist bislang wenig bekannt. Abhilfe schafft hier<br \/><i>Jochen Hoffmann:<\/i> Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus, Westdeutscher Verlag: Opladen 2003, 334 S., ISBN 3-531-13889-8; 34,90 Euro<\/p>\n<p>Die Studie analysiert die Werthaltungen, Strategien und Rollenmuster, die dem Zusammenspiel von Politik und Journalismus zugrunde liegen. Grundlage sind 50 Interviews mit Politikern und Journalisten, die der Autor gef\u00fchrt hat. Die Studie zeigt auf, dass aufgrund der wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten zwischen den beiden Bereichen eine Zone entsteht, die beiden Parteien gewisse Handlungsspielr\u00e4ume er\u00f6ffnet (und freilich auch wieder begrenzt). Das Tauschgesch\u00e4ft Information gegen Publizit\u00e4t l\u00e4dt auf beiden Seiten zur Manipulation der Wirklichkeit ein, verf\u00fcgt aber gleichzeitig \u00fcber immanente Schranken, die diese Manipulationen limitieren.<\/p>\n<p>L\u00fcgen in Zeiten des Krieges: Louis Begleys Romantitel hat in den vergangenen Jahren eine erschreckende, f\u00fcr alle erlebbare Konkretion erfahren. Es gibt gleichwohl noch wenig \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Quellen, in denen Milit\u00e4rs davon berichten, wie die Kriege flankierende \u00d6ffentlichkeitsarbeit (das Wort Propaganda gilt in diesen Kreisen l\u00e4ngst als anr\u00fcchig) strategisch geplant und operativ implementiert wird. F\u00fcr den Kosovo-Krieg liegt mit Walter Jertz: Krieg der Worte, Macht der Bilder. Manipulation oder Wahrheit im Kosovo-Konflikt, Bernard &#038; Graefe: Bonn 2001, 140 S. m. zahlr. Abb., ISBN 3-7637-6210-8; 24 Euro jetzt ein solches Dokument vor. Jertz war w\u00e4hrend des Krieges als deutscher General in die Pressestelle des Nato-Hauptquartiers in Mons abkommandiert und hat dort selbst an der Medienstrategie der Nato mitgearbeitet. Mit erstaunlicher Offenheit berichtet er dar\u00fcber, mit welchen H\u00fcrden die Nato-Propagandisten w\u00e4hrend der Kampagne zu k\u00e4mpfen hatten und mit welchen Ma\u00dfnahmen sie versuchten, die Deutungshoheit \u00fcber den Konflikt und seinen Verlauf zu verteidigen. Als Quelle f\u00fcr alle Forschungen zur Kriegspropaganda im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert ist Jertz&#8216; Erfahrungsbericht von unsch\u00e4tzbarem Wert.<\/p>\n<p>Und noch ein echter Schatz ist zu verzeichnen, wenn es um Krieg und Medien im 20. Jahrhundert geht:<\/p>\n<p><i>Bernhard Chiari\/Matthias Rogg\/4Volfgang Schmidt (Hg.): <\/i>Krieg und Milit\u00e4r im Film des 21. Jahrhunderts, Oldenbourg: M\u00fcnchen 2003 (=Schriftenreihe des Milit\u00e4rgeschichtlichen Forschungsamts 59), 653 S., ISBN 3-486-56716-0; 49,80 Euro<\/p>\n<p>Dieser opulente Sammelband vereint erstmalig eine Vielzahl von systematischen \u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Krieg und Film respektive deren interdisziplin\u00e4rer Erforschung: Film als Massenmedium kann der Kriegs- oder Anti-Kriegspropaganda dienen, als Speichermedium bewahrt er Bilder des Krieges f\u00fcr die Nachwelt, als Informationsmedium transportiert er Bilder eines Krieges in Echtzeit rund um die Welt. Als Spielfilm pr\u00e4gt er die kollektive Wahrnehmung von Krieg (Vietnam!), als Dokumentarfilm kann er Kriegsverbrechen festhalten und zum Ende von Kriegen f\u00fchren. All diesen Ber\u00fchrungspunkten und \u00dcberschneidungen wird in dem vorliegenden Band nachgegangen. Nach einer eher wissenschaftstheoretischen Einf\u00fchrung des Flensburger Historikers Gerhard Paul und verschiedenen anderen Beitr\u00e4gen, die sich mit den Perspektiven einer interdisziplin\u00e4ren, vor allem kulturwissenschaftlichen Kriegsfilmforschung besch\u00e4ftigen, folgen gro\u00dfe Unterabschnitte \u00fcber die Rolle des Films im Kalten Krieg, im Ersten Weltkrieg, zur Luftwaffe im nationalsozialistischen Propagandafilm und zu Krieg und Milit\u00e4r im deutschen Nachkriegsfilm. Auch wenn anhand einiger Beitr\u00e4ge deutlich wird, dass so manche methodische und wissenschaftstheoretische Frage an das Forschungsfeld Krieg und Film noch offen ist, so stellt der Sammelband doch einen immensen Fortschritt auf diesem Gebiet dar.<\/p>\n<p>Wenn die Regierung von George W. Bush und Dick Cheney zu Verschw\u00f6rungstheorien, intellektueller D\u00fcnnbrettbohrerei und unfreiwilligen kabarettistischen Einlagen neigt, so gilt dies f\u00fcr viele publizistische Bush-Kritiker leider nicht minder. In den vergangenen Monaten sind eine ganze Reihe von Verdammungen der Bush-Administration erschienen, die sich an den L\u00fcgen des Wei\u00dfen Hauses abarbeiten und dabei vielfach unter analytischen Sehschw\u00e4chen leiden. All diese Traktate folgen prinzipiell dem selben Muster: Der von Bush proklamierte hohe moralische Anspruch wird mit den L\u00fcgen seiner Regierungspraxis kontrastiert. Das ist zwar durchweg ehrenvoll, aber nicht sonderlich erkenntnisbef\u00f6rdernd &#150; jedenfalls eine \u00dcbung, f\u00fcr die man nicht viel mehr als einen gef\u00fcllten Zettelkasten mit Zeitungsausschnitten braucht. Wirkliche Orientierungsgewinne sind nicht zu erwarten. Richtig \u00e4rgerlich ist Al Franken: Kapitale L\u00fcgner. Eine faire und ausgewogene Betrachtung von George W. Bush und seinen Neokonservativen, Riemann: M\u00fcnchen 2004, 414 S., ISBN 3-570-50054-3, 15 Euro<\/p>\n<p>Schon der Titel (der nicht einer schlechten \u00dcbersetzung geschuldet ist, sondern auch auf englisch so lautet) macht deutlich, dass an dem Buch eben gar nichts fair und ausgewogen ist &#151; sonst w\u00e4re diese merkw\u00fcrdige Absicherung nicht n\u00f6tig gewesen. Verfasst ist das Buch als kabarettistische Satire und soll laut Verlagswerbung &#132;eine Attacke auf unsere Lachmuskeln&#148; sein. Doch \u00fcber den halbgaren Gaga-Stil Frankens und seine ger\u00fcchteweise kolportierten Innenansichten aus der Bush-Administration (die nat\u00fcrlich an keiner einzigen Stelle belegt werden) kann nur lachen, wer zu viele Comedy-Soaps gesehen hat.<\/p>\n<p>Politisch schwergewichtiger ist da Richard A. Clarke: Against All Enemies. Der Insiderbericht \u00fcber Amerikas Kampf gegen den Terror, Hoffmann und Campe: Hamburg 2004, 384 S., ISBN 3-455-09478-3; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Gegen die Grundthese Clarkes, dass sich die US-Regierung nach dem 11. September 2001 mit dem Irak auf den falschen Feind eingeschossen hat, und nun den Kampf gegen den Terror zu verlieren droht, ist wenig einzuwenden. Fraglos versteht Clarke als Anti-Terror-Beauftragter der Clinton-Regierung etwas von seinem Metier. Die interessanten Innenansichten der Macht werden jedoch durch Clarkes wichtigtuerischen Jargon und seine eitle Selbstdarstellung weitgehend unlesbar. Zudem wirkt der pseudodokumentarische Stil nicht sehr glaubhaft. \u00dcber den 11. September etwa schreibt Clarke: &#132;Wir fuhren zwischen ihren Stra\u00dfensperren hindurch &#150; und dann durch menschenleere Stra\u00dfen. Ein Humvee mit einem Maschinengewehr des Kalibers 50 war an der Ecke 17th\/Pennsylvania Avenue postiert. [&#8230;} Ich musste ins Wei\u00dfe Haus zur\u00fcck und an den Pl\u00e4nen arbeiten, die weitere Anschl\u00e4ge verhindern sollten. Ich fand meine Neun-Millimeter-Pistole aus den Best\u00e4nden des Secret Service, stopfte sie in den Hosenbund und ging in die Nacht hinaus, zur\u00fcck in den Westfl\u00fcgel.&#148; (S. 55) So geht es das ganze Buch hindurch: Details werden kolportiert, die sowohl in ihrem Wahrheitsgehalt wie in ihrer Bedeutung schwer nachvollziehbar sind (trug Condy Rice wirklich eine wei\u00dfe Bluse und schwitzte stark?); Analyse ist hinter den Schilderungen von Clarkes Heldentaten kaum mehr auffindbar. Schade: Es h\u00e4tte ein interessantes und wichtiges Buch sein k\u00f6nnen, doch der larmoyanteitle Tonfall macht es zu extrem anstrengender Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Das W\u00f6rtchen &#132;ich&#148; f\u00e4llt auch zu oft in Joseph Wilson: Politik der Wahrheit. Die L\u00fcgen, die Bush die Zukunft kosten k\u00f6nnten, 5. Fischer: Frankfurt\/Main 2004, 416 S., ISBN 3-10-049220-X, 19,90 Euro<\/p>\n<p>Wilson ist derjenige Diplomat, der die Niger-Story der US-Regierung (vgl. den Beitrag von Thymian Bussemer in diesem Heft) widerlegte und damit zu einiger Popularit\u00e4t gelangte. Die Lekt\u00fcre von \u00fcber 400 Seiten Autobiographie rechtfertigt das noch lange nicht. Die erste H\u00e4lfte des Buches \u00fcber seine Jahre in Afrika hat zumindest mit dem Buchtitel herzlich wenig zu tun. Im zweiten Teil rekonstruiert Wilson zwar die Niger-L\u00fcge und deren Aufdeckung, doch auch dabei steht sein pers\u00f6nliches Wohlergehen und Empfinden zu sehr im Mittelpunkt. Wer etwas \u00fcber das Leben drittklassiger amerikanischer Diplomaten erfahren will, wird hier f\u00fcndig.<\/p>\n<p>Weniger selbstgef\u00e4llig, aber trotzdem nicht viel hilfreicher ist David Corn: Die L\u00fcgen des George W. Bush: \u00dcber Dichtung und Wahrheit in der amerikanischen Politik, Heyne: M\u00fcnchen 2004, 375 S., ISBN 3-454-87831-0; 20 Euro<\/p>\n<p>Das Buch dekliniert die L\u00fcgen und Halbwahrheiten, mit denen George W. Bush seine Karriere bestritt, systematisch durch &#151; was in diesem Falle \u00fcber enzyklop\u00e4disch und steif wirkt. Corn, der als Washingtoner B\u00fcroleiter der Zeitschrift The Nation einer der erkl\u00e4rten Feinde Bushs ist, will partout nachweisen, dass man mit einer Untersuchung von Bushs L\u00fcgen das Wesen seiner Pr\u00e4sidentschaft erfassen k\u00f6nne (S. 21). Daf\u00fcr bed\u00fcrfte es freilich einer Kl\u00e4rung der Bedeutung von L\u00fcgen f\u00fcr die Politik. Doch Corn bietet nur langweilige und kleinteilige Aufz\u00e4hlungen: Widerspr\u00fcche zwischen Aussagen Bushs von 1978 und 1994 werden zum Beweis f\u00fcr einen laxen Umgang des Pr\u00e4sidenten mit der Wahrheit. Ambivalenzen sind dem Autor fremd, jeder Sinn f\u00fcr Hintergr\u00fcndiges fehlt. Da Corn seine diversen Behauptungen nicht oder nur unzureichend belegt, sind seine Nachweise zumeist schlicht unbrauchbar.<\/p>\n<p>Um einiges solider daher kommt dagegen das Buch des ehemaligen ZDF-Korrespondenten in Washington daher:<br \/>Elmar Theve\u00dfen: Die Bush-Bilanz. Wie der US-Pr\u00e4sident sein Land und die Welt betrogen hat, Droemer: M\u00fcnchen 2004, 349 S., ISBN 3-426-27327, 18 Euro.<\/p>\n<p>Die Thesen sind die selben wie in den anderen B\u00fcchern: es geht um die geheime Macht\u00fcbernahme der Neokonservativen, den Feldzug der Bush-Administration gegen die Clintonsche Sozialpolitik, die L\u00fcgen und moralischen Fragw\u00fcrdigkeiten der Regierung. Einzig der Stil ist hier besser, die Behauptungen sind \u00fcberwiegend sogar durch Quellenangaben belegt, die systematische Gliederung des Stoffes \u00fcberzeugt. Doch auch hier geht es einmal mehr um eine &#132;faire, aber harte Abrechnung&#148;. Es stellt sich die Frage, warum niemand erkl\u00e4ren will, was in Amerika in den vergangenen Jahren vor sich gegangen ist, sondern alle Autoren die vergleichsweise einfache \u00dcbung des Anprangerns vorziehen.<\/p>\n<p>Theve\u00dfens Kollege von der S\u00fcddeutschen Zeitung, der immer noch als einziger deutscher investigativer Journalist von Rang geltende Hans Leyendecker, hat mal rasch nebenbei zusammengefasst, was dies- und jenseits des Atlantiks \u00fcber Politik und Personal der Regierung Bush in den letzten Jahren geschrieben wurde:<br \/>Hans Leyendecker: Die L\u00fcgen des Wei\u00dfen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht, Rowohlt: Reinbek 2004, 224 S., ISBN 3-498-03920-2; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Mit einer F\u00fclle weitgehend bekannter Fakten und Details wird die l\u00fcgen satte Vorgeschichte des Irakkriegs seit dem 11. September 2001 noch einmal nacherz\u00e4hlt, dann ein bisschen historischer Hintergrund beigemischt: fertig ist ein Bestseller, der gnadenlos bis in Wortwahl und Stil hinein Komplexit\u00e4t reduziert. Interessante Einzelheiten finden sich zwar viele, so in seinen Portr\u00e4ts der f\u00fchrenden Figuren von Cheney, Wolfowitz bis Condoleezza Rice &#150; doch bastelt Leyendecker, dessen Recherchierkunst sich zuletzt u.a. auf das russische Adoptivkind des Ehepaars Schr\u00f6ders konzentrierte, daraus ein Bild des politischen Washington auf Kippschulniveau. Gute jahrzehntelange Freunde, ehemalige Studienkollegen (nat\u00fcrlich mit Leo Strauss als Doktorvater), Verschw\u00f6rer, die schon als 25j\u00e4hrige damals das wollten, was sie heute umsetzen &#150; wer mehr als diese &#132;Analysen&#148; will, sucht hier leider vergebens.<\/p>\n<p>Der einzige Autor, bei dem der allseits gepflegte dokumentarische Stil nach wie vor nicht peinlich wirkt, ist das alte Schlachtross Bob Woodward, der schon 1972 mit Carl Bernstein die Watergate-Aff\u00e4re enth\u00fcllte:<\/p>\n<p>Bob Woodward: Der Angriff. Plan of Attack, DVA: M\u00fcnchen 2004, 512 S., ISBN 3-421-05787-7; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Zwar wird auch bei Woodward st\u00e4ndig &#132;gebr\u00fcllt&#148;, &#132;mit der Faust auf den Tisch geschlagen&#148; und &#132;angestrengt auf die Landkarte gestarrt&#148;, doch erf\u00e4hrt man neben diesen eher st\u00f6renden Details immerhin noch, dass Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz unmittelbar nach dem 11. September 2001 mit der Planung des Irak-Feldzuges begonnen haben und sich durch nichts davon abbringen lie\u00dfen. Auch lernt man einiges \u00fcber den Verlauf des Krieges und die ihn begleitenden politischen Diskussionen; es entsteht ein lebendiges Bild vom Meinungsbildungsprozess in der US-Administration. Auch wenn Woodwards Stil ebenfalls auf die Nerven gehen kann, bietet sein Buch mehr als die meisten anderen Titel.<\/p>\n<p>Einen Schuss Nachdenklichkeit bringt auch der ehemalige republikanische Abgeordnete und Nixon-Berater John Dean in die Debatte:<br \/>John Dean: Das Ende der Demokratie. Die Geheimpolitik des George W. Bush, Propyl\u00e4en: Berlin 2004, 300 S., ISBN 3-549-07209-0; 22 Euro<\/p>\n<p>Dean hat zumindest eine klare These: Die Bush-Administration mit ihrer Geheimniskr\u00e4merei, ihrer \u00fcbersteigerten Paranoia und ihrem Hang zur Arkanpolitik gleiche der Regierung Nixon. Durch immer neue Antiterror-Gesetze und den Wildwuchs geheimer B\u00fcros und Agenturen seien die Freiheitsrechte der B\u00fcrger bedroht und werde der american dream besch\u00e4digt. Neben wirklich klugen Passagen stehen leider aber auch sehr platte: So begr\u00fcndet der Autor den Vergleich Bush-Nixon damit, dass beide \u00fcbervolle Terminkalender h\u00e4tten &#150; als ob andere US-Pr\u00e4sidenten den ganzen Tag Golf gespielt h\u00e4tten (S. 26). Gleichwohl ist dies unter der publizistischen Anti-Bush-Produktion des letzten Jahres noch das brauchbarste Buch. Auf die definitive Interpretation des Weges, den Amerika unter George W. Bush genommen hat, m\u00fcssen wir aber leider noch warten.<\/p>\n<p>Szenenwechsel zum Schluss: Gesellschaftskritik auf der B\u00fchne wird hierzulande heute routiniert absolviert. Allabendlich ist das an deutschen Stadttheatern zu erleben &#150; ob nun durch die regelm\u00e4\u00dfige Darstellung von Obdachlosen oder mit Hilfe von Videoschnipseln der CNN-Kriegsberichterstattung. Doch dass aus dem verdunkelten B\u00fchnenraum heraus die stumpf gewordene Waffe der Kritik immer noch unerwartet scharf werden kann, beweisen die gesammelten Reden, Artikel und Offenen Briefe des Essayisten und Theaterkritikers Ivan Nagel, entstanden und gr\u00f6\u00dftenteils ver\u00f6ffentlicht zwischen April 2002 und Februar 2004:<\/p>\n<p><i>Ivan Nagel:<\/i> Das Falschw\u00f6rterbuch. Krieg und L\u00fcge am Jahrhundertbeginn, Berliner Taschenbuch Verlag: Berlin 2004, 139 S., ISBN 3-8333-0105-8; 7,50 Euro<\/p>\n<p>Ekel und Entsetzen \u00fcber den L\u00fcgenapparat der Bush-Regierung seit dem 11. September f\u00fchren Nagel die Hand; hinzu kommt die Emp\u00f6rung \u00fcber die Sprache der L\u00fcge, die er im politischen Alltag der Gegenwart verst\u00e4rkt anzutreffen meint (vgl. auch seine Diskussion mit Peter Bender, Giovanni di Lorenzo und Gustav Seibt in diesem Heft). Kopf-sch\u00fcttelnd liest man viele seiner Interventionen, in denen Einfalt und Finesse eine eigent\u00fcmliche Symbiose eingehen: seine scharfe Antwort an den Irakkriegs-Bef\u00fcrworter Gy\u00f6rgy Konr\u00e4d in der FAZ, seine Attacken gegen die Kriegsl\u00fcgen in der S\u00fcddeutschen Zeitung, seine Entlarvung des Vokabulars, mit der hierzulande die Sozialstaatsreformen verschleiert werden &#150; der subtilen Simplizit\u00e4t seiner Worte kann man sich schwer entziehen, auch wenn ihr zugleich wilder Furor irritiert. In seiner ebenfalls hier abgedruckten Laudatio auf Susan Sontag anl\u00e4sslich der Friedenspreisverleihung des deutschen Buchhandels 2003 findet sich die Erkl\u00e4rung: &#132;F\u00fchlen und Denken derer, die um 1930 in Europa geboren wurden, begann mit der T\u00f6tung von 50 Millionen Anderen.&#148; Diese Erfahrung des 1931 geborenen Nagel verleiht seinen Pamphleten gegen die L\u00fcge als &#132;Makel des Todes&#148; (Joseph Conrad) ihre Legitimit\u00e4t &#150; f\u00fcr die Nachgeborenen zur l\u00fcgen kritischen Mahnung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589,1653],"publikationen":[1086],"class_list":["post-12006","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","autoren-thymian-bussemer","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Landschaften der L\u00fcge - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/landschaften-der-luege\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Landschaften der L\u00fcge - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg\u00e4nge Nr.167 ( Heft 3\/2004 ), 91-101 Umf\u00e4ngt der &#132;Makel des Todes&#148; die L\u00fcge, der &#132;Beigeschmack der Sterblichkeit&#148;, s( wie es in Joseph Conrads Heart of Darkness hei\u00dft? 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