{"id":12027,"date":"2004-06-16T12:00:00","date_gmt":"2004-06-16T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/pioniere-des-ostens\/"},"modified":"2004-06-16T12:00:00","modified_gmt":"2004-06-16T10:00:00","slug":"pioniere-des-ostens","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/pioniere-des-ostens\/","title":{"rendered":"Pioniere des Ostens"},"content":{"rendered":"<p>Eine Studie \u00fcber westdeutsche Beamte in den neuen Bundesl\u00e4ndern<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 112-114<\/p>\n<p><i>Dass seit der Gr\u00fcndung der beiden deutschen Staaten Menschen von Ost nach West str\u00f6mten, ist bekannt. Auch wenn die Abwanderung durch den Mauerbau 1961 stark eingeschr\u00e4nkt wurde, konnte sie doch niemals ganz gestoppt werden. Auch heute, \u00fcber ein Jahrzehnt nach dem Ende der DDR, verlassen weiterhin viele Menschen die neuen L\u00e4ndern und ziehen in den Westen &#8211; wenn auch vorrangig aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden. Weit weniger bekannt oder zumindest im \u00f6ffentlichen Bewusstsein pr\u00e4sent ist hingegen eine entgegengesetzte Wanderungsbewegung, die nach der Wiedervereinigung einsetzte: Mit dem Einigungsvertrag wurde auch die \u00dcbernahme westlicher Verwaltungsstrukturen f\u00fcr das Gebiet der neuen Bundesl\u00e4nder beschlossen. An dieser Umstrukturierung waren so genannte Leihbeamte und Angestellte aus westdeutschen Verwaltungen ma\u00dfgeblich beteiligt, aber auch westdeutsche Berufsanf\u00e4nger, die nach ihrem Studium ihre erste Stelle in einer ostdeutschen Beh\u00f6rde fanden. Ein Teil dieser westdeutschen Migranten kehrte nach einigen Monaten in die alten L\u00e4nder zur\u00fcck, andere sind bis heute in Ostdeutschland geblieben. Vor kurzem ist nun eine Studie erschienen, die sich mit den Erfahrungen von westdeutschen Verwaltungsangeh\u00f6rigen in den neuen L\u00e4ndern im Wandlungsprozess nach 1989 befasst:<\/i><\/p>\n<p>Claudia Dreke: Der fremde Osten. Formen der<br \/>Verarbeitung von Fremdheit in der West-Ost-Migration nach 1990 am Beispiel von Verwaltungsangestellten, Logos Verlag: Berlin 2003, 144 5., ISBN 3-8325-0132-0; 40,50 Euro<\/p>\n<p>Die Arbeit der Soziologin Claudia Dreke ist im Rahmen eines von Erhard St\u00f6lting geleiteten Forschungskolloquium an der Universit\u00e4t Potsdam entstanden. Dreke geht darin der Frage nach, ob und auf welche Weise die westdeutschen Verwaltungsangestellten im Osten Fremdheit erfahren und wie sie diese gedeutet haben. &#132;Fremdheit&#148; wird dabei im Sinne Georg Simmels definiert, n\u00e4mlich als ein Beziehungsverh\u00e4ltnis, das &#132;gleichzeitig ein ,Gegen\u00fcber` und ein ,Au\u00dferhalb` einschlie\u00dft&#148; (9) und das entsteht, &#132;wenn sich Partner einer Beziehung nahe sind&#148; (13). Denn erst wenn Kommunikation und Interaktion m\u00f6glich sind, treten die unterschiedlichen Relevanzstrukturen zu Tage, die den &#132;Fremden&#148; gegen\u00fcber den anderen Mitgliedern der Gruppe auszeichnet: &#132;Er verletzt immer wieder die Normalit\u00e4tserfahrungen der Gruppen in seiner neuen Umwelt, in dem er sich hinsichtlich ihrer unreflektierten Gewissheiten abweichend verh\u00e4lt&#148; und somit eine Grundannahme der Alltagswelt in Frage stellt, &#132;n\u00e4mlich dass das Gegen\u00fcber die Welt im Zweifelsfall genauso erlebt wie er&#148; (20). Umgekehrt macht der Neuank\u00f6mmling die Erfahrung, dass seine \u00fcblichen Handlungsmuster nicht mehr dazu taugen, eine reibungslose Interaktion zu erzeugen. Nicht &#132;f\u00e4hig, die Erwartungen der anderen zu antizipieren, sieht er sich hilflos den Irritationen seiner Geneinsamkeitserwartungen ausgesetzt&#148; (21).<\/p>\n<p>Dreke untersucht nun auf der Grundlage von qualitativen Interviews mit zehn West-Ost-Migranten, welche bislang unreflektierten Gewissheiten der Westdeutschen in den neuen L\u00e4ndern in Frage gestellt wurden und welche Irritationen sich daraus ergeben haben. Allerdings geht es ihr nicht darum, die so h\u00e4ufig gestellte Frage, wie die Ostdeutschen (im Vergleich zu den Westdeutschen) sind, zu beantworten, Denn: &#132;Spezifiziert man das Fremde, redet man \u00fcber sich selbst&#148; (13). Die in den Interviews zum Ausdruck kommenden Bilder von den Ostdeutschen werden hier also allein als Konstruktionen der befragten Westdeutschen aufgefasst, die in erster Linie etwas \u00fcber deren eigenes Selbstverst\u00e4ndnis aussagen. In-sofern irrt Erhard St\u00f6lting, wenn er in seinem Vorwort betont, Dreke betrachte die West-Ost-Migranten &#132;aus der Perspektive der Einheimischen&#148; (7). Denn gem\u00e4\u00df Drekes Ansatzes h\u00e4tten daf\u00fcr ostdeutsche Verwaltungsangestellte zu ihren Erfahrungen mit den hinzugekommenen &#132;Fremden&#148; befragt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gleichfalls gilt es mit St\u00f6lting positiv hervorzuheben, dass mit dieser Studie erstmals die unhinterfragten Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Westdeutschen unter die Lupe genommen werden. Von Bedeutung ist dabei, dass sich die westdeutschen Verwaltungsangestellten, die als &#132;Fremde&#148; in die neuen L\u00e4nder kamen, gegen\u00fcber den &#132;Einheimischen&#148; strukturell im Vorteil befanden. Denn durch den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes war ein bestimmter konstitutioneller Rahmen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Verwaltung festgelegt worden. &#132;Damit wurde den migrierten F\u00fchrungskr\u00e4ften die Deutungshoheit \u00fcber Verwaltungsnormalit\u00e4t zugeschrieben: Sie hatten keinen objektiven Grund, am eigenen Sinnsystem zu zweifeln&#148; (35). Letzteres jedoch galt und gilt nicht nur f\u00fcr die West-Ost-Migranten, sondern weitgehend f\u00fcr die westdeutsche Bev\u00f6lkerung insgesamt.<br \/>Claudia Drekes empirische Analyse besteht aus zwei Teilen. Zun\u00e4chst werden die Fremd-und Selbstbilder der West-Ost-Migranten vorgestellt und die diesen zugrunde liegenden Deutungsmuster herausgearbeitet: Die Ost-deutschen beschreiben die Befragten in ihren Erz\u00e4hlungen als r\u00fcckst\u00e4ndig, autorit\u00e4r, intolerant, verschlossen, doppelz\u00fcngig und kollektivistisch gepr\u00e4gt. Sich selbst pr\u00e4sentieren sie demgegen\u00fcber als moderne, demokratische, tolerante, aufgeschlossene, geradlinig und eigenverantwortlich handelnde Verwalter, die Anfang der 1990er Jahre viel M\u00fche und Arbeit auf sich genommen haben, um die neuen L\u00e4ndern mit aufzubauen. Vorherrschend ist das Selbstverst\u00e4ndnis als Pionier, der &#132;als ,Vork\u00e4mpfer` unerschrocken Neuland betritt, um es ,urbar` zu machen und ihm damit eine Ordnung zu geben, Unordnung und Chaos also zu beseitigen&#148; (89). Die befragten Verwaltungsangestellten grenzen sich auf diese Weise so-wohl von den Ostdeutschen, als auch von den in den alten L\u00e4ndern verbliebenen Westdeutschen ab, die f\u00fcr Arroganz, Ignoranz und Borniertheit stehen.<\/p>\n<p>Insgesamt kann Dreke hier zeigen, dass die interviewten Westdeutschen in ihren Erz\u00e4hlungen das in den Politik- und Sozialwissenschaften seit Jahren diskutierten Modernisierungskonzept reproduzieren: Die Situation in den neuen L\u00e4ndern der 1990er Jahre wird mit der Lage in der Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren verglichen, Unterschiede zwischen Ost und West werden als Modernisierungsdefizite des Ostens interpretiert. Zu-gleich werden kulturelle Unterschiede, welche die Befragten bei den politischen Orientierungen, beim Staatsverst\u00e4ndnis, bei den Handlungsorientierungen und Kommunikationsstrukturen in der Verwaltung sowie den Lebensstilen ausmachen, durch die unterschiedliche Pr\u00e4gung in der DDR und somit durch die insbesondere in der Politischen Kulturforschung weit verbreitete &#132;Sozialisationsthese&#148; erkl\u00e4rt. Die Befragten greifen also auf das gesellschaftlich vorhandene &#132;Deutungsangebot&#148; zur\u00fcck, um ihre eigenen Erlebnisse f\u00fcr sich verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p>Diese Deutungen werden jedoch nicht beliebig, sondern entsprechend der jeweiligen individuellen Erfahrungen ausgew\u00e4hlt. Claudia Dreke stellt daher im zweiten Teil ihrer Untersuchung anhand von drei Fallbeispielen verschiedene M\u00f6glichkeiten vor, wie die Migrationserfahrungen individuell verarbeitet und zu einer bestimmten Geschichte zusammengef\u00fcgt werden: zu einer Erfolgsgeschichte, bei der das &#132;Fremde&#148; letztlich verschwindet und die Ostdeutschen gar nicht mehr als &#132;Ostdeutsche&#148; und somit als &#132;anders&#148; wahrgenommen wer-den; als Schilderung einer Niederlage, bei der die Fremdheit und somit eine scharfe Abgrenzung von den Ostdeutschen bis zum Ende unaufl\u00f6slich bestehen bleibt; oder als eine Geschichte, in der sich die Bedrohung und die Faszination durch das Fremde die Waage halten und sowohl Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen hervorgehoben werden. Diese unterschiedlichen Geschichten spiegeln die Erfahrungen der Befragten in den neuen L\u00e4ndern und ihre derzeitige Situation wider: Im ersten Fall hat sich der West-Ost-Migrant in den neuen L\u00e4ndern dauerhaft niedergelassen und lebt heute dort mit seiner Familie; im zweiten Fall kehrte die Befragte nach einiger Zeit entt\u00e4uscht in den Westen zur\u00fcck; im dritten Fall arbeitet der westdeutsche Beamte weiterhin in den neuen L\u00e4ndern, pendelt jedoch regelm\u00e4\u00dfig zu seiner Familie nach Berlin (West).<\/p>\n<p>An dieser Stelle h\u00e4tte man vielleicht noch st\u00e4rker auf die eingangs aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ausschluss- und Stigmatisierungserfahrungen und der Konstruktion von Ost-West-Unterschieden eingehen k\u00f6nnen, nicht zuletzt um n\u00e4her zu bestimmen, wann und warum Fremdheitsgef\u00fchle entstehen und \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Auch die Erwartungen, mit denen die Westdeutschen jeweils in die neuen L\u00e4nder kamen, h\u00e4tten in diesem Kontext eingehender ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, zumal die Autorin selbst auf die idealistischen Vorstellungen einiger Befragten hinweist. Ungekl\u00e4rt bleibt schlie\u00dflich, welche Rolle die ebenfalls angesprochene Zugeh\u00f6rigkeit eines Teils der West-Ost-Migranten zur `68er-Generation spielt. Detailliertere Informationen \u00fcber die soziodemografische Zusammensetzung des Interviewsamples und die Einbeziehung dieser Daten in die Analyse h\u00e4tten hier weitergeholfen.<\/p>\n<p>Insgesamt hat Claudia Dreke jedoch eine sehr lesenswerte Untersuchung \u00fcber Selbst-und Fremdbilder, Identit\u00e4tskonstruktionen und nat\u00fcrlich \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Westdeutschen zur DDR und zu den B\u00fcrgern der neuen L\u00e4nder vorgelegt. Interessant w\u00e4re es nun, die hier herausgearbeitete westdeutsche Sicht mit der &#132;Perspektive der Einheimischen&#148; zu kontrastieren. Denn auch wenn man Selbst- und Fremdbilder als notwendige Konstruktionen zur Schaffung (sozialer) Identit\u00e4t auffasst, ist zu fragen, ob und wo sich die Relevanzstrukturen von Ost- und Westdeutschen tats\u00e4chlich unterscheiden. Unabh\u00e4ngig davon hat Drekes Untersuchung aber eines deutlich gemacht: Wer \u00fcber die &#132;ostdeutsche Identit\u00e4t&#148; spricht, darf \u00fcber das westdeutschen Pendant nicht schweigen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2322],"publikationen":[2811],"class_list":["post-12027","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-nina-leonhard","publikationen-166-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pioniere des Ostens - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/166-vorgaenge\/publikation\/pioniere-des-ostens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pioniere des Ostens - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine Studie \u00fcber westdeutsche Beamte in den neuen Bundesl\u00e4ndern aus: Vorg\u00e4nge Nr. 166 ( Heft 2\/2004 ), S. 112-114 Dass seit der Gr\u00fcndung der beiden deutschen Staaten Menschen von Ost nach West str\u00f6mten, ist bekannt. 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