{"id":12035,"date":"2003-06-01T15:55:00","date_gmt":"2003-06-01T13:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/de-macht-der-geschichte\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"de-macht-der-geschichte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/de-macht-der-geschichte\/","title":{"rendered":"Die Macht der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Was APO und Attac wirklich trennt<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 59ff<\/p>\n<p>Internet statt Fl\u00fcstert\u00fcte, reformerischer Pragmatismus statt revolution\u00e4rem Utopismus: auf diesen Nenner lassen sich die g\u00e4ngigen Antworten bringen, die man auf die oft gestellte Frage nach den Unterschieden zwischen Attac und APO bekommt. Regelm\u00e4\u00dfig<br \/>wird auf die Diskrepanzen zwischen angestrebten Zielen und angewandten Methoden hingewiesen, die beide Bewegungen kennzeichnen. Dabei wird jedoch der entscheiden-de, wesentlich gravierendere Unterschied zwischen beiden au\u00dfer acht gelassen: Anders als &#8211; gerade von Vertretern der 68er &#8211; zumeist behauptet, handelt es sich bei der APO um ein in seinen tragenden Wurzeln deutsches Ph\u00e4nomen. Dagegen haben wir es bei Attac tats\u00e4chlich mit der ersten internationalen sozialen Bewegung zu tun. Daher r\u00fchren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen von Attac.<\/p>\n<p>Die APO als letzte Nationalbewegung<\/p>\n<p>Gegen die g\u00e4ngige und grunds\u00e4tzlich zutreffende multidimensionale Wertung der APO &#150; als Jugendprotest, Generationenkonflikt und Modernisierungsbewegung &#8211; soll hier ihr zutiefst deutscher Charakter beleuchtet werden. Sieht man von Norbert Elias ab, der in seinen Studien \u00fcber die Deutschen schon fr\u00fch auf die zentrale Bedeutung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer mentalen Pr\u00e4gungen f\u00fcr die Revolte hinwies, wird, insbesondere von den Protagonisten der Bewegung, all das hervorgehoben, was die APO zum internationalen, -jugendrevolution\u00e4ren Bruch mit nationalen Traditionen macht. Allzu gerne wird der Mythos der globalen Bewegung gepflegt.<br \/>Die Ursache der spezifisch deutschen Radikalisierung in den 1960er und vor allem 70er Jahren wird dabei geflissentlich \u00fcbersehen: Die APO speiste sich vor allem aus nationalen mentalit\u00e4tsgeschichtlichen Motiven. Nat\u00fcrlich geht es hier nicht um die seit geraumer Zeit von Bernd Rabehl und anderen verfochtene These, wonach es sich bei der APO in Wahrheit um eine nationalrevolution\u00e4re Bewegung gehandelt habe. Den-noch lassen sich die Wurzeln dieser Bewegung wie ihre bis heute anhaltende Wirkm\u00e4chtigkeit ohne Krieg und Nachkriegszeit gar nicht erkl\u00e4ren.<br \/>Mitte der 1960er Jahre lag das Ende des Nationalsozialismus gerade einmal zwei Jahrzehnte zur\u00fcck. In noch viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe als heute waren s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Diskurse, waren alle politischen Positionen und Anschauungen mit den Erblasten der deutschen Geschichte kontaminiert. Nat\u00fcrlich galt dieses Nachwirken auch f\u00fcr die 68er-Bewegung.<br \/>Schon allein ph\u00e4notypisch deutet sich dies in der g\u00e4ngigen Bezeichnung der Protagonisten der Bewegung als Studentenf\u00fchrer an; ebenso in deren Vergottung innerhalb der Bewegung, ein Ausfluss des damals nach wie vor herrschenden reaktion\u00e4ren Autoritarismus. Aber auch in der Motivation der Bewegungsaktivisten wirkten die Pr\u00e4gungen der V\u00e4ter nach. Noch die vermeintlich internationalen Ursachen f\u00fcr das Aufflammen der Proteste, die Politik der USA in Vietnam und anderswo, wurden durch die nationale Brille gesehen. Im g\u00e4ngigen revolution\u00e4ren Slogan &#132;Kapitalismus f\u00fchrt zum Faschismus, Kapitalismus muss weg&#148; spiegelt sich das untergr\u00fcndige deutsche Motiv: Auf der Suche nach der Erkl\u00e4rung f\u00fcr das deutsche Jahrhundertverbrechen wird die vermeintliche Unfassbarkeit und Unerkl\u00e4rbarkeit der NS-Zeit dingfest gemacht, indem der Faschismus auf den Kapitalismus projiziert und damit gleichsam gebannt wird. In dieser Hinsicht agierten die 68er allenfalls getarnt als Marxisten; in Wahrheit fungierten sie eher als Exorzisten, die dem Land den Faschismus nachtr\u00e4glich austreiben wollten. Antikapitalismus wurde zum Entlastungsdiskurs f\u00fcr die &#132;Bew\u00e4ltigung&#148; von Auschwitz. Auch die g\u00e4ngige Demo-Parole &#132;USA-SA-SS&#148; illustriert dies. Odo Marquardt erkannte darin nachholenden Widerstand gegen die bereits geschlagenen Nationalsozialisten, der sich &#150; paradoxerweise &#150; gegen die amerikanischen Befreier richtete. Die 68er entpuppten sich also auch in dieser Hinsicht als echte &#132;Kriegskinder&#148; (Heinz Bude). 1968, genauer: 1968 in Deutschland, ist deshalb auch und gerade im antikapitalistischen Protest &#132;Bew\u00e4ltigung&#148; der j\u00fcngsten deutschen Vergangenheit.<br \/>Erst aus diesem spezifisch deutschen Motiv erkl\u00e4rt sich der in Deutschland besonders dramatische Generationenkonflikt. Wenn es in der Bundesrepublik hie\u00df: &#132;Traue keinem \u00fcber drei\u00dfig&#148;, hatte das eine v\u00f6llig andere Bedeutung als in den USA oder in Frankreich. Schon die wenig \u00e4lteren Geschwister konnten, wie Uwe Timm in seinem j\u00fcngst erschienenen autobiographischen Zeugnis Am Beispiel meines Bruders anschaulich schildert, den Krieg noch als Soldat erlebt haben. Die \u00dcber-Drei\u00dfig-J\u00e4hrigen: sie waren in der Freund-Feind-Semantik Gudrun Ensslins &#132;die Generation von Auschwitz&#148;.<br \/>Jugendlichkeit fungierte als Auszeichnung &#150; insofern &#132;genossen&#148; die 68er tats\u00e4chlich die Gnade der sp\u00e4ten Geburt. Diese Gnade war zugleich ein ausgezeichnetes Kampfinstrument. Noch in der D\u00e4monisierung der Elterngeneration war bereits die zwei-fache Nobilitierung der eigenen Generation enthalten: erstens zu generationell unbelasteten Opfern, zweitens zu gleichwertigen Gegnern, die den Kampf mit den faschistischen Eltern aufnehmen wollen und k\u00f6nnen. F\u00fcr die 68er kam zudem erleichternd hinzu, dass die Haltung der Eltern, so diese in der in weiten Teilen vaterlosen Generation \u00fcberhaupt noch vorhanden waren, in hohem Ma\u00dfe ambivalent war. Einerseits war sie durch gro\u00dfe Irritation oder gar echte Angst vor den Nachwachsenden gekennzeichnet. Schon als die sogenannten Halbstarken sich in den 1950er Jahren mit Verhaltensweisen der Renitenz Luft machten, die man heute allenfalls als jugendtypisch bezeichnen w\u00fcrde, sorgte sich ein ganzes Land, soeben noch barbarisch in ganz Europa w\u00fctend, um die vermeintliche Verrohung seiner Jugend. Andererseits genossen gerade die Studenten einen enormen Erwartungsvorschuss der Eltern. In einem Land, das sich nach dem zehnj\u00e4hrigen Produktivismus der Vernichtung unreflektiert in den Produktivismus des Wiederaufbaus st\u00fcrzte, mental zusammengeschwei\u00dft durch das &#132;kommunikative Beschweigen&#148; (Hermann L\u00fcbbe) der T\u00e4tergeneration, war gro\u00dfer Bedarf nach intellektueller Modernisierung durch eine junge Generation. Diese Generation bekam folglich viel Raum, vor allem im \u00dcberbau, wo sich bis dato nur wenige &#132;Pinscher&#148; als krittelnde Kl\u00e4ffer aufhielten. Sie bekam den Raum auch, um die eigene deutsche Geschichte ins Visier zu nehmen. Nirgends ist die grunds\u00e4tzliche Gewogenheit der \u00c4lteren der J\u00fcngeren gegen\u00fcber deutlicher zu sehen als in dem legend\u00e4ren Gespr\u00e4ch von G\u00fcnter Gaus mit Rudi Dutschke: Der \u00c4ltere geht dort, bei aller Skepsis, voller Interesse und Sympathie auf die verqueren Argumente des revolution\u00e4ren Charismatikers ein. Zwanzig Jahre nach dem Krieg war die Bundesrepublik &#150; trotz aller Widerst\u00e4nde &#150; reif und bereit f\u00fcr die kommende Bewegung.<br \/>Charisma und Karriere: von Dutschke zu Fischer<br \/>Das auff\u00e4llige Charisma der 68er speist sich bis heute aus diesen nationalhistorischen Motiven; es ist also im Grunde immer noch zutiefst national gepr\u00e4gt. Jede Politik war f\u00fcr diese Generation auch Arbeit an der deutschen Geschichte, also Geschichtspolitik. Einerseits von den V\u00e4tern gleichsam beauftragt, gleichzeitig aufgrund des eigenen famili\u00e4ren Hintergrunds tief verstrickt in den Gedankenhorizont der V\u00e4tergeneration, suchten sie, nach der vollkommenen Delegitimierung des Nationalen durch den Nationalsozialismus, nach einer politischen Ersatzidentit\u00e4t. Sie fanden sie zun\u00e4chst im Sozialismus, sp\u00e4ter, wenn auch in abgeschw\u00e4chter Form, in Europa. Die eigene Generation blieb jedoch stets der Bezugspunkt; die vermeintlich globale Generation der Gleichaltrigen ersetzte die vormals nationale Identit\u00e4t. Faktisch wurden die 68er damit zu einer Generation mit paradoxaler Struktur: Sie bildeten die letzte von der katastrophalen deutschen Nationalgeschichte entscheidend gepr\u00e4gte Generation, die gleichzeitig den Keim zur \u00dcberwindung des Nationalstaats bereits in sich trug.<br \/>Keiner personifiziert diesen Willen zur Geschichtspolitik st\u00e4rker als Joschka Fischer. Vom Studentenf\u00fchrer Dutschke zieht sich ein unsichtbares Band zum Weltendenker und Europagestalter Fischer. Der gr\u00fcne Au\u00dfenminister wei\u00df, weshalb er auf sein Label des &#132;notorischen 68ers&#148; (Fischer \u00fcber Fischer) nicht verzichten mag. Obwohl als 1948 Geborener viel zu jung, um ein 68er-F\u00fchrer gewesen zu sein, wuchert er bis heute gekonnt mit seinem st\u00e4rksten Pfund: &#132;der Last der deutschen Geschichte&#148;. Er hat erkannt, dass sich sein Charisma vor allem aus seiner virtuosen Geschichtspolitik speist, aus seinem demonstrativ bis in die Gesichtsfalten gelebten Leiden an und f\u00fcr Deutschland. Den Umfragewerten zufolge erkennt sich mittlerweile ein ganzes Land in Fischers Irrungen und Wirrungen wieder. Anders w\u00e4re auch die ausdauernde Hingabe kaum zu erkl\u00e4ren, mit der die Republik den Werdegang des einstigen Revoluzzers seit seinem ersten Einzug in den Bundestag vor genau 20 Jahren verfolgt. Fischer hat sich im Laufe der Jahre eine erstaunliche politische Deutungshoheit \u00fcber die deutsche Geschichte verschafft. Anders als der in dieser Hinsicht g\u00e4nzlich unambitionierte Gerhard Schr\u00f6der scheint der historische Autodidakt Joschka Fischer oft als erster Historiker der Republik zu sprechen &#150; und das l\u00e4ngst nicht mehr nur f\u00fcr die 68er-Generation. Fischer spricht f\u00fcr Deutschland und als &#132;der Unvollendete&#148; (Bernd Ulrich\/Mathias Geis) und Mann des \u00dcbergangs fast schon f\u00fcr Europa. Erstaunlicherweise wird seinem offensiven Machtanspruch auf die Geschichtsdeutung sp\u00e4testens seit seinem Sieg in der Debatte um seine eigene Stra\u00dfenk\u00e4mpfer-Vergangenheit kaum mehr widersprochen. Bis heute lebt das Pathos seiner Generation, lebt das Pathos Joschka Fischers von der verinnerlichten Gewissheit, immer die richtigen Konsequenzen aus der deutschen Ungl\u00fccksgeschichte zu ziehen. Aus diesem Erbe speiste und speist sich das Charisma von 68, von Dutschke bis Fischer. Und daraus erkl\u00e4rt sich die besondere Durchschlagskraft dieser deutschen Generation, die sie von ihren Altersgenossen in den anderen westlichen Industriegesellschaften unterscheidet.<\/p>\n<p>Attac &#150; Pragmatismus statt Pathos<\/p>\n<p>Das alles fehlt der globalisierungskritischen Bewegung um Attac. Nationale Geschichtslast kann die internationale Protestgemeinschaft mit Anh\u00e4ngern von Schweden bis Neuseeland ohnehin kaum beschweren. Aber auch im innerdeutschen Diskurs erscheint die verbrecherische deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts tats\u00e4chlich als vergangen und verbraucht. Auch wenn Deutschland 1989 seine volle Souver\u00e4nit\u00e4t und damit neue Macht erlangt hat: die alte postnationale Bundesrepublik fungiert als entlastender, zivilisierender Puffer zum &#132;Dritten Reich&#148;. Und an der Bonner Republik wird &#150; wie sp\u00e4testens das letzte Scharm\u00fctzel um Fischers Schl\u00e4ger-Episode bewiesen hat &#150; kaum noch etwas wahrgenommen, was zu &#132;bew\u00e4ltigen&#148; w\u00e4re. Das Deutschland, in dem Attac heute agiert, ist also weitaus unbelasteter als das von 68. Der Bewegung fehlt damit aber auch jene Hypothek der Geschichte, die f\u00fcr die Generation Fischer zum wichtigsten Schauplatz wie Kampfmittel wurde. Paradoxerweise stellt sich die fehlende historische &#132;Belastung&#148; von Attac somit als Beschr\u00e4nkung ihrer Schlagkraft dar: Attac verf\u00fcgt damit nicht \u00fcber das Charisma, das aus der vermeintlichen Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit durch 68 resultierte.<br \/>Das hat Konsequenzen, im guten wie im schlechten: Attac muss auch in Zukunft ohne das Pathos und den Personenkult der APO auskommen. Statt Charisma hat Attac nur Pragmatismus zu bieten &#150; und bis heute auch kein als repr\u00e4sentativ wahrgenommenes Gesicht. Ganz anders die APO: Bereits vor der Bewegung gab es einzelne Gesichter, beispielsweise die der Kommune 1. BaId danach wurde Rudi Dutschke zur Inkarnation der Rebellion. Der Begriff APO blieb dagegen eine Verlegenheitsl\u00f6sung, zumal er in seiner Bedeutung stets zwischen Au\u00dfer- und Antiparlamentarischer Opposition changierte. Zun\u00e4chst war ohnehin von Jugendrevolte oder Studentenbewegung die Rede gewesen. Erst nachtr\u00e4glich wurde APO dann doch noch zum Markenzeichen. Bei Attac ist es genau andersherum: Vor den Gesichtern war und ist bis heute das Label. Attac ist<br \/>damit im Grunde eine h\u00f6chst virtuelle Angelegenheit. Einerseits ist dieser Auftritt beispiellos modern: Eine Bewegung ohne k\u00f6rperliche Repr\u00e4sentanz wird allein durch ein Label repr\u00e4sentiert. Au\u00dfer der Marke Attac ist alles nichts. Zugleich ist es h\u00f6chst unmodern, zumindest was die modernen Formen populistischen Personenkults betrifft: Denn bis heute ist es keinem einzigen Akteur von Attac gelungen, sich selber zur Marke zu machen. W\u00e4hrend Rudi Dutschke mit Marx&#8216; Kapital unter dem Arm sogar auf der Zeitschrift Capital posierte und eine ganze Republik, inklusive seines sp\u00e4teren Attent\u00e4ters, ihn via Bild-Zeitung kannte, ist Sven Giegold, der protestantisch-asketische Aktivist, noch immer blo\u00df der heimliche Macher von Attac. Selbst wenn der weitgehend unbekannte Stern-Ableger Neon sich j\u00fcngst den Spa\u00df erlaubte, ihn bei der Pr\u00e4sentation der hundert wichtigsten jungen Deutschen auf Platz 1 zu setzen: Attac bleibt hinsichtlich seines deutschen Personals ein unbeschriebenes Blatt.<br \/>F\u00fcr Attac resultieren aus dieser divergierenden Startposition Chancen und Probleme zugleich. Zun\u00e4chst scheidet der Populismus charismatischer F\u00fchrer und Demagogen unter diesen Voraussetzungen aus. Attac ist in seiner Arbeit weit mehr auf sachliche \u00dcberzeugungskraft angewiesen. Themen statt Personen werden auch weiter im Mittelpunkt stehen. Allein die Bedeutung der von Attac aufgegriffenen Inhalte wird letztlich \u00fcber die Zukunftsf\u00e4higkeit der Bewegung entscheiden &#150; wobei die M\u00f6glichkeit von Populismus nicht der Person, sondern in der Sache um so mehr eine Versuchung bleiben wird. Ma\u00dfgeblich wird zudem sein, ob es Attac als ihrem Anspruch nach globaler Bewegung tats\u00e4chlich gelingt, im Zuge der Herausbildung einer europ\u00e4ischen und globalen \u00d6ffentlichkeit die bisherigen nationalen Grenzen f\u00fcr die Wirksamkeit von Protest dauerhaft &#150; und vielleicht auch institutionell &#150; zu \u00fcberwinden. Auch wenn die Erfolge der j\u00fcngsten Vergangenheit, insbesondere auf den letzten WTO-Gipfeln von Seattle bis Cancun, positive Ans\u00e4tze der Konsolidierung einer internationalen Gegen\u00f6ffentlichkeit zeigten, wird die globalisierungskritische Bewegung in den n\u00e4chsten Jahren den Nachweis ihrer Tauglichkeit erst erbringen m\u00fcssen. Immer wieder wird sich dabei auch die Frage stellen, ob es der Personalisierung der Bewegung bedarf und wie eine solche auf europ\u00e4ischer oder globaler Ebene demokratisch vonstatten gehen sollte. Bisher scheint die Bewegung jedenfalls noch weitgehend ohne Promis auszukommen &#150; sieht man von ihren wenigen Stars ab, wie dem franz\u00f6sischen Bauernaktivisten Bove oder, in einem weiteren Sinne, dem Subcommandante Marcos.<\/p>\n<p>Markenpolitik statt Geschichtspolitik<\/p>\n<p>Eine andere, wenn auch unwahrscheinliche M\u00f6glichkeit gibt es dagegen dennoch: Vielleicht wird der deutsche Ableger von Attac doch noch von der deutschen Geschichte eingeholt. Eine Marke ist bekanntlich ein empfindliches Gut und bedarf der sorgsamen Pflege, um nicht an Marktwert zu verlieren. Wenn, wie vor kurzem, antisemitische Str\u00f6mungen bei Attac von sich reden machen, l\u00e4uft die Marke Gefahr, ihren guten Leumund zu verlieren. Dieses Problem stellt sich umso mehr bei einer Bewegung, die wie Attac \u00fcber kein \u00f6ffentlich bekanntes Personal verf\u00fcgt, das f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Bewegung gleichsam b\u00fcrgen k\u00f6nnte. Es wird sich zeigen m\u00fcssen, ob die Marke Attac schon \u00fcber soviel Substanz verf\u00fcgt, dass sie dieser Belastung standh\u00e4lt und sich weiter stabilisiert. Die augenblickliche, gleichwohl weitgehend positive Medienpr\u00e4senz spricht durchaus dafiir, die Stagnation der im Vergleich zu Frankreich noch weitaus niedrigeren Beitrittszahlen eher dagegen. Denn eine Bewegung ohne Bewegung, genau-er: ohne Wachstum, bekommt irgendwann ein Problem.<br \/>Eines d\u00fcrfte den Aktivisten von Attac dagegen wohl erspart bleiben, gerade aufgrund ihrer Unterschiede zur APO: n\u00e4mlich die Versuchung, den Weg ihrer Vorg\u00e4ngerbewegung zu beschreiten. In der historisierenden R\u00fcckschau, 35 Jahre nach 68, sieht man klarer, was von den Protagonisten der 68er-Generation nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen bleibt. Und das ist wesentlich profaner als der urspr\u00fcngliche utopische Anspruch. Diese Bewegung war vor allem eins: Katalysator f\u00fcr biographischen Aufstieg, kollektiv und individuell. Historisch bedingtes Charisma wurde in Karriere umgem\u00fcnzt. Die 68er haben gr\u00f6\u00dftenteils ihre beruflichen Chancen gut genutzt &#151; Chancen, die den nachwachsenden Generationen schon lange nicht mehr offen stehen. Und anders als ihre Vorg\u00e4nger werden die Attac-Aktivisten nicht mit gener\u00f6ser Duldsamkeit der Altvorderen zu rechnen haben. Die 68er an der Macht haben nach Attac jedenfalls nicht gerufen. Im Gegenteil: Bisher hat die 68er-Generation ihre Pfr\u00fcnde stets massiv gegen die Anspr\u00fcche der Nachwachsenden verteidigt. In diesem Sinne spricht einiges daf\u00fcr, dass der Kampf von Attac weiter gehen wird, weiter auch als bis in die n\u00e4chste Regierungslimousine.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2330],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12035","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-albrecht-von-lucke","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Macht der Geschichte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/de-macht-der-geschichte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Macht der Geschichte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Was APO und Attac wirklich trennt In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 59ff Internet statt Fl\u00fcstert\u00fcte, reformerischer Pragmatismus statt revolution\u00e4rem Utopismus: auf diesen Nenner lassen sich die g\u00e4ngigen Antworten bringen, die man auf die oft gestellte Frage nach den Unterschieden zwischen Attac und APO bekommt. 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