{"id":12040,"date":"2003-06-01T15:17:00","date_gmt":"2003-06-01T13:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/selbstaendigkeit-und-sorge\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"selbstaendigkeit-und-sorge","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/selbstaendigkeit-und-sorge\/","title":{"rendered":"Selbst\u00e4ndigkeit und Sorge"},"content":{"rendered":"<p>Gemeinsinn in der Gesellschaft der Individuen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 103ff<\/p>\n<p>Wer heute die Frage nach dem Gemeinsinn stellt, sieht sich sofort mit einer Problemdiagnose konfrontiert. Es sieht in der Tat so aus, als ziehe sich die Gesellschaft von ihrer Verantwortung f\u00fcr das Allgemeine zur\u00fcck. Parteien, Gewerkschaften, Unternehmerverb\u00e4nde und Kirchen erleiden Mitgliederverluste. Der Trend scheint tiefgreifend und unumkehrbar zu sein. Man k\u00fcmmert sich lieber um sich selbst, als dass man sich den hergebrachten Organisationen des Gemeinsinns anschlie\u00dft. Das soziale Denken ist nicht sehr reizvoll und das Allgemeininteresse eine Schim\u00e4re. &#132;Der Ehrliche ist doch der Dumme&#148;, sagte uns ein bekannter Fernsehmoderator. Auf der politischen B\u00fchne wird einem das mehr oder minder clevere Aushandeln von Sozialinteressen vorgemacht und gerade jetzt, nachdem die Luftschl\u00f6sser der New Economy zerplatzt sind, scheint es doch so zu sein, dass es lebensdienlich ist, dass sich die Einzelnen in ihre kleinen Lebenswelten zur\u00fcckziehen und dort ihre noch kleineren Vorteile suchen. Man ist selbst-bezogen bis zur Hartherzigkeit und ohne allen Enthusiasmus f\u00fcr das Allgemeine. So jedenfalls lauten die Stichworte der g\u00e4ngigen Problemdiagnose.<br \/>Es gibt auch einen Schuldigen f\u00fcr diese Diskreditierung des Gemeinsinns: die Sprache des Marktes, die heute in alle Poren dringt. Im Vokabular der Frankfurter Schule k\u00f6nnte man sagen: Der Markt ist das zivilisierte Schema wilder Selbstbehauptung, die Reduktion von allem und jedem auf die selbstbezogene Orientierung an eigenen Vorlieben und Interessen. Die Vorstellung eines sozialen Bandes, die Bereitschaft zum Einsatz f\u00fcrs Ganze, die Sympathie f\u00fcr den Mitmenschen &#150;all das wird ersetzt durch die Begriffe des vorteilbringenden Vertrages, der rationalen Wahl oder der \u00f6konomischen Nutzenmaximierung. Anfang und Ende bilden das um sich selbst besorgte Individuum, dass \u00e4ngstlich darauf bedacht ist, nicht \u00fcbervorteilt zu werden, immer seinen Schnitt zu machen und sich niemals f\u00fcr etwas Ungewisses und Riskantes zu verausgaben bereit ist. Das Diktum f\u00fcr die ganze Richtung stammt von Margret Thatcher: There is no so such thing like sociery there crYe only individuals &#150; and the family, wie sie immer gerne hinzuf\u00fcgte. Dieses Denken k\u00f6nnen wir dann auch Neoliberalismus nennen oder \u00f6konomischen Imperialismus; wir wissen jedenfalls dann genau, wovon wir genesen m\u00fcssen, wenn das alles so ist.<br \/>Dieser Diagnose einer fern- und fremdgesteuerten Kolonisierung unserer K\u00f6pfe und Herzen widersprechen freilich ein paar erstaunliche Tatsachen. Nehmen wir etwa die enorme Spendenfreudigkeit der deutschen Bev\u00f6lkerung, aber auch die Tatsache, dass in Deutschland immer noch Wahlen mit sozialer Gerechtigkeit gewonnen werden. Das wissen die beiden gro\u00dfen Volksparteien und belegt das doch j\u00e4mmerliche Schicksal der Freien Demokraten, die als rein marktliberale Partei in Deutschland \u00fcberhaupt keine Chancen haben. Also stellt sich die Frage, was nun eigentlich stimmt. Ist das individualistische, utilitaristische und skeptische Bild unserer Gegenwartsmoderne richtig oder besteht nach wie vor der Wunsch, es m\u00f6ge sozial gerecht und menschlich gut in der deutschen Gesellschaft zugehen?<\/p>\n<p>welfare state versus Wohlfahrtsstaat<\/p>\n<p>Wenn wir in Deutschland \u00fcber das Gemeinwohl reden, d\u00fcrfen wir \u00fcber den deutschen Sozialstaat nicht schweigen. Er ist der immerw\u00e4hrende Bezugspunkt f\u00fcr die Klage \u00fcber den Verlust von Gemeinsinn, Barmherzigkeit und Mitleid. Wenn ich deutscher Sozialstaat sage, taucht schon gleich eine semantische Differenz auf, die nicht ganz unerheblich ist. In der internationalen Diskussion spricht man vom welfare state, zu deutsch: Wohlfahrtsstaat. Worin unterscheidet sich der Begriff des Sozialstaates von dem des Wohlfahrtsstaats? Bei der Rede vom Sozialstaat f\u00e4llt einem nat\u00fcrlich sofort Bismarck ein &#151; und das konventionelle Wissen, dass der deutsche Sozialstaat nur deshalb eingerichtet worden ist, um der deutschen Sozialdemokratie das Wasser abzugraben. Der Ursprungstausch in der Entwicklung des deutschen Sozialstaates war, so glauben wir doch alle, ein Tausch von sozialer Sicherung gegen politische Beteiligung. Der Bismarcksche Trick am Beginn der deutschen Sozialstaatsentwicklung war die Absicherung gegen die klassischen Risiken der Arbeitsunf\u00e4higkeit, der Arbeitslosigkeit und des Alters gerade f\u00fcr diejenigen, die von der epidemischen Krisenanf\u00e4lligkeit des Kapitalismus \u00fcberzeugt waren. Das ist der Grund daf\u00fcr, dass wir Deutschen immer schon die Weltmeister in sozialer Sicherung waren, daf\u00fcr aber ziemliche Nachz\u00fcgler im Bereich der politischen Gleichstellung. Daher der unangenehme Klang des Begriffs des Sozialstaates und daher die spontane Aversion im aufgekl\u00e4rten Milieu, wenn man diesen Begriff in den Mund nimmt.<br \/>Das ist beim Begriff des Wohlfahrtsstaates etwas anders, vor allem wenn man ihn in der Tradition von Lord Beveridge, dem Architekten des Sozialsystems in Gro\u00dfbritannien, denkt &#151; also in der britischen, das hei\u00dft liberalen Version des Wohlfahrtsstaats. Da ist der Kern des Gedankens die Universalisierung von Anrechten f\u00fcr den einzelnen Staatsb\u00fcrger und nicht die Befriedigung von problematischen Teilgruppen der Gesellschaft. Die angels\u00e4chsische Version des Wohlfahrtsstaates geht von der grunds\u00e4tzlichen Gleichheit der B\u00fcrger aus, ohne die faktische Ungleichheit der Individuen in ihren Klassen zu leugnen. Die Grundideen von Beveridge und ihm folgend T.S. Marshall besagten (vgl. Marshall 1992 [1949]): Erstens brauchen wir den Wohlfahrtsstaat, um einen normativen Ma\u00dfstab f\u00fcr die Messung von gesellschaftlichen Ungleichheiten zu haben. Der Fortschritt in der sozialen Evolution bemisst sich an der Institutionalisierung eines &#132;positiven&#148; Begriffs der Freiheit: Freiheit nicht nur als pers\u00f6nliches Recht zur Abwehr und Zur\u00fcckweisung von \u00dcbergriffen anderer, insbesondere des allm\u00e4chtigen Staates, also als &#132;Freiheit von&#148;, sondern auch als Erm\u00f6glichung und Bef\u00f6rderung sozialer Teilhabe, also als &#132;Freiheit zu&#148;. Zweitens, was noch viel wichtiger ist, wir brauchen den Wohlfahrtsstaat als eine Bedingung der M\u00f6glichkeit der Ertragung von Ungleichheit. Wenn wir jedem B\u00fcrger ein Beteiligungsrecht zuerkennen und dementsprechende Strukturen der Erm\u00f6glichung von Chancengleichheit einrichten, dann wird der einzelne auch bereit sein, die Ungleichheit der Talente und die Ungleichheit der Resultate hinzunehmen. Das ist die Grundidee in der Institutionalisierung des Wohlfahrtsstaates gewesen. Am Anfang stand also nicht die Vorstellung der Herstellung einer Welt fl\u00e4chendeckender Gleichheit, sondern die Idee der Einrichtung staatsb\u00fcrgerlicher Bef\u00e4higungs- und Ausgleichsstrukturen zur Ertragbarkeit von Ungleichheit. Es geht im Wohlfahrtsstaat folglich nicht so sehr um Armenhilfe f\u00fcr Bed\u00fcrftige, nicht um partikulare Prinzipien, sondern um Beteiligungsanspr\u00fcche f\u00fcr alle B\u00fcrger, um universelle Prinzipien. Insofern f\u00fcgt sich, jedenfalls nach dieser angels\u00e4chsischen Version, die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in eine lange Geschichte der Gleichheit seit der Franz\u00f6sischen Revolution: in die der b\u00fcrgerlichen Rechte des 18. Jahrhunderts, der politischen Rechte des 19. Jahrhunderts und der sozialen Rechte des 20. Jahrhunderts.<br \/>Wichtig ist in unserem Zusammenhang der Gedanke, dass der Wohlfahrtsstaat nach dieser Lesart nicht das Projekt einer Klasse oder einer tragenden Gruppe ist. Der Wohlfahrtsstaat war nicht das Projekt der Arbeiterklasse und er kann nicht als das Projekt des B\u00fcrgertums angesehen werden, sondern der Wohlfahrtsstaat ist- in gewisser Hinsicht ein evolution\u00e4res Produkt einer an sich anonymen Entwicklung von Anrechten \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit. Der Garant der Wohlfahrtsstaatlichkeit ist freilich nicht die Gesellschaft selbst, sondern der Staat, das hei\u00dft eine Zwangsanstalt, mit Max Weber gesprochen. Das ist der \u00fcbergreifende Halte- und vorl\u00e4ufige Endpunkt der modernen Wohlfahrtsstaatlichkeit.<br \/>Diese Dinge muss man sich vor Augen f\u00fchren, wenn man verstehen will, was eigentlich passiert, wenn diese Wohlfahrtsstaatlichkeit in Begr\u00fcndungs- und, noch schwieriger, in Finanzierungsprobleme geraten ist. An wen k\u00f6nnen wir dann appellieren, um die Dinge wieder zu richten? Wer ist bereit, sich wieder f\u00fcr den Wohlfahrtsstaat zu engagieren, wenn er nicht das Projekt einer tragenden gesellschaftlichen Gruppe ist?<\/p>\n<p>Der Wohlfahrtsstaat als Krisenzusammenhang<\/p>\n<p>Weil der Wohlfahrtsstaat kein Projekt des B\u00fcrgertums und keines der Arbeiterklasse war, haben sich ganz andere &#132;Akteursfiktionen&#148; gebildet, die sich von ihm getragen oder von ihm verraten f\u00fchlen. Das sind in erster Linie die Generationen einer ganz und gar nicht linearen wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung, die immer wieder &#132;gl\u00fcckliche&#148; und geprellte&#8220; Kohorten hervorbringt. Die wechselnden Regelungen der Fr\u00fchverrentung genauso wie die unberechenbaren Zyklen des Lehrerbedarfs haben beispielsweise solche generationsspezifischen Verwerfungen hervorgerufen.<br \/>Aber darunter liegt noch eine andere Generationsgeschichte des Wohlfahrtsstaats. Die Erfahrung der Krise, auf die sich das wohlfahrtsstaatliche Versprechen bezieht, hat sich ge\u00e4ndert. Den Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und die in der europ\u00e4ischen Friedensphase des Kalten Krieges aufgewachsen sind, fehlt die Angst vor dem Marktversagen, die den Generationen noch in den Knochen steckt, die einen Erlebnisbezug zur Weltwirtschaftskrise am Anfang des 20. Jahrhunderts besitzen. Des-halb haben sich am Ende des 20. Jahrhunderts die Erfahrungsgr\u00fcnde des Wohlfahrtsstaats und des darauf bezogenen diffusen Systemvertrauens gewandelt. Aus der Sicht der heutigen aktiven, das hei\u00dft erwerbst\u00e4tigen und beitragsf\u00e4higen Generationen stellt sich der Wohlfahrtsstaat als ein un\u00fcbersichtlicher &#132;Staatsapparat&#148; (Nikos Poulanzas) dar, der mehr verlangt und verschlingt, als er gibt und verhei\u00dft. Das macht ihn f\u00fcr viele zu einem Modell von Staatsversagen. Die \u00dcbel des Staatsversagens werden von den in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren geborenen Generationen als genauso problematisch beurteilt wie die des Marktversagens. Daran hat auch die Erfahrung der verschiedenen Krisen des globalen Finanzmarktes, die in der Asienkrise der 1990er Jahre kulminierten, nichts ge\u00e4ndert. Der moderne Staat hat aus der Sicht der gegenw\u00e4rtigen aktiven Generationen vor allem hinsichtlich seiner zentralen Wohlfahrtsversprechen versagt, n\u00e4mlich in der Gesundheits-, der Bildungs- und der Altersvorsorge. Dies trifft so-wohl auf den autorit\u00e4ren Wohlfahrtsstaat des Sozialismus als auch auf den liberalen Wohlfahrtsstaat in den sogenannten koordinierten Kapitalismen der Nachkriegszeit zu.<\/p>\n<p>Die drei Defizite moderner Wohlfahrtsstaatlichkeit<\/p>\n<p>1. Die Diskrepanz zwischen Anrecht und Option<\/p>\n<p>Die praktischen Defizite des Wohlfahrtsstaats lassen sich holzschnittartig auf drei Probleme fokussieren, die bis heute einer L\u00f6sung harren. Das erste Problem ist das Missverh\u00e4ltnis von Anrechten und Optionen, um eine Unterscheidung aufzugreifen, mit der Ralf Dahrendorf operiert (Dahrendorf 1992). Zwar institutionalisiert der Wohlfahrtsstaat Anrechte, aber es gibt immer mehr j\u00fcngere Leute, die sagen: &#132;Was n\u00fctzt es mir eigentlich, wenn meine Rente sicher ist, ich aber nicht wei\u00df, wie viel ich eigentlich bekomme und was ich mir f\u00fcr das, was ich dann bekomme, noch leisten kann.&#148; Das hei\u00dft, Anrechtssicherung wird nicht mehr als so wichtig erachtet, und es taucht die Frage auf, welche wahrscheinlichen Optionen denn mit diesen garantierten Anrechten verbunden sind. Dieser ganze Problemkomplex des Missverh\u00e4ltnisses von Anrechten und Optionen, von sozialen Rechten und individuellen M\u00f6glichkeiten wird in Deutschland seit geraumer Zeit unter der \u00dcberschrift der Generationengerechtigkeit diskutiert. Immer mehr J\u00fcngere sagen: &#132;Ich denke gar nicht mehr daran, weiter in die wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssysteme einzuzahlen, ich suche Exit-Optionen,&#148; &#151; wie man heute modern formuliert &#8211; &#132;weil ich relativ sicher bin, dass ich da mehr einzahlen werde, als ich jemals herausbekommen werde.&#148; Das bedeutet, es entsteht die Idee einer Renditegerechtigkeit<br \/>von Ein- und Auszahlungen, die mit der Vorstellung einer Solidarit\u00e4t zwischen den. Altersgruppen bricht. Daraus ergeben sich Legitimationsprobleme neuer Art, die nicht einfach mit der Einforderung hergebrachter Obligationen zu l\u00f6sen sind: Die Solidarit\u00e4t zwischen den Alten und den Jungen wird durch die Tatsache der diskrepanten Versorgungsbilanzen zwischen verschiedenen Generationen von Gleichaltrigen belastet. Wenn keine Aussichten auf eine ausgleichende Gerechtigkeit bestehen, warum sollte der einzelne sich an einem System von Umlagen beteiligen, das ihn zum lebenslangen Nettozahler bei unsicheren R\u00fcckfl\u00fcssen macht? Kann etwas gerecht sein, das sich als derart unsicher erweist?<\/p>\n<p>2. Die Diskrepanz zwischen Investition und Vorteil<\/p>\n<p>Der zweite Punkt, der damit zusammenh\u00e4ngt, und der m.E. aktuell der viel wichtigere ist, zielt auf das Missverh\u00e4ltnis von Investition und Vorteil. Wohlfahrtsstaaten, besonders der europ\u00e4ische Wohlfahrtsstaat, wird von der Bereitschaft der Mittelklassen getragen, ihn zu finanzieren, und wenn die Mittelklassen zunehmend den Eindruck gewinnen, dass sie f\u00fcr ihre hohen Investitionen in die wohlfahrtsstaatlichen Systeme keine subjektiven Vorteile mehr gewinnen, dann wird die Bereitschaft abnehmen, diesen Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Die starken Schultern sind nur solange bereit, mehr zu wuchten als die schwachen Schultern, wie sie sehen, dass sie selbst auch etwas davon haben. Doch die Mehrheitsklasse hat ganz im Gegenteil heute das Gef\u00fchl, dass die \u00f6ffentlichen G\u00fcter, f\u00fcr die der Wohlfahrtsstaat bisher aufgekommen ist &#151; also die drei wichtigen G\u00fcter Gesundheit, Sicherheit und Bildung &#151;, mehr und mehr zu privaten G\u00fctern werden und private Investitionen erfordern. Das hei\u00dft, es gibt immer mehr Leute, die nicht einsehen, warum sie immer mehr von ihrem Einkommen in dieses wohlfahrtsstaatliche System transferieren sollen, obwohl sie f\u00fcr ihre eigenen Kinder privates Geld aufbringen m\u00fcssen, um sie auf eine gescheite Schule zu schicken. Warum, so fragen sie weiter, soll ich soviel Steuern bezahlen, wenn ich f\u00fcr die Sicherheit und Sauberkeit meiner n\u00e4chsten Umwelt selbst zahlen muss? Fazit: Die Mittelklassen vertrauen nicht mehr auf die F\u00e4higkeit des Wohlfahrtsstaates, f\u00fcr die \u00f6ffentlichen G\u00fcter von Sicherheit und Bildung Sorge zu tragen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Gesundheit. Jeder von uns kennt Beispiele von Klassenmedizin, und diese Beispiele gehen mittlerweile bis weit in die Mittelklassen hinein. Hier gibt es ein dramatisches Missverh\u00e4ltnis von Investitionen und Vorteilen, und wir werden uns um diese latente Panik in den Mittelklassen k\u00fcmmern m\u00fcssen. Schlie\u00dflich sind die drei Themen der in den letzten Jahren auftauchenden neuen Populisten in Europa Sicherheit, Gesundheit und Bildung. Noch hat es mit solcherart Populismus bei uns in Deutschland nicht so richtig geklappt, weil Antisemitismus bei uns nicht verf\u00e4ngt, aber das politische Kapital dieser Themen liegt buchst\u00e4blich auf der Strasse.<\/p>\n<p>3. Die Diskrepanz zwischen Lebensweisen und Versorgungsberechtigung<\/p>\n<p>Der dritte wichtige Punkt, der zwar schon l\u00e4nger gesehen wird, der aber immer noch kaum bearbeitet im Raum steht, ist das Missverh\u00e4ltnis von Lebensweisen und Versorgungsberechtigungen. Es ist im Grunde alles l\u00e4ngst bekannt: Das sogenannte Normalarbeitsverh\u00e4ltnis von qualifikationsad\u00e4quater, lebenslanger und vollzeitiger Besch\u00e4ftigung ist mehr und mehr zu einer Fiktion geworden. In einer L\u00e4ngsschnittsbetrachtung gilt vielleicht noch f\u00fcr ein gutes Drittel der Erwerbst\u00e4tigen dieses Modell. Wir haben quer durch die gesellschaftlichen Klassen und Schichten es mit der Erosion des Normalarbeitsverh\u00e4ltnisses zu tun. Teilzeitarbeit, befristete Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, unterbrochene Berufskarrieren sind nicht auf Randbereiche der Erwerbsgesellschaft beschr\u00e4nkt. Die Leute experimentieren mit neuen Einkommensmischungen aus informeller Eigenarbeit, abh\u00e4ngiger Erwerbsarbeit und auch der autonomen Familien- und Hausarbeit. Was die einen aus Not machen, stellt f\u00fcr die anderen eine bewusste Wahl dar. Da spielen nat\u00fcrlich ganz unterschiedliche Lebensmodelle, Selbstverwirklichungsphantasien und nicht zuletzt materielle Zw\u00e4nge eine Rolle. Nur entsprechen diese Ver\u00e4nderungen der Lebensweisen \u00fcberhaupt nicht mehr den formellen Regelungen des Wohlfahrtsstaates, vor allem in Fragen der Altersicherung. Da entkoppeln sich institutionelle Lebenszuschnitte und individuelle Lebensweisen; die daraus sich ergebenden Versorgungsl\u00fccken sind sicherlich nicht mit einem Grundeinkommen zu l\u00f6sen.<br \/>Das scheinen m.E. die drei gro\u00dfen Problembereiche zu sein, die die praktischen Defizite des Wohlfahrtsstaates darstellen und die als Staatsversagen skandalisiert werden k\u00f6nnen.<br \/>Im Generationenkampf: Die Logik des Lastenausgleichs<br \/>Das ber\u00fchrt die Legitimationsressourcen, auf denen der Wohlfahrtsstaat, jedenfalls was die deutsche Nachkriegsentwicklung angeht, lange Zeit beruht hat. Zum einen ist auch hier der Krieg der Herr aller Dinge. Wir zehren immer noch von der westdeutschen Wohlfahrtsstaatlichkeit der Nachkriegszeit, die letztlich auf dem kollektiven Wieder-<br \/>aufbau der gl\u00fccklich Davongekommenen fu\u00dfte. Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in Westdeutschland basierte auf der Logik des Lastenausgleichs in der Kriegsfolgenbew\u00e4ltigung, wohinter sich die Kollektivverantwortung der von Christoph Kle\u00dfmann so genannten &#132;Zusammenbruchsgesellschaft&#148; verbarg (Kle\u00dfmann 1991: 37ff.). Die Westdeutschen fanden sich nach 1945 in einer Wiederaufbauverpflichtung zusammen, die die Wirtschaft, den Wohlfahrtsstaat und die Mitbestimmung einschloss. Diese Wiederaufbauverpflichtung wurde durch zwei gro\u00dfe strukturelle Gegebenheiten gest\u00fctzt: durch die Vollbesch\u00e4ftigungsgesellschaft vor allem in den 1960er Jahren sowie nat\u00fcrlich durch die darauf bauende starke Sicherungspolitik als ein Grundprinzip wohlfahrtsstaatlicher Versorgung. Diese ist aus der Logik des Lastenausgleichs im Nachkriegsempfinden zu verstehen. Diese Wiederaufbauverpflichtung in Deutschland hat \u00fcber eine sehr lange sozial-staatliche Nachkriegsgeneration gehalten, im Grunde bis zur Wiedervereinigung, die der &#132;Einheitskanzler&#148; Helmut Kohl als Wiederkehr von 1945 ins Werk gesetzt hat.<br \/>Das ist jetzt vorbei. Die Wiederaufbauverpflichtung ist keine regenerierbare Legitimationsressource mehr, von der man aus wohlfahrtsstaatliche Investitionsbereitschaft und Enthusiasmus f\u00fcr den Wohlfahrtsstaat entwickeln k\u00f6nnte. So wird es nicht mehr gehen. Es gibt n\u00e4mlich so etwas wie eine generationell gestaffelte Absetzbewegung vom Wohlfahrtsstaat, in der ein durchaus explosives Pulver steckt. Die Generation, die im Augenblick am besten dasteht, ist die unserer Turnschuh-Rentner. Gemeint sind da-mit diejenigen, die der ber\u00fchmten &#132;Flakhelfer&#8220;-Generation der um 1928 Geborenen an-geh\u00f6ren. Denen geht es ganz prima: Sie sind in der Welt unterwegs, haben mehr oder minder sch\u00f6ne Renten, meist auch noch gewisse Eigenheimr\u00fccklagen, k\u00f6nnen sich auf diese Weise gener\u00f6s gegen\u00fcber ihren Enkeln zeigen, was die Zahlen \u00fcber erhebliche private Transfers in der Generationsfolge belegen. Da freut man sich und w\u00fcnscht sich insgeheim: ,So ein Rentner m\u00f6chte ich auch mal gerne sein.&#8216; Aber die mittlere Generation der heute Vierzigj\u00e4hrigen, die f\u00fcr ihre noch in der Ausbildung steckenden Kinder und ihre aufs Altenheim zugehenden Eltern zu sorgen hat, wei\u00df nat\u00fcrlich, das diese gl\u00fccklichen Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr sie nicht mehr gelten werden.<br \/>Diejenigen, die allerdings von den heute Vierzigj\u00e4hrigen sehr viel mehr beargw\u00f6hnt werden, sind jene, die der wirklich klassischen, wenn man es nicht nur von der Finanzierungs- und Aufbringungsseite, sondern auch von der Nutzerseite und von dem Besch\u00e4ftigungsaspekt her sieht, Sozialstaatsgeneration der westdeutschen Nachkriegszeit angeh\u00f6ren: die 68er-Generation, die gerade die Geschicke in Deutschland bestimmt. Die eigentliche Profitierungsgeneration des deutschen Wohlfahrtsstaates sind die um 1940 geborenen Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs. Sie hatten gegen\u00fcber der Flakhelfer-Generation noch den Vorteil, dass sie in die expandierende Wohlfahrtsstaatlichkeit hineingeboren worden sind, was ihnen enorme berufliche Chancen er\u00f6ffnet hat, die sie auch wahrgenommen haben. F\u00fcr sie war der Wohlfahrtsstaat nicht nur ein Sicherungsinstitut, sondern auch gleichzeitig eine Besch\u00e4ftigungsmaschine. Das ist die wirkliche Profitierungsgeneration des Wohlfahrtsstaates. Sie hat noch die Sicherungsm\u00f6glichkeiten und hatte die Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten im Wohlfahrtsstaat; diese Generation hat die ganze Klientelisierung, P\u00e4dagogisierung, Therapeutisierung vorangebracht, also all die Versorgungsanspr\u00fcche begr\u00fcndet, die uns im Augenblick einige Kosten verursachen.<br \/>So jedenfalls sehen das die Angeh\u00f6rigen der defensiven Sozialstaatsgeneration, die in den 1970er Jahren politisch sozialisiert worden sind: aufgewachsen in der Periode von Helmut Schmidt und Hansj\u00f6rg Felmy &#150; mit autofreien Sonntagen und mit der Prognose von den Grenzen des Wachstums. Nur wurden dann die &#132;reduzierten&#148; 1970er durch die &#132;fetten&#148; 1980er Jahre abgel\u00f6st. Auf Helmut Schmidt folgte Helmut Kohl. Daraus ergibt sich die merkw\u00fcrdige Zwischenlage dieser Generation der um 1960 Geborenen: dramatisiert in der fr\u00fchen Jugend, dass alles zu ende geht, und beruhigt in der sp\u00e4ter Jugend, dass alles weitergeht.<br \/>Ihnen folgt die &#132;Generation Golf&#8216; der um 1975 Geborenen, die man eigentlich zu einer postsozialstaatlichen Generation erkl\u00e4ren kann. Sie ist ohnehin der Meinung, dass der Wohlfahrtsstaat, sowohl was ihre pers\u00f6nlichen Lebensmodelle als auch was seine Finanzierungsleistungen angeht, eine schlechte Karte darstellt. Das sind die Virtuosen des Wechsels zwischen dem jeweils G\u00fcnstigsten, aber nicht, weil sie nichts anderes kennen als die egoistische Vorteilsnahme, sondern weil ihnen hergebrachte Vorstellungen von Sozialverpflichtung wie Schutzbehauptungen von Sozialkartellen und Besitzstandskoalitionen erscheinen. Daher glauben sie, dass exit einfach ehrlicher und wirkungsvoller als voice ist. Die gro\u00dfe Frage ist nunmehr, was nach dem Generationenb\u00fcndnis des Wiederaufstiegs nach 1945 kommt, auf welches sozialmoralische Band man nach der Wiederaufbauverpflichtung in der heutigen Konstellation zur\u00fcckgreifen kann.<\/p>\n<p>Verwundbarkeit, Exklusion und die Last der mittleren Jahre<\/p>\n<p>Dies geschieht unter dem Eindruck gr\u00f6\u00dfere Verschiebungen, Vermischungen und Verdr\u00e4ngungen im gesamtgesellschaftlichen System der sozialen Ungleichheit. Diese Prozesse werden als soziale Entgrenzung von Gef\u00e4hrdungslagen wahrgenommen, die mit der fortgesetzten Umstellung von Status auf Karriere zu tun hat. Damit ist zweierlei gemeint: Zum einen haben viele die Chance zu einer Karriere, die ihnen von ihrer Herkunft nicht vorgezeichnet ist; und zum anderen bergen diese vermehrten Lebenschancen zugleich vermehrte Lebensrisiken in sich. Es verbreitet sich in der Mitte der Gesellschaft das Gef\u00fchl, dass immer auch alles schief gehen kann. Dann ist man pl\u00f6tzlich nicht mehr auf der sonnigen Seite der Strasse, und es stellt sich die zerm\u00fcrbende Frage, ob man nicht mit seinen Entscheidungen und Erwartungen daneben gelegen hat: &#132;Habe ich im Studium auf das falsche Pferd gesetzt, im Betrieb nicht den richtigen Absprung gefunden oder mich mit dem falschen Partner zusammengetan?&#148; Wir haben solche Wege ins soziale Aus untersucht, die im Prinzip von allen Sprossen der sozialen Leiter ausgehen k\u00f6nnen (Bude 1998). Solche Exklusionskarrieren haben drei Kennzeichen: Es gibt so etwas wie einen schleichenden Anerkennungsverlust, dann einen biographischen Umschlagpunkt, wo das Erleiden gegen\u00fcber dem Handeln in den Vordergrund tritt, und schlie\u00dflich das Auftauchen der panischen Frage, ob ich noch in der Welt der Chancen oder schon in der des Ausschlusses lebe.<br \/>Exklusion ist nicht identisch mit Arbeitslosigkeit oder Armut. Es gibt ganz viele Arbeitslose, die wohl integriert in unserer Gesellschaft leben, die \u00fcber informelle Arbeitsm\u00e4rkte sogar erhebliche Einkommen haben, und es gibt Arme, die als Marginalisierte durchaus einen zwar unterprivilegierten, aber eingelebten Ort in unserer sozialen Welt haben.<br \/>Dieses Exklusionsproblem tritt noch deutlicher hervor, wenn wir eine weitere Gruppe in den Blick nehmen, n\u00e4mlich die Einwanderer in unserer Gesellschaft. Die Einwanderungsgesellschaft kann keine Arbeitnehmergesellschaft sein. Einwanderungsm\u00f6glichkeiten bringen Ungleichheitskosten mit sich. Das ist die Botschaft aller klassischen Einwanderungsgesellschaften, weil die Subversion der gegebenen Ordnung die einzige Chance der Einwanderer ist, ihr Gl\u00fcck zu machen: auf informellen Arbeitsm\u00e4rkten, mit Sozialdumping, in illegitimen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen. Darin liegt die besondere Chance der Au\u00dfenseiter, die in die Gesellschaft der Etablierten kommen. Doch damit kommt ein Gef\u00e4hrdungs- und Verwundbarkeitspotential in unsere Gesellschaft, welches unsere sozialmoralische Sensibilit\u00e4t auf die Probe stellt.<br \/>Eine dritte Quelle sozialen Unbehagens h\u00e4ngt mit der \u00dcberlastung der mittleren Generation im Generationenvertrag zusammen. Gemeint sind diejenigen, die f\u00fcr ihre Kinder wie f\u00fcr ihre Eltern zu sorgen haben. Da kann man sehr schnell, trotz eines guten Einkommens, in eine Situation geraten, die wir, in Anschluss an die Untersuchungen von Werner H\u00fcbinger, prek\u00e4ren Wohlstand genannt haben (vgl. H\u00fcbinger 1996). Dies ist eine Situation, in der man das Gef\u00fchl hat, dass jetzt gar nichts mehr passieren darf. Eine gr\u00f6\u00dfere Reparatur am Auto, der Ausfall von Zahlungen aus der Pflegeversicherung oder die Rechtsanwaltsrechnung wegen eines Streits mit dem Nachbarn w\u00fcrden die h\u00e4usliche \u00d6konomie \u00fcberfordern. Es ist diese Problematik der \u00dcberlastung der mittleren Generation, die nicht nur von der Allgemeinheit zuerst zur Kasse gebeten wird, sondern dazu noch den Zusammenhalt der Familie in der Generationenfolge zu tragen hat, die auf die Stimmung der Gesellschaft dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Das Individuum in der Transformation des Sozialen<\/p>\n<p>Wir haben auf der einen Seite eine weitgehende und tiefgreifende Entwicklung erzwungener und\/oder gewollter Selbst\u00e4ndigkeit in der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung. Gewollt ist die Selbst\u00e4ndigkeit deshalb, weil die Menschen sagen: &#132;Wir wollen unser Leben in dieser Form &#151; mit Einkommensmischungen, im Wechsel von Phasen der Besch\u00e4ftigung mit solchen der Nichtbesch\u00e4ftigung, mit M\u00f6glichkeiten, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Das lassen wir uns nicht abnehmen. Wir wollen eigenen Mischungen und Kombinationen zustandebringen. Das machen wir nach unserem Gutd\u00fcnken und nach unserer eigenen Fasson.&#148;<br \/>Wir haben allerdings auch F\u00e4lle untersucht, in denen Selbst\u00e4ndigkeit die letzte Chance ist, um wieder Fu\u00df zu fassen. Da zeigen sich die Risiken des Anspruchs auf ein &#132;eigenes Leben&#148;. Nicht vorhersehbare &#132;Lebensereignisse&#148;, wie man in der klinischen Sprache der Sozialwissenschaften sagt, schlagen nicht selten so durch, dass der Einzelne seinen letzten Halt verliert. Man hat sich mit seinen Krediten so \u00fcbernommen, die Br\u00fccken zu seiner Vergangenheit so endg\u00fcltig abgerissen, dass man bei Ausbleiben des gesch\u00e4ftlichen Erfolgs und der gesellschaftlichen Anerkennung endg\u00fcltig auf die Nase f\u00e4llt. Wo die &#132;Ich-AG&#148; den letzten Ausweg darstellt, ist sie in aller Regel h\u00f6chst riskant. Wer davor schon verwundbar war, kann schnell und unversehens in einen Prozess ununterbrechbarer und unumkehrbarer &#132;Abweichungsverst\u00e4rkung&#148; geraten. Das ist die andere Seite von Flexibilisierung, Individualisierung und Mobilisierung. Eine fehlgreifende Daseinsvorsorge, die die Gescheiterten in immer neue Fortbildungs- und Weiterqualifikationsma\u00dfnahmen leitet, f\u00fchrt dann nur noch in neue Gef\u00e4hrdungslagen.<br \/>Wir haben insgesamt eine schwierige Situation vor Augen, wo Selbst\u00e4ndigkeit notwendig und Sorge geboten ist. Es ist freilich \u00fcber Sorge anders nachzudenken als in den Begriffen der statusbezogenen Daseinsvorsorge. Und es ist gleichzeitig notwendig, die vielen Regungen von Selbst\u00e4ndigkeit nicht als Verfall, sondern als Transformation des Sozialen zu begreifen.<br \/>Selbst\u00e4ndigkeit und Sorge sind m.E. die beiden Begriffe, die die wohlfahrtsstaatliche Legitimation. in der Zukunft bestimmen werden. Es wird, erstens, eine paradoxe Politik notwendig sein, die sich f\u00fcr die Starken wie f\u00fcr die Schwachen zust\u00e4ndig erkl\u00e4rt.<br \/>Das wird die eigentliche Kunst dieser Politik sein: Nicht einfach zu sagen, dass die Starken f\u00fcr die Schwachen sorgen m\u00fcssen, sondern dass Starke und Schwache ihren Anteil an der Sorge f\u00fcrs Ganze zu leisten haben. Man wird sich, zweitens, eine Politik zweiter Chancen ausdenken m\u00fcssen. Es muss die M\u00f6glichkeit geben, dass man, wenn man rausgefallen ist, auch wieder reinkommen kann. Nicht das Netz, sondern das Trampolin w\u00e4re das Bild solcher Sozialpolitik. Drittens wird es eine Politik des Respekts sein m\u00fcssen, die sich der Tatsache stellt, dass Ungleichheiten wachsen und Zonen der Verwundbarkeit sich ausbreiten. Eine Moral ist dann stark, wenn sie einem erlaubt, mit Ungleichheiten umzugehen und trotzdem am Ziel der Gleichheit festzuhalten.<br \/>Eine Politik des Respekts unterstellt die Unverzichtbarkeit jedes Einzelnen f\u00fcr das Wohl aller. Damit wird nicht idealistisch so getan, als ob alle gleich w\u00e4ren, aber auch nicht materialistisch davon ausgegangen, dass durch staatliche Ausgleichszahlungen soziale Teilhabe gesichert w\u00e4re. Eine Politik des Respekts verbietet sich herablassendes Mitleid, weil sie mit der M\u00f6glichkeit jedes Einzelnen rechnet, sich wiederaufrichten zu k\u00f6nnen; aber sie ist zugleich zu t\u00e4tiger Unterst\u00fctzung derer bereit, die sozial verwundbar sind oder sich schon gesellschaftlich entkoppelt haben. Es ist der Respekt, der Selbstst\u00e4ndigkeit verlangt und Sorge begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Bude, Heinz 1998: Die &#132;\u00dcberfl\u00fcssigen&#148; als transversale Kategorie; in: Peter A. Berger\/Michael Vester (Hg.): Alte Ungleichheiten &#151; neue Spaltungen, Opladen, S. 363-382<br \/>Dahrendorf, Ralf 1992: Der moderne soziale Konflikt. Essays zur Politik der Freiheit, Stuttgart H\u00fcbinger, Werner 1996: Prek\u00e4rer Wohlstand. Neue Befunde zu Armut und sozialer Ungleichheit, Freiburg im Breisgau<br \/>Kle\u00dfmann, Christoph 1991: Die doppelte Staatsgr\u00fcndung. Deutsche Geschichte 1945-1955, 5. Aufl., Bonn<br \/>Marshall, Thomas H. 1992 [engl. Orig. 1949]: B\u00fcrgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaats, FrankfurtlMain\/ New York<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2259],"publikationen":[1081],"class_list":["post-12040","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinz-bude","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Selbst\u00e4ndigkeit und Sorge - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/selbstaendigkeit-und-sorge\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Selbst\u00e4ndigkeit und Sorge - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gemeinsinn in der Gesellschaft der Individuen In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 103ff Wer heute die Frage nach dem Gemeinsinn stellt, sieht sich sofort mit einer Problemdiagnose konfrontiert. 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