{"id":12163,"date":"1975-11-16T11:20:00","date_gmt":"1975-11-16T10:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-amoralitaet-unseres-staat-kirche-verhaeltnisses\/"},"modified":"1975-11-16T12:00:00","modified_gmt":"1975-11-16T11:00:00","slug":"die-amoralitaet-unseres-staat-kirche-verhaeltnisses","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/16\/publikation\/die-amoralitaet-unseres-staat-kirche-verhaeltnisses\/","title":{"rendered":"Die Amoralit\u00e4t unseres Staat-Kirche-Verh\u00e4ltnisses"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 103-05<\/p>\n<p><i>Horst Herrmann: Ein unmoralisches Verh\u00e4ltnis. Bemerkungen eines Betroffenen zur Lage von Staat und Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, Patmos- Verlag D\u00fcsseldorf 1974, 160 Seiten, 18 DM.<\/i><\/p>\n<p>Aus der Feder eines Teilhabers am Staat-Kirche-System der Bundesrepublik hat es wohl kaum je vorher eine offenere, schonungslosere Kritik (auch die pers\u00f6nliche Position nicht schonende) an diesem System gegeben als die in diesem Buch von Horst Herrmann ge\u00fcbte. Professor Herrmann n\u00e4mlich ist Ordinarius f\u00fcr katholisches Kirchenrecht an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, und er ist, obwohl vom staatlichen Verst\u00e4ndnis der Wissenschaftsfreiheit her eigentlich unangreifbar, als Mitglied einer theologischen Fakult\u00e4t doch abh\u00e4ngig vom Wohlwollen seines zust\u00e4ndigen Ortsbischofs, die \u00fcber einen Konkordatsartikel Einflu\u00df auf die theologischen Lehrst\u00fchle nehmen, wozu die Republik, trotz Artikel 5 GG, ihnen Beihilfe leistet. Mit einem fr\u00fcheren Buch hatte Herrmann bereits \u00c4rger mit der Kirchenobrigkeit: Bischof Tenhumberg verweigerte ihm die &#132;kirchliche Druckerlaubnis&#148; f\u00fcr ein Buch \u00fcber &#132;Ehe und Familie&#148;, in dem er der .Amtskirche &#150;oder wie Herrmann sie vorz\u00fcglich nennt: der &#132;Altkirche&#148; &#150;vorzeigt, wie sehr sie in einer mittelalterlichen Theologie steckengeblieben sei. Das vorliegende Buch tr\u00e4gt, obwohl in einem katholischen Verlag erschienen, gar kein kirchliches Imprimatur mehr. Bleibt der Obrigkeit \u00fcbrig, entweder gegen Herrmann (wie etwa gegen Hans K\u00fcng) zu intervenieren oder den bequemeren, heute immer \u00fcblicher gewordenen Weg des Totschweigens einzuschlagen.<br \/>Horst Herrmann in seinem Grundanliegen und seinem Stil eines Betroffenen vorzustellen er\u00fcbrigt sich, weil in diesem Heft von ihm ein gro\u00dfer Aufsatz ver\u00f6ffentlicht ist, der seine Gr\u00fcndlichkeit, seine Wahrhaftigkeit, sein Bekennertum hinreichend kenntlich macht: kein Zweifel, da\u00df er den Beruf des &#132;Professors&#148; in diesem urspr\u00fcnglichen Sinne versteht. Hier kann es nur darum gehen, sein Buch unseren Lesern so angelegen zu machen, da\u00df sie sich \u00fcber den Aufsatz hinaus ermutigt f\u00fchlen, tiefer in die Materie einzudringen.<br \/>Das &#132;unmoralische Verh\u00e4ltnis&#148;: der Titel, den er dem Buch gegeben hat, wird von Herrmann in alle Teilbereiche des geltenden Kirche-Staat-Verh\u00e4ltnisses erforscht. Die eigentliche Brisanz liegt gerade darin, da\u00df ein Kirchenrechts-Fachmann, ein rechtskundiger Theologe das &#132;Verh\u00e4ltnis&#148;, das doch eigentlich immer nur als staatsrechtliches, v\u00f6lkerrechtliches, verfassungsrechtliches behandelt und kritisiert wird, unter dem Aspekt der christlichen M o r a l untersucht, ohne dabei sein kirchenrechtliches Fachwissen zu vergessen. Herrmann sympathisiert dabei offen mit den Thesen der Jungdemokraten von 1973 und dem sogenannten Kirchenpapier der FDP \u00fcber eine &#132;freie Kirche in einem freien Staat&#148;, nicht weil er dort parteipolitisch engagiert w\u00e4re, sondern weil er erkennt, da\u00df in diesen von au\u00dferhalb der Kirche formulierten Vorstellungen m\u00f6glicherweise ein besseres Christentum vertreten sei (oder sich wiederf inden k\u00f6nne) als in den Positionen oder Abwehrreaktionen vieler &#132;Berufschristen&#148; und der amtskirchlichen Verfecher des Status quo.<br \/>Nach dem einleitenden Kapitel \u00fcber &#132;Vorbedingungen sittlichen Verhaltens&#148; folgen in zwei gro\u00dfen Hauptkapiteln (,&#130;Unverzichtbar moralische Grundlagen&#8220; &#151; leider kann kaum ein Autor mehr auf das Unwort &#132;unverzichtbar&#148; verzichten! &#151; und &#132;Spezialformen kirchenpolitischer Ethik&#148;) gr\u00fcndliche Spezialer\u00f6rterungen zu allen relevanten Sachproblemen des &#132;unmoralischen Verh\u00e4ltnisses&#148;. Fast in allen Unterabschnitten gelingt es Herrmann eine treffende, das &#132;Verh\u00e4ltnis&#148; entlarvende \u00dcberschrift zu formulieren; darunter so unverwechselbare wie: &#132;Heilige Gesch\u00e4ftspartner, oder: Besitzt Petrus ein Grundst\u00fcck in Rom?&#148; (zum Problem des nur scheinbar &#132;v\u00f6lkerrechtlichen&#148; Vertragspartners von Konkordaten, dem &#132;Heiligen Stuhl&#148; bzw dem Vatikan), und: &#132;Apostel Deutschlands, oder: Sind Di\u00f6zesen Polizeireviere?&#148; (zur Funktion der Bisch\u00f6fe, die sich einerseits als autorit\u00e4re F\u00fchrer gerieren, andererseits aber nur Erf\u00fcllungsgehilfen, &#132;Staatsanw\u00e4lte und Gerichtsvollzieher&#148; des r\u00f6mischen Zentralismus sind), und: &#132;Gelenkte Wahrheitssucher, oder: Forschen die Theologen in einem besetzten Land?&#148; (\u00fcber die Zwitterstellung der Theologieprofessoren zwischen Wissenschafts- und Forschungsfreiheit\u00a0 &#151;\u00a0 staatlich &#151; und verlangter Kirchenh\u00f6rigkeit &#151; vonseiten der Amtskirche); und: &#132;Verfassungstreue Schuldner, oder: Hat sich die Kirche etwa auf Rentenbasis enteignen lassen?&#148; (\u00fcber die &#132;ewige&#148; Fortdauer der staatlichen &#132;Leistungen&#148; an die Kirche aufgrund des &#132;Reichsdeputationshauptschlusses&#148; von 1803).<br \/>\u00dcberhaupt ist &#151; dies in Parenthese gesagt &#151; der Autor ungemein erfindungsreich in gl\u00e4nzenden, treffenden Formulierungen, die auch, wo sie pamphletistisch sind, immer hart an der Sache bleiben. Kritisch zu vermerken ist allenfalls eine gewisse Ressentiment-Haltung; etwa da, wo er sich &#151; ziemlich h\u00e4ufig &#151; selbst &#132;B\u00f6swilligkeit&#148; unterstellt, ironisch den erwartbaren Reaktionen seiner Kirchenoberen entgegenkommend; oder da, wo er &#151; ebenfalls \u00fcberh\u00e4ufig &#151; ironisch davon spricht, diese oder jene &#132;altkirchlich&#148; behauptete Position habe gewi\u00dflich eine &#132;biblische&#148; Grundlage (wobei eben das, was er selbst f\u00fcr biblisch fundiert h\u00e4lt, als ernstgemeint nicht allzu deutlich unterscheidbar ist). Auch darf bem\u00e4ngelt werden, da\u00df gelegentlich allzu selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt wird, unvoreingenommene Leser w\u00fc\u00dften, was bestimmte theologische oder &#132;christliche&#148; Fachausdr\u00fccke bedeuten. Der lesende Laie wird erst sp\u00e4t bemerken, was das dauernd benutzte Wort &#132;kenotisch&#148; f\u00fcr eine bestimmte christliche Verzichtshaltung (von Kenosis = &#132;Ent\u00e4u\u00dferung&#8220;), die dem Autor so wichtig ist, eigentlich wirklich meint. Protestantische Leser m\u00f6gen entt\u00e4uscht sein, da\u00df selbst ein progressiver Theologe, \u00fcberall, wo er sie ernst meint, immer nur von &#132;der Kirche&#148; spricht, obwohl es nur um die katholische der beiden Gro\u00dfkirchen geht.<br \/>Im einzelnen behandelt Horst Herrmann in den Hauptkapiteln: a) Die Probleme, die sich aus dem Reichskonkordat von 1933 ergeben; das eigentlich Unmoralische liegt ihm nicht so sehr darin, da\u00df dieser Vertrag, obgleich schlimm genug, .mit Hitler abgeschlossen wurde, sondern da\u00df in ihm Verh\u00e4ltnisse festgeschrieben wurden und von der Amtskirche ums Verrecken nicht aufgegeben werden wollen, die sowohl innerkirchliche Reformen wie ein neues Verh\u00e4ltnis zur demokratischen Republik unm\u00f6glich machen, &#151; b) Die rechtliche und christliche Problematik des vermeintlichen V\u00f6lkerrechtssubjektes &#132;Heiliger Stuhl&#148;. &#151; c) Die k\u00f6rperschaftliche Bevorrechtigung der Kirchen im Staat, obwohl sie nicht anders ein &#132;Verband&#148;, eine Lobby sind als etwa die Gewerkschaften. &#151; d) Die peinliche Abh\u00e4ngigkeit der &#132;Ortskirchen&#148; (hier der bundesrepublikanischen) von ;,vatikanischen Generalvertretern&#148;, den p\u00e4pstlichen Nuntien, die zugleich Botschafter beim Staat und Oberaufseher der &#132;Rechtgl\u00e4ubigkeit&#148; sind. &#151; e) Die ausgesprochen subalterne Rolle der Bisch\u00f6fe, e, die &#151; wenn sie sich auch als &#132;Nachfolger der Apostel&#8220; gerieren &#150; so sehr in Abh\u00e4ngigkeit stehen zum r\u00f6mischen &#132;Polizeipr\u00e4sidium&#148;, da\u00df sie diese nur durch &#132;klerikales Gouvernantentum&#148; und autorit\u00e4re Reaktionen nach unten, gegen\u00fcber dem &#132;Kirchenvolk&#148;, weitergeben k\u00f6nnen,\u00a0 &#151;\u00a0 f) Die Privilegierung des rot, violett oder auch nur schlicht schwarz gewandeten Klerus durch das &#132;Verh\u00e4ltnis&#148;, die zementiert wird, ob-wohl sie die berufenen &#132;Diener&#148; vom Kirchenvolk nachhaltig trennt. &#150; g) Die verfassungsrechtlich bestreitbare, kirchlich-christlich geradezu obsz\u00f6ne Organisation der Milit\u00e4rseelsorge hierzulande. &#150; h) Die &#132;Gelenktheit&#148; der verfassungsrechtlich eigentlich &#132;freien&#148; theologischen Forschung und Lehre an den Universit\u00e4ten durch ihr vertraglich gesichertes &#132;Verh\u00e4ltnis zur katholischen Beh\u00f6rde&#148;. &#150; i) Die von &#132;der Kirche&#148; schamlos in Anspruch genommenen, im Dunkeln gehaltenen staatlichen Leistungen, deren Abl\u00f6sung sie &#150; obwohl die Verfassung das vorsieht &#150; partout nicht w\u00fcnscht. &#150; j) Den anhaltenden Skandal des staatlichen Kirchensteuer-Systems, dessen Amoralit\u00e4t Herrmann weniger in den wennschondennschon systembedingten &#132;Ausw\u00fcchsen&#148; als darin sieht, da\u00df hier eine Kirche&#8220; (ohne jeden Vergleich zu einem anderen Land des Westens und Ostens) so tut, als sei es das selbstverst\u00e4ndlichste, sich durch eine Zwangssteuer aushalten zu lassen von einem vergleichsweise indifferenten &#132;Volk&#148;. &#150; Und k),1), m), n) &#8230; &#150; eine ganze Menge Probleme mehr.<br \/>Es liegt zwar nicht in der Natur der Sache, aber in der &#132;Natur&#148; der (gewollten) Versteinerung des &#132;Verh\u00e4ltnisses&#148;, da\u00df die Reformvorschl\u00e4ge, die der Autor selbst zu machen hat (und davon gibt es eine Menge &#150; am ausgef \u00fchrtesten in den Kapiteln \u00fcber die theologischen Fakult\u00e4ten und das Kirchensteuersystem), gleichsam verschlungen sind in den Clinch der Polemik gegen die \u00dcbermacht des &#132;Verh\u00e4ltnisses&#148;. Es macht die Verzweiflung des Autors deutlich, ob \u00fcberhaupt etwas zu \u00e4ndern ist &#150; die aber ist nicht nur subjektiv.<br \/>Trotzdem entwirft er im Schlu\u00dfkapitel &#132;Revolution\u00e4re Wendung zur Moral?&#148; eine an der &#132;Ent\u00e4u\u00dferung&#148; des Jesus von Nazaret orientierte andere Konzeption des &#132;Verh\u00e4ltnisses&#148;, die nicht auf Privilegierung d er K i r c h e, sondern auf das Sicheinlassen d e r\u00a0 C h r i s t e n in der Solidarit\u00e4t der Demokraten (auch der nichtchristlichen) auf ein &#132;offenes System&#148; abstellt. Eine Rechtsordnung des &#132;Verh\u00e4ltnisses&#148; kann f\u00fcr Herrmann prinzipiell nur eine (st\u00e4ndig \u00e4nderbare) Notordnung sein, die nicht einer Statusmoral, sondern einer &#132;Ver\u00e4nderungsethik&#148; verpflichtet ist. Kein Zweifel, da\u00df nur so die Christen wieder offen werden k\u00f6nnen f\u00fcr die Probleme &#132;dieser Welt&#148; und ihrer &#132;Mitbr\u00fcder&#148;; fast kein Zweifel aber auch, da\u00df die Amts-, die &#132;Altkirche&#148; alles tun wird, \u00d6ffnung um eine Offnung des Systems zu vermeiden &#150; und wenn sie daran zugrunde geht.<br \/>Gewi\u00df ist es nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern Wirklichkeit: Horst Herrmann, der etablierte Theologieprofessor, k\u00e4mpft gegen\u00fcber der Altkirche mit dem R\u00fccken an der Wand. Da es aber um eine &#132;neue christliche Souver\u00e4nit\u00e4t&#148;, einen Aufbruch zu neuen Ufern geht, hofft er gegen die Hoffnung, da\u00df das Christsein \u00fcbersteht gegen &#132;all die ,Absicherer&#8216; und ,Besitzstandswahrer&#8216; mit ihren Wohlstandssorgen&#148;. 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