{"id":12235,"date":"2003-09-30T23:00:00","date_gmt":"2003-09-30T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-11\/"},"modified":"2003-09-30T12:00:00","modified_gmt":"2003-09-30T10:00:00","slug":"editorial-11","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/editorial-11\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>Das Menschenrecht auf Bildung<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 163 (Heft 3\/2003) &#8211; S. 1-3<\/p>\n<p>Chancengleichheit &#8211; das war einmal das zentrale bildungspolitische Ziel der deutschen Linken. Auch Kindern aus Arbeiter- oder Migrantenfamilien sollte endlich der Weg in die oberen Etagen der Gesellschaft ge\u00f6ffnet werden. Verfolgt wurde dieses Projekt vor allem in den reformeuphorischen 1970er Jahren. Klaus von Dohnanyi, damals als Bildungsminister im Kabinett von Willy Brandt f\u00fcr die Bildungsreformen zust\u00e4ndig, res\u00fcmiert heute ern\u00fcchtert: &#8222;Was die Chancengleichheit angeht haben wir viel zu wenig erreicht, viel zu wenig. Wenn wir ehrlich sind, m\u00fcssen wir feststellen: Wir haben drei Jahrzehnte ungenutzt verstreichen lassen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Zahlen sind tats\u00e4chlich ern\u00fcchternd: Von 100 Kindern aus der Oberschicht gehen heute 84 aufs Gymnasium und danach 72 zur Universit\u00e4t. Aus den unteren Schichten werden nur ganze 33 auf die h\u00f6here Schule geschickt. An eine Universit\u00e4t schaffen es noch acht. Der Soziologe Michael Hartmann ver\u00f6ffentlichte im vergangenen Jahr eine Langzeitstudie \u00fcber die Berufskarrieren deutscher Eliten (vgl. die Rezension von Regina Vogel in dieser Ausgabe). Sein Fazit: Vier F\u00fcnftel der Topmanager, rund sechzig Prozent der hohen Richter und Beamten und gut die H\u00e4lfte der bundesdeutschen Professoren stammen aus dem B\u00fcrgertum, d.h. den oberen 3,5 Prozent der Gesellschaft. Fast jeder zweite Spitzenmanager entstammt sogar dem Gro\u00dfb\u00fcrgertum, das nur 0,5 Prozent der Gesamtgesellschaft ausmacht. Dabei sind sich alle Experten einig, dass es nicht das erh\u00f6hte Leistungsverm\u00f6gen dieser Gruppen ist, das sie in die gesellschaftlichen F\u00fchrungspositionen katapultiert, sondern ihre soziale Herkunft und die damit verbundenen Privilegien.<\/p>\n<p>&#8222;Kein Bildungssystem benachteiligt die Benachteiligten und bevorzugt die Bevorzugten so stark wie das deutsche&#8220;, schrieb k\u00fcrzlich der Soziologe Walter M\u00fcller. In der Tat leistet sich kein anderes europ\u00e4isches Land eine so fr\u00fche Selektion von Jahrg\u00e4ngen in angehende Professoren und Maurergehilfen wie Deutschland mit seiner beinahe hermetischen Trennung von Gymnasium, Haupt- und Realschule. Institutionen wie die Kinder f\u00fcr immer stigmatisierende Sonderschule sind unseren Nachbarl\u00e4ndern ebenfalls weithin unbekannt. Auch \u00fcberl\u00e4sst keine andere OECD-Demokratie den Eltern so viel Freiraum bei der vorschulischen Erziehung ihrer Kinder, wie Deutschland dies tut. Kommen die M\u00e4dchen und Jungen mit sieben Jahren endlich in die Schule, hat die h\u00e4usliche Erziehung in Mittelklasse-Familien oft bei den Kindern Fundamente gelegt, die minderprivilegierte Altersgenossen nie wieder einholen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ge\u00e4ndert wurde an diesen Ungerechtigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie nichts. Zudem war das Thema lange von der Agenda verschwunden. Nun kehrt es im Zuge der Gerechtigkeits- und Sozialstaatsdebatte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dieses Heft der Vorg\u00e4nge dokumentiert die Referate des Kongresses Das Recht auf Bildung gilt f\u00fcr alle Menschen, den die Gustav Heinemann-Initiative (GHI), die Humanistische Union (HU) und das Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie am 8. und 9. Mai 2003 im Wissenschaftszentrum Berlin veranstaltet haben. Erg\u00e4nzt wurden sie durch weitere Wortmeldungen zum Thema: Michael Vester zeigt in seinem Grundsatzartikel, wie es um die Bildungschancen und -strategien der verschiedenen gesellschaftlichen Milieus im Deutschland der PISA-Debatten steht. Frank-Olaf Radtke geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie die Qualit\u00e4t der Schule und zugleich der gerechte Zugang zu Bildungsangeboten in Deutschland neu und besser organisiert werden k\u00f6nnen: In den Schulen vor Ort, also im lokalen Bereich, sollte es eine st\u00e4ndige \u00dcberpr\u00fcfung dieser beiden Ziele geben. Ingo Richter pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Erwartungen an ein Menschenrecht auf Bildung nicht zu hoch zu schrauben und stattdessen auf den pragmatischeren Weg eines Evaluationsrechts f\u00fcr Bildungsangebote zu setzen.<\/p>\n<p>Dieter Wunder lotet die Chancen aus, welche unserem Bildungssystem durch einen endlich ernst genommenen und selbstbewusst gelebten F\u00f6deralismus entstehen w\u00fcrden. Jutta Roitsch fragt sich, warum die Lehrlinge immer noch die S\u00fcndenb\u00f6cke einer falsch konzipierten Bildungspolitik sind. Christoph Butterwegge analysiert den Zusammenhang von Globalisierung und politischer Bildung. Ekaterina Kouli macht konkrete Reformvorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Modernisierung der schulischen und beruflichen Bildung. Ulrike Lehmkuhl weist darauf hin, dass die Bildungsreformen schon im Kindergarten beginnen m\u00fcssen, keinesfalls aber aus diesem eine rein der Leistung verpflichtete Anstalt machen d\u00fcrfen. Den Stammvater deutscher Bildungsdebatten ruft Teresa L\u00f6we ins Ged\u00e4chtnis: Sie analysiert, wie Georg Picht in den 1950er Jahren versuchte, Einfluss auf die deutsche Bildungspolitik zu bekommen &#8211; was ihm schlie\u00dflich mit seiner Deutschen Bildungskatastrophe 1964 gelingen sollte. Neben diesen Beitr\u00e4gen drucken die vorg\u00e4nge das gemeinsame bildungspolitische Manifest der drei B\u00fcrgerrechtsorganisationen Gustav Heinemann-Initiative, Humanistische Union und Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie. Aus diesem Dokument geht hervor, was in unserem Land geschehen muss, um unser Bildungssystem gerechter, moderner, flexibler und durchl\u00e4ssiger zu machen. Ein aktueller Literaturbericht beschlie\u00dft den Thementeil dieses Heftes. Barbara Hahn beschreibt im Essay anhand zweier Fallbeispiele die Wiederbegegnung von Menschen nach der Epochenscheide 1945: Im Deutschland der 1930er Jahre zuvor einander nahe gewesen, mussten die einen emigrieren, w\u00e4hrend die anderen blieben. War nun, nach Holocaust und Kriegsende, ein Neuanfang m\u00f6glich?<\/p>\n<p>In den Kommentaren und Kolumnen analysiert Olaf Asbach den aktuellen Zustand des V\u00f6lkerrechts. Henri Band geht der \u00fcberraschenden Wiedergeburt der Ostprodukte nach, w\u00e4hrend Celalettin Kartal nach der m\u00f6glichen Verbindung von Islam und Menschenrechten fragt. Joachim Perels erinnert an den katholischen Publizisten Eugen Kogon, w\u00e4hrend Klaus Waterstradt \u00fcber ein Thema schreibt, das ihn bereits seit 25 Jahren besch\u00e4ftigt: die Zuzahlung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Buchrezensionen runden das Heft ab.<\/p>\n<p>Allumfassend bildende Lekt\u00fcre w\u00fcnschen<\/p>\n<p><i>Thymian Bussemer und Alexander Cammann<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2252],"publikationen":[1207],"class_list":["post-12235","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thymian-bussemer-und-alexander-cammann","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/editorial-11\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das Menschenrecht auf Bildung aus: vorg\u00e4nge Nr. 163 (Heft 3\/2003) &#8211; S. 1-3 Chancengleichheit &#8211; das war einmal das zentrale bildungspolitische Ziel der deutschen Linken. 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