{"id":12274,"date":"2003-09-30T10:05:00","date_gmt":"2003-09-30T08:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/eugen-kogon-ein-christlicher-aufklaerer\/"},"modified":"2003-09-30T12:00:00","modified_gmt":"2003-09-30T10:00:00","slug":"eugen-kogon-ein-christlicher-aufklaerer","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/eugen-kogon-ein-christlicher-aufklaerer\/","title":{"rendered":"Eugen Kogon. Ein christlicher Aufkl\u00e4rer"},"content":{"rendered":"<p>Erinnerungen im hundertsten Geburtsjahr<\/p>\n<p>aus: Vorgang Nr. 163 ( Heft 3\/2003), S. 122-123<\/p>\n<p>Erinnerungen im hundertsten Geburtsjahr<\/p>\n<p>Eugen Kogon verk\u00f6rperte ein anderes Deutschland, das auch nach Hitler vielfach nicht Realit\u00e4t wurde. In dieses Jahr fiel sein 100. Geburtstag, am 2. Februar. Doch seine Bedeutung ist kaum mehr im allgemeinen Bewusstsein. Weder in der Zeit noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde an Kogon erinnert. Im letzten Rundbrief der Deutschen Vereinigung f\u00fcr Politische Wissenschaft erscheint er im Wesentlichen als ein &#8211; in der Forschung wenig engagierter &#8211; Publizist, der aus ethischem Antrieb handelte. So wird seine analytische Kompetenz selbst in der eigenen Zunft eher verkannt als gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Kogons gro\u00dfes Buch Der SS-Staat, geschrieben in nur vier Monaten nach langer Haft im Konzentrationslager Buchenwald, erscheint 1946. Es \u00f6ffnet die Augen f\u00fcr die Mechanismen der Entw\u00fcrdigung, der Rechtlosigkeit und des staatlich pr\u00e4mierten Sadismus in Hitler-Deutschland. Als Grundlagenbuch \u00fcber die NS-Herrschaft wird es sogleich von Max Horkheimer und Hannah Arendt rezipiert.<\/p>\n<p>Kogons Wesen tritt in seiner Sprache hervor. Sie ist unpolemisch und schmerzend genau, doch frei von Hass. Seine wissenschaftliche und politische Haltung &#8211; die urspr\u00fcnglich konservativ und durch st\u00e4ndestaatliches Denken gepr\u00e4gt ist, das er jedoch in der Diskussion mit H\u00e4ftlingen aus der Arbeiterbewegung \u00fcberwindet &#8211; gr\u00fcndet in einer christlichen \u00dcberzeugung, die er in seiner Jugend unter dem Einfluss von Dominikanern und Benediktinern ausbildete. Der Geist der Bergpredigt, die Weisung, Barmherzigkeit gegen\u00fcber jenen zu \u00fcben, die um ihres Gerechtigkeitswillens verfolgt werden, sind f\u00fcr Kogon die Leitschnur. Die \u00dcberwindung des Nationalsozialismus wird ihm zur Lebensaufgabe.<\/p>\n<p>1946 gr\u00fcndet er gemeinsam mit Walter Dirks die <i>Frankfurter Hefte<\/i>, die bald eine Auflage von \u00fcber f\u00fcnfzigtausend ExempIaren er-reichen. Vor allem in dieser Zeitschrift entwikkelt Kogon, zun\u00e4chst als Mitglied der CDU, Perspektiven f\u00fcr eine deutsche Demokratie, welche die gesellschaftlichen Fundamente des Dritten Reiches durch einen vom Sowjetsystem klar unterschiedenen &#132;Sozialismus der Freiheit&#8220; aufhebt. Aktiv verficht er die europ\u00e4ische Einigung, die er wie seine H\u00e4ftlingskameraden als konstruktive Antwort auf den m\u00f6rderischen Nationalismus der Politik Hitlers versteht.<\/p>\n<p>Kogon macht sich jedoch keine Illusionen. Er analysiert den Widerstand, den Nutznie\u00dfer und Sympathisanten des NS-Regimes gegen die Demokratie leisten. In der ersten Nummer der<i> Frankfurter Hefte<\/i> beschreibt er in einem Exempel jene Tendenz, die der Aufarbeitung der Vergangenheit entgegenwirkt: &#132;Wo immer man in Deutschland heute, sei es in der Stra\u00dfenbahn oder im Eisenbahnabteil [&#8230; ] oder sonst wo, von Kriegsgefangenen h\u00f6rt, denen es im Sommer 1945 in einzelnen Lagern, teilweise schlecht ging [&#8230; ], da spricht das Herz in Worten mit &#8211; emp\u00f6rt oder mitleidsvoll. Berichte aus den Konzentrationslagern erwecken in der Regel h\u00f6chstens Staunen oder ungl\u00e4ubiges Kopfsch\u00fctteln; sie werden kaum zu einer Sache des Verstandes, geschweige denn zum Gegenstand aufw\u00fchlenden Empfindens.&#8220;<\/p>\n<p>Seit 1951 Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt, geh\u00f6rt Kogon zu den Gr\u00fcndungsv\u00e4tern der Politischen Wissenschaft in der jungen Bundesrepublik, die sich gegen viele Widerst\u00e4nde als Demokratiewissenschaft zu etablieren versucht. Trotz seines gro\u00dfen Wirkungsgrades als Wissenschaftler, als kommentierender und redigierender Publizist, in dessen Zeitschrift Adorno, B\u00f6ll und Heinemann schreiben, als Leiter der Fernsehsendung &#132;Panorama&#8220;, bleibt Kogon in der Bundesrepublik ein Au\u00dfenseiter, der kritische Positionen gegen\u00fcber machtpolitischen Tendenzen wie dem Plan einer exekutivstaatlich orientierten Notstandsgesetzgebung einnimmt. Als die weitgehende Wiederherstellung des Staats- und Wirtschaftsapparats des Dritten Reiches zu Beginn der f\u00fcnfziger Jahre vollendet ist, schreibt Kogon einen bitteren Artikel: &#132;Die stille allm\u00e4hliche, schleichende, unaufhaltsame Wiederkehr der Gestrigen scheint das Schicksal der Bundesrepublik zu sein. [&#8230; ] Sie [die Altnazis; J. P:] lassen sich einzeln auf den hohen, reihenweise auf den mittleren Sesseln der Verwaltung, der Justiz und der Verb\u00e4nde nieder. In der Wissenschaft halten sie ohnehin die Hebel in ihren H\u00e4nden [&#8230; ] Allzuviele 131er [die Elite der NS-Verwaltung, die durch das 131er-Gesetz wieder in den bundesdeutschen Staatsdienst einr\u00fcckte; J. F.], haben \u00fcber allzuviele 45er bereits gr\u00fcndlich gesiegt.&#8220;<\/p>\n<p>Eugen Kogon besa\u00df &#8211; obwohl er in Tr\u00e4umen immer wieder von den Erinnerungen an die Zeit im Lager gepeinigt wurde &#8211; doch einen fast unverw\u00fcstlichen, antizipatorischen Optimismus, der Ansatzpunkte f\u00fcr die, wie er es nannte, Herstellung von Bedingungen der Humanit\u00e4t verfolgte. Lange vor der neuen Ostpolitik Willy Brandts entwickelte er, vor allem auf Studienreisen, Kontakte in die Sowjetunion, um den Weg daf\u00fcr zu bereiten, dass zu dem von Hitler am meisten zerst\u00f6rten Land, dessen System von Adenauer als Todfeind bezeichnet wurde, eine partnerschaftliche Beziehung in einem neuen europ\u00e4ischen Haus entstehen konnte.<\/p>\n<p>Am Ziel gesellschaftlicher Neuordnung hielt Eugen Kogon bis zum Schluss fest. In einer F\u00fclle von Arbeiten \u00fcber die Rolle der Technik verwies er darauf, dass die einseitige wirtschaftlich-technische Rationalit\u00e4t, die in der Produktion milit\u00e4rischer Zerst\u00f6rungsmittel von Atomwaffen bis zu Streubomben ihren unmittelbarsten Ausdruck findet, die Humanit\u00e4t gesellschaftlicher Zwecke zerst\u00f6rt. Er forderte ein &#132;\u00fcberfachliches Problembewusstsein&#8220;, das sich &#132;vom Geschichtspunkt der Humanisierung als gesellschaftlicher Norm&#8220; leiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Kogon ist unserer Zeit, in der das Denken in produktiven Utopien fast versiegt ist, immer noch voraus. Sein Geburtstag kann Anlass sein, seine vielf\u00e4ltigen Arbeiten, die in einer im Quadriga-Verlag erschienenen Gesamtausgabe zug\u00e4nglich sind, neu zu studieren.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[427],"publikationen":[1207],"class_list":["post-12274","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-joachim-perels","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Eugen Kogon. 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