{"id":12287,"date":"1986-01-31T17:00:00","date_gmt":"1986-01-31T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/friedensbewegung-im-gesundheitswesen\/"},"modified":"1986-01-31T12:00:00","modified_gmt":"1986-01-31T11:00:00","slug":"friedensbewegung-im-gesundheitswesen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/friedensbewegung-im-gesundheitswesen\/","title":{"rendered":"Friedensbewegung im Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"<p>Kommentar<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S. 28-30<\/p>\n<p>Dies ist ein schwacher Ruf. Oder ist es vielleicht doch ein starker Ruf? Urspr\u00fcnglich hie\u00df es: \u00c4rzte warnen vor dem Atomkrieg. Warum warnen \u00c4rzte vor dem Krieg? &#8211; Krieg ist doch keine Krankheit!<\/p>\n<p>Und warnen sie etwa nur vor dem Atom-Krieg? Nun, Pazifisten gab es schon immer. Und seit der Anti-Atomkraft-Bewegung und der \u00d6kologie-Bewegung gab es auch allenthalben Friedensinitiativen im Gesundheitswesen. Damit kann jeder Staat leben.<\/p>\n<p>Als aber \u00c4rzte sich zusammenfanden und das Ansehen ihres Berufsstandes in der \u00d6ffentlichkeit in die Waagschale warfen, um au\u00dferparlamentarisch Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten, sich und andere zu informieren, da wurden die Medien, die Abgeordneten, die Regierenden hellh\u00f6rig.<\/p>\n<p>Schlagworte wie: &#8222;Die \u00dcberlebenden werden die Toten beneiden&#8220; und &#8222;Wir werden Euch nicht helfen k\u00f6nnen!&#8220; bewirkten in weiten Bev\u00f6lkerungskreisen Nachdenken und Zustimmung. Dadurch wurden alle Friedensinitiativen im Gesundheitswesen gest\u00e4rkt und wuchsen weiter an.<\/p>\n<p>Der 5. Kongre\u00df zur Verhinderung des Atomkrieges vom 31.10. bis 3.11.85 in Mainz wurde veranstaltet von der Friedensinitiative im Gesundheitswesen Mainz\/Wiesbaden zusammen mit der IPPNW (Deutsche Sektion der internationalen \u00c4rzte zur Verhinderung des Atomkriegs).<\/p>\n<p>Folgerichtig hie\u00df das Motto jetzt: Wir warnen vor dem Atomkrieg, weil alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die in der Friedensbewegung aktiv sind, den Aufruf mittragen. Der Untertitel lautete: &#8222;R\u00fcstungsstop! Abr\u00fcsten!&#8220;. Das Verhandlungsthema war erheblich ausgeweitet worden, z.B. auf Einsch\u00e4tzungen der Krankenschwestern und des Pflegepersonals oder etwa auf &#8222;die dritte Welt und der Krieg&#8220;. Der Kongre\u00df wies gegen\u00fcber seinen Vorg\u00e4ngern weitere Besonderheiten auf, 1981 fand der erste Medizinische Kongre\u00df in Hamburg statt, 1982 folgte Berlin, dann 1983 M\u00fcnchen, Das Echo auf den 4. Medizinischen Kongre\u00df 1984 in T\u00fcbingen war besonders gro\u00df. So entstand die Ausweitung des Arbeitsgebietes. Etwa 60 Arbeitsgruppen und Seminare behandelten jetzt spezielle Fragen wie SDI, West-Ost-Kontakte, Zivilschutz, Beziehungen zur Gesamt\u00e4rzteschaft, Frauen und Militarisierung, allt\u00e4gliche Gegenwehr, Friedenserziehung, Bundeswehr und vor allem die am meisten besuchten psychologischen Fragenkomplexe.<\/p>\n<p>Die Einzelreferate z.B. von Till Bastian, Alfred Mechtersheimer, Ulrich Gottstein, Andreas Zumach, Horst Eberhard Richter, Gert Bastian, Hans Ulrich Deppe, Elvira Kleine, Christa Nickels, Barbara H\u00f6vener, Scott Mills, Knut Sroka und Karl Bonhoeffer erscheinen im Druck zusammen mit dem Einf\u00fchrungsvortrag von Peter R\u00fchmkorf: &#8222;Bleib ersch\u00fctterbar und widersteh!&#8220;<\/p>\n<p>Die Brosch\u00fcre kann \u00fcber die Gesch\u00e4ftsstelle der IPPNW Bahnhofstr. 24 in 6501 Heidesheim bezogen werden.<\/p>\n<p>Das Wiesbadener Tagblatt schrieb: &#8222;Kein \u00c4rztekongre\u00df, sondern ein St\u00fcck Friedensbewegung&#8220;. Das Presse-Echo war ungew\u00f6hnlich gro\u00df (die Bericht-Ausschnitte f\u00fcllen drei Ordner!), sicherlich auch mitbedingt durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an die internationale \u00c4rzteorganisation.<\/p>\n<p>Um so befremdender ist die offizielle Reaktion. Der parlamentarische Staatssekret\u00e4r im Bundesinnenministerium C.D. Spranger sagte seine Teilname an der vorgesehenen Podiumsdiskussion: &#8222;Ein neues Zivilschutzgesetz &#8211; humanit\u00e4re Pflicht oder Kriegsvorbereitung?&#8220; ab. Da sein Ministerium die Gesetzesvorlage bearbeitet, h\u00e4tte gerade er die demokratische Pflicht gehabt, seine Intentionen \u00f6ffentlich zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Stattdessen verfa\u00dfte er nach mehrfachen Anmahnungen auf \u00fcber drei Schreibmaschinenseiten Tatsachenverdrehungen und Unterstellungen wie &#8222;Inhumanit\u00e4t&#8220; zusammen mit Ratschl\u00e4gen \u00fcber den &#8222;\u00e4rztlichen Auftrag&#8220;, um sein Kneifen vor dieser Auseinandersetzung zu begr\u00fcnden. Der Brief traf \u00fcbrigens bis zum Kongre\u00dfbeginn bei uns als Veranstalter nicht ein: Wir erhielten ihn von den Medien.<\/p>\n<p>Wie stark die Gegner der Friedensbewegung von den Sachargumenten getroffen wurden, zeigt der Versuch des CDU-Generalsekret\u00e4rs H. Gei\u00dfler, davon abzulenken durch die bew\u00e4hrte primitive Kommunismus-Unterstellung und durch seine Reklamation beim Friedensnobelpreiskomitee in Oslo, das sich auf solche Diskussion noch nie eingelassen hat.<\/p>\n<p>Da\u00df sich an diesen Protest neben einigen Gesinnungsfreunden noch der Kanzler Kohl anh\u00e4ngen mu\u00dfte, zeigt einmal mehr dessen mangelndes Fingerspitzengef\u00fchl und nat\u00fcrlich das seiner Berater. Die Ohrfeige aus Oslo mit dem Bezug auf Kanzler Hitler&#8217;s Protest vor 49 Jahren anl\u00e4\u00dflich der Friedensnobelpreisverleihung an den KZ-H\u00e4ftling Carl von Ossietzky f\u00fchrte hier aber kaum zur Wangenr\u00f6tung.<\/p>\n<p>Um den Alltag mit einzubeziehen, wurde am 2.11., einem verkaufsoffenen Samstag, eine gro\u00dfe Innenstadtaktion in Wiesbaden durchgef\u00fchrt. Etwa 1500 Kongre\u00dfteilnehmer hatten im Sonderzug den Rhein \u00fcberquert, um die Verbundenheit mit den dortigen Friedensinitiativen zu unterstreichen und um auf die Anh\u00e4ufung milit\u00e4rischer Einrichtungen in der gesamten Rhein-Main-Region hinzuweisen.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte und modernste amerikanische Milit\u00e4r-Hospital au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten liegt in Wiesbaden und gestaltet sich als Angelpunkt aller US-Aktionen in Europa, Afrika und Vorderasien, einschlie\u00dflich der &#8222;schnellen Eingreiftruppe&#8220;, da solche Eins\u00e4tze ohne die Stationierung des Hospitals gar nicht m\u00f6glich w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was viele Menschen bei uns nicht wissen: entgegen den urspr\u00fcnglichen NATO-Vertr\u00e4gen hat sich die BRD im Br\u00fcsseler Beschlu\u00df vom 13.5.1981 verpflichtet, auch au\u00dferhalb des NATO-Gebietes zu operieren. Au\u00dferdem ist sie durch einen weiteren Vertrag (Wartime-host-nation-support-Abkommen vom 15.4.82) dazu verpflichtet, bei milit\u00e4rischen Operationen Unterst\u00fctzung zu gew\u00e4hren. So wird unser Land unversehens zum Aufmarschgebiet, zur Startrampe und zur Drehscheibe f\u00fcr Eins\u00e4tze im Nahen Osten, die ohne Nachschub und ohne medizinische Versorgung unm\u00f6glich w\u00e4ren. Der Flugplatz Erbenheim, jetzt schon eine erhebliche Bel\u00e4stigung f\u00fcr 50.000 im unmittelbaren Umfeld lebende Menschen, soll auf die dreifache Hubschraubermenge gebracht werden, wogegen sich eine B\u00fcrgerinitiative von 7.500 B\u00fcrgern wendet. Das Land Hessen klagt beim Bund auch wegen der Gef\u00e4hrdung der Flugsicherheit von &#8222;Rhein-Main&#8220;.<\/p>\n<p>Direkt neben den St\u00e4dtischen Kliniken in Wiesbaden ist das 333. Art. Btl. des V. US-Corps stationiert, das mit operativ-taktischen Lance-Atomraketen ausger\u00fcstet ist (Versto\u00df gegen Art. 18 der Genfer Konvention vom 12.8.49). Solche Zentren sind sichere Ziele m\u00f6glicher Gegenschl\u00e4ge. Auch gef\u00e4hrden die st\u00e4ndigen Transporte von Atomraketen die Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Alles in Allem wurde deutlich gemacht, da\u00df bei den beiderseits in Ost und West gepflegten Feindbildern und bei den beiderseits aufgestauten A-, B- und C-Massenvernichtungsmitteln ohne v\u00f6llige Kehrtwendung der absolute Holocaust nicht zu umgehen ist.<\/p>\n<p>Es gibt ja Menschen, die ihre Hoffnung auf die M\u00f6glichkeit eines begrenzten, konventionellen Krieges bauen. Was ist allein das schon f\u00fcr eine Perversion des Denkens, f\u00fcr eine unmenschliche Denkweise! Aber sie \u00fcbersehen dabei: Da\u00df jede Seite dieser in absoluten Feindbildern Denkenden im Falle eines eintretenden Nachteils im konventionellen Kriegesgeschick das n\u00e4chsth\u00f6here Waffenregister zieht, solange bis der gro\u00dfe Atomknall da ist. Man darf nicht unterliegen &#8211; man mu\u00df siegen!<\/p>\n<p>Diese wahnwitzige Ideologie beherrscht das Handeln der Regierenden.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite versucht man uns einzureden, durch weitere R\u00fcstung, durch Bunkerbau, durch Zivilschutz h\u00e4tten wir Chancen zu \u00fcberleben. Und dies war der Grund, warum wir bereits den f\u00fcnften Medizinischen Kongre\u00df zur Verhinderung des Atomkrieges machen. Wir sind f\u00fcr Notfallmedizin &#8211; ganz selbstverst\u00e4ndlich, aber wir sind gegen Kriegsmedizin, gegen alle kriegsvorbereitenden Ma\u00dfnahmen, gegen kriegsvorbereitenden Bunkerbau und gegen kriegsvorbereitende R\u00fcstung. Es ist medizinische Pflicht, rechtzeitig vorzubeugen und nicht erst Heilungsversuche zu machen, wenn keine Aussicht mehr auf Erfolg besteht.<\/p>\n<p>Der Krieg mu\u00df ge\u00e4chtet werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[6],"tags":[678,667],"autoren":[352],"publikationen":[1271],"class_list":["post-12287","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-frieden","tag-frieden","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-waterstradt","publikationen-79-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Friedensbewegung im Gesundheitswesen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/friedensbewegung-im-gesundheitswesen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Friedensbewegung im Gesundheitswesen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kommentar aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S. 28-30 Dies ist ein schwacher Ruf. 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