{"id":12289,"date":"1971-12-31T20:00:00","date_gmt":"1971-12-31T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/fritz-bauer-und-der-fritz-bauer-preis\/"},"modified":"1971-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1971-12-31T11:00:00","slug":"fritz-bauer-und-der-fritz-bauer-preis","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/11-vorgaenge\/publikation\/fritz-bauer-und-der-fritz-bauer-preis\/","title":{"rendered":"Fritz Bauer und der &#8222;Fritz-Bauer-Preis&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 11-12\/1971 S. 382- 383<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren!<br \/>Mit der Verleihung eines Preises wird nicht allein das Wirken und Schaffen einer Einzelpers\u00f6nlichkeit &#8211; des jeweiligen Preistr\u00e4gers &#8211; gew\u00fcrdigt. Jede Verleihung tr\u00e4gt zugleich die Ehrung desjenigen Menschen in sich, der dem Preis seinen Namen, Inhalt und seine W\u00fcrde gibt.<br \/>Wenn die Humanistische Union dem von ihr gestifteten Preis den Namen Fritz Bauers gab, so kann das nicht nur eine Deklaration sein; die jeweilige Verleihung ist auch &#8211; wie die Juristen sagen &#8211; eine konkludente Handlung. Geehrt wird damit nicht allein eines ihrer bedeutendsten Gr\u00fcndungsmitglieder. Die Stiftung des Preises ist vielmehr ein Bekenntnis zur Verk\u00f6rperung der tragenden Idee dieser Vereinigung: des k\u00e4mpferischen Strebens nach Humanit\u00e4t, verk\u00f6rpert in der Person des Menschen Fritz Bauer.<br \/>An diesem Manne schieden und scheiden sich die Geister. Nicht nur zu seinen Lebzeiten, auch heute bedeutet die Entscheidung, sich an seine Seite zu stellen, das Bekenntnis zu besonnener Klugheit und mitmenschlicher Anteilnahme, zu Ratio und Herzlichkeit, &#8211; zur Menschlichkeit. Und: solange es Menschen gibt, die den derzeitigen Zustand dieser Welt opportunistisch oder resigniert hinnehmen und sich lediglich darin zu etablieren trachten, und andererseits solche, die das Streben und die Hoffnung nach einer besseren und gerechteren Welt nicht aufgeben, werden sich auch in Zukunft die Geister an Fritz Bauer scheiden.<br \/>Wenn man sich heute noch einmal erinnert an die ersten Tage und Wochen nach seinem Tod im Juni 1968, sich die Reden in Erinnerung ruft und das \u00fcber seinen Tod Geschriebene nachliest, dann wird auch eine tragische Zwiesp\u00e4ltigkeit deutlich. Nicht etwa eine Zwiesp\u00e4ltigkeit von Vernunft und Herzlichkeit, die so manchen zu unrecht qu\u00e4lt. Hierin hat f\u00fcr Fritz Bauer nie ein Widerspruch gelegen, denn die Entscheidung oder der ihm nat\u00fcrlich gegebene Impuls f\u00fchrte allemal zum Wirken im Sinne der Humanitas. Wer sein Denken, seine B\u00fccher und Schriften und sein Handeln kennt, wei\u00df, dass f\u00fcr Fritz Bauer die vern\u00fcnftige Entscheidung immer diejenige war, die dem Menschen in der Gesellschaft Leiden erspart, Leiden nimmt oder sie doch zumindest mildert, &#8211; und das ist stets auch die menschlichste. Fritz Bauer lebte getreu dem Grundsatz, den der polnische Dichter Stefan Zeromski in folgende zutreffende Worte gefasst hat:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#132;Der Mensch ist eine heilige Sache, der niemand ein Leid zuf\u00fcgen darf. Jeder kann tun was er will, nur darf er einem anderen Menschen kein Leid zuf\u00fcgen.<br \/>Der Ma\u00dfstab dessen was Leid ist liegt im Gewissen, liegt im menschlichen Herzen.&#148;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Zwiespalt lag f\u00fcr Fritz Bauer nicht in der privaten Haltung gegen\u00fcber dem einzelnen Mitmenschen, er lag nicht einmal in den gedanklichen Grundlagen und ethischen Fundamenten seiner Arbeit f\u00fcr das Recht und eine bessere Gesellschaft; der Zwiespalt klafft vielmehr f\u00fcr den \u00fcber sein pers\u00f6nliches Leben hinauswirkenden, praktisch t\u00e4tigen und \u00fcberragenden Menschen zwischen der so h\u00e4ufigen Vergeblichkeit pers\u00f6nlicher Erkenntnisse und pers\u00f6nlichen Handelns und dem Unverstand und der Unzul\u00e4nglichkeit der Umwelt, und nicht zuletzt dem Hass der B\u00f6swilligen.<br \/>Diese Problematik zeigt sich &#8211; vielfach unbewusst &#8211; selbst in den \u00c4u\u00dferungen wohlmeinender Stimmen; &#8211; gelegentlich sogar in der seinerzeit sonst aufrichtigen Trauer in Nachrufen und in wissenschaftlichen Aufs\u00e4tzen derjenigen, die grunds\u00e4tzlich oder scheinbar grunds\u00e4tzlich den Ausgangspunkt seines Denkens mit ihm teilten. Selbst die Gutwilligen scheint h\u00e4ufig der Gedanke zu qu\u00e4len, Fritz Bauer habe als ein Vertreter der d\u00e9fense sociale einen Widerspruch nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Gemeint ist ein Widerspruch zwischen dem theoretischen Ansatz dieser kriminalpolitischen Lehre, n\u00e4mlich nur dann staatliche Sanktionen zu setzen, wenn ein Mensch ein sozial feindlicher Mensch ist und seine Behandlung zur Resozialisierung notwendig erscheint, &#8211; dem widerspreche, so sagen manche, das Handeln des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer gegen\u00fcber den nationalsozialistischen Gewaltt\u00e4tern. Der Verst\u00e4ndige wei\u00df, dass hier in Wahrheit kein Widerspruch liegt. Einmal abgesehen von dem Bem\u00fchen, in den Prozessen gegen nationalsozialistische Verbrechen eine Katharinas der Deutschen zu vollziehen, abgesehen auch davon, dass wir uns jeglichen Anspruchs beg\u00e4ben, ein Verbrechen unserer Tage zu ahnden, sofern wir uns nicht mit den Verbrechen aus Deutschlands dunkelster Zeit Auseinandersetzen, m\u00fcssen wir vielmehr gerade unter Zugrundelegung der von Fritz Bauer vertretenen Auffassung der d\u00e9fense sociale erkennen, dass diese, jedem Befehl h\u00f6rigen und zu gr\u00f6\u00dften Verbrechen manipulierbaren Menschen nicht schon resozialisiert sind, nur weil sie inzwischen vielleicht sittsam angepasst einem Beruf nachgehen &#8211; angepasst jeder beliebigen Gesellschaftsform &#8211; , sondern dass sie in ihrem ungewandelten Wesen, ihren unver\u00e4nderten, dem Rechtsstaat feindlichen \u00dcberzeugungen und ihrem un\u00fcberzeugbaren Unverstand in dieser st\u00e4ndig durch R\u00fcckfall in die Barbarei gef\u00e4hrdeten Welt eine Gefahr f\u00fcr eine demokratische und soziale Rechtsgemeinschaft sind.<br \/>Gerade aber in der aus dieser Erkenntnis folgenden Konsequenz lag die Qual und manchmal die Verzweiflung des Menschen Fritz Bauer, der seinem nat\u00fcrlichen Wesen nach gerade keine Ankl\u00e4ger- sondern eine Verteidigernatur war, &#8211; der als elfj\u00e4hriges Kind in einem Schulaufsatz auf die Frage, was er einmal werden wolle, antwortete: &#132;Oberstaatsanwalt&#148;, weil er sich damals darunter einen &#132;besseren Rechtsanwalt&#148; vorstellte. Was seine Feinde nicht glauben wollen, jeder aber, der ihm einmal begegnete, blo\u00dfen Auges erkennen konnte, war der Widerstreit in ihm zwischen verzeihender G\u00fcte und den Konsequenzen aus dem Recht, &#8211; und zwar jedem T\u00e4ter gegen\u00fcber, auch dem nationalsozialistischen Gewaltt\u00e4ter, weil er sich stets bewusst war, dass das Recht vor der oft unl\u00f6sbar erscheinenden Aufgabe steht, das Schicksal des Einzelmenschen mit dem Wohle der menschlichen Gesellschaft in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Geradezu ein Kulminationspunkt dieser Problematik liegt im Strafvollzug; ihm gilt das Wirken der Preistr\u00e4gerin dieses Tages. Ihre Verdienste haben aus berufenerem Munde ihre W\u00fcrdigung erfahren. In dieser W\u00fcrdigung ist auch davon gesprochen worden, dass Sie, sehr verehrte Frau Wolf, auch Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt gewesen sind. Ein gro\u00dfer deutscher Dichter hat einmal gesagt, dass jemand der sich anschicke, etwas Gutes und Edles zu tun, nicht erwarten d\u00fcrfe, dass die Menschheit ihm Steine aus dem Weg r\u00e4ume. Deshalb spricht es f\u00fcr Ihren gro\u00dfen Idealismus, wenn Sie trotz Schwierigkeiten mit gro\u00dfer Beharrlichkeit und Konsequenz Ihre edlen und humanen Ziele verfolgten.<br \/>Meine sehr verehrten Damen und Herren, wer wollte bestreiten, dass der Strafvollzug reformbed\u00fcrftig ist. Doch gerade auf diesem Gebiet gelten Schillers Worte: &#132;Hart im Raume sto\u00dfen sich die Sachen.&#148; Es ist eine der einschneidendsten Ma\u00dfnahmen gegen einen Menschen, ihm die Freiheit zu nehmen. Der Frage, wie dieser Zustand sowohl im Sinne des Art. 1 unserer Verfassung &#8211; n\u00e4mlich unter Wahrung der Menschenw\u00fcrde &#8211; und zugleich im Interesse des Schutzes der Gesellschaft zu gestalten ist, galt ein gro\u00dfer Teil der Arbeit Fritz Bauers. Wie er wusste, dass ein angepasstes Verhalten in der Gesellschaft noch nicht frei sein muss von Sozialfeindlichkeit &#8211; ich erinnere an seine Gedanken zur &#132;Wei\u00dfe-Kragen-Kriminalit\u00e4t&#148; -, so war ihm auch bewusst, dass ein Strafvollzug blo\u00df ohne Gewalt, Unterdr\u00fcckung und Qu\u00e4lerei noch kein erfolgreicher Vollzug ist. Nicht erfolgreich in dem Sinne, aus dem Rechtsbrecher ein angepasstes und m\u00f6glichst ungef\u00e4hrliches Wesen in der Gesellschaft zu machen, sondern erfolgreich, ihm zu helfen, ein mitt\u00e4tiger Partner in einer Gemeinschaft zu sein, die so sozial und gerecht wie m\u00f6glich gestaltet ist. Insofern sah er den Vollzug als eine gesellschaftliche Aufgabe, eingebettet in das Gesamtgef\u00fcge staatlichen Lebens und somit als eine allgemeine Aufgabe aller B\u00fcrger eines Staates.<br \/>In der Haltung zu diesen Fragen liegt der Pr\u00fcfstein. Und das meinte ich, wenn ich davon sprach, dass sich an Fritz Bauer die Geister scheiden. Gegen\u00fcber seiner Pers\u00f6nlichkeit und seinem Wirken gibt es kein &#132;zwar- aber&#148;.<br \/>Und wenn ich sagte, ein Zwiespalt liege in den Erkenntnissen und dem Handeln einer gro\u00dfen humanen Pers\u00f6nlichkeit gegen\u00fcber einer manchmal in Unmenschlichkeit scheinbar oder tats\u00e4chlich stagnierenden Welt, so liegt darin letztlich die Aporie aller Gutwilligen. Eine Verk\u00f6rperung dieser Aporie war Fritz Bauer. Die ihn pers\u00f6nlich kannten, werden von dem Gedanken nicht frei, an dieser Aporie sei er gestorben. Doch selbst wenn er an der Unvereinbarkeit von Wollen und Wirklichkeit zerbrochen ist und es seinen Freunden in den letzten Monaten seines Lebens so schien, als habe ihn Resignation \u00fcberw\u00e4ltigt, so hat er doch nicht die Hoffnung aufgegeben, mit Verstand und Mitleidenschaft lie\u00dfe sich die menschliche Gesellschaft gerechter gestalten.<br \/>Ich selbst werde ein Gespr\u00e4ch, das Fritz Bauer einige Monate vor seinem Tode mit mir f\u00fchrte, nie vergessen. Er war voller Resignation und sagte zu mir: &#132;W\u00e4rst du doch besser B\u00fcrgermeister in Kassel geblieben, dann k\u00f6nntest du Schulen, Stra\u00dfen, Kinderg\u00e4rten und anderes bauen. Dann w\u00fcrdest du die Fr\u00fcchte deiner Arbeit auch sehen. Hier rennst du gegen eine Mauer von Vorurteilen.&#148;<br \/>Ich glaube, Fritz Bauer hat nicht recht gehabt. Denn die Zahl derer, die in seinem Geiste wirken, steigt st\u00e4ndig und wir alle sind berufen, diese Mauer von Vorurteilen, soweit sie noch vorhanden ist, abzubauen. Wenn wir das nicht t\u00e4ten, w\u00fcrden wir seinem Auftrag nicht gerecht und w\u00e4ren seiner Freundschaft nicht w\u00fcrdig.<br \/>Lassen Sie mich zum Schlu\u00df die letzten Worte aus einem Aufsatz \u00fcber Schopenhauer zitieren, einen der letzten S\u00e4tze, die Fritz Bauer schrieb: &#132;Der praktisch t\u00e4tige Mensch h\u00e4lt es mit dem Prinzip Hoffnung, mag er auch selbst kritisch sich mitunter des Gef\u00fchls nicht erwehren k\u00f6nnen, es k\u00f6nnte eine Lebensl\u00fcge sein.&#148;<br \/>Hierzu aber hat er einmal gesagt: Selbst wenn die Hoffnung tats\u00e4chlich eine Lebensl\u00fcge sein sollte, &#8211; ohne sie w\u00e4re Unmenschlichkeit in der Welt nicht zu \u00fcberwinden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[850,667],"autoren":[2429],"publikationen":[1325],"class_list":["post-12289","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-vorgaenge-artikel","autoren-karl-hemfler","publikationen-11-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Fritz Bauer und der &quot;Fritz-Bauer-Preis&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/11-vorgaenge\/publikation\/fritz-bauer-und-der-fritz-bauer-preis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Fritz Bauer und der &quot;Fritz-Bauer-Preis&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr. 11-12\/1971 S. 382- 383 Meine sehr verehrten Damen und Herren!Mit der Verleihung eines Preises wird nicht allein das Wirken und Schaffen einer Einzelpers\u00f6nlichkeit &#8211; des jeweiligen Preistr\u00e4gers &#8211; gew\u00fcrdigt. 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