{"id":12362,"date":"1970-01-01T19:50:00","date_gmt":"1970-01-01T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/jugendschutz-durch-tabuisierung\/"},"modified":"1970-01-01T12:00:00","modified_gmt":"1970-01-01T11:00:00","slug":"jugendschutz-durch-tabuisierung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/4-1964\/publikation\/jugendschutz-durch-tabuisierung\/","title":{"rendered":"Jugendschutz durch Tabuisierung"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 4\/1964, S. 153 &#8211; 154<\/p>\n<p>In &#132;Jugendschutz&#8220; Nr. 5\/63, dem Organ der &#132;Aktion Jugendschutz&#8220; stellt Dr. jur. Arthur Neupert aus Uetersen\/Holst., der bereits als Autor einer vom Volkswartbund herausgegebenen Brosch\u00fcre bekannt ist, neue Verbotsforderungen, u. a.: Verbot von Aufs\u00e4tzen und Anzeigen, welche die Darstellung oder Empfehlung von empf\u00e4ngnisverh\u00fctenden Mitteln oder Methoden zum Gegenstand haben, in nicht fachwissenschaftlichen Zeitungen und Zeitschriften; Verbot der \u00e4rztlichen Verordnung von Anti-Baby-Mitteln an Unverheiratete; Verbot aller Pr\u00e4servativ-Automaten; Bestrafung einer Ver\u00e4chtlichmachung von Ehe, Familie und Elternschaft in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Diese Forderungen begr\u00fcndet Dr. Neupert im wesentlichen damit, das Thema &#132;Geburtenregelung&#8220; sei in der neuesten Zeit in einer au\u00dferordentlich verzweigten Publikation, vor allem auch in Illustrierten, mit sensationeller Aufmachung in einer Weise er\u00f6rtert worden, welche geeignet sei, die \u00f6ffentliche Meinung irrezuf\u00fchren, da wir nicht an einer \u00dcberv\u00f6lkerung leiden, sondern an Mangel an Nachwuchskr\u00e4ften in allen Berufen. Selbst wenn Geburtenregelung f\u00fcr uns ein akutes Problem w\u00e4re, gebe es zahlreiche andere M\u00f6glichkeiten, Mittel zur Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung zu erlangen, durch den Kauf im Laden oder bei einem Versandhaus oder durch Beschreitung des Weges zum Arzt. Durch die Erleichterung der Beschaffung von empf\u00e4ngnisverh\u00fctenden Mitteln werde der unz\u00fcchtige Verkehr auf das st\u00e4rkste gef\u00f6rdert. Die Jugendverf\u00fchrung durch Schutzmittelautomaten sei umso verwerflicher, weil sich hierauf ein Erwerb gr\u00fcndet; der Automat sei der gro\u00dfe gewerbsm\u00e4\u00dfige Mittler der Kuppelei.<\/p>\n<p>Der Aufsatz von Dr. Neupert erw\u00e4hnt als Hauptgrund der Geburtenregelung bev\u00f6lkerungspolitische Erw\u00e4gungen. Diese spielen jedoch nur eine untergeordnete Rolle neben der im Vordergrund stehenden Tatsache, da\u00df die Zahl der Abtreibungen in der Bundesrepublik auf j\u00e4hrlich ein bis zwei Millionen gesch\u00e4tzt werden. Der Hamburger Arzt Dr. Suhr hat allein 200 Abtreibungen binnen vier Jahre zugegeben. Da sich hinter diesen Zahlen ein unerme\u00dfliches menschliches, gesundheitliches und soziales Elend verbirgt und eine unvorstellbare seelische Not und Gef\u00e4hrdung entsprechend vieler Ehen dahintersteht, ist Aufkl\u00e4rung \u00fcber Methoden der Geburtenregelung und die Zug\u00e4nglichmachung ihrer Mittel in m\u00f6glichst wirksamer Weise ein dringendes Gebot der Vernunft. Sie ist dar\u00fcberhinaus nach einm\u00fctiger Ansicht der Fachwissenschaft der wirksamste Weg zur Bek\u00e4mpfung der Abtreibung. Zu dieser Notwendigkeit der Geburtenregelung steht der Nachteil der Gef\u00e4hrdung Jugendlicher durch die Besitzerlangung von Schutzmitteln in einzelnen F\u00e4llen in keinem Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Die sexuelle Neugier Jugendlicher kann nach einm\u00fctiger Auffassung der heutigen Sexualp\u00e4dagogik in keiner Weise durch das Verschweigen geschlechtlicher Dinge bek\u00e4mpft werden, sie mu\u00df vielmehr durch eine sachgerechte Aufkl\u00e4rung befriedigt werden. Es ist daher falsch und irref\u00fchrend, wenn Dr. Neupert meint, es sei Erziehungspflicht der Eltern, ihre Kinder von der Kenntnis geschlechtsbezogener Dinge zu bewahren und es bliebe ihnen vorbehalten, ob sie zur Zeit der Adoleszenz hier\u00fcber aufkl\u00e4rend sprechen wollen. Eine solche Aufkl\u00e4rung kommt in jedem Falle zu sp\u00e4t und das Schweigen der Eltern verursacht lediglich, da\u00df sich das Kind seine Aufkl\u00e4rung auf der Stra\u00dfe in einer meist obsz\u00f6nen Art selbst besorgt. Nach Auffassung aller namhaften Sexualp\u00e4dagogen ist jedes Kind f\u00fcr die Beantwortung einer Frage dann reif, wenn es diese Frage stellt und es ist das einzig richtige, diese Frage wahrheitsgem\u00e4\u00df zu beantworten. Das gilt auch in Bezug auf Mittel der Geburtenregelung (vgl. hierzu z. B. Seelmann &#132;Kind, Sexualit\u00e4t und Erziehung&#8220; oder Ockel &#132;Sag es Deinem Kinde&#8220;). Es ist bekannt, da\u00df viele Eltern bei dieser Erziehungsaufgabe aus falscher Scham oder Pr\u00fcderie versagen und damit die Ursache dazu setzen, da\u00df ihre Kinder eine falsche Aufkl\u00e4rung oder falsche sittliche Vorstellungen bekommen. In einigen L\u00e4ndern wurde bereits damit begonnen, diese Erziehungsaufgabe der Schule zu \u00fcbertragen, aber diese Entwicklung steckt noch in den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wenn nun die Presse durch sachliche Berichte \u00fcber dieses Thema zur Volksaufkl\u00e4rung im weitesten Sinne beitr\u00e4gt, so ist das nicht zu tadeln, sondern zu begr\u00fc\u00dfen. Es ist schlie\u00dflich u. a. ihre Aufgabe, die Erkenntnisse der Fachwissenschaft in allgemein verst\u00e4ndlicher Form breitesten Volkskreisen zu vermitteln. Jugendgef\u00e4hrdung entsteht jedoch nicht durch die Aufkl\u00e4rung \u00fcber das menschliche Intimleben, sondern allenfalls durch eine falsche oder zu sp\u00e4te Aufkl\u00e4rung oder erst recht durch dessen Tabuierung.<\/p>\n<p>Der diesj\u00e4hrige deutsche Arztekongre\u00df in Berlin widmete der Frage der Geburtenregelung eine besondere Veranstaltung. Dabei kam zutage, da\u00df breiteste Kreise ein erschreckend geringes Wissen um und \u00fcber die Geburtenregelung haben. Die sehr interessanten Ausf\u00fchrungen der dort anwesenden namhaften Fachwissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, da\u00df es eine dringende soziale Notwendigkeit ist, die M\u00f6glichkeit einer m\u00f6glichst wirksamen und leicht zug\u00e4nglichen Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Geburtenregelung zu schaffen. Wir wissen, da\u00df nur wenige \u00c4rzte in ihrer Praxis die Zeit finden, sich dieser Frage zu widmen.<\/p>\n<p>Wenn man sich die Forderung des Verbots der \u00e4rztlichen Verschreibung dieser Mittel an Unverheiratete vor Augen h\u00e4lt, so fragt man sich, was das noch mit dem Schutz der Jugend zu tun hat. Erst recht verwunderlich ist die Forderung der Bestrafung einer &#132;Ver\u00e4chtlichmachung&#8220; von Ehe, Familie und Elternschaft in der \u00d6ffentlichkeit. Welches Bed\u00fcrfnis soll f\u00fcr einen derartigen Straftatbestand bestehen? Wann wurden diese Institutionen jemals \u00f6ffentlich ver\u00e4chtlich gemacht? Hier dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, da\u00df mit dem Begriff &#132;Ver\u00e4chtlichmachung&#8220; wieder einer jener Gummibegriffe eingef\u00fchrt werden soll, an denen unser Strafgesetzbuch ohnehin schon mehr als genug leidet und die nur dazu dienen k\u00f6nnen, subjektive Meinungen gewisser Gruppen zu f\u00f6rdern und diejenigen anderer Gruppen zu unterdr\u00fccken, wenn nicht gar &#132;unerw\u00fcnschte&#8220; sachliche Sozialkritik einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4hrdung unserer Demokratie durch eine derartige Einschr\u00e4nkung der Meinungs- und Informationsfreiheit scheint jedoch entschieden bedrohlicher zu sein, als die vermeintliche Gef\u00e4hrdung der Jugend durch die Existenz eines Automaten f\u00fcr Schutzmittel oder eines Presseberichts \u00fcber die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Geburtenregelung.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re deshalb dringend notwendig, da\u00df der Jugendschutz aufh\u00f6rt, ein Tummelplatz skurriler Verbotsfanatiker zu sein und in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe in die H\u00e4nde fachlich qualifizierter Pers\u00f6nlichkeiten gelangt, die Verbotsnormen nur dort fordern, wo sie wissenschaftlich begr\u00fcndet und rein sachlich gerechtfertigt sind. Erforderlich w\u00e4re dazu freilich vorerst eine solide Erforschung der wissenschaftlichen Grundlagen eines sinnvollen literarischen Jugendschutzes, f\u00fcr die bisher kaum Mittel bereitstehen. In welchem Verh\u00e4ltnis dazu stehen die Aufwendungen f\u00fcr so manche Aktionen und Institutionen auf diesem Gebiet, die mit ideologischer Motivierung wirken und mehr der Einschr\u00e4nkung demokratischer Freiheiten als allem anderen dienen?<\/p>\n<p><i>Adolf Holzm\u00fcller<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2448],"publikationen":[1409],"class_list":["post-12362","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-adolf-holzmueller","publikationen-4-1964"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Jugendschutz durch Tabuisierung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/4-1964\/publikation\/jugendschutz-durch-tabuisierung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Jugendschutz durch Tabuisierung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Heft 4\/1964, S. 153 &#8211; 154 In &#132;Jugendschutz&#8220; Nr. 5\/63, dem Organ der &#132;Aktion Jugendschutz&#8220; stellt Dr. jur. 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