{"id":12386,"date":"1996-12-01T22:00:00","date_gmt":"1996-12-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/laudatio-fuer-hanne-und-klaus-vack\/"},"modified":"1996-12-01T12:00:00","modified_gmt":"1996-12-01T11:00:00","slug":"laudatio-fuer-hanne-und-klaus-vack","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/laudatio-fuer-hanne-und-klaus-vack\/","title":{"rendered":"Laudatio f\u00fcr Hanne und Klaus Vack"},"content":{"rendered":"<p>Ihr habt dazu beigetragen, die Bundesrepublik zu ve\u00e4ndern<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge 136 (Heft 4\/ 1996) S. 107- 111<\/p>\n<p><b>Es geschah vor 13 Jahren am 1. September 1983 um 4.45 Uhr in Mutlangen. Einige hundert Demonstranten (und nahezu ebenso viele Reporter aus aller Welt) r\u00fcckten vor auf die US-Basis f\u00fcr Mittelstreckenraketen, um diese zu blockieren. Das Aufblinken oder Kreisen amerikanischer Scheinwerfer zeigte uns, wem wir gegen\u00fcberstanden. Ich fragte Werner Holtfort, der neben mir stand: &#132;Was hast Du um diese Zeit, 1939, gemacht?&#148; Der auf vielen Feldern aktive B\u00fcrgerrechtler antwortete: &#132;Ich sa\u00df als F\u00e4hnrich auf dem Pferde. Wir \u00fcberschritten die Grenze nach Polen. Ich hielt das f\u00fcr richtig.&#148; Das Symbolische der Situation und die Offenheit dieser Worte (die uns zu Freunden werden lie\u00df) werde ich nicht vergessen. Noch war ungewiss, wie die Polizei gegen uns (und das hie\u00df konkret: auch gegen Teilnehmer wie Heinrich Albertz, Heinrich B\u00f6ll, Erhard Eppler, Helmut Gollwitzer, G\u00fcnter Grass, Oskar Lafontaine und Walter Jens) vorgehen w\u00fcrde. Doch als wir uns vor den Toren der US-Basis auf die Stra\u00dfe setzten, war zu erkennen: Die Amerikaner hatten sich selbst mit Stacheldraht verbarrikadiert. Damit war klar: Niemand von und w\u00fcrde weggetragen. Der zivile Ungehorsam der &#132;Promis&#148; wurde von Roman Herzog, der damals in Baden-W\u00fcrttemberg als Innenminister amtierte, als solcher anerkannt. Bei sp\u00e4teren Blockaden war das anders.<br \/>Vielleicht hat gerade dies dazu gef\u00fchrt, dass die dreit\u00e4gige Blockade in Mutlangen in der \u00d6ffentlichkeit eine heute unvorstellbare Resonanz hatte. Mutlangen wurde zum Beispiel. Wir sind heute hier, um diejenigen zu ehren, die durch harte Organisationsarbeit wesentlich dazu beigetragen haben, dass dieser Ort zum Symbol f\u00fcr die Friedensbewegung wurde. Die Form des zivilen Ungehorsams &#8211; wie sie seit Mutlangen praktiziert wurde &#8211; hat gewaltt\u00e4tige Aktionen verhindert und gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit (und auch dem Bundesverfassungsgericht) deutlich gemacht, wie unsinnig es ist, gewaltlose Aktionen juristisch als Anwendung von Gewalt zu bestrafen. Vermutlich hat auch der Blick auf die Rechtskultur der Vereinigten Staaten dazu beigetragen, dass auch in der Bundesrepublik die Gleichsetzung einer symbolischen Grenz\u00fcberschreitung mit einem &#132;Angriff auf den Rechtsstaat&#148; weithin \u00fcberwunden werden konnte.<br \/>Das politische Wirken von Hanne und Klaus Vack zeigt, dass sie seit \u00fcber vier Jahrzehnten f\u00fcr die Wahrung des Friedens und die Geltung der Grundrechte eingetreten sind. Das tun heute in der Bundesrepublik mehr Menschen als fr\u00fcher. Weshalb Hanne und Klaus Vack unsere Aufmerksamkeit verdienen, will ich in vier S\u00e4tzen zusammenfassen:<\/b><\/p>\n<p>&#8211; Es reicht nicht aus, mit Herz oder Kopf (aber f\u00fcr sich allein) f\u00fcr Frieden und Menschenrechte zu sein.<br \/>&#8211; Es gen\u00fcgt meist auch nicht, f\u00fcr den Geist der Menschenrechte und des Friedens \u00f6ffentlich nur mit Worten zu streiten.<br \/>&#8211; Es gibt vielmehr Situationen, da ist es notwendig, dass Menschen massenhaft aktiv werden, sich zusammentun, um so zu zeigen: wir sind bereit, uns mit unserer Person f\u00fcr Menschenrechte und Frieden einzusetzen; (gerade das droht heute erneut in Vergessenheit zu geraten).<br \/>&#8211; Damit dies gelingt, braucht es Menschen, die glaubw\u00fcrdig sind und gen\u00fcgend Phantasie und F\u00e4higkeiten haben, um eine latente Bereitschaft anzusprechen und Protest organisatorisch in Handlungen umzusetzen.<\/p>\n<p>Der Name von Hanne und Klaus Vack steht f\u00fcr solche Menschen, die Vertrauen besitzen und die F\u00e4higkeit, Massen f\u00fcr die Sache des Friedens und der Menschenrechte in jeweils neuen Formen zu mobilisieren. Es war Eure Glaubw\u00fcrdigkeit, die Menschen dazu gebracht hat, sich gemeinsam einzumischen. Das, was Ihr mit in Gang gesetzt habt, hat die Bundesrepublik ver\u00e4ndert.<br \/>Ein untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wann Menschenrechte und Frieden gef\u00e4hrdet sind, und die F\u00e4higkeit, in solchen Situationen massenhaften Protest zu organisieren, sind in Hanne und Klaus Vack wie zwei Seiten einer Medaille untrennbar miteinander verschmolzen. Wer Klaus Vack nur fl\u00fcchtig kennt (und mir ist es vor drei Jahrzehnten zun\u00e4chst auch so gegangen), denkt bald: Das ist ein guter Organisator. Ich wei\u00df noch wie ich 1966 von Klaus Vack eine dicke Mappe erhielt zur Vorbereitung des entscheidenden Gespr\u00e4ches mit dem IG-Metallvorsitzenden Otto Brenner, bei dem der Grundstein f\u00fcr das &#132;Kuratorium Notstand der Demokratie&#148; gelegt wurde. Vack durfte (es waren taktische Gr\u00fcnde der IG-Metall) nicht dabei sein. Ich habe ihn damals Brenner gegen\u00fcber mit den Worten ger\u00fchmt: &#132;Er geh\u00f6rt zu den f\u00e4higsten Organisatoren der Bundesrepublik.&#148; Ich konnte nicht ahnen, wie beide das weiter unter Beweis stellen w\u00fcrden. Einige unter uns werden sich an den Sternmarsch auf Bonn 1968 gegen die Notstandsgesetzgebung erinnern oder an den Angela Davis-Kongress 1972 in Frankfurt (mit der Abgrenzung gegen\u00fcber der RAF), andere an die gro\u00dfen Veranstaltungen gegen Berufsverbote wie den Antirepressions -Kongress in Frankfurt und das Russell-Tribunal zur Verteidigung der Menschenrechte 1977\/78. Wieder andere haben ihre F\u00e4higkeiten bei den Sitzdemonstrationen in Mutlangen, Fischbach, Hesselbach oder bei den phantasievollen Protestformen der Friedensbewegung kennen gelernt oder seit Jahren beim vielf\u00e4ltigen Engagement f\u00fcr Frieden und Humanit\u00e4t in Bosnien mitgewirkt oder mit geholfen.<br \/>Es ging bei diesen Aktivit\u00e4ten &#150; das will ich noch anmerken &#150; nicht immer um die Organisation von Kampagnen, die vom Sozialistischen B\u00fcro, dem &#132;Komitee&#148; oder einer sich entfaltenden sozialen Bewegung getragen wurde. K\u00f6nnen und Professionalit\u00e4t haben auch dazu gef\u00fchrt,dass Hanne und Klaus Vack, quasi eine Institution, Kampagnen in Gang gesetzt habt, die erst darauf zielten, von einer Basis aufgenommen zu werden &#150; und das auch taten. Vermutlich geschah das unbewusst &#150; oder es ging darum, das &#132;Komitee&#148; damit nicht zu belasten. In gewisser Weise halten beide dabei Schritt mit einer Tendenz, die sich international immer mehr durchsetzt und die auch &#132;Greenpeace&#148; zu seinem Erfolg verholfen hat. Von ihren F\u00e4higkeiten her k\u00f6nntet sie das betreiben, was man in Amerika als &#132;public-interest-firms&#148; bezeichnet, und dabei gegen Erfolgsanteil vielleicht Millionen verdienen. Das zeigt jedoch den Unterschied ums Ganze:<br \/>Beide sind zwar Meister der Organisation; aber sie k\u00f6nnen und wollen gerade nicht f\u00fcr Alles und Jedes Kampagnen in Gang setzen &#150; wie das die erw\u00e4hnten amerikanischen Firmen oder auch Sekret\u00e4re stalinistischer Organisationen machen. Das, was beide hindert, so zu agieren, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist das, weshalb die Humanistische Union ihnen einen Preis verleiht und was Hanne und Klaus Vack an die Seite von Fritz Bauer stellt. Es ber\u00fchrt das, was so viele dazu gebracht hat hierher zu kommen. Ich will versuchen, dies n\u00e4her zu bestimmen:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>\u00a0Es klingt pathetisch, wenn ich sage, es ist die Sache der Menschenrechte und des Friedens, der beide ihr Leben gewidmet haben. Klaus Vack geh\u00f6rt zu der Generation, die in ihrer Kindheit Krieg und Rassismus kennen gelernt hat. Er hat Bombenn\u00e4chte erlebt und war fast 10 Jahre alt, als deutsche Soldaten im April 45 eine th\u00fcringische 1000-Seelen-Gemeinde, in die er damals gebracht worden war, zu verteidigen suchten. Klaus Vack erinnert sich: &#132;Die Angreifer ziehen sich vor\u00fcbergehend zur\u00fcck. Aus Jagdbombern beschie\u00dfen sie nun mit Maschinengewehren und mit Brandgeschossen in dreist\u00fcndigen ununterbrochenen Anfl\u00fcgen das Dorf. Nun, beim erneuten Einmarsch der englischen und US-Truppen, ergeben sich die deutschen Einheiten. Weit \u00fcber die H\u00e4lfte des Dorfes brennt nieder. Tote und Verletzte &#8230;&#148;<br \/>Es war das Verarbeiten solcher Erfahrung, das ihn (wie viele andere) dazu brachte, die Antwort in Demokratie, Menschenrechten und Frieden zu suchen. Doch die Alternative kommt nicht von selbst. Sie muss erstritten und bewahrt werden. Hanne und Klaus Vack sind in diesem Sinne f\u00fcr Demokratie als Basis gemeinsamen Handelns eingetreten, haben sich dagegen gewandt, wenn Menschenrechte verletzt oder f\u00fcr teilbar erkl\u00e4rt wurden und sind &#132;fundamentale Pazifisten&#148;. &#8222;. In der pazifistischen Grunds\u00e4tzlichkeit, die bei beiden nicht au\u00dferhalb jedes Zweifelns steht, k\u00f6nnen einige hier ihnen nicht folgen. Ungeteilte Zustimmung findet jedoch die Einsicht, dass Frieden (anders als Waffenstillstand) auf der gewaltfreien, nicht-milit\u00e4rischen Konfliktl\u00f6sung ruht. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Hanne und Klaus Vack haben es oft verstanden, diejenigen zu Gespr\u00e4chen zusammen zu bringen, von denen sie treffende Antworten auf die politische Situation erwartet haben. Ich erinnere mich daran, dass diese Gespr\u00e4che ihre Eigengesetzlichkeit hatten und zu Ergebnissen f\u00fchrten, die niemand voraussehen konnte. Ihr habt daraus gelernt, habt strukturiert und auch selbst versucht, das zu formulieren, was wichtig ist. Ihr habt zuh\u00f6ren und von Eitelkeiten der so genannten Prominenten absehen k\u00f6nnen <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Beide haben auf solche Gespr\u00e4che Wert gelegt, weil sie wissen, dass kein Protest und kein Widerstand gelingen kann, wenn das treffende Wort fehlt. Deshalb war es Euch besonders wichtig, Redner zu gewinnen, die auf das Wort achten und nach Antworten suchen. Deshalb spielen Zeitschriften und B\u00fccher f\u00fcr Euch eine so wichtige Rolle. Ihr habt selbst geschrieben, redigiert, zusammengestellt, herausgegeben und selbst verlegt. Ich erinnere hier nur an &#132;links&#148;, &#132;Widerspruch&#148; oder &#132;vorg\u00e4nge&#148;, an &#132;Jahrb\u00fccher&#148; und Brosch\u00fcren des Komitees, an das &#132;Lesebuch zu Verfassungsfragen&#148; und das Buch aus diesem Jahr: &#132;Friedenspolitik mitten im Krieg&#148;. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Hanne und Klaus Vack haben Organisationen gegr\u00fcndet (so das &#132;Sozialistische B\u00fcro und das &#132;Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie&#8220;); aber Ihr habt Euer Leben nie an Organisationen gekettet, sondern Euch die F\u00e4higkeit bewahrt, Euch auch zu l\u00f6sen und neue Anf\u00e4nge zu wagen. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Hanne und Klaus Vack haben die Menschen, mit denen sie zu tun hatten, als Menschen genommen. Sie haben versucht &#8211; soweit das in der Politik \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist -, sie nicht zur blo\u00dfen Funktion im Rahmen einer zuvor festgelegten Politik zu machen. Ihr habt Partner gesucht, die mithandeln oder allein weitermachen. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Zu dieser anderen Seite geh\u00f6rt schlie\u00dflich auch pers\u00f6nlicher Mut. Hanne und Klaus Vack haben Diffamierung durch den Verfassungsschutz hingenommen, haben es aus Protest gegen die jahrelang praktizierte (heute durch das Bundesverfassungsgericht korrigierte) unrechte Gerichtspraxis in Sachen N\u00f6tigung hingenommen, selbst vor Gericht zu stehen &#8211; oder als Verweigerer in Sachen Volksz\u00e4hlung mit Bu\u00dfgeld belegt zu werden. Sie haben an risikoreichen Aktionen planend und handelnd mitgewirkt &#8211; ich erw\u00e4hne nur die &#132;Friedliche Belagerung des Deutschen Bundestages&#148; angesichts der Grundgesetz\u00e4nderung, die das politische Asyl weitgehend zu einer Farce gemacht hat. Ihr habt Euch nie gescheut, Konflikte einzugehen, auch mit Kommunisten; aber <\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ihr habt Partei genommen, wenn Menschen allein wegen ihrer Gesinnung mit Mitteln des Strafrechts, juristischen Sanktionen oder politisch-gesellschaftliche Ausgrenzung verfolgt wurden.<br \/>Ich halte es bei einer solchen Ehrung f\u00fcr wichtig, nach der Kraft zu fragen, die dieses permanente politische Engagement von Hanne und Klaus Vack speist.<\/p>\n<p>Beide sind &#8211; das wissen alle diejenigen, die hierher gekommen sind &#8211; nicht das, was heute als &#132;Work-&#148; oder &#132;Politik -Alkoholiks&#148; bezeichnet wird. Es sind drei Mutma\u00dfungen \u00fcber Hanne und Klaus Vack, die ich hier zu skizzieren versuche:<br \/>Erstens: Hanne und Klaus Vack kommen aus der Naturfreunde-Jugend. Dort haben sie sich kennen &#8211; und auch lieben &#8211; gelernt. Diese Organisation ist ein Teil der b\u00fcrgerlichen und proletarischen Jugendbewegung, die um die Jahrhundertwende entstand und die unter den besonderen Bedingungen der Nachkriegszeit noch einmal relevant wurde. Wandern, Lagerfeuer, Lieder und Solidarit\u00e4t, kurz: eine Kultur au\u00dferhalb der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, hat diese Gruppen gepr\u00e4gt. In dieser oder jener Form wirkte die Formel von 1913 nach: &#132;nach eigener Bestimmung, vor innerer Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit&#148; das Leben zu gestalten. Wer aus dieser Tradition kommt &#8211; bei der Naturfreunde-Jugend war dies verbunden mit den sozialistischen Ideal einer freien Gesellschaft &#8211; bem\u00fcht sich, den Vereinahmungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft ebenso zu widerstehen wie denen von Organisationen. Die Sozialdemokratie mit dem Organisationskonzept eines Herbert Wehners hat damit (weil er selbst \u00e4hnliche Erfahrungen verdr\u00e4ngt hatte) nichts anfangen k\u00f6nnen. In der spezifischen Pr\u00e4gung durch den vorpolitischen Raum solcher Jugendgruppen liegt in meiner Sicht auch ein Schl\u00fcssel f\u00fcr das Entstehen einer im konkreten Leben begr\u00fcndeten au\u00dferparlamentarischen Protestbewegung. Diese Voraussetzung f\u00fcr die &#132;APO&#148; und die folgenden Bewegungen sind bisher kaum untersucht worden. Doch Ihr seid exemplarisch daf\u00fcr.<br \/>Zweitens: Hanne und Klaus Vack verstehen sich &#8211; sp\u00e4testens seit sie Aktive in der Naturfreunde-Jugend wurden &#8211; als Sozialisten. Doch sie haben kein ein abstraktes Modell von Sozialismus vor sich her getragen, sondern sind davon ausgegangen, dass eine andere, eine freiere Gesellschaft nur dann zum Zuge kommen kann, wenn sie hier und jetzt entwickelt wird. Auch das Wort Utopie bedeutet f\u00fcr diese Generation nicht die Fixierung auf ein blo\u00dfes Wunschbild, sondern eine Unbeirrbarkeit, dass die Welt verbessert werden kann. Hanne und Klaus, Euch bestimmt kein abstraktes Ziel, sondern Eure Vorstellungen von der Zukunft ruhen auf Eurem Widerstand gegen das, was nicht sein soll. Ihr habt Eure Kraft gezogen aus der Gegenposition im Konkreten und daran festgehalten, dass im Heute die Gesellschaft von Morgen entsteht.<br \/>Der Name von Hanne und Klaus Vack steht zugleich &#8211; das will ich hier einschieben &#8211; f\u00fcr eine Linke, die sich (trotz Friedenspolitik) nicht durch Zusammenarbeit mit der SED und ihrem Machtsystem korrumpiert hat, sondern auch eingetreten ist f\u00fcr die B\u00fcrgerrechtsbewegung in der DDR. Aus diesem Grund braucht Ihr Euch nicht zu entschuldigen oder (wie manche) im Angriff auf andere auf die eigene Vergangenheit zu schlagen. Ihr k\u00f6nnt selbstbewusst darauf verweisen, dass die Gewaltfreiheit der Friedensbewegung im Westen gerade in ihrer Aktionsvielfalt (an der Ihr beide gro\u00dfen Anteil habt) auch auf die Friedens- und B\u00fcrgerrechtsbewegung in der DDR eingewirkt hat.<br \/>Hanne und Klaus Vack sch\u00f6pfen &#8211; das ist nicht mehr als eine Vermutung von mir &#8211; drittens Kraft aus dem, was man als Humanit\u00e4t bezeichnet. Ich habe Vorbehalte gegen dieses Wort und habe lange Zeit damit gehadert, dass die Vereinigung, in die ich viel Arbeit gesteckt habe, den Namen Humanistisch proklamiert. Je \u00e4lter ich werde, desto mehr bin ich \u00fcberzeugt, dass wir Menschen unsere Kraft zum Handeln nie aus Menschenrechtsproklamationen und Friedenssehnsucht ziehen, sondern aus einem spezifischem Umgang mit Menschen und einen konkreten Eintreten f\u00fcr andere in bestimmten Situationen.<br \/>Ich vermute heute: Weil Fritz Bauer das \u00e4hnlich gesehen hat, geh\u00f6rt der linke Sozialdemokrat zu den Mitbegr\u00fcndern der Humanistischen Union. Er wusste, dass selbst die besten Ziele leer werden oder sich ins Gegenteil verkehren k\u00f6nnen, wenn die Menschen, um die es geht, darin nicht mehr vorkommen. Der Zusammenhalt mit anderen und das gemeinsame K\u00e4mpfen hat Euch immer wieder Kraft gegeben. Das gilt auch f\u00fcr Eure Beziehung. Deshalb bekommt Ihr beide den Preis. Es ist das Leuchten in den Augen oder innere Teilnahme (man spricht dann von Menschlichkeit oder Humanit\u00e4t), die Erm\u00fcdung oder Resignation weg scheuchen. So steht Ihr in der Tradition von Fritz Bauer. Er w\u00fcrde sich \u00fcber Euch beide freuen. Ihr seid in seine Fu\u00dfstapfen getreten.<br \/>Hanne und Klaus Vack sind f\u00fcr die Bundesrepublik fast zu einer Institution geworden. Das k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass der eine oder andere sagt, &#132;die Vacks werden es schon richten&#148;. Doch wenn heute so viele alte Freunde, Mitstreiterinnen und Mitstreiter hierher gekommen sind, so ist das ein gutes Zeichen. Wir wollen Euch auch in Zukunft nicht allein lassen. Wir wollen Euch beiden daf\u00fcr danken, dass Ihr Wege gefunden habt, wie wir gemeinsam handeln konnten, dass Ihr Formen entwickelt habt, die wirksam waren und in denen wir uns meist wiederfinden konnten. Diese Preisverleihung schafft einen Ausdruck daf\u00fcr, Euch zu sagen, wie wichtig das war und ist, was Ihr beide macht. Dazu geh\u00f6rt auch &#8211; das will ich nicht vergessen, sondern besonders betonen: das blo\u00dfe Eint\u00fcten der vielen Papiere, mit denen Ihr Eure Mitstreiter versorgt, das Frankieren der Post und das Eintreiben von Spenden oder Beitr\u00e4gen.<br \/>Die Aufgabe, das alles hier zu sagen, ist mir aufgetragen worden. Ich w\u00fcnschte, es k\u00f6nnte noch Heinrich Albertz, Heinrich B\u00f6ll, Helmut Gollwitzer oder Robert Jungk diese Laudatio halten. Ich nenne diese Namen und erinnere zugleich an die anderen, die Euch beigestanden haben, und die heute nicht mehr dabei sein k\u00f6nnen.<br \/>Die Gustav Heinemann-Initiative, das Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie und die Humanistische Union sind gegenw\u00e4rtig wieder enger zusammenger\u00fcckt. Das gilt auch f\u00fcr die Zusammenarbeit in der von diesen B\u00fcrgerrechtsvereinigungen herausgegebene Zeitschrift &#132;vorg\u00e4nge&#148;. Es gibt zwischen uns viele Gemeinsamkeiten, unterschiedliche Schwerpunktsetzungen und (auch das geh\u00f6rt dazu): eine freundschaftliche Konkurrenz. Aus der Sicht der B\u00fcrgerrechtsvereinigungen hat die Zahl der Aufgaben zugenommen. Es wird deutlich, dass es bei manchen Grundrechtsverletzungen immer schwieriger wird, diese zu vermitteln und deutlich zu machen, dass es um die Sache eines jeden geht. Es gibt Grundrechte, die k\u00f6nnen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nicht einfach in Besitz nehmen.<br \/>Eine Preisverleihung wie diese gibt uns die Chance, einen Moment inne zu halten und \u00fcber uns nachzudenken. Ein solches Nachdenken will ich auch mit dem Satz anregen: Hanne und Klaus Vack haben viel dazu beigetragen, die Flamme am Brennen zu halten, um die es auch Fritz Bauer ging, und die um Demokratie, Menschenrechte und des Friedens willen immer wieder Nachfolger finden muss, wenn sie nicht verl\u00f6schen soll.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[850,667],"autoren":[354],"publikationen":[1226],"class_list":["post-12386","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-vorgaenge-artikel","autoren-juergen-seifert","publikationen-136-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Laudatio f\u00fcr Hanne und Klaus Vack - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/laudatio-fuer-hanne-und-klaus-vack\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Laudatio f\u00fcr Hanne und Klaus Vack - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ihr habt dazu beigetragen, die Bundesrepublik zu ve\u00e4ndern Aus: vorg\u00e4nge 136 (Heft 4\/ 1996) S. 107- 111 Es geschah vor 13 Jahren am 1. 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