{"id":12403,"date":"1986-01-31T03:00:00","date_gmt":"1986-01-31T02:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxiii-weimar-deutschlands-erste-republik\/"},"modified":"1986-01-31T12:00:00","modified_gmt":"1986-01-31T11:00:00","slug":"literarischer-maulwurf-xxxiii-weimar-deutschlands-erste-republik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxiii-weimar-deutschlands-erste-republik\/","title":{"rendered":"Literarischer Maulwurf XXXIII Weimar \u0097 Deutschlands erste Republik"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S.127-135<\/p>\n<p>\u00bbDer Krieg mit allen seinen Opfern in endlosen Jahren hat kommen k\u00f6nnen, weil wir ihn kommen lie\u00dfen. Nie w\u00e4re er gekommen, h\u00e4tten wir es ihm nicht erlaubt. Seine Vorbereitung und sein Ausbruch hangen ausschlie\u00dflich vom Willen der Menschen ab. Dem Willen derer, die ihn wollten, begegnete damals kein entschlossener Wille, ihn zu verhindern. Er kommt auch das n\u00e4chstemal, wenn nicht Wachsamkeit ihn aufh\u00e4lt,\u00ab<\/p>\n<p>Heinrich Mann (1928)<\/p>\n<p>Die Weimarer Republik, die formell etwa vierzehn Jahre bestand -manche Historiker, wie Arthur Rosenberg, lassen sie schon nach zw\u00f6lf Jahren im September 1930 mit dem sprunghaften Anstieg von NSDAP-Reichstagsmandaten 18,3% enden -, ist keine Episode zwischen Kaiserreich und Diktatur. Auch wenn sie sich, aus vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnden, nicht behaupten konnte: Sie war nicht nur die erste moderne Republik Deutschlands, sie ist auch unzweifelhaft die wichtigste Vorl\u00e4uferin der beiden deutschen Staaten nach 1945, der BRD und der DDR. Das gilt, auch wenn die DDR neuerdings die Kontinuit\u00e4t zu Alt-Preu\u00dfen betont und die BRD offiziell von der Weimarer Zeit wenig Notiz nimmt. Das gilt, auch wenn, schlie\u00dflich Nationalsozialisten und Deutschnationale die Macht gewannen. Die Startbedingungen dieser gescheiterten Republik waren denkbar schlecht: ins Leben gerufen durch Philipp Scheidemanns SPD Ausrufung am 9. November 1918, gegen den dezidierten Willen Friedrich Eberts, der ihr erster (kommissarischer) Reichskanzler und Reichspr\u00e4sident wurde, getragen von einem im wahren Wortsinn ausgebluteten, aber weitgehend unpolitischen Volk, das den Rattenf\u00e4ngern unterschiedlichster politischer Couleur nachlief, und regiert letztlich von der Lobby \u00bbnationaler\u00ab wirtschaftlicher Interessen und ihrer Vertreter, mit Hilfe einer Verfassung, die diktatorische Vollmachten bereithielt, welche schamlos ausgenutzt wurden, ohne Chance eines sozialen Ausgleichs und folglich mit (keineswegs nur hausgemachten) un\u00fcberwindlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Alle hielten sich an die Devise: \u00bbErst kommt das Fressen, dann die Moral\u00ab &#8211; beides gab&#8217;s vorwiegend politisch rechts. Doch die Zeit der Weimarer Republik war auch eine Zeit des Aufbruchs, des Fortschritts (wie immer man ihn interpretieren mag), der geistigen, ideologischen, politischen Auseinandersetzung, der fruchtbaren Polarisierung. Nach 1945 gab es \u00e4hnliche Bestrebungen, aber ged\u00e4mpfter, mit dem Bewu\u00dftsein der Schuld, erdr\u00fcckt von den Verbrechen, Die Republikaner von Weimar hatten gelitten am Kaiserreich und Krieg, aber sie waren vergleichsweise unbefangen, ohne Schuldbewu\u00dftsein (auch und vor allem die Schuldigen nat\u00fcrlich). Trotz eines entsetzlichen Krieges, dessen Wunden in unterschiedlicher Weise bewu\u00dft waren, ging man daran, einen neuen Staat zu schaffen: jeder in seiner ideologischen Ecke, mit un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegens\u00e4tzen. Der Vertrag von Versailles erzeugte fatale, nur vordergr\u00fcndige Solidarisierungseffekte. Die K\u00fcnstler haben die Widerspr\u00fcche der Gesellschaft, die Unvereinbarkeit zwischen Verfassung und Regierung dieses Staates aufgezeigt, sich mit den sozialen und gesellschaftlichen Konflikten auseinandergesetzt, leidenschaftlich und emphatisch, nicht zur\u00fcckgezogen in eine intellektuelle \u00c4sthetik, wie gelegentlich heute. Man sp\u00fcrt die Unsicherheit und Ungesichertheit der Zeit und der eigenen Situation.<\/p>\n<p>Es wird behauptet, da\u00df wir in einer Zeit neuen Interesses an Geschichte leben: an der der eigenen Heimat sowohl wie offenbar auch an der unserer demokratischen Wurzeln. Denn die Zahl der Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die Geschichte der Weimarer Republik sowie von Spezialuntersuchungen \u00fcber Einzelthemen dazu ist erstaunlich, nicht zu bew\u00e4ltigen. Dabei f\u00e4llt auf, da\u00df viele dieser Publikationen &#8211; in gar nicht abwertendem Sinn gemeint &#8211; tendenzi\u00f6s sind. Das zeigt, da\u00df die Zeit, die vor mehr als 50 Jahren zu Ende gegangen ist, uns eben doch noch nahesteht, zu nahe f\u00fcr ein \u00bbabgewogenes\u00ab, ein \u00bbausgeglichenes\u00ab Urteil. Doch kann man eine Zeit abrupten Umbruchs jemals &#8211; selbst nach hunderten von Jahren &#8211; \u00bbausgewogen\u00ab betrachten?<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Reinhard K\u00fchnl: Die Weimarer Republik: rororo aktuell Nr. 5540, Reinbek August 1985; 281 S., DM 9,80,<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>geht davon aus, \u00bbda\u00df es &#8218;rein wissenschaftliche&#8216; historische Darstellungen nicht gibt, sofern damit Darstellungen ohne politische Aussage und Wirkungen gemeint sind.\u00ab Jede Geschichtsdarstellung sei zugleich politische Haltung. In seiner am kritischen Materialismus orientierten Untersuchung zeigt K\u00fchnl aus seiner Sicht die politischen Umst\u00e4nde der Errichtung der Weimarer Republik, die Machtstrukturen, die sich nach 1918\/19 herausgebildet haben und die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Demokratie. Dabei stellt der Autor auch immer wieder Vergleiche mit der Situation der BRD an und warnt vor aktuellen demokratiefeindlichen Tendenzen. Er betont, da\u00df zwar eine Reihe von Erfolgen der Revolution im Weimarer Staat stabilisiert werden konnten, die alten Machtstrukturen jedoch &#150; trotz ma\u00dfgebenden sozialdemokratischen Einflusses in den Revolutionsorganen &#150; erhalten bleiben. \u00bbDie alte Gesellschaftsordnung konnte nur gerettet werden, wenn es gelang, Bundesgenossen bei jenen Kr\u00e4ften zu finden, die in den Augen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung nicht durch Verbindung mit dem alten System diskreditiert, sondern vertrauensw\u00fcrdig waren. Deshalb schlossen sowohl die kaiserlichen Offiziere von der Obersten Heeresleitung wie auch die gro\u00dfe Industrie ein B\u00fcndnis mit dem rechten Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung. So konnten die revolution\u00e4ren Energien gespalten und partiell kanalisiert werden. \u00abEr kritisiert, da\u00df die schnelle Propagierung der Einberufung einer Nationalversammlung eine Front der b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte gegen die Revolution erm\u00f6glicht, gleichzeitig die Bed\u00fcrfnisse betr\u00e4chtlicher Teile der arbeitenden Masse auf friedliche Arbeit, Ruhe und Ordnung sowie Legalit\u00e4t befriedigt habe (S. 20) und so die Revolutionierung der Gesellschaft verhindert wurde. Den bisher herrschenden Kr\u00e4ften sei es gelungen, die sozialen Grundlagen ihrer Macht zu verteidigen: die Verf\u00fcgung \u00fcber Gro\u00dfgrundbesitz, Fabriken und Banken. Niedrigl\u00f6hne und verl\u00e4ngerte Arbeitszeit haben zu einer Verelendung der Arbeiterschaft, jedoch auch zu einer raschen Steigerung der Produktion gef\u00fchrt, die einsetzende Rationalisierung zum Bankrott vieler kleiner und mittleren Unternehmen. Am Ende der zwanziger Jahre sei das Deutsche Reich wieder die erste Industriemacht in Europa gewesen, mit dem technisch fortgeschrittensten Produktionsapparat. Der wiedergewonnenen wirtschaftlichen Potenzen des Reichs habe das Streben nach neuer politischer Weltmacht entsprochen. K\u00fchnl sieht in der Verst\u00e4n-digungspolitik Stresemanns eine im wesentlich taktisch bestimmte Verschleierung von Gro\u00dfmachtanspr\u00fcchen nicht nur hinsichtlich der Ostgrenzen des Reiches, sonder auch gegen\u00fcber dem Westen gest\u00fctzt auf den \u00bbKronprinzenbrief\u00ab von 1925 und eine geheime Denkschrift eines nicht n\u00e4her genannten Fraktionskollegen Stresemanns.<\/p>\n<p>Ob diese Einsch\u00e4tzung des Friedensnobelpreistr\u00e4gers von 1926 (zusammen mit Briand) berechtigt ist, mu\u00df dem Urteil der Fachhistoriker \u00fcberlassen bleiben. Sicher ist, da\u00df die politische Rechte wie auch die Gro\u00dfindustrie Pl\u00e4ne dieser Art hegten und verfolgten. Wie K\u00fchnl zeigt, wurden sie darin von Hochschullehrern, vor allem der Geisteswissenschaften Historiker, Philosophen, Germanisten, Erziehungswissenschaftler, Theologen, durch Ausbildung einer entsprechenden Ideologie unterst\u00fctzt. K\u00fchnl hebt jedoch auch das soziale und demokratische Engagement insbesondere von bildenden K\u00fcnstlern und Schriftstellern hervor. Im Kapitel \u00bbArbeiterklasse -und antifaschistische Potentiale\u00ab er\u00f6rtert der Autor schlie\u00dflich die Gr\u00fcnde, weshalb es diesen Kr\u00e4ften nicht gelungen ist, den Faschismus zu verhindern, obwohl &#8211; gem\u00e4\u00df seiner Einsch\u00e4tzung &#8211; \u00bbdie gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiterschaft\u00ab bis zuletzt dem \u00bbBlock der Arbeiterparteien\u00ab treu geblieben sei (wobei angesichts der Feindschaft zwischen SPD und KPD von einem \u00bbBlock\u00ab wohl kaum gesprochen werden kann und der W\u00e4hleranteil beider Parteien erheblich zur\u00fcckge gangen war). K\u00fchnl kritisiert das Verhalten beider Parteien und bem\u00fcht sich um die vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnde, die dazu f\u00fchrten, da\u00df die beiden Arbeiterparteien sich erst im Widerstand zusammenfanden, nachdem Hitler an der Macht war und sie gemeinsam verfolgte.<\/p>\n<p>Die Darstellung von K\u00fchnl ist &#8211; er sagt es selbst &#8211;\u00a0bewu\u00dft tendenzi\u00f6s, jedoch \u00e4u\u00dferst lesenswert, einschlie\u00dflich des Nachworts, in welchem er Lehren aus der Geschichte der Weimarer Republik f\u00fcr die Gegenwart zieht. Mit der gleichen Zeit befa\u00dft sich ein weiteres Taschenbuch:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Horst M\u00f6ller: Weimar. Die unvollendete Demokratie; dtv Nr. 4512, M\u00fcnchen, M\u00e4rz 1985; 270 S.,\u00a0DM 12,80.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es handelt sich um einen Band der von Martin Broszat, Wolfgang Benz und Hermann Graml in Verbindung mit dem Institut f\u00fcr Zeitgeschichte in M\u00fcnchen herausgegebenen Reihe, \u00bbDeutsche Geschichte der neuesten Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart\u00ab, die 30 Bande umfassen soll, von denen bisher 10 erschienen sind.<\/p>\n<p>M\u00f6ller beginnt mit einer Charakteristik der beiden Reichspr\u00e4sidenten, die die Weimarer Republik hatte. Er versucht, Friedrich Ebert posthum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, einem Mann, \u00fcber den Kurt Hiller in seinem Nachruf in der \u00bbWeltb\u00fchne\u00ab \u00e4u\u00dferte: \u00bbZahllose B\u00fcrger der deutschen Republik achteten ihn &#8211; nicht als Symbol nur, auch als Person; aber elendiglich l\u00fcgen w\u00fcrde, wer behaupten wollte, da\u00df auch nur Einer ihn geliebt habe.\u00ab<\/p>\n<p>Und ferner: \u00bbEr handelte stets als Demokrat, das hei\u00dft: als ein Mann f\u00fcr den der Wille der Mehrheit, mag er bedingt sein wodurch auch immer, mag er enthalten, was er wolle, die Richtschnur des Handelns abgibt; als Sozialist handelte er gerade in den entscheidenden Augenblicken (1914, 1918, 1923) nicht. Pazifistische Revolutionarit\u00e4t, proletarische Revolutionarit\u00e4t waren ihm fremd&#8230;\u00ab Beide Zitate finden sich bei M\u00f6ller. Er versucht, das f\u00fcr einen Sozialdemokraten der damaligen Zelt negativ wirkende Urteil zu relativieren, doch zeigt sich\u00a0in seiner eigenen Darstellung die Zwiesp\u00e4ltigkeit des Politikers (nicht der Person) Eberts. Es ist ebenso unzweifelhaft, da\u00df er Demokrat war, wie auch, da\u00df er keinesfalls Revolution\u00e4r war. Lediglich die historische Situation und sein Verantwortungsbewu\u00dftsein f\u00fchrten dazu, da\u00df er Mitglied in Revolutionsgremien wurde, wie dem Rat der Volksbeauftragten, der provisorischen Revolutionsregierung vom 10.11.1918. Ebert versicherte zwar einige Tage zuvor, er sei \u00fcberzeugter Republikaner doch war er auch \u00bbVernunftsmonarchist\u00ab. Er legte gr\u00f6\u00dften Wert darauf, die aus der Revolution entstandene Republik m\u00f6glichst rasch parlamentarisch zu legitimieren und die anstehenden Probleme mit Hilfe der bestehenden Institutionen staatlicher Herrschaft zu l\u00f6sen. Deshalb schlo\u00df er den f\u00fcr Revolution und Republik so folgenreichen \u00bbPakt\u00ab mit dem Ersten Generalquartiermeister in der Obersten Heeresleitung, Wilhelm Groener, der sich der neuen Regierung unter bestimmten Bedingungen zur Verf\u00fcgung stellte; deshalb nahm er das Angebot des Reichskanzlers Prinz Max von Baden zur (in der Verfassung des Kaiserreichs nicht vorgesehenen \u00dcbertragung des Kanzleramts) an: sie garantierte ein H\u00f6chstma\u00df an Legalit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t. Diese Demokratieauffassung wird auch deutlich in der Antwort auf die Forderung der USPD vom 9.11.1918: \u00bbDeutschland soll eine sozialistische Republik sein.\u00ab, der die SPD entgegensetzte, das sei Ziel ihrer eigenen Politik. \u00bbIndessen hat dar\u00fcber das Volk durch die konstituierende Versammlung zu entscheiden.\u00ab (S. 41) M\u00f6ller bezeichnet das als untadeligen demokratischen Entschlu\u00df, doch gesetzt den Fall, das Volk h\u00e4tte &#8211; anderen Sinnes geworden &#8211; den Kaiser zur\u00fcckrufen oder einen Diktator einsetzen wollen?<\/p>\n<p>Vermutlich sahen Ebert und die SPD zu diesem Zeitpunkt diese Alternative nicht. Den heute von Politikern und Staatsrechtlern so hochgehaltenen Begriff der \u00bbstreitbaren Demokratie\u00ab gab es damals noch nicht. Der Engl\u00e4nder\u00a0Gordon A. Cra(1) urteilt wesentlich h\u00e4rter als M\u00f6ller \u00fcber Ebert: \u00bbda\u00df der Kanzler eine \u00fcbertriebene Furcht vor der roten Gefahr hatte und die Gelegenheit vers\u00e4umte, die Energie und Willenskraft, die in den Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten steckte, zu nutzen, um die Arbeiterklasse f\u00fcr das neue Regime zu begeistern.\u00ab<\/p>\n<p>Paul v. Beneckendorff und Hindenburg, den sich die Deutschen 1925 als Reichspr\u00e4sidenten w\u00e4hlten, der \u00bbHeld von Tannberg\u00ab (Vernichtungsschlacht vom 23. bis 30. August 1914), war angeblich von \u00fcberdurchschnittlicher, aber einseitig aufs Milit\u00e4rische ausgerichteter Intelligenz. Er war zum Zeitpunkt seiner Wahl 77 Jahre alt; vor der Revolution von 1848 geboren, starb er eineinhalb Jahre nach seiner Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. M\u00f6ller \u00fcbernimmt die allgemeine Einsch\u00e4tzung, Hindenburg habe seine Pr\u00e4sidentschaft als Reichsverweserschaft anstelle der Hohenzollern verstanden. Er zeigt dessen Verbundenheit mit seinen \u00bbStandesgenossen\u00ab &#130; den ostelbischen Junkern, und seine \u00bbnotorische Illoyalit\u00e4t\u00ab gegen\u00fcber milit\u00e4rischen Partnern ebenso wie Reichskanzlern, die nicht auf Senilit\u00e4t beruhte, sondern Charakterfehler war wie auch die Infamie der von ihm wider besseres Wissen unterst\u00fctzten \u00bbDolchsto\u00df\u00ab-L\u00fcge. M\u00f6ller verneint eindeutig die Frage, ob ein solcher Mann Reichspr\u00e4sident sein konnte: \u00bbDie ihm allerorten entgegengebrachte Verehrung galt einem Mann, dem jegliche politische und auch &#8211; das mu\u00df vielen gegenteiligen Interpretationen zum Trotz gesagt werden &#8211; moralische Eignung f\u00fcr dieses Amt fehlte.\u00ab (S. 73)<\/p>\n<p>Der Beginn der Darstellung mit diesen ausf\u00fchrlichen Portr\u00e4ts wird gerechtfertigt durch die starke politische Stellung des Reichspr\u00e4sidenten. Auf S. 180 ff. beschreibt M\u00f6ller anschaulich das Staatsrecht der Weimarer Reichsverfassung und seine Umsetzung in die Praxis, wobei er auf die rechtlichen wie politischen Schwachstellen des Systems hinweist.<\/p>\n<p>Auch wenn er nur Bekanntes wiederholt und keine ausdr\u00fccklichen Vergleiche mit der Bundesrepublik zieht, zeigt diese Skizze eindringlich, weshalb das Regierungssystem von Weimar nicht funktionieren konnte und welche entscheidenden Korrekturen f\u00fcr das Bonner Grundgesetz vorgenommen wurden. M\u00f6ller ist eine vorz\u00fcgliche Einf\u00fchrung in die Geschichte der unvollendeten Demokratie von Weimar gelungen, in der er gegen\u00fcber bisherigen Darstellungen auch neue Akzente setzt und so neue Erkenntnisse vermittelt.<\/p>\n<p>Aufs beste erg\u00e4nzt wird sie durch<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Martin Broszat: Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerst\u00f6rung der Weimarer Republik; dtv Nr. 4516, M\u00fcnchen Oktober 1984; 242 S., DM 9,80,<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>ebenfalls ein Band der \u00bbDeutschen Geschichte der neuesten Zeit\u00ab. Einer der besten Kenner der Materie schildert den konsequenten Kampf Hitlers und seines Anhangs einschlie\u00dflich des gesamten \u00bbv\u00f6lkischen\u00ab Spektrums gegen die Republik. M\u00f6ller hatte bereits (S. 173 f.) zutreffend darauf hingewiesen, da\u00df Reichswehr und Justiz die zwei wichtigsten S\u00e4ulen ihrer staatlichen Herrschaft waren und wie br\u00fcchig sie beide waren. Broszat zeigt die unterschiedlichen Strategien, mit denen die Hitler-Partei diese St\u00fctzen des Staates zu ersch\u00fcttern suchte: durch offenen Terror und Provokation, aber auch durch Unterwanderung und Sympathisantenwerbung. \u00bbEin Meilenstein, ausgiebig und kontrovers kommentiert von der Berliner Presse, war Hitlers Legalit\u00e4tseid vom 25. September (1930) vor dem Leipziger Reichsgericht im Proze\u00df gegen drei Reichswehroffiziere, die der NSDAP beigetreten waren.\u00ab Hitler versicherte dabei, wenn er legal zur Macht komme, werde er in legaler Regierung Staatsgerichte einsetzen, \u00bbdie die Verantwortlichen an dem Ungl\u00fcck unseres Volkes gesetzm\u00e4\u00dfig aburteilen sollen\u00ab. Diese pathetische Erkl\u00e4rung wurde vielfach als eindeutiges Bekenntnis zum legalen Weg der Machteroberung angesehen und brachte Hitler vor allem innerhalb der Reichswehr und in den Kreisen der konservativen nationalen Opposition Beifall (S. 50 f.). Dazu kam \u00bbdie naive Genugtuung, die hohe Offiziere der Reichswehr dar\u00fcber empfanden, da\u00df Hitler seit 1929 mit Nachdruck (und an die Adresse gerade der Reichswehr gerichtet) die Bejahung des Wehrgedankens durch die Nationalsozialisten betonte\u00ab (S. 130). Vor allem General Schleicher (politischer Berater des Reichswehrministers Groener, sp\u00e4ter dessen Nachfolger und schlie\u00dflich letzter Reichskanzler vor Hitler) bem\u00fchte sich darum, das Verdikt der Staatsfeindlichkeit der NSDAP zu beseitigen und sie politisch salonf\u00e4hig zu machen (die Nazis erschossen ihn mit seiner Frau 1934 im Zuge des \u00bbR\u00f6hmputsches\u00ab). Hauptgegner Hitlers war und blieb die (SPD-gef\u00fchrte) Preu\u00dfische Regierung und Polizei (S. 53 ff.), doch konnte sie sich letztlich nicht durchsetzen, nicht zuletzt, weil sie oft ohne R\u00fcckhalt beim Reichskabinett blieb. Im Dezember 1931 beabsichtigte die preu\u00dfische Regierung, eine Pressekonferenz Hitlers in seinem direkt gegen\u00fcber der Reichskanzlei gelegenen Berliner Domizil, dem Hotel Kaiserhof, zu verbieten und ihn, der immer noch \u00f6sterreichischer Staatsangeh\u00f6riger war, aus Preu\u00dfen auszuweisen. Der Plan scheiterte, weil die Ausweisung der Zustimmung der Reichsregierung bedurft h\u00e4tte, die nicht zu gewinnen war.<\/p>\n<p>Den beiden dtv-B\u00e4nden sind als Anhang einige Dokumente, sowie je eine Zeittafel beigegeben. M\u00f6ller hat ferner seinem Band eine umfangreiche kommentierte Zusammenstellung von Originalquellen und Sekund\u00e4rliteratur beigegeben (18 S.), Broszat eine ebenfalls ausf\u00fchrliche Darstellung zu \u00bbQuellenlage und Forschungsstand\u00ab, die mit der Erwartung endet, \u00bbda\u00df eine gr\u00fcndlichere Untersuchung der Endphase der Weimarer Republik unter dem Gesichtspunkt der von der NS-F\u00fchrung angestrebten, aber sehr h\u00e4ufig auch gescheiterten Versuche der Machtdurchsetzung auf allen Ebenen des Staates und der Gesellschaft in mancher Hinsicht zu einer Revision des bisher dominierenden Bildes dynamischer Erfolgs-Zielstrebigkeit und politischer \u00dcberlegenheit der NS-Bewegung f\u00fchren wird\u00ab und \u00bbdie Machtdurchsetzung des Nationalsozialismus unaufhaltsam war\u00ab, weshalb sich dann auch die Frage nach den Gr\u00fcnden und Verantwortlichkeiten des Versagens der Weimarer Republik noch dringlicher als zuvor stelle.<\/p>\n<p>Weimar hatte immer eine Chance. \u00bbWoran ist also Weimar gescheitert?\u00ab<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917-1933; Siedler Verlag Berlin 1982; Leinen, 464 Seiten mit 226 Abbildungen, Diagrammen und Tabellen, DM 98,-,<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Teil des auf sechs B\u00e4nde angelegten Geschichtswerks \u00bbDie Deutschen und ihre Nation\u00ab, beantwortet die selbst gestellte Frage nur unzureichend und generalisierend: \u00bbBev\u00f6lkerung, Gruppen, Parteien und einzelne Verantwortliche haben das Experiment Weimar scheitern lassen, weil sie falsch dachten und deshalb falsch handelten. Auch auf dem Umweg \u00fcber die Strukturanalyse gelangt man so zu dem Schlu\u00df, da\u00df Weimar nicht schicksalhaft oder bedingt durch anonyme Sachzw\u00e4nge scheitern mu\u00dfte &#8211; die Chance der Gruppen wie der Einzelnen, sich f\u00fcr Weimar zu entscheiden und dem Gesetz der parlamentarischen Demokratie zu gehorchen, nach dem man angetreten war, hat immer bestanden\u00ab (S. 425).<\/p>\n<p>Der Autor legt eine thematisch umfassende, die geistige Kultur allerdings nur unzureichend (da im wesentlichen in Marginalien und in einem schmalen Kapitel isoliert) einbezogene Gesamtdarstellung vor, die gut lesbar ist und die \u00fcbrigen Darstellungen aus einer eher konservativen Sicht vorz\u00fcglich erg\u00e4nzt. Den Wertungen des Verfassers will man freilich nicht stets folgen (als beliebige Beispiele: der Staat als \u00bbeiner \u00fcber der Gesellschaft und ihrem Normenkompromi\u00df stehenden Wesenheit\u00ab? S. 2459; \u00dcbersch\u00e4tzung der Rolle der staatlichen Machtinstrumente f\u00fcr das Scheitern Weimars; Milit\u00e4r, B\u00fcrokratie und Justiz? 5. 423). Der Text gewinnt noch erheblich an Anschaulichkeit und Lebendigkeit dadurch, da\u00df (wie auch in den anderen B\u00e4nden des Gesamtwerks) zeitgen\u00f6ssische Darstellungen entweder in den Text eingef\u00fcgt oder auf dem breiten Rand abgedruckt werden: kaum Fotos, jedoch Dokumente jeglicher Art, insbesondere Schriftst\u00fccke, Zeitungsausschnitte, Plakate, Buchumschl\u00e4ge, vor allem Karikaturen, die geeignet sind, ein Zeitkolorit zu vermitteln, das allerdings vielfach dort, wo die Texte wiedergegebener Dokumente nicht mehr lesbar und auch nicht transkribiert sind, zur blo\u00dfen Arabeske wird.<\/p>\n<p>Ein ehrgeiziges Werk, eine l\u00e4ngst f\u00e4llige Spezialuntersuchung erscheint seit 1984, die \u00bbGeschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts\u00ab &#130; herausgegeben von Gerhard A. Ritter. Mit der Zeit der Weimarer Republik befa\u00dft sich<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918-1924; Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Berlin\/Bonn 1984; Leinen, 786 S. mit zahlr. Abb., DM 75,-.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Heinrich August Winkler: Der Schein der Normalit\u00e4t. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930; Verlag J. H. W. Dietz, Nachf. Berlin \/ Bonn 1985, Leinen, 895 S. mit zahlr. Abb., DM 80,-.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein dritter, abschlie\u00dfender Band wird die Zeit von 1930 bis 1933 behandeln und insbesondere danach fragen, ob es nach dem Scheitern der parlamentarischen Demokratie im Jahre 1930 noch Alternativen zur NS-Diktatur und damit zum Weg in die Katastrophe gab. Eine apodiktische Antwort hierauf wird man kaum erwarten d\u00fcrfen (und k\u00f6nnen), denn der Verfasser ist zur\u00fcckhaltend mit abschlie\u00dfenden Urteilen, l\u00e4\u00dft Tatsachen und Dokumente weitgehend f\u00fcr sich sprechen. Im Zentrum seiner Darstellung steht die SPD und ihre Politik, von den Mehrheitssozialisten abweichende politische Richtungen der Arbeiterbewegung (KPD, USPD) werden entschieden kritisiert. Diese Einstellung soll nicht als Mangel des Werks mi\u00dfverstanden werden, ihre Feststellung dient lediglich dazu, die politische Position des Autors zu beschreiben die ein Historiker als \u00bbbetont reformistisch\u00ab bezeichnet hat(2). Auf ihr Konto geht wohl auch, da\u00df die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik auf sieben Seiten allzu kurz abgehandelt wird.<\/p>\n<p>Als gravierenden Mangel sieht Winkler zu Recht, da\u00df die SPD auf die Revolution von 1918 politisch nicht vorbereitet war. \u00bbSie hatte keinerlei konkrete Vorstellungen davon, wie sie die ihr unverhofft zugefallene Macht im Sinne des eigenen Programms nutzen konnte. Ein \u00f6konomisch verk\u00fcmmerter Marxismus lie\u00df die SPD die politischen Herausforderungen verkennen, vor die sie die Revolution gestellt hatte&#8230; Der Abstraktheit der eigenen politischen Vorstellungen entsprach der Respekt vor dem konkreten Sachverstand der bisherigen Positionsinhaber nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in B\u00fcrokratie, Justiz und Milit\u00e4r. Dieser Respekt war so gro\u00df, da\u00df dar\u00fcber auch jenes Mindestma\u00df an Demokratisierung der alten Gewalten vers\u00e4umt wurde, das sich in der schwierigen \u00dcbergangssituation &#8230; h\u00e4tte verwirklichen lassen\u00ab (Bd. 1 &#130; S. 149). Auch macht er darauf aufmerksam, es sei bezeichnend, da\u00df nicht ein Sozialdemokrat, sondern ein linksliberaler Berliner Staatsrechtler, Hugo Preu\u00df, den Auftrag erhielt, den Verfassungsentwurf auszuarbeiten (Bd. 1 , S. 227), der sozialistische Erwartungen daher auch nicht habe befriedigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der zweite Band befa\u00dft sich, mit der Zeit, in der die SPD mit Ausnahme des Kabinetts M\u00fcller nicht mehr an Reichsregierungen beteiligt war. Es sind die viel beschworenen \u00bbGolden Twenties\u00ab der Republik. In einem umfangreichen ersten Kapitel untersucht Winkler die Welt des Arbeiters in diesen \u00bbgoldenen Jahren\u00ab. Er widerlegt zeitgen\u00f6ssische Behauptungen von Unternehmern, \u00fcberh\u00f6hte L\u00f6hne seien eine der wichtigsten Ursachen der Gro\u00dfen Depression seit 1928 gewesen und weist nach, da\u00df erst 1928 die Reall\u00f6hne je Woche die Vorkriegsmarke von 1913\/14 \u00fcberschritten haben, allerdings bei einer Senkung der w\u00f6chentlichen Durchschnittsarbeitszeit auf 46 Stunden, jedoch mit oft miserablen Arbeitsbedingungen. Er stellt fest, da\u00df Arbeiterschaft Unterschicht war, weil sie mehr sozialer Ungleichheit ausgesetzt war als die anderen Schichten und sich nicht nur einkommensm\u00e4\u00dfig, sondern auch hinsichtlich des Sozial-Prestiges und der Chance am unteren Ende der Gesellschaftspyramide befand (S. 170). Gleichwohl mu\u00df Winkler feststellen, da\u00df sich ein marxistisches proletarisches Klassenbewu\u00dftsein nur partiell herausbildete und da\u00df \u00bbdie deutsche Gesellschaft Mitte der Zwanzigerjahre h\u00f6chstens zu einem Drittel aus klassenbewu\u00dften Proletariern bestand, w\u00e4hrend sich rund zwei Drittel durch ihr Wahlverhalten gegen den Klassenkampf, gleichviel ob sozialdemokratischer oder kommunistischer Pr\u00e4gung, aussprachen. Nichts deutete in den mittleren Jahren der Weimarer Republik darauf hinf da\u00df die marxistische Gesellschaftsauffassung jemals mehrheitsf\u00e4hig werden k\u00f6nnte.\u00ab (S. 173).<\/p>\n<p>Von seinem Standpunkt aus verst\u00e4ndlich sieht Winkler mit wenig Sympathie auf das Engagement zahlreicher Intellektueller f\u00fcr die KPD. Die Aufz\u00e4hlung nur eine kleine Auswahl stellt einen Querschnitt der Elite deutschen Geisteslebens in der Weimarer Zeit dar: Walter Hasenclever, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, der Philosoph Theodor Lessing, Erwin Piscator, Gustav Wyneken, Arnold Zweig, die Pazifisten Kurt Hiller und Emil Julius Gumbel, der Dichter Ernst Toller, Herwarth Walden, George Grosz, John Heartfield, Karl August Wittfogel, Bertolt Brecht, Anna Seghers, um nur einige zu nennen, waren entweder Mitglieder der KPD oder unterst\u00fctzten einzelne ihrer Aktionen. Dagegen blieb das Verh\u00e4ltnis von Intellektuellen und Akademikern zur SPD gespannt. \u00bbDas akademische Deutschland stand in den Jahren der Weimarer Republik der Sozialdemokratie meist herablassend bis feindselig gegen\u00fcber\u00ab, konstatiert Winkler (Bd. 2, S. 716). Die Gr\u00fcnde, die er daf\u00fcr anf\u00fchrt, weshalb insbesondere auch die \u00bbLinksintellektuellen\u00ab sich von der SPD fernhielten, \u00fcberzeugen nicht: da\u00df sie Weimar in gewisser Weise als \u00bbihr Werk\u00ab verstanden, Berlin \u00bbihre Hauptstadt\u00ab gewesen sei.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt weder, weshalb sie sich lieber mit der KPD als mit der SPD solidarisierten, noch ist die Feststellung selbst so richtig. Zwar war Berlin die Hauptstadt der Avantgarde, aber es gab auch andere Zentren avantgardistischer Kunst: das Rheinland (D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln), das Bauhaus in Weimar, das 1925 nach Dessau \u00fcbersiedelte, und schlie\u00dflich M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich behandelt Winkler auch das gesamte politische Geschehen in der Zeit von 1924 bis 1930 einschlie\u00dflich der Gewerkschaftsbewegung. Es ist unm\u00f6glich, im Rahmen einer Sammelbesprechung einem Werk wie diesem auch nur<br \/>ann\u00e4hernd gerecht zu werden. Die F\u00fclle der Fakten, die Winkler zusammengetragen und geordnet hat, machen das Werk heute bereits zu einem Standardwerk der Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Hinzugef\u00fcgt sei noch, da\u00df es erschlossen wird durch vorz\u00fcgliche Sach-, Orts- und Personenregister; die beigegebenen Abbildungen sind zum gro\u00dfen Teil Wiedergaben zeitgen\u00f6ssischer Fotos, daneben politische Werbung der Zeit. Besonders hervorzuheben ist auch die Preisw\u00fcrdigkeit des Werks. Im Hinblick auf den Umfang der beiden B\u00e4nde sind sie nicht teurer als eine vergleichbare Anzahl von Taschenb\u00fcchern.<\/p>\n<p>In Band 2 nimmt Winkler auch Bezug auf eine Untersuchung, die bereits in den Drei\u00dfigerjahren entstanden ist, jedoch erstmals 1980 ver\u00f6ffentlicht wurde und nun im Taschenbuch vorliegt.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Bon\u00df; dtv wissenschaft Nr. 4409, M\u00fcnchen Januar 1983; 315 S., DM 12,80.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Enquete wurde 1929 im Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung begonnen. Sie wurde zun\u00e4chst weitgehend von Hilde Wei\u00df bearbeitet, weitere Mitarbeiter waren Anna Hartoch, Herta Herzog und Ernst Schachtel. Ihr lag eine Umfrage zugrunde. Von 3 300 verteilten Frageb\u00f6gen mit 271 Positionen wurde bis Ende 1931 ein Drittel zur\u00fcckgesandt. Infolge der 1933 erzwungenen Emigration des Instituts ging ein Teil des Materials verloren, so da\u00df 1934 nur noch 584 ausgef\u00fcllte Fragebogen vorhanden waren. Die Spannungen zwischen Fromm und Horkheimer sowie den \u00fcbrigen Institutsmitgliedern, vor allem Adorno, verhinderten schlie\u00dflich eine Ver\u00f6ffentlichung: nach Fromms Aussage war die Erhebung den anderen zu \u00bbmarxistisch\u00ab. Als wichtigstes Ergebnis h\u00e4lt Fromm fest, da\u00df nur 15% der\u00a0 \u00bbLinken\u00ab (SPD und KPD)\u00a0in \u00dcbereinstimmung \u00bbim Denken als auch im F\u00fchlen\u00ab mit ihrer Partei befunden wurden, weitere 25, immerhin eine geringere \u00dcbereinstimmung zeigten, 20% der Anh\u00e4nger der Arbeiterparteien aber eindeutig autorit\u00e4r waren. Jay(3) teilt mit, das Institut sei in einer Analyse zu dem Schlu\u00df gekommen, die deutsche Arbeiterklasse werde sich einer Machtergreifung durch die Rechten weit weniger widersetzen, als ihre militante Ideologie es vermuten lasse. Die Geschichte hat die Richtigkeit dieser Einsch\u00e4tzung best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind noch zwei Neuerscheinungen zur kritischen Kunst der Weimarer Zeit anzuzeigen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Eberhard Kolb \/ Eberhard Roters \/ Wieland Schmied: Kritische Grafik in der Weimarer Zeit, Klett-Cotta, Stuttgart 1985; Leinen, 226 S, mit 146 Abb. auf Tafeln, davon 12 in Farbe, sowie weiteren Abb. im Text, DM 58,&#151;.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Bildteil ist in Auswahl und Ausstattung hervorragend. Er vermittelt einen guten Eindruck von der sozialkritischen Grafik der Zeit, in unterschiedlichen Techniken und Kunststilen. Neben allgemein bekannten K\u00fcnstlern wie Karl Arnold, Max Beckmann, Otto Dix, Georg Grosz, K\u00e4the Kollwitz und denen, die in den letzten Jahren wiederentdeckt wurden (Conrad Felixm\u00fcllerf Karl Hubbuch, Christian Schad, Josef Scharl) sind auch eine Anzahl meist nur den Experten bekannte vertreten: Gerd Arntz und Augustin Tschinkel geh\u00f6ren hierzu, die &#8211; wie Heinrich Hoerle und F. W. Seifert, die im hier besprochenen Band leider fehlen &#8211; mit konstruktiven, auf geometrische Grundfiguren reduzierten Archetypen eindringliche, plakative Bildwirkungen erzielen und so politische Aussagen in bildhaften Zeichen und damit (im durchaus positiven Sinn) volkst\u00fcmlich-anschaulich erm\u00f6glichen. Auch Hans Schmitz, der mit vier Abbildungen vertreten ist, arbeitet in einem \u00e4hnlichen Stil. Jeanne Mammen, Lasar Segall vertreten einen expressionistischen Realismus, Georg Schrimpf und Georg Scholz die \u00bbNeue Sachlichkeit\u00ab.<\/p>\n<p>Die Auswahl der K\u00fcnstler erstrebt offensichtlich nicht Vollst\u00e4ndigkeit. Die Bildthemen spiegeln die politischen und sozialen Probleme der Zeit wieder: Krieg, B\u00fcrgerkrieg, aufkommenden Faschismus und Militarismus, Arbeiterschicksal, Gro\u00dfstadt, Variete, Eros, Hunger und Prostitution. Der Qualit\u00e4t des Bildteils entspricht leider nicht die s\u00e4mtlicher Texte: die geschichtliche Einf\u00fchrung von Eberhard Kolb ist weitgehend belanglos und wenig kritisch. Eberhard Roters befa\u00dft sich mit der \u00bbLinie als Waffe\u00ab, Wieland Schmied leider nur mit Formen der \u00bbNeuen Sachlichkeit\u00ab. Jedem K\u00fcnstler ist eine Kurzbiografie gewidmet, die Bildlegenden beschr\u00e4nken sich auf die Nennung von Titel, Entstehungszeit, Technik und Gr\u00f6\u00dfe, so da\u00df der Leser oft allein gelassen wird. Insbesondere die Radierungen von Hubbuch h\u00e4tten dringend eines interpretatorischen Textes bedurft. Mit der Darstellung einer ganzen Kunstlandschaft befa\u00dft sich<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Ulrich Krempel Hg.: Am Anfang: Das Junge Rheinland. Zur Kunst- und Zeltgeschichte einer Region 1918-1945; Claassen Verlag D\u00fcsseldorf 1985; Leinen, 351 S., mit zahlreichen Abbildungen und (teils farbigen) Tafeln, DM 64,&#151;.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es handelt sich um das Katalogbuch einer Ausstellung in der St\u00e4dtischen Kunsthalle D\u00fcsseldorf. Neben Malerei und Skulptur, angewandter Kunst und Architektur werden auch Theater und Ballett sowie Musik in eigenen Aufs\u00e4tzen und anhand von exemplarischen Beispielen behandelt. Mittelpunkt der Darstellungen ist &#8211; entsprechend dem Ausstellungsort &#8211; D\u00fcsseldorf. Auf dem Gebiet der Malerei wird endlich die Bedeutung von \u00bbMutter EY\u00ab geb\u00fchrend gew\u00fcrdigt, der Heinrich B\u00f6ll bereits 1960 ein Denkmal w\u00fcnschte: einer Kunsth\u00e4ndlerin, die mit einer Backwarenfiliale in der N\u00e4he der Akademie begann, in der sie kleine T\u00f6rtchen und belegte Br\u00f6tchen f\u00fcr 5 Pfennige verkaufte, die sie zugunsten einer Kunsthandlung mit den \u00f6rtlichen, im 19. Jahrhundert verwurzelten Ber\u00fchmtheiten der Akademie vertauschte, um schlie\u00dflich progressive Kunst auszustellen. K\u00fcnstler so unterschiedlicher Richtung wie Max Ernst und Otto Dix, Karl Schwesig, Gert Heinrich Wollheim und Adolf Uzarski sowie viele andere trafen sich bei ihr, f\u00fcr viele war sie, die selbst kaum Geld hatte, letzte Rettung in der Not, wenn sie Bilder verkaufte, Geld borgte oder einfach nur Essen auftischte, auch wenn sie nicht wu\u00dfte, wovon sie am n\u00e4chsten Tag die f\u00e4llige Miete zahlen sollte. Sie war ein Kristallisationspunkt der D\u00fcsseldorfer Szene, \u00bbihre\u00ab K\u00fcnstler haben sie in zahlreichen Portr\u00e4ts verewigt, ihre eigene Sammlung ging im Feuersturm der Brandbomben des Zweiten Weltkriegs unter. Der Band zeigt die \u00fcberregionalen Verbindungen der jungen rheinischen K\u00fcnstler mit den \u00fcbrigen Kunstzentren Deutschlands und der angrenzenden L\u00e4nder, vor allem mit Berlin und M\u00fcnchen, den K\u00fcnstlern des Bauhauses. Er hat erstmals seit dem Ende der Weimarer Zeit die Existenz dieses lebendigen Kunstzentrums Rheinland ins Bewu\u00dftsein gebracht und ist ein unentbehrliches Hilfsmittel f\u00fcr jeden, der sich mit der Kunst dieser Zeit eingehender besch\u00e4ftigen will.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 Deutsche Geschichte 1866-1945, S. 354<br \/>2 Hans Mommsen in: S\u00fcddeutsche Zeitung vom 19.\/20.10. 1985<br \/>3 Martin Jay, Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts f\u00fcr Sozialforschung 1923-1950, Ffm 1976, 5. 147,<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[356],"publikationen":[1271],"class_list":["post-12403","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sieghart-ott","publikationen-79-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Literarischer Maulwurf XXXIII Weimar \u0097 Deutschlands erste Republik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxiii-weimar-deutschlands-erste-republik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Literarischer Maulwurf XXXIII Weimar \u0097 Deutschlands erste Republik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S.127-135 \u00bbDer Krieg mit allen seinen Opfern in endlosen Jahren hat kommen k\u00f6nnen, weil wir ihn kommen lie\u00dfen. 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