{"id":12442,"date":"1997-06-30T07:00:00","date_gmt":"1997-06-30T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nicht-nur-helden\/"},"modified":"1997-06-30T12:00:00","modified_gmt":"1997-06-30T10:00:00","slug":"nicht-nur-helden","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/nicht-nur-helden\/","title":{"rendered":"Nicht nur Helden"},"content":{"rendered":"<p>Eine deutsche Studie \u00fcber die italienische Abrechnung mit dem Faschismus<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 97-98<\/p>\n<p>Besonders im Norden Italiens wird man in jeder Stadt und in fast jedem Dorf an vielen H\u00e4usern eine Tafel finden, die an die Opfer im Widerstandskampf gegen die Invasion deutscher Wehrmachtstruppen in den Jahren unmittelbar vor Ende des II. Weltkrieges erinnert. Man mu\u00df nicht der italienischen Sprache m\u00e4chtig sein, um zu erahnen, welche Bedeutung diese Denkm\u00e4ler f\u00fcr die historische Identit\u00e4t der Italiener besitzen. Die Erinnerung an die Resistenza, den milit\u00e4rischen und politischen Widerstand gegen die NS-Okkupanten und die Faschisten im eigenen Land, geh\u00f6rt zum festen Kanon in der italienischen Schulausbildung. Lange Zeit sah niemand einen Anla\u00df, die Verdienste und Erfolge der <i>Resistenza<\/i> mit gr\u00fcndlichen wissenschaftlichen Recherchen vielleicht etwas zu relativieren. R\u00fcttelte man damit doch an einem scheinbar unersch\u00fctterlichen Grundkonsens der nach dem Krieg gegr\u00fcndeten italienischen Republik.<\/p>\n<p>Erst mit dem welthistorischen Ende der klassischen Ost-West-Konfrontation und mehr noch durch den Zerfall des im Widerstand geformten politischen Konsens von katholischen, kommunistischen und laizistischen Parteien, entz\u00fcndete sich auch in Italien eine heftige Diskussion \u00fcber die tats\u00e4chliche Bedeutung der <i>Resistenza<\/i>. Vor allem der k\u00fcrzlich verstorbene Faschismusforscher Renzo de Felice griff mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen und \u00f6ffentlichen Polemiken den, wie er es nannte &#8222;<i>Resistenza-Mythos<\/i>&#8220; frontal an und provozierte damit heftige Gegenpolemiken von seiten linker Wissenschaftler und Publizisten. De Felice und ihm nahestehende Historiker haben nolens volens mit ihren Angriffen auf die <i>Resistenza<\/i> den Neo-Faschisten erlaubt ein neues Selbstbewu\u00dftsein zu finden, aber gleichzeitig auch ihre Gegner zu einer genaueren und weniger pathetischen Einsch\u00e4tzung des italienischen Anti-Faschismus gezwungen.<\/p>\n<p>Genau in diesen noch anhaltenden und in seinem Ausgang noch offenen Kampf um die Deutung der Jahre unmittelbar am Kriegsende st\u00f6\u00dft auch die jetzt von Hans Woller vorgelegte Studie<\/p>\n<p>&#8222;Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943 bis 1945&#8220; (M\u00fcnchen, 1996).<\/p>\n<p>Aus der r\u00e4umlichen Distanz eines am M\u00fcnchener &#8222;Institut f\u00fcr Zeitgeschichte&#8220; forschenden Historikers und unbelastet durch biographische Verwicklungen, blickt Woller mit \u00e4u\u00dferster philologischer Genauigkeit auf die Ereignisse Mitte der vierziger Jahre, deren Interpretation die politischen Gem\u00fcter in Italien derzeit so heftig bewegen. In jahrelanger Auswertung deutscher, italienischer und amerikanischer Archive hat Woller eine detaillierte Studie \u00fcber die <i>epurazione<\/i>, die S\u00e4uberung der italienischen Gesellschaft von den Erbschaften zwischen den Jahren 1943 und 1946 erstellt, die mit ihrer \u00fcberw\u00e4ltigenden Informationsf\u00fclle auch neben den besten italienischen Studien bestehen kann.<\/p>\n<p>Die Fragen, auf die Woller mit seiner akribischen Forschungsarbeit eine Antwort sucht, werden gleich zu Beginn entfaltet: &#8222;Wie ist Italien nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 mit der personellen Hinterlassenschaft des Faschismus, also mit den Aktivisten und Fanatikern, den Bonzen und Ideologen, den Nutznie\u00dfern und Mitl\u00e4ufern umgegangen &#8230; Was tat die Regierung? Wie verhielten sich die Parteien, wie die gesellschaftlichen Interessenverb\u00e4nde, wie die katholische Kirche? Welche Ziele verfolgten die alliierte Milit\u00e4rregierung und die antifaschistische Befreiungsbewegung, und welche Mittel setzte die Resistenza ein, um ihre Abrechnungsbed\u00fcrfnisse zu stillen?<\/p>\n<p>Die das Ende des italienischen Faschismus kennzeichnende Un\u00fcbersichtlichkeit der jeweils herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse zwischen der \u00dcbergangsregierung von Badoglio, dem durch die Kooperation mit Mussolini kompromittierten K\u00f6nigshaus, dem Einflu\u00df der alliierten Besatzung und der erstarkenden antifaschistischen Einheitsbewegung, widmet Woller den ersten Teil seiner Untersuchung. Sehr genau zeichnet er dann den langsamen Kurswechsel der in der antifaschistischen Einheit besonders starken Kommunisten von einer &#8222;wilden&#8220; und \u00e4u\u00dferst blutigen Rache an dem alten System und seinem politischen Personal hin zu einer M\u00e4\u00dfigung des &#8222;Abrechnungsfurors&#8220; in die geordneten Bahnen juristischer Prozesse nach. Mit dem Amnestiegesetz von 1946 war dann die hei\u00dfe Phase der antifaschistischen S\u00e4uberung abgeschlossen. Die Arbeit endet mit einer Darstellung der m\u00fchseligen Etablierung eines liberal-demokratischen Regierungssystems, in dem dann \u00fcber Jahrzehnte bis in die fr\u00fchen 90er Jahre hinein die Christdemokraten die politische Macht kontrollierten. Jede einzelne Phase dieser gesellschaftlichen wie politischen L\u00f6sung vom Faschismus wird von Woller in allen zum Verst\u00e4ndnis notwendigen Einzelheiten rekonstruiert.<\/p>\n<p>Da\u00df auch Woller mit dieser Untersuchung am Mythos der &#8222;gro\u00dfen heldenhaften <i>Resistenza<\/i>&#8220; kratzt, kann nur kritisieren, wer immer noch verkl\u00e4rende Erinnerungen einer n\u00fcchternen geschichtswissenschaftlichen Untersuchung vorzieht. &#8222;Jeder halbwegs Klarsichtige&#8220;, so der Triester Schriftsteller und Germanist Claudio Magris, &#8222;hat immer gewu\u00dft, da\u00df der antifaschistische Widerstand in Italien nicht nur von Helden und Heiligen geleistet, nicht nur von Idealismus und Opferbereitschaft motiviert wurde, sondern auch gezeichnet war von Irrt\u00fcmern und Schrecken, nicht zu reden von den politischen Widerspr\u00fcchen innerhalb der Bewegung selbst&#8220;.<\/p>\n<p>Wissend um die Verbrechen der SS und der Wehrmacht auch &#8211; und an einigen Orten sogar vor allem &#8211; an der Zivilbev\u00f6lkerung, sollte man sich aber als Deutscher in der Verurteilung von nicht zu leugnenden barbarischen Racheakten der <i>Resistenza<\/i> etwas zur\u00fcckhalten. Das zu be- und verurteilen, ist vornehmlich eine politische, juristische und moralische Aufgabe der Italiener selbst. Auch Woller respektiert dies, wenn er sich mit seiner bis in die kleinsten Ver\u00e4stelungen von Fu\u00dfnoten pr\u00e4zisen Studie auf die Objektivit\u00e4t seri\u00f6ser Geschichtsforschung zur\u00fcckzieht und dem Leser ein eigenes Urteil \u00fcber die pr\u00e4sentierten Fakten \u00fcberl\u00e4\u00dft. &#8222;Italien hat &#8230; einen eigenen Weg im Umgang mit der personellen Hinterlassenschaft einer \u00fcberwundenen Diktatur eingeschlagen. Er war k\u00fcrzer und weitaus blutiger als der, den beispielsweise Westdeutschland beschritt, wo die unmittelbare Abrechnung mit dem Nationalsozialismus wirklich ausgeblieben war und durch eine qu\u00e4lend lange Auseinandersetzung und &#130;Bew\u00e4ltigung&#8216; ersetzt werden mu\u00dfte. Ob der italienische schlechter war als der deutsche oder andere Sonderwege, ob Abrechnung besser ist als Auseinandersetzung, mag dahingestellt bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Kontroverse mu\u00df in Italien wie in Deutschland weiter gef\u00fchrt werden. Auf die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Hans Woller wird man dabei aber nicht mehr verzichten k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[],"publikationen":[1045],"class_list":["post-12442","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","publikationen-vorg-138"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nicht nur Helden - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/nicht-nur-helden\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nicht nur Helden - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine deutsche Studie \u00fcber die italienische Abrechnung mit dem Faschismus Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 97-98 Besonders im Norden Italiens wird man in jeder Stadt und in fast jedem Dorf an vielen H\u00e4usern eine Tafel finden, die an die Opfer im Widerstandskampf gegen die Invasion deutscher Wehrmachtstruppen in den Jahren unmittelbar vor Ende [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/nicht-nur-helden\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"1997-06-30T10:00:00+00:00\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"5\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/vorg-138\\\/publikation\\\/nicht-nur-helden\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/vorg-138\\\/publikation\\\/nicht-nur-helden\\\/\",\"name\":\"Nicht nur Helden - 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