{"id":12510,"date":"1970-01-16T12:52:00","date_gmt":"1970-01-16T11:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/religion-der-enthebung\/"},"modified":"1970-01-16T12:00:00","modified_gmt":"1970-01-16T11:00:00","slug":"religion-der-enthebung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-1970-vorgaenge\/publikation\/religion-der-enthebung\/","title":{"rendered":"Religion der Enthebung"},"content":{"rendered":"<p>Vorgang 1\/1970 S.29-30<\/p>\n<p>\u00a0Sigrid Hunke: Europas andere Religion, Die Leberwindung der religi\u00f6sen Krise,<\/p>\n<p>Econ Verlag, D\u00fcsseldorf 1969, 558 S.<\/p>\n<p>Die These des Buches lautet in K\u00fcrze: das Christentum, mit seinem dualistischen,<\/p>\n<p>zwischen Gott und Welt schroff unterscheiden-den Daseinsverst\u00e4ndnis orientalischen<\/p>\n<p>Ursprungs ist dem unserer westlichen Welt fremd und unertr\u00e4glich. Die fr\u00fche Christi<\/p>\n<p>anisierung Europas, bevor seine V\u00f6lker sich recht auf ihr Eigenstes haben besinnen<\/p>\n<p>k\u00f6nnen, wurde zur \u00dcberfremdung, von der es sich befreien mu\u00df. Die religi\u00f6se Krise<\/p>\n<p>unserer Zeit ist Ausdruck suchender Unruhe der Vielen, die das Fremde abzustreifen suchen, deutet auf den endlichen Durchbruch des uns Gem\u00e4\u00dfen. An die Stelle der orientalisch-christlichen Fremdreligion mit ihrem Absolutheitsanspruch, dieser &#132;ungeheuren Anma\u00dfung, auf Religion und Sittlichkeit allein das Monopol zu besitzen&#148;, mu\u00df endlich die &#132;europ\u00e4ische Religion&#148; treten, die eine &#132;Religion der Einheit&#148; ist: &#132;Erleben der Einheit und Leben aus der Einheit&#148;, &#132;Mitwirken mit dem G\u00f6ttlichen und Mitschaffen am G\u00f6ttlichen&#148;. Hymnischer Lobpreis solcher alles heiligen-den G\u00f6ttlichkeit des Menschen und der Welt erf\u00fcllt das ganze Buch.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Religion ist das, diese &#132;europ\u00e4ische&#148;? Ihre Zeugen findet die Verfasserin bei Denkern und Dichtern durch die Jahrtausende, besonders aber in der christlichen Ketzer- geschichte, die sie hier &#132;einmal nicht mit den Augen der Inquisitoren, sondern von der anderen Seite, von der Seite der Opfer&#148; ansehen will. Da gibt es viele Namen, bekannte und kaum bekannte. Besonders kommen die Mystiker zu Wort; aber auch Erasmus,<\/p>\n<p>Pestalozzi, Kant, Schiller, Fichte, Hegel, Schleiermacher, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Teilhard de Chardin, so wenig des Gemeinsamen sie sonst haben m\u00f6gen, hier erscheinen sie in vielen passend ausgew\u00e4hlten Zitaten vereint als Vertreter des Einheitsprinzips, das dem Christentum entgegengestellt wird: &#132;Gottes Geburt in der Seele&#148;; die Gotteserfahrung hat ihren Ursprung im Herzen des einzelnen, innerlich bewegten Menschen. Es ist das Bewu\u00dftsein, einer g\u00f6ttlichen Ordnung eingef\u00fcgt zu sein, die in der Welt und im Leben der Menschengemeinschaft waltet.<\/p>\n<p>Da ist kein au\u00dferweltlicher Sch\u00f6pfergott, kein au\u00dferweltlicher Gesetzgeber und Richter, keine Scheidelinie zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Gut und B\u00f6se. &#132;Alle europ\u00e4ische Religion hat darauf verzichtet, das Unerfa\u00dfliche, Unbegreifliche in Grenze und Gestalt zu fassen. ..&#130; zu personifizieren, ja mit menschlichen Kategorien und Qualit\u00e4ten menschlicher Wertung und Vergleichen und sei es als &#130;Liebe&#8216;.. . \u00fcberhaupt erreichen zu wollen.&#148;<\/p>\n<p>Noch einmal wird eine bunte Reihe von Namen zur Zeugenschaft zusammengetragen: griechische Philosophen der Antike, deutsche der Neuzeit, Goethe, Rilke, Gerhard Szczesny, Heinrich v. Berg, Friedrich Sch\u00f6ll. (In der Zeittafel des Anhangs stehen ihrer ungef\u00e4hr 200 f\u00fcr &#132;die andere Religion Europas&#148;; da reicht die Spannweite u. a. von Wilhelm Busch, dem M\u00e4rchendichter H. C. Andersen und R. G. Binding bis zu Franz von Baader, Max Planck, Thomas Mann, Martin Heidegger und Ernst J\u00fcnger.) &#132;Sie alle meinen das-selbe&#148;: &#132;Es gibt nur ein Sein. Nur eine Wirklichkeit.&#148; F\u00fcr den Europ\u00e4er wird die Grenze der Erkennbarkeit nicht zum Trennungsgraben zwischen zwei Welten. &#132;Hier enth\u00e4lt in der Koinzidenz des Sowohl-Als-Auch die unerkennbare Wirklichkeit die er-kennbare in sich, als auch in allem Erkennbaren immer zugleich das Unerkennbare, in allem Endlichen immer das Unendliche, in je-dem Augenblick das Ewige mitenthalten ist.&#148; Und wer sich dessen bewu\u00dft ist, dem &#132;leuchtet Gott in allen Dingen&#148;, ihm &#132;ist nichts profan, alles heiliger Ort&#148;. &#132;Jeder Mensch, jede Pflanze,&#8230; jede Sch\u00f6nheit und jedes Schreckliche, alles Gro\u00dfe und Erhabene der Natur, der Kunst, der Technik werden ihm ein Weg zu Gott.&#148;<\/p>\n<p>Energischer dr\u00e4ngt sich jetzt die Frage auf: Was f\u00fcr eine Religion ist das? Flucht aus den hei\u00dfesten Konflikten unserer Welt? Flucht aus der Verantwortung? &#132;Der Mensch ist Gott verantwortlich&#148;, sagt die Verfasserin, &#132;weil Gott mit uns w\u00e4chst, ist es an uns, immer mehr an uns selbst zu arbeiten und uns selbst zu \u00fcberholen&#8230;, uns, unser Tun und unser Leben zur Vollkommenheit zu leben&#148;. Das hei\u00dft: Mitschaffen am G\u00f6ttlichen, &#132;mit jedem Bauen und Geschirrsp\u00fclen, mit jedem Handgriff und Fortschritt&#8230; Jeder, der mit voller Hingabe schafft, verwirklicht das G\u00f6ttliche im Zeitlichen und nimmt am Ewigen, G\u00f6ttlichen teil&#148;. Hat wohl die Verfasserin schon einmal Flie\u00dfbandarbeiter &#132;mit voller Hingabe schaffen&#148; gesehen, in der geistt\u00f6tenden Monotonie dieser Arbeit, in dem von der Maschine vorgeschriebenen er-sch\u00f6pfenden Tempo? Und menschliche Hybris, Brutalit\u00e4t: Konzentrationslager, Folterungen, Vergasungen, Napalm, zerm\u00fcrbenden Hunger,<\/p>\n<p>die Ermordung der Hunderttausende lateinamerikanischer Indianer durch Bodenspekulanten? Wie steht es um deren &#132;Vervollkommnung&#148;? Die Antwort: &#132;Gutes k\u00f6nnte nicht sein, wenn es B\u00f6ses nicht g\u00e4be&#8230; Auch Fehler und Irrwege, das B\u00f6se selbst, sind notwendiges Moment der g\u00f6ttlichen Weltordnung und Bedingung unaufh\u00f6rlichen Werdens und Vergehens, von Aufstieg und Steigerung&#148;.<\/p>\n<p>Nein, es ist keine Antwort, denn die Fragen kommen in dem ganzen Buch gar nicht in den Blick. Diese die Mitmenschlichkeit so heroisch ausklammernde Ideologie sei &#132;einhelliger europ\u00e4ischer Glaube, von dem Griechen Heraklit vor zweitausend Jahren bis zum Franzosen Teilhard&#8230; bis zu jedem Namen-losen der Gegenwart, der die Kraft hat, zum Leid Ja zu sagen und aus ihm Kr\u00e4fte zog&#148;. &#132;Immer aus Not, nimmer aus fettem Nichts w\u00e4chst das Gro\u00dfe herauf&#148;, so zitiert sie Josef Weinheber, der immerhin noch 1941 den Hitler als &#132;Deutschlands Genius&#148;, als &#132;Retter&#148; und &#132;Erl\u00f6ser&#148; andichten konnte.<\/p>\n<p>Auch die geistige Umbruchsbewegung der Gegenwart soll das &#132;europ\u00e4ische&#148; Konzept<\/p>\n<p>best\u00e4tigen. Was dazu \u00fcber die moderne Naturwissenschaft gesagt wird, darf hier<\/p>\n<p>schonend \u00fcbergangen werden; ein Wort aber zur Einsch\u00e4tzung der theologischen Bewegung. F\u00fcr sie stehen von evangelischer Seite H. J. Schultz, Bultmann, Tillich,<\/p>\n<p>Braun, S\u00f6lle, von katholischer Seite Sartory, Rahner, Halbfas, dazu Holl\u00e4nder, Franzosen, Engl\u00e4nder. Die Verfasserin zitiert S\u00e4tze, die, ihre Linie scheinbar best\u00e4tigend, sich gegen die Annahme einer supranaturalen, neben der Welt existierenden Gottheit wenden. Sie sieht richtig, da\u00df damit eine Akzentverlagerung in der Interpretation der Evangelisten einhergeht. Sie erinnert daran, da\u00df in der nunmehr verwendeten Sprache oft genug das Wort &#132;Gott&#148; zur leeren Chiffre wird und da\u00df, weil man doch die Transzendenz Gottes zu wahren sucht, die Bem\u00fchung ohne letzte Konsequenz bleibt. Indem sie aber das rationale, aufkl\u00e4rerische Motiv dieser theologischen Bewegung au\u00dfer acht l\u00e4\u00dft, erkennt sie hier nur die Fortdauer des alten Dualismus, das Aus-bleiben der von ihr verk\u00fcndeten &#132;Einheit&#148;.<\/p>\n<p>Und v\u00f6llig entgeht ihr das Wesentliche dieser theologischen Bewegung; wieder wird nur das erw\u00e4hnt, was der Leitidee des Buches zu entsprechen scheint. Au\u00dfer acht bleibt, wie eindringlich gerade von den gegenw\u00e4rtig die \u00f6ffentliche Diskussion bestimmenden j\u00fcngeren Theologen die mitmenschliche und politische Verantwortung betont wird, die allein den Glauben glaubw\u00fcrdig macht. Nicht etwa davon erwartet die Verfasserin die \u00dcberwindung der religi\u00f6sen Krise, da\u00df der Glaube einer Bew\u00e4hrungsprobe vor den konkreten mitmenschlichen und das hei\u00dft heute vordringlich auch vor den gesellschaft- lichen Problemen unserer Zeit ausgesetzt wird, sondern von einem Wandel im religi\u00f6sen Denken: vom &#132;Dualismus aller Spiel-arten und in allen Lebensbezirken&#148; zur All-Einheit hin. Der Weg ins Neue sei &#132;der Weg zu uns selbst auf einer neuen Ebene&#148;, in der &#132;\u00fcberall grenzenaufhebenden Gesinnung des Sowohl-Als-Auch, wie sie vor der Verchristlichung selbstverst\u00e4ndlich war&#148;.<\/p>\n<p>Der Referent gesteht sein wachsendes Unbehagen bei der Lekt\u00fcre dieses Buches. Dessen entscheidender Mangel scheint ihm zu sein, da\u00df vergessen wird, wie unfruchtbar in unserer Welt jeder Glaube bleiben mu\u00df, (ob christlich oder nicht), der sich nicht konkret auf das ganze menschliche Dasein bezieht, der das verantwortliche Miteinander der Menschen aus dem Blick verliert. Die Kritik der jungen Theologen heute am \u00fcberlieferten Glauben entz\u00fcndet sich unter anderem gerade daran, da\u00df um einer irrational gewordenen jenseitigen Gottes- und Heilsvorstellung das sehr diesseitige Unheil leiden-der Menschen und die dieses Unheil erzeugenden politischen und gesellschaftlichen Bedingungen vernachl\u00e4ssigt werden. Die &#132;Entprivatisierung&#148; der Heilsvorstellung (J. B. Metz) als ein Irrweg ist ihr Thema. Dieses Buch aber predigt eine privatisierte Religion, suggeriert den Selbstgenu\u00df in erhebenden Gef\u00fchlen: in Harmonie mit dem Unendlichen zu leben; im &#132;Grund Gottes&#148;, im &#132;Weltinnenraum&#148; dem st\u00f6renden Dualismus entr\u00fcckt zu sein zwischen dem, was wir in guten Stunden wollen und dem, was wir in Wirklichkeit anrichten oder doch unt\u00e4tig zulassen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2492],"publikationen":[2836],"class_list":["post-12510","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-eduard-hapke","publikationen-1-1970-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Religion der Enthebung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-1970-vorgaenge\/publikation\/religion-der-enthebung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Religion der Enthebung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vorgang 1\/1970 S.29-30 \u00a0Sigrid Hunke: Europas andere Religion, Die Leberwindung der religi\u00f6sen Krise, Econ Verlag, D\u00fcsseldorf 1969, 558 S. 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