{"id":16697,"date":"2021-08-14T20:17:54","date_gmt":"2021-08-14T18:17:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=16697"},"modified":"2021-09-16T20:38:07","modified_gmt":"2021-09-16T18:38:07","slug":"die-kirche-und-die-sexualitaet","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/233-vorgaenge\/publikation\/die-kirche-und-die-sexualitaet\/","title":{"rendered":"Die Kirche und die Sexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg\u00e4nge Nr. 233 (1\/2021), S. 103 &#8211; 105<\/p>\n<p>Karlheinz Deschner, Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2021, 744 S., 32,- Euro, ISBN 978-3-86569-319-8.<\/p>\n<p>Der Skandal um die zahlreichen F\u00e4lle der sexualisierten Gewalt gegen Kinder (zumeist mit dem verfehlten Begriff des \u201eKindesmissbrauchs\u201c bezeichnet) in den Institutionen der christlichen \u201eAmtskirchen\u201c ist w\u00e4hrend der Corona-Krise ein St\u00fcck weit aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein verdr\u00e4ngt worden. Neben der Notwendigkeit, die T\u00e4ter durch die staatlichen Gerichte konsequent zur Rechenschaft zu ziehen, bedarf die Frage nach den Hintergr\u00fcnden der Aufkl\u00e4rung. Sind die Ursachen hierf\u00fcr generell in den Machtverh\u00e4ltnissen in Organisationen, in denen Erwachsene mit Kindern zu tun haben, zu suchen? Oder sind hierf\u00fcr die spezifische Geschichte, die Glaubenss\u00e4tze und die Organisationsstruktur der christlichen Kirchen verantwortlich zu machen?<\/p>\n<p>Wichtige Erkenntnisse hierzu liefert das \u2013 erstmals 1974 erschienene und jetzt neu aufgelegte \u2013 Werk des bekannten Religionskritikers Karlheinz Deschner. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die dezidierte und mit zahlreichen Quellentexten belegte Kritik an der &#8222;Sexualfeindschaft&#8220; und der Frauenverachtung der bis heute hochverehrten &#8222;Kirchenv\u00e4ter&#8220;. Der Autor beginnt mit einem kurzen Blick auf die matriarchalische Orientierung in fr\u00fchen Kulturen und deren Kult der &#8222;Allmutter Erde&#8220;, der schlie\u00dflich mehr und mehr durch die Anbetung m\u00e4nnlicher Gottheiten verdr\u00e4ngt wurde. Er widmet sich sodann dem Ausgangspunkt des Christentums, n\u00e4mlich dem Lebenswandel Jesu, den Deschner wohl als historische Person betrachtet. Christliche Askese, Z\u00f6libat und Frauenverachtung, so der Autor, lie\u00dfen sich nicht auf das Verhalten Jesu st\u00fctzen. Im Gegenteil: &#8222;Mit Frauen verkehrte Jesus in voller Freiheit. Er hielt sie nicht f\u00fcr minderwertig und setzte sie nirgends zur\u00fcck; auch ihr Fehlen im Zw\u00f6lferkreis der Apostel widerlegt das nicht, ist dieser doch eine sp\u00e4tere, den zw\u00f6lf Stammv\u00e4tern und St\u00e4mmen Israels entsprechende rein symbolische Konstruktion.&#8220; (S. 76) Auch finde sich kein Wort Jesu gegen die Ehe. Seine Br\u00fcder, die sp\u00e4ter der Gemeinde beitraten, seien schlie\u00dflich auch verheiratet gewesen, ebenso seine \u00e4ltesten J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Schon aber der Apostel Paulus habe dann die Diffamierung der Sexualit\u00e4t und die Zur\u00fccksetzung der Frau eingef\u00fchrt. So forderte dieser im 1. Korintherbrief: &#8222;Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es kann ihnen nicht gestattet werden zu reden, sondern sie haben sich unterzuordnen.&#8220; Der Mann sei &#8222;Gottes Abbild und Abglanz&#8220;, die Frau nur &#8222;der Abglanz des Mannes&#8220; (S. 81). Es folgte die lange Geschichte der christlichen Dogmatik mit ihrer Geringsch\u00e4tzung der Frauen, mit ihrer Verteufelung der Sexualit\u00e4t selbst in der Ehe, wonach nur die \u201eunbefleckte Empf\u00e4ngnis\u201c Mariens durch den mysteri\u00f6sen Zeugungsakt des Heiligen Geistes keine S\u00fcnde darstellt. Anhand zahlreicher Zitate aus christlichen Quellentexten beschreibt Deschner die verschiedenen Facetten dieser Dogmatik einschlie\u00dflich des Kults der asketischen Lebensf\u00fchrung, der Selbstkasteiung als Weg zur Vergebung der S\u00fcnden und als Ausdruck der Liebe zu Gott. Treffend beschreibt er den Herrschaftsmechanismus, den diese lebens- und liebesfeindlichen Postulate legitimieren sollen: &#8222;Die Kirche propagiert und will das Opfer, den Verzicht. Aber sie rechnet mit der Schwachheit der menschlichen Natur, die sie scheinheilig beklagt, w\u00e4hrend sie in Wahrheit ihr gro\u00dfer Trumpf ist. Sie rechnet mit dem Versagen gegen\u00fcber dem asketischen Ideal. Sie wei\u00df, viele Verbote h\u00e4ufen die Schuld und steigern die Abh\u00e4ngigkeit des Gl\u00e4ubigen vom Priester, versch\u00e4rfen das S\u00fcndenbewusstsein, den Zwiespalt, die Neurose \u2026 Der S\u00fcndenglaube ist also ein wesentliches Machtinstrument der Kirche, weshalb er immer wieder ihren Gl\u00e4ubigen eingeimpft, eingebrannt, eingegraben wird.&#8220; (S. 476\/ 477)<\/p>\n<p>Fraglich ist allerdings die These des Autors, dass die systematische Sexualunterdr\u00fcckung und die Verdr\u00e4ngung der Genussf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hter Kriegsbereitschaft f\u00fchrten (S. 488). Zweifellos wurden im Namen des Christentums und mit dem Schlachtruf &#8222;deus vult!&#8220; (Gott will es!) auf den Lippen zahllose Kriege gef\u00fchrt, neben den feindlichen Soldaten auch unbeteiligte Zivilisten niedergemetzelt, von der qualvollen Verbrennung von &#8222;Ketzern&#8220; und &#8222;Hexen&#8220; ganz zu schweigen. Aber sind &#8222;sexuell freiz\u00fcgige V\u00f6lker&#8220; wirklich friedlicher, wie Deschner behauptet (S. 480)? Die ethnographischen Belege hierf\u00fcr (Samoaner, Trobriander) sind recht sp\u00e4rlich. Ist bei heutigen Kriegen neben die religi\u00f6se Legitimation oder an deren Stelle nicht l\u00e4ngst die L\u00fcge einer manifesten Bedrohung durch den Feind (so beim \u00dcberfall auf die Sowjetunion 1941 oder beim Krieg der USA gegen den Irak 2003) oder die Behauptung getreten, milit\u00e4rische Gewalt sei zum Schutz von Menschenrechten unverzichtbar (so bei der Bombardierung Serbiens durch die NATO 1999)?<\/p>\n<p>Auf die von Klerikern ausge\u00fcbte sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht der Autor nur vergleichsweise kurz ein. Homosexualit\u00e4t zwischen Priestern und anderen M\u00e4nnern, aber auch mit Knaben sei seit der Antike &#8222;gang und g\u00e4be&#8220; gewesen. Zitiert wird ein Trierer Bischof: &#8222;Ein Kurtisan ist ein Bube und eine Kurtisanin eine B\u00fcbin; das wei\u00df ich sehr wohl, denn ich bin auch einer zu Rom gewesen.&#8220; (S. 241) Als (ungeschriebene) moralische Maxime gelte dabei, dass es heimlich geschehe. So werde &#8222;beispielsweise die Unzucht mit einem Beichtkind nur dann mit immerw\u00e4hrender Bu\u00dfe und Deposition des Priesters bestraft, wenn das Verbrechen \u00f6ffentlich bekanntgeworden ist.&#8220; (S. 247) Nach dieser Maxime scheinen jedenfalls viele Pr\u00e4laten der katholischen Kirche auch heute noch zu handeln.<\/p>\n<p>In welchen Punkten die vor fast f\u00fcnfzig Jahren erschienene Analyse Deschners auch auf die heutige Situation noch zutrifft, er\u00f6rtert der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in einem lesenswerten Nachwort. An der katholischen Sexualmoral, so konstatiert er, habe sich seither kaum etwas ge\u00e4ndert. Heute m\u00fcsse man allerdings ein st\u00e4rkeres Gewicht auf die evangelikalen und orthodoxen Christinnen und Christen legen, die den Katholik*innen in Sachen Trans- und Homosexuellenfeindlichkeit, Missachtung von Frauenrechten oder Ablehnung der Sexualaufkl\u00e4rung l\u00e4ngst schon den Rang abgelaufen h\u00e4tten (S. 542 f.). Die Spitzenposition in puncto sexuellem Rigorismus, so Schmidt-Salomon, belegten heutzutage indessen die &#8222;totalit\u00e4ren Varianten des Islam&#8220; (S. 538). Bei manchen auf Widerspruch sto\u00dfen d\u00fcrfte allerdings seine in diesem Zusammenhang ge\u00e4u\u00dferte Kritik an Teilen der Linken. Diese &#8222;haben in der Vergangenheit aus einem vermeintlichen &#8218;Minderheitenschutz&#8216; heraus jede noch so patriarchale, frauenverachtende und homophobe Einstellung in der muslimischen Community ignoriert. Dabei hat die politische Linke ihre eigenen Sprachspiele in solch absurder Weise manipuliert, dass ihr am Ende jede humane Kritik am politischen Islam als &#8218;rassistisch&#8216; und das Kopftuch als \u201aZeichen der Emanzipation der Frau\u2018 erscheinen konnte.&#8220; (S. 545\/546) Damit bietet jedenfalls das Nachwort genug Stoff f\u00fcr streitbare Debatten, auch wenn das Gesamtwerk die eingangs gestellte Frage nur in Ans\u00e4tzen beantwortet.<\/p>\n<p>Aus humanistischer Sicht kaum auf Widerspruch sto\u00dfen d\u00fcrfte freilich das Pl\u00e4doyer, das Schmidt-Salomon am Ende seines Nachwortes in eine Definition des Begriffs der &#8222;freien Liebe&#8220; kleidet: Dieser meint, &#8222;dass jedes Individuum seine Vorstellungen von Liebe, Sexualit\u00e4t und Geschlechtsidentit\u00e4t selbstbestimmt und diskriminierungsfrei verwirklichen kann, sofern dadurch die Rechte Dritter nicht verletzt werden.&#8220; (S. 547)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[150],"publikationen":[2940],"class_list":["post-16697","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-martin-kutscha","publikationen-233-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Kirche und die Sexualit\u00e4t - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/233-vorgaenge\/publikation\/die-kirche-und-die-sexualitaet\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Kirche und die Sexualit\u00e4t - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg\u00e4nge Nr. 233 (1\/2021), S. 103 &#8211; 105 Karlheinz Deschner, Das Kreuz mit der Kirche. 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