{"id":16706,"date":"2021-08-14T20:36:26","date_gmt":"2021-08-14T18:36:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=16706"},"modified":"2021-09-16T20:37:51","modified_gmt":"2021-09-16T18:37:51","slug":"wolfgang-jantzen-04-05-1941-22-11-2020","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/233-vorgaenge\/publikation\/wolfgang-jantzen-04-05-1941-22-11-2020\/","title":{"rendered":"Wolfgang Jantzen (04.05.1941-22.11.2020)"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg\u00e4nge Nr. 233 (1\/2021), S. 146 &#8211; 152<\/p>\n<p>Wolfgang Jantzen ist verstorben, unerwartet; von au\u00dfen gesehen. Aus der Perspektive der letzten Gespr\u00e4che und Korrespondenzen, die wir f\u00fchrten, durch gesundheitliche Einbr\u00fcche geschw\u00e4cht, die aber nicht als &#8222;Krankheit zum Tode&#8220; [1] h\u00e4tten bewertet werden k\u00f6nnen, nach eigener Aussage auf dem Wege der Besserung und mit verschiedensten, in die Zukunft weisenden Vorhaben befasst, erschreckt sein Tod zutiefst. Er rei\u00dft eine L\u00fccke in einen \u00fcber ein halbes Jahrhundert gef\u00fchrten Dialog, beendet ihnmit Blick auf das umfangreiche Werk, das er geschaffen hat und das selbst bei wiederholter Lekt\u00fcre zu st\u00e4ndig neuen Reflexion veranlasst, aber nicht. Auf dem schon weit in die 1960er Jahre zur\u00fcckweisenden und mit dem gegen deren Ende begonnenen gemeinsamen \u00bbMarsch durch die Institutionen\u00ab, der auf verschiedenen Bahnen verlaufen ist, unterschiedliche Knotenpunkte hatte, aber stets in einem gemeinsamen Kampf f\u00fcr eine ohne Wenn und Aber anerkennungsbasierte, uneingeschr\u00e4nkte und selbstbestimmte Teilhabe aller Menschen an allen gesellschaftlichen Kommunikationen und G\u00fctern kulminierte, in der Deinstitutionalisierung und Entkolonialisierung des Faches und der Praxen ihrer Exklusionen und Zwangsinklusionen, werden sich die Wege nun nicht mehr kreuzen k\u00f6nnen, aber auch nicht enden.<\/p>\n<p>In seitens des Staates als Institution der in feudalistischen Mustern st\u00e4ndisch orientierten, hierarchisch gegliederten und fern jeder Bildungsgerechtigkeit operierenden Institutionen des Bildungssystems in der Spanne von der Sonderschule bis zur Universit\u00e4t t\u00e4tig, galt der Widerstand den Praxen von Macht, Gewalt und Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen und Forschung und Lehre der Aufkl\u00e4rung \u00fcber deren \u00f6konomischen, politischen und ideologischen Grundlagen. Mit seinem 1974 erschienen Buch &#8222;Sozialisation und Behinderung&#8220; [2] leistet Wolfgang eine erste sozialwissenschaftliche Grundlegung der Behindertenp\u00e4dagogik im Sinne des Nachweises, dass gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, kulturelle Praxen und normative Bewertungen des Menschen Behinderung erst konstituieren. Damit entrei\u00dft er der Heil- und Sonderp\u00e4dagogik und dar\u00fcber hinaus der Psychiatrie und den vielf\u00e4ltigen subsidi\u00e4ren Betreibern der Institutionen der Behindertenf\u00fcrsorge den beeintr\u00e4chtigten bzw. psychisch kranken Menschen ihrem fachlich-paternalistisch \u00fcber sie verh\u00e4ngten Objektstatus und konstituiert die Behindertenp\u00e4dagogik als Subjektwissenschaft. Die philosophische Verankerung seines Denkens im historischen und dialektischen Materialismus und die vor allem von ihm aufgearbeitete und in der Theoriebildung weitergef\u00fchrte Psychologie der Kulturhistorischen Schule, zu der zahlreiche Arbeiten entstehen, die schlie\u00dflich 1987 und 1990 zu seinem zweib\u00e4ndigen Werk der &#8222;Allgemeinen Behindertenp\u00e4dagogik&#8220; f\u00fchren [3], bilden einen ersten gro\u00dfen Bogen seines Schaffens.<\/p>\n<p>Von dort aus kann ein zweiter, wiederum durch viele Arbeiten fundierter Bogen des Schaffens zu seinem 2019 erschienenen Werk &#8222;Behindertenp\u00e4dagogik als synthetische Humanwissenschaft&#8220; gesehen werden, das im Zusammenhang mit dem 2020 erschienen Werk mit Arbeiten zur \u201eMaterialistischen Anthropologie und postmodernen Ethik&#8220; im Grunde seine sozialwissenschaftlichen und methodologischen Studien abschlie\u00dft.[4] Damit legt er das Feld von Behinderung und Macht in neuer Weise und gleichwohl in einer ungebrochenen Kontinuit\u00e4t vom ersten Werk bis hin zur letzten Ver\u00f6ffentlichung in seiner Vieldimensionalit\u00e4t offen und spannt, lassen Sie mich in diesem Bild bleiben, einen gro\u00dfen Bogen \u00fcber die zwei von mir benannten Schaffensperioden. In gewisser Weise ist die &#8222;Allgemeine Behindertenp\u00e4dagogik&#8220; der die Vergangenheit und die Zukunft seines Schaffens verbindende zentrale Pfeiler der Br\u00fccke, die \u00fcber diesen zu anderen, zu neuen Ufern f\u00fchrt, von denen aus Wege im weiten Feld von Gesellschaft und Kultur konsistent weiterf\u00fchren, die wir zu gehen haben werden. Wege eines aufgekl\u00e4rten, des dialektischen und rehistorisierenden Denkens f\u00e4higen Umgangs mit Fragen der P\u00e4dagogik schlechthin.<\/p>\n<p>Anzumerken ist unbedingt, dass Wolfgang in der von mir als erste gro\u00dfe Schaffensperiode bezeichneten Zeitspanne schon 1976 im Diskurs um Fragen der begrifflichen Fassung von Behinderung aus der Sicht des historischen und dialektischen Materialismus, dem Bleidick in seinen metatheoretischen \u00dcberlegungen zum Begriff der Behinderung [5] ein unvermitteltes, additives Konzept personorientierter, interaktionistischer, systemorientierter und gesellschaftstheoretisch orientierter Betrachtungen modernistischer Art entgegenstellt (S. 411), die zentralen, das Ph\u00e4nomen der Behinderung als aktiven, gesellschaftlichen Akt begreifenden Begriffe der Isolation und den der Arbeitskraft minderer G\u00fcte herausarbeitet.[6] Damit sind die sozial-psychologischen Faktoren der Be-Hinderung menschlichen Lernens, Lebens und der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und die marxistischen Dimensionen der Frage der Verwertbarkeit des Menschen im kapitalistischen System, auf das hin die Bildungsinstitutionen abrichten und aus denen u.a. jene herausfallen, die dann als behindert etikettiert werden, wiederum als in die Isolation f\u00fchrende Bedingungen benannt und die Zirkularit\u00e4t dieser sich selbst herstellenden Zusammenh\u00e4nge klar erkannt. Damit ist die menschlichen Entwicklung schlechthin dialektisch entschl\u00fcsselt. Beide Begriffe sind das Werk von Wolfgang durchg\u00e4ngig konstituierende Momente, die in ihren interdisziplin\u00e4ren und humanwissenschaftlichen Dimensionen vielf\u00e4ltig ausgeformt werden.<\/p>\n<p>Nach dem Studium der Psychologie und T\u00e4tigkeit als Sonderschullehrer an einer Schule f\u00fcr Lernbehinderte nimmt Wolfgang 1971 seine T\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t Marburg auf und 1974 an der Universit\u00e4t Bremen. Er baut mit Barbara Rohr einen Lehramtsstudiengang in Behindertenp\u00e4dagogik auf \u2013 dort treffen wir 1978 wieder zusammen \u2013 sp\u00e4ter planen und setzen wir den Diplomstudiengang Behindertenp\u00e4dagogik durch, die, einmalig in der BRD (und das bis heute im gesamten deutschsprachigen Raum) als Projektstudium in enger Verzahnung miteinander in Zusammenarbeit mit den Studierenden eine Forschung und Lehre, Theoriebildung und Praxis realisieren, die der Aufkl\u00e4rung, dem Gebot solidarischer Parteinahme und der Schaffung von Gemeinsinn verpflichtet war. Unser Anliegen war, den Studierenden eine so umfassende und tiefgreifende Bildung zu erm\u00f6glichen, die sie bef\u00e4higt, der Marxschen Ethik folgend, &#8222;alle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes,ein ver\u00e4chtliches Wesen ist&#8220;;[7] ob die Menschen nun \u2013 in welchen kategorialen Abstufungen auch immer \u2013 als behindert, entwicklungsgest\u00f6rt oder psychisch krank bezeichnet wurden oder aus vielf\u00e4ltig anderen gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Gr\u00fcnden ein prek\u00e4res Leben f\u00fchren mussten und an den R\u00e4ndern der Gesellschaft zu Vergessenen wurden \u2013 und es bis heute werden. Das noch immer bedingt durch einen von uns in konstruktiver Kritik an den kursierenden theoretischen Versatzst\u00fccken zur Inklusion immer wieder hervorgehobenen &#8222;Inklusionismus&#8220; i.S. der Praxen &#8222;selektierender Inklusion&#8220;, die ein historisch einmaliges p\u00e4dagogisches Paradoxon schaffen.<\/p>\n<p>Das von Wolfgang (Gesamtherausgeber), Iris Beck, Peter Wachtel und mir 2009-2014 herausgegebene zehnb\u00e4ndige Enzyklop\u00e4dische Handbuch der Behindertenp\u00e4dagogik (Behinderung, Bildung, Partizipation) leistet im Grunde in einzigartiger Weise die &#8222;Rehistorisierung\u201d der in die Systeme der Behindertenf\u00fcrsorge zwangsinkludierten Menschen, leistet eine subjektwissenschaftlich fundierte Re-Interpreation vieler Syndrome und Momente beeintr\u00e4chtigter Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung, wie wir das mit dem 1981-1993 gemeinsam im Pahl-Rugenstein Verlag herausgegebenen &#8222;Jahrbuch der Psychopathologie und Psychotherapie&#8220;bereits grundgelegt haben und in besonderer Weise mit dem von Erwin Reichmann herausgegebenen &#8222;Handbuch der kritischen und materialistischen Behindertenp\u00e4dagogik&#8220; verdichtet ist. Dem Totschweigen seitens der damals M\u00e4chtigen im Fach und Fachverband dessen, was wir aufzukl\u00e4ren versuchten, stellten wir die Zeitschrift &#8222;Behindertenp\u00e4dagogik\u201d entgegen. Reisen nach Skandinavien und Italien, dort vor allem in Gespr\u00e4chen mit Franco Basaglia, Agostino Pirella, Lorenzo Toresini u.a. ermutigten und st\u00e4rkten uns. Auch das sind B\u00f6gen, die sich letztlich zu einem Netz und Gewebe verdichten, das noch jahrelanger Aufarbeitung bedarf, um es nachzuzeichnen und in seine Zukunft \u00fcberf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Dem hier Rechnung zu tragen, ist nicht m\u00f6glich. Auch k\u00f6nnen die vielf\u00e4ltigen konkreten T\u00e4tigkeiten einerseits konkreter politischer Praxis und andererseits der Repatriierung von langzeithospitalisierten Menschen in regul\u00e4re, zumindest dezentralisierte Lebensm\u00f6glichkeiten hier nicht hinreichend aufgelistet, geschweige denn gew\u00fcrdigt werden; so auch nicht die in Kontexten der Mitgliedschaft von Wolfgang in der DKP und sp\u00e4ter in der PDS eingebetteten T\u00e4tigkeiten. Seine von zunehmend hoch differenzierten ethischen Positionen getragene marxistische \u00dcberzeugung lie\u00dfen diesen Engagements allerdings nur eine jeweils zeitlich begrenzte Zeitspanne. Die Zuarbeit zu politischen Parteien und analogen Hochschulgruppierungen, die auf gesellschafts-politische Zielsetzungen orientiert waren, die mit den fachlich fundierten \u00dcberzeugungen zu vereinbaren gewesen waren, wurde nie unterbrochen. Hier w\u00fcrde ich auch Wolfgangs Dozentur an der Friedrich-Wilhelm-Wundt Universit\u00e4t Leipzig im Wintersemester 1987\/88 verorten, ein bezogen auf die DDR-Geschichte historisch einmaliger Vorgang, den er in seinem 2017 erschienen Buch &#8222;Grenzerfahrungen&#8220;aufarbeitet und reflektiert.[8] Die Vielzahl der B\u00f6gen, die aufgespannt und im dialektischen Sinne in ihnen wiederum \u00fcbergeordneten &#8222;aufgehoben&#8220; werden, kennzeichnen philosophisch eine Spanne von Spinoza bis hin zu den gleichwohl politisch wie theologisch fundierten Positionen der &#8222;P\u00e4dagogik der Befreiung&#8220;, um das hier in einem Begriff auszudr\u00fccken. Der Dualismus der idealistischen Philosophie hat sich als Denkmodell sozialdarwinistischer, rassistischer und eugenischer Ans\u00e4tze, die sich in lebensphilosophischen Desideraten wiederfinden, tief in die P\u00e4dagogik und insbesondere in die Heil- und Sonderp\u00e4dagogik eingeschrieben und systematisch in die Katastrophe der Euthanasie mit ihrer industriell organisierten Ermordung Behinderter als lebensunwerte Menschen und Balastexistenzen und in den Holocaust des Hitlerfaschismus gef\u00fchrt. Er hat sich als Quelle des damit vollzogenen Gattungsbruchs der Menschheit auch als ein Denksystem erwiesen, das einer humanen und demokratischen P\u00e4dagogik diametral entgegengesetzt ist. Die monistische Philosophie, auf die Wolfgangs und meine Arbeiten durchgehend bezogen sind, erm\u00f6glicht auf Basis ihrer naturphilosophischen Kontexte, verbunden mit den postrelativistischen Dimensionen der Selbstorganisationstheorie, der Systemtheorie und eines kritischen Konstruktivismus ein neues Verst\u00e4ndnis des Menschen und des Ph\u00e4nomens der Behinderung, die in ihrer erziehungswissenschaftlichen Transformation eine &#8222;Allgemeine P\u00e4dagogik und entwicklungslogische Didaktik&#8220; zu schaffen erlauben,[9] die Macht, Gewalt und Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen und die damit verbundenen Prozesse der Exklusionen und Zwangsinklusionen an den &#8222;Pol der Ohnmacht&#8220;, von dem Wolfgang oft gesprochen hat, aufbrechen, sie ihren euphemischen Verstellungen entziehen und Wege an den neuen Ufern anlegen, die erreicht worden sind.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat Wolfgang sein Schaffen noch einmal verdichtet. Er hat dabei teils weit zur\u00fcck gegriffen, um weit vorauseilen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr mich ist seine Aussage, mit der er ein mit mir anl\u00e4sslich seines 60. Geburtstages gef\u00fchrtes Interview abgeschlossen hat, eine, die ihn als Menschen, wie ich ihn erfahren habe, in besonderer Weise charakterisiert. Er sagte: &#8222;Insofern, wenn ich das alles annehme, gibt es keinen Grund zur Verzweiflung. Das Leben findet hier und jetzt statt und die Gegenwart muss theoretisch ge\u00f6ffnet werden, indem Erinnerungsarbeit stattfindet und die Zukunft das bleibt, was sie ist, Zukunft, m\u00f6gliche Zukunft, deren schlechtm\u00f6glichste Variante ich emotional gegenbesetze, damit ich in der Gegenwart das Bestm\u00f6glichste tun kann.&#8220;[10]<\/p>\n<p>Was galt es anzunehmen? Den Menschen, den anderen Menschen als Mensch, wie ich ein Mensch bin, ohne jene ideologischen Distanzierungen und Ausgrenzungen, die ihn zum anderen Andern machen \u2013 und das Leid das ihm durch uns als solcher widerf\u00e4hrt. In seiner Arbeit &#8222;Achtsamkeit und Ausnahmezustand\u201d[11], mit der er sich auf die Theologin Dorothee S\u00f6lle bezieht,[12] schreibt und zitiert er wie folgt: &#8222;Mitgef\u00fchl ist zwar keine verbreitete Tugend und auch keine erbauliche Option. Doch \u00bbes ist wesentlich f\u00fcr unser \u00dcberleben\u00ab [&#8230;] Die Bande der Gewalt zu brechen und jedes Joch zertr\u00fcmmern hei\u00dft, auch jenes ideologische Joch im religi\u00f6sen Feld zu brechen, das uns Tag f\u00fcr Tag den Jargon auferlegt und Verh\u00e4ltnisse von Macht, Herrschaft und \u00d6konomie durch Anrufung mittels quasireligi\u00f6ser Metaphern wie Dialog oder Achtsamkeit euphemisiert, das hei\u00dft sch\u00f6nf\u00e4rbt und unsichtbar macht&#8220; (S. 168).<\/p>\n<p>Diese Passage vermag aus meiner Perspektive einen zentralen Fokus von Wolfgangs Arbeiten der letzten Jahre zu charakterisieren, der \u00fcber die Metaphysik, wie sie \u00fcblicherweise verstanden wird, hinausgeht und gleichzeitig die konkreten Verh\u00e4ltnisse von Macht, Gewalt und Herrschaft, die verwischt werden sollen, wieder als politischen Auftrag ins Alltagsdenken und -handeln zur\u00fcckholt. Das, so meine ich, war ihm ein hoch bedeutender Imperativ, was wiederum mit einer Aussage von Enrique Dussel sehr deutlich wird,[13] die Wolfgang in verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen zitierte und auch in Gespr\u00e4chen immer wieder zum Ausdruck gebracht hat:[14]<\/p>\n<p>&#8222;Der Andere ist das einzig heilige Seiende, das grenzenlosen Respekt verdient. Respekt ist Schweigen, aber kein Schweigen, weil es nichts zu sagen gibt, sondern das Schweigen derer, die etwas h\u00f6ren wollen, weil sie etwas \u00fcber den Anderen wissen wollen.&#8220; [15]<\/p>\n<p>Damit in Zusammenhang sehe ich Wolfgangs Versuche, fern dem Dualismus ein materialistisches Verst\u00e4ndnis des Begriffes der \u201eSeele&#8220; grundzulegen. &#8222;Sie ist die sinnlich \u00fcbersinnliche Form des lebendigen K\u00f6rpers in der Welt, seine potenzielle Energie, die st\u00e4ndig sozialer Resonanz bedarf, um erhalten zu bleiben und sich zu entwickeln. Insofern offenbaren Alltagsformulierungen \u00bbes tut in der Seele weh\u00ab oder Begriffe wie \u00bbSeelenmord\u00ab aber auch Ausdr\u00fccke wie, dass mich etwas \u00bbbeseelt\u00ab, eine tiefe Wahrheit, vor deren Rekonstruktion sich die akademischen Psychologie bisher weitgehend verschlossen hat\u201d (S. 19).[16] Wer den oder die andere als das einzig Heilige verliert, seien es Herrscher, Beherrschte oder Institutionen, tr\u00e4gt &#8222;seelenlose Charaktermasken\u201c, mutiert, so Wolfgang, zu &#8222;seelenlosen Zombies&#8220;.[17] Eine gravierende Aussage und m\u00f6glicherweise ein Kategorienfehler in seinem Werk?<\/p>\n<p>In diesen Kontexten ist auch seine Auseinandersetzung mit der Pariser Commune von 1871 und Louise Michel [18] zu sehen, die, wie Wolfgang im Vorwort zu seinem Buch &#8222;Materialistische Anthropologie und postmoderne Ethik\u201d schreibt,[19] vorweggenommen hat, was Enrique Dussel sp\u00e4ter als Grund jeder Ethik der Befreiung hervorhebt, n\u00e4mlich, mit den Worten der Internationale, &#8222;uns aus dem Elend zu erl\u00f6sen, k\u00f6nnen wir nur selbst tun&#8220;, aber in anderer Weise, als es der zur Unkenntlichkeit verf\u00e4lschte Sozialismus und Kommunismus versucht haben (S. XIII). Die Bedeutung des Schaffens von Wolfgang l\u00e4sst sich vielleicht am besten mit Walter Benjamins Hinweis in seiner 14. geschichtsphilosophischen These erschlie\u00dfen, mit der er Geschichte als von der &#8222;Jetztzeit&#8220; erf\u00fcllte Konstruktion beschreibt. Es geht darum, was f\u00fcr das Erschlie\u00dfen des ganzen Werkes von Wolfgang von Bedeutung ist, den Begriff einer leeren und homogenen Zeit des scheinbar unaufhaltsamen Fortschritts mit einem &#8222;Tigersprung ins Vergangene&#8220; au\u00dfer Kraft zu setzen. Das hat er mit den Publikationen der Jahre 2017-2020 getan. Sein Werk ist ein solcher Tigersprung, der, wie Benjamin betont, &#8222;unter dem freien Himmel der Geschichte der dialektische ist, als den Marx die Revolution begriffen hat&#8220;.[20]<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte diese Betrachtungen mit einer von Wolfgang in seinem zuletzt erschienenen Buch[21] erhobenen Forderung abschlie\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Liebe Kolleginnen und Kollegen, habt den Mut selbst zu denken, h\u00f6rt auf, Euch von den herrschenden M\u00e4chten anrufen zu lassen. &#8222;Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!&#8220; Begreift mit Enrique Dussel dass das einzige Heilige, der oder die Andere ist, und dass das wichtigste, was wir brauchen, ein Atheismus gegen\u00fcber den Herrschenden ist [&#8230;]&#8220; (S. 26).<\/p>\n<p>[1] Dies im Sinne der doppelten Bedeutsamkeit der Aussage in Assoziation mit Kirkegaards gleichnamiger Schrift \u201eDie Krankheit zum Tode\u201d. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1962<\/p>\n<p>[2] Jantzen, W. (1974): Sozialisation und Behinderung. Gie\u00dfen: Focus Verlag; 2018 im Psychosozial-Verlag Gie\u00dfen neu aufgelegt.<\/p>\n<p>[3] Dieses Werk liegt inzwischen in einem Band vor: Jantzen, W. (2007): Allgemeine Behindertenp\u00e4dagogik, Teil 1 u. 2. Berlin: Lehmanns Media.<\/p>\n<p>[4] S. Jantzen, W. (2019): Behindertenp\u00e4dagogik als synthetische Humanwissenschaft und ders. (2020a): Materialistische Anthropologie und postmoderne Ethik. Beide erschienen im Psychosozial-Verlag, Gie\u00dfen.<\/p>\n<p>[5] Bleidick, U. (1976): Metatheoretische \u00dcberlegungen zum Begriff von Behinderung. In: Z.f. Heilp\u00e4dagogik, 27, 7, S. 408-415.<\/p>\n<p>[6] Jantzen, W. (1976): Zur begrifflichen Fassung von Behinderung aus der Sicht des historischen und dialektischen Materialismus. In: Z.f. Heilp\u00e4dagogik, 27, 7, S. 428-435.<\/p>\n<p>[7] Marx, K. (1876): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: MEW, Bd. 1. Berlin: Dietz Verlag, S. 328-391.<\/p>\n<p>[8] Jantzen, W. (2017): Grenzerfahrungen. Gastprofessor in Leipzig\/DDR. Essen: Neue Impulse Verlag.<\/p>\n<p>[9] Feuser, G. (2018): Wider die Integration der Inklusion in die Segregation. Zur Grundlegung einer Allgemeinen P\u00e4dagogik und entwicklungslogischen Didaktik. Berlin: Peter Lang Verlag.<\/p>\n<p>[10] In: Feuser, G. &#038; Berger, E. (Hrsg.) (2002): Erkennen und Handeln. F\u00fcr Wolfgang Jantzen zum 60. Geburtstag. Berlin: Verlag Pro Bussiness, S. 7-58. Das Interview wurde am 19.04.2002 gef\u00fchrt. Das Zitat findet sich auf S. 58.<\/p>\n<p>[11] In Jantzen 2019; s. Anm. 4, S. 161-179<\/p>\n<p>[12] S\u00f6lle, D. (1985): Lieben und Arbeiten. Eine Theologie der Sch\u00f6pfung. Stuttgart: Kreuz-Verlag.<\/p>\n<p>[13] Dussel, E. (1989): Philosophie der Befreiung. Berlin: Argument Verlag.<\/p>\n<p>[14] Bei Dussel 1989 (Anm. 13) auf den Seiten 55, 75 und 61; bei Jantzen 2019 in der Arbeit \u201eInklusive Erziehung und Epistemologie des S\u00fcdens\u201d (S. 309-339), dort S. 325.<\/p>\n<p>[15] Hervorhebung G.F.<\/p>\n<p>[16] Jantzen, W. (2020b): Seele, Sinn und Emotionen. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag; die zitierte Arbeit findet sich auf den Seiten 13-21. Sie dient auch als Vorwort f\u00fcr die 2019 publizierte Dissertation von Tatjana Jungblut mit dem Titel \u201eSeelenwissenschaft von der Antike bis zur Gegenwart\u201d, erschienen im Psychosozial-Verlag, Gie\u00dfen; dort S. 15-20.<\/p>\n<p>[17] Siehe u.a. Jantzen, W.: Warum Metaphysik im Rahmen materialistischer Philosophie? In: Jantzen 2020b, S. 324; s. Anm. 16.<\/p>\n<p>[18] Michel, L. (2019): Louise Michel. Die Anarchistin und die Menschenfresser. Wien: bahoe books.<\/p>\n<p>[19] Jantzen, W. (2020c): Materialistische Anthropologie und postmoderne Ethik. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag.<\/p>\n<p>[20] Benjamin, W. (2015): Geschichtsphilosophische Thesen. In: Benjamin, W.: Zur Kritik der Gewalt und andere Aufs\u00e4tze. Frankfurt\/Main: Edition Suhrkamp, S. 78-96; dort S. 90.<\/p>\n<p>[21] Jantzen, W. (2020d): Geschichte, P\u00e4dagogik und Psychologie der geistigen Behinderung. Berlin: Lehmanns Media.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[2946],"publikationen":[2940],"class_list":["post-16706","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-georg-feuser","publikationen-233-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wolfgang Jantzen (04.05.1941-22.11.2020) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/233-vorgaenge\/publikation\/wolfgang-jantzen-04-05-1941-22-11-2020\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wolfgang Jantzen (04.05.1941-22.11.2020) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg\u00e4nge Nr. 233 (1\/2021), S. 146 &#8211; 152 Wolfgang Jantzen ist verstorben, unerwartet; von au\u00dfen gesehen. 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