{"id":17539,"date":"2021-12-16T13:19:24","date_gmt":"2021-12-16T12:19:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=17539"},"modified":"2021-12-25T11:06:34","modified_gmt":"2021-12-25T10:06:34","slug":"rezensionen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/234-vorgaenge\/publikation\/rezensionen\/","title":{"rendered":"Rezension: Denn wer nicht hat, dem wird genommen"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg\u00e4nge Nr. 234 (2\/2021), S. 87 -89<\/p>\n<h3>Denn wer nicht hat, dem wird genommen<\/h3>\n<p><em>Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge: Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt. Frankfurt\/M. und New York: Campus 2021, 303 Seiten, 22,95 Euro [ISBN 978-3-5935-14833]<\/em><\/p>\n<p>Das Ehepaar Christoph und Carolin Butterwegge hat zur rechten Zeit ein popul\u00e4rwissenschaftliches Werk zur Ungleichheit von Kindern verfasst. Die Erziehungswissenschaftlerin und der Sozialwissenschaftler sind mit ihrer Expertise in der Armutsforschung ausgewiesen. In neun Arbeitsschritten werden Ursachen sozialer Ungleichheit von Kindern und Familien benannt, soziale, \u00f6konomische und psychosoziale Folgen von Armut beschrieben und schlussendlich sehr konkrete politische L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten dargestellt.<\/p>\n<p>Das Paar definiert in einem ersten Schritt pr\u00e4zise die Ungleichheit und das Gegensatzpaar \u201earm\u201c und \u201ereich\u201c. Damit erfolgt eine Hypothesenbildung im Brechtschen Sinne, dass es Armut ohne die Existenz von Reichtum nicht geben kann. Dieser Grundgedanke durchzieht das Werk und wird vielf\u00e4ltig belegt. Ein zweites Kapitel beweist die Konzentration von Verm\u00f6gen bei wenigen Reichen und zugleich die Ausweitung von Armut bis hinein in die Mitte der Gesellschaft. Deutlich wird, wie Armut in Deutschland schon seit geraumer Zeit nicht mehr auf sogenannte Randgruppen beschr\u00e4nkt ist.<\/p>\n<p>In einem dritten Kapitel befassen sich Autorin und Autor mit der sozialen Ungleichheit von Kindern und damit, wie stark die Ungleichheit in der Welt der Erwachsenen auf die Kinder zur\u00fcckschl\u00e4gt. Sie belegen die Spaltung der Gesellschaft, indem sich die verschiedenen sozialen Gruppen in wachsender Geschwindigkeit voneinander entfernen. Unter den Wohlhabenderen entsteht eine stigmatisierende Ausgrenzung der Armen. In der aktuellen Entwicklung Deutschlands handelt es sich um eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen der Aufstieg verwehrt wird.<\/p>\n<p>Ein Kapitel befasst sich mit der Lebenssituation kinderreicher Familien, Alleinerziehender, Arbeitsloser und von Menschen ohne deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit, deren besondere Armutsrisiken dezidiert erl\u00e4utert und belegt werden. Neben weiteren Facetten wird der exorbitante Anstieg der Wohnungsmieten als ein in die Armut treibender Kostenfaktor benannt.<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eWo eine Villa ist, ist auch Weg \u2026\u201c setzen sich die Butterwegges sensibel mit \u201einfrastruktureller Ungleichheit\u201c auseinander, wenn sie auf die Unterschiede zwischen dem Leben im Luxusquartier und im Hochhaus am Rand der Stadt verweisen. Armut gekoppelt mit exponentiell steigenden Mieten verdr\u00e4ngt arme Familien in arme Quartiere ohne eine Infrastruktur, die anspruchsvolle Freizeit, Sport und Bildungsm\u00f6glichkeiten erm\u00f6glicht. St\u00e4dte werden durch Quartiersbildung somit Orte sozialer Spaltung. Urbane Spaltung plus Sparma\u00dfnahmen bei der sozialen Infrastruktur in benachteiligten Quartieren, wie das Einsparen von Jugendfreizeitheimen, erschweren den sozialen Aufstieg armer Kinder zus\u00e4tzlich. Die Mehrgliedrigkeit des Schulwesens wirkt ebenfalls als Katalysator f\u00fcr die Verstetigung der Armut. Leider bleibt dieser Teil des Buches wenig ausgeleuchtet. Richtig aber f\u00fchren beide aus, wie sehr die Bildungsunterschiede eher den Klassengegens\u00e4tzen geschuldet sind als einer vermeintlichen \u201eBegabung\u201c. Deutlich wird nachgewiesen, wie umfangreich die Bildungsm\u00f6glichkeiten reicher Kinder gegen\u00fcber den Kindern aus von Armut betroffenen Familien sind. Dies artikuliere sich auch in der explosionsartigen Zunahme privater Bildungseinrichtungen. Eher am Rande erw\u00e4hnt wird die Austerit\u00e4tspolitik als Ursache f\u00fcr Ausstattungsm\u00e4ngel in \u00f6ffentlichen Schulen, was reiche Eltern veranlasst, der staatlichen Schule den R\u00fccken zu kehren. Insofern ist es die Politik der schwarzen Null, die eine \u00d6konomisierung auch des Bildungswesens erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Wie bei der Bildung, so auch bei der Gesundheit: Es ersch\u00fcttert die sachliche Aussage des Paares, dass die mittlere Lebenserwartung von Armut bedrohter M\u00e4nner gegenw\u00e4rtig 10,8 Jahre k\u00fcrzer ist als die einkommensstarker M\u00e4nner. \u00c4hnliche Zahlen werden in Bezug auf die nachgeburtliche Sterblichkeit von S\u00e4uglingen konstatiert. Die Butterwegges skandalisieren die Zahlen nicht, sondern referieren sie \u2013 was den Skandal nicht minder aussagekr\u00e4ftig macht.<\/p>\n<p>Um Kinderarmut bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, bedarf es des Wissens \u00fcber ihre Ursachen. Dazu gehen Autorin und Autor auf die Eigentums-, Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung ein, in der die soziale Ungleichheit wurzelt. Sie problematisieren die Kernforderungen des neoliberalen Umbauprozesses nach Liberalisierung und Deregulierung, nach Privatisierung \u00f6ffentlichen Eigentums und der \u00d6konomisierung nahezu aller Lebensbereiche. Einen Abschnitt widmen sie der Verbilligung der Arbeit mittels der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen, dem Ausbau des Niedriglohnsektors und des Kombilohns. Den so sinkenden L\u00f6hnen und steigenden Gewinnen stehen steigende Mieten und Vermietungsgewinne gegen\u00fcber. Die sich herausbildende Wohnungsmisere versch\u00e4rft die Armutsgef\u00e4hrdung. Im Ergebnis dieses Prozesses werden Kinder und Jugendliche zu den Hauptleidenden der sogenannten Sozialreformen, wie sie von der Agenda 2010 ausgehen.<br \/>\nDetailliert wird nachgewiesen, in welchem Umfang die Familienpolitik an der Mittelschicht orientiert ist. Leider wird der Begriff der Mittelschicht nicht explizit definiert; gleichwohl wird dies im fortlaufenden Zusammenhang implizit deutlich. Deutlich wird jedoch eine Familienpolitik und das vorherrschende Besteuerungsprinzip nach dem Prinzip, dass dem gegeben werde, der bereits hat.<br \/>\nHochaktuell wird das Buch in dem Kapitel \u00fcber die sozialen Spaltungen in der \u201eGeneration Corona\u201c. Weder wurden in der Politik des Bundes und der L\u00e4nder die Auswirkungen der Pandemie auf die verschiedenen \u00f6konomisch unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen analysiert, noch konnten aus der nicht vorhandenen Analyse Konzepte f\u00fcr den Schutz der besonders gef\u00e4hrdeten sozial benachteiligten Gruppierungen getroffen werden. Das schreibende Paar weist auf die Gefahren hin, die durch leere Kassen der Kommunen nach der Pandemie entstehen, wenn keine notwendigen Investitionen in die soziale Infrastruktur geleistet werden k\u00f6nnen. Differenziert und sensibel wird auf die Isolationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen w\u00e4hrend der Coronakrise eingegangen und auf die besonders intensiven Auswirkungen bei den von Armut betroffenen Kindern, wie auch auf die Planlosigkeit der Kultusverwaltungen w\u00e4hrend der Pandemie.<br \/>\nIn den abschlie\u00dfenden zwei Kapiteln werden konkrete politische Ma\u00dfnahmen gegen die Armut benannt und beschreitbare Wege aufgezeigt, um die Zukunft des Landes nicht aufs Spiel zu setzen. Dabei helfe nicht der stereotyp vorgeschlagene Weg, mittels Bildung die Armut zu \u00fcberwinden. Es wird nachgewiesen, dass die Anzahl der von Armut Betroffenen, die einen Ausbildungs- und oft den Abschluss einer Hochschule nachweisen k\u00f6nnen, fast drei Viertel der Armen ausmacht. Der offenbar einzige Weg der \u00dcberwindung der Armut ist die Umkehr der Reichtumsverteilung: Sie muss von oben nach unten erfolgen. Dazu schlagen Autorin und Autor im letzten Kapitel keynesianische Methoden vor und argumentieren engagiert gegen die Bek\u00e4mpfung der Armut mittels Almosen, die die Rechtlosigkeit verst\u00e4rken. Dies wird in einem Abschnitt \u00fcber die Politik von Stiftungen differenziert nachgewiesen. Hilfreich ist die Argumentation zu Aspekten der Grundsicherung. Gleiches gilt f\u00fcr den Abschnitt zur notwendigen St\u00e4rkung der sozialen Infrastruktur, um auch so der Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken. Zu Recht endet das Buch mit einem Abschnitt \u00fcber die Notwendigkeit, das Wohnen bezahlbar zu machen.<\/p>\n<p>Carolin und Christoph Butterwegge legen ein engagiertes, differenziert argumentierendes Buch vor, das trotz kleinerer Wiederholungen stringent in der Argumentation ist und leicht lesbar eine popul\u00e4re Darstellung des Problems bietet. Ein in den aktuellen Zeitl\u00e4uften notwendiges und zudem h\u00f6chst aktuelles Buch.<\/p>\n<p><em>Wolfram Grams<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973],"tags":[],"autoren":[1488],"publikationen":[854,2954],"class_list":["post-17539","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","autoren-wolfram-grams","publikationen-vorgaenge","publikationen-234-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Denn wer nicht hat, dem wird genommen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/234-vorgaenge\/publikation\/rezensionen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezension: Denn wer nicht hat, dem wird genommen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg\u00e4nge Nr. 234 (2\/2021), S. 87 -89 Denn wer nicht hat, dem wird genommen Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge: Kinder der Ungleichheit. 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