{"id":17917,"date":"2022-04-18T19:25:38","date_gmt":"2022-04-18T17:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=17917"},"modified":"2022-04-25T20:06:09","modified_gmt":"2022-04-25T18:06:09","slug":"rezensionen-wurzeln-des-querdenkens","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/235-vorgaenge\/publikation\/rezensionen-wurzeln-des-querdenkens\/","title":{"rendered":"Rezensionen &#8211; Wurzeln des \u201eQuerdenkens\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\"><i>Andreas Speit, Verqueres Denken. Gef\u00e4hrliche Weltbilder in alternativen Milieus, Ch. Links Verlag Berlin 2021, 240 S., 18,- Euro, ISBN 978-3-96289-110-7<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">In Politik und Medien wird das heutige Deutschland h\u00e4ufig als \u201eWissensgesellschaft\u201c charakterisiert. Aber wie ist es damit zu vereinbaren, dass z.\u00a0B. bei einer von Jonas Rees und Pia Lamberty 2018\/19 durchgef\u00fchrten sozialwissenschaftlichen Erhebung knapp \u00fcber die H\u00e4lfte der Befragten eine wissenschaftsfeindliche Haltung teilten und angaben, \u201e<i>dass sie ihren Gef\u00fchlen mehr vertrauten als sogenannten Expert_innen<\/i>\u201c? Der Sozial\u00f6konom und Journalist Andreas Speit f\u00fchrt in seinem hier vorgestellten Buch noch weitere Belege f\u00fcr die weite Verbreitung irrationaler Einstellungen in der Bev\u00f6lkerung an: Nach der \u201eLeipziger Studie\u201c von Oliver Decker u.\u00a0a. aus dem Jahre 2020 erkl\u00e4rten \u00fcber 40 Prozent der Befragten, dass sie Gl\u00fccksbringer \u201e<i>f\u00fcr wirkungsvoll<\/i>\u201c halten, und mehr als 30 Prozent trauten \u201e<i>Horoskopen korrekte Vorhersagen zu<\/i>\u201c (S.\u00a039). Decker u. a. greifen bei ihrer Besch\u00e4ftigung mit Aberglauben und Verschw\u00f6rungsmentalit\u00e4t auf Studien von Theodor Adorno und Max Horkheimer zum \u201e<i>autorit\u00e4ren Charakter<\/i>\u201c zur\u00fcck. Beiden Ph\u00e4nomenen wohnt danach die Tendenz inne, eigene unerw\u00fcnschte, ambivalente oder be\u00e4ngstigende Eigenschaften und Gef\u00fchle auf andere Gruppen oder \u00e4u\u00dfere Instanzen zu projizieren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Nach Speit wird ein Hybrid aus beiden Erscheinungen, die <i>conspirituality<\/i> (ein Kofferwort aus <i>conspiracy<\/i> und <i>spirituality<\/i>) zunehmend popul\u00e4rer. \u201e<i>Deren Anh\u00e4ngerschaft steht anerkannten Wissensquellen \u2013 wissenschaftlicher Forschung, \u00f6ffentlicher Bildung und etablierten Medien \u2013 nicht blo\u00df kritisch gegen\u00fcber, sie negiert sie<\/i>\u201c (S.\u00a040). In der Tat: Es macht einen Unterschied, ob Meldungen von \u201eoffizi\u00f6ser\u201c Seite mit dem gebotenen Ma\u00df an Skepsis aufgenommen und auf ihre Rationalit\u00e4t \u00fcberpr\u00fcft, oder ob sie in Bausch und Bogen als falsch abgelehnt werden und daf\u00fcr den sich zahlreich im Netz tummelnden Scharlatanen blind Vertrauen geschenkt wird.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach seinen Bemerkungen grunds\u00e4tzlicher Art widmet sich der Autor ausf\u00fchrlich den Aktivit\u00e4ten der \u201eQuerdenker\u201c-Szene, ihren Protagonisten wie z. B. Michael Ballweg oder dem Anwalt Markus Haintz, ihren Medien wie z.\u00a0B. dem Magazin \u201eCompact\u201c mit seinem \u2013 von ganz links bis nach rechts marschierten &#8211; Chefredakteur J\u00fcrgen Els\u00e4sser, Netzwerken wie \u201eQAnon\u201c und Verbindungen zu den \u201eReichsb\u00fcrgern\u201c und anderen rechten Kreisen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In einem weiteren Kapitel kritisiert Speit der Verbreitung von <i>Fake News<\/i> \u00fcber die Gefahren von Corona-Impfungen und die Geschichtsvergessenheit vieler Impfgegner:innen. Er erinnert daran, dass es noch in den f\u00fcnfziger Jahren zwei Polio-Epidemien in Deutschland mit fast 10.000 Todesopfern gegeben hat, bevor die Kinderl\u00e4hmung durch eine Massenimpfung einged\u00e4mmt werden konnte (\u201e<i>Schluckimpfung ist s\u00fc\u00df, Kinderl\u00e4hmung ist grausam<\/i>\u201c). <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">Bereits<\/span><\/span><\/span><\/span> damals, so sei hinzugef\u00fcgt, d\u00fcrfte das Risiko von Nebenwirkungen der Impfung <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">schon <\/span><\/span><\/span><\/span>deutlich geringer gewesen sein als das Risiko einer schweren Erkrankung ohne Schutzimpfung. Das Pro und Contra wurde seinerzeit ohnehin kaum in der \u00d6ffentlichkeit er\u00f6rtert \u2013 schon gar nicht mit der heutigen Vehemenz.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der Autor verweist auch darauf, dass die Ablehnung des Impfens durchaus in einer unseligen \u201ev\u00f6lkischen\u201c Tradition steht. Als Beispiel wird hier Eugen D\u00fchring genannt, der 1881 behauptete, dass das Impfen ein Aberglaube von j\u00fcdischen \u00c4rzten sei, die sich pers\u00f6nlich bereichern wollten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Rassistisches Gedankengut, zeigt der Autor, l\u00e4sst sich auch bei den Gr\u00fcndern verbreiteter \u201ealternativer\u201c Lebensmodelle nachweisen, so bei dem Vater der Anthroposophie, Rudolf Steiner. In seiner \u201eAkasha-Chronik\u201c betrachtete Steiner die \u201eArier\u201c als den am h\u00f6chsten entwickelten Teil der Menschheit. In seiner Schrift \u201e<i>\u00dcber Gesundheit und Krankheit<\/i>\u201c von 1922\/23 brachte Steiner seinen \u00c4rger \u00fcber einen \u201eNegerroman\u201c zum Ausdruck: \u201e<i>I<\/i><i>ch bin meinerseits davon \u00fcberzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen <\/i><i>(\u2026), da braucht gar nicht daf\u00fcr gesorgt werden, da\u00df Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben, die mulatten\u00e4hnlich aussehen werden<\/i>\u201c (zit. auf S.\u00a0151). Speit weist indessen auch darauf hin, dass sich z.\u00a0B. Vertreter_innen von Waldorf-Schulen inzwischen von solchen rassistischen Positionen deutlich distanziert haben. Von weit rechts allerdings erfahre Steiner eine erneute Wertsch\u00e4tzung. In einer Ausgabe von \u201eCompact\u201c von 2020 wird der Begr\u00fcnder der Anthroposophie denn auch als \u201e<i>erster Querdenker<\/i>\u201c gefeiert (S. 166).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Weiter geht der Reigen kritischer Besch\u00e4ftigung mit \u201ealternativen\u201c Lebenspraktiken u. a. mit dem lukrativen Markt der Hom\u00f6opathie und anderen \u201e<i>nicht evidenzbasierten<\/i>\u201c Behandlungsmethoden. Zwar sei, schreibt Speit, die Kritik aus dem entsprechenden Milieu an den \u00f6konomischen Praktiken der Pharmaindustrie durchaus berechtigt, die von der Alternativmedizin verlangten hohen Preise w\u00fcrden indessen kaum in Frage gestellt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gleich zu Beginn seiner Darstellung f\u00e4llt der Autor ein harsches Urteil \u00fcber die \u201eQuerdenker\u201c-Bewegung insgesamt: \u201e<i>Der vermeintliche Protest f\u00fcr die Freiheitsrechte aller ist letztlich ein Protest f\u00fcr das eigene Recht, sich zu verhalten, wie man gerade will. Die Demonstrant:innen denken nicht quer, sie denken egoman. Eine Form der \u201arohen B\u00fcrgerlichkeit\u2018 (Wilhelm Heitmeyer), die mit der eigenen Ignoranz gegen\u00fcber den Toten und ihren Angeh\u00f6rigen und Freund:innen einhergeht<\/i>\u201c (S. 8).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Allerdings, so w\u00e4re hier einzuwenden, ist egozentrischer Individualismus alles andere als ein konsequenter Ausdruck der Lebensmodelle \u201ealternativer\u201c Milieus in der Gesellschaft. Eine solche Haltung ist vielmehr der dominanten Ideologie des Neoliberalismus und seinem individualistischen Freiheitsbegriff immanent: \u201e<i>Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied, und wem es schlecht geht, ist daf\u00fcr selbst verantwortlich!<\/i>\u201c Solidarische Verhaltensweisen, Empathie und die \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr Andere erscheinen da nur als sozialromantischer Ballast. Wie wirkm\u00e4chtig solche sozialdarwinistischen Einstellungen in der heutigen Gesellschaft inzwischen sind, zeigt nicht zuletzt der Wahlerfolg der FDP gerade bei jungen Menschen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auf solche Einstellungen und ihre Propagandisten geht Speit leider zu wenig ein; gleichwohl bietet sein Buch eine F\u00fclle von Informationen und Anregungen f\u00fcr die weitere Diskussion brennender Gegenwartsfragen.<\/p>\n<p class=\"v-unterschrift-western\">Martin Kutscha<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2949],"tags":[],"autoren":[150],"publikationen":[2986],"class_list":["post-17917","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-corona","autoren-martin-kutscha","publikationen-235-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezensionen - Wurzeln des \u201eQuerdenkens\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/235-vorgaenge\/publikation\/rezensionen-wurzeln-des-querdenkens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezensionen - Wurzeln des \u201eQuerdenkens\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Andreas Speit, Verqueres Denken. 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