{"id":18067,"date":"2022-05-10T22:14:52","date_gmt":"2022-05-10T20:14:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18067"},"modified":"2022-05-11T07:24:23","modified_gmt":"2022-05-11T05:24:23","slug":"nachruf-auf-sophie-rieger","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-nr-246\/publikation\/nachruf-auf-sophie-rieger\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Sophie Rieger"},"content":{"rendered":"<p>Geboren 1933 in Beuthen (Schlesien), machte Sophie Rieger 1954 in N\u00fcrnberg ihr Abitur und schloss ihr Architekturstudium an der Technischen Hochschule M\u00fcnchen 1960 ab. Nach ihrem Abschlu\u00df war sie in Architekturb\u00fcros in Toulon\/Frankreich und am Universit\u00e4tsbauamt Erlangen t\u00e4tig, bis sie sich 1972 als Architektin selbstst\u00e4ndig machte. Mitglied der Humanistischen Union wurde Sophie Rieger nach ihrer R\u00fcckkehr aus Frankreich 1968. Nachdem sie sich lange in der bayrischen HU engagiert hatte und auch Mitglied des dortigen Landesvorstand war, wurde sie 2003 in den Bundesvorstand gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Neben ihrem Engagement in der HU war Sophie Rieger lange Jahre bei den Gr\u00fcnen aktiv. Nach sechs Jahren im Stadtrat wurde sie 1990 in den Landtag gew\u00e4hlt, wo sie ab 1994 auch im Pr\u00e4sidium war. Acht Jahre setzte sie sich f\u00fcr gr\u00fcne Positionen und N\u00fcrnberger Interessen ein, bis der Kosovo-Konflikt Ende der 1990er-Jahre zur Zerrei\u00dfprobe f\u00fcr die Gr\u00fcnen wurde. Sophie Rieger blieb standhaft bei ihren pazifistischen \u00dcberzeugungen und trat aus der Gr\u00fcnen Partei aus. 1999 stellte sie daher auf der Delegiertenkonferenz der HU ( mit Irene Sturm) den Antrag: \u201eEine neue Bewegung braucht das Land\u201c. In dem Antrag wurde die HU zu mehr Zusammenarbeit mit anderen Organisationen aus der au\u00dferparlamentarischen Opposition aufgefordert, weil die bisherigen Ansprechpartner im Parteienspektrum durch die seit 1999 gebildete Gro\u00dfe Koalition weitestgehend ausgefallen w\u00e4ren.. Aus der Begr\u00fcndung: \u201eIn der Opposition haben SPD und B\u00fcndnis90\/DIE GR\u00dcNEN einen gro\u00dfen Anteil der Anliegen der au\u00dferparlamentarischen Opposition thematisiert und in den Parlamenten vertreten. Ein St\u00fcck weit haben diese Parteien auch die Kr\u00e4fte der au\u00dferparlamentarischen Opposition an sich gebunden. Wie sich herausstellt war die Verwurzelung aber nur oberfl\u00e4chlich. Trotzdem hat dies zu einer Schw\u00e4chung der Bewegung gef\u00fchrt, wie sich gerade, aber nicht nur am Beispiel der Friedensbewegung darstellen l\u00e4\u00dft. Um jedoch den B\u00fcrgerrechten, Umweltanliegen, sozialen Belangen und auch der Friedenslage wieder mehr Gewicht zu geben, m\u00fcssen neue Wege beschritten werden.\u201c<\/p>\n<p>Was Sophie Rieger zur aktuellen Situation \u2013 und zu ihrer ehemaligen Partei &#8211; heute zu sagen h\u00e4tte, k\u00f6nnen wir uns denken. Hier wie auch an anderer Stelle werden ihre Konsequenz, ihr Mut und ihre Beharrlichkeit fehlen.\u001c\u001c<\/p>\n<h4 class=\"\">Sophie Rieger im Interview 2011<\/h4>\n<p class=\"\">F\u00fcr den Sammelband zum f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Bestehen der HU f\u00fchrten die Herausgeber ein Interview mit Sophie Rieger, in dem sie ihren Weg zur HU, ihr Engagement und ihre Gedanken zur Zukunft der HU erl\u00e4utert.\u00a0 Es lohnt das erneuten Lesen:<\/p>\n<p class=\"\">&#8222;<em>Wie bist Du zur Humanistischen Union gekommen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">\u201eDas war ja die Zeit mit den Berufsverboten und mit \u00a7 218. Wie ich aus Frankreich zur\u00fcckgekommen bin, hat mich das unheimlich gest\u00f6rt. Da unten hatte ich kommunistische Freunde, und ich hatte relativ rechts eingestellte Freunde, aus der Marine. Man traf sich im Hafen, konnte zusammen an einen Tisch sitzen \u2013 da gab es kein Problem. In Frankreich sa\u00dfen die alle zusammen, und jeder hat eine andere Zeitung gelesen. Bei uns hier in Bayern gab es zwei Zeitungen: Die etwas Gebildeten haben die Abendzeitung gelesen, die einfacheren die Bild-Zeitung. Hier die zwei Zeitungen und da unten diese Vielfalt. Wenn man mal raus kam aus der BRD, hat man diesen Antikommunismus so richtig gesp\u00fcrt. Da habe ich dann angefangen, war bei Demonstrationen dabei, f\u00fcr die HU.\u201c<\/p>\n<p class=\"\"><em>&#8222;Die Trennung von Staat und Kirche war ja ein Gr\u00fcndungsthema der HU. F\u00fcr Dich immer noch ein wichtiges Anliegen, oder?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">\u201eF\u00fcr uns in Bayern war und ist es ein Thema, denn wir haben ja immer wieder Eltern die verlangen, dass ein Kreuz aus der Schule raus kommt, und die dann als intolerant bezeichnet wird \u2013 also der bayrische Sonderweg. Das kommt vielleicht auch wieder daher, was ich in Frankreich erlebt habe \u2013 die krasse Trennung von Staat und Kirche, die ich in Ordnung finde. Ich bin auch nicht der Meinung, der Mehrheitsmeinung der HU, das Kopft\u00fccher von Lehrerinnen kein Problem sind. Ich muss nicht missionieren in der Schule, und wenn ich eben Lehrerin werden will, muss ich mich neutral verhalten. Wenn ich meinen Glauben unbedingt in meinem \u00c4u\u00dferen demonstrieren muss, das finde ich nicht besonders feinf\u00fchlig oder klug. Religion oder Weltanschauung ist f\u00fcr mich ein sehr pers\u00f6nliches Anliegen. Wenn jemand st\u00e4ndig, entweder mit einem dicken Kreuz oder einem Kopftuch, herumlaufen muss um zu demonstrieren, ich bin Muslima oder ich bin Christ, dann st\u00f6rt mich das. Die merken gar nicht mehr, wie sie andere missionieren. Ich habe mich immer ungern in Religionsfragen eingemischt und bin f\u00fcr Religionsfreiheit, und ich w\u00fcrde auch f\u00fcr jeden eintreten. Aber ich glaube, wir t\u00e4ten uns leichter in Deutschland, wenn wir eine klare Trennung von Staat und Kirche h\u00e4tten. Dann br\u00e4uchten wir diese ganzen Diskussionen nicht zu f\u00fchren, dann sollen sich alle an das Grundgesetz halten und damit Basta.\u201c<\/p>\n<p class=\"\"><em>&#8222;Du hast einmal gesagt, die HU sei fr\u00fcher bei vielen Debatten vorweg gegangen. Wo zum Beispiel?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">\u201eEs war ja so, dass die HU als erste Organisation die Abschaffung des \u00a7 218 angegangen ist, die das Thema \u00fcberhaupt in die Diskussion gebracht hat. Genauso war es, meine ich, beim \u00a7 175\u2013 auch da war die HU zumindest eine der ersten Organisationen, die seine Aufhebung verlangten.\u201c<\/p>\n<p class=\"\">[\u2026]<\/p>\n<p class=\"\">&#8222;<em>Eins der wenigen Themen, wo der Tabubruch heute noch funktioniert, ist die Sterbehilfe. K\u00f6nnte die HU dort an ihre fr\u00fchere Arbeitsweise ankn\u00fcpfen?<\/em>&#8222;<\/p>\n<p class=\"\">\u201eJa, das w\u00e4re mir sehr wichtig. Ihr macht ja jetzt eine Veranstaltung zu dem Thema. Da sollte nicht nur die Meinung von anderen eingeholt werden. Das ist mir bei Veranstaltungen der letzten Jahre aufgefallen, das sich da etwas ge\u00e4ndert hat: Man will immer h\u00f6ren, was die anderen sagen und bringt sich selbst nicht mehr aktiv genug ein. Ich habe so das Gef\u00fchl, man will sich anh\u00f6ren, was die Meinung in der \u00d6ffentlichkeit, die Mehrheitsmeinung ist und wie man darauf aufbauen kann. Das ist meines Erachtens nach nicht Aufgabe der HU. Die HU muss es wagen, allein da zu stehen mit ihrer Meinung, sobald sie der Auffassung ist, dass es um B\u00fcrgerrechte geht. F\u00fcr mich habe ich den Eindruck, dass man sehr viel erst abwartet \u2013 was kommt von au\u00dfen und was k\u00f6nnen wir weiter tragen \u2013 aber sich hinzustellen und zu sagen: &#8218;Wir sind der Meinung \u2026&#8216; und das in der \u00d6ffentlichkeit zu vertreten, ist meines Erachtens nach ein St\u00fcck verloren gegangen.<br \/>\nDas war, meine ich, auch das Vers\u00e4umnis in der Diskussion um Patientenverf\u00fcgungen. Wir hatten Vorschl\u00e4ge erarbeitet, die waren abgestimmt und sind dann nicht so an die \u00d6ffentlichkeit gekommen, wie wir uns das vorgestellt hatten.Wir haben geschaut, welcher Entwurf der Parteien ist der beste \u2013 und den unterst\u00fctzt man dann. Dann wurde gesagt, man will das Schlimmere verhindern. Diese Haltung, meine ich, sollte nicht die HU-Haltung sein. Die HU sollte den Mut haben, ihre Positionen in den Raum zu stellen. Ob sie damit ankommt oder nicht, das ist zweitrangig. Es hat sich gezeigt: Wenn die HU richtig lag, hat es vielleicht eine Weile gedauert, bis die anderen in der Diskussion n\u00e4her gekommen sind. Aber es hat sich gelohnt.<\/p>\n<p class=\"\"><em>&#8222;Was waren f\u00fcr Dich die Sternstunden in der HU?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">Na ja, Sternstunden \u2026 Ich meine, wir haben uns furchtbar gefreut damals, als wir die erste Vorsitzende gew\u00e4hlt hatten, eine Frau \u2013 die Charlotte Maack. Denn es war sonst schon eine starke M\u00e4nnerdominanz in der HU. Es gab zwar immer streitbare Frauen dort, aber es gab schon eine M\u00e4nnerdominanz, am Anfang vor allem. Und als wir die Charlotte Maack dann als Vorsitzende hatten, das fanden wir schon ein Ereignis.<\/p>\n<p class=\"\"><em>&#8222;Und was hat sich da ge\u00e4ndert?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">Ja, es gab einen anderen Ton. Diese manchmal arrogante Art vom Vorstand. Sie hat ein anderes Klima reingebracht. F\u00fcr uns wurde es pers\u00f6nlicher, obwohl sie sehr streitbar war.<\/p>\n<p class=\"\"><em>&#8222;Was waren f\u00fcr Dich die gr\u00f6\u00dften Erfolge in der HU?&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"\">Zu Zeiten von Till M\u00fcller-Heidelberg ging es noch um den \u00a7 175 StGB. Dessen endg\u00fcltige Streichung fand ich damals einen sehr gro\u00dfen Erfolg. Das kommt vielleicht auch daher, dass ich in der ersten Ehe mit einem Homosexuellen verheiratet war und mir das ein Anliegen war. Diese Ehe war in Frankreich. Dort war Homosexualit\u00e4t an und f\u00fcr sich nicht verboten, sie wurde aber in der Gesellschaft ge\u00e4chtet. Deshalb haben die Homosexuellen versucht, \u00fcber die Eheschlie\u00dfung einen Weg zu finden, der ihre berufliche Laufbahn nicht gef\u00e4hrdet. Mir war damals sehr wichtig, das sich diese Einstellung zu Homosexuellen ver\u00e4ndert in unserer Gesellschaft, und nicht nur rechtlich. Sehr engagiert habe ich mich auch f\u00fcr die Freigabe von Drogen. Und da hat sich insgesamt ja auch einiges bewegt. Es kam zwar nicht zur einfachen Freigabe, aber zumindest mehr Behandlungsm\u00f6glichkeiten und Ausstiegsm\u00f6glichkeiten haben wir erreicht, das war f\u00fcr mich schon wichtig.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2995],"tags":[],"autoren":[249],"publikationen":[2994],"class_list":["post-18067","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-vereinsnachrichten","autoren-katharina-ruerup","publikationen-mitteilungen-nr-246"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nachruf auf Sophie Rieger - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-nr-246\/publikation\/nachruf-auf-sophie-rieger\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nachruf auf Sophie Rieger - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Geboren 1933 in Beuthen (Schlesien), machte Sophie Rieger 1954 in N\u00fcrnberg ihr Abitur und schloss ihr Architekturstudium an der Technischen Hochschule M\u00fcnchen 1960 ab. 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