{"id":18132,"date":"2019-09-05T16:19:29","date_gmt":"2019-09-05T14:19:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18132"},"modified":"2022-05-18T16:19:58","modified_gmt":"2022-05-18T14:19:58","slug":"nachruf-auf-ulrich-finckh-2","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/239\/publikation\/nachruf-auf-ulrich-finckh-2\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Ulrich Finckh"},"content":{"rendered":"<p>In: Mitteilungen 239, S. 17 &#8211; 19<\/p>\n<p>Am 25. Juli 2019 ist Pfarrer i.R. Ulrich Finckh mit 91 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutsche Zivilgesellschaft eine ihrer markantesten Pers\u00f6nlichkeiten. \u201eAufgewachsen in Diktatur und Krieg, stritt er sein Leben lang f\u00fcr Frieden und Menschenrechte\u201c, hei\u00dft es in der Todesanzeige. In der Tat, sein Engagement kam seiner evangelischen Kirche, Menschen- und B\u00fcrgerrechtsorganisationen ebenso wie zahlreichen anderen Einrichtungen und Bewegungen zu Gute. \u00dcber die langj\u00e4hrige Mitarbeit in der Gustav Heinemann-Initiative hat Ulrich Finckh nach der Fusion beider B\u00fcrgerrechtsoganisationen im Jahr 2009 zur Humanistischen Union (HU) gefunden. Im Beirat der HU und in den Redaktionen sowohl unserer Zeitschrift \u201evorg\u00e4nge. Zeitschrift f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Gesellschaftspolitik\u201c als auch des \u201eGrundrechte-Reports\u201c hat der ehemalige Pfarrer und umtriebige Publizist Finckh seine Mitstreiter immer wieder in seinen Bann gezogen. Ein R\u00fcckblick auf sein Leben erkl\u00e4rt, warum das so war.<\/p>\n<p>Aufgewachsen ist er in einem liberalen Elternhaus mit kirchlichen Bindungen. Im zweiten Weltkrieg war er junger Flakhelfer. Mit Schlitzohrigkeit ist er den F\u00e4ngen der SS entgangen, die schon bei den 15j\u00e4hrigen rekrutierte, indem er naiv fragte, ob man denn auch wie die \u00c4rzte studieren k\u00f6nne, wenn man wie er Pfarrer werden wolle.<br \/>\nAls Konsequenz aus den NS-Verbrechen ging es dem Pfarrer Finckh im neuen demokratischen Staat um aktives Eintreten f\u00fcr Menschen- und B\u00fcrgerrechte und um den Rechtsstaat. Zentral waren f\u00fcr ihn Fragen des Glaubens in einer von wissenschaftlichem Denken gepr\u00e4gten Moderne und ein auf die Botschaft Jesu und nicht zuletzt auf das V\u00f6lkerrecht begr\u00fcndeter Pazifismus. Krieg als Mittel der Politik hat er generell abgelehnt, weil die Entwicklung des modernen Krieges in Richtung Luftkrieg geht, der katastrophal f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung sei und dem V\u00f6lkerrecht widerspreche, weil das Risiko stets hoch ist, Unbeteiligte zu vernichten. Es war nur konsequent, dass Finckh strikter Gegner der Wiederaufr\u00fcstung unter Bundeskanzler Adenauer gewesen ist und sich jahrzehntelang f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer und deren Rechte eingesetzt hat.<\/p>\n<p>\u201eIm Stra\u00dfenverkehr k\u00f6nnen Sie doch auch Menschen t\u00f6ten\u201c \u2013 das war die Konstruktion, mit der der Antrag eines Kriegsdienstverweigerers abgelehnt wurde, der mit Taxifahrten sein Studium finanzierte. Solch abenteurliche Argumente und die Zahlenschwindeleien aus dem Bundesverteidigungsministerium bei der Berechnung von tats\u00e4chlich Wehrpflichtigen und der vergleichbaren Dauer von Wehr- und \u201eErsatz\u201c-Dienst geh\u00f6rten zu den Auseinandersetzungen, die der Pfarrer und unter anderem langj\u00e4hrige Vorsitzende der \u201eZentralstelle f\u00fcr Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgr\u00fcnden e.V.\u201c, Ulrich Finckh, immer wieder zu bestehen hatte.<\/p>\n<p>\u201eDreimal gelang es mir, politische Begriffe inhaltlich so zu pr\u00e4gen, dass Unrecht damit beendet wurde\u201c, schreibt Ulrich Finckh in seiner k\u00fcrzlich im Donat Verlag erschienenen Autobiographie. Eine \u201erhetorische Gro\u00dftat\u201c, die ins Schwarze traf und in der politischen Kommunikation ein scharfes Schwert wurde, war die Anklage gegen die Pr\u00fcfungsverfahren f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer als \u201eInquisition des Gewissens.\u201c Gewissen ist Ausdruck gr\u00f6\u00dfter Subjektivit\u00e4t und kann nicht gemessen werden. Es brauchte Jahre, bis eine vom Kalten Krieg und Antikommunismus gepr\u00e4gte Bev\u00f6lkerung das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Kriegsdienstverweigerung den jungen Leuten in Form von gesellschaftlich-politischer Anerkennung auch zusprach. Finckh hat f\u00fcr die Metamorphose der unzutreffend als \u201eErsatz\u201c-Dienst bezeichneten Arbeit der Kriegsdienstverweigerer gesorgt. Von ihm unter der Bezeichnung \u201eFriedensdienst\u201c urspr\u00fcnglich gefordert, entstand der Vorschlag \u201eSozialer Friedensdienst\u201c, um schlie\u00dflich \u2013 von den Kirchen und der Diakonie aufgegriffen \u2013 bis kurz vor dem Ende der Wehrpflicht als staatliches Programm \u201eZivildienst als Lerndienst\u201c anerkannt zu sein. In seiner Zeit als Studentenpfarrer in Hamburg (1962 bis 1970) habe er mehr zuf\u00e4llig, so Finckh, den Begriff \u201eFachhochschule\u201c bei einer Demonstration von Studierenden der Hamburger Ingenieur- und h\u00f6heren Fachschulen benutzt. Es war sein Verdienst, klar zu machen, dass diese in den Hochschulbereich geh\u00f6rten, und er hat damit den Weg zur Anerkennung als Hochschulen bereitet.<\/p>\n<p>Finckh war harter Kritiker der Milit\u00e4rseelsorge und des Hierarchie-Unwesens der Kirchen. Er war verwundert, \u201edass sich Zehntausende auf den Weg machen, wenn der Papst irgendwo auftritt.\u201c F\u00fcr ihn war \u201edie Ideologie vom Papst als Stellvertreter Christi auf Erden teils Legende, teils eine erst im Mittelalter beginnende Amtsanma\u00dfung und historisch durch nichts gedeckt\u201c. Die Freiheit der evangelischen Kirche und ihr demokratischeres System der gew\u00e4hlten Kirchenvorst\u00e4nde und Synoden waren f\u00fcr den Pfarrer Finckh ein Modell, das er sch\u00e4tzte. Keineswegs war es aber so, dass Finckh nicht immer wieder erhebliche Auseinandersetzungen mit seiner jeweiligen Kirchenleitung hatte, die sein knallhartes und nachhaltiges Engagement f\u00fcr die Beratung der Kriegsdienstverweigerer nicht immer goutierte. Er war von 1971 bis 1990 Gemeindepfarrer in Bremen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Finckh sollte es eigentlich \u201e\u00fcberhaupt weder Milit\u00e4r noch eine spezielle Milit\u00e4rseelsorge geben\u201c. Die Milit\u00e4rseelsorge sei v\u00f6llig vom Personal der alten Wehrmacht aufgebaut worden, beklagte er. Den Milit\u00e4rpfarrern hat die Politik den \u201eLebenskunde\u201c-Unterricht \u00fcbertragen, weil sie als \u201eSicherung gegen falsches NS-Denken in der Bundeswehr\u201c betrachtet wurden. Die Kirchen galten &#8211; f\u00e4lschlicherweise in toto \u2013 als vom Nazitum unbelastet. Finckh: \u201eDass die Milit\u00e4rpfarrer bis heute den \u2019Lebenskunde\u2018-Unterricht in den Kasernen halten, auf Gel\u00f6bnis und Eid vorbereiten und selbst Kriegseins\u00e4tze mitmachen und wohl auch bef\u00fcrworten, die dem internationalen Recht widersprechen, stellt aus meiner Sicht eine Last f\u00fcr unsere Kirche dar und ist nach meinem Verst\u00e4ndnis nicht mit der Botschaft Jesu vereinbar\u201c.<\/p>\n<p>Ulrich Finckhs Ehefrau Elisabeth, 2015 verstorben, war an seiner Seite nicht weniger meinungsfreudig als ihr Mann, was der Autor dieser Zeilen durch langj\u00e4hrige gemeinsame politische Arbeit in der Gustav Heinemann-Initiative und Humanistischen Union bezeugen kann. Der \u201eFinckh-Clan\u201c mit f\u00fcnf Kindern, Enkeln und Urenkeln hat Ulrich Finckh im diesseitigen Leben Kraft und R\u00fcckhalt in schwierigen Zeiten gegeben. Als das Bundesverteidigungsministerium dem Bundesverfassungsgericht (und dem Gesetzgeber) falsche Zahlen im Zusammenhang mit dessen Entscheidungen zur Kriegsdienstverweigerung lieferte, ist Finckh offensiv in die \u00d6ffentlichkeit gegangen und hat belastbare Zahlen dagegen gehalten \u2013 die er mit Hilfe seiner sp\u00e4ter in Mathematik promovierten Tochter Ute Finckh, SPD-Bundestagsabgeordnete in der 18. Legislaturperiode, recherchiert hatte.<\/p>\n<p>Bereits lange vor der Vereinigung der Gustav-Heinemann-Initiative mit der Humanistischen Union (2009) hat diese ihren Fritz Bauer-Preis 1984 an Ulrich Finckh verliehen. Damit wurde seine Arbeit \u201ef\u00fcr die Zentralstelle f\u00fcr Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgr\u00fcnden\u201c gew\u00fcrdigt, ebenso wie sein Einsatz f\u00fcr die Belange der sogenannten Totalverweigerer und gegen ihre Mehrfachverurteilungen durch Gerichte.<\/p>\n<p>Dass Ulrich Finckh in seinen letzten Lebensjahren tief besorgt auf die Entwicklungen in Politik und Gesellschaft im wiedervereinigten Deutschland ebenso wie in der internationalen Politik geschaut und sich dazu ge\u00e4u\u00dfert hat, verbindet uns mit ihm. Sein politisches (und f\u00fcr manche auch christliches) Verm\u00e4chtnis, insbesondere seine friedenspolitische Haltung mag uns auch heute Kompass sein beim Eintreten f\u00fcr Menschen- und B\u00fcrgerrechte. Er wird uns weiter begleiten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2995],"tags":[],"autoren":[133],"publikationen":[898],"class_list":["post-18132","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-vereinsnachrichten","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-898"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nachruf auf Ulrich Finckh - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/239\/publikation\/nachruf-auf-ulrich-finckh-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nachruf auf Ulrich Finckh - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: Mitteilungen 239, S. 17 &#8211; 19 Am 25. 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