{"id":18199,"date":"2022-09-19T16:06:32","date_gmt":"2022-09-19T14:06:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18199"},"modified":"2022-11-01T18:52:44","modified_gmt":"2022-11-01T17:52:44","slug":"rezension-erklaer-und-nachschlagewerk-zur-europaeischen-zentralbank","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/236-vorgaenge\/publikation\/rezension-erklaer-und-nachschlagewerk-zur-europaeischen-zentralbank\/","title":{"rendered":"REZENSION &#8211; Erkl\u00e4r- und Nachschlagewerk zur Europ\u00e4ischen Zentralbank"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael Heine und Hansj\u00f6rg Herr: Die Europ\u00e4ische Zentralbank, Marburg: Metropolis-Verlag 2022, 318 Seiten, 24,80 Euro [ISBN 978-3-7316-1495-1]<\/em><\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) wurde 1998 auf der Grundlage des Vertrages von Maastricht eingerichtet und ist heute neben dem Europ\u00e4ischen Parlament, der Europ\u00e4ischen Kommission, dem Europ\u00e4ischen Rat, dem (Minister*innen-) Rat der Europ\u00e4ischen Union, dem Gerichtshof der EU und dem Europ\u00e4ischen Rechnungshof eine von sieben EU-Institutionen. Ihre Einrichtung war eine zentrale institutionelle Voraussetzung f\u00fcr die Etablierung des Euro als gemeinsame W\u00e4hrung von inzwischen 19 EU-Staaten, mit Kroatien folgt 2023 das 20. Land mit dem Euro als W\u00e4hrung. Seit ihrer Gr\u00fcndung waren Rolle und Strategien der EZB stets politisch, rechtlich und wissenschaftlich umstritten. Die Phase seit 1998 ist zudem durch zahlreiche Krisen gepr\u00e4gt, die auch und gerade f\u00fcr das Konstrukt EZB zu einer gro\u00dfen Herausforderung wurden.<\/p>\n<p>Das Buch von Michael Heine und Hansj\u00f6rg Herr erschien 2021 zuerst in einer englischen Ausgabe (The European Central Bank, Newcastle upon Tyne: agenda publishing, 2021), die deutsche Ausgabe wurde von den beiden Autoren auf der Basis der englischen Ausgabe geschrieben und auf den neuesten Stand gebracht. Das Buch basiert in Teilen auf einem erfolgreichen Vorl\u00e4ufer-Band, der zuletzt 2008 in dritter Auflage erschien. Beide Autoren sind Professoren (im Ruhestand) f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft Berlin bzw. an der Hochschule f\u00fcr Wirtschaft und Recht Berlin und verstehen es, auf der Basis ihrer langj\u00e4hrigen Lehrt\u00e4tigkeit die manchmal komplexen Zusammenh\u00e4nge so anschaulich darzustellen, dass sie auch f\u00fcr Nicht-Volkswirt*innen gut nachvollziehbar sind.<\/p>\n<p>Das Buch bietet eigentlich wesentlich mehr als der Titel verspricht, denn es befasst sich nicht nur mit der EZB, sondern stellt sie in den Kontext der internationalen W\u00e4hrungs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik und analysiert ihre Rolle bei der Entstehung und Bew\u00e4ltigung der diversen Krisen, die diese Politikfelder seit den 2000er Jahren gepr\u00e4gt haben. Zudem lassen die Autoren immer wieder interessante Vergleiche mit den jeweiligen Strategien der US-amerikanischen Zentralbank, der Federal Reserve (auch unter dem K\u00fcrzel Fed bekannt), einflie\u00dfen. Auch die bundesdeutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik wird immer wieder in den Blick genommen, u.\u00a0a. die \u201eSchuldenbremse\u201c.<\/p>\n<p>In seiner Grundstruktur ist das Buch chronologisch aufgebaut. Damit wird besonders deutlich, wie experimentell \u2013 oder negativer ausgedr\u00fcckt: unausgereift \u2013 die Strategien und Vorgehensweisen der EZB in ihren Anfangsjahren waren und welche konzeptionellen Probleme ihre Handlungsm\u00f6glichkeiten bis heute beschr\u00e4nken. Nach einem Kurz\u00fcberblick \u00fcber die Entwicklung der europ\u00e4ischen Integration (S.\u00a015\u00a0ff.) und der internationalen W\u00e4hrungsordnung seit den 1950er Jahren (S.\u00a027\u00a0ff.) widmet sich das Buch ausf\u00fchrlich dem 1992 beschlossenen Unionsvertrag von Maastricht und dem damit begr\u00fcndeten Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt. \u00dcbereinstimmend mit den meisten kritischen Autor*innen zu diesem Thema, sehen Heine und Herr im Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt viele Probleme angelegt, die eine Bew\u00e4ltigung der Wirtschafts- und Finanzkrisen seit den 2000er Jahren erheblich erschwerten. Kritisch sehen die Autoren insbesondere die strengen Verschuldungsobergrenzen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), die in den 1990er Jahren insbesondere von der deutschen Regierung bef\u00fcrwortet wurden und die noch heute in Art.\u00a0126 des Vertrages \u00fcber die Arbeitsweise der EU (AEUV) angelegt sind. Im Zentrum ihrer Kritik steht auch das Fehlen wirksamer politischer Steuerung der EZB durch EU-Institutionen, da in der Wirtschafts- und Finanzpolitik nach wie vor ein gro\u00dfer Teil der Entscheidungsbefugnisse bei den Mitgliedstaaten und ihren Regierungen liegt. Dies f\u00fchrt dazu, dass die EZB \u2013 jedenfalls offiziell \u2013 nicht als Kreditgeber letzter Instanz (Lender of Last Ressort) fungieren kann, der in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Finanzierung der EU und ihrer Mitgliedstaaten sichert.<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Buches (Abschnitte 8\u00a0ff., S.\u00a0137\u00a0ff.) widmet sich ausf\u00fchrlich den schweren Krisen, mit denen die EZB seit 2007 konfrontiert war, beginnend mit der Subprime Crisis infolge des Zusammenbruchs des Immobilienbooms in den USA mit globalen Auswirkungen. Die \u201eRettung\u201c zahlreicher insolvenzgef\u00e4hrdeter Banken und die Wirtschaftsf\u00f6rderung durch \u201eKonjunkturpakete\u201c der mitglied\u00adstaatlichen Regierungen erforderten umfangreiche Ausnahmen von den Zielen des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes. Ausf\u00fchrlich fassen die Autoren hier Defizite der Finanzmarktregulierung zusammen, die ma\u00dfgeblich zu dieser gro\u00dfen Krise beitrugen. Daneben stehen auch hier die Auswirkungen der strikten Verschuldungsobergrenzen im Zentrum der Kritik, die in der Zeit bis 2012 zu weitreichenden haushalts- und wirtschaftspolitischen Auflagen f\u00fcr die besonders hoch verschuldeten Euro-Staaten f\u00fchrten, insbesondere f\u00fcr Griechenland. Die Autoren bewerten diese Auflagen \u2013 wiederum \u00fcbereinstimmend mit einem breiten Konsens in der kritischen Fachliteratur \u2013 als kontraproduktiv, da sie die Krisen f\u00fcr die betroffenen Staaten und ihre Bev\u00f6lkerung weiter versch\u00e4rften.<\/p>\n<p>Ernsthafte Schritte zur Bew\u00e4ltigung der Krisen wurden erst unternommen, als sich Mario Draghi 2012, zu Beginn seiner Amtszeit als EZB-Pr\u00e4sident, dazu bekannte, die Euro-W\u00e4hrung um jeden Preis zu retten (\u201ewhatever it takes\u201c). Niedrige Zinsen und der Kauf von Anleihen, insbesondere der Mitgliedstaaten, wurden seither zu den zentralen Stabilisierungsmechanismen. Auch wenn die Folgen der Krisen damit wesentlich abgemildert werden konnten, weisen die Autoren auf die verbleibenden Risiken aufgrund einer in Teilbereichen weiterhin unzul\u00e4nglichen Finanzmarktregulierung hin (S. 230 ff.).<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich widmen sich die Autoren auch den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Eurozone und die EZB (S.\u00a0257\u00a0ff.). Mitgliedstaatliche Alleing\u00e4nge und insbesondere umfangreiche Hilfsprogramme f\u00fcr das Gesundheitswesen, die Wirtschaft und die gesamte Bev\u00f6lkerung machten die Pandemie zu einer Herausforderung f\u00fcr den Euro, die EZB und die EU insgesamt. Positiv bewerten die Autoren hier, dass die EU im Rahmen des Wiederaufbaufonds Next Generation EU erstmals die Verantwortung auch f\u00fcr die Beschaffung der n\u00f6tigen Finanzmittel \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Die neuesten Turbulenzen, die seit Februar 2022 durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine verursacht wurden, traten ein, nachdem das Buch bereits erschienen war (siehe dazu aber das Streitgespr\u00e4ch unter Mitwirkung von Hansj\u00f6rg Herr in diesem Heft). Der Anstieg der Energiepreise und die Auswirkungen auf die Inflationsrate im Euroraum und dar\u00fcber hinaus sowie die daraufhin eingeleitete \u201eZinswende\u201c der EZB (und noch st\u00e4rker der US-amerikanischen Federal Reserve) zeigen, dass die Eurozone und die EZB auch in Zukunft mit weitreichenden Krisen und Turbulenzen konfrontiert werden d\u00fcrften. Umso relevanter sind daher die Perspektiven, die im Ausblick am Schluss des Buches (S.\u00a0281\u00a0ff.) aufgezeigt werden. Ihre stabilisierende Rolle wird die EZB mittelfristig kaum ohne eine st\u00e4rkere institutionelle Absicherung durch mehr Entscheidungskompetenzen der EU-Institutionen fortf\u00fchren k\u00f6nnen, insbesondere wenn die Zinsen im Rahmen der Inflationsbek\u00e4mpfung angehoben werden. Das Next Generation EU-Programm k\u00f6nnte daf\u00fcr ein Anfang sein. Eigene Steuerquellen der EU und mehr wirtschafts- und finanzpolitische Kompetenzen der EU-Institutionen w\u00fcrden Macht und Einfluss wirtschaftlich starker Mitgliedstaaten wie Deutschland schw\u00e4chen. Sie sind eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr eine stabile EU und eine krisenresistentere W\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Mit seinem chronologischen Abriss und seinen fundierten, auch f\u00fcr Nicht-\u00d6konom*innen gut verst\u00e4ndlichen Hintergrundinformationen, ist dieses Buch eine spannende Lekt\u00fcre und ein n\u00fctzliches Nachschlagewerk zugleich. F\u00fcr Nutzer*innen der gedruckten Ausgabe w\u00e4re dabei ein Stichwortregister hilfreich, wie es im Vorl\u00e4uferwerk zu finden war.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[37],"tags":[],"autoren":[138],"publikationen":[2996],"class_list":["post-18199","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-europa-internationales","autoren-hartmut-aden","publikationen-236-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>REZENSION - Erkl\u00e4r- und Nachschlagewerk zur Europ\u00e4ischen Zentralbank - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/236-vorgaenge\/publikation\/rezension-erklaer-und-nachschlagewerk-zur-europaeischen-zentralbank\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"REZENSION - 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