{"id":18464,"date":"2023-01-27T17:49:02","date_gmt":"2023-01-27T16:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18464"},"modified":"2023-01-27T17:49:02","modified_gmt":"2023-01-27T16:49:02","slug":"baden-wuerttemberg","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-nr-247\/publikation\/baden-wuerttemberg\/","title":{"rendered":"Baden-W\u00fcrttemberg"},"content":{"rendered":"<p>Am 08. September 2022 hat <strong>Ursula Neumann<\/strong> ihrem Leben im Kreise ihrer Familie friedlich ein Ende gesetzt. Wach bis zum letzten Tage. Davon zeugt ihr Blog, in dem Ursula Neumann drei Tage vor ihrem Tode sich mit dem fr\u00fchen Humanisten Montaigne befasst und ihn uns ans Herz legt. Selbstbestimmt bis zum letzten Tag. Damit hat sie alle Unsicherheit beendet, die einer medizinischen Diagnose innewohnt, die verbleibende Lebenschancen nur nach Monaten bemisst.<\/p>\n<p>Ursula Neumann war \u00fcber die mehr als 30 Jahre ihrer Mitgliedschaft in der HU, davon 1992 &#8211; 1994 im Bundesvorstand, ein \u00e4u\u00dferst streitbares Mitglied, mit einer breiten humanistischen Schaffensspur. In der mit Ulrich Vultejus verfassten HU-Schrift Nr. 19 zum 218er-Urteil des Bundesverfassungsgericht (1993) hat sie die m\u00e4nnliche Denke des Gerichts mit dem ihr eigenen Handwerkszeug als analytische Psychotherapeutin und Diplomtheologin, die sie beides war, freigelegt in einem polemisch am\u00fcsanten &#8222;Brief an den Herrn Bundesverfassungsgericht&#8220;. Sie hat sich mit der Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche besch\u00e4ftigt, etwa \u201eChristliche Gleichberechtigung\u201c (1994) und \u201eBehandelt man so seine treueste St\u00fctze? Das Verh\u00e4ltnis Frau und Kirche\u201c (1998). F\u00fcr ihren Sohn hat sie zusammen mit ihrem Mann Johannes im Kernbereich der HU, Trennung von Staat und Kirche, das wegweisende Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (17. Juni 1998) zum Ethikunterricht an Schulen erstritten. Dieses wird in dem 2019 erschienenen Sammelband &#8222;T\u00e4tiger Humanismus&#8220; auf den aktualisierenden b\u00fcrgerrechtlichen Pr\u00fcfstand gestellt, zusammen mit 16 \u00e4u\u00dferst kurzweiligen und pointierenden Beitr\u00e4gen aus der breiten Facette b\u00fcrgerrechtlicher Steinbr\u00fcche. Etwa der Beitrag &#8222;Gutmensch trifft Fl\u00fcchtling&#8220;, nach meiner Einsch\u00e4tzung eine Pflichtlekt\u00fcre &#8211; nicht nur f\u00fcr Fl\u00fcchtlingshelfer.<\/p>\n<p>Ursula Neumann ist im April 2022 aus der HU ausgetreten. Trotz vieler Gespr\u00e4che konnte ich sie nicht mehr halten. Sie habe sich diesen Schritt lange \u00fcberlegt, aber die Entt\u00e4uschung \u00fcber das Agieren der HU, insbesondere aber des Bundesvorstandes in der Corona-Pandemie mache diesen Schritt f\u00fcr sie notwendig. &#8222;Das war einer B\u00fcrgerrechtsorganisation unw\u00fcrdig!&#8220;, schreibt sie an die HU, und begr\u00fcndet dies n\u00e4her. Vom Bundesvorstand kein einziges Wort zur\u00fcck. Wir haben nun einen neuen Bundesvorstand und auf diesem ruht alle Hoffnung, dass die HU sich doch wieder aus dem wohligen Bereich des politisch-gesellschaftlichen Mainstreams in das strudelige Wasser einer b\u00fcrgerrechtlichen W\u00e4chterin begibt. Ursula Neumann ist nicht die Einzige, die wegen der Corona-Haltung der HU diese verlassen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Udo Kau\u00df, Freiburg<\/em><\/p>\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle sei erinnert an Sven L\u00fcders\u2018 Rezension (vorg\u00e4nge 233) von Ursula Neumanns Erinnerungsbuch: \u201eDer Kirchenrechtsprofessor nimmt Vernunft an, wird mit mir gl\u00fccklich und stirbt\u201c. Nachzulesen unter: <\/em><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/ein-schonungsloser-rueckblick\/\"><em>https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/ein-schonungsloser-rueckblick\/<\/em><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tacheles<\/strong><\/p>\n<p>Die Humanistische Union Baden-W\u00fcrttemberg veranstaltet weiterhin die Vortragsreihe \u201eTacheles\u201c &#8211; inzwischen nicht mehr \u201enur\u201c mit dem Institut f\u00fcr Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht der Universit\u00e4t Freiburg sondern auch unter Beteiligung des Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen (akj) Freiburg. In diesem Rahmen fanden folgende Veranstaltungen statt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 9. November pr\u00e4sentierte der Autor, Jurist und Journalist <strong>Ronen Steinke<\/strong> im Rahmen der Tacheles-Reihe sein Buch <strong>\u201eVor dem Gesetz sind nicht alle gleich\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das Versprechen lautet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Aber sie sind nicht gleich. Das Recht hierzulande beg\u00fcnstigt jene, die beg\u00fctert sind; es benachteiligt die, die wenig oder nichts haben. Verfahren wegen Wirtschaftsdelikten in Millionenh\u00f6he enden mit minimalen Strafen oder werden eingestellt. Prozesse gegen Menschen, die ein Brot stehlen oder wiederholt Schwarzfahren, enden hart und immer h\u00e4rter.<\/p>\n<p>In einer beunruhigenden Reportage deckte der Jurist Ronen Steinke systematische Ungerechtigkeit im Strafsystem auf. Er besuchte Haftanstalten, recherchierte bei Staatsanw\u00e4lten, Richtern, Anw\u00e4lten und Verurteilten. Und er stellte dringende Forderungen, was sich \u00e4ndern muss.<\/p>\n<p>Diese Veranstaltung wurde freundlicherweise gef\u00f6rdert von der Stadt Freiburg (Kulturamt) sowie der Verfassten Studierendenschaft der Universit\u00e4t Freiburg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 29. Oktober sprach <strong>Prof. Dr. Roland Hefendehl<\/strong>, im Rahmen der Tacheles Reihe \u00fcber das Thema: <strong>Das Bet\u00e4tigungsverbot der PKK \u2013 Es ist Zeit nachzudenken<\/strong><\/p>\n<p>Roland Hefendehl pr\u00e4sentierte seine Erkenntnisse aus einem Rechtsgutachten zu diesen Fragen und entwarf ein Modell, wann \u00fcberhaupt eine Verbotsverf\u00fcgung in einer Demokratie denkbar erscheint, die den essenziellen Grundrechten der Meinungs- und Vereinigungsfreiheit nicht nur auf dem Papier eine ma\u00dfgebliche Funktion zumisst.<\/p>\n<p>Im Zuge der Nato-Erweiterung um Schweden und Finnland wurde einmal mehr deutlich, welche politische Bedeutung die t\u00fcrkische Regierung der Existenz und dem Wirken der PKK in Europa nach wie vor zuschreibt. Fast scheint es so, als habe das Bundesinnenministerium auch deswegen derzeit kein gro\u00dfes Interesse, am Status quo des Umgangs mit der PKK in Deutschland zu r\u00fctteln. Der k\u00fcrzlich gestellte Antrag auf Aufhebung der Verbotsverf\u00fcgung schlug jedenfalls kaum Wellen. Dabei besteht durchaus Anlass dar\u00fcber nachzudenken, ob man heute noch von einer so bezeichneten Strafrechtswidrigkeit der PKK ausgehen kann, auf die die Verbotsverf\u00fcgung vor knapp 30 Jahren ma\u00dfgeblich gegr\u00fcndet wurde. Straftatbest\u00e4nde, die gerade an diese Verbotsverf\u00fcgung oder weit im Vorfeld einer Rechtsgutsverletzung an die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Vereinigung ankn\u00fcpfen, sollten insoweit mit besonderem Argwohn betrachtet werden.<\/p>\n<p>Die Veranstaltung kann online unter\u00a0<a href=\"https:\/\/strafrecht-online.org\/tacheles\/\"> https:\/\/strafrecht-online.org\/tacheles\/<\/a> angesehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 2. Juni sprachen die Rechtsanw\u00e4lte <strong>Jan Wennekers und Dr. Jan-Carl Janssen<\/strong>, Anwaltskanzlei im Hegarhaus, Freiburg zum Thema <strong>Rechtsstaatswidrige Tatprovokation durch Verdeckte Ermittler<\/strong>.<\/p>\n<p>Der Einsatz Verdeckter Ermittler ist unter dem Blickwinkel der funktionsf\u00e4higen Strafverfolgung organisierter Kriminalit\u00e4t grunds\u00e4tzlich nachvollziehbar. Insbesondere bei Straftaten aus dem Bereich des Bet\u00e4ubungsmittelstrafrechts gehen Beschuldigte h\u00e4ufig konspirativ vor, so dass andere (nach der Strafprozessordnung zul\u00e4ssige) Ermittlungsmethoden nur bedingt erfolgsversprechend sind. Die Eingangsvor- aussetzungen f\u00fcr den Einsatz Verdeckter Ermittler sind gesetzlich geregelt, anders als der Einsatz von sogenannten Vertrauenspersonen, die keine Polizeibeamten sind.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problemfeld er\u00f6ffnet sich nun, wenn es im Rahmen solcher Eins\u00e4tze nicht nur zur Informationsbeschaffung, sondern zur \u201eTatprovokation\u201c, also einer Deliktsveranlassung durch Verdeckte Ermittler, Vertrauenspersonen oder sonstige polizeiliche Lockspitzel kommt. Die gesetzlichen Regelungen f\u00fcr diese im Spannungsfeld mit dem Recht auf ein faires Verfahren stehenden Vorgehensweise sind unzureichend. Die deutsche obergerichtliche Rechtsprechung stand lange nicht im Einklang mit der Linie des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte, zuletzt etwa der im Oktober 2020 ergangenen Entscheidung des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte \u201eAkbay u.a. gegen Deutschland vom 15.10.2020\u201c.<\/p>\n<p>Der Vortrag ging am Beispiel des Urteils des Bundesgerichtshofs vom 16.12.2021 (1 StR \u2013 197\/21) n\u00e4her auf die Entwicklung der Rechtsprechung zur Tatprovokation durch Verdeckte Ermittler, und auch auf die konkreten Ermittlungsmethoden, mit denen sich Beschuldigte und ihre Verteidiger immer wieder konfrontiert sehen. Auch nach dieser j\u00fcngsten BGH-Entscheidung bleiben Fragen der rechtsstaatlichen Vereinbarkeit der praktischen Einsatzweise ungekl\u00e4rt. So ist etwa die Konfrontationsm\u00f6glichkeit mit dem Verdeckten Ermittler als Zeugen im Prozess stark eingeschr\u00e4nkt sowie die Dokumentation der Eins\u00e4tze nicht \u00fcberpr\u00fcfbar. Auch stellt sich aus Sicht der Praxis die Frage, inwieweit die Beschr\u00e4nkung des Einsatzes Verdeckter Ermittler auf \u201eStraftaten von erheblicher Bedeutung\u201c (\u00a7 110a Abs. 1 S. 1 StPO) effektiv eingehalten und \u00fcberwacht wird. Zumindest ist auch auf politischer Ebene bestehender Handlungsbedarf erkannt worden: Im Koalitionsvertrag von SPD, GR\u00dcNEN und FDP vom 24.11.2021 hei\u00dft es: \u201eUnter anderem regeln wir [\u2026] das grunds\u00e4tzliche Verbot der Tatprovokation\u201c. Die tats\u00e4chliche Ausgestaltung darf mit Spannung erwartet werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[251],"publikationen":[3011],"class_list":["post-18464","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-hu-lv-baden-wuerttemberg","publikationen-mitteilungen-nr-247"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Baden-W\u00fcrttemberg - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-nr-247\/publikation\/baden-wuerttemberg\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Baden-W\u00fcrttemberg - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Am 08. 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