{"id":18521,"date":"2023-04-25T11:55:35","date_gmt":"2023-04-25T09:55:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18521"},"modified":"2025-02-26T11:58:09","modified_gmt":"2025-02-26T10:58:09","slug":"vom-argwohn-gegen-die-armen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/vom-argwohn-gegen-die-armen\/","title":{"rendered":"Vom Argwohn gegen \u201adie Armen\u2018: Pl\u00e4doyer gegen falsche Kausalit\u00e4ten von Diskriminierung und Armut und f\u00fcr einen neugierigen Blick auf Strategien der allt\u00e4glichen Armutsbew\u00e4ltigung"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Inwiefern soziale Herkunft und Armut eigenst\u00e4ndige Dimensionen der Diskriminierung darstellen, wird seit einigen Jahren verst\u00e4rkt in den Sozialwissenschaften diskutiert. Im folgenden Beitrag pl\u00e4dieren die Autorinnen daf\u00fcr, Armut und Diskriminierung als zwei getrennte, eigenst\u00e4ndige soziale Ph\u00e4nomene zu analysieren. Ihnen geht es vor allem darum, die soziale Distanz und den Argwohn gegen\u00fcber einem allt\u00e4glichen Denken und Verhalten armer Menschen abzubauen, um deren Eigensinn und Eigenlogik anzuerkennen, die im distanzierenden Blick der Mehrheitsgesellschaft (wie auch vieler Sozialwissenschaftler*innen) ignoriert werden.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Diskriminierung und Armut werden h\u00e4ufig entweder nicht miteinander in Verbindung gebracht oder in einer falschen Kausalit\u00e4t betrachtet \u2013 so wenn behauptet wird, Armut <i>sei<\/i> Diskriminierung. Im ersten Teil argumentieren wir daf\u00fcr, Armut und Diskriminierung als <i>eigenst\u00e4ndige<\/i>, gesellschaftliche Realit\u00e4ten zu kritisieren, um diskriminierende Ausschlie\u00dfungen verstehen zu k\u00f6nnen.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a> Wir regen an, Diskriminierungsforschung klassenanalytisch und in einer doppelten Herrschaftskritik zu fundieren<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a>, da sowohl Armut als auch Diskriminierung politisch hervorgebracht werden. Im zweiten Teil stellen wir heraus, dass neben Diskriminierung auch Argwohn und ein Nicht-Verstehen-Wollen es verunm\u00f6glichen, den Alltag Armutsbetroffener in einer horizont-erweiternden Perspektive zu verstehen. Das illustrieren wir anhand von zwei Gruppendiskussionen und zeigen so unter anderem Selbstverst\u00e4ndlichkeiten des spontanen Teilens auf.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-1-western \" lang=\"zxx\"><span id=\"i-diskriminierung-durch-armut-oder-armut-durch-diskriminierung\"><a name=\"__RefHeading___Toc5779_643308903\"><\/a> I. Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung durch Armut oder Armut durch Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung?<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftssystems ist nicht vorgesehen, dass alle Menschen reich werden, freien Zugang zu Bildung erhalten und gleichberechtigt sind. Soziale Ungleichheit, vor allem manifestiert durch Privateigentum, ist Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise und zugleich ihr Ergebnis. (Vgl. Nuss 2019, 124) Nur dort, wo Menschen kaum Eigentum und kein Verm\u00f6gen haben, sind sie darauf angewiesen \u2013 auch zu schlechten Konditionen \u2013 zu arbeiten. Das Interesse privilegierter Klassen ist es, diese Ordnung zu erhalten. Soziale Ausschlie\u00dfungen und strukturelle H\u00fcrden sind somit kein Missgeschick, sondern \u201eMedium in der Herstellung und Gew\u00e4hrleistung von gesellschaftlicher \u00bbOrdnung\u00ab und \u00bbStabilit\u00e4t\u00ab\u201c (Anhorn 2021, 6). Wir m\u00f6chten zugleich darauf hinweisen, das Menschen grunds\u00e4tzlich nicht aufgrund ihrer Verhaltens, weil sie zu faul oder zu wenig intelligent sind, sozio-\u00f6konomisch arm sind bzw. werden.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\"><sup>iii<\/sup><\/a> Klassenverh\u00e4ltnisse werden gesellschaftlich organisiert, beispielsweise durch das Lohnarbeitssystem, durch die F\u00f6rderung bestimmter Besitzverh\u00e4ltnisse und indem Armutsbetroffenen strukturell finanzielle Ressourcen vorenthalten werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wir sprechen von Ausschlie\u00dfungsprozessen, weil bestimmte, vermeintlich oder tats\u00e4chlich erstrebenswerte Lebensweisen verunm\u00f6glicht werden, wie die Teilnahme an Freizeitaktivit\u00e4ten des gesellschaftlichen Lebens (Kino, Theater, Urlaub usw.). Materielle Armut schr\u00e4nkt vor allem den Handlungsspielraum ein, wenn es um lebensnotwendige Versorgung geht (Lebensmittel, Kleidung, Wohnraum, medizinische Versorgung, Bildung). Ausschlie\u00dfungsprozesse sch\u00e4tzen wir als Begriff, weil er die Aufmerksamkeit eben gerade nicht auf die Position einer einzelnen Person, sondern auf einen \u201e\u00f6konomischen, politischen, soziale[n] Prozess\u201c (Cremer-Sch\u00e4fer 2008, 162) lenkt. Eine weitreichende Ver\u00e4nderung des Prozesses kann folglich nicht punktuell ansetzen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Doch nicht nur \u00f6konomische Armut ist Teil der Gesellschaft \u2013 auch Diskriminierung ist es: Wie die \u00f6konomische Armut reproduzieren und manifestieren Diskriminierungen eigenst\u00e4ndig Zuschreibungen und Ausschlie\u00dfungen.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"diskriminierung-als-schauspiel-politischer-kunst-der-abstandswahrung\">Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung als Schauspiel politischer Kunst der Abstands&shy;wah&shy;rung<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Zur Veranschaulichung von Ausschlie\u00dfungsprozessen auf finanzieller und auch diskursiver Ebene kann die Debatte um die \u201eneue Unterschicht\u201c herangezogen werden. Insbesondere seit den 2000er Jahren wird in der \u00d6ffentlichkeit ein Schauspiel politischer Kunst der Abstandswahrung zwischen Gesellschaftsgruppen aufgef\u00fchrt. \u00dcbertragen aus dem US-amerikanischen Diskurs um underclass, erstarkte eine Debatte um kulturelle Gegebenheiten armer Menschen, die sich ihre Lage aufgrund individuellen Fehlverhaltens selbst zuzuschreiben h\u00e4tten. So kam es beispielsweise vom Mitinitiator des Bundesprogramms \u201eSoziale Stadt\u201c zu \u00c4u\u00dferungen um einen angeblichen \u201eSozialhilfeadel\u201c in der dritten Generation. Hier g\u00e4be es Menschen, die \u201egar nicht mehr w\u00fcssten, wie es ist, morgens aufstehen, [sich] zu rasieren, vern\u00fcnftig anziehen und zur Arbeit zu fahren\u201c (Rolf-Peter L\u00f6hr 2002, zit. nach Kessl 2005, 35).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">\u00dcber die Debatte um die \u201eneue Unterschicht\u201c und die hier unterstellte \u201aKultur\u2018 manifestierten sich abwertende Ansichten gegen\u00fcber Armutsbetroffenen. Diese diskriminierenden Abwertungen haben historisch zwar eine lange Tradition, wurden durch diese Debatte jedoch aktualisiert. Das Neue bestand in der Zuspitzung der angeblichen Selbstverschuldung: Verhalten \u2013 die \u201aKultur&#8216; \u2013 und \u00f6konomische Armut werden miteinander in einen kausalen Zusammenhang gebracht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und das nicht ohne Grund: Wohlfahrtsstaatliche Umstrukturierungen wurden u.a. mit der Agenda 2010 begleitend durchgesetzt. Gekoppelt an Abstiegs\u00e4ngste der Mitte und der kulturalisierenden Verbildlichung, auch \u201aso zu enden\u2018, erh\u00e4lt die diskriminierende Verachtung eine soziale Funktion. Mit Lo\u00efc Wacquant l\u00e4sst sich hier von der Produktion politischer Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien sprechen, die auf eine Herbeif\u00fchrung und Stabilisierung neoliberaler \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse zielt. Man darf dies als eine \u201e\u00dcbung in Staatskunst\u201c begreifen (vgl. Wacquant 2009, 121). Parallel zur Einf\u00fchrung der Hartz-Gesetze, insbesondere Hartz IV, wurde \u00fcber die Debatte letztlich ein Streit um die letzten Kr\u00fcmel des andernorts verteilten Kuchens entfacht.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"staat-politik-und-gesellschaft-verursachen-diskriminierung-und-armut\">Staat, Politik und Gesell&shy;schaft verursachen Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung und Armut<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ausschlie\u00dfungsprozesse durch Diskriminierung und Armut sind in Anlehnung an die gouvernementalistischen \u00dcberlegungen Michel Foucaults jedoch nicht einzig als Kraft des Staates &#8218;von oben&#8216; zu verstehen. Am Beispiel der Klassenjustiz kann gezeigt werden, wie ausschlie\u00dfende Regierungsweisen gewisse gesellschaftlich-gemeinsame \u00dcberzeugungen hervorbringen. Ronen Steinke aktualisierte j\u00fcngst die Debatte, dass in Prozessen gegen Menschen, die Lebensmittel f\u00fcr den Eigenbedarf stehlen, immer h\u00e4rter entschieden wird (vgl. Steinke 2022, 12). Nichtsdestoweniger kommt es zu einem gesellschaftlichen Aufschrei, wenn sich \u201aKleinkriminelle\u2018 und \u201aAsoziale\u2018 wieder <i>falsch verhalten. <\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese in der &#8218;Dominanzgesellschaft&#8216; geteilten \u00dcberzeugungen f\u00fchren dazu, \u201edass das Leben in der Normalit\u00e4t sie befugt, die Bedingungen zu diktieren, unter denen sie sich bereit erkl\u00e4ren, den Anderen die T\u00fcr ein St\u00fcck weit zu \u00f6ffnen und sie gegebenenfalls auch wieder zu schlie\u00dfen\u201c (Rommelspacher zit. nach Weinbach 2006, 19). Birgit Rommelspacher macht damit auf die Ausgrenzung und Hierarchisierung deutscher Politik und Gesellschaft aufmerksam. Sie weist auf den dynamischen Prozess des \u201eFremdmachens der Anderen\u201c hin, durch den eine stete Asymmetrie hergestellt wird. Dominanzgesellschaft und staatliche Institutionen tragen Verantwortung f\u00fcr Armut und Diskriminierung.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"doppelte-herrschaftskritik-als-antwort-auf-diskriminierung\">Doppelte Herrschafts&shy;kritik als Antwort auf Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung!<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die bisherigen \u00dcberlegungen zeigen, dass Armut ein strukturelles Problem ist. An den strukturellen Ursachen wird <i>gewollt<\/i> wenig ver\u00e4ndert. Damit dies gelingt, wird Diskriminierung als Ausschlie\u00dfungsprozess auf materiell-finanzieller wie diskursiver Ebene produziert. Das geschieht \u00fcber &#8218;legitime&#8216; Formen der Abstandwahrung innerhalb der Gesellschaft. Diskriminierung ist eigenst\u00e4ndig, weil sie die Armut nicht hervorruft und sie ist auch keine Folge von Armut. Die Antwort auf die oben aufgeworfene Frage \u201eDiskriminierung durch Armut oder Armut durch Diskriminierung\u201c lautet daher: weder noch. Wir pl\u00e4dieren daf\u00fcr, dass der Fokus auf die Strukturen bei der Betrachtung und Bearbeitung von Diskriminierung nicht verloren gehen darf. Wird Diskriminierung als Meinung oder als pers\u00f6nliches Fehlverhalten diskutiert und bearbeitet, suggeriert dies, eine individuelle Verhaltens\u00e4nderung <i>l\u00f6se <\/i>das Problem. Diskriminierung ist aber nicht einfach eine falsche individuelle Zuschreibung; Diskriminierung muss als gesellschaftliche Funktion erkannt werden.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-1-western \" lang=\"zxx\"><span id=\"ii-den-alltag-armutsbetroffener-als-horizonterweiterung-begreifen\"><a name=\"__RefHeading___Toc5781_643308903\"><\/a> II. Den Alltag Armuts&shy;be&shy;trof&shy;fener als Horizon&shy;t&shy;er&shy;wei&shy;te&shy;rung begreifen<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die kritische Begleitung der oben genannten Debatte zur neuen Unterschicht, wie sie unter anderem in einem Themenheft der Widerspr\u00fcche (2005) nachzulesen ist, halten wir f\u00fcr wertvoll, weil sie eine unterstellte Lebensweise \u201ader Armen\u2018 strikt zur\u00fcckweist. Sie verdeutlicht jene strukturelle Komponente zur Erzeugung auch neuer Armutslagen. Es gibt keinerlei empirische Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass Armutsbetroffene eine allen gemeinsame, andere Lebensweise haben, die eine \u201aKultur der Armut\u2018 bekr\u00e4ftigen w\u00fcrde (vgl. Klein et al. 2005; Schaarschuch 1995). Armutsbetroffene besitzen keine kollektive Kultur, der sie deterministisch unterworfen sind, sie \u201avegetieren\u2018 nicht einfach ohnm\u00e4chtig oder passiv (vgl. Rein 2017, 61ff.; Piven\/Cloward 1977). Im Gegenteil bew\u00e4ltigen sie allt\u00e4glich ihre Armutssituation. Wir m\u00f6chten behaupten, dass es an der Sichtbarmachung dieser Bew\u00e4ltigung kaum Interesse gibt. Wenn \u00fcberhaupt, wird diese f\u00fcr die Argumentation genutzt, Menschen in \u00f6konomischer Armut lebten <i>auf eine bestimmte Art und Weise <\/i>(diskriminierende Funktion) oder Armut sei nicht so gravierend (legitimierend).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die derzeit popul\u00e4ren autobiographischen Erz\u00e4hlungen von Armutsbetroffenen dokumentieren<i> individuelle <\/i>Bearbeitungsweisen. Sie verdeutlichen nicht nur die Realit\u00e4t der Ausschlie\u00dfungen und wie diese unsichtbar gemacht werden (Brodesser 2021, Mayr 2020, Aumair\/Thei\u00dfl 2020). Sie beschreiben damit, wie Armutsbetroffene ihren Alltag strukturieren und bieten damit die M\u00f6glichkeit, anders auf Armutsbew\u00e4ltigung zu blicken.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"den-standpunkt-der-dominanzgesellschaft-verlassen\">Den Standpunkt der Dominanz&shy;ge&shy;sell&shy;schaft verlassen<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die Soziologin Dorothy Smith appelliert daran, den eigenen Standpunkt zur Kenntnis zu nehmen und bereit zu sein, diesen zu verlassen. Das Ziel einer Alltagsforschung ist es, den eigenen \u201eZugriff auf die Welt (\u2026) zu reflektieren zu erweitern und zu vergr\u00f6\u00dfern\u201c (Smith 1998, 40). Das bedeutet f\u00fcr uns, neugierig zu fragen, wie Armutsbetroffene mit den strukturellen Ausschlie\u00dfungen in Form von Armut und Diskriminierung umgehen. In Anlehnung an die feministisch-marxistische Soziologin illustrieren wir anhand von zwei Ausschnitten aus Gruppendiskussionen<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a> Situationen des Alltags und versuchen dabei nicht unseren dominanten Blick wirken zu lassen, sondern die Perspektive der Erz\u00e4hlenden zu verstehen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In der Diskussion erz\u00e4hlen drei Frauen aus zwei unterschiedlichen foodsharing-Initiativen, wie sie Lebensmittel-Abholungen von Superm\u00e4rkten und B\u00e4ckereien sowie deren Weitergabe organisieren: in der heimischen Garage, auf einem \u00f6ffentlichen Platz oder, wie im hier genannten Beispiel, \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c. Die Haupterz\u00e4hlerin in der Sequenz, Tina, lebt mit ihrer kleinen Tochter von Hartz IV.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"die-selbstverstaendlichkeit-des-kofferraums\">Die Selbst&shy;ver&shy;st&auml;nd&shy;lich&shy;keit des Kofferraums<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tina:<\/u> Quark und Sahne und Buttermilch und sowas, die hab ich auf der Stra\u00dfe, ich hab den Kofferraum aufgemacht und hab jeden, der vorbeikam, gefragt, ob er was haben m\u00f6chte. Die Leute haben mich alle angeguckt, umsonst?<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Mel<\/u>: Ja<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tina:<\/u> Ich muss dazu sagen, ich wohn in [Name eines Stadtteils] da ist dann auch noch so ne leichte Sprachbarriere da, aber es, ich war glaub ich in den ersten zwei Wochen, wie ich da gewohnt hab, ich bin da gerade eingezogen gewesen. Ich war in den ersten zwei Wochen die Verr\u00fcckte, die aus ihrem Auto Lebensmittel verschenkt (schmunzelt h\u00f6rbar)<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tina, Mel, Anna:<\/u> lachen<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der gef\u00fcllte \u201eKofferraum\u201c erinnert an einen Gro\u00dfeinkauf. Wenn Tina die zum Wegwerfen bestimmten Lebensmittel von den Superm\u00e4rkten eingesammelt hat, ist er voll. Tina (und in anderen Sequenzen auch die anderen Foodsharer*innen) erz\u00e4hlen, dass die Menge immer zu viel ist f\u00fcr eine Person alleine, zumal die Idee ist, die Lebensmittel weiter zu verteilen. F\u00fcr das Verteilen \u00f6ffnet Tina \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c den Kofferraum und fragt die Vorbeikommenden, wer etwas \u201ehaben m\u00f6chte\u201c. Die Foodsharer*innen erheben keinen Anspruch auf Eigentum, sie teilen einfach. Die drei Frauen m\u00fcssen teils selbst mit \u00f6konomischer Armut umgehen, ein Weiterverkauf der Waren kommt f\u00fcr sie jedoch nicht in Frage. Das Besondere ist f\u00fcr Tina weder die Menge noch die Praxis \u00fcberhaupt. Das Besondere ist f\u00fcr Tina, dass die Leute erstaunt fragen, ob alles \u201eumsonst ist\u201c. Die Passant*innen sind in einer Situation, die sie nicht einordnen k\u00f6nnen. Tina vermutet, dass sie f\u00fcr die Leute die \u201eVerr\u00fcckte\u201c ist. Ihr ist bewusst, dass sie den Rahmen des Normalen verl\u00e4sst \u2013 aber f\u00fcr sie ist das selbstverst\u00e4ndlich. Sie nimmt diese vermutete Zuschreibung als \u201eVerr\u00fcckte\u201c mit Humor, schmunzelt h\u00f6rbar und verteilt unaufgeregt weiter. Sie erzeugt eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Teilens und zerstreut damit den vor\u00fcbergehenden Argwohn der Personen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Tina baut jede r\u00e4umliche Distanz und offenbar selbst \u201eleichte Sprachbarriere\u201c ab, in dem sie die Lebensmittel einfach allen anbietet. Weder gibt sie lange Erkl\u00e4rungen noch konstruiert sie sich als Retterin, sondern \u00e4u\u00dfert eine einfache und direkte Anweisung: Greift zu! Anders als es von den Tafeln und staatlichen \u00c4mtern bekannt ist, fragt sie nicht nach, wer welchen Pass hat, wo der Wohnsitz ist, welche Sprache gesprochen wird oder ob und wie arm jemand ist. Bed\u00fcrftigkeit ist f\u00fcr Tina keine Kategorie, die hier von Bedeutung w\u00e4re. Sie hilft sich und sie hilft anderen zugleich und zwar in einer allt\u00e4glichen, unaufgeregten Art und Weise und produziert dadurch eine neue, solidarische und vor allem \u00f6ffentliche Normalit\u00e4t. Tina reduziert bestm\u00f6glich die Distanz durch eine direkte Kommunikation und Praxis der Enthierarchisierung. Sie etabliert eine neue Selbstverst\u00e4ndlichkeit und erweitert so den Horizont der Leute, die sich der Situation \u00f6ffnen.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"argwohn-gegenueber-dem-unterstellten-alltag-armutsbetroffener\">Argwohn gegen&uuml;ber dem (unter&shy;stellten) Alltag Armuts&shy;be&shy;trof&shy;fener<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Argwohn, mit dem hier Leute Tinas Praxis (eventuell) begegnen, verstellt im Zweifel eine lernende Perspektive. Zuschreibungen und dominante Selbstverst\u00e4ndlichkeiten k\u00f6nnen erst aufbrechen, wenn die Identit\u00e4t und das Handeln anderer zu einem Bezugspunkt werden.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\"><sup>v<\/sup><\/a> Die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Dominanzgesellschaft machen <span style=\"color: #000000;\"><i>neue<\/i><\/span> Selbstverst\u00e4ndlichkeiten unsichtbar, ganz unabh\u00e4ngig wie und ob diesen diskriminierend begegnet wird. Argwohn spiegelt vielmehr wider, wie offen oder verstellt der Horizont der Leute ist; Argwohn verhindert, nicht-bekannten Praxen neugierig zu begegnen.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"versorgungsarbeit-zwischen-notwendigkeit-und-hobby\">Versor&shy;gungs&shy;a&shy;r&shy;beit zwischen Notwen&shy;dig&shy;keit und Hobby<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Beim <i>f<\/i><i>oodsharing<\/i> organisieren sich Armutsbetroffene eine kosteng\u00fcnstige Versorgung und entwickeln Strategien, mit Armut, Diskriminierung und Argwohn umzugehen. Daf\u00fcr gibt es auch andere M\u00f6glichkeiten, etwa Online-Plattformen f\u00fcr Kleidertausch, die Retro-Kleidung anbieten und sich selbst damit ein nachhaltiges Unternehmensimage geben.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\"><sup>vi<\/sup><\/a> Die Nutzer*innen kaufen hier ein, auch weil das Geld knapp war\/ist:<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tamara<\/u>: Aber ich muss sagen dieser Nachhaltigkeitsgedanke kam bei mir sp\u00e4ter ich hab mir damals wirklich die App runtergeladen, weil ich Geld gebraucht hab<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Mira<\/u>: ja ich auch<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tamara<\/u>: ist einfach so.<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Oliver<\/u>: mh<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tamara<\/u>: Und mittlerweile muss ich\u2019s nicht mehr aber ich \u00e4hm hab da echt Spa\u00df dran<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Mira<\/u>: hm hm\/ (bejahend)<\/p>\n<p class=\"v-zitat-western\"><u>Tamara<\/u>: das ist so wie n Hobby<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Tamara erz\u00e4hlt ohne Umschweife, dass sie sich die App aus finanziellen N\u00f6ten heraus heruntergeladen hat; auch an anderen Stellen im Verlauf des Gespr\u00e4chs erfahren wir, dass sowohl sehr fr\u00fche Arbeitszeiten und auch der Wohnort die M\u00f6glichkeiten eines <i>normalen <\/i>Konsums f\u00fcr sie erschweren. Das Einkaufen auf der Plattform wird f\u00fcr Tamara entsprechend zu einer Alternative; es ist eben \u201eeinfach so\u201c, dass sie das Geld \u201egebraucht\u201c hat. Wir wissen nicht, ob sie die Erfahrung gemacht hat, dass sie sich daf\u00fcr sch\u00e4men muss oder ob ihr nicht geglaubt wird. Deutlich wird durch die Wiederholung und die Betonung des \u201eeinfach so\u201c, dass sie ihre Praxis verteidigt bzw. diese Tatsache unterstreichen will. Als Armutsbetroffene hat sie eine Strategie entwickelt, mit der finanziellen Not umzugehen und trotzdem Kleidung (aber auch Parfum, Accessoires o.\u00e4.) zu erwerben. Noch eindr\u00fccklicher ist diese Sequenz, weil sich die drei Personen, Tamara, Mira und Oliver, nicht kennen. Sie treffen sich in der Gruppendiskussion das erste Mal, k\u00f6nnen jedoch sofort offen auf gemeinsame Erfahrungen zur\u00fcckgreifen. Das Teilen schafft Solidarit\u00e4t. Die beiden Frauen lassen eine spontane Beziehung erahnen, indem sie auf ihre Erfahrungen verweisen. Ihre Beziehung besteht aus einer Zustimmung, sie st\u00e4rken sich den R\u00fccken bei der \u00c4u\u00dferung, auf der Plattform aus finanziellen Gr\u00fcnden einzukaufen. Oliver hingegen, der im Verlauf der Diskussion das Gespr\u00e4ch dominiert, kann oder will hier nichts beitragen. Wie auch in der vorherigen Sequenz mit den Foodsharer*innen wird deutlich, dass Armutsbetroffene sich befreien aus der Zuschreibung als unf\u00e4hige, arme oder abh\u00e4ngige Menschen. Die Befreiung beginnt dort, wo Menschen bekannter- oder unbekannterweise Gemeinschaft herstellen und gemeinsame Erfahrungen teilen.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote7sym\" name=\"sdendnote7anc\"><sup>vii<\/sup><\/a> Im weiteren Verlauf des Gespr\u00e4chs er\u00f6rtern Tamara und Mira, wie sie neue Tauschpartner*innen finden, wie sie mit Problemen umgehen. Sie nutzen das Gespr\u00e4ch, um sich auszutauschen und ihre Alltags-Praxis vorzustellen, nicht um den Forschenden zu gefallen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr Tamara entwickelt sich das Einkaufen auf der Plattform erst im Laufe der Zeit zu einem \u201eHobby\u201c, w\u00e4hrend es f\u00fcr die Dominanzgesellschaft von vornherein der Freizeit zuzuordnen ist: G\u00fcnstig shoppen und dabei nachhaltig sein, ist das Gef\u00fchl, das versprochen wird. F\u00fcr Tamara f\u00e4llt der auch Freude machende Konsum allerdings mit notwendiger Versorgungsarbeit zusammen.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"fazit-gegen-den-argwohn\">Fazit: Gegen den Argwohn<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Argwohn kann die Chance verbauen, etwas Anderes kennen zu lernen und als selbstverst\u00e4ndlich anzunehmen. Dies wird vor allem in der ersten Sequenz deutlich. Nat\u00fcrlich geht es nicht darum, einfach jede irritierende Praxis als etwas Neues und Positives zu bewerten. Aber ein zweifelndes, misstrauisches oder auch irritierendes Ablehnen, kurz ein Argwohn, kann den Blick auf Neues verstellen. Gerade weil Armutsbetroffene Strategien finden, Gemeinschaften bilden und teilen, scheint es ratsam, davon lernen zu wollen. Allerdings m\u00f6chten wir festhalten: Es ist eben nicht nur Argwohn, sondern in der Realit\u00e4t oftmals Diskriminierung, die Armutsbetroffene erleben. Angesichts der Unterschichtsdebatte w\u00e4ren eher diskriminierende Reaktionen zu erwarten, wie zum Beispiel \u201aSozialschmarotzer verteilen verfaultes Essen\u2018 oder \u201aGeht doch arbeiten, statt den ganzen Tag zu shoppen\u2018.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-1-western \" lang=\"zxx\"><span id=\"iii-anerkennung-der-alltagsbewaeltigung\"><a name=\"__RefHeading___Toc5783_643308903\"><\/a> III. Anerkennung der Alltags&shy;be&shy;w&auml;l&shy;ti&shy;gung<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Forschungsansatz, Alltagshandeln zu untersuchen, stellt heraus, dass sich Bew\u00e4ltigungsstrategien von Armutsbetroffenen weder verallgemeinern lassen, noch sich eine angebliche Kultur der Armut feststellen l\u00e4sst. Zugleich erm\u00f6glicht der Ansatz, strukturelle Diskriminierung sowie Armut nicht zu unterschlagen. Es geht nicht darum, Armut zu legitimieren oder zu belegen, dass Armutsbetroffene <i>gar nicht so bl\u00f6d sind<\/i>, sondern vielmehr darum, etwas verstehbar zu machen und damit auch den eigenen kritischen Horizont zu erweitern. Dorothy Smith (1998) argumentiert in ihren \u00dcberlegungen zur Alltagsperspektive, dass jede Forschung \u00fcber Frauen \u2013 wie hier jede Forschung \u00fcber Armutsbetroffene \u2013 nur schlechte Ergebnisse hervorbringen kann, wenn sie versucht zu klassifizieren oder mit den eigenen bekannten Begriffen zu beschreiben. Dies l\u00e4sst sich nur vermeiden, wenn Forschende ein Interesse am Alltag von Menschen haben, an Wissen und Erfahrungen, die sie selbst nicht haben k\u00f6nnen und diese lesbar machen wollen f\u00fcr sich und f\u00fcr andere.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"nicht-verstehen-wollen-und-argwohn\">Nicht-&shy;Ver&shy;stehen wollen und Argwohn<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ein solcher Alltagsblick wird verhindert, wenn Strategien und Praxen unsichtbar gemacht werden<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote8sym\" name=\"sdendnote8anc\"><sup>viii<\/sup><\/a> oder wenn Argwohn den Blick verstellt. Die Soziologin Ellen Bareis (2020) arbeitet das Unsichtbar-Machen und Nichtverstehen-Wollen von allt\u00e4glichen Strategien heraus \u2013 was wir um den Begriff des Argwohns erweitern wollten. Bareis formuliert in Anlehnung an Nancy Fraser, dass Gesellschaft verstanden werden kann als \u201eRaum, in dem die Konflikte\u201c ausgetragen werden. Sie macht deutlich, dass kritische Untersuchungen das Handeln als solches erkennen und \u00fcberdies als Konfliktbearbeitung analysieren m\u00fcssen. Leute, die sich beispielsweise das Recht nehmen \u201etrotz Gentrifizierung in der Mitte des Quartiers zu bleiben, das Recht, wenn n\u00f6tig, Grenzen zu \u00fcberschreiten, aus dem l\u00e4ndlichen Raum in die Metropole zu gehen oder in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent, trotz fehlender sozialer Rechte eine Gesundheitsversorgung oder eine Schulbildung f\u00fcr die Kinder zu organisieren\u201c (Bareis 2020, 35) sind Beispiele f\u00fcr ein solches Handeln; ein Handeln, das sowohl eine eigensinnige Strategie im Umgang mit der eigenen Armut verdeutlicht als auch konflikthaft ist. Im Ergebnis entstehen neue Formen von Gemeinschaft, Ans\u00e4tze der Selbstorganisation oder des solidarischen Miteinander Teilens.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es geht nicht darum, mit dieser Perspektive Armut eine (neue) Legitimit\u00e4t zu verleihen (vgl. Hezel 2021, 263). Eine Einordnung in die Verh\u00e4ltnisse bleibt unabdingbar, um die Funktion der Armutsbetroffenen als Klassen im System in Kritik und Praxis nicht aus dem Blick zu verlieren.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"gegen-einen-naiven-fortschrittsglauben-an-diskriminierungsintervention\">Gegen einen naiven Forts&shy;chritts&shy;glauben an Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungs&shy;in&shy;ter&shy;ven&shy;tion<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">F\u00fcr die Entwicklung konkreter Interventionen hei\u00dft das: Nicht jede strukturelle Diskriminierung wurde nur \u201anoch\u2018 nicht behoben, manche folgen schlicht einer politischen Agenda. An dieser Stelle ist der Verweis auf die Einf\u00fchrung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) interessant. Die Publizistin Heike Weinbach macht darauf aufmerksam, dass das deutsche Antidiskriminierungsgesetz mit dreij\u00e4hriger Versp\u00e4tung 2006 und erst nach Androhung einer hohen Geldstrafe durch den Europ\u00e4ischen Gerichtshof verabschiedet wurde. Kurz vor der Verabschiedung wurde das von der EU geforderte Gesetz zudem in Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz umbenannt (vgl. Weinbach 2006, 29). Man k\u00f6nnte fast meinen, dass sich damit der Behauptung erwehrt werden sollte, in Deutschland k\u00f6nne es Diskriminierung geben. Hier wird kategorisch der Blick auf diskriminierende Strukturen verstellt. Gesetze k\u00f6nnen wichtige Stellschrauben in der antidiskriminierenden Intervention darstellen. Gleichzeitig darf, unter Ber\u00fccksichtigung der oben aufgezeigten doppelten Herrschaftskritik, die Hoffnung nicht allein auf ihnen ruhen. In Kenntnis des politischen und dominanzgesellschaftlichen Interesses m\u00fcssen Interventionen entsprechend reflexiv gedacht werden.<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><strong class=\"western\">Hannah-Maria Eberle<\/strong> M.A., promoviert zu gesellschaftlicher Wohlfahrtsproduktion an der Universita\u0308t Wuppertal, lehrt derzeit an der FH f\u00fcr Soziale Arbeit Wien, und besch\u00e4ftigt sich mit Ausschlie\u00dfungsprozessen von Armutsbetroffenen und freiwilligem Engagement in Projekten an der Grenze zur Sozialen Arbeit. Zuletzt erschien gemeinsam mit Jana Kavermann und Philipp Sch\u00e4fer der Text \u201eVom h\u00f6lzernen Weg zur obersten Sprosse &#8211; Zu den Parallelen der Aufstiegslogik in Sozialer Arbeit und Klassismusdebatte\u201c im forum 4\/2021, herausgegeben von BdWi sowie \u201eKapitalistische Strukturlogiken in der neuen Mitleids\u00f6konomie\u201c, in femina politica 1-2022. Kontakt: hannah-maria.eberle@uni-wuppertal.de.<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><strong class=\"western\">Jana Kavermann M.A., <\/strong>Dipl.-Soz.Pa\u0308d.\/Soz.Arb. promoviert zum Fachdiskurs um Klasse in der Sozialen Arbeit an der Universita\u0308t Wuppertal. Neben Fragen zu einer klassenanalytischen, reflexiven Sozialen Arbeit, setzt sie sich derzeit mit Wissensorganisation in transitiven Strukturen auseinander und interessiert sich dabei insbesondere f\u00fcr umk\u00e4mpfte organisationale R\u00e4ume. Zuletzt erschien gemeinsam mit Hannah-Maria Eberle und Philipp Sch\u00e4fer der Text \u201eVom h\u00f6lzernen Weg zur obersten Sprosse &#8211; Zu den Parallelen der Aufstiegslogik in Sozialer Arbeit und Klassismusdebatte\u201c im forum 4\/2021, herausgegeben von BdWi.<br \/>\nKontakt: jana.kavermann@uni-wuppertal.de.<\/p>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\">Literatur<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Anhorn, Roland\/Stehr, Johannes (Hrsg.) (2021): Handbuch Soziale Ausschlie\u00dfung und Soziale Arbeit, Perspektiven kritische Sozialer Arbeit. Wiesbaden: Springer VS.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Aumair, Betina\/ Thei\u00dfl, Brigitte (2020): Klassenreise: wie die soziale Herkunft unser Leben pr\u00e4gt, Zweite unver\u00e4nderte Auflage. ed. \u00d6GB Verlag, Wien.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Bareis, Ellen (2020): Soziale Ausschlie\u00dfung und die Grenzen der repr\u00e4sentativen Demokratie. Die Perspektive from below. In: Die Armutskonferenz (Hrsg.): Stimmen gegen Armut: Weil soziale Ungleichheit und Ausgrenzung die Demokratie gef\u00e4hrden. Norderstedt: BoD \u2013 Books on Demand,S. 27\u201328.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Brodesser, Daniela (2021): Armut ist keine soziale H\u00e4ngematte. In: Anschl\u00e4ge <a href=\"https:\/\/anschlaege.at\/armut-ist-keine-soziale-haengematte\/\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/anschlaege.at\/armut-ist-keine-soziale-haengematte\/<\/a><\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Cremer-Sch\u00e4fer, Helga (2008): Situationen sozialer Ausschlie\u00dfung und ihre Bew\u00e4ltigung durch die Subjekte. In: Anhorn, Roland, Bettinger, Frank, Stehr, Johannes (Hrsg.): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, S. 161\u2013178.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Foucault, Michel (2011): Die Regierung des Selbst und der anderen. I. Vorlesungen am Coll\u00e8ge de France 1982\/83. Berlin: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Hertel, Florian (2020): Rezension zu \u201eBestrafen der Armen\u201c von Lo\u00efc Wacquant,: <a href=\"https:\/\/www.pedocs.de\/volltexte\/2020\/18653\/pdf\/EWR_2010_3_Hertel_Rezension_Loic_J_D_Bestrafen_der_Armen.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.pedocs.de\/volltexte\/2020\/18653\/pdf\/EWR_2010_3_Hertel_Rezension_Loic_J_D_Bestrafen_der_Armen.pdf<\/a><\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Hezel, Lena (2021): Ist Armut Diskriminierung? \u2013 ein Diskussionsbeitrag fu\u0308r die Soziale Arbeit. In: Bauer\/Kechaja\/Engelmann\/Haug (Hrsg.): Diskriminierung und Antidiskriminierung: Beitra\u0308ge aus Wissenschaft und Praxis, transcript Verlag.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Kavermann, Jana, Hannah-Maria Eberle und Philipp Sch\u00e4fer (2021): Vom h\u00f6lzernen Weg zur obersten Sprosse. Zu den Parallelen der Aufstiegslogik in Sozialer Arbeit und Klassismusdebatte. In: Forum Wissenschaft 4 &#8211; Themenschwerpunkt \u00bbKlassismus\u00ab.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Kessl, Fabian (2005): Das wahre Elend? Zur Rede von der &#8222;neuen Unterschicht&#8220;. In: Widerspr\u00fcche 98, S. 29\u201342.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Klein, Alex, Sandra Landh\u00e4u\u00dfer und Holger Ziegler (2005): The Salient Injuries of Class: Zur Kritik der Kulturalisierung struktureller Ungleichheiten. In: Widerspr\u00fcche 98, S. 45\u201374.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Mayr, Anna (2020): Die Elenden. M\u00fcnchen: Hanser-LiteraturVerlage<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Nuss, Sabine (2019): Keine Enteignung ist auch keine L\u00f6sung. Berlin: Dietz Verlag.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Piven, Frances Fox \/ Cloward, Richard (1977): Aufstand der Armen, 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Rein, Harald (2013): Drei\u00dfig Jahre Erwerbslosenproteste. Neu-Ulm: AG SPAK<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Rein, Harald (2017): Wenn arme Leute sich nicht mehr f\u00fcgen..! Neu-Ulm: AG Spak.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Rommelspacher, Birgit (2002): Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft, Frankfurt\/M., New York: Campus Verlag.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Schaarschuch, Andreas (1995): Spaltung der Gesellschaft und soziale B\u00fcrgerrechte. In: Widerspr\u00fcche 54, S. 47\u201359.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Scherr, Albert (2010): Diskriminierung und soziale Ungleichheiten. In: Hormel, U., Scherr, A. (eds) Diskriminierung. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Smith, Dorothy (1998): Der aktive Text. eine Soziologie f\u00fcr Frauen. Hamburg: Argument Verlag<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Steinke, Ronen (2022): Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Die neue Klassenjustiz. Berlin: Berlin Verlag.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Wacquant, Lo\u00efc (2009): Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Weinbach, Heike (2006): Social Justice statt Kultur der K\u00e4lte. Alternativen zur Diskriminierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/Manuskripte\/Manuskripte_63.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/Manuskripte\/Manuskripte_63.pdf<\/a><\/p>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\">Anmerkungen<\/p>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i<\/a>In Anlehnung an Albert Scherr (2010), der auf die Aufspaltung zwischen Diskriminierung und Ungleichheiten und deren sozialhistorische Bedingtheit aufmerksam macht. <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii<\/a>In \u00e4hnlicher Weise argumentiert Lena Hezel (2021) in ihrem Beitrag \u201eIst Armut Diskriminierung?\u201c, den wir w\u00e4rmstens empfehlen wollen.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii<\/a>Ausf\u00fchrlicher formulieren wir das Argument in unserem Beitrag \u201eVom h\u00f6lzernen Weg zur obersten Sprosse. Zu den Parallelen der Aufstiegslogik in Sozialer Arbeit und Klassismusdebatte\u201c im Themen-Heft Klassismus des Forum Wissenschaft, 2021, gemeinsam mit dem Kollegen Philipp Sch\u00e4fer. <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv<\/a>Im Rahmen ihres Dissertationsprojekts \u201eGesellschaftliche Wohlfahrtsproduktion\u201c f\u00fchrte Hannah Eberle 2021 f\u00fcnf Gruppendiskussionen mit Versorgungsangeboten und -projekten durch, u.a. mit einer Suppenk\u00fcche, einer foodsharing-Initiative und mit Nutzer*innen von Secondhand-Online-Plattformen. Die Dissertation beinhaltet eine Analyse der kapitalistischen Strukturlogiken in den Angeboten\/Projekten und befasst sich mit dem Potenzial einer anti-etatistischen, gesellschaftlichen Perspektive auf Wohlfahrt.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote5\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote5anc\" name=\"sdendnote5sym\">v<\/a>Dass Identit\u00e4t und Handeln anderer ein Bezugspunkt werden sollte, formulieren Manuela Hofer und Marc Dieb\u00e4cker (2022) ganz \u00e4hnlich. <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote6\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote6anc\" name=\"sdendnote6sym\">vi<\/a>Vgl. u.a. der gr\u00f6\u00dfte Online Second-Hand Anbieter \u201avinted\u2018: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"https:\/\/www.vinted.de\/about.\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.vinted.de\/about.<\/a> <\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote7\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote7anc\" name=\"sdendnote7sym\">vii<\/a>Edward P. Thompson (1963) hat bei seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen zur \u201ethe making of the english working class\u201c darauf hingewiesen, wie unabdingbar das Teilen von Erfahrungen ist, um eine widerstandsf\u00e4hige und klassenk\u00e4mpferische Perspektive zu entwickeln. Neuere Forschungen zu u.a. Black Lives Matter unterstreichen diese Notwendigkeit. <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote8\">\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote8anc\" name=\"sdendnote8sym\">viii<\/a>Harald Rein stellt die These auf, dass es auch eine \u201eAngst vor der Selbstorganisation armer Menschen\u201c gibt (Rein 2017: 54), da ihre Kritik auch immer an die grunds\u00e4tzliche Kritik von Lohnarbeit, von Ausbeutung und einer bestimmten normalen Lebensweise erinnern kann.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,5,18,47,7],"tags":[3062,815,3031,3063,3061,3045,3065,667,3064],"autoren":[3060],"publikationen":[3030],"class_list":["post-18521","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-bildung","category-hartz-iv","category-lebensweisen-pluralismus","category-sozialpolitik","tag-anerkennung","tag-armut","tag-diskriminierung","tag-hartz-iv","tag-herrschaftskritik","tag-soziale-ungleichheit","tag-sozialpolitik","tag-vorgaenge-artikel","tag-wohlfahrtsstaat","autoren-hannah-maria-eberle-und-jana-kavermann","publikationen-237-238-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Vom Argwohn gegen \u201adie Armen\u2018: Pl\u00e4doyer gegen falsche Kausalit\u00e4ten von Diskriminierung und Armut und f\u00fcr einen neugierigen Blick auf Strategien der allt\u00e4glichen Armutsbew\u00e4ltigung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/vom-argwohn-gegen-die-armen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Vom Argwohn gegen \u201adie Armen\u2018: Pl\u00e4doyer gegen falsche Kausalit\u00e4ten von Diskriminierung und Armut und f\u00fcr einen neugierigen Blick auf Strategien der allt\u00e4glichen Armutsbew\u00e4ltigung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Inwiefern soziale Herkunft und Armut eigenst\u00e4ndige Dimensionen der Diskriminierung darstellen, wird seit einigen Jahren verst\u00e4rkt in den Sozialwissenschaften diskutiert. 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