{"id":18523,"date":"2023-04-25T12:03:20","date_gmt":"2023-04-25T10:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18523"},"modified":"2025-02-26T12:01:04","modified_gmt":"2025-02-26T11:01:04","slug":"verdraengte-wahrheiten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/verdraengte-wahrheiten\/","title":{"rendered":"Verdr\u00e4ngte Wahrheiten"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Ungeachtet aller nationalen wie internationalen Rechtsanspr\u00fcche auf eine gleichberechtigte Teilhabe am \u00f6ffentlichen Leben, zu Nicht-Diskriminierung und Inklusion, ist die Lebenssituation Behinderter in weiten Teilen nach wie vor prek\u00e4r. Wie es um die reale Wahrnehmung, die Akzeptanz und Teilhabe von behinderten Menschen hierzulande bestellt ist, skizziert der folgende Beitrag von Udo Sierck, einem f\u00fchrenden Vertreter der emanzipatorischen Behindertenbewegung Deutschlands.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Im Jahr 2009 hat Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert. Festgeschrieben ist damit die uneingeschr\u00e4nkte Teilhabe behinderter Menschen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Seither ist viel von Inklusion die Rede. Manche sehen f\u00fcr behinderte Menschen schon das Paradies zum Greifen nahe. Dabei ist es viel mehr so: Die jahrelangen Bem\u00fchungen um Integration sind gescheitert, deshalb kommt das Versuchsfeld mit dem Ansatz der Inklusion wie gerufen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ohne Zweifel ist es ein Fortschritt, dass die Forderung behinderter Menschen auf Teilhabe zum Menschenrecht erhoben wurde. Aber die &#8218;Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte&#8216; hat immerhin seit 1948 Geltung. Entweder \u2013 so w\u00e4re daraus zu folgern &#8211; ist diese Erkl\u00e4rung f\u00fcr behinderte Menschen bedeutungslos, so dass eine Sonderkonvention her musste. Oder aber das verbreitete Bewusstsein hat Personen mit Behinderung bis heute nicht als vollwertige und gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert. Vieles spricht f\u00fcr diese Behauptung. Zur Ver\u00e4nderung von Bewusstseinslagen sind Konventionen und Gesetze wenig geeignet. Sie sind hilfreiches Instrument f\u00fcr juristische oder parlamentarische Auseinandersetzungen. Der Alltag verlangt mehr.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In den letzten vier Jahrzehnten kam in die deutsche Behindertenpolitik Bewegung. Die Rede ist von Rechten statt F\u00fcrsorge, von Inklusion statt Aussonderung, von Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung. Bei genauem Hinsehen erweisen sich aber die angeblichen Ver\u00e4nderungen als nicht stichhaltig, verschwindet die reale Situation hinter verbaler Verharmlosung: Pl\u00f6tzlich handelt es sich nicht mehr um eine Heimeinweisung, sondern um das Wohnen im station\u00e4ren Bereich. Die Kr\u00fccke verwandelt sich in eine Gehhilfe. Aus dem Menschen mit einer geistigen Behinderung wird die Person mit besonderen F\u00e4higkeiten. Der Geh\u00f6rlose mutiert zum Experten f\u00fcr Geb\u00e4rdensprache. Die Rollstuhlfahrerin entpuppt sich als Frau mit eigenen Mobilit\u00e4tsvoraussetzungen. Komplizierte Pers\u00f6nlichkeiten haben spezielle Verhaltensqualit\u00e4ten &#8230; Wem n\u00fctzt die politisch korrekte Sch\u00f6nrederei? Die Treppen bleiben ein Hindernis, un\u00fcbliche Kommunikation ist noch immer ein Grund zur Kontaktvermeidung und die Unterbringung in Institutionen bedeutet in der Regel nach wie vor, einen fremdbestimmten Alltag leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"macht-und-gewalt\">Macht und Gewalt<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Es hat mehr als drei\u00dfig Jahre gedauert, bis die umfassende Aufarbeitung der Verbrechen an behinderten und kranken Menschen w\u00e4hrend des nationalsozialistischen Regimes begann und zumindest in interessierten Kreisen zur Kenntnis genommen wurde. Die Dokumentation von Erniedrigung und entw\u00fcrdigenden Zust\u00e4nden in Institutionen der F\u00fcrsorge von 1945 bis 1975 hat wiederum Jahrzehnte gebraucht und begann erst vor wenigen Jahren. So begr\u00fc\u00dfenswert diese Initiativen sind, sie intendieren einen Schlussstrich-Charakter, als seien sp\u00e4testens mit der Ratifizierung der internationalen Behindertenrechtskonvention Menschenrechtsverletzungen ein Relikt der Vergangenheit. Allerdings hat der UN-Ausschuss, der die Umsetzung dieser Konvention pr\u00fcft, Deutschland im Jahr 2016 wegen mangelnder Ma\u00dfnahmen zum Schutz behinderter Menschen vor Gewalt ger\u00fcgt. Diese Kritik ist ein Hinweis auf tabuisierte, verdr\u00e4ngte Realit\u00e4ten in der Behindertenhilfe.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die gesch\u00e4ftsf\u00fchrende \u00c4rztin der Landes\u00e4rztekammer Nordrhein, Susanne Schwalen, betonte anl\u00e4sslich eines Symposiums zur h\u00e4uslichen Gewalt, dass behinderte Kinder besonders gef\u00e4hrdet sind: \u201e<i>Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Gewalt erleben, ist f\u00fcr Kinder mit Behinderungen fast viermal so hoch wie f\u00fcr nicht behinderte Kinder. Die in der Betreuung involvierten Berufsgruppen m\u00fcssen hier besonders sensibilisiert werden<\/i>\u201c (\u00c4rztekammer 2018, 1). Als Grund f\u00fcr die Misshandlungen wird ein erh\u00f6hter Stresspegel der Eltern vermutet und der Umstand, dass behinderte Kinder weniger Chancen besitzen, sich au\u00dferfamili\u00e4r zu beschweren. Dieses Dilemma trifft auch Menschen mit Einschr\u00e4nkungen im Alter.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Besch\u00e4ftigung mit dem Machtmissbrauch in Institutionen der Behindertenhilfe kommt nicht um die Erkenntnis herum, dass es sich bei \u201e<i>der Aus\u00fcbung und Nichtwahrnehmung oder Vertuschung psychischer, k\u00f6rperlicher oder sexueller Gewalt<\/i>\u201c in Schule, Werkstatt oder Wohneinrichtung keineswegs \u201e<i>um bedauerliche und rein individuell zu erkl\u00e4rende Einzelf\u00e4lle handelt<\/i>\u201c. Die Erkl\u00e4rung findet sich neben gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen eben auch in den p\u00e4dagogischen Machtanspr\u00fcchen. In den Einrichtungen existiert eine \u201e<i>legitimierte p\u00e4dagogische Autorit\u00e4tsmacht<\/i>\u201c, die von den behinderten Menschen \u201e<i>in der Regel auch fraglos als legitim anerkannt wird<\/i>\u201c. Hinzu kommt, dass die Mitarbeitenden nicht nur als Repr\u00e4sentanten der Institution \u00fcber Macht verf\u00fcgen, \u201e<i>sondern auch in ihrer Rolle als professionelle Fachkr\u00e4fte ein Zugriffs- bzw. Eingriffsprivileg auf sehr pers\u00f6nliche Bereiche<\/i>\u201c von behinderten Kindern und Erwachsenen besitzen, das teilweise alle Lebensbereiche umfasst (Glammeier 2018, 13f.). F\u00fcr jene, die als Erwachsene in Werkstatt oder Heim landen, ist es \u00fcblicherweise nicht vorgesehen, dass sie die Einrichtung in Richtung Selbstbestimmung wieder verlassen. Das kennzeichnet den Unterschied zu den Institutionen Krankenhaus oder Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen sind h\u00e4ufig auf Hilfe und Pflege angewiesen. Die t\u00e4gliche Erfahrung, dass andere ihren K\u00f6rper versorgen und ber\u00fchren, macht es schwer, ein eigenes K\u00f6rper-und Schamgef\u00fchl zu entwickeln. Dieser Mangel macht sie angreifbar: Was ist notwendige Assistenz und was ist ein sexueller \u00dcbergriff \u2013 diese Einsch\u00e4tzung haben manche nicht erlernt. Und selbst wer sich bei den Ber\u00fchrungen des eigenen K\u00f6rpers durch fremde H\u00e4nde sch\u00e4mt, nimmt sie passiv als Alltagserfahrung hin. T\u00e4ter und T\u00e4terinnen nutzen diese Situation aus.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Repr\u00e4sentative Untersuchungen zu sexueller Gewalt gegen M\u00e4dchen und Frauen mit Beeintr\u00e4chtigungen und Behinderungen (15- bis 65-J\u00e4hrige) weisen darauf hin, dass diese zwei- bis dreimal h\u00e4ufiger sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend ausgesetzt sind als der weibliche Bev\u00f6lkerungsdurchschnitt (Kampagne 2018, o.S.). Die Studie der Universit\u00e4t Bielefeld zur Lebenssituation von behinderten Frauen kam zu dem Ergebnis, dass in Heimen fast ein Drittel der dort wohnenden Frauen von sexuellen \u00dcbergriffen betroffen waren. Jede vierte Frau mit einer sogenannten geistigen Behinderung in Einrichtungen gab an, sexuellen Missbrauch erlebt zu haben. Die Verfasserinnen der Studie gehen davon aus, dass \u201e<i>hier ein erhebliches Dunkelfeld besteht, da viele dieser Frauen sich nicht erinnern konnten<\/i>\u201c und weil \u201e<i>gerade Frauen mit sehr schweren geistigen Behinderungen und stark eingeschr\u00e4nkter Artikulationsf\u00e4higkeit<\/i>\u201c in \u201e<i>besonderem Ma\u00dfe gef\u00e4hrdet sind<\/i>\u201c (Lebenssituation 2012, 2).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Selbstverst\u00e4ndlich ist die fremdbestimmte Unterbringung in einer Wohneinrichtung eine Variante subtiler Gewaltaus\u00fcbung; auch dann, wenn sie mit noblen Vors\u00e4tzen erfolgt. Denn w\u00e4hrend sich kaum jemand vorstellen mag, in eine Wohngruppe ziehen zu m\u00fcssen, deren Mitglieder eher als unangenehme Zeitgenossen empfunden werden, gilt dieser verordnete Akt bei behinderten Menschen bereits als inklusives Modell. Und wenn engagierte Sozialarbeiter mit behinderten Bewohnern in die d\u00f6rfliche Idylle ziehen und das Projekt scheitert, weil die Klienten keine Lust auf Natur inklusive Stall-Ausmisten haben, dann ist das nur ein Musterbeispiel f\u00fcr fremdbestimmtes Handeln mit gutem Gewissen, gepaart mit der Verfolgung eigener W\u00fcnsche und Ideale. Eine Heimbewohnerin formuliert in der Corona-Krise die Kombination aus F\u00fcrsorge, Machtaus\u00fcbung und subtiler Gewalt treffend: Das Schlimmste \u201e<i>ist nicht die Einsamkeit. Es ist nicht das Verbot, mit dem Rollstuhl in den Garten zu fahren, wo die Fr\u00fchlingssonne scheint. Es ist nicht die Stille und nicht die Menschenleere auf den Fluren und schon gar nicht die Angst vor dieser vermaledeiten Seuche. Es ist die Tatsache, dass niemand sie gefragt hat<\/i>\u201c (Grimm 2020, 2).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Wegblicken an dieser Stelle hat zur Folge, dass vielfach nicht einmal die Grunds\u00e4tze der Menschenrechte garantiert werden: Jeder f\u00fcnfte Heimbewohner erlebt ohne rechtliche Grundlage Beschr\u00e4nkungen seiner Freiheit durch verschlossene T\u00fcren, Bettgitter oder Fixierungen. Und immerhin zwanzig Prozent der Insassen bekommen ungen\u00fcgend zu essen und zu trinken, weil sie dabei auf Assistenz angewiesen sind (Szent-Ivanyi 2012). Grunds\u00e4tzlich hat sich an diesen Fakten bis heute wenig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Tatsache ist aber auch, dass die aktuelle Struktur der Behindertenhilfe mit dem Ideal der Inklusion nicht kompatibel ist. Denn die \u201e<i>gewachsenen und differenzierten Systeme der sozialen Sicherung sind von ihrer Anlage her nicht auf Inklusion, sondern auf immer wieder neu zu pr\u00fcfende Bescheide und Exklusionen ausgerichtet. Klassifikation, Segregation, Gew\u00e4hrung oder (m\u00f6glichst) Ausschluss von Leistungen sind die grundlegenden Prinzipien, die Verweisung an die Zust\u00e4ndigkeit anderer Leistungstr\u00e4ger ihre allt\u00e4gliche Praxis, nur schwer zu durchschauende Grade von \u201aSchwerbehinderung&#8216; ihre Ausdrucksform<\/i>\u201c (Clausen 2013, o.S.). Behinderte Kinder, Frauen und M\u00e4nner werden b\u00fcrokratisch exkludiert. Die Macht liegt bei den Institutionen \u2013 und jenen, die dort arbeiten. Der Blick auf Behinderung als individuelles Schicksal ist gekoppelt mit der Unterstellung oder der Realit\u00e4t der Abh\u00e4ngigkeit von versorgenden Leistungen. Um diese zu erlangen, muss sich die Person mit einer Beeintr\u00e4chtigung unterordnen. Das Versorgungssystem entfaltet dabei die Funktion der Kontrolle und Disziplinierung, die bestehenden Ohnmachtsverh\u00e4ltnisse bleiben bestehen (vgl. Waldschmidt 2009, 131).<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"der-klinische-blick-auf-behinderung\">Der klinische Blick auf Behinderung<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Es gibt keinen Blick ohne Aussage. Distanzlose Blicke werden auch als sanfte Gewalt bezeichnet, um zu verdeutlichen, dass es sich hier nicht um k\u00f6rperliche Attacken oder Drangsalierungen handelt, gleichwohl aber um Blicke, die herabw\u00fcrdigen und besch\u00e4men. Alle, die einen Behindertenausweis oder Pflegegeld bei der Krankenkasse beantragen, kennen die unausweichliche Situation: Amtsarzt oder Gutachter vom Medizinischen Dienst schauen zu, welche F\u00e4higkeiten in den Beobachteten noch stecken. Bei der Demonstration, was nicht geht oder doch funktioniert, betrachtet zu werden, ist peinlich und verletzend. Wer sich dem verweigert, gilt formal b\u00fcrokratisch als Mensch ohne Einschr\u00e4nkung und bekommt ohne den \u201aBehindertenstatus\u2018 keine sozialen Leistungen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Blicke sind Machtmittel, \u201e<i>die Rahmen und R\u00e4ume brauchen, Strukturen, in denen sie sich entfalten k\u00f6nnen. Dem erkennenden Blick des Arztes bietet die \u201aKlinik\u2018 den passenden Rahmen: Sie versammelt das \u201aPatientengut\u2018, trennt es vom Alltag ab, schafft isolierende Bedingungen und stellt so das Labor bereit, in dem der mikroskopische Blick seine volle Wirksamkeit entfalten kann. Wissensanh\u00e4ufung, Erkenntnisgewinn ist allerdings nur ein Aspekt von Sichtbarkeit, gleichzeitig geht es immer auch um eine zweite Dimension, um die \u00dcberwachung: Der Blick, der wissen und erkennen will, verb\u00fcndet sich mit dem Blick, der kontrollieren und disziplinieren will.<\/i>\u201c Der K\u00f6rper wird dann zu einem relevanten Objekt, wenn der \u201aklinische Blick\u2018 \u201e<i>ins Spiel kommt. Ausgehend von bestimmten Erkenntnisinteressen wird er abtaxiert, abgetastet, durchleuchtet, gepr\u00fcft und vermessen, kurz: er wird zur Zielscheibe disziplin\u00e4rer, kontrollierender und regulierender Machtpraktiken<\/i>\u201c (Waldschmidt 2006, 7).<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"menschenbilder-und-denkmuster\">Menschen&shy;bilder und Denkmuster<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Nach einer von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall unterst\u00fctzten Studie finden nur 47 Prozent der befragten Deutschen, dass die Freiheitsrechte gleicherma\u00dfen f\u00fcr alle gesellschaftlichen Gruppen G\u00fcltigkeit besitzen sollen. Die eigenen \u201e<i>Freiheitsrechte werden gerne beansprucht, bei den Rechten von Menschen, die man als Angeh\u00f6rige einer anderen Gruppe wahrnimmt, h\u00f6rt die Akzeptanz dieser Freiheit<\/i>\u201c aber auf (Decker\/Br\u00e4hler 2018, 99f.). Die Untersuchung fand im Sommer 2018 statt. Sie fragte auch nach sozialdarwinistischen Einstellungen und Denkmustern. Demnach lehnten nur 45 Prozent der 2.500 repr\u00e4sentativ Befragten die Vorgabe \u201e<i>Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der St\u00e4rkere durchsetzen<\/i>\u201c v\u00f6llig ab, nur 61\u00a0Prozent fanden die Aussage \u201e<i>Es gibt wertvolles und unwertes Leben<\/i>\u201c grundlegend falsch (ebd., 73f.). Ausdruck dieser Denkstrukturen fand sich in einer kleinen Anfrage der AfD im Bundestag: Die Fraktion hatte im Fr\u00fchjahr 2018 von der Regierung wissen wollen, wie sich die Zahl der Schwerbehinderten in Deutschland entwickelt habe, und zwar speziell auch \u201e<i>durch Heirat innerhalb der Familie<\/i>\u201c, und wie viele dieser F\u00e4lle einen Migrationshintergrund h\u00e4tten. Die Bundesregierung antwortete, dass mehr als 94 Prozent der Schwerbehinderten Deutsche seien. Die Anfrage verkn\u00fcpfte Ressentiments gegen gefl\u00fcchtete sowie behinderte Menschen unausgesprochen mit der Ideologie von Inzucht, Vererbung und als selbstverschuldeter \u2013 also \u00fcberfl\u00fcssiger \u2013 Kostenfaktor. Die Assoziationen decken sich mit den Ergebnissen der Langzeitstudie \u201aDeutsche Zust\u00e4nde\u2018 der Universit\u00e4t Bielefeld. Nach dieser im Jahr 2012 publizierten Untersuchung stimmten fast ein Drittel der befragten Deutschen tendenziell der Aussage zu, dass die Gesellschaft sich Menschen, die wenig n\u00fctzlich sind, nicht mehr leisten kann. Gleichzeitig waren fast acht Prozent der \u00dcberzeugung, f\u00fcr \u201e<i>Behinderte wird in Deutschland zu viel Aufwand betrieben<\/i>\u201c und \u00fcber elf Prozent der Interviewten fanden viele Forderungen der Behinderten \u00fcberzogen (Heitmeyer 2012, 21ff.). Diese Zahlen waren mit dem Beginn der Inklusionsdebatte gestiegen. Ganz offensichtlich geht die Furcht vor dem eigenen sozialen Abstieg mit der Meinung einher, die \u201asozial Schwachen\u2019 sollten endlich ihr Leben selbst in die Hand nehmen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Den Negativtrend in der Wahrnehmung von Behinderung belegt auch eine repr\u00e4sentative Studie der Universit\u00e4t Greifswald, die im Fr\u00fchjahr 2014 vorgestellt wurde. Demnach nimmt \u2013 trotz aller Aufkl\u00e4rungskampagnen \u2013 die Stigmatisierung von Menschen mit einer Schizophrenie eher zu als ab. Die Forschenden hatten dazu Vergleichsstudien aus den letzten zwanzig Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: Weniger Mitleid, weniger Hilfsbereitschaft, daf\u00fcr der Wunsch nach sozialer Distanz. So lehnten es 1990 etwa 20 Prozent der Befragten ab, mit einem daran erkrankten Kollegen zusammen zu arbeiten; 2011 konnten sich das schon 31 Prozent nicht mehr vorstellen. Und im Freundeskreis sollte ein Erkrankter erst recht nicht auftauchen, \u00fcber die H\u00e4lfte der Befragten wollte das nicht (vor 20 Jahren lag die Ablehnungsquote noch bei 39 Prozent). Insgesamt hat sich die Haltung der Menschen gegen\u00fcber der Schizophrenie zum Negativen ge\u00e4ndert, immer mehr meiden Schizophrenie-Kranke.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Ursache f\u00fcr diese Entwicklung liegt einerseits in der Biologisierung psychischer Erkrankungen: Sie werden mehr und mehr wahrgenommen als undefinierbarer Hirndefekt, dem etwas Unheimliches anhaftet. Gleichzeitig geraten die Erkl\u00e4rungen, die gravierende Einschnitte in einer Lebensphase und Traumata f\u00fcr das Leiden verantwortlich sehen, in den Hintergrund. Andererseits \u201e<i>m\u00fcssen wir zugleich den gesamtgesellschaftlichen Rahmen bedenken. Nach einer Phase der Liberalisierung und wachsender Toleranz gegen\u00fcber andersartigen Menschen und abweichendem sozialen Verhalten in den 1970er Jahren kam es seit den 1980er Jahren zu einer Restauration und zu zunehmender Intoleranz, von manchen als \u201ageistig-moralische Wende\u2018 bezeichnet<\/i>\u201c (Finzen 2014, 46). Gro\u00dfe Aufkl\u00e4rungskampagnen bewirken offenbar wenig, solange das direkte Gegen\u00fcber fehlt. Wortf\u00fchrer der Intoleranz bekommen Oberwasser \u2013 sie sagen jetzt, was sie denken. So verk\u00fcndete der saarl\u00e4ndische AfD-Fraktionsvorsitzende, dass man in Krankenh\u00e4usern Patienten mit ansteckenden und mit nicht-ansteckenden Krankheiten in unterschiedliche Abteilungen stecke \u2013 aber \u201e<i>in deutschen Schulen s\u00e4\u00dfen Kinder mit Down-Syndrom<\/i>\u201c (Vates 2018).<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"behinderung-als-stoerung-der-ordnung\">Behinderung als St&ouml;rung der Ordnung<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Tats\u00e4chlich verweisen die behinderten Menschen auf eine andere Welt, \u201e<i>n\u00e4mlich auf all die unbewusst gemachten Dynamiken der Macht, die den Wert des Menschen in unserer Gesellschaft bestimmen. Sie verweisen auf die Tatsache, dass jeder Mensch andere Menschen braucht und dass keineswegs das Schicksal alleine vom eigenen Leistungswillen abh\u00e4ngt. Sie stellen den Mythos der Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstkontrolle in Frage. Indem die Gesellschaft jedoch die behinderten Menschen ausgrenzt und f\u00fcr ihr Anderssein bestraft, versucht sie ihre Normen zu verfestigen und zu best\u00e4tigen. Auf der individuellen Ebene werden dann in der Abwehr der Behinderten, im Unsichtbar machen oder Ungeschehen machen die eigenen \u00c4ngste und W\u00fcnsche abgewehrt. Man best\u00e4tigt sich selbst<\/i>\u201c (Rommelspacher 2011, 4).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Eine damit einhergehende Erkl\u00e4rung f\u00fcr abwertende Denkmuster benennt die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Magdlener: Behinderung \u201e<i>wird in unserer nach Norm strebenden Gesellschaft als Trag\u00f6die gefasst; die Trag\u00f6die der Behinderung, die nicht sein darf und die es durch medizinische, physiotherapeutische u.a. Ma\u00dfnahmen m\u00f6glichst zu \u00fcberwinden gilt. Diese Trag\u00f6die haftet dem Individuum als Makel an. Behinderung wird in unserem gesellschaftlichen Normensystem noch immer als nicht w\u00fcnschenswert angesehen, anstatt sie als vielf\u00e4ltige Variante menschlicher Lebensrealit\u00e4t, losgel\u00f6st von negativen Bewertungen, anzunehmen<\/i>\u201c (Magdlener 2018, o.S.).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Menschen werden in Rastern wahrgenommen: Frauen und M\u00e4nner, Schwarze und Wei\u00dfe, Behinderte und Nichtbehinderte, Normale und Unnormale. Das bedeutet, so Erving Goffman in seinem Buch \u201a<em>Stigma\u2018, <\/em><em>dass nicht Personen betrachtet werden<\/em>, sondern mit Denkmustern verbundene \u00c4u\u00dferlichkeiten. Der \u201e<i>Normale und der Stigmatisierte sind nicht Personen, sondern eher Perspektiven<\/i>\u201c (Goffman\u00a02014,170). Diese Beobachtung ist noch immer relevant. Denn trotz \u201e<i>aller Erfolge um Inklusion, Anerkennung und Partizipation, die zumindest in der westlichen Welt f\u00fcr einen Gro\u00dfteil behinderter Menschen in den letzten Jahren erzielt wurde, im Wesentlichen gilt immer noch: Behindert zu sein bedeutet, gleichsam auf der \u2018anderen\u2019 Seite verortet zu werden, einen Platz zu erhalten nicht im Reich der Vernunft, Kultur und Normalit\u00e4t, sondern in dem der Unvernunft, Natur und des Pathologischen.<\/i>\u201c Der Gegensatz \u201e<i>wird immer wieder hergestellt \u2013 allerdings immer wieder auf eine neue Weise<\/i>\u201c (Waldschmidt 2007, 26). In der Gesellschaft existiert unausgesprochen ein \u201e<i>Zwang zur Nicht-Behinderung<\/i>\u201c, den \u201e<i>alle Menschen (behindert oder nicht) zu erf\u00fcllen<\/i>\u201c haben. Er \u201e<i>kann nur existieren, weil es den Gegensatz von Behinderung und <\/i><em><i>Nicht-Behinderung <\/i><\/em><i>gibt. Erst dadurch, dass Menschen als behinderte Menschen bezeichnet werden, kann sich der Rest als nicht-behindert und \u201a<\/i><em><i>normal\u2018 <\/i><\/em><i>verstehen.<\/i>\u201c Dieser Effekt trifft viele Gruppen: Homosexuelle, Gefl\u00fcchtete oder Sinti und Roma. Alle \u00dcberlegungen zur \u201e<i>Integration des \u201aAnderen\u2018 gehen davon aus, dass all diese genannten Personengruppen \u201adie Anderen\u2018 sind und machen die Personen somit \u201azum Anderen\u2018. Damit einher geht es in besonderem Ma\u00dfe um Machtfragen und normative Ordnungsmuster, welche die gesellschaftliche Ordnung und ihre Ein- und Ausschl\u00fcsse<\/i>\u201c legitimieren (Magdlener 2018, o.S.).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Denn die Gegens\u00e4tze in der Bewertung von Menschen sind bekannt: Willk\u00fcrlich gesetzte Ma\u00dfst\u00e4be von Sch\u00f6nheit siegen \u00fcber H\u00e4sslichkeit, Jugend schl\u00e4gt Alter und intellektuelle F\u00e4higkeiten stehen \u00fcber Lernschwierigkeiten. Aus dieser Erkenntnis heraus folgt das Fazit, dass bei einer stillschweigenden gesellschaftlichen \u00dcbereinkunft f\u00fcr die angeblich berechtigte Dominanz der Kriterien diese zu Ausgrenzung f\u00fchren m\u00fcssen. Anders formuliert: Wenn die Inklusion gelingen soll, m\u00fcssen diese Vorstellungen nachhaltig korrigiert werden. Danach sieht es nicht aus. Im Gegenteil scheint die Zurichtung, die Versuche der Optimierung der K\u00f6rper grenzenlos.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"selektion-zum-familienglueck\">Selektion zum Famili&shy;en&shy;g&shy;l&uuml;ck<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Am 5. November 1976 erschien in der Tageszeitung \u201aDie Welt\u2019 unter der \u00dcberschrift \u201e<i>Genetische Beratungsstellen k\u00f6nnen Leid verhindern<\/i>\u201c ein Loblied auf die M\u00f6glichkeiten der Pr\u00e4nataldiagnostik. Das Fazit des Artikels fiel eindeutig aus: \u201e<i>Gar nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen w\u00e4re der soziale und menschliche Gewinn. Wenn durch geeignete genetische Beratung die Geburt eines einzigen mongoloiden Kindes verhindert werden kann, wird Ungl\u00fcck von einer Familie abgewendet.<\/i>\u201c (Deich 1976) Der Zeitungsartikel dokumentiert, dass es wieder an der Zeit war, die Selektion vom behinderten Nachwuchs \u00f6ffentlich als Wohltat zu deklarieren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die emanzipatorische Behindertenbewegung verlangte in der Auseinandersetzung mit den bedrohlichen Perspektiven der humangenetischen Praktiken in den 1980er Jahren die Schlie\u00dfung aller genetischen Beratungsstellen als eine moderne Variante der Selektion vom Nachwuchs mit bestimmten Besonderheiten. Eine der Begr\u00fcndungen: Zuk\u00fcnftig werden behinderte Menschen zus\u00e4tzlich das Stigma tragen, nicht rechtzeitig erkannt worden zu sein. Aus gegenw\u00e4rtiger Sicht ist die Prophezeiung wahr geworden, berichten doch immer h\u00e4ufiger M\u00fctter mit einem behinderten Kind von der irritierten Frage von Nachbarn oder Verwandten, ob \u201adas&#8216; denn heute noch sein muss. Die Humangenetiker dagegen k\u00f6nnen zufrieden sein und sich verbale Behindertenfreundlichkeit leisten. Denn die Perspektive aus dem Paradigmenwechsel gegen Ende der f\u00fcnfziger Jahre hat sich weitgehend erf\u00fcllt, die \u201aEugenik von unten\u2019 statt staatlicher Zwangsma\u00dfnahmen ist im Alltag angekommen: \u201e<i>Stell Dir vor, es ist Inklusion und niemand ist mehr da!<\/i>\u201c \u2013 dieser Satz ist mit Blick auf die \u201aEugenik von unten\u2019 so unsinnig nicht: Immerhin neun von zehn Frauen entscheiden sich inzwischen bei der Diagnose \u201aTrisomie 21\u2019 nach einer Beratung zum Schwangerschaftsabbruch. Das, obwohl die Kinder mit der \u201aTrisomie 21\u2018 so etwas wie das fr\u00f6hliche Gesicht der Inklusions-Anzeigen sind. Ehrlich gesagt hei\u00dft das: Wir wollen Inklusion, aber keine behinderten Menschen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Stimmen aus der Behindertenbewegung melden Zweifel an der Behauptung an, dass es in diesen Zusammenh\u00e4ngen eine objektive Beratung geben k\u00f6nne. Dagegen spricht allein schon die Erfahrung, regelm\u00e4\u00dfig mit abwertenden Reaktionen und Ansichten konfrontiert zu werden \u2013 trotz aller Ans\u00e4tze, die Theorie und Praxis von Normalisierung und Integration versprachen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"der-andere-blick-auf-behinderung\">Der andere Blick auf Behinderung<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">\u201e<i>Wenn Blicke t\u00f6ten k\u00f6nnten \u2026<\/i>\u201c sagt der Volksmund und meint damit, dass jemand sein Gegen\u00fcber w\u00fctend oder ver\u00e4chtlich anschaut. Das Angesehen-Werden hat individuell und f\u00fcr die Einordnung von Menschen in vorbestimmte Gruppen eine gro\u00dfe Bedeutung. Der erste Blick auf ein Gegen\u00fcber ruft Bilder und Einsch\u00e4tzungen ab, die mit verborgenen, oft zementierten Kriterien verbunden sind. Nach der US-amerikanischen Autorin der <i>Disability Studies<\/i>, Rosemarie Garland-Thomson, lassen sich vier Formen der Wahrnehmung behinderter Menschen beschreiben. Demnach gibt es den verwunderten, den sentimentalen, den exotischen und den positiv beschriebenen realistischen Blick. Jede Form des Schauens kennzeichnet zugleich Distanz und N\u00e4he zwischen Betrachter und Angeschauten. Und sie alle entlarven die fest gef\u00fcgten Muster der Wahrnehmung. Entsprechend schwankt die mediale Darstellung behinderter Frauen und M\u00e4nner noch immer zwischen Trag\u00f6die und Superheld.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Jahr f\u00fcr Jahr str\u00f6men unz\u00e4hlige Besucher in den Pariser Louvre, um die Sch\u00f6nheit der Venus von Milo zu bewundern. Der Literaturwissenschaftler Lennard Davis beschrieb die Statue realistisch: \u201e<i>Sie hat keine Arme und keine H\u00e4nde, wenn auch der Stumpf ihres rechten Oberarms bis zu ihrer Brust geht. Ihr linker Fu\u00df wurde durchtrennt und ihr Gesicht ist voller Narben, die Nasenspitze ist verletzt und an der Unterlippe fehlt ein St\u00fcck. Gl\u00fccklicherweise wurden die Gesichtsverst\u00fcmmelungen behandelt und sind kaum noch sichtbar. Nur noch einige kleinere Narben fallen bei n\u00e4herem Hinsehen auf. Der gro\u00dfe Zeh ihres rechten Fu\u00dfes ist abgeschnitten und ihr Torso ist mit Narben bedeckt. Zwischen ihren Schulterbl\u00e4ttern gibt es eine besonders gro\u00dfe Narbe, eine andere bedeckt ihre Schulter und eine dritte findet sich auf der Spitze ihrer Brust, bei der die linke Brustwarze herausgerissen ist<\/i>\u201c (Davis zit, nach Waldschmidt 2006, 1). Weil die Venus als Inbegriff weiblicher Sch\u00f6nheit gilt, sehen die Besucher eine Sch\u00f6nheit und keine Venus, die verletzt, verst\u00fcmmelt oder k\u00f6rperbehindert ist. F\u00fcr das vorgezeichnete Bild werden unbewusst Ersatzteile zur Perfektion in den Blick genommen, damit Vorstellung und Realit\u00e4t sich f\u00fcgen. Bei realen behinderten Personen funktioniert das nicht, weil niemand lernt, dass Behinderung sch\u00f6n ist.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Seit der Antike sind die Versuche bekannt, den (politischen) Gegner der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben, indem er \u00fcberzeichnet abgebildet wird. Dabei flie\u00dfen in unterschiedlichen Epochen das Komische, L\u00e4cherliche, H\u00e4ssliche und Behinderung immer wieder ineinander. Die \u201e<i>Karikatur orientiert sich an moralischen und k\u00f6rperlichen Auff\u00e4lligkeiten, wobei k\u00f6rperliche Missbildungen und auff\u00e4llige Proportionen \u00fcbertrieben dargestellt werden<\/i>\u201c (Gottwald 2013, 118). Sp\u00e4testens im 18.Jahrhundert tat sich eine neue Variante der Karikatur auf: Kr\u00fcppel, Gichtkranke oder Bucklige galten auch ohne \u00dcberzeichnung ihrer Besonderheit als Karikatur, n\u00e4mlich als leibhaftige Karikatur der Natur. Physische und psychische Auff\u00e4lligkeiten wurden fortan mit Wertma\u00dfst\u00e4ben von \u00c4sthetik und Moral vermengt. Behinderung wird mit Attributen wie Ekel und Abscheu verbunden, h\u00e4sslich und l\u00e4cherlich f\u00fcgen sich in der Wahrnehmung zusammen. Dieser Zusammenhang von H\u00e4sslichkeit und Behinderung hat bis in die 1980er Jahre Geltung, die \u201e<i>Verbr\u00fcderung von Sch\u00f6nheit und Moral<\/i><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u201c<\/i><\/span><\/span><\/span><\/span> ist noch heute aktuell (ebd., 130). Eine behinderte Person beschreibt die verletzende Wirkung mit den folgenden Worten: \u201e<i>Mich untersch\u00e4tzen sie viel, die Leute, durch mein Aussehen und so. So: Da, Tschopperl<\/i>\u201c. Das bedeutet so viel wie armes, kleines Dummerchen. \u201e<i>Da untersch\u00e4tzt man mich jetzt, jetzt passiert\u2019s mir auch, teils. Aber, ja, viel untersch\u00e4tzt. Und ja, und Gott sei Dank hab ich das trotzdem durchgesessen. Aber Untersch\u00e4tzung und Nicht-Sch\u00e4tzen der Behinderten, das tut schon weh, wenn man das mitkriegt. Ich hab so viel, bin so viel unterdr\u00fcckt worden<\/i>\u201c (Kremsner 2017, 176).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als integriert gilt, wer sich so verhalten kann, wie es vorgezeichnet und erwartet wird. Damit \u00fcbt der unreflektierte Integrationswille mit seinen Werten und Normen der Leistung, des Verhaltens oder des Aussehens einen enormen Anpassungsdruck aus. Sich dem zu beugen, setzt f\u00fcr behinderte Menschen die Verleugnung von Teilen ihrer Identit\u00e4t voraus. Das hat mit gleichberechtigten M\u00f6glichkeiten und selbstbewussten Handeln nichts zu tun. Dagegen steht die umfassende Definition von Selbstbestimmung, die urspr\u00fcnglich aus der us-amerikanischen Independent-Living-Bewegung kommt: \u201e<i>Selbstbestimmt Leben hei\u00dft, Kontrolle \u00fcber das eigene Leben zu haben, auf der Grundlage von Wahlm\u00f6glichkeiten zwischen akzeptablen Alternativen, die die Abh\u00e4ngigkeit von den Entscheidungen Anderer im Alltag minimieren. Das schlie\u00dft das Recht ein, seine eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu k\u00f6nnen, an dem \u00f6ffentlichen Leben der Kommune teilzuhaben, verschiedene soziale Rollen wahrnehmen und Entscheidungen f\u00e4llen zu k\u00f6nnen, ohne dadurch in die psychologische oder k\u00f6rperliche Abh\u00e4ngigkeit Anderer zu geraten. Unabh\u00e4ngigkeit ist ein relatives Konzept, das jeder pers\u00f6nlich f\u00fcr sich selbst bestimmen muss<\/i>\u201c (Frehe 2008, 9). Bis zum Erreichen dieses Zieles ist es allerdings noch ein weiter Weg.<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><strong class=\"western\">Udo Sierck<\/strong> Jg. 1956, Dipl.-Bibliothekar, seit Ende der 1970er Jahre ein Protagonist der emanzipatorisch-politischen Behindertenbewegung, Dozent an der Ev. Hochschule Darmstadt und der Kath. Hochschule M\u00fcnster; Autor zahlreicher B\u00fccher, aktuelle Publikation: B\u00f6sewicht \u2013 Sorgenkind \u2013 Alltagsheld. 120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur (2021).<i> <\/i><span style=\"color: #000080;\"><span lang=\"zxx\"><span style=\"color: #000000;\"><i>www.<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000080;\"><span lang=\"zxx\"><span style=\"color: #000000;\"><i>u<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000080;\"><span lang=\"zxx\"><span style=\"color: #000000;\"><i>do<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000080;\"><span lang=\"zxx\"><span style=\"color: #000000;\"><i>s<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000080;\"><span lang=\"zxx\"><span style=\"color: #000000;\"><i>ierck.com<\/i><\/span><\/span><\/span><i> <\/i><\/p>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\">Literatur<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">\u00c4rztekammer Nordrhein (2018): H\u00e4usliche Gewalt und Kindeswohl: Mehr Rechtssicherheit f\u00fcr behandelnde \u00c4rzte. Pressemitteilung vom 16. November 2018.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Clausen, Jens (2013): Inklusion &#8211; einfach machen (?!?), Vortrag in Gotha am 14. M\u00e4rz 2013.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Decker, Oliver\/Br\u00e4hler, Elmar (Hg.)(2018): Flucht ins Autorit\u00e4re. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft, Gie\u00dfen 2018.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Deich,Friedrich (1976): Genetische Beratungsstellen k\u00f6nnen Leid verhindern. In: Die Welt v. 05.11.1976.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Finzen, Asmus (2014): Nehmen Vorurteile zu? In: Dr.med. Mabuse \u2013 Zeitschrift f\u00fcr alle Gesundheitsberufe, Nr.\u00a0207, Januar\/Februar 2014.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Frehe, Horst (2008): Was helfen bedeutet \u2013 eine kritische Auseinandersetzung mit der Helferrolle. Vortrag, Zentrum f\u00fcr Disability Studies, Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Glammeier, Sandra (2018): Machtmissbrauch in Institutionen f\u00fcr Kinder und Erwachsene mit Behinderungen. In: Gemeinsam leben. Zeitschrift f\u00fcr Inklusion, Nr. 1\/2018.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Goffman, Erving (2014): <em>Stigma \u2013 \u00dcber Techniken der Bew\u00e4ltigung besch\u00e4digter Identit\u00e4t, 22. Aufl., Frankfurt a.M.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Gottwald, Claudia (2013): Behinderung in der Karikatur. Zum Verh\u00e4ltnis von H\u00e4sslichkeit, Komik und Behinderung in der Geschichte der Karikatur. In: Ochsner, Beate\/Grebe, Anna (Hg.), Andere Bilder, Bielefeld.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Grimm, Imre (2020): Kein Besuch, kein Garten, keine Sonne. In: Frankfurter Rundschau vom 27. April 2020.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Heitmeyer, Wilhelm (Hg.)(2012): Deutsche Zust\u00e4nde. Folge 10, Berlin.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Kampagne \u201aKein Raum f\u00fcr Missbrauch\u2018 (2018). Flyer, Unabh\u00e4ngiger Beauftragter f\u00fcr Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Berlin.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Kremsner, Gertraud (2017): Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen. Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten, Bad Heilbronn.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeintr\u00e4chtigungen und Behinderungen in Deutschland (2012): Eine repr\u00e4sentative Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Kurzfassung der Ergebnisse, Bielefeld.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Magdlener, Elisabeth (2018): \u00dcber K\u00f6rper, kulturelle Normierung und die Anforderung einer \u201eKultur f\u00fcr alle\u201c im Kontext von Dis_ability. In: p\/art\/icipate \u2013 Kultur aktiv gestalten\u00a0#09, <a href=\"https:\/\/www.p-art-icipate.net\/ueber-koerper-kulturelle-normierung-und-die-anforderung-einer-kultur-fuer-alle-im-kontext-von-dis_ability\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.p-art-icipate.net\/ueber-koerper-kulturelle-normierung-und-die-anforderung-einer-kultur-fuer-alle-im-kontext-von-dis_ability<\/a> (Abruf: 22.09.2018)<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Rommelspacher, Birgit (2011): Zwischen Irritation, F\u00fcrsorge und Aggression. Zum Umgang mit behinderten Menschen. Vortrag, Zentrum f\u00fcr Disability Studies, Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Szent-Ivanyi, Timot (2012): Unterern\u00e4hrt, wundgelegen, festgeschnallt. In: Frankfurter Rundschau v. 25.04.2012.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Vates, Daniela (2018): <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">\u201eDie <\/span><\/span><\/span><\/span>AfD-Anfrage erinnert an Nationalsozialismus.<span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">\u201c<\/span><\/span><\/span><\/span> Interview mit dem Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Parit\u00e4tischen Gesamtverbandes. In: Frankfurter Rundschau vom 23.\u00a0April 2018.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Waldschmidt, Anne (2006): K\u00f6rper \u2013 Macht \u2013 Differenz: Anschl\u00fcsse an Foucault in den Disability Studies. Vortrag, Zentrum f\u00fcr Disability Studies, Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Waldschmidt, Anne (2007): Die Macht der Normalit\u00e4t. Mit Foucault (Nicht)-Behinderung neu denken. In: Anhorn, Johannes\/Bettinger, Frank\/Stehr, Johannes (Hg.): Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einf\u00fchrung und Bestandsaufnahme. Wiesbaden.<\/p>\n<p class=\"v-literaturverzeichnis-western\">Waldschmidt, Anne (2009): Disability Studies. In: Dederich, Markus\/Jantzen, Wolfgang (Hg.): Behinderung und Anerkennung, Bd. 2, Stuttgart.<\/p>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\">\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47],"tags":[3076,3039,3074,3075,3031,3034,3072,3073],"autoren":[3071],"publikationen":[3030],"class_list":["post-18523","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","tag-ableismus","tag-antidiskriminierungsrecht","tag-behindertenrechtskonvention","tag-behinderung","tag-diskriminierung","tag-diskriminierungsschutz","tag-inklusion","tag-teilhabe","autoren-udo-sierck","publikationen-237-238-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verdr\u00e4ngte Wahrheiten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/verdraengte-wahrheiten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verdr\u00e4ngte Wahrheiten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ungeachtet aller nationalen wie internationalen Rechtsanspr\u00fcche auf eine gleichberechtigte Teilhabe am \u00f6ffentlichen Leben, zu Nicht-Diskriminierung und Inklusion, ist die Lebenssituation Behinderter in weiten Teilen nach wie vor prek\u00e4r. 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