{"id":18546,"date":"2023-04-25T13:48:41","date_gmt":"2023-04-25T11:48:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18546"},"modified":"2023-04-25T13:48:41","modified_gmt":"2023-04-25T11:48:41","slug":"rezensionen-die-weltgeschichte-beginnt-wenn-alle-menschen-an-der-welt-teilhaben-koennen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/rezensionen-die-weltgeschichte-beginnt-wenn-alle-menschen-an-der-welt-teilhaben-koennen\/","title":{"rendered":"Rezensionen &#8211; Die Weltgeschichte beginnt, wenn alle Menschen an der Welt teilhaben k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\"><i>Daniel Stosiek,<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\"><i>Die Aufhebung des Kapitals<\/i><i>. Politische \u00d6konomie des Mensch-Natur-Zusammenhanges im Neo-Kolonialismus, LIT Verlag (Politikwissenschaft, Band 227), 1. Auflage 2022, 254 S., 24,90 \u20ac<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Theologe Daniel Stosiek, der neben seiner Arbeit in der Entwicklungspolitik und der Menschenrechtsbegleitung indigener V\u00f6lker in S\u00fcdamerika vielf\u00e4ltig publiziert, legt ein Buch vor, das sich in der Tradition einer synthetischen Humanwissenschaft bewegt. Er setzt damit die wissenschaftliche Theorielinie fort, die von Wolfgang Jantzen in der Bremer Schule begr\u00fcndet wurde. Dazu verbindet Stosiek mit gro\u00dfem Erkenntnisgewinn f\u00fcr die Lesenden klassische marxistische Theorie mit der Philosophie Spinozas und den Denkmodellen des Zapatismus.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Stosiek entfernt sich von den weniger dialektischen Traditionen marxistischen Denkens, wenn er einen Naturbegriff entwickelt, der die Natur nicht mehr nur als ausbeutbaren Gegenstand betrachtet. Stattdessen h\u00e4lt er ein wissenschaftlich differenziert begr\u00fcndetes Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine politische \u00d6konomie eines Mensch-Natur-Zusammenhanges, der zu einem verantwortungsbewussten Dialog des Menschen mit der ihn umgebenden Natur f\u00fchrt. Stosiek geht von der Aufhebung der Vergegenst\u00e4ndlichung der Natur aus. Damit revolutioniert er den Begriff von der Zellenform der Gesellschaft und begr\u00fcndet dies auch mit den Theoriemodellen von Selbstorganisationsprozessen. Er schafft somit eine \u00d6ffnung f\u00fcr eine neue politische \u00d6konomie. Menschen als Subjekte ihres Handelns werden in ihrem Dialog mit der Natur betrachtet, die zugleich selbst als Subjekt wahrgenommen werden muss. Daraus folgt eine Praxis, in der es notwendig wird, koloniale Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcberwinden und auf allen Ebenen menschlichen Lebens zu dialogischen Beziehungen der Menschen zueinander und der Menschen zur Natur zu gelangen. Dies beinhaltet zugleich die bedingungslose Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Um diesen Weg zu beschreiten, leistet der Autor eine Flei\u00dfarbeit. Er leitet seine Arbeit mit nichts Geringerem als dem Anspruch ein, mittels seines Arbeits- und Naturbegriffes ein neues Kapital, ja eine weitere Dimension zur Marxschen Theorie hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Buch gliedert er in zwei Teile. Der erste Teil bildet einen historischen Zugang zum Thema verbunden mit dem Anspruch, auch einen evolution\u00e4ren und damit entwicklungslogischen Zugang herzustellen. Im zweiten Teil des Buches erfolgt ein systematischer Zugang, der die zuvor entwickelte historische Perspektive voraussetzt. Umfangreich befasst er sich darin mit dem Kolonialismus und dem Neokolonialismus, wie auch den mit ihnen verbundenen Ausbeutungsstrukturen besonders der Natur.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In seinem historisch-evolution\u00e4ren Zugang beschreibt Stosiek die Verwobenheit von Historie, Selbstorganisation der Materie und den Menschen. Er betrachtet die Beziehung zwischen jedem einzelnen Organismus und der Umwelt als die kausale Kraft f\u00fcr das Leben. Die Komplexit\u00e4t der Materie, die T\u00e4tigkeit und Operationalit\u00e4t liegen nicht im System allein, sondern in dem Verh\u00e4ltnis zwischen System und Umwelt. Dieser Kontext wird naturwissenschaftlich sowie mittels philosophischer Kategorien nachgewiesen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Umfangreich setzt sich der Autor mit der Arbeit des Menschen auseinander, die er in ihrer urspr\u00fcnglichen Form als \u00fcbergreifende Reproduktion des Lebens beschreibt, als ein Prinzip, in dem jeder Mensch nach seinen F\u00e4higkeiten handelt und entsprechend seinen Bed\u00fcrfnissen empf\u00e4ngt. Im Weiteren erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Vergegenst\u00e4ndlichung durch menschliche Arbeit und den weiteren Entwicklungsprozessen der Arbeit bis zur heute bekannten Form. In einem Abschnitt des Buches beschreibt er die Geschenkkulturen indigener V\u00f6lker und die damit verbundene Form der Arbeit, in der durch spezifische soziale Beziehungen eine notwendig dies widerspiegelnde Form des Verantwortungsbewusstseins gegen\u00fcber der Natur bestand. Dem schlie\u00dft sich logisch die Darstellung kommerzieller versus subjektorientierte \u00d6konomien an. Mit vielf\u00e4ltigen Beispielen wird belegt, wie beim \u00dcbergang zur kommerziellen M\u00fcnzwirtschaft die W\u00e4hrung nicht mehr menschliche Beziehungen, sondern den Kauf von Dingen regelte. Personale Beziehungen privilegierter Menschen werden sichtbar, aber die Beziehungen zu den Subjekten der Arbeit werden unsichtbar. Es sei die Geldwirtschaft gewesen, die den Anschein der Gleichheit unter den Menschen schuf, jedoch nur den Anschein. Die Subsumtion der Arbeit unter das Kapital wurde damit komplett unsichtbar. Sichtbar blieben das Kapital und die Arbeitskraft, nicht aber das damit in Verbindung stehende Subjekt. So werde auch der Wert der Arbeit nicht im Lebenszusammenhang der Menschen, die Menschen nicht in ihrer Subjekthaftigkeit gesehen. Auch sie werden zu Dingen. Die diesem Prozess innewohnende Unmenschlichkeit waltet wie eine unsichtbare Hand, wie Tentakel, die durch den Menschen hindurchgehen, Bestandteil seiner selbst werden. (S.\u00a069) Zum Problem gerate, dass die Subjekte der produzierenden Arbeit, die Natur und die Menschen, unsichtbar werden. Die hergestellten Produkte, die dem Konsum in sozialer Beziehung dienen, werden nicht mehr als solche wahrgenommen. Dezidiert beschreibt Stosiek die mit diesem Prozess einhergehenden gesellschaftlichen Verwerfungen im Verlauf der historischen Entwicklungen mit je konkreten Bez\u00fcgen zur aktuellen Situation. Dies f\u00fchrt Stosiek logisch-historisch zu der Frage, wo genau die als Herrschaft realisierte Macht liegt. Diese Frage beantwortet er ebenso pr\u00e4zise mit den Verpflichtungen und dem interdependenten Wirken von Staat und Finanzen, allerdings ohne jemals auf einen der in diesem Zusammenhang \u00fcblichen Allgemeinpl\u00e4tze auszuweichen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im zweiten Teil des Werkes, dem systematischen Zugang, wendet sich Stosiek mit Spinoza dem Mensch-Naturzusammenhang zu. Das geschieht unter Einbeziehung umfangreicher Literatur kenntnisreich und kreativ. Er gelangt zu dem fatalen, aber zu bejahendem Schluss, dass der Mensch im Zuge der kapitalistischen Produktion die Reproduktion schon seines eigenen Daseins den Dingen unterordnet. Wenn dies geschieht, dann schwindet die unendliche Dimension des Sozialen aus den verschiedenen Bereichen der \u201e<i>Semiosph\u00e4ren und der Agapesph\u00e4ren<\/i>\u201c. (S. 131)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Schl\u00fcssig erscheint an dieser Stelle die Hinwendung zum Begriff der Arbeit. Dabei wird in einem ersten Schritt die Arbeit der Natur und die Arbeit des Menschen in einen Kontext gestellt. In der Tat arbeitet Stosiek die Arbeit der Natur heraus und erweitert damit den Begriff der Arbeit um ein Vielfaches. Gleichzeitig erm\u00f6glicht dieses Vorgehen das Entwickeln eines auf der Verantwortung des Menschen gegen\u00fcber der Natur basierenden Begriffes von Arbeit. In dem Abschnitt \u00fcber die gegenst\u00e4ndliche und die dialogische T\u00e4tigkeit wird sodann auch die Natur als Subjekt ber\u00fccksichtigt. Wenn der Autor zu dem Ergebnis gelangt, der Kern der Aufhebung des Kapitals sei die Aufhebung der Vergegenst\u00e4ndlichung der Natur, ihre blo\u00dfe Instrumentalisierung, dann arbeitet er hier einen der zentralen Aspekte seines Buches heraus.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Mittels der Forschungen zu Selbstorganisationsprozessen wird deutlich, in welchem Umfang das soziale Band zwischen den Menschen gest\u00f6rt ist, wenn Prozesse der Instrumentalisierungen in der Produktion und in der Reproduktion stattfinden, wie sehr sich diese dann auch in der psychischen Struktur von Menschen abbilden und ihre nat\u00fcrliche Mitwelt vergiften.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Breiten Raum nimmt sich der Autor f\u00fcr die Definition der Begriffe Wert und Gebrauchswert. Er belegt in diesem Zusammenhang die Verkehrung des Wertes in der kapitalistischen \u00d6konomie und beschreibt die Entstehung von Fetischen. In der Summe w\u00fcrden die sinnhaften Beziehungen der Menschen untereinander auf das Gegenst\u00e4ndliche reduziert. Sinnentleerte und entfremdete Beziehungen der Menschen zueinander seien das Ergebnis. An ihre Stelle tritt der Fetisch. Das \u00fcbergreifende Allgemeine existiere dann in der Welt der Dinge, der Waren!<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Sodann erl\u00e4utert Stosiek den Charakter des Geldes und definiert Geld als \u201e<i>soziale W\u00e4hrung<\/i>\u201c, die im Ergebnis die Verf\u00fcgung \u00fcber die Ware Arbeitskraft im Mensch-Natur-Zusammenhang wird. Das f\u00fchrt logisch zum Begriff des Kapitals und dem das Kapital generierenden Mehrwerts. Auf diese Weise gelangt der Autor organisch zur Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, wozu neben der Arbeit wei\u00dfer M\u00e4nner und Frauen im globalen Norden seit der Kolonialzeit die Arbeit der Sklaven, der Dienerinnen und Diener in den Kolonien k\u00e4me, die heute die unterbezahlten Armeen der Armen im globalen S\u00fcden seien.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Abschnitt \u00fcber die Subsumtion des Konsums und der Kultur wird beschrieben, wie und in welchem Umfang Bewusstsein manipuliert und Bed\u00fcrfnisse einseitig auf Dinge geweckt werden. Die Warenwelt wird zum Fetisch. Beim Anpreisen von Waren geschehe das Gleiche wie bei religi\u00f6sen Versprechungen: \u201e<i>Wert und Sinn auf eine Welt unbewegter Dinge zu projizieren<\/i>\u201c. (S. 189)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die abschlie\u00dfende Befassung mit der Kolonialit\u00e4t der Macht, der Erl\u00e4uterung dessen, was Macht und Kolonialit\u00e4t bedeutet und was das mit den Menschen macht, die logische Folge der Er\u00f6rterung der Macht in Institutionen und in staatlichen Einrichtungen rundet die Arbeit trefflich ab. Logisch ist ebenso der kleine Exkurs mittels dessen die Kolonialit\u00e4t der Macht, die Verdinglichung der Arbeit und der Natur im Staatssozialismus erl\u00e4utert wird. Daniel Stosiek schaut auf eine Biografie in der DDR zur\u00fcck und wendet den Gedanken, dass die Verdinglichung der Natur, der Umgang mit Arbeit und der Fetischisierung der Waren hier \u00e4hnlichen Bedingungen unterworfen war. Staaten und die mit ihnen zusammenh\u00e4ngenden Institutionen blieben notwendig immer Zahnr\u00e4der im Getriebe der Kolonialit\u00e4t der Macht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Daniel Stosic legt ein wichtiges Buch vor. Seine Auseinandersetzung mit dem Naturbegriff ist viel mehr als dieses. Sein Buch ist ein feuriges Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine andere Welt: Stosiek pl\u00e4diert f\u00fcr den Dialog, f\u00fcr einen Umgang mit der Natur, der von Verantwortungsbewusstsein ihr gegen\u00fcber gepr\u00e4gt ist, der gepr\u00e4gt ist von Verantwortung gegen\u00fcber dem N\u00e4chsten, gegen\u00fcber der Zukunft, gegen\u00fcber dem globalen S\u00fcden. Dabei geht Stosiek weit \u00fcber eine Verantwortungsethik hinaus, wie sie zum Beispiel von Hans Jonas gepr\u00e4gt wurde. Stosiek unterlegt seine philosophisch begr\u00fcndeten ethischen Positionen mit umfangreichen Kenntnissen aus der Naturwissenschaft, indem er die Autopoiesis differenziert darlegt und mittels der Forschungen zu Selbstorganisationsprozessen belegt. Hier kommen ihm die Arbeiten der sowjetischen Psychologie \u2013 insbesondere durch Leontjew \u2013 gelegen. Seine F\u00e4higkeit, nach dem offensichtlichen Studium der Werke Wolfgang Jan\u00dfens auch die Philosophie Spinozas diesem Kontext zuzuordnen f\u00fchrt philosophisch zu einem durchaus gro\u00df zu nennenden Wurf. Zudem gelingt es Daniel Stosiek tats\u00e4chlich, dem Marxschen Theoriegeb\u00e4ude eine Facette hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die vorliegende Arbeit ist sicher kein leicht zu konsumierender Stoff, seine Lekt\u00fcre besitzt jedoch einen erheblichen Erkenntniswert.<\/p>\n<p class=\"v-unterschrift-western\">Wolfram Grams<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,21,2976],"tags":[3109,3106,3107,3110,3077,3105,3103,3104,791,3108,667],"autoren":[1488],"publikationen":[3030],"class_list":["post-18546","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-demokratisierung","category-klima","tag-ausbeutung","tag-daniel-stosiek","tag-die-aufhebung-des-kapitals","tag-geschichte","tag-kapitalismus","tag-mensch-natur-verhaeltnis","tag-neokolonialismus","tag-politische-oekonomie","tag-rezension","tag-sozialtheorie","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfram-grams","publikationen-237-238-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezensionen - Die Weltgeschichte beginnt, wenn alle Menschen an der Welt teilhaben k\u00f6nnen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/rezensionen-die-weltgeschichte-beginnt-wenn-alle-menschen-an-der-welt-teilhaben-koennen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezensionen - Die Weltgeschichte beginnt, wenn alle Menschen an der Welt teilhaben k\u00f6nnen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Daniel Stosiek, Die Aufhebung des Kapitals. 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