{"id":18551,"date":"2023-04-25T14:01:44","date_gmt":"2023-04-25T12:01:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18551"},"modified":"2023-05-11T12:22:39","modified_gmt":"2023-05-11T10:22:39","slug":"die-redaktion-trauert-um-ihr-mitglied-und-ihren-freund-dr-herbert-mandelartz-27-11-1948-7-6-2022","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/die-redaktion-trauert-um-ihr-mitglied-und-ihren-freund-dr-herbert-mandelartz-27-11-1948-7-6-2022\/","title":{"rendered":"Die Redaktion trauert um ihr Mitglied und ihren Freund Dr. Herbert Mandelartz, 27.11.1948 &#8211; 7.6.2022"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Dass er bei Professor Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde studierte, hat Herbert Mandelartz, Jahrgang 1948, immer mit zur\u00fcckhaltender Bewunderung erw\u00e4hnt. Nach Studium und Dissertation war Herbert Mandelartz Jurist, Publizist und Autor dreier Krimis, die das Innenleben von Verwaltungen kenntnisreich und oft ironisch beschrieben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bevor er stellvertretender Amtschef im Bundespresseamt wurde, f\u00fchrte ihn seine Berufsvita als Verwaltungsrichter nach Minden\/Westfalen; 1984 ins Bundesministerium des Innern nach Bonn und von 1985 bis 1999 ins Ministerium des Innern des Saarlandes. Dort war seine gro\u00dfe Zeit in der Politik unter Ministerpr\u00e4sident Lafontaine, wo er als Innen-Staatssekret\u00e4r von 1996 bis 1999 u.a. f\u00fcr die Polizei zust\u00e4ndig war. Viele seiner Politik-Anekdoten, die er gerne zum Besten gab, stammten aus dieser Zeit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Schlie\u00dflich erfolgte unter der Kanzlerschaft Angela Merkels das Ausscheiden des langj\u00e4hrigen SPD-Mitglieds aus dem Bundespresseamt durch Versetzung in den einstweiligen Ruhestand am 1. Februar 2006. Auch danach besch\u00e4ftigte ihn die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Regierung weiterhin. So nahm er einen Lehrauftrag an der Humboldt-Universit\u00e4t wahr: \u201e<i>Recht und Kommunikation in der Praxis.<\/i>\u201c<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als Referatsleiter im Bundespresseamt hatte ich Gelegenheit, ihn als Vorgesetzten agieren zu sehen. Mit Staunen und Bewunderung nahmen wir Kolleginnen und Kollegen im Amt zur Kenntnis, dass <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">\u201e<\/span><\/span><\/span><\/span>der Neue<span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Gentium Book Basic;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">\u201c<\/span><\/span><\/span><\/span> historisch-zeitgeschichtlich besonders bewandert war und Haltung hatte. Er sorgte daf\u00fcr, dass der gro\u00dfe Saal im Bundespresseamt, der f\u00fcr Presskonferenzen und Personalversammlungen diente, in den \u201e<i>Dr. Theodor Haubach-Saal<\/i>\u201c benannt wurde. Das Orchester einer Berliner Schule umrahmte die feierliche Installation einer Gedenktafel vor dem Saal mit dem Portr\u00e4t des am 21. Januar 1945 in Berlin-Pl\u00f6tzensse ermordeten Widerstandsmitglieds Dr. Theodor Haubach. Er sollte nach einem gelungenen Staatsstreich gegen Hitler der erste Regierungssprecher der neuen freien Regierung werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Herbert Mandelartz konnte streng sein, wenn er Tr\u00e4gheit oder Desinteresse bei einzelnen Besch\u00e4ftigten feststellte. Das waren die \u00fcblichen individuellen Probleme einer Beh\u00f6rde. Er hat sich zudem intensiv um die strukturellen Fragen von Verwaltung gek\u00fcmmert. Mit dem sch\u00f6nen Titel \u201e<i>Sisyphos lebt. Modernisierung der Verwaltung \u2013 alte Probleme, neue Fragen<\/i>\u201c (Berliner Wissenschaftsverlag, 2009) widmete er sich aus der Sicht des Praktikers der Geschichte der Verwaltungsmodernisierung seit den 1990er Jahren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Anhand der unendlichen Geschichte der Leistungsbeurteilung zeigt er beispielsweise, wie lange es dauern kann, bis neue Ideen umgesetzt werden. Klischees, wonach durch massenhafte \u00c4mterpatronage der \u00d6ffentliche Dienst die Unf\u00e4higen anziehe, wies der Autor zur\u00fcck. W\u00fcrden politische und administrative Vorgesetzte ihre Aufgabe und Verantwortung voll ernst nehmen, brauche sich der \u00d6ffentliche Dienst nicht vor der Privatwirtschaft zu verstecken. Mandelartz wusste genau, wor\u00fcber er schrieb \u2013 Verwaltungserfahrung hatte er zur Gen\u00fcge.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aber auch andere Themen besch\u00e4ftigten ihn intensiv. So hat er in dieser Zeitschrift, deren Redaktionskollegium er lange angeh\u00f6rte, einen Artikel zu Carl Schmitt ver\u00f6ffentlicht: \u201e<i>\u2026 n\u00f6tigenfalls Vernichtung. Eine Fu\u00dfnote zu Carl Schmitt.<\/i>\u201c<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Dass Carl Schmitt ein Mensch mit erheblichen charakterlichen Schw\u00e4chen war, wird gleich zu Anfang erw\u00e4hnt. Nach 1933 habe er Freunde und F\u00f6rderer fallen gelassen; vor allem sei er Antisemit gewesen und habe sich publizistisch den Nazis angebiedert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dann geht er auf eine wohl von Vielen in ihrer Bedeutung (bewusst?) \u00fcbersehene Formulierung ein in der \u201e<i>Vorbemerkung \u00fcber den Gegensatz von Parlamentarismus und Demokratie<\/i>\u201c, die in der 1926 erschienen 8. Auflage von Carl Schmitts Schrift \u201e<i>Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus<\/i>\u201c zu finden ist. Darin hei\u00dft es: \u201e<i>Zur Demokratie geh\u00f6rt also notwendig erstens Homogenit\u00e4t und zweitens \u2013 n\u00f6tigenfalls \u2013 die Ausscheidung oder <\/i><i><b>Vernichtung<\/b><\/i><i> des Heterogenen.<\/i>\u201c (Hervorhebung von Red.). Carl Schmitt musste wissen, was er schrieb und wohin dies f\u00fchren konnte \u2013 eben zur Vernichtung, meinte Herbert Mandelartz. Dass er die Vernichtung der Juden akzeptiert oder sogar gefordert hat, war f\u00fcr Mandelartz durch die Hinweise auf die Ausf\u00fchrungen in der Vorbemerkung belegt. Nach 1945 habe sich Carl Schmitt trotz Aufforderung zu diesen Formulierungen nie ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Redaktionskollektiv der \u201e<b>v<\/b><b>or<\/b><i>g\u00e4nge<\/i>. Zeitschrift f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Gesellschaftspolitik\u201c wurde Herbert sehr gesch\u00e4tzt, weil er seine Kenntnisse, Erfahrungen und seine F\u00e4higkeit zur politischen Analyse immer intensiv einflie\u00dfen lie\u00df. Dass er seine Ungeduld kund tat, wenn Diskussionen zu sehr ausschweiften, war f\u00fcr alle Teilnehmenden Ausdruck seiner Professionalit\u00e4t, die er auch im Ruhestand nicht ablegen mochte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Alemania Aachen war ihm Herzensangelegenheit. Er liebte Fu\u00dfball, hat es fr\u00fcher wohl auch mit Leidenschaft gespielt. Und Marathon ist er gelaufen: ein Mal und das reichte. Was er nach Kilometer 33 erleiden musste, hat wohl alle ern\u00fcchtert, die ihm zuh\u00f6rten und je in dieser Richtung tr\u00e4umten. Aber er lief bis zum Ende durch, sogar in einer beachtlichen Zeit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dass er Mitglied in der Saarl\u00e4ndischen Galerie in Berlin war und kulturell engagiert, haben viele erst erfahren, als die Galerie in Berlin nach seinem Tod zum Gedenken einlud.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>Mit seinen drei Krimis im Gmeiner Verlag (\u201e<i>Rotk\u00e4ppchen und Wodka<\/i>\u201c, \u201e<i>Schwarzer Engel ohne Kopf<\/i>\u201c, \u201e<i>Unter Verschlu\u00df<\/i>\u201c) hat Herbert allen Freundinnen und Freunden ein Verm\u00e4chtnis hinterlassen, das mehr als vieles andere Einblick in seine Erlebniswelten gibt. Politik und Verwaltung werden in wunderbaren Szenen beschrieben \u2013 von der Dauer-Redensart eines Spitzenbeamten, der jedem, der mit irgendwelchen W\u00fcnschen zu ihm kommt, seine Aufgeschlossenheit mit den Worten mitteilt: \u201e<i>So viel Zeit muss sein.<\/i>\u201c Es geht spannend zu in den Krimis und auch Deftig-Erotisches findet statt. Irgendwer hat immer eine Geliebte, die er oder sie nicht haben sollte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Herberts SPD-Ortsvereinserfahrungen finden in \u201e<i>Schwarzer Engel ohne Kopf<\/i>\u201c ihren Niederschlag. Die Szene: eine Wahlveranstaltung in Dortmund. Dr. Thomas Bode aus D\u00fcsseldorf \u201e<i>war sich bewu<\/i><i>ss<\/i><i>t, dass es eng werden w\u00fcrde. Er war seit fast 40 Jahren in der SPD. Im Zusammenhang mit der Neuregelung des Asylrechts w\u00e4re er beinahe ausgetreten. Aber nach einer langen Diskussion mit viel Bier und Schnaps hatte er sich \u00fcberzeugen lassen, dass man aus der SPD nicht austritt \u2026 Als einfaches Mitglied hatte er Wahlkampfst\u00e4nde betreut und Hausbesuche gemacht \u2026 Wenn er an die Rede von Otto Wels<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> dachte, lief es ihm immer noch kalt \u00fcber den R\u00fccken. Und dann wu<\/i><i>ss<\/i><i>te er, warum er nicht austrat. Aber manchmal fragte er sich schon, warum er sich das antat.<\/i>\u201c In der Tat konnte man Herbert in Berlin Steglitz im Wahlkampf fr\u00fchmorgens an der U-Bahn Handzettel verteilen sehen, bei Wind und Wetter. Der Staatssekret\u00e4r a.D. war sich daf\u00fcr nicht zu schade.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Herbert Mandelartz hatte zahlreiche Bekannte und pflegte diese Beziehungen in gleichsam hermetischen Runden, viele wussten nicht voneinander. Sehr gerne erz\u00e4hlte er \u2013 mit der gebotenen Zur\u00fcckhaltung \u2013 von einigen Bekannten, die fr\u00fcher zu den Funktionseliten der DDR geh\u00f6rten. Ihn faszinierten Berichte aus dem Innenleben des DDR-Systems, die von seinen Gespr\u00e4chspartnern nat\u00fcrlich anders bewertet wurden, als es das allgemeine DDR-Bild unserer Medien vermittelte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Mit Herbert Mandelartz haben wir einen Weggef\u00e4hrten verloren, der uns sehr viel gegeben hat. Streng als Chef war er aber angetan, wenn er es mit Besch\u00e4ftigten von Sachverstand, Engagement und Vitalit\u00e4t zu tun hatte. Seine Menschlichkeit war immer da. Vor nicht langer Zeit ging er die Stra\u00dfe entlang und h\u00f6rte, wie eine Gruppe junger M\u00e4nner eine sie begleitende Frau bedr\u00e4ngte. Herbert mischte sich ein mit der Aufforderung \u201e<i>Lasst doch die Frau in Ruhe.<\/i>\u201c Kaum gesagt, trat ihm einer der M\u00e4nner die Beine weg. Herbert knallte aufs Pflaster, Verletzungen im Gesicht. F\u00fcr ihn, der ohnehin seelisch litt, war dies ein furchtbares Erlebnis.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wir werden Herbert in ehrender Erinnerung behalten. Er h\u00e4tte es verdient, dass der Gmeiner Verlag seine drei B\u00fccher auch als Printausgaben herausgibt.<\/p>\n<p class=\"v-unterschrift-western\">Werner Koep-Kerstin<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a>S. vorg\u00e4nge Nr. 216 (4\/2016): \u201eRechtspopulismus\/Rechtsextremismus\u201c, S. 77-84.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" lang=\"zxx\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a>Otto Wels hielt als SPD-Vorsitzender am 23. M\u00e4rz 1933 im Deutschen Reichstag bei der Verabschiedung des sog. Erm\u00e4chtigungsgesetzes der Nazis vor johlenden SA-Leuten eine Rede, die in dem Ausruf gipfelte \u201eFreiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.\u201c Die 94 anwesenden SPD-Abgeordneten stimmten als einzige gegen das Gesetz.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2995],"tags":[3127,2528,667],"autoren":[133],"publikationen":[3030],"class_list":["post-18551","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-vereinsnachrichten","tag-herbert-mandelartz","tag-verband-nachrufe","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-237-238-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Redaktion trauert um ihr Mitglied und ihren Freund Dr. Herbert Mandelartz, 27.11.1948 - 7.6.2022 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/237-238-vorgaenge\/publikation\/die-redaktion-trauert-um-ihr-mitglied-und-ihren-freund-dr-herbert-mandelartz-27-11-1948-7-6-2022\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Redaktion trauert um ihr Mitglied und ihren Freund Dr. Herbert Mandelartz, 27.11.1948 - 7.6.2022 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Dass er bei Professor Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde studierte, hat Herbert Mandelartz, Jahrgang 1948, immer mit zur\u00fcckhaltender Bewunderung erw\u00e4hnt. 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