{"id":18914,"date":"2023-09-07T21:55:29","date_gmt":"2023-09-07T19:55:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18914"},"modified":"2023-09-11T12:46:55","modified_gmt":"2023-09-11T10:46:55","slug":"rezensionen-nichts-ohne-behinderte-menschen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-241\/publikation\/rezensionen-nichts-ohne-behinderte-menschen\/","title":{"rendered":"Rezensionen &#8211; Nichts ohne behinderte Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em>Ra\u00fal Aguayo-Krauthausen, Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden, Rowohlt-Verlag 2023, 240 S., \u20ac 17,00.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als im April 2021 eine Pflegehelferin im Potsdamer Oberlinhaus vier Menschen mit Behinderungen ermordete und einen weiteren schwer verletzte, h\u00e4tte \u00f6ffentlich \u00fcber das gesellschaftlich wirksame Bild von Menschen mit Behinderungen diskutiert werden k\u00f6nnen, das ganz h\u00e4ufig noch immer ausschlie\u00dflich mit Leid konnotiert ist. In dieser Situation h\u00e4tte deutlich gemacht werden k\u00f6nnen, dass die Opfer dieser Bluttat \u2013 wie alle anderen Menschen \u2013 ein selbstbestimmtes und erf\u00fclltes Leben h\u00e4tten f\u00fchren k\u00f6nnen und wollen. Doch anstatt bei der Trauerfeier Bilder der Ermordeten aufzustellen, fanden sich in der Potsdamer Nikolaikirche vier wei\u00df lackierte Rollst\u00fchle. Auf diese Weise wurden diese Menschen noch im Tod auf ihre Behinderung reduziert. Ihre F\u00e4higkeiten, ihre Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche als Individuen gerieten so zu keinem Zeitpunkt in den Blick. Dies ist nur ein (sehr drastisches) Beispiel f\u00fcr die Ausgrenzungen und Geringsch\u00e4tzungen, die Menschen mit Behinderungen allt\u00e4glich erleben. Ausgrenzungen und Geringsch\u00e4tzungen sichtbar zu machen und nach Wegen zu ihrer Beseitigung zu suchen, ist das Anliegen des neuen Buches des Aktivisten Ra\u00fal Krauthausen.<\/p>\n<p>Im ersten Teil des Buches besch\u00e4ftigt sich Krauthausen mit der Realit\u00e4t des Lebens mit Behinderung und lenkt den Blick auf die strukturelle Gewalt unter dem Deckmantel der F\u00fcrsorge, die Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen und Ma\u00dfnahmen M\u00f6glichkeiten der Erfahrung und der Selbstbestimmung nimmt. Er stellt die unsichtbare Norm der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft dar und stellt klar, dass f\u00fcr ihn Inklusion nur als solche bezeichnet werden kann, wenn \u201e[\u2026] jeder Mensch in seiner Individualit\u00e4t als Teil der Gesellschaft akzeptiert wird und gleichberechtigt sowie selbstbestimmt die M\u00f6glichkeit hat, vollumf\u00e4nglich an ihr teilzuhaben\u201c (S. 15). Daraufhin geht er den ungel\u00f6sten Fragen der Inklusion nach. Zu diesem Zweck f\u00fchrt Krauthausen Interviews mit Aktivist*innen, Aktiven im Kampf gegen Ausgrenzungen und Barrieren. Themen der Gespr\u00e4che sind die Barrieren im \u00f6ffentlichen Raum, die Situation von Menschen mit Behinderungen in Schulen und auf dem Arbeitsmarkt, aber auch die M\u00f6glichkeiten ihrer Selbstvertretung. Dar\u00fcber hinaus diskutiert Krauthausen auch, wie Menschen mit Behinderungen eine selbstbestimmte Sexualit\u00e4t erleben k\u00f6nnen und wie sie in den Medien und in der Kunst angemessen repr\u00e4sentiert werden k\u00f6nnen. Ein wichtiges Thema seiner Interviews ist zudem die Notwendigkeit zur Intersektionalit\u00e4t, sprich unterschiedliche Diskriminierungen zusammen zudenken, um sie zu beseitigen. Im letzten Teil des Buches schlie\u00dflich bem\u00fcht sich Krauthausen darum, Schlussfolgerungen aus den von ihm gef\u00fchrten Gespr\u00e4chen f\u00fcr eine gelingende inklusive Gesellschaft zu formulieren.<\/p>\n<p>Eine St\u00e4rke des Buches liegt darin, dass der Autor an vielen Stellen \u00fcber seine eigenen Erfahrungen als Mensch mit Behinderung reflektiert und diese auch selbstkritisch wendet. So kann er deutlich machen, dass Sichtweisen der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft auch bei Menschen mit Behinderungen wirksam werden und deren Handlungsweisen mitbestimmen. In diesem Sinne berichtet er beispielsweise, dass er \u00fcber lange Zeit seine Behinderung habe relativieren wollen. Er habe keine Belastung sein und sich an den gef\u00fchlten Leistungserwartungen Nichtbehinderter messen wollen. \u201eAber damit habe ich gleichzeitig andere behinderte Menschen \u2013 obwohl ich das in keiner Weise beabsichtigte \u2013 abgewertet, um meine Selbstwahrnehmung aufzuwerten\u201c (S. 182). Zugleich l\u00e4sst Krauthausen aber auch keinen Zweifel daran, dass es sehr handfeste Barrieren gibt, die die Teilhabe von Menschen am gesellschaftlichen Leben verhindern. Sehr zu Recht stellt er deshalb fest, dass es nicht ausreicht, die sogenannten Barrieren in den K\u00f6pfen abzubauen \u201e[&#8230;] \u2013 wenn wir die real existierenden Barrieren ignorieren, wird die Inklusion nur ein sch\u00f6nes Wort bleiben\u201c (S. 46).<\/p>\n<p>Krauthausen legt Wert darauf, mit Menschen in den Austausch zu treten. Dieses Herangehen erm\u00f6glicht es ihm, viele Perspektiven auf sein Thema sichtbar zu machen. Wenn die Juristin Theresia Degener im Gespr\u00e4ch mit ihm festh\u00e4lt, dass Ma\u00dfnahmen nicht darauf gerichtet sein d\u00fcrfen, die Situation in diskriminierenden Einrichtungen zu verbessern, da die Einrichtungen auf diese Weise verstetigt w\u00fcrden, legt sie den Finger in eine offene Wunde der sogenannten Behindertenhilfe. Der ehemalige Bremer Staatsrat Horst Frehe w\u00fcnscht sich eine starke selbstbestimmte Behindertenbewegung und orientiert in diesem Sinne auf eine selbstbewusste Selbstvertretung der Betroffenen. Krauthausen fasst die Aussagen seiner Gespr\u00e4chspartner*innen stets affirmativ zusammen und belegt so eindrucksvoll die Aussage des Buchtitels: Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.<\/p>\n<p>In seiner Gesamtheit liefert dieses Buch eine gut lesbare Streitschrift f\u00fcr die Durchsetzung der umf\u00e4nglichen gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen. Ob indes alle Vorschl\u00e4ge des Autors zielf\u00fchrend sind, sollte weiter diskutiert werden. Wenn Krauthausen konstatiert: \u201eKosten f\u00fcr [&#8230;] Sexualassistenzen und \u00c4hnliches sind kein Fall f\u00fcr die Krankenkasse, sondern f\u00fcr die Sozial\u00e4mter\u201c (S. 155), dann mag man fragen, ob diese entfremdeten Formen von Sexualit\u00e4t und Sexarbeit wirklich die besten Mittel zum Erreichen einer selbstbestimmten Sexualit\u00e4t (und wenn ja, von wem) sind. Missverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen zudem Krauthausens \u00dcberlegungen zum Zusammenhang von Teilhabe und der von ihm so bezeichneten Teilgabe sein. Liest man sie so, dass Teilhabe es tats\u00e4chlich immer erfordert, dass Menschen mit Behinderung der Gesellschaft etwas zur\u00fcckgeben. Davon ausgehend, dass Krauthausen diese Auffassung nicht vertritt, h\u00e4tte er an dieser Stelle doch deutlicher machen sollen, dass jeder Mensch \u2013 unabh\u00e4ngig von seinen F\u00e4higkeiten \u2013 ein Recht auf ein menschenw\u00fcrdiges Leben und die volle Teilhabe hat. Davon unbenommen ist freilich, dass viele Menschen mit Behinderungen Leistungen erbringen k\u00f6nnen und wollen. Dieses Verm\u00f6gen aber darf niemals zum Gradmesser f\u00fcr die Zuerkennung von Teilhabem\u00f6glichkeiten sein.<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndig zustimmen mag man dem Autor, wenn er festh\u00e4lt, dass Inklusion immer auch eine Neustrukturierung von bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen bedeutet. Zweifelhaft bleibt jedoch, ob es daf\u00fcr reicht, dass \u201e[\u2026] privilegierte Gesellschaftsgruppen [&#8230;] ihre eigene Position kritisch reflektieren und Mitbestimmung marginalisierter Gruppen erm\u00f6glichen.\u201c (S. 215) Damit es wirklich keinen Lebensbereich ohne Menschen mit Behinderungen mehr gibt, in dem sie auch gesehen und geh\u00f6rt werden, wird es noch heftige gesellschaftliche Auseinandersetzungen geben m\u00fcssen. Trotz \u2013 oder gerade wegen der genannten Unsch\u00e4rfe in der Argumentation \u2013 regt Ra\u00fal Krauthausen mit diesem Buch zu den notwendigen Diskussionen zur Organisation dieser K\u00e4mpfe innerhalb der Behindertenbewegung an. Aus diesem Grunde soll das Buch allen Menschen zur kritischen Lekt\u00fcre empfohlen sein, die das Ziel der vollen gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen teilen.<\/p>\n<p>Florian Grams<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47],"tags":[3075,3072,3309,3308],"autoren":[1536],"publikationen":[3269],"class_list":["post-18914","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","tag-behinderung","tag-inklusion","tag-intersektionalitaet","tag-selbstbestimmung","autoren-florian-grams","publikationen-vorg-241"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezensionen - Nichts ohne behinderte Menschen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-241\/publikation\/rezensionen-nichts-ohne-behinderte-menschen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezensionen - Nichts ohne behinderte Menschen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ra\u00fal Aguayo-Krauthausen, Wer Inklusion will, findet einen Weg. 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