{"id":19003,"date":"2002-09-01T13:42:02","date_gmt":"2002-09-01T11:42:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19003"},"modified":"2025-08-18T13:37:55","modified_gmt":"2025-08-18T11:37:55","slug":"19003","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/19003\/","title":{"rendered":"Die Bomben aus Stahl, das Pathos aus Hollywood: Die Wiederentdeckung des \u201egerechten Krieges&#8220; im Medienzeitalter"},"content":{"rendered":"<p>Alle, die \u201ef\u00fcr die Freiheit sind, sind auf unserer Seite&#8220;, verk\u00fcndete Pr\u00e4sident Bush jr., als am 10. Oktober 2001 die Bombardierung Afghanistans begann (zit. n. Trampert 2002: 26). Keine Frage, dass auch die deutsche Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Freiheit ist und im Zuge der \u201euneingeschr\u00e4nkten Solidarit\u00e4t&#8220; ohne Proteste der Entsendung von Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan, an das Horn von Afrika und nach Kuwait zusah. Die Ereignisse des 11. Septembers weckten offenbar kollektive Gerechtigkeitsreflexe. Das geht auch aus den Umfragewerten hervor: Im Golfkrieg waren in Deutschland nur 17 Prozent f\u00fcr den Einsatz von Bodentruppen, im Krieg gegen Jugoslawien 19 Prozent und gegen Afghanistan w\u00fcnschten sich 58 Prozent der Deutschen sogar eigene Truppen am Hindukusch (vgl. <em>Der Spiegel<\/em>, 41\/2001). \u201eInfinite Justice&#8220; lautete der Arbeitstitel der US-Milit\u00e4rkampagne gegen das Talibanregime in Kabul und die Terrororganisation Al Quaida in den Bergen des zentralasiatischen Landes. Schon diese Bezeichnung verweist auf die Strategie, mit der der Krieg weltweit legitimiert werden sollte. Offenbar eine gl\u00fcckliche Wahl; zumindest im Hinblick auf die westlichen L\u00e4nder. Denn Deutschlands Regierung stellte sich \u2014 wie andere EU-Staaten auch \u2014 demonstrativ an die Seite der USA und bat geradezu darum, gebeten zu werden: um Beteiligung am \u201egerechten Krieg&#8220; gegen den Feind unserer Zivilisation.<\/p>\n<p>Doch die Idee des \u201egerechten Krieges&#8220; wurde nicht am 11. September 2001 geboren. Sie ist von geradezu biblischem Alter und lieferte allein im letzten Jahrzehnt das Grundmuster f\u00fcr die Inszenierung und Vermarktung von zwei vorausgegangenen, von den USA gef\u00fchrten milit\u00e4rischen Kampagnen: f\u00fcr <em>Desert Storm<\/em>, den zweiten Golfkrieg, und f\u00fcr <em>Allied Force<\/em>, den Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Als George Bush sen. am 17. Januar 1991 den Einsatzbefehl zur Operation <em>Desert Storm<\/em> am Golf gab, deklamierte er: \u201eWe know that this is a just war, and we know that, God willing, this is a war we will win.&#8220; (zit. n. Z\u00fcrn 1991: 1) Dies sei ein \u201egerechter Krieg&#8220;, erkl\u00e4rte auch \u2014 diesmal im Hinblick auf den Kosovo-Krieg \u2014 der britische Premierminister Tony Blair im M\u00e4rz 1999; ein Krieg, der nicht um \u201eterritoriale Ziele&#8220;, sondern allein um westliche \u201eWerte&#8220; gef\u00fchrt w\u00fcrde (Die Zeit v. 10. Juni 1999).<\/p>\n<p>Bei solchen Aussagen handelt es sich nicht nur um rhetorisches Pathos. Die Figur vom \u201egerechten Krieg&#8220; liefert auch ein ziemlich pr\u00e4zises Blueprint, eine Art Masterplan daf\u00fcr, wie ein Konflikt inszeniert und PR-m\u00e4\u00dfig begleitet werden muss, um in der \u00d6ffentlichkeit als \u201egerechter&#8220; und damit legitimer Krieg akzeptiert zu werden. Doch wie lauten diese Spielregeln und wer hat sie definiert?<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-geschichte-des-gerechten-krieges-von-augustinus-bis-bush\">Die Geschichte des &bdquo;gerechten Krieges&ldquo; &mdash; von Augustinus bis Bush<\/span><\/h3>\n<p>Die Denkfigur des \u201egerechten Krieges&#8220; l\u00e4sst sich \u00fcber eineinhalb Jahrtausende Kriegsgeschichte zur\u00fcckverfolgen. Die Vorstellung, dass es Kriege gibt, die gerechter sind als andere oder deren F\u00fchrung sogar moralisch geboten ist, wurde vor rund 1.500 Jahren vom Kirchengelehrten Augustinus (354 bis 410 n. Chr.) entwickelt. Gem\u00e4\u00df der christlichen Tradition geht es bei der Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; nicht darum, Kriege zu bef\u00f6rdern, sondern sie einzud\u00e4mmen und im Idealfalle ganz zu verhindern (Fuchs 2001: 36). Da Krieg jedoch, so argumentierten die Apologeten der Lehre, in der unvollkommenen irdischen Wirklichkeit nun einmal existiere, m\u00fcsse er \u2014 wenn schon nicht g\u00e4nzlich aus der Welt verbannbar \u2014 zumindest in seiner Frequenz und seiner Brutalit\u00e4t begrenzt werden. Entsprechend wurden bestimmte Spielregeln definiert, die das Recht zur Kriegf\u00fchrung sowie die Wahl seiner Mittel eingrenzten. Daraus entstand die Dichotomie von \u201egerechtem&#8220; und \u201eungerechtem&#8220; Krieg. Diese steht allerdings in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zum Urtext der Christenheit, der Bibel, denn ein Recht auf \u201egerechte Kriege&#8220; l\u00e4sst sich aus ihr nicht ableiten. Vielmehr legt das Gebot der N\u00e4chstenliebe \u2014noch einmal verst\u00e4rkt durch Jesus&#8216; Aufruf zum Gewaltverzicht \u2014 eine Pflicht zum Pazifismus nahe. In Kombination mit dem f\u00fcnften Gebot wurde der Gewaltverzichtsaufruf von Kirchenlehrern bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. als absolutes T\u00f6tungs- und Kriegsverbot verstanden (Engelhardt 1980: 72). Allerdings wurden die Christen zu dieser Zeit auch nicht in Versuchung gef\u00fchrt, da ihre Gemeinde \u00fcber keinerlei politische Macht verf\u00fcgte. So \u00e4nderte sich die Bibelauslegung just zu dem Zeitpunkt, an dem christliche Religion und politische Macht erstmals zusammenflossen <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> und Christen erste Kriege f\u00fchrten. In der Interpretation des Ambrosius von Mailand, dankbar aufgegriffen von Kaiser Gratian, verkehrte sich das absolute Gewaltverbot in eine Pflicht zur Kriegf\u00fchrung in bestimmten F\u00e4llen: \u201eWer nicht gegen das Unrecht, das seinem N\u00e4chsten droht, soweit er kann, k\u00e4mpft, ist ebenso schuldig wie der, der es diesem antut.&#8220; (zit. n. ebd. 1980: 74)<\/p>\n<p>Augustinus, ein bekennender Ambrosius-Verehrer, wird allgemein als der Urheber der Lehre vom \u201egerechten Krieg&#8220; betrachtet. Unter dem Eindruck des zusammenbrechenden r\u00f6mischen Reiches vor den heranr\u00fcckenden V\u00f6lkern aus dem Norden Europas verfasste er sein Hauptwerk \u201eDe civitate Dei&#8220; (\u00dcber den Gottesstaat). Hier definiert der Kirchengelehrte drei Kriterien f\u00fcr den \u201egerechten Krieg&#8220;, aus denen sich ein <em>ius ad bellum<\/em> ableiten l\u00e4sst. \u201eUm [&#8230;] Ausschreitungen gerecht zu bestrafen, m\u00fcssen oft die Guten selbst im Kriege streiten, sei es auf Gehei\u00df Gottes, sei es auf Befehl einer rechtm\u00e4\u00dfigen Staatsgewalt, und gegen die Gewaltt\u00e4tigkeit ihrer Gegner k\u00e4mpfen [&#8230;]&#8220; (zit. n. ebd.: 76). Aus diesem Text leiteten die Augustinus-Exegeten die erste Bedingung des \u201egerechten Krieges&#8220; ab, die Kriegserkl\u00e4rung durch eine rechtm\u00e4\u00dfige Obrigkeit (<em>auctoritas principis<\/em>), die \u201egerechte Krieg f\u00fchrende Partei&#8220;. Zur Beurteilung gegenw\u00e4rtiger Kriegslegitimierungs-Ans\u00e4tze ist jedoch Augustinus&#8216; zweiter Grundsatz des \u201egerechten Krieges&#8220; entscheidender: der \u201egerechte Grund&#8220;. So vermerkte Augustinus: \u201eGerechte Kriege pflegt man als solche zu definieren, die Unrecht ahnden [A&#8220; (zit. n. ebd.: 77). Der augustinische Text definiert also exakt jene Kategorien als Vorbedingungen, mit denen milit\u00e4rische Interventionen auch heutzutage gerechtfertigt werden. Hier findet sich nicht nur die Idee, dass es in bewaffneten Konflikten eine \u201egute&#8220; und eine \u201eb\u00f6se&#8220; Seite gibt, sondern auch die Vorstellung, dass die gute Seite sowohl das Recht als auch die Pflicht hat, den gewaltt\u00e4tigen Gegner zu bestrafen. Augustinus&#8216; \u201egerechter Krieg&#8220; pr\u00e4sentiert sich somit als Strafaktion der \u201eGerechten&#8220; gegen\u00fcber den \u201eUngerechten&#8220;. Besonders wichtig war Augustinus die dritte Bedingung des \u201egerechten Krieges&#8220;, die auf das Verhalten der K\u00e4mpfenden im Krieg abzielt: \u201eBerechtigte Einw\u00e4nde gegen den Krieg sind die in ihm hervortretenden Gesinnungen, wie Lust zu schaden, grausame Rachgier, Unvers\u00f6hnlichkeit, Vergeltungswut, Eroberungssucht [A&#8220; (zit. n. ebd.: 77). Das T\u00f6ten an sich ist f\u00fcr Augustinus allerdings legitim: \u201eWas ist am Kriege zu tadeln? Ist es die Tatsache, dass darin Menschen get\u00f6tet werden \u2014 die doch alle eines Tages sterben m\u00fcssen \u2014, damit die Sieger in Frieden leben k\u00f6nnen?&#8220; (zit. n. ebd.: 77)<\/p>\n<p>Die Lehre vom \u201egerechten Krieg&#8220; wurde seit Augustinus&#8216; Zeiten von verschiedenen Kirchengelehrten rezipiert und weiterentwickelt. Im 13. Jahrhundert nahm sich Thomas von Aquino (1225-1274) des Problems an. Geboren in Italien, das sich in jahrhundertelangen inneren Zwistigkeiten aufrieb und zudem unter st\u00e4ndigen Angriffen von au\u00dfen zu leiden hatte, stellte der Gelehrte die Frage, ob das F\u00fchren von Kriegen per se S\u00fcnde sei. In seiner \u201eSumma Theologica&#8220; definiert er drei Gr\u00fcnde, die den grunds\u00e4tzlich unrechten Krieg \u201egerecht&#8220; machen k\u00f6nnen: Erstens m\u00fcsse die Autorit\u00e4t des Herrschers legitim sein, zweitens m\u00fcsse sich der Krieg gegen ein Unrecht richten und drittens m\u00fcsse die Absicht der Kriegf\u00fchrenden gegeben sein, das Gute zu bef\u00f6rdern und das B\u00f6se zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; ist v\u00f6lkerrechtlich nie wirksam geworden, und die UN-Charta hob das<em> ius ad bellum<\/em> definitiv auf. Auch die Kirche als Urheberin selbst hat sich \u2014 unter dem Eindruck der atomaren Bedrohung \u2014 von der Idee des \u201egerechten Krieges&#8220; verabschiedet.<\/p>\n<p>Die v\u00f6lkerrechtliche und kirchliche Verneinung der Legitimation des \u201egerechten Krieges&#8220; hinderte die Vereinigten Staaten nicht daran, ihre Interventionen mit dem Etikett des \u201egerechten Krieges&#8220; zu versehen. In den milit\u00e4risch ausgefochtenen Konflikten der USA wird in der Regel ein \u201egerechtes Ziel&#8220; proklamiert: die \u201eVerteidigung und Sicherung der demokratischen Welt&#8220; (Beharr 1996: 77). Einen solchen Anspruch hatten die USA bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg erhoben und im Ost-West-Konflikt zum zentralen Dogma zementiert. Nach dem Sieg \u00fcber den Faschismus galten die amerikanischen Kriege dem Gegner Kommunismus. Aus dem Systemkonflikt speiste sich die f\u00fcr den \u201egerechten Krieg&#8220; notwendige Polarit\u00e4t von \u201eGut&#8220; und \u201eB\u00f6se&#8220;. Im Zuge der Systemkonfrontation wurden eine Reihe \u201egerechter Kriege&#8220; gef\u00fchrt. Schon der Koreakrieg beinhaltete die entscheidenden Merkmale des amerikanischen Interventionsmusters zur Zeit des Kalten Krieges. McCarthys Kommunisten-Paranoia sorgte f\u00fcr den entsprechenden ideologischen \u00dcberbau, um die Containment-Strategie zu legitimieren, die es zwingend erschienen lie\u00df, dass die USA auf Seiten von S\u00fcd-Korea intervenierten: zur Rettung der demokratischen Welt. In diesen Kontext geh\u00f6rt auch der einzige nicht gewonnene Krieg der Amerikaner: der Vietnamkrieg. Er diente (offiziell) dazu, eine Invasion S\u00fcdvietnams durch das kommunistische Nordvietnam zu verhindern. Je l\u00e4nger sich die Intervention hinzog, desto weiter entfernte sie sich von den Prinzipien des \u201egerechten Krieges&#8220;. Diese Entwicklung gab den Ansto\u00df zu einer politisch-philosophischen Debatte \u00fcber den \u201egerechten Krieg&#8220;: \u201eUm den Vietnam-Krieg zu verstehen und zu bewerten, griff die amerikanische Philosophie auf die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg zur\u00fcck und versuchte, sie auf die heutige Zeit, auf die Zeit der V\u00f6lkermorde, der Atombombe und der Menschheitsvernichtungswaffen, die Zeit von Auschwitz, Hiroshima, Nagasaki und den Killing Fields anzuwenden.&#8220; (Kersting 1988: 10). Doch die Konzeption blieb fragw\u00fcrdig angesichts der Tatsache, dass im Rahmen des Systemantagonismus jeder bewaffnete Konflikt die m\u00f6gliche Konsequenz des atomaren Overkills in sich barg und ihn dann automatisch zu einem im h\u00f6chsten Ma\u00dfe \u201eungerechten&#8220; Krieg gemacht h\u00e4tte. Erst das Ende des Ost-West-Konflikts lie\u00df die Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; wieder plausibel erscheinen. Nur ein zentrales Grundproblem blieb ungel\u00f6st: Welche Instanz sollte entscheiden, wann ein Krieg \u201egerecht&#8220; ist? Die Antwort der politisch-philosophischen Vordenker war der Ruf nach einem festgeschriebenen internationalen Normen- und Wertesystem, einer \u201eweltb\u00fcrgerlichen Verfassung&#8220;. Wolfgang Kersting formuliert den Anspruch folgenderma\u00dfen: \u201eEs kann nicht l\u00e4nger hingenommen werden, da\u00df die Gemeinschaft der Staaten eine ,anarchical society` bleibt.&#8220; (ebd.: 10)<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Die von George Bush sen. 1991 verk\u00fcndete <em>new world order<\/em> nach dem Ende des Ost-West-Konflikts war die amerikanische Variante einer solchen Welt, die nach allgemeing\u00fcltigen Werten funktionieren sollte \u2014 mit den USA als ihren Garanten. Und der Golfkrieg, George Bushs \u201egerechter Krieg&#8220;, war das beste Beispiel daf\u00fcr, wie eine solche neue Weltordnung aussehen k\u00f6nnte. Zuvor hatte das Feindbild neu definiert werden m\u00fcssen: Von nun an waren es die so genannten \u201eSchurkenstaaten&#8220;, vor denen Amerika die demokratische, freie Welt zu sch\u00fctzen hatte.<\/p>\n<p>Die drei Spielregeln sowohl f\u00fcr den Augustinischen als auch den medial inszenierten \u201egerechten Krieg&#8220; lauten: Es muss einen \u201egerechten Grund&#8220; f\u00fcr den Krieg geben; die Krieg f\u00fchrende Partei muss \u201egerecht&#8220; sein, ebenso wie die Art und Weise der Kriegf\u00fchrung. Die glaubw\u00fcrdige Einhaltung dieser <em>rules of the game<\/em> ist die unerl\u00e4ssliche Voraussetzung f\u00fcr die Kriegsakzeptanz in der \u00f6ffentlichen Meinung. Und so zeigt der Blick auf die Inszenierung der medientauglichen \u201egerechten Kriege&#8220; der Jahrtausendwende drei Spielarten eines immer gleichen Grundmusters.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-gerechten-kriege-des-medienzeitalters-desert-storm-allied-force-und-enduring-freedom\">Die &bdquo;gerechten Kriege&ldquo; des Medien&shy;zeit&shy;al&shy;ters: <em>Desert Storm, Allied Force<\/em> und <em>Enduring Freedom<\/em><\/span><\/h3>\n<h4 class=\"\"><span id=\"1desert-storm-der-krieg-als-polizeiaktion\">1.<em>Desert Storm<\/em>: Der Krieg als Polizei&shy;ak&shy;tion<\/span><\/h4>\n<p>Am 2. August 1990 \u00fcberfiel der Irak das \u00f6lreiche Scheichtum Kuwait. Ein \u201egerechter Kriegsgrund&#8220; war gegeben: Dem \u201eR\u00e4uber von Bagdad&#8220; musste die Beute entrissen werden. Gleichzeitig ergab sich die Gelegenheit, dem \u201eSchurkenstaat&#8220; Irak die illegal und geheim produzierten Massenvernichtungswaffen aus der Hand zu schlagen. Nach einem dramatisch inszenierten diplomatischen Vorlauf, flankiert von einem enormen Truppenaufmarsch am Golf, endete am 15. Januar 1991 ein UN-Ultimatum, ohne dass Saddam Hussein einlenkte. Die USA hatten inzwischen eine weltweite \u201eAllianz der Gerechten&#8220; geschmiedet. Ihre Mission: eine internationale Polizeiaktion, um begangenes Unrecht zu ahnden. Gleichzeitig war es eine Befreiungsaktion. Kuwait, das angeblich letzte Bollwerk der Demokratie auf der arabischen Halbinsel, musste aus der Geiselhaft des in der Presse inzwischen zum Hitler-Wiederg\u00e4nger umgedeuteten Saddam gerettet werden.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Krieges f\u00fchrten die USA ihr Arsenal an \u201eintelligenten&#8220; Waffen vor. Ihr vermeintlich \u201eklinischer&#8220; Charakter wurde dem Fernsehzuschauer mittels Videoanimationen und dank rigider Nachrichtenselektion<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> tagt\u00e4glich eindrucksvoll vorgef\u00fchrt. F\u00fcr jedermann musste deutlich werden: Hier handelte es sich um \u201egerechte Kriegf\u00fchrung&#8220;. Das Bild blieb bestehen, obwohl schon nach wenigen Tagen der Schaulauf der amerikanischen Pr\u00e4zisionswaffen beendet war; nun wurden alte B-52-Bomber eingesetzt, die alle m\u00f6glichen Ziele fl\u00e4chendeckend bombardierten und enorme Zerst\u00f6rungen anrichteten.<\/p>\n<p>Der zweite Golfkrieg endete am 28. Februar 1991. Nach einer nur hundertst\u00fcndigen Bodenoffensive wurde das Feuer eingestellt. \u201eKuwait ist befreit&#8220;, triumphierte George Bush sen. (zit. n. Vo\u00df 1991: 54). Die Bilanz des Krieges: Alliierte Kampfflugzeuge waren \u00fcber 100.000 Eins\u00e4tze geflogen und hatten dabei mehr als 50 Millionen Kilogramm Bomben \u00fcber dem Irak und Kuwait abgeworfen. Im Irak hatte es zwischen 100.000 und 200.000 Tote gegeben. Doch diese waren schnell vergessen. Nicht nur im Mutterland des neuen <em>just war<\/em>, sondern auch in Deutschland, wo inzwischen die Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; \u00fcber das Hintert\u00fcrchen Einzug gehalten hatte.<\/p>\n<p>Am Feldzug \u201ezur Befreiung Kuwaits&#8220; war Deutschland nur finanziell und logistisch beteiligt. Auf den Krieg reagierte die \u00d6ffentlichkeit mit Massenprotesten, Menschenketten und Mahnwachen. Weil f\u00fcr Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges milit\u00e4rische Abstinenz geboten war, hatte die Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; hier zu Lande bislang keine Rolle gespielt. Die Menschenmassen auf den Stra\u00dfen zeigten jedoch nicht das ganze Bild: Jenseits der durch Apokalypse-\u00c4ngste aus dem Schlaf geschreckten Friedensbewegung wurde die Frage nach dem Ende des deutschen \u201eSonderweges&#8220; und der \u201eneuen deutschen Verantwortung&#8220;, diskutiert \u2014 und im Zuge dessen der \u201egerechte Krieg&#8220; neu entdeckt. Die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> reagierte als erstes Leitmedium auf die von Bush vorgegebene Legitimationsfigur und er\u00f6rterte noch vor Kriegsbeginn die Theorie vom \u201egerechten Krieg&#8220; als akzeptable Variante der Kriegf\u00fchrung (FAZ v. 15. Januar 1991). Die Analyse der Kriegsdebatte in den Printmedien <em>Die Zeit<\/em>, <em>FAZ<\/em> und <em>taz<\/em> (Schildmann 2001: 36-50) zeigt: Im Verlauf des Golfkrieges wurde die PR-Strategie \u201egerechter Krieg&#8220; sukzessive auch vom Rest der Presse \u00fcbernommen. Die Mehrheit der Kommentatoren ging von der prinzipiellen Legitimit\u00e4t eines solchen Krieges aus, wenngleich nicht alle bereit waren, den Golfkrieg dazu zu z\u00e4hlen. Kontroverser verlief die Debatte \u00fcber die Frage, ob milit\u00e4rische Gewalt eine Option der deutschen Au\u00dfenpolitik sein k\u00f6nne und ob man sich auch milit\u00e4risch am Golfkrieg beteiligen solle. Das Meinungsspektrum reichte von prinzipiell pazifistischen Standpunkten \u00fcber die Sonderrollen- und Sonderpflicht-Argumentation bis hin zur Forderung nach \u201eNormalit\u00e4t&#8220; f\u00fcr Deutschland.<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"2allied-force-der-menschenrechtskrieg\">2.<em>Allied Force<\/em>: Der Menschen&shy;rechts&shy;krieg<\/span><\/h4>\n<p>Das so genannte \u201eMassaker von Rnak&#8220; am 15. Januar 1999 bildete den Auftakt \u2014 und den \u201egerechten Grund&#8220; \u2014 f\u00fcr den Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Presseagenturen berichteten zwar zun\u00e4chst nur von einer Polizeiaktion gegen UK-Rebellen (Johnstone 1999: 51), doch William Walker, zu dieser Zeit Leiter der OSZEBeobachter-Mission im Kosovo, ging mit einer anderen Version an die \u00d6ffentlichkeit: In einer stark emotional eingef\u00e4rbten Rede beklagte er, serbische Sicherheitskr\u00e4fte h\u00e4tten in dem Dorf Raok 46 Zivilisten auf schreckliche Weise hingerichtet.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> Prompt sprachen die Medien unisono vom \u201eMassaker von Raak&#8220;; die westliche \u00d6ffentlichkeit war entsetzt. Die US-Regierung forderte die sofortige Bombardierung Serbiens. Bereits im August 1998 hatte ein Ausschuss des amerikanischen Senats festgestellt, es fehle nur noch \u201eein Ereignis \u2014 gepaart mit der entsprechenden Berichterstattung in den Medien&#8220; \u2014das eine Intervention \u201epolitisch verk\u00e4uflich machen&#8220; k\u00f6nne (FAZ v. 2. Juni 1999). Das \u201eMassaker von Raok&#8220; wurde zum Symbol f\u00fcr den Konflikt: serbische Barbaren gegen unschuldige albanische Zivilisten (vgl. ebd.: 52).<\/p>\n<p>Ob Pr\u00e4sident Slobodan Milosevic im Kosovo einen B\u00fcrgerkrieg gegen die Untergrundorganisation UK f\u00fchrte oder tats\u00e4chlich eine systematische Vertreibung der kosovo-albanischen Bev\u00f6lkerung im Schilde f\u00fchrte, ist nach wie vor schwer zu beurteilen.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> Doch sp\u00e4testens als Milosevic seine Unterschrift unter den Vertrag von Rambouillet verweigerte, war die Rollenverteilung klar: Die UK wurde von der Nato zur Befreiungsorganisation umetikettiert, Milosevic als Quasi-Hitler stigmatisiert. Als am 24. M\u00e4rz 1999 der Krieg der Nato gegen Jugoslawien begann, lautete die Botschaft der Krieg f\u00fchrenden Regierungen: Im Kosovo gelte es, einen Massenexodus, wenn nicht gar einen V\u00f6lkermord zu verhindern. Das war dann der \u201egerechte Kriegsgrund&#8220;. Die Nato nutzte die Chance als ersten Testfall f\u00fcr ihre gerade beschlossene neue Doktrin und verkaufte sich der \u00d6ffentlichkeit gleichzeitig als eine Art bewaffnete Rot-Kreuz-Truppe in humanit\u00e4rer Mission. Auch dieser Krieg wurde als \u201esaubere Milit\u00e4rkampagne&#8220; pr\u00e4sentiert, die sich nur gegen strategische Ziele richte.<\/p>\n<p>Deutschland f\u00fchrte zum ersten Mal seit 1945 einen Krieg \u2014 und das ohne Mandat der UN. Ein solcher Vorgang musste von den Entscheidungstr\u00e4gern nicht nur moralisch begr\u00fcndet, sondern auch in die deutsche Geschichte eingereiht werden; schlie\u00dflich war so manchem Belgrader der Klang deutscher Wehrmachtsbomber noch in den Ohren. Zu diesem Zweck inszenierten Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der, Verteidigungsminister Rudolf Scharping und Au\u00dfenminister Joschka Fischer einen \u201eGewissenskrieg&#8220;, der paradoxerweise einen erneuten Angriff auf Jugoslawien als historische S\u00fchne f\u00fcr den letzten darstellte. Die deutschen Gro\u00dfstrategen traten mit verteilten Rollen auf: Scharping verk\u00f6rperte Moral und Mitleid und spielte mit Rekurs auf dubiose Horrorstories den emotionalen Aufpeitscher; Schr\u00f6der mimte den besonnenen und sorgenvollen Staatsmann, und Fischer repr\u00e4sentierte mit zergr\u00fcbelter Mine den Fleisch gewordenen Gewissenskonflikt, die Zerrissenheit der deutschen Seele in Kriegszeiten. Mit der milit\u00e4rischen Eskalation eskalierte auch die Rhetorik der verantwortlichen Politiker: Von der \u201ehumanit\u00e4ren Katastrophe&#8220; steigerte sich das Vokabular stufenweise zum \u201eplanm\u00e4\u00dfigen V\u00f6lkermord&#8220;, benutzt wurden historisch bisher f\u00fcr den Nationalsozialismus reservierte Zuschreibungen wie \u201eDeportationen&#8220; und \u201eKonzentrationslager&#8220;. Damit gelang es dem rot-gr\u00fcnen Kleeblatt, die \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland nahezu geschlossen von der Notwendigkeiten und moralischen Legitimit\u00e4t des Krieges zu \u00fcberzeugen. Er wurde zunehmend als moralischer Imperativ betrachtet. Wie deutlich sich die Parameter des Kriegsdiskurses in Deutschland inzwischen verschoben hatten, zeigte sich bei einer Printmedien-Analyse (Schildmann 2001: 83-101). Die Idee vom \u201egerechten Krieg&#8220; wurde im Fr\u00fchjahr und Sommer 1999 in den herangezogenen meinungsf\u00fchrenden Medien nicht mehr angezweifelt und die Frage nach einer deutschen Beteiligung an der Milit\u00e4roperation \u00fcberhaupt nicht diskutiert: Die Vorstellung von der Sonderrolle f\u00fcr Deutschland hatte sich erledigt, erst recht der pazifistische Standpunkt.<\/p>\n<p>Am 9. Juni 1999 endete der Krieg um das Kosovo \u2014 nach 78 Tagen Non-StopBombardement. Etwa die H\u00e4lfte der 30.000 Luftangriffe hatten prim\u00e4r zivile Ziele (Welfens 1999: 46). Die Folge war die Zerst\u00f6rung der Infrastruktur in vielen Teilen des Landes. Die jugoslawische Seite meldete mindestens 1.500 get\u00f6tete und 5.000 verletzte Zivilisten. Zur\u00fcck blieb in Deutschland dennoch das gute Gef\u00fchl, an einem \u201egerechten Krieg&#8220; beteiligt gewesen zu sein.<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"3enduring-freedom-der-krieg-gegen-den-terror\">3.<em>Enduring Freedom<\/em>: Der Krieg gegen den Terror<\/span><\/h4>\n<p>Nach dem Attentat islamistischer Terroristen auf das World Trade Center und das amerikanische Verteidigungsministerium am 11. September 2001 erwartete die Welt\u00f6ffentlichkeit einen schnellen und gewaltigen Gegenschlag der USA. Schlie\u00dflich war der \u201egerechte Kriegsgrund&#8220; eindeutig gegeben \u2014 und die Quelle des Terrors in Afghanistan schnell verortet. Doch die amerikanische Regierung gab sich besonnen und verhandelte nach dem Prinzip der Ultima ratio vier Wochen lang \u00fcber die Auslieferung des Strippenziehers Bin Laden. Dabei konnten die Vereinigten Staaten gleich zwei Asse ausspielen: Denn das Talibanregime zeigte sich nicht nur unkooperativ durch sture Nichtauslieferung des amerikanischen Staatfeindes Nummer Eins; es handelte sich auch um ein Terrorregime, das Frauen brutal unterdr\u00fcckte und wehrlose Buddha-Statuen beschoss. Daraus ergab sich eine doppelte moralische Mission: die Befreiung eines unterdr\u00fcckten Volkes und der Kampf gegen den die zivilisierte Welt bedrohenden Terror.<\/p>\n<p>Nachdem die reichlich einseitig gef\u00fchrten Verhandlungen dann wie vorhersehbar gescheitert waren, begann am 10. Oktober 2001 der amerikanisch gef\u00fchrte Einsatz gegen Afghanistan. Wiederum war eine weltweite Allianz zusammengetrommelt worden: \u201eMutige Soldaten k\u00e4mpfen f\u00fcr eine sichere Welt&#8220;, res\u00fcmierte Chris Patten (<em>Die Zeit<\/em> v. 27. M\u00e4rz 2002). Die PR-Neuheit des Afghanistan-Krieges war der moralische Doppelbeschuss von Brot und Bomben. Dort, wo kein Brot vom Himmel kam, waren es \u2014glaubt man der Propaganda \u2014 Bomben, die so <em>clever<\/em> und<em> smart<\/em> sind, dass sie Terroristen von friedlichen Zivilisten unterscheiden. Dass es trotzdem tote Zivilisten gab, ist schwer zu kommunizieren \u2014 aber \u201ewo gehobelt wird, da fallen auch Sp\u00e4ne&#8220;<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> (Shea 1999: 108). Diese Sp\u00e4ne werden von der \u00d6ffentlichkeit toleriert, solange die Medien die Lesart vom \u201egerechten Krieg&#8220; aufgreifen und transportieren. Dann l\u00e4uft im Kopf des Lesers oder Zuschauers ein Film ab: der <em>Blockbuster<\/em> vom \u201egerechten Krieg&#8220;. Die Drehb\u00fccher f\u00fcr solche Erfolgs-Inszenierungen entsprechen ziemlich genau den Regeln, die der amerikanische Drehbuchexperte C. P. Hant seinen Sch\u00fclern empfiehlt, um einen echten Kassenhit zu landen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"das-drehbuch-des-gerechten-krieges\">Das Drehbuch des &bdquo;gerechten Krieges&ldquo;<\/span><\/h3>\n<p>In jedem erfolgreichen Film gibt es, so lehrt uns C. P. Hang<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a>, einen unvereinbaren Konflikt. Bei diesem ist \u201evon Anfang an klar, dass es keinen Kompromiss zwischen den beiden Gegens\u00e4tzen geben kann. Es gibt nur ein Entweder-Oder, nur Sieg oder Niederlage.&#8220; (Hant 2000: 59) Das wird im Film vom \u201egerechten Krieg&#8220; folgenderma\u00dfen umgesetzt: Die \u201eAllianz der Gerechten&#8220; rettet ein bedrohtes Volk vor einem Terror-Regime, das sich nicht davor scheut, auch Frauen und Kinder auf bestialische Weise zu ermorden \u2014 und bewahrt zugleich die gesamte Welt vor dem R\u00fcckfall in die Barbarei. Auch die Protagonisten-Konstellation entstammt Hants \u00fcbersichtlichem Schwarz-Wei\u00df Schema: ein Held und sein b\u00f6ser Kontrahent. Im Film vom \u201egerechten Krieg&#8220; k\u00e4mpft daher der Gute (hervorragende Besetzung: ein furchtloser amerikanischer Pr\u00e4sident) gegen seinen b\u00f6sen Antagonisten. In den Nebenrollen stehen dem Guten eine Reihe von Helfern zur Seite, sie bilden die \u201eAllianz der Gerechten&#8220;. Es gibt drei Arten von Statistenrollen: Erstens eine geschundene und terrorisierte Volksgruppe, die in ihrem Herzen demokratische, westliche Werte tr\u00e4gt. Zweitens eine diese Ethnie unterdr\u00fcckende, wehrmachts\u00e4hnliche, skrupellose Soldateska, entstammend aus einem verf\u00fchrten, dem nationalistischen oder ideologischen Wahn verfallenen Volk. Drittens eine \u201eFriedensarmee&#8220; \u2014 moderne Kreuzritter ohne Furcht und Tadel \u2014, die die unterdr\u00fcckte Volksgruppe von ihrem Joch befreit.<\/p>\n<p>Der Szenenverlauf folgt einem fest gef\u00fcgten Schema: Am Anfang steht der Hook. Das bedeutet Angelhaken \u2014 und damit ist seine dramaturgische Funktion pr\u00e4zise beschrieben. In <em>Action-Adventure<\/em>-Filmen beginnt die Handlung oft damit, dass ein Unrecht geschieht, das geahndet werden muss (Hant 2000: 80). So beginnt der Plot des Filmes \u201eW\u00fcstensturm im Irak \u2014 Der gerechte Krieg&#8220; mit der Besetzung Kuwaits durch den Irak. Der <em>Hook<\/em> im Film \u201eMit vereinter Kraft f\u00fcr das Kosovo \u2014 Der noch gerechtere<br \/>\nKrieg&#8220; ist das \u201eMassaker von Ra\u00e7ak&#8220;. Dieses Ereignis schaffte Aufmerksamkeit, weckte Emotionen und die Erwartung, dass unbedingt etwas geschehen muss. Am besten eignet sich \u201eeine Folge von Bildern mit starker suggestiver Kraft&#8220; (Hant 2000: 74). Zwei Flugzeuge, die in das <em>World Trade Center<\/em> rasen und es einst\u00fcrzen lassen, sind \u2014 zynisch betrachtet \u2014 ein grandioser <em>Hook<\/em> f\u00fcr den Film \u201eUnendliche Gerechtigkeit \u2014 der gerechteste aller gerechten Kriege&#8220;.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Bevor sich Gut und B\u00f6se im Showdown gegen\u00fcber stehen, muss dem Publikum vermittelt werden, wie absolut perfide der Gegner ist. Es gilt, den Zuschauer mit der <em>Backstory<\/em> vertraut zu machen. Durch diese Vorgeschichte \u201eerh\u00e4lt die Geschichte Glaubw\u00fcrdigkeit, Bedeutung und Tiefe. Dem Zuschauer wird bewusst, dass die Spitze des Eisberges, die er sieht, tats\u00e4chlich auf einer gewaltigen Basis ruht.&#8220; (Hant 2000: 64) Die <em>Backstory<\/em>, die f\u00fcr die Dramaturgie wie eine zusammengedr\u00fcckte Sprungfeder funktioniert, h\u00e4lt viele abschreckende und bluttriefende Beispiele bereit. Sie wird nun durch <em>Flashbacks<\/em> wieder an das Tageslicht bef\u00f6rdert. Im Film \u201eMit vereinter Kraft f\u00fcr das Kosovo \u2014 Der noch .gerechtere Krieg&#8220; ist der Fall \u201eSrebrenica&#8220; aus dem Bosnien-krieg die wichtigste R\u00fcckblende. Das Massaker wird dem Zuschauer als Mahnmal vor Augen gef\u00fchrt: als der gr\u00f6\u00dfte R\u00fcckfall in die Barbarei auf europ\u00e4ischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Im Zeitraffer zeigt der Film dann einen hochdiplomatischen Vorlauf, in dem alles unternommen wird, um die Katastrophe abzuwenden und die milit\u00e4rische Konfrontation zu verhindern. Ein Ultimatum bringt Spannung in die Handlung: W\u00e4hrend der Countdown abl\u00e4uft und gleichzeitig die Truppen am Schauplatz aufmarschieren, zittert die Welt: Wird der Tyrann klein beigeben? Nat\u00fcrlich gibt der Schurke nicht klein bei. Er br\u00fcskiert die ganze Welt, indem er ihr ins Gesicht lacht. Nun muss gehandelt werden. Die Welt kann nicht l\u00e4nger warten. Der Plot-Beginn l\u00f6st eine Folge von Aktion und Reaktion aus, \u201edie den Ablauf der Geschichte als etwas Zwangsl\u00e4ufiges erscheinen l\u00e4sst&#8220; (Hant 2000: 81).<\/p>\n<p>Der erste H\u00f6hepunkt des Filmes, der<em> Plot Point<\/em> eins, ist der Ablauf des Ultimatums. Er f\u00fchrt unvermeidlich zur Konfrontation der beiden Gegner. Nun beginnt der Krieg. Denn es geht um das \u00dcberleben der Menschheit! Eine Trag\u00f6die ungeahnten Ausma\u00dfes muss verhindert werden. Darum zieht die milit\u00e4rische Speerspitze der zivilisierten Welt jetzt in die Schlacht f\u00fcr Humanit\u00e4t und Menschenrechte. Durch \u201ehumanes Bomben&#8220; mit \u201echirurgischen&#8220; Waffen zeigt sich die \u201eAllianz der Gerechten&#8220; ma\u00dfvoll, sie schont die Zivilbev\u00f6lkerung und trifft nur den B\u00f6sen und seine willigen Vollstrecker \u2014 ein Krieg aus Mitleid und ohne Nebenwirkungen.<\/p>\n<p>Im Filmverlauf dringend zu vermeiden sind Ungereimtheiten, so genannte<em> Story Holes<\/em>. Sie ergeben sich beispielsweise, wenn im Film die Bomben statt Frieden einen Massenexodus (wie im Kosovo) bewirken. Falls sich solche <em>Story Holes<\/em> absolut nicht umgehen lassen, \u201esollten sie vom Zuschauer zumindest nicht erkannt werden&#8220; (Hant 2000: 113). Ein Beispiel f\u00fcr die Kompensation eines <em>Story Holes<\/em> demonstrierte der Co-Regisseur des Films vom \u201egerechten Krieg im Kosovo&#8220;. Als die Story allzu zweifelhaft wird, zaubert Verteidigungsminister Scharping den \u201eHufeisenplan&#8220;<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> aus dem \u00c4rmel \u2014und die Geschichte macht auf einen Schlag wieder Sinn.<\/p>\n<p>Ebenfalls zu vermeiden sind Szenarien, die das Schwarz-Wei\u00df-Raster konterkarieren und Zwischent\u00f6ne aufkommen lassen. Das Image vom sauberen Krieg l\u00e4sst sich schwer aufrechterhalten, wenn statt Hightech nun uralte B-52-Bomber zum Einsatz kommen und die auch bildtechnisch gesehen unsch\u00f6nen \u201eKollateralsch\u00e4den&#8220; \u00fcberhand nehmen. Beim Film vom \u201egerechten Krieg&#8220; wird daher im Verlauf der Schlacht auch der Gegner immer monstr\u00f6ser, seine Verbrechen immer perfider. Der Kriegsfilm mutiert kurzfristig zum Horror- oder auch Splatterfilm. Es ereignet sich eine Apokalypse an Verst\u00fcmmlungen und Exekutionen, es gibt Hinrichtungsopfer mit ausgestochenen Augen und Schwangere mit aufgeschlitzten B\u00e4uchen (so Rudolf Scharpings Schilderung auf einer Pressekonferenz am 16. April 1999) \u2014 und alles, was die Genrekonventionen sonst noch hergeben.<\/p>\n<p>Die Menschenrechtskrieger fechten die Schlacht bis zum Schluss aus \u2014 bis zum <em>Plot Point<\/em> zwei, dem szenischen H\u00f6hepunkt des Films. Ungeeignet ist ein H\u00f6hepunkt, bei dem sich \u201eProtagonist und Antagonist auf einen Kompromiss einigen&#8220; (Hant 2000: 91). Daher muss der Gegner bedingungslos kapitulieren, die gute Seite muss auf ganzer Linie siegen. Es gelte, so erkl\u00e4rte 1991 ein Vertreter der Bush-Administration, Saddam Hussein durch Beibringung einer \u201etotalen Niederlage&#8220; zum \u201epolitischen Selbstmord&#8220; zu zwingen (taz v. 28. Februar 1991).<\/p>\n<p>In der amerikanischen Version des \u201egerechten&#8220; Kriegsfilms triumphiert die Nation angesichts des erneuten Sieges der Freiheit und der Gerechtigkeit. Die Gener\u00e4le werden als Helden gefeiert, die zur\u00fcckkehrenden Soldaten mit Konfetti-Paraden in den Stra\u00dfen begr\u00fc\u00dft. Triumphgeheul ist in der deutsche Adaption nicht vorgesehen. Mit Demut und Understatement kehren die Politiker zur Tagesordnung zur\u00fcck \u2014 allein ein paar zus\u00e4tzliche Falten in den Gesichtern erinnern an das Geschehene. Und das gute Gef\u00fchl: Deutschland war in diesem \u201egerechten Krieg&#8220; endlich auf der richtigen Seite. Fortsetzung folgt.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Beham, Mira<\/em> 1996: Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><em>Larry Beinhart<\/em> 1994: American Hero (aus dem Amerikanischen v. J\u00fcrgen B\u00fcrger u. Peter Torberg; amerik. Ausgabe 1993), K\u00f6ln<\/p>\n<p><em>Engelhardt, Paulus<\/em> 1980: Die Lehre vom \u201egerechten Krieg&#8220; in der vorreformatorischen und katholischen Tradition. Herkunft \u2014 Wandlung \u2014 Krise; in: <em>Steinweg, Reiner<\/em> (Hg.): Der gerechte Krieg: Christentum, Islam, Marxismus, Frankfurt\/Main, S. 72-162<\/p>\n<p><em>Fuchs, Albert<\/em> 2001: Gerechter Krieg?; in: <em>Friedensforum. Rundbrief der Friedensbewegung<\/em>, Jg. 14, Heft 1, S. 36-38<\/p>\n<p><em>Hant, C. P<\/em>. 2000: Das Drehbuch. Praktische Filmdramaturgie, 2. Aufl., Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Kersting, Wolfgang<\/em> 1988: Philosophische Friedenstheorie und internationale Friedensordnung; in:<br \/>\n<em>Chwaszcza, Christine\/ Kersting, Wolfgan<\/em>g (Hgg.): Politische Philosophie der internationalen Beziehungen, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Johnstone, Diana<\/em> (1999): Das Racak-Massaker als Ausl\u00f6ser des Krieges; in: <em>Bittermann, Klaus\/Deichmann, Thomas<\/em> (Hgg.): Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben. Die Gr\u00fcnen, die SPD, die Nato und der Krieg auf dem Balkan, Berlin, S. 51-67<\/p>\n<p><em>Michal, Wolfgang<\/em> 1999: Orientalische Fragen. Deutschlands Rolle im Kosovo-Krieg; in: <em>Bittermann, Klaus\/Deichmann, Thomas<\/em> (Hgg.): Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben. Die Gr\u00fcnen, die SPD, die Nato und der Krieg auf dem Balkan, S. 77-83<\/p>\n<p><em>Schildmann, Christina<\/em> 2001: Die (Neu-)Entdeckung des \u201egerechten Krieges&#8220;. Eine vergleichende Analyse der Mediendebatte w\u00e4hrend des Golfkriegs und w\u00e4hrend des Kosovokriegs \u00fcber den Einsatz milit\u00e4rischer Mittel zur Durchsetzung au\u00dfenpolitischer Ziele, Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln<\/p>\n<p><em>Trampert, Rainer<\/em> 2002: Pipelines in der Postmoderne. Viele Linke finden Empirie bl\u00f6de und die Kritik der politischen \u00d6konomie noch bl\u00f6der. So geraten die imperialistischen Interessen aus dem Blick; in: <em>Els\u00e4sser, J\u00fcrgen<\/em> (Hg.): Deutschland f\u00fchrt Krieg. Seit dem 11. September wird zur\u00fcckgeschossen, Hamburg, S. 11-30<\/p>\n<p><em>Vo\u00df, Peter<\/em> 1991: Sechs Wochen Golfkrieg \u2014 eine Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr die Aktualit\u00e4t des ZDF; in: <em>Felix, J\u00fcrgen\/Zimmermann, Peter<\/em> (Hgg.): Medien-Krieg. Zur Berichterstattung \u00fcber die Golfkrise, Marburg, S. 54-56<\/p>\n<p><em>Welfens, Paul J. J.<\/em> 1999: Der Kosovo-Krieg und die Zukunft Europas: Diplomatieversagen, Kriegseskalation, Wiederaufbau, Euroland, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><em>Z\u00fcrn, Michael<\/em> 1991: Vorbemerkungen zu einer notwendigen Diskussion; in: <em>Arbeitsgruppe Friedensforschung<\/em> (Hg.): Analysen zum Golf-Krieg (<em>T\u00fcbinger Arbeitspapiere aktuell<\/em>), T\u00fcbingen<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h3>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Nach dem Mail\u00e4nder Edikt des christenfreundlichen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 313.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Ein prominenter F\u00fcrsprecher einer solchen These ist beispielsweise J\u00fcrgen Habermas.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Pressezensur w\u00e4re das falsche Wort. Die Nachrichten werden in der Presse nicht unterdr\u00fcckt, sie gelangen gar nicht erst an die Presse.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Ob dieser Vorgang sich tats\u00e4chlich in dieser Form ereignet hat, ist stark umstritten. Ein finnisches Untersuchungsteam meldet erhebliche Zweifel daran an, dass es sich bei den Toten um Zivilisten handelte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Noch am 12. Januar 1999 hatte beispielsweise das Ausw\u00e4rtige Amt in seinem Lagebericht festgestellt: \u201eEine explizit an die albanische Volkszugeh\u00f6rigkeit ankn\u00fcpfende<br \/>\npolitische Verfolgung ist auch im Kosovo nicht festzustellen.&#8220; (Michal 1999: 78)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> So erl\u00e4uterte Jamie Shea, Nato-Sprecher w\u00e4hrend des Kosovokrieges, die Lage 1999 in Jugoslawien.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Krieg nach Drehbuch \u2014 diese Idee findet sich auch in dem Roman \u201eAmerican Hero&#8220; von Larry Beinhart.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Diese drei Filmtitel sind nat\u00fcrlich eine reine Erfindung der Autorin.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Der angebliche Plan der jugoslawischen Regierung zur systematischen Vertreibung der KosovoAlbaner aus dem Kosovo.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[46,6],"tags":[739,851],"autoren":[3321],"publikationen":[1211],"class_list":["post-19003","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-anti-terror-kampf","category-frieden","tag-anti-terror-kampf","tag-publikationen-vorgaenge","autoren-christian-schildmann","publikationen-vorg-159"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Bomben aus Stahl, das Pathos aus Hollywood: Die Wiederentdeckung des \u201egerechten Krieges&quot; im Medienzeitalter - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/19003\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Bomben aus Stahl, das Pathos aus Hollywood: Die Wiederentdeckung des \u201egerechten Krieges&quot; im Medienzeitalter - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Alle, die \u201ef\u00fcr die Freiheit sind, sind auf unserer Seite&#8220;, verk\u00fcndete Pr\u00e4sident Bush jr., als am 10. 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