{"id":19045,"date":"2024-01-08T15:29:30","date_gmt":"2024-01-08T14:29:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19045"},"modified":"2024-01-08T15:30:15","modified_gmt":"2024-01-08T14:30:15","slug":"rezension-dirk-moses-nach-dem-genozid-grundlage-fuer-eine-neue-erinnerungskultur","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-250\/publikation\/rezension-dirk-moses-nach-dem-genozid-grundlage-fuer-eine-neue-erinnerungskultur\/","title":{"rendered":"Rezension: Dirk Moses: Nach dem Genozid. Grundlage f\u00fcr eine neue Erinnerungskultur"},"content":{"rendered":"<p>Die Ereignisse und Folgen des Terroranschlags vom 7. Oktober2023 bestimmen die Politik, die Nachrichten, die Handlungen und Empfindungen vieler nachhaltig und eindr\u00fccklich.<\/p>\n<p>Durch das Erscheinen des Buches vor dem 7. Oktober erh\u00e4lt diese Auseinandersetzung mit den Begriffen <em>Genozid<\/em>, <em>V\u00f6lkermord<\/em>, <em>Kriegsverbrechen<\/em> und <em>Verbrechen gegen die Menschlichkeit<\/em> eine von den aktuellen Ereignissen nicht belastete Aktualit\u00e4t. <em>Nach dem Genozid <\/em>basiert auf dem Buch <em>The Problem of Genocide<\/em> von Dirk Moses, erschienen 2021. Moses hat mit seinen Schriften Aufmerksamkeit erzeugt. Etwa hat sich eine Diskussion um sein Essay \u00fcber Erinnerungskultur <em>Der Katechismus der Deutschen<\/em> (Moses 2021) und die Kritik daran von Meron Mendel in seinem Buch <em>\u00dcber Israel Reden<\/em> ergeben (Mendel 2023).<\/p>\n<p>Moses betrachtet einen Genozid als Verbrechen aller Verbrechen und versucht, dessen Bedeutung f\u00fcr V\u00f6lkermord sowie Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion zu definieren und nachzuvollziehen. Er stellt die Behauptung, massenhaftes T\u00f6ten von Zivilistinnen und Zivilisten erscheint als akzeptabel, solange es durch hehre Zwecke motiviert ist, in Frage.<\/p>\n<p>Folgen wir seinem Buch, so werden wir auf die UN-Konvention \u00fcber die Verh\u00fctung und Bestrafung des V\u00f6lkermordes und die damit verbundene Beschreibung, \u201eeine Handlung, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religi\u00f6se Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerst\u00f6ren\u201c hingewiesen. Gilt der Genozid als Verbrechen aller Verbrechen als h\u00f6chster normativer Ma\u00dfstab? Demnach darf die betroffene Gruppe nicht der Feind im Krieg und oder in einer Rebellion sein. Ist sie es doch, so handelt es sich nicht um V\u00f6lkermord. Wenn im Laufe eines Krieges Millionen von Menschen aus der Zivilbev\u00f6lkerung umgebracht werden, kann dies demnach nicht als V\u00f6lkermord benannt werden (S. 10).<\/p>\n<p>In Referenz zum Haager Abkommen von 1907 wurden die Handlungen an den Armenierinnen und Armeniern zuerst auch nur als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Moses gibt eine tiefen Einblick in die Geschichte der Gewalt bis zur\u00fcck in die Sklaverei, die Kolonialisierung und den Umgang mit indigenen V\u00f6lkern. Die neue europ\u00e4ische Kontroverse im Bem\u00fchen darum, angemessen \u00fcber koloniale Vergangenheit zu reden, k\u00f6nnte hierauf Bezug nehmen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Zeit nach 1948 zeigt Moses die verheerende Anzahl der zivilen Opfer in den kriegerischen Auseinandersetzungen auf. Aus der Definition des V\u00f6lkermordes, des Genozids, werden die hohen Zahlen der get\u00f6teten Bev\u00f6lkerung im Vietnamkrieg, im Krieg gegen Afghanistan, im Jemen, im Sudan, vielleicht insgesamt die Opfer der Vereinigten Staaten im globalen Kampf gegen den Terror davon ausgenommen. Ja, gerade als zynisch empfindet Moses die Hinnahme dieser Opfer als Kollateralschaden. Auch zivile Zerr\u00fcttung w\u00e4re nicht genozidal. Die gegebene Hierarchisierung f\u00fchrt zu einer ungleichen und nicht gerechtfertigten Bewertung der Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>Wohin f\u00fchrt diese Unterscheidung? Dirk Moses f\u00fchrt hierf\u00fcr den Begriff der <em>dauerhaften Sicherung<\/em> ein (S. 65). Interessant differenziert er nach liberaler Sicherung und antiliberaler Sicherung. Liberale Sicherung bezieht sich auf das Territorium der Welt, im dem im Namen der Menschheit und Humanit\u00e4t h\u00f6here Ziele erstrebt werden. Ein erstes Beispiel w\u00e4re die Begr\u00fcndung, die imperiale Herrschaft Gro\u00dfbritanniens diente dem Ende des Sklavenhandelns. Generell lege hier ein Anspruch auf Sicherung universaler Werte vor, der vermeintliche Nutzen von Zivilisation, Christentum und Handel ben\u00f6tige und erlaube den Imperialismus. Die Folgen dieser Strategie f\u00fcr die vorhandene Bev\u00f6lkerung werden ausf\u00fchrlich beschrieben. Die erforderliche dauerhafte Sicherung f\u00fchre auch zu dem Begriff des <em>Rasenm\u00e4hens<\/em>, wie die langfristige Zerm\u00fcrbungsstrategie von Israels Sicherheitsanalysten von Moses genannt wurde (S. 10).<\/p>\n<p>Entgegen der liberalen Sicherung definiert Moses eine antiliberale Sicherung als Sicherung innerhalb des eigenen gegebenen oder antizipierten Territoriums gegen eine Bedrohung der eigenen Nationalit\u00e4t. Hier kommt die Praxis zum Tragen, eine nationale, ethnische, rassische oder religi\u00f6se fremde Gruppe als Feind zu sehen, als dauerhafte Bedrohung. Damit kann auf Grund der Staatsr\u00e4son diese Gruppe insgesamt dauerhaft interniert, vertrieben oder ausgel\u00f6scht werden. Hier kann die Triebkraft exzessiver Gewalt gefunden werden.<\/p>\n<p>Der nationalsozialistische \u201eErl\u00f6sungsimperalismus\u201c w\u00e4re der H\u00f6hepunkt der antiliberalen Sicherung (S. 97). Eindr\u00fccklich werden die Einzigartigkeit und Besonderheit dessen analysiert und beschrieben. Die umfangreiche Darstellung mit Bezug auf historische Quellen erlaubt die Zugeschreibung der besonderen Singularit\u00e4t des Holocaust.<\/p>\n<p>Lesenden bleibt es \u00fcberlassen zu entscheiden, ob die Definition der dauerhaften Sicherheit und die Unterscheidung zwischen liberaler und antiliberaler Form hilfreich ist. Insbesondere die jeweils angesprochenen Territorien ergeben keine dauerhafte Differenzierung. Und ist die dauerhafte Sicherung nicht zu illusion\u00e4r, um als Orientierung f\u00fcr politisches Handeln zu gelten (Siemens: 2021)?<\/p>\n<p>Zum Abschluss wendet sich Moses der Erinnerungskultur zu. Er wirft die Frage auf, ob diese in Deutschland fremdbestimmt w\u00e4re. F\u00fchrt die Betrachtung des Holocaust im Zusammenhang mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit \u00e4lterer und j\u00fcngerer Vergangenheit zu einer Relativierung der Judenverfolgung? Hier setzt die deutliche Kritik von Mendel an. Dieser wehrt sich nicht gegen einen Vergleich sofern es die Betrachtung von Gemeinsamkeiten, \u00c4hnlichkeiten und Unterschieden betrifft, sofern gemeinsame Kriterien angewendet werden k\u00f6nnen. Mendel (2023: 162) wehrt sich gegen die Einordnung, die Gr\u00fcndung des Staates Israel als koloniale Landnahme zu betrachten. Er sieht in dem Ansatz von Moses eine Intention, zum falschen Zeitpunkt eine Diskussion anzuregen, die die israelische Staatlichkeit in Frage stellt. Dies w\u00fcrde auch die Zustimmung aus dem rechtsextremen und nationalistischen Spektrum belegen. Der Begriff <em>dauerhafte Sicherheit<\/em> weist dagegen auf die Gefahren einer m\u00f6glichen, sich daraus ergebenen Gewalteskalation hin. Nach Ansicht des Rezensenten kann nur eine glaubw\u00fcrdige lebenswerte Perspektive f\u00fcr Pal\u00e4stina die Sicherheit Israels gew\u00e4hren. Ob die Kritik Moses zwingend korrekt ist, muss die kritische Leserschaft entscheiden. Das Buch erm\u00f6glicht es, die Bedeutung des Holocaust im Verlauf der Geschichte zu verfolgen.<\/p>\n<h3 class=\"\">Zus&auml;tzliche verwendete Literatur<\/h3>\n<p><em>Mendel, Meron<\/em> 2023: \u00dcber Israel Reden, Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, 4. Auflage.<\/p>\n<p><em>Moses, Dirk<\/em> 2021: Der Katechismus der Deutschen in: <em>Geschichten der Gegenwart<\/em> vom 23.5.2021.<\/p>\n<p><em>Siemens, Daniel<\/em> 2021: Illiberale Sicherheit, in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vom 30.4.2021.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[6],"tags":[2546,791],"autoren":[3335],"publikationen":[3334],"class_list":["post-19045","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-frieden","tag-publikationen-hu-mitteilungen","tag-rezension","autoren-werner-bergmann","publikationen-mitteilungen-250"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Dirk Moses: Nach dem Genozid. 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