{"id":19248,"date":"2024-03-26T11:07:22","date_gmt":"2024-03-26T10:07:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19248"},"modified":"2024-03-26T11:07:22","modified_gmt":"2024-03-26T10:07:22","slug":"rezension-strafe-als-unnoetige-leidzufuegung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-243\/publikation\/rezension-strafe-als-unnoetige-leidzufuegung\/","title":{"rendered":"Rezension: Strafe als unn\u00f6tige Leidzuf\u00fcgung"},"content":{"rendered":"<p>Louk Hulsman (2023-2009) geh\u00f6rt f\u00fcr meine Generation zu den Begr\u00fcndern des kriminalpolitischen Abolitionismus (neben Herman Bianchi, Nils Christie und Thomas Mathiesen). W\u00e4hrend von allen \u00dcbrigen zahlreiche B\u00fccher in \u00dcbersetzung (auf Deutsch, mindestens aber auf Englisch) zug\u00e4nglich waren und sind, war dies bei Hulsman anders. Neben Schriften in seiner Heimatsprache, dem Niederl\u00e4ndischen, hatte er zwar einige eher kurze Aufs\u00e4tze auf Englisch ver\u00f6ffentlicht und dann als Vorsitzender eines Komitees des Europarates den einflussreichen <em>Report on Decriminalization<\/em>. Als sein Hauptwerk gilt aber ein franz\u00f6sischsprachiger Text (<em>Peines Perdues<\/em> von 1982). F\u00fcr meine Generation, f\u00fcr die das Englische zur lingua franca geworden war, stellte dies eine echte Zugangsschranke dar. 40 Jahre sp\u00e4ter liegt nun endlich eine englische \u00dcbersetzung vor. Sie stammt von dem kanadischen Kriminologen Justin Pich\u00e9 und von Jehanne Hulsman, Louks vielsprachiger Tochter. Von ihr stammt eine sehr lesenswerte Vorbemerkung \u00fcber die \u201eunm\u00f6gliche Aufgabe\u201c der \u00dcbersetzung: \u201etrying not to rely on likely and common translations, but instead searching for the music in the translation by which one aims to seize the original intended meaning within the context it was communicated in\u201d (20). Der vorliegende Band besteht aus zwei gro\u00dfen Teilen: der \u00dcbersetzung von Peines Perdues einerseits, sowie andererseits neun Kommentaren von Kolleg*innen, einschlie\u00dflich eines Nachworts des Herausgebers.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\"><i>Peines Perdues<\/i> besteht selbst aus zwei Teilen. Der erste Part ist ein l\u00e4ngeres Interview-Gespr\u00e4ch zwischen Hulsman und Jacqueline Bernat de Celis, einer franz\u00f6sischen Kriminologin. Der Text des Interviews mit Bernat de Celis ist besonders lebendig und aufschlussreich, vor allem was seine fr\u00fchen (kritischen) Einsichten in die Gesetzgebungspraxis betrifft. Aber auch seinen Hinweis, dass \u201eabolitionist practice from modest positions\u201c m\u00f6glich ist. Und nat\u00fcrlich seine intensive Neugierde auf Menschen aus anderen sozialen und kulturellen Sph\u00e4ren, welche er in vielen hundert Meetings, <i>working groups<\/i> und so weiter auslebte, \u201ewhich opened me up and deprogrammed me\u201c. Gute Fragen von seiner Interviewerin bringen klare Antworten, etwa, dass er nie ein Pazifist gewesen sei, aber auch die sch\u00f6ne Antwort, die er seinem kleinen Sohn gegeben hat, als dieser ihn fragte, ob es echt b\u00f6se Menschen gebe: \u201eI don&#8217;t know, Lodewijk, but I have never met such a person\u201c. Das gilt auch f\u00fcr seine Vorstellung, dass die Abschaffung des Strafsystems eine \u201ecollective conversion\u201c erfordern w\u00fcrde, wie sie nach den Hexenverbrennungen, der Sklaverei und der Praxis von K\u00f6rperstrafen stattgefunden hat. Das hat mich an Mathiesen erinnert, der einen Workshop abhalten wollte \u00fcber <i>The end of institutions that were supposed to never end<\/i>. Gemeinsamkeiten finden sich auch mit anderen gro\u00dfen K\u00f6pfen (Herman Bianchi, Nils Christie, aber auch Ivan Illich) wenn er f\u00fcr die Praxis vorschl\u00e4gt: \u201e[W]e have to strive for deprofessionalization, deinstitutionalization and decentalization\u201c (49). Das alles ist der Louk Hulsman, an den ich mich erinnere: charmant, einfallsreich und nachhaltig \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auf das Interview folgen 60 kurze Texte, ohne explizite Fragen und kl\u00e4rende R\u00fcckfragen. Bernat de Celis bezeichnet sie als \u201etwo series of reflections [\u2026] in which he reveals the internal coherence of the penal abolitionist perspective\u201d. Er und Bernat de Celis werden als Autor*innen der Texte genannt. Dieser Teil hat nicht den dialogischen Charme des Interviews. Man hat den Eindruck, dass Hulsman vorhandene Notizzettel ordnet und neue hinzuf\u00fcgt, vielleicht unter dem Einfluss von Bernat de Celis. Im Einzelnen ist das durchaus erhellend, manchmal aber auch sprunghaft und gelegentlich volkshochschulm\u00e4\u00dfig. Mit etwas M\u00fche kann man sich daraus aber ein Bild der Hulsmanschen Philosophie und Terminologie zusammensetzen. Hier eine erste Skizze:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Zentral ist f\u00fcr Hulsman die Ablehnung und Dekonstruktion des Begriffs Straftat (crime) (103ff.\/144): \u201ethe words crime, criminal, criminality, criminal policy etc. belong to the criminal dialect\u201d (104). Er findet, dass wir diese Sprache ablegen m\u00fcssen, dieser Logik abschw\u00f6ren, um zu einer vern\u00fcnftigen Einsch\u00e4tzung der sozialen Wirklichkeit zu kommen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">Es sei sinnlos zu erwarten, dass das Strafsystem (<em>penal system<\/em>) strafbare Handlungen unterdr\u00fccken k\u00f6nne; es sei im Gegenteil so, dass es diese Ph\u00e4nomene selbst erschaffe, indem es v\u00f6llig unterschiedliche Ph\u00e4nomene als Straftaten definiere (115). Dieses System insgesamt, nicht nur das Gef\u00e4ngnis, sei ein soziales \u00dcbel, welches insgesamt abgeschafft werden m\u00fcsse (101).<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">Als Ausweg aus dieser Logik schl\u00e4gt Hulsman vor, stattdessen von \u201eproblematic situations\u201d\u201c (108) zu sprechen, wobei keine dieser problematischen Situation einer anderen gleicht (112). F\u00fcr jede dieser Situationen gebe es mehrere M\u00f6glichkeiten, damit umzugehen. Das Strafrecht sei nur eine davon. Etwas eine \u201eStraftat\u201c zu nennen, hei\u00dfe, sich von vornherein auf diese unfruchtbare Option zu beschr\u00e4nken. Hier haben bekanntlich Hanack und andere im Jahr 1989 mit ihrer Untersuchung zur Ph\u00e4nomenologie der gest\u00f6rten Routine und des allt\u00e4glichen Umgangs damit angesetzt.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">Die Probleme, die das Strafsystem zu l\u00f6sen vorgibt, lassen sich, nach Hulsman, auf andere Weise l\u00f6sen, insbesondere durch \u201eorganized face-to face meetings\u201c (139). Spezifisch nennt er Schiedsverfahren (<em>arbitration<\/em>), auch Zivilgerichte (138), besser aber <em>community boards<\/em>, was so etwas wie Nachbarschaftsvertretungen sein sollen (140). Davon verspricht er sich eine gesellschaftliche Wiedergeburt: \u201eIn my mind, abolishing the penal system would mean bringing communities, institutions and people back in\u201c.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">Die von Hulsman genannten Beispiele betreffen prim\u00e4r die <em>traditional delinquency<\/em>: Eigentums- und Verm\u00f6gensdelikte, Verletzungs- und T\u00f6tungsdelikte (63); er betont aber, dass die Abschaffungsforderung keine Ausnahme kennt (130); sie gilt auch f\u00fcr den Finanz- oder Wirtschaftsbereich (128).<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der zweite Teil des Buches besteht aus kurzen Essays\/Kommentaren von Freund*innen und Kolleg*innen aus aller Welt. Einige davon sind eher deprimierend gestimmt: Aus Brasilien, Frankreich, den Niederlanden und Serbien, wo man das Buch seit Jahrzehnten im Original oder \u00dcbersetzungen lesen konnte, wird von Expansionen des Strafsystems berichtet. Die Entt\u00e4uschung ist sp\u00fcrbar, aber in keinem dieser Texte wird ernsthaft die Frage diskutiert, woran das lag oder ob der Entt\u00e4uschung nicht eine falsche Erwartung zugrunde liegt. Die Grundstimmung wird durch den Schlusssatz der serbischen Autor*innen Ignjatovic und Ljubicic noch unterstrichen: \u201eOverall, we must continue to fight for the impossible\u201c (192). Das ist ein Hulsman-Zitat.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aufschlussreicher und weiterf\u00fchrend sind die \u00fcbrigen Beitr\u00e4ge kritischer Jurist*innen und Kriminolog*innen:<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">David Scott, kritischer Kriminologe und Aktivist, unterstreicht in eigenen Worten das zentrale Thema: dass es darum geht, sich der Logik des Begriffs <i>crime<\/i> zu entziehen. Er verweist darauf, dass Hulsman seinen Ansatz, mit einem bei uns kaum gebr\u00e4uchlichen Begriff, als \u201eanaskopisch\u201c bezeichnet hat, sprich vom Individuum ausgehend (und nicht von gr\u00f6\u00dferen Einheiten). Dieser Begriff wird auch von Andrea Beckmann gebraucht, einer deutsch-irischen Wissenschaftlerin und der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Hulsman Foundation. In ihrer Forschung zu \u201eunterdr\u00fcckten Wissensformen\u201c im Bereich der Sexualit\u00e4t verwendet sie, orientiert an Hulsman, einen ethnologisch-verstehenden <i>bottom-up view<\/i>.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Alejandro Forero Cu\u00e9llar, Strafrechtsprofessor und Anti-Folter-Aktivist n\u00e4hert sich dem Hulsmanschen Ansatz durch einen Vergleich mit dem Anarchismus. Hulsmans Denken sei revolution\u00e4r, weil er Ver\u00e4nderungen im Hier und Jetzt als Ans\u00e4tze f\u00fcr eine k\u00fcnftige Gesellschaft vorschlage. \u201eCertain structures cannot be abolished in the future if they are not abolished in the present\u201d (271).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">So sieht das auch Eugenio Ra\u00fal Zaffaroni, prominenter argentinischer Richter und Strafrechtslehrer. Alle Strafjurist*innen sollten dieses Buch lesen und zwar nicht nur einmal, sondern mehrfach; was nach der ersten Lekt\u00fcre als utopisch, absurd oder unrealistisch erscheinen m\u00f6ge, k\u00f6nne beim wiederholten Lesen zu erstaunlichen Einsichten f\u00fchren: Es sei kein Traum von einer weit entfernten Welt ohne Strafrecht, sondern von einem gegenw\u00e4rtig durchf\u00fchrbaren Strafrecht, als einer Methode zur Eingrenzung des Irrationalen, betrieben von Leuten, die direkt von kriminalisierten Konflikten und Verletzungen betroffen sind (212f.).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Von besonderem Interesse ist auch das Nachwort des Herausgebers Justin Pich\u00e9. Er widmet sich, bei aller Anerkennung der Verdienste von Hulsman, den Schwachpunkten, die er in dessen Werk findet. Die sieht er in drei Bereichen: erstens die mangelnde Ber\u00fccksichtigung anderer repressiver Strukturen (Klasse, Patriarchat, wei\u00dfe Suprematie); zweitens die Begrenzung des Abolitionismus auf das Strafsystem; karzerale Logik und Praxis finde sich auch an anderen Stellen der Gesellschaft; und drittens die Gefahr einer Reifizierung des Hulsmanschen Konzepts \u201eproblematischer Situationen\u201c. Aus der Sicht der Beteiligten seien diese manchmal gar nicht so problematisch (dem h\u00e4tte Hulsman wohl zugestimmt).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Insgesamt ist dies ein hochinteressantes Buch und ein wichtiger Beitrag zum Verst\u00e4ndnis des Abolitionismus als konkrete Utopie. Es steht zu hoffen, dass es in absehbarer Zeit auch in deutscher Sprache zug\u00e4nglich sein wird \u2013 nat\u00fcrlich in einer angemessenen (und mit Jehanne Hulsman abgestimmten) \u00dcbersetzung und mit zus\u00e4tzlichen Kommentaren von Menschen, die an einer Weiterentwicklung des Abolitionismus interessiert sind.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2977,2957],"tags":[3168,3468,3157,791,807,3428],"autoren":[220],"publikationen":[3419],"class_list":["post-19248","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-strafrecht-2","category-strafvollzug","tag-abolitionismus","tag-justin-piche","tag-restorative-justice","tag-rezension","tag-strafen","tag-transformative-justice","autoren-johannes-feest","publikationen-vorg-243"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Strafe als unn\u00f6tige Leidzuf\u00fcgung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-243\/publikation\/rezension-strafe-als-unnoetige-leidzufuegung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezension: Strafe als unn\u00f6tige Leidzuf\u00fcgung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Louk Hulsman (2023-2009) geh\u00f6rt f\u00fcr meine Generation zu den Begr\u00fcndern des kriminalpolitischen Abolitionismus (neben Herman Bianchi, Nils Christie und Thomas Mathiesen). 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