{"id":19338,"date":"2024-05-24T12:09:21","date_gmt":"2024-05-24T10:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19338"},"modified":"2025-08-14T14:51:22","modified_gmt":"2025-08-14T12:51:22","slug":"identitaetspolitik-und-intersektionalitaet-zur-rolle-der-sozialen-ungleichheit-und-gerechtigkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/identitaetspolitik-und-intersektionalitaet-zur-rolle-der-sozialen-ungleichheit-und-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Identit\u00e4tspolitik und Intersektionalit\u00e4t: Zur Rolle der sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Identit\u00e4tspolitik steht unter dem Verdacht, sozio\u00f6konomische und die soziale Gerechtigkeit zu ignorieren. Philip Dingeldey argumentiert in seinem Beitrag, dass jedoch eine bestimmte Art intersektionaler K\u00e4mpfe die Kriterien einer \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c erf\u00fcllen kann und so B\u00fcndnisse zwischen kapitalismuskritischer emanzipatorischer Linken und linker Identit\u00e4tspolitik in ihrem Kampf um Selbstbestimmung denkbar macht. Dazu betrachtet er nicht nur die linke Kritik an der Identit\u00e4tspolitik, sondern auch die vielschichtigen Aspekte der Intersektionalit\u00e4t.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Eine der zentralen Kritikpunkte (linker) Kritik an dem, was man unter das recht vage, meist pejorativ verwendete Schlagwort <i>linker<\/i> <i>Identit\u00e4tspolitik<\/i> versammelt, lautet, dass Identit\u00e4tspolitik zwar dazu beitragen m\u00f6ge, in die Marktwirtschaft diversere Personengruppen zu inkludieren, aber dabei nicht mehr die Frage der sozialen Gerechtigkeit gestellt werde. Kritisiert werden damit marktkonforme Z\u00fcge der Identit\u00e4tspolitik wie Sprachregelungen zur Sichtbarmachung von Geschlechtsidentit\u00e4ten, die Selbstbestimmung der eigenen Identit\u00e4ten, Wokeness, Quotenregelungen, Diversit\u00e4t oder auch Debatten um kulturelle Aneignung. Eine solche Politik, die Fehlhaltungen mangelnder Diversit\u00e4t oder als diskriminierend wahrgenommener Sprache korrigieren will, wird von Kritiker*innen gern einer \u201eneoliberalen Linken\u201c oder einem \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c zugeschrieben, der vor allem die akademisierte Mittelklasse oder auch das akademische Prekariat angeh\u00f6ren w\u00fcrden (so etwa Lilla 2017; Fraser\/Honneth 2003). Solche Oxymora legen eine dahinterstehende Dialektik nahe. Auf einer Metaebene lie\u00dfe sich somit behaupten, dass Ans\u00e4tze der Identit\u00e4tspolitik sich als sozialkritisch suggerieren w\u00fcrden, aber in Wahrheit keine gesamtgesellschaftliche Kritik vorlegen w\u00fcrden, sondern lediglich kosmetische Korrekturen (Neiman 2023; Somek 2021)<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a>. Das h\u00e4ufige Schweigen identit\u00e4tspolitischer Akteur*innen zur sozio\u00f6konomischen Ungleichheit oder der Kapitalismuskritik generell erscheint als nichtausreichend kritisch.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dies bringt die fr\u00fche kritische Theorie ins Spiel, da diese den orthodoxen Marxismus um eine Kulturkritik durch Ideologiekritik erweitert und damit eine gesamtgesellschaftliche Theorie und Kritik auf dialektische Weise vorlegen will. In einer identit\u00e4tspolitischen Wende fehlt dies beziehungsweise k\u00f6nnte man der Identit\u00e4spolitik egalit\u00e4re oder emanzipatorische Tendenzen gar absprechen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wenn aber als identit\u00e4tspolitisch klassifizierte Akteur*innen doch herrschaftskritisch agieren wollen und sich die Frage der Identit\u00e4t von Individuum und Kollektiv in jeder sozialen Bewegung stellt, bleibt zu fragen, ob eine Grenzziehung zwischen einer sozialistisch-emanzipatorischen oder kritisch-theoretischen Linken und der inklusionsparadigmatischen Identit\u00e4tspolitik so strikt gedacht werden muss, wie manche Kritiker*innen dies tun<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a>. Die hier vertretene These lautet, dass eine bestimmte Art intersektionaler K\u00e4mpfe, welche Kriterien einer \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c erf\u00fcllt, gerade nichtneoliberale B\u00fcndnisse zwischen kapitalismuskritischer emanzipatorischer Linken und der linken Identit\u00e4tspolitik in ihrem Kampf um Selbstbestimmung und Besonderheit denkbar macht. Gefragt werden soll auf theoretischer Ebene, ob unter spezifischen herauszuarbeitenden Vorzeichen die Identit\u00e4tspolitik nicht nur Teile emanzipatorischer Bestrebungen f\u00fcr den Kapitalismus verwertbar macht, sondern ob diese Logik auch verkehrt werden kann, insofern man den vermeintlich egalit\u00e4ren und partizipatorischen Teil, der die \u201esoziale Frage\u201c wieder stellt, verwenden kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Um dieser \u00dcberlegung aus einer Perspektive der \u00e4lteren kritischen Theorie nachzugehen, werde ich zun\u00e4chst der gegenw\u00e4rtigen Kritik am Vergessen der sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit durch die \u201eneoliberale Linke\u201c (1) sowie die damit verbundene Kritik an h\u00e4ufig auch als identit\u00e4tspolitisch gebrandmarkter Intersektionalit\u00e4t summarisch darstellen, auch da aus der Kritik an der Intersektionalit\u00e4t die konzeptuelle Trennung beider Str\u00f6mungen (emanzipatorische Linke versus neoliberale Identit\u00e4tspolitik) begr\u00fcndet wird (2). Daraufhin werde ich versuchen, die Intersektionalit\u00e4t zu kategorisieren, um \u00dcberlegungen zu skizzieren, ob unter bestimmten Vorzeichen mit einer bestimmten Art von Intersektionalit\u00e4t ein solches B\u00fcndnis zwischen Identit\u00e4tspolitik und emanzipatorischer Linken m\u00f6glich ist (3).<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"1-zur-kritik-der-identitaetspolitik\">1. Zur Kritik der Identi&shy;t&auml;ts&shy;po&shy;litik<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die Literatur pro und contra Identit\u00e4tspolitik ist inzwischen so un\u00fcbersichtlich wie der Begriff vage ist. Manchmal ist dabei die Kritik von Akteur*innen, die sich als links und emanzipatorisch verstehen, polemisch und pauschalisierend. Manchmal erfolgt die Kritik auch auf einem normativen sozialwissenschaftlichen oder philosophischen Niveau. Aus den wissenschaftlicheren, obgleich teils pamphletischen Kritiken aus sozialistischen, sozialdemokratischen oder republikanischen Positionen heraus (so etwa bei Piketty 2020; Fraser\/Honneth 2003; Fraser 2017: 71-76; Neiman 2023; Stegemann 2018; Stegemann 2023; Somek 2021) l\u00e4sst sich die Hauptkritik des Vergessens der sozialen Gerechtigkeit und Ungleichheit sowie der Negierung der Differenzierung in Haupt- und Nebenwiderspr\u00fcche herauslesen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Unterschieden wird von Kritiker*innen zwischen Identit\u00e4tspolitiken und sozio\u00f6konomischen K\u00e4mpfen f\u00fcr soziale Gleichheit oder Gerechtigkeit. Erstere solle Benachteiligungen und Diskriminierungen von Gruppen bek\u00e4mpfen, etwa durch Quoten, Antidiskriminierungsma\u00dfnahmen und Sprachregelungen. Selbstverst\u00e4ndlich sind inzwischen die Schlagw\u00f6rter <i>Inklusion<\/i> und <i>Identit\u00e4t<\/i>, wie es Luc Boltanski und \u00c8ve Chiapello (2006 [1999]) f\u00fcr progressive Ideen oder emanzipatorische Kritiken im Allgemeinen prognostiziert haben, vom Kapitalismus absorbiert und kommerzialisiert worden, insofern nun Diversit\u00e4t in Teams in die Marktgesellschaft integriert werden, anstatt den Markt als System zu kritisieren: Vermarktete Inklusionen f\u00fchren zur Diversifizierung des Kapitalismus und bei Erfolg sogar zum graduellen Abbau von Antidiskriminierung, jedoch ohne den Kapitalismus und die daraus folgende soziale Ungleichheit selbst infrage zu stellen oder zu beheben. Die Repr\u00e4sentation marginalisierter Gruppen erfolgt dabei anhand kultureller (statt sozio\u00f6konomischer) Prinzipien. Selbst ein inklusiver, diversifizierter und politisch korrekter Kapitalismus reproduziert aber soziale Ungleichheiten. Kritiker*innen behaupten sogar, dass die Identit\u00e4tspolitik blind f\u00fcr diese Form von Ungleichheit ist. Der Kapitalismus selbst ist nicht per se um Diversit\u00e4t bem\u00fcht. Diversit\u00e4t geh\u00f6rt nicht zu seinen Kernelementen, aber als Reflex auftretender Pr\u00e4ferenzen wirtschaftlicher Akteur*innen spielt Diversit\u00e4t eine Rolle, wenn man damit Profit genieren kann, was nichts mit Authentizit\u00e4t zu tun hat. (Stegemann 2023: 30-34\/84-92; Neiman 2023: 70-109; Somek 2021: 95-99\/110-114; Fraser 2017: 71-76; Pfaller 2017; Heisterhagen 2018: insb. 213-233) Mit Theodor W. Adorno (2003b: 413-523) gesprochen bleibt die \u201eEigentlichkeit\u201c hier Jargon und Ideologie; Freiheit und Selbstverwirklichung werden durch <i>Diversity<\/i> versprochen, aber dies bleibt im Kapitalismus Blendwerk.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Bek\u00e4mpfung \u00f6konomischer Ungleichheiten sei dagegen die Frage der sozialen Gerechtigkeit. W\u00e4hrend es linken Identit\u00e4tspolitiken um Antidiskriminierung und Diversit\u00e4t geht, geht es in der sozialen Gerechtigkeit um den Kampf gegen Ungleichheit und Unterdr\u00fcckung (was mehr ist als Benachteiligung). Da sozio\u00f6konomische Kategorien in der Identit\u00e4tspolitik \u00fcber den Wert der Chancengleichheit hinaus aber ignoriert w\u00fcrden, gehe es hier nur um Inklusion und Diversit\u00e4t, aber nicht um soziale Gerechtigkeit, auch wenn <i>social justice warriors<\/i> anderes behaupten (Young 2011; Haslanger 2012; Murray 2020: 231-239)und beide Begriffe vermischen. Denn der Identit\u00e4tspolitik ginge es um die Individualebene \u2013 die als diskriminiert oder marginalisiert wahrgenommene Identit\u00e4t \u2013, w\u00e4hrend die soziale Gerechtigkeit auf die gesellschaftliche Struktur abzielt, etwa auf den Kapitalismus oder das Verh\u00e4ltnis von Markt und Staat. (Somek 2021: 170-178; Nachtwey 2017: 111-115)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das f\u00fchrt Kritiker*innen h\u00e4ufig zu folgendem Befund: Soziale Ungleichheit und somit Armut, Diversit\u00e4t sowie die Diversifizierung des Arbeitsmarkts sind kapitalismuskompatibel. Das f\u00fchre dazu, dass Staat, Markt und Gesellschaft inklusiver und diverser in der Wahrnehmung werden und auch Menschen ihre Privilegien besser reflektieren k\u00f6nnen. Zugleich f\u00fchrt es dazu, dass sozio\u00f6konomische Ungleichheit, Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung, Konkurrenz und Gier implizit gef\u00f6rdert werden. Gerade der reine <i>Kampf um Anerkennung<\/i> im Sinne einer besonderen Identit\u00e4t, die wertgesch\u00e4tzt werden soll, ohne die Frage nach Umverteilung zu stellen, f\u00fchrt eher zu Besonderheit und Distinktion, denn irgendeiner Gleichheitsform (vgl. Fraser\/Honneth 2003; Stegemann 2023: 19-22). Das mag auch daran liegen, dass der Neoliberalismus immer noch ma\u00dfgebend ist und der Sozialismus seit dem Ende des Kalten Krieges an Attraktivit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat. So ist es kein Wunder, dass sich Menschen, die sich als emanzipatorisch verstehen, ihren Kampf auf die Kultursph\u00e4re verschieben, aber damit vollends vom Neoliberalismus erfasst werden und diesem lediglich einen progressiven Anstrich geben und sogar zu seiner Legitimation beitragen, anstatt mindestens die sozio\u00f6konomische Ungleichheit minimieren zu wollen. (Somek 2021: 181-186; Fraser 2017: 71-76)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bis hierhin ist die Argumentation als Ideologiekritik wohl vereinfacht, hat aber eine hohe Plausibilit\u00e4t. Als n\u00e4chstes, und hier wird es schwieriger, m\u00f6chte ich auf die dazugeh\u00f6rige Kritik der Intersektionalit\u00e4t zu sprechen kommen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"2-zur-kritik-der-intersektionalitaet\">2. Zur Kritik der Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein prominenter Kritiker von Identit\u00e4tspolitik <i>und<\/i> Intersektionalit\u00e4t ist Alexander Somek. Seine Kritik an der Intersektionalit\u00e4t begr\u00fcndet er mit der grunds\u00e4tzlichen Feststellung, dass eine \u201eontische Unvereinbarkeit\u201c der verschiedenen Opfertypen innerhalb des Inklusionsparadigmas best\u00fcnde. \u201e[D]ie Faktoren, die Ausschlag \u00fcber den Opferstatus geben, [sind] miteinander unvereinbar [\u2026], weil sie sich nicht wechselseitig ineinander \u00fcbersetzen oder ausdr\u00fccken lassen\u201c (Somek 2021: 117). So unterscheiden sich Diskriminierungen von Frauen, sexuellen oder religi\u00f6sen Minderheiten oder den Opfern von Rassismus, da das Anderssein der jeweiligen Opferrelation jedes Mal eine andere Art des Seins sei, wodurch jede Diskriminierung speziell ist. Die je gemachten Diskriminierungserfahrungen unterschieden sich kategorisch. Das kann unter anderem dazu f\u00fchren, dass Opfer von Sexismus oder Homophobie trotzdem ihrerseits rassistisch sein k\u00f6nnten und vice versa oder zumindest kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander haben. Sobald aber \u00dcberschneidungen von Diskriminierungskategorien vorkommen, wird der Begriff <i>Intersektionalit\u00e4t<\/i> verwendet, um die verst\u00e4rkte Diskriminierung zu betonen. Das mache den Opferstatus skalierbar, da bei einer \u00dcberkreuzung von Diskriminierungen ein erheblicher Unterschied zur \u201eeinfachen\u201c Diskriminierung best\u00fcnde. (Somek 2021: 116-119) Wenn f\u00fcr Somek die Opfertypen der \u201eeinfachen\u201c Diskriminierung schon unvereinbar sind, dann m\u00fcsse dies auch f\u00fcr die intersektionalen Diskriminierungsformen gelten, wenn diese eine Kombination oder \u00dcberschneidung der einfachen, ontisch unterschiedlichen Diskriminierungskategorien darstellen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Diesseits wie jenseits linker Kritik an Identit\u00e4tspolitiken besteht eine Kritik an der Intersektionalit\u00e4t. Sirma Bilge (2014) kritisiert etwa, dass die Intersektionalit\u00e4tsforschung in der Universit\u00e4tslandschaft marktorientierten Prinzipien gehorche, anstatt die urspr\u00fcnglich behauptete transformative und emanzipatorische Kraft zu entfalten, indem sie als Standortvermarktung genutzt wird und dabei, da viele benachteiligte Gruppen dennoch an Universit\u00e4ten marginalisiert werden, den Status quo erhalten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die linken Kritiker*innen gestehen meist ein, dass die Intersektionalit\u00e4t eine bedeutende Entwicklung des Feminismus Ende des 20. Jahrhunderts war, etwa um herauszustellen, dass neben Geschlecht und \u201eRasse\u201c oder Hautfarbe auch die soziale Klasse zu Benachteiligung f\u00fchrt. <i>Gender, race<\/i> und <i>class<\/i> ergeben demnach die Trinit\u00e4t sozialer Benachteiligung. Ein bestimmtes Geschlecht und eine bestimmte Hautfarbe f\u00fchren so eher zur Angeh\u00f6rigkeit einer bestimmten Klasse, wodurch die Kategorien Geschlecht und Hautfarbe mit dem Klassenverh\u00e4ltnis verwoben sind (Collins 2015: 9).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Einige Kritiker*innen stellen aber die komplette Gleichstellung von Klasse mit anderen Diskriminierungsformen infrage. Denn Diskriminierung komme nur vor, wenn die Opfer ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcber der Benachteiligung sind. Gewiss gibt es Diskriminierung gegen Menschen, die freier Lohnarbeit nachgehen, und verschiedene Diskriminierungen laufen auf das Klassenverh\u00e4ltnis hinaus. Im Falle der freien Lohnarbeiterschaft bedeute dies (marxistisch gelesen), dass sie ohne Produktionsmittel zu haben, ihre Haut zu Markte tragen und ausgebeutet werden. Wenn aber der Klassencharakter auf Diskriminierung von Wehrlosen reduziert wird und nur sozialer Status weggedacht oder beseitigt werden m\u00fcssen, bleibt die materielle Ungleichheit erhalten. (Somek 2021: 122-127) Der Klassencharakter wird dann auf eine Diskriminierung reduziert, die inzwischen \u201eKlassismus\u201c genannt wird und Sozialchauvinismus meint.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein Klassenbewusstsein, dass sich verschiedene Angeh\u00f6rige einer Klasse zusammenschlie\u00dfen und f\u00fcr ihr Recht oder die Verbesserung sozialer Verh\u00e4ltnisse k\u00e4mpfen, wirkt aber unter den identit\u00e4tspolitischen und intersektionalen Vorzeichen ausgeschlossen. Denn wenn die diskriminierten Identit\u00e4ten gleichwertig existieren, komme es auch in der wohl gr\u00f6\u00dften Gruppe (der Klasse) zu Gegnerschaften und Ressentiments gegeneinander, Diskriminierungen und Unverst\u00e4ndnis gegen die getrennten Opfergruppen. Gerade die Affirmation der eigenen Identit\u00e4t (statt des Klassenbewusstseins) f\u00fchrt nicht zu Solidarit\u00e4t, sondern zu Konkurrenz. Koalitionen w\u00fcrden so \u2013 im Angesicht des gruppenspezifischen Habitus und der Animosit\u00e4ten bestimmter Identit\u00e4ten gegeneinander \u2013 verunm\u00f6glicht. (Somek 2021: 128-132)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Darstellen oder Bek\u00e4mpfen des Opfercharakters, aber auch Pluralit\u00e4t, Heterogenit\u00e4t und Intersektionalit\u00e4t unterscheiden sich f\u00fcr linke Kritiker*innen daher fundamental vom Klassenbewusstsein, da letzteres das Modell einer alternativen Gesellschaft beinhalte und seine Angeh\u00f6rigen sich als gemeinsame Tr\u00e4ger*innen der sozio\u00f6konomischen Wertsch\u00f6pfung sehen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"3-intersektionalitaet-und-soziale-frage\">3. Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t und soziale Frage<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als Kontext sind diese drei Diskussionen wichtig, da sie die Frage ber\u00fchren, inwiefern eine Theorie der Intersektionalit\u00e4t als Gesellschaftskritik dazu beitragen kann, die soziale Ungleichheit zu kritisieren, aber gleichzeitig andere Diskriminierungsformen als Formen der sozialen Ungleichheit und Unterdr\u00fcckung zu ber\u00fccksichtigen, ohne (zu sehr) in die verteufelten Elemente der Identit\u00e4tspolitik zu verfallen. Ob und unter welchen Vorzeichen dies denkbar ist, soll im Folgenden untersucht werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gegenw\u00e4rtige Diskurse, in denen die Identit\u00e4tspolitik \u2013 sei es in Kombination mit intersektionalen Ans\u00e4tzen oder nicht \u2013 daf\u00fcr kritisiert wird, dass sie Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit ignoriert, lassen sich mit (mindestens) drei zeithistorischen Debatten vergleichen. Erstens schlie\u00dfen diese Ans\u00e4tze implizit an den alten Streit zwischen Sozialismus und Feminismus an, dar\u00fcber, wo der Primat der Sozialkritik liegen muss: in der materiellen Basis oder der geschlechtlichen Unterdr\u00fcckung (vgl. Hartmann 1981; Harding 1981). Zweitens w\u00e4re da die Debatte zwischen Axel Honneth und Nancy Fraser (2003) um Anerkennung oder Umverteilung. W\u00e4hrend die neuere kritische Theorie um Honneth die \u00f6konomische Unterdr\u00fcckung eher marginalisiert, betont Fraser, dass es beides \u2013 \u00f6konomische Umverteilung und soziale Anerkennung \u2013 brauche, dass es nicht ausreiche, benachteiligte oder unterdr\u00fcckte Gruppen aufzuwerten. Und drittens haben wir den <i>Streit um Differenz<\/i> zwischen Seyla Benhabib, Judith Butler, Drucilla Cornell und Nancy Fraser, in dem es prim\u00e4r darum ging, ob ein an der kritischen Theorie orientierter Sozialismus nach 1989 dem Feminismus noch ein Partner sein k\u00f6nnte oder eher ein Poststrukturalismus respektive die Postmoderne. Benhabib (1995: insb. 13-18) zufolge steht eine Postmoderne aber einer Befreiung des Subjekts im Wege. Das f\u00fchre zu immer kleineren Gruppenidentit\u00e4ten und Besonderheiten, statt einem emanzipatorischen Kollektiv mit \u00fcberzeugenden Narrativen (auch wenn dies im Sinne der kritischen Theorie \u2013 anders als im orthodoxen Marxismus \u2013 keine Gro\u00dferz\u00e4hlungen mehr sein sollten\/k\u00f6nnten).<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"31-was-ist-intersektionalitaet-was-kann-sie-sein\">3.1 Was ist Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;li&shy;t&auml;t? Was kann sie sein?<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Zun\u00e4chst muss gekl\u00e4rt werden, was Intersektionalit\u00e4t ist oder sein kann. Intersektionale Ans\u00e4tze, die in der dritten Welle des Feminismus entstanden sind, gehen davon aus, dass es zu besonderen Unterdr\u00fcckungs-, Ungleichheits- oder Diskriminierungsformen komme, wenn sich die dahinterstehenden Kategorien \u2013 insbesondere <i>race, class<\/i> und <i>gender<\/i>, da diese das Grundmuster von politischer und sozialer Ungleichheit ausmachen \u2013 \u00fcberschneiden. Getragen ist dies von der Annahme, dass weder rein feministische Analysen noch eine (wei\u00df gepr\u00e4gte) marxistische Ungleichheitsanalyse und -kritik mehr ausreichen, um das Zusammenwirken von Ungleichheits- und Diskriminierungskategorien zu erfassen (Alemann 2022: 22-25). Die Analyse dieses Zusammenspiels w\u00fcrde so die Lebensrealit\u00e4t Betroffener besser erfassen (vgl. auch Will\/L\u00fcders 2022: 13).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein Ursprung der Intersektionalit\u00e4tsdebatte liegt in den Erfahrungen schwarzer Frauen, die sich im hegemonialen wei\u00dfen Feminismusdiskurs in den 1970ern und 1980ern nicht repr\u00e4sentiert fanden. Die Unterdr\u00fcckung, die angesichts einer spezifischen Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit erfolgte, griff vor dem Hintergrund der rassistischen Diskriminierung f\u00fcr sie zu kurz. So bemerkte das Combahee River Collective (1982 [1977]), dass schwarze Frauen weder vom wei\u00dfen Feminismus noch von der schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegung ad\u00e4quat repr\u00e4sentiert werden w\u00fcrden, da schwarze Frauen besondere Unterdr\u00fcckungsformen erfahren w\u00fcrden und dementsprechend ein schwierigeres Verh\u00e4ltnis zu Patriarchat, Markt und Staat h\u00e4tten als schwarze M\u00e4nner oder wei\u00dfe Frauen<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\"><sup>iii<\/sup><\/a>. Dies f\u00fchrte zur erweiterten Analyse der Kategorien <i>class, race<\/i> und <i>gender<\/i>, da die isolierte Analyse von nur einer der Ungleichheitsdimensionen vor solchen Hintergr\u00fcnden nicht mehr als fruchtbar oder ad\u00e4quat erschien. Vielmehr solle es um die Verwobenheit der Ungleichheits- oder Diskriminierungsdimensionen gehen (Young 2011; Kurz 2022: 80). Kimberl\u00e9 Crenshaw hatte daf\u00fcr 1989 den Begriff <i>intersectionality<\/i> eingef\u00fchrt. Um die Verwobenheit von solchen Formen der Ungleichheit und Diskriminierung herauszuarbeiten, nutzte sie die Metapher einer Verkehrskreuzung, bei der sich Machtwege kreuzen<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es geht dabei nicht nur um die Addition von Ungleichheits- oder Diskriminierungskategorien (das quantitative Moment), sondern auch um das \u00dcberschneiden und Zusammenwirken von ungleichheits- und diskriminierungsgenerierenden sozialen Strukturen (das qualitative Moment), freilich h\u00e4ufig ohne soziale Gerechtigkeit und Inklusion dabei zu unterscheiden (Meyer 2017: 82f.). Gleichwohl k\u00f6nnten diese Strukturen nicht auf eine einzige Machtlogik (wie Kapitalismus oder Patriarchat) reduziert werden, obgleich hinter dem qualitativen Moment die Annahme steht, dass diese Machtlogiken nicht v\u00f6llig unabh\u00e4ngig voneinander funktionieren (Knapp 2008b: 44).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dabei ergeben sich offene Fragen: So ist unklar, wie genau die \u00dcberschneidungen von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen zu fassen sind, zumal die Ungleichheits- und Diskriminierungskategorien aus unterschiedlichen Lebenswelten stammen, aber auch von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erforscht werden. Daraus folgt auch, dass die Kategorien m\u00f6glichst gleichgewichtig behandelt werden. Ein Primat der \u00d6konomie und des Klassencharakters beziehungsweise (in marxistischer Nomenklatura) die Unterscheidung von Haupt- und Nebenwiderspr\u00fcchen lassen sich mit einer intersektionalen Analyse nicht ohne Weiteres denken. (Winkler\/Degele 2010: 28f.) Vielmehr ginge es darum, \u00e4hnlich zur Debatte zwischen Sozialismus und Feminismus, die Marginalisierung von Geschlechterkategorien in Klassenanalysen zu korrigieren und, so Gudrun-Alexi Knapp (2008b: 34), \u201edas Verh\u00e4ltnis der Geschlechter im Rahmen einer Theorie der kapitalistischen Gesellschaft begrifflich zu bestimmen und empirisch zu erforschen\u201c. Gerade dieser Punkt wie auch die Kritik, dass im Bereich der Intersektionalit\u00e4t Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung synonym verwendet werden, f\u00fchren dazu, dass Formen der Unterscheidung verwischt werden und dadurch die kritisch-theoretische Analyse erschwert wird. Kontrovers diskutiert wird dar\u00fcber hinaus unter anderem, welche Kategorien \u2013 neben <i>race<\/i>, <i>class<\/i> und <i>gender<\/i> \u2013 relevant sind.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Somit geht es um Ungleichheit durch Klassenzugeh\u00f6rigkeit und\/oder Diskriminierung, den politischen und sozialen Ausschluss von Menschen(-gruppen) \u2013 welcher mit der kritischen Theoretikerin Regina Becker-Schmidt (2007: 58) als Steigerung der vertikalen Ungleichheitslogik, die bis hin zum Ausschluss f\u00fchrt, oder mit Knapp (2008a: 153) als Differenzlogik von Zugeh\u00f6rigkeit und Nichtzugeh\u00f6rigkeit gelesen werden kann, wobei im letzteren Fall die horizontale und vertikale Ungleichheits- und Differenzlogiken in der Intersektionalit\u00e4tsanalyse zusammenkommen. Zudem geht es um die Missachtung von Lebensformen und Identit\u00e4ten und Gewalterfahrungen. (Meyer 2017: 63-66) Kurz gesagt: Die traditionelle Klassenanalyse wird hier inzwischen unter anderem mit der Identit\u00e4tspolitik zusammengedacht. Das erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit, dass die Analyse und Kritik von Diskriminierungen und sozio\u00f6konomischer Ungleichheit erschwert werden und sie vage bleiben. Darum unterscheidet Fraser zwischen der Anerkennung der Differenz und der Kritik der Ungleichheit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Denn wenn wir beispielsweise von klassenspezifischer Diskriminierung sprechen (siehe oben), die sich mit Hautfarbe oder Geschlecht \u00fcberschneidet, dann ergibt sich, dass der Klassencharakter nur dann ein Problem ist, wenn man aufgrund seiner Klassenzugeh\u00f6rigkeit diskriminiert wird. \u00dcberspitzt gesagt w\u00e4re die Ausbeutung von (beispielsweise weiblichen oder nichtwei\u00dfen) Arbeitenden kein Problem, solange dieses systemrelevante Proletariat, wie zu Zeiten der Pandemie, Applaus von den Balkonen bekommt. Genau dies ist aber nicht der Ursprung der intersektionalen Kritik.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein emanzipatorisches linkes Potenzial lie\u00dfe sich nur dann ausmachen, wenn folgende Pr\u00e4misse der intersektionalen Analyse und Praxis gegeben ist: Es m\u00fcssten sich intersektionale B\u00fcndnisse dagegen wehren, dass es zur Hierarchisierung von Diskriminierungen innerhalb solcher B\u00fcndnisse und zu einer Konkurrenz und Rangfolge der Diskriminierung durch k\u00fcnstliche Gegens\u00e4tze kommt (vgl. auch Hancock 2016; Berendsen\/Cheema\/Mendel 2021a: 12; Berendsen\/Cheema\/Mendel 2021b: 244-248). Anstatt dass marginalisierte oder unterdr\u00fcckte Gruppen um begrenzte Ressourcen, wie Geld, Macht und Aufmerksamkeit miteinander konkurrieren, m\u00fcssten Zusammenh\u00e4nge der Ph\u00e4nomene, Kategorien, Ebenen und Dimensionen hergestellt werden (Demirovi\u0107\/Maihofer 2013: 33; Meyer 2017: 80f.).<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"32-zwei-formen-der-intersektionalitaet\">3.2 Zwei Formen der Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wenn es also nicht nur um Diskriminierung geht, sondern auch um Unterdr\u00fcckungs- und Ungleichheitsdimensionen, die sich \u00fcberschneiden und in Wechselwirkung geraten, dann ergeben sich in der Intersektionalit\u00e4t zwei Wege, von denen einer f\u00fcr ein linksemanzipatorisches Ziel sinnvoll sein kann. Beiden ist die Annahme gemeinsam, dass bei \u00dcberschneidungen von gruppenspezifischen Unterdr\u00fcckungen und Diskriminierungen neue Unterdr\u00fcckungsformen entstehen. Ein Ansatz verweist auf Identit\u00e4ten, einer auf Herrschaftsstrukturen. Damit ist die Dialektik aus Identit\u00e4t und Differenz einerseits und die semantische Mehrdeutigkeit der Intersektionalit\u00e4t andererseits erfasst (vgl. Meyer 2017: 96). Eine solche Gegen\u00fcberstellung zweier idealtypischer Intersektionalit\u00e4tsans\u00e4tze ist stark vereinfacht. Die Vereinfachung kann jedoch sinnvoll sein, um sich eine \u00dcbersicht zu verschaffen und die Identit\u00e4tspolitik und Intersektionalit\u00e4tsanalyse auf ein linksemanzipatorisches Potenzial zu untersuchen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die eine Form von Intersektionalit\u00e4t (im Folgenden: <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i>) w\u00e4re jene, derzufolge die \u00dcberschneidung von Unterdr\u00fcckungs- oder Diskriminierungsformen zur Sakralisierung der Betroffenen als Opfer f\u00fchrt. Hier w\u00fcrden die Betroffenen weiterhin in der Opferrolle verbleiben \u2013 und die Prominentesten seien dann jene Personen, die die meisten Diskriminierungsfaktoren in sich vereinen. In der <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i> ist eine Solidarisierung verschiedener Gruppen unrealistisch, da die Aufspaltung von immer neuen \u00dcberschneidungen zur immer weiteren Zersplitterung der Subgruppen f\u00fchrt. Hier kann (zu Recht) eine schwarze, schwerbehinderte, alleinerziehende Frau einen h\u00f6heren Grad an Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung behaupten als viele andere Diskriminierte oder Unterdr\u00fcckte. Sie k\u00f6nnte sich daher weder von anderen ungleich Benachteiligten repr\u00e4sentieren lassen noch sich mit ihnen verb\u00fcnden, da die spezifische Unterdr\u00fcckung oder Diskriminierung dieser Person von Menschen, die nur Teile der Marginalisierung erfahren, nicht erfasst werden kann. Hinzukommen k\u00f6nnen auch Ressentiments und Animosit\u00e4ten verschiedener unterdr\u00fcckter Gruppen und Identit\u00e4ten, die sich durch die Frage der Schwere des Grades an Benachteiligung und Unterdr\u00fcckung sogar zur Konkurrenz entwickeln k\u00f6nnen (Somek 2021: 128f.). Dies k\u00f6nnte nicht nur so weit gehen, dass die Opferrollen unvereinbar werden, da jeweils verschiedene gruppenspezifische Diskriminierungen gemeint sind, sondern dass die Opferposition ontologisiert wird, anstatt sie als soziales Konstrukt zu begreifen, das ge\u00e4ndert, umgedeutet, umgewertet oder abgeschafft werden kann, wodurch das Ganze am Ende wie ein fixiertes System wirkt, das Hierarchien miteinschlie\u00dft. Die <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i>, die keine breiten B\u00fcndnisse sucht, w\u00fcrde sich immer weiter in der Matrix der Intersektionalit\u00e4t ausdifferenzieren und aufspalten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese idealtypische bis karikatureske <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i> w\u00fcrde die Aspekte vereinen, f\u00fcr welche identit\u00e4tspolitische Ph\u00e4nomene von einer traditionell linken Autorenschaft kritisiert werden. Es ist offenkundig, dass dies weder d\u2019accord mit einem kritisch-theoretischen noch einem sozialistischen Ansatz ist. Die Tendenz, in Betroffenheitspolitiken absolute Differenzen zu setzen \u2013 sei es nun in einzelnen Diskriminierungskategorien, sei es in einer intersektionalen Diskriminierung \u2013 tr\u00e4gt etwa schon Adorno zufolge zur Stabilisierung von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen bei: \u201eDie Harmonie des Unvers\u00f6hnlichen kommt dem Fortbestand der schlechten Totalit\u00e4t zugute\u201c (Adorno 2003a: 208). Die Konkurrenz von Betroffenen durch Skalierung eines Betroffenengrades und einer daraus resultierenden Unvers\u00f6hnlichkeit unterminiert eine Solidarisierung, die zu Emanzipation f\u00fchrt (vgl. Busch 2021: 46-48). Komplizierter ist dies mit dem Poststrukturalismus, um die Debatte zwischen Sozialismus\/kritischer Theorie und Postmoderne\/Poststrukturalismus zu bem\u00fchen: So bemerkt Judith Butler, lange bevor sie f\u00fcr ihre Relativierung der Verbrechen von Hamas und Hisbollah breites \u00f6ffentliches Aufsehen erregte, im Streit um Differenz mit ihrer Kritik an Benhabibs Gedanken zu kritischer Theorie, Postmoderne und Feminismus (siehe oben), dass Identit\u00e4ten und Zuschreibungen kontingent und konstruiert sind und gar nicht von einem Kollektiv der Frauen gesprochen werden kann. Eine solche Konstruktion w\u00fcrde die Unterschiede zwischen Frauen und innerhalb der feministischen Praxis verkennen. Das weist (implizit) auf die <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i> hin, insofern die sozialen Zuschreibungen und Diskriminierungen etwa zwischen wei\u00dfen und nichtwei\u00dfen Frauen stark differieren. Darin, dass Butler gro\u00dfe Kollektive mit gro\u00dfen Narrativen ablehnt und die etablierten Diskurskategorien verschieben oder umdeuten will, auch da ein identit\u00e4rer oder ontologisierter Grund der Pluralit\u00e4t von Geschlechterverh\u00e4ltnissen nicht gerecht wird, liegt die Aufspaltung in der Pluralit\u00e4t von benachteiligten Gruppen begr\u00fcndet. (Butler 1995: 48-51\/57)<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\"><sup>v<\/sup><\/a> Dabei spart Butler die Kapitalismuskritik v\u00f6llig aus, begr\u00fcndet aber daf\u00fcr die Ausdifferenzierung der Benachteiligten und der dahinterstehenden Kategorien. Obwohl ein solcher poststrukturalistischer Ansatz der <i>Intersektionalit\u00e4t I,<\/i> die keine gro\u00dfen Kollektive nach <i>race, class<\/i> oder <i>gender<\/i> allein bilden will, diesbez\u00fcglich entsprechen kann, widerspricht doch einer solchen Verbindung, dass in identit\u00e4tspolitischen Bewegungen solche \u201ekontingenten Grundlagen\u201c oft naturalisiert werden und als festgeschriebenes Fundament verstanden werden, wodurch Zugeh\u00f6rigkeit definiert wird. Dabei werden also selbst poststrukturalistische und postmarxistische Ans\u00e4tze ignoriert. (Lorey 2011: 104-112)<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\"><sup>vi<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Eine zweite Form der Intersektionalit\u00e4t (im Folgenden: <i>Intersektionalit\u00e4t II<\/i>) w\u00e4re ein B\u00fcndnis, das einen gemeinsamen Gegner der Unterdr\u00fcckung w\u00e4hlt und dessen Mitglieder\/Betroffene sich solidarisieren. Vereinfacht lie\u00dfe sich dies mit dem Slogan des <i>Neuen Deutschland<\/i> darstellen, das (in Reaktion auf Sarah Wagenknechts Polemik gegen linke Identit\u00e4tspolitiken) bemerkt, dass \u201eskurrile Minderheiten\u201c und Arbeiterklasse kein Widerspruch sind, das Verh\u00e4ltnis von Kapital und Arbeit aber schon. Solange es um eine dialektische Kapitalismuskritik geht, k\u00f6nnten sich somit neue B\u00fcndnisse bilden, die verschiedenste mit dem Kapitalismus verbundene gruppenspezifische Unterdr\u00fcckungen bek\u00e4mpfen. Dies schlie\u00dft an die Debatte zwischen Sozialismus und Feminismus Anfang des 20. Jahrhunderts an. Solange feministische oder andere Str\u00f6mungen in der <i>Intersektionalit\u00e4t II<\/i> den Primat der \u00d6konomie und des Klassenverh\u00e4ltnisses anerkennen \u2013 sprich, von der Nichtpriorisierung der Kategorien in der Intersektionalit\u00e4t abweichen, da es einen systematischen Unterschied zwischen sozialer Gerechtigkeit und Inklusion\/Diversit\u00e4t\/Antidiskriminierung gibt \u2013 oder den Primat zumindest nicht explizit unterminieren, gibt es keinen Grund, warum Betroffene sich aus sozialistischer Perspektive nicht verb\u00fcnden k\u00f6nnen und warum eine emanzipatorische Bewegung dann etwa nicht auch die Besonderheit der Unterdr\u00fcckung von Arbeiterinnen (durch Patriarchat und Kapitalismus) kritisieren und bek\u00e4mpfen sollte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">W\u00e4hrend <i>Intersektionalit\u00e4t I<\/i> in homogenen, immer kleiner werdenden Gruppen agiert, versammeln sich in <i>Intersektionalit\u00e4t II <\/i>B\u00fcndnisse multipler Identit\u00e4ten. Letztere w\u00fcrde auch zur kritischen Theorie passen, insbesondere aus drei Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Erstens geht es der kritischen Theorie um gesamtgesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, etwa bedingt durch die Kapitalisierung (oder auch Faschisierung) jedes sozialen Bereiches (Knapp 2022: 42-44). Dazu geh\u00f6rt mehr als die rein \u00f6konomische Kritik an der Klassengesellschaft, wodurch sich die Notwendigkeit ergibt, andere Unterdr\u00fcckungsformen in die (kultur-)marxistische Kritik mit aufzunehmen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zweitens f\u00fchrt die fr\u00fche kritische Theorie \u2013 jedoch ohne selbst feministisch zu argumentieren \u2013 die Formen der b\u00fcrgerlichen Ungleichheit auf das Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnis zur\u00fcck. F\u00fcr Adorno und Max Horkheimer ist die Verleugnung der Natur der Kern der zivilisatorischen Rationalit\u00e4t. Die Selbstverleugnung aber macht das gesellschaftliche Mittel zum Zweck, indem die Natur als Basis ideologisch vom Menschen getrennt wird. Die Herrschaft des Menschen \u00fcber sich selbst wird somit zur Vernichtung des Subjekts, indem vollkommen unvern\u00fcnftig das Lebendige, der nat\u00fcrliche Selbsterhalt vom Menschen selbst im Kapitalismus getrennt wird. Obwohl die technologische Entwicklung es leichter macht, Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, f\u00fchrt die Herrschaft eher zur Ausrottung des Menschen und des Humanen. Diese Widervernunft ist f\u00fcr Adorno und Horkheimer ein Selbstbetrug und f\u00fchrt zu \u00fcberfl\u00fcssigen Opfern, Selbstbezwingungen und Entsagungen. Im Exkurs zur<i> Odyssee<\/i> in der <i>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/i> beschreiben die Autoren etwa, wie \u201eBarbaren\u201c f\u00fcr die \u201eZivilisation\u201c als gesetzlos und nicht sozialisiert oder zivilisiert gekennzeichnet werden. Das \u201eBarbarische\u201c gilt deswegen in der b\u00fcrgerlichen Ideologie als naturnah, weniger vern\u00fcnftig oder unvern\u00fcnftig und w\u00fcrde daher unterdr\u00fcckt oder betrogen werden. Doch genau diese Unterscheidung von <i>homo oeconomicus<\/i> und Wesen, die nicht dem vermeintlichen Rationalit\u00e4tsgrad dieses Typs entsprechen, beziehungsweise Menschen, denen die Rationalit\u00e4t schlicht abgesprochen wird, sorgt daf\u00fcr, dass der Mensch nicht nur die Natur \u00fcberlistet und bezwingt, sondern dass er auch Menschen kategorisiert und unterdr\u00fcckt. So gelten etwa Frauen, Ureinwohner*innen, Kolonisierte und auch j\u00fcdische Menschen in dieser b\u00fcrgerlichen Ideologie als naturn\u00e4her sowie weniger vern\u00fcnftig. Sie w\u00fcrden daher unterdr\u00fcckt werden. Aus der modernen Rationalit\u00e4t und ihrer Trennung von der Natur f\u00fcr den wei\u00dfen kapitalistischen Mann folgt also die Unterdr\u00fcckung der Menschen \u2013 von der b\u00fcrgerlichen Ehe bis zum Genozid. (Adorno\/Horkheimer 2003: 65-99) Dementsprechend werden \u2013 durch die Trennung von Kultur und Natur, die Herausbildung des <i>homo oecon<\/i><i>omic<\/i><i>us<\/i> wie auch durch den Kapitalismus und die moderne Rationalisierung \u2013 verschiedenste Menschengruppen unterdr\u00fcckt, und zwar durch eine den Unterdr\u00fcckungsformen zugrundeliegende gemeinsamen Denkweise. Dies gibt sowohl Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr den Feminismus als auch f\u00fcr intersektionale Bewegungen (vgl. auch Knapp 2022: 45-49). Denn Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus haben f\u00fcr Adorno und Horkheimer ihren gemeinsamen Ursprung in der Trennung von Mensch\/Kultur und Natur, ohne dass diese Ph\u00e4nomene identisch seien oder aufeinander reduziert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Drittens hat Becker-Schmidt mit ihrer These der <i>doppelten Vergesellschaftung<\/i> von Frauen verdeutlicht, dass Frauen durchschnittlich nicht nur eine Doppelbelastung durch produktive und reproduktive Arbeit erleiden, sondern auch doppelt unterdr\u00fcckt und entfremdet sind, indem sich Patriarchat und Kapitalismus \u00fcberschneiden (Becker-Schmidt 2017: 51-76; Becker-Schmidt 2022). Gerade eine solche \u00dcberschneidung \u2013 oder auch die von Rassismus und Kapitalismus oder Sexualit\u00e4t und Kapitalismus etc. \u2013 kann der Kritikpunkt einer emanzipatorischen Linken sein, sodass, ausgehend von der Kapitalismuskritik, auch andere Formen und Kategorien der Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung angegriffen werden k\u00f6nnen. Das gilt gerade dann, wenn sie sich mit dem Kapitalismus \u00fcberschneiden, was meist der Fall sein wird.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Festzustellen bleibt, dass eine Intersektionalit\u00e4t, die d\u2019accord mit der \u00e4lteren kritischen Theorie ist, m\u00f6glich ist. Dabei ist auch der Primat der Kapitalismuskritik\/der \u00d6konomie denkbar. Ein B\u00fcndnis zwischen der Arbeiterklasse, Feminist*innen und verschiedenen Minderheiten ergibt auch aus der Logik der emanzipatorischen Kapitalismuskritik heraus Sinn: Denn gerade die Gender Pay Gap oder der Umstand, dass ethnische Minderheiten h\u00e4ufiger der Unterschicht angeh\u00f6ren, w\u00fcrde es nahelegen, dass Frauen und jene Minderheiten nicht nur gegen Diskriminierung protestieren oder Quotenregelungen fordern, sondern dar\u00fcber hinaus oder vorrangig gegen die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit protestieren und Widerstand zeigen. F\u00fcr die <i>Intersektionalit\u00e4t II<\/i> sind somit zwar der Primat der \u00d6konomie und die Kapitalismuskritik ausschlaggebend, es soll aber nicht von einem monolithischen System der Unterdr\u00fcckung, auf dem jede Ungleichheit und Diskriminierung basiert, behauptet werden. Es muss \u201enur\u201c bemerkt werden, dass das Patriarchat und der Rassismus im Kapitalismus besonders schwere Ausformungen aufweist. Die Unterscheidung von Haupt- und Nebenwiderspruch w\u00e4re gegeben, verschiedene Identit\u00e4ten (sowie Politiken) und die Diskriminierung werden aber nicht \u00f6konomistisch ignoriert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auch wenn die <i>Intersektionalit\u00e4t II<\/i> theoretisch plausibel sein mag, m\u00fcsste sie praktisch mehrere H\u00fcrden \u00fcberwinden: Erstens br\u00e4uchte es daf\u00fcr ein Klassenbewusstsein im Proletariat. Zweitens m\u00fcssten diejenigen, die nicht nur als Arbeiter*innen unterdr\u00fcckt und ausgebeutet werden, sondern auch aufgrund anderer Gruppeneigenschaften unterdr\u00fcckt und diskriminiert werden oder aufgrund ihrer Identit\u00e4t in besonderem Ma\u00dfe von Ausbeutung, Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung von Kapitalismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Transphobie, Ableismus etc. betroffen sind, bereit sein, zwar die Besonderheit ihrer \u00fcberschneidenden Unterdr\u00fcckung zu betonen, aber sich dabei nicht narzisstisch zu exponieren. Anstatt auf der je eigenen Identit\u00e4t (samt den \u00dcberschneidungen von unterdr\u00fcckenden Elementen und Kategorien) als von anderen Identit\u00e4ten getrenntem Sonderfall zu beharren und damit vollends dem Individualismus oder gar Atomismus im progressiven Neoliberalismus zu erliegen, m\u00fcssten wir somit offener f\u00fcr eine Ideologiekritik am Neoliberalismus werden, dessen Feigenbl\u00e4tter Diversit\u00e4t und eine vermeintliche Inklusion sind. Kurz gesagt m\u00fcsste daraus folgen, dass wenn etwa eine trans Person sich der eigenen Klasse und der Transphobie bewusst wird, diese sich einer linken Bewegung anschlie\u00dfen und in der Kritikform bereichern kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr manche mag es befremdlich wirken, wenn sich heteronormative Arbeiter m\u00f6glicherweise nicht mit trans Menschen zusammentun m\u00f6chten oder andersherum, da ein Unterdr\u00fcckungsmechanismus noch nicht dazu f\u00fchrt, einen anderen Unterdr\u00fcckungsmechanismus anzuerkennen oder die eigenen Ressentiments zu \u00fcberwinden. Auch wenn diese Kritik nicht einfach von der Hand zu weisen ist, hat die Intersektionalit\u00e4t nicht nur einen akademischen, sondern auch einen praktisch-aktivistischen Part. So hat etwa Elizabeth Cole (2008: 449-451) herausgefunden, dass intersektionale Koalitionen gerade dann als erfolgreich von den Beteiligten im feministischen Aktivismus eingesch\u00e4tzt werden, wenn es nicht um geteilte oder getrennte Erfahrungen und Identit\u00e4ten geht, sondern um geteilte Positionen in einem Machtverh\u00e4ltnis \u2013 bei gleichzeitiger gegenseitiger Anerkennung von Differenz. Es geht dann nicht nur um spezifische Diskriminierungen, sondern um verschr\u00e4nkte Positionen im Kampf um Empowerment einer Gruppe. (Vgl. Kurz 2022: 94-96; Chun et al. 2013) Die <i>Intersektionalit\u00e4t II <\/i>bedeutet somit nicht blo\u00df, dass \u2013 wie in einem Arbeitsstreik f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne oder Arbeitszeitreduktion \u2013 identit\u00e4tspolitische Unterschiede innerhalb der Streikenden und Gewerkschaftern kaum eine Rolle spielen sollen. Es bedeutet vielmehr, dass ein intersektionales B\u00fcndnis diese Unterdr\u00fcckungen und Diskriminierung b\u00fcndelt und dabei die Kapitalismuskritik in den Vordergrund stellt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein Beispiel der funktionierenden <i>Intersektionalit\u00e4t II<\/i>, die sich auf die geteilten Positionen in einem Machtverh\u00e4ltnis beruft, bietet in Deutschland die Berliner Initiative <i>Deutsche Wohnen &amp; Co. Enteignen<\/i>. Eindeutig prim\u00e4r behandelt dieses B\u00fcndnis die Eigentumsfrage und stellt Mieter*innen gegen gro\u00dfe Immobilienkonzerne. Der Primat der \u00d6konomie ist gegeben. Darunter versammelt sich auch eine aktive LGBTQI+-Community, zumal sexuelle Minderheiten auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt und diskriminiert werden und daraus prek\u00e4res Wohnen und Wohnungslosigkeit folgen. Selbiges gilt f\u00fcr Angeh\u00f6rige bestimmter ethnischer Minderheiten, aber auch f\u00fcr schlecht verdienende Single-M\u00e4nner. Unter einem spezifischen Thema mit einem klaren Primat und einer politischen Forderung gelang es der Initiative, genug Menschen verschiedenster Mietergruppen zu mobilisieren, um einen Volksentscheid mit gro\u00dfer Mehrheit durchzuf\u00fchren, inzwischen den Weg zum Gesetzgebungsprozess zu beschreiten.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"4-fazit\">4. Fazit<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Was also entscheidend sein mag f\u00fcr eine funktionierende Intersektionalit\u00e4t, ist, sich ein spezifisches Ziel zu setzen, das als ausreichend gesamtgesellschaftlich relevant wahrgenommen wird und von welchem verschiedene Gruppen betroffen sind \u2013 obgleich in unterschiedlichem Grad. Die Betroffenen m\u00fcssten sich hinter dieses spezifische (auch sozio\u00f6konomische) Ziel vereinen, auch in Bezug auf jeweilige intersektionale Besonderheiten. Der dahinterstehende Duktus ist eine zun\u00e4chst befristete Zusammenarbeit verschiedener Gruppen, die ein gleiches Interesse \u2013 wenn auch vielleicht aus unterschiedlichen Motiven \u2013 haben und dabei nach dem Solidarit\u00e4tsprinzip verfahren: Wenn Person oder Gruppe A f\u00fcr Gruppe oder Person B k\u00e4mpft, dann k\u00e4mpft auch B f\u00fcr A<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote7sym\" name=\"sdendnote7anc\"><sup>vii<\/sup><\/a>. Alle anderen Unterschiede und Ressentiments k\u00f6nnen, je nach St\u00e4rke des Ziels, toleriert oder herausgestellt und innerhalb des Kollektivs repr\u00e4sentiert werden, wenn ein Missstand als dr\u00e4ngender wahrgenommen wird als die eigenen Ressentiments. So ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass sich auch insgeheim heteronormative Mieter*innen aus der Arbeiterklasse mit <i>Deutsche Wohnen &amp; Co. <\/i><i>E<\/i><i>nteignen<\/i> identifiziert haben, denn das Ziel des bezahlbaren Wohnraums war dominant genug, auch das queere Engagement zu tolerieren, da es ihnen gerade nicht im Weg stand, sondern wom\u00f6glich sogar half. Die Immobilienlobby und die Mehrheit des Berliner Senats stehen ihnen im Weg, nicht queere Mieter*innen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Meine Annahme war es, dass die linke Kritik am Vergessen der sozialen Frage sowie teilweise die linke Kritik an der Intersektionalit\u00e4t korrekt ist. Jedoch sollte nicht jedem Fan der Inklusion und Diversit\u00e4t per se unterstellt werden, narzisstisch im eigenen Kampf um Anerkennung und Antidiskriminierung zu sein, aber dass die strukturelle Ebene dies nahelegt, so wie diese Ebene auch den Verlust des Klassenbewusstseins in der Identit\u00e4tspolitik nahelegt. Denn f\u00fcr neue soziale Bewegungen gilt auch, dass sich diese ohne Identit\u00e4tsbildung und -abgrenzung nicht denken lassen (Auernheimer 2020: 84-94).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gerade wenn die neoliberale Identit\u00e4tspolitik sozialpsychologisch als falsche Alternative zum Verlust des Klassenbewusstseins gilt, stellt sich die Frage, ob diskriminierte und unterdr\u00fcckte Subjekte nicht durch Intersektionalit\u00e4t zur\u00fcck in ein linkes emanzipatorisches Engagement gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, welches sie offiziell ja h\u00e4ufig praktizieren wollen. Sollte dies funktionieren, k\u00f6nnte die Identit\u00e4t als sekund\u00e4res Kriterium hinter der sozialen Frage inkludiert werden. Es ist also denkbar, zumindest einen Teil der identit\u00e4tspolitischen Akteur*innen in ein emanzipatorisches linkes Engagement zu integrieren, wenn ihnen die Verbesserung sozio\u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse als Eigeninteresse erscheint und sich dies auch auf ihre Besonderheit oder auch ihren Diskriminierungshintergrund beziehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Dr. Philip Dingeldey<\/strong> ist seit April 2023 einer von zwei Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer*innen der Humanistischen Union und hauptamtlicher Redakteur der <b>vor<\/b>g\u00e4nge. Zuvor hatte er eine Gastprofessur f\u00fcr kritische Gesellschaftstheorie an der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen inne. Dingeldey hat in Politikwissenschaft an der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt promoviert. Seine Forschungsinteressen sind Demokratietheorie, Rechtstheorie und -philosophie, kritische Theorie, Republikanismus, Liberalismus, \u00f6kologisches politisches Denken und Ideengeschichte. Zuletzt von ihm erschienen: Von unmittelbarer Demokratie zur Repr\u00e4sentation. Eine Ideengeschichte der gro\u00dfen b\u00fcrgerlichen Revolutionen (Transcript: Bielefeld 2022).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Adorno, Theodor W.\/Horkheimer, Max<\/em> 2003 [1944]: Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente (= Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Bd. 3), Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Adorno, Theodor W.<\/em> 2003a [1951]: Minima Moralia (= Gesammelte Schriften in 20 B\u00e4nden, Bd. 4), Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Adorno, Theodor W.<\/em> 2003b [1966]: Negative Dialektik \/ Jargon der Eigentlichkeit (= Gesammelte Schriften in 20 B\u00e4nden, Bd. 6), Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Alemann, Annette von<\/em> 2022: Soziale Ungleichheit und Intersektionalit\u00e4t, in: Biele Mefebue, Astrid\/B\u00fchrmann, Andrea D.\/Grenz, Sabine (Hrsg.): <em>Handbuch Intersektionalit\u00e4tsforschung<\/em>, Wiesbaden, S. 21-34.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Auernheimer, Georg<\/em> 2020: Identit\u00e4t und Identit\u00e4tspolitik, K\u00f6ln.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Becker-Schmidt, Regina<\/em> 2007: \u201eclass\u201c, \u201egender\u201c, \u201eethnicity\u201c, \u201erace\u201c: Logiken der Differenzsetzung, Verschr\u00e4nkungen von Ungleichheitslagen und gesellschaftliche Strukturierung\u201c, in: Klinger, Cornelia\/Knapp, Gudrun-Axeli\/Sauer, Birgit (Hrsg.): <em>Achsen der Ungleichheit. Zum Verh\u00e4ltnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizit\u00e4t<\/em>, Frankfurt am Main\/New York, S. 56-83.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Becker-Schmidt, Regina<\/em> 2017: Pendelbewegungen \u2013 Ann\u00e4herungen an eine feministische Gesellschafts- und Subjekttheorie aus der Sicht von Frauen. Aufs\u00e4tze aus den Jahren 1991 bis 2015, Opladen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Becker-Schmidt, Regina<\/em> 2022: Politisch-psychologische Anmerkungen zum asymmetrischen Tauschverh\u00e4ltnis aus feministischer Sicht, in: St\u00f6gner, Karin\/Colligs, Alexandra (Hrsg.): Kritische Theorie und Feminismus, Berlin, S. 166-179.<\/p>\n<p align=\"justify\">Benhabib, Seyla 1995: Feminismus und Postmoderne: Ein prek\u00e4res B\u00fcndnis, in: Benhabib, Seylaet al.: <em>Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart<\/em>, Frankfurt am Main, S. 9-29.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Berendsen, Eva\/Cheema, Saba-Nur\/Mendel, Meron<\/em> 2021a: Finger auf die Wunden oder: Der direkte Weg ins Fettn\u00e4pfchen. Identit\u00e4tspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen, in: Berendsen, Eva\/Cheema, Saba-Nur\/Mendel, Meron (Hrsg.): <em>Triggerwarnung. Identit\u00e4tspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen<\/em>, Berlin, S. 7-17.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Berendsen, Eva\/Cheema, Saba-Nur\/Mendel, Meron<\/em> 2021b: Zehn Punkte f\u00fcr den ultimativ richtigen Umgang mit Betroffenheiten, Identit\u00e4ten und Allianzen, in: Berendsen, Eva\/Cheema, Saba-Nur\/Mendel, Meron (Hrsg.): <em>Triggerwarnung. Identit\u00e4tspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen<\/em>, Berlin, S. 241-250.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bilge, Sirma<\/em> 2014: Whitening Intersectionality. Evanescence of Race in Intersectionality Scholarship, in: Hund, W. D.\/Lentin, A. (Hrsg.): <em>Racism and Sociology<\/em>, Berlin, S. 175-205.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Boltanski, Luc\/Chiapello, \u00c8ve<\/em> 2006 [1999]: Der neue Geist des Kapitalismus. K\u00f6ln.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Busch, Charlotte<\/em> 2021: Mimosen, Mimesis und Mimimi. Zwischen linker Solidarit\u00e4t und betroffenheitspolitischer Vereinzelung, in: Berendsen, Eva\/Cheema, Saba-Nur\/Mendel, Meron (Hrsg.): <em>Triggerwarnung. Identit\u00e4tspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen<\/em>, Berlin, S. 41-52.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Butler, Judith<\/em> 1995: Kontingente Grundlagen. Der Feminismus und die Frage der Postmoderne, in: Butler, Judith et al.: <em>Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart<\/em>, Frankfurt am Main, S. 31-58.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Chun, Jennifer J. et al.<\/em> 2013: Intersectionality as a Social Movement Strategy: Asian Immigrant Women Advocates, in: <em>Signs Journal of Women in Culture and Society<\/em>, Jg. 38, H. 4, S. 917-940.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Cole, Elizabeth R.<\/em> 2008: Coalitions for a Modell of Intersectionality: From Practice to Theory, in: <em>Sex Roles<\/em>, Jg. 59, H. 5-6, S. 443-453.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Combahee River Collective<\/em> 1982 [1977]: A Black Feminist Statement, in: Hull, Gloria T.\/Bell, Patricia\/Smith, Barbara (Hrsg.): <em>But Some of Us Are Brave. Black Women\u2019s Studie<\/em>s, Old Westbury\/New York, S. 13-22.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Crenshaw, Kimberl\u00e9<\/em> 1989: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, in: <em>The University of Chicago Legal Forum<\/em>, H. 1, S. 139-167.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Demirovi\u0107, Alex\/Maihofer, Andrea<\/em> 2013: Vielfachkrise und die Krise der Geschlechterverh\u00e4ltnisse, in: Nickel, Hildegard\/Heilmann, Andreas (Hrsg.): <em>Krise, Kritik, Allianzen, Arbeits- und geschlechtersoziologischer Perspektiven<\/em>, Weinheim\/Basel. S. 30-48.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Fraser, Nancy\/Honneth, Axel<\/em> 2003: Anerkennung oder Umverteilung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Fraser, Nancy<\/em> 2017: F\u00fcr eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus, in: <em>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>, Jg. 62, H. 2, S. 71-76.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Goel, Urmila<\/em> 2022: Intersektional forschen \u2013 kontextspezifisch, offen, selbst-reflexiv, in: Biele Mefebue, Astrid\/B\u00fchrmann, Andrea D.\/Grenz, Sabine (Hrsg.): <em>Handbuch Intersektionalit\u00e4tsforschung<\/em>, Wiesbaden, S. 131-144.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Hancock, Anges-Marie<\/em> 2016: Intersectionality. An Intellectual History, New York\/Oxford.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Harding, Sandra<\/em> 1981: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism: Can It Be Saved?, in: Sargent, Lydia (Hrsg.): <em>Women and Revolution. A Discussion of the Unhappy Marriage of Marxism and Feminism<\/em>, Montreal, S. 135-164.<\/p>\n<p align=\"justify\">Hartmann, Heidi 1981: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism: Towards a more progressive Union, in: Sargent, Lydia (Hrsg.): W<em>omen and Revolution. A Discussion of the Unhappy Marriage of Marxism and Feminism<\/em>, Montreal, S. 1-42.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Haslanger, Sally<\/em> 2012: Resisting Reality: Social Construction and Social Critique, Oxford.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Heisterhagen, Nils<\/em> 2018. Kritik der Postmoderne. Warum der Relativismus nicht das letzte Wort hat, Wiesbaden.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Hill Collins, Patricia<\/em> 2015: Intersectionality\u2019s Definitional Dilemmas, in: <em>American Review of Sociology<\/em>, Jg. 41, H. 1, S. 1-20.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Knapp, Gudrun-Alexi<\/em> 2008a: Verh\u00e4ltnisbestimmung, Geschlecht, Klasse, Ethnizit\u00e4t in gesellschaftstheoretischer Perspektive, in: Klinger, Cornelia (Hrsg.): <em>\u00dcber-Kreuzungen. Fremdheit, Ungleichheit, Differenz<\/em>, M\u00fcnster, S. 138-170.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Knapp, Gudrun-Alexi<\/em> 2008b: \u201eIntersectionality\u201c \u2013 ein neues Paradigma der Geschlechterforschung? In: Casale, Rita\/Rendtorff, Barbara (Hrsg.): <em>Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung<\/em>, Bielefeld, S. 33-53.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Knapp, Gudrun-Alexi<\/em> 2022: Konstellationen von Kritischer Theorie und Geschlechterforschung, in: St\u00f6gner, Karin\/Colligs, Alexandra (Hrsg.): <em>Kritische Theorie und Feminismus<\/em>, Berlin, S. 37-57.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Kurz, Elaine<\/em> 2022: Intersektionalit\u00e4t in feministischer Praxis. Differenzkonzepte und ihre Umsetzung in feministischen Gruppen, Bielefeld.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Lilla, Mark<\/em> 2017: The Once and Future Liberal: After Identity Politics, New York.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Lorey, Isabell<\/em> 2011: Von den K\u00e4mpfen aus. Eine Problematisierung grundlegender Kategorien, in: Hess, Sabine\/Langreiter, Nikola\/Timm, Elisabeth (Hrsg.): <em>Intersektionalit\u00e4t revisited. Empirische, theoretische und methodische Erkundungen<\/em>, Bielefeld, S. 101-118.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Meyer, Katrin<\/em> 2017: Theorien der Intersektionalit\u00e4t zur Einf\u00fchrung, Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Murray, Douglas<\/em> 2020: The Madness of Crowds: Gender, Race and Identity, London.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Nachtwey, Oliver<\/em> 2017: Die Abstiegsgesellschaft. \u00dcber das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Neiman, Susan<\/em> 2023: Links ist nicht woke, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Pfaller, Robert<\/em> 2017: Erwachsenensprache. \u00dcber ihr Verschwinden aus Politik und Kultur, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Piketty, Thomas<\/em> 2020: Kapital und Ideologie, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Somek, Alexander<\/em> 2021: Moral als Bosheit. Rechtsphilosophische Studien, T\u00fcbingen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Stegemann, Bernd<\/em> 2018: Die Moralfalle \u2013 F\u00fcr eine Befreiung linker Politik, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Stegemann, Bernd<\/em> 2023: Identit\u00e4tspolitik, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Will, Rosemarie\/L\u00fcders, Sven<\/em> 2022: Antidiskriminierungsrecht im Kontext von Gleichheit und Gerechtigkeit. Ein Gespr\u00e4ch mit Susanne Baer und Ute Sacksofsky, in: <em>vorg\u00e4nge. Zeitschrift f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Gesellschaftspolitik<\/em>, Nr. 237\/238 = Jg. 61, H. 1-2, S. 5-26.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Winkler, Gabriele\/Degele Nina<\/em> 2010: Intersektionalit\u00e4t. Zur Analyse sozialer Ungleichheit, Bielefeld.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Young, Iris M.<\/em> 2011: Justice and the Politics of Indifference, Princeton.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h3>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>Alexander Somek (2021: 3) fasst dies beispielsweise folgenderma\u00dfen zusammen: \u201eWer heute liberal und fortschrittlich ist, glaubt gewiss nicht mehr an die transformierende Mission einer revolution\u00e4ren Klasse (des \u201aProletariats\u2018), sondern wei\u00df Bescheid, dass es f\u00fcr alle entscheidend darauf ankommt, sich zu qualifizieren und kompetitiven Auswahlverfahren zu stellen. Man steht allein da und muss f\u00fcr sich allein k\u00e4mpfen. Die wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft gilt als vorgegeben und unantastbar. Die eigentliche politische Herausforderung wird darin gesehen, sie \u201ainklusiver\u2018 zu machen durch die Verbesserung der Chancengleichheit und den Abbau von Ausgrenzungen, insbesondere solcher aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der \u201aRasse\u2018\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii <\/a>Empirisch ist klar, dass eine von Regierungen und Parlamenten betriebene Identit\u00e4tspolitik kaum herrschaftskritisch ist und sozio\u00f6konomische Fragen hintanstellt (vgl. hierzu den Beitrag von Dirk J\u00f6rke und Torben Schwuchow in diesem Heft). Es k\u00f6nnte sich aber anders verhalten, wenn es um die Agenda von Betroffenen, die antidiskriminierend und kapitalismuskritisch sein k\u00f6nnen, geht.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii <\/a>Vgl. zum Combahee River Collective und dessen Bez\u00fcge zur Identit\u00e4tspolitik auch den Beitrag von J\u00f6rg Scheller in diesem Heft.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv <\/a>\u201eConsider an analogy to traffic in an intersection, coming and going in all four directions. Discrimination, like traffic through an intersection, may flow in one direction, and it may flow in another. If an accident happens in an intersection, it can be caused by cars travelling from any number of directions and, sometimes, from all of them. Similarly, if a Black woman is harmed because she is in the intersection, her injury could result from sex discrimination or race discrimination\u201d (Crenshaw 1989: 149).<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote5\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote5anc\" name=\"sdendnote5sym\">v <\/a>Dementsprechend geht eine poststrukturalistisch gepr\u00e4gte Intersektionalit\u00e4tsforschung weniger auf Klassenverh\u00e4ltnisse ein, sondern eher auf die kontingente Kategorisierung (so etwa Goel 2022).<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote6\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote6anc\" name=\"sdendnote6sym\">vi <\/a>Wo Isabell Lorey nur einen Widerspruch zwischen Butlers Kontingenztheorie und der Identit\u00e4tspolitik sieht, scheint mir dies eher ein dialektisches Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen identit\u00e4tspolitischer Naturalisierung und poststrukturalistischer Aufspaltung von Kollektiven zu sein.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote7\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote7anc\" name=\"sdendnote7sym\">vii <\/a>Diesem Narrativ folgend funktioniert auch der Spielfilm <i>Pride<\/i> von 2014.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":19339,"template":"","categories":[2973,21,47,7],"tags":[3552,682,3031,3086,3607,761,3540,3528,3072,3309,3077,3553,3554,3300,680,681,3045,3555,667],"autoren":[3207],"publikationen":[3527],"class_list":["post-19338","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-armut","category-demokratisierung","category-lebensweisen-pluralismus","category-sozialpolitik","tag-anti-diskriminierung","tag-demokratisierung","tag-diskriminierung","tag-diversitaet","tag-gerechtigkeit","tag-gleichheit","tag-identitaet","tag-identitaetspolitik","tag-inklusion","tag-intersektionalitaet","tag-kapitalismus","tag-klasse","tag-kritische-theorie","tag-neoliberalismus","tag-pluralismus","tag-rechtspolitik","tag-soziale-ungleichheit","tag-sozialismus","tag-vorgaenge-artikel","autoren-philip-dingeldey","publikationen-vorg-244"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Identit\u00e4tspolitik und Intersektionalit\u00e4t: Zur Rolle der sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/identitaetspolitik-und-intersektionalitaet-zur-rolle-der-sozialen-ungleichheit-und-gerechtigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Identit\u00e4tspolitik und Intersektionalit\u00e4t: Zur Rolle der sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Identit\u00e4tspolitik steht unter dem Verdacht, sozio\u00f6konomische und die soziale Gerechtigkeit zu ignorieren. Philip Dingeldey argumentiert in seinem Beitrag, dass jedoch eine bestimmte Art intersektionaler K\u00e4mpfe die Kriterien einer \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c erf\u00fcllen kann und so B\u00fcndnisse zwischen kapitalismuskritischer emanzipatorischer Linken und linker Identit\u00e4tspolitik in ihrem Kampf um Selbstbestimmung denkbar macht. 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Philip Dingeldey argumentiert in seinem Beitrag, dass jedoch eine bestimmte Art intersektionaler K\u00e4mpfe die Kriterien einer \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c erf\u00fcllen kann und so B\u00fcndnisse zwischen kapitalismuskritischer emanzipatorischer Linken und linker Identit\u00e4tspolitik in ihrem Kampf um Selbstbestimmung denkbar macht. 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