{"id":19354,"date":"2024-05-24T13:31:07","date_gmt":"2024-05-24T11:31:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19354"},"modified":"2024-05-24T13:31:07","modified_gmt":"2024-05-24T11:31:07","slug":"rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus\/","title":{"rendered":"Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\" align=\"justify\">Toni Andre\u00df hat berufliche Erfahrung im Bereich Marketing f\u00fcr Wirtschaftskonferenzen und als Berater im Bereich der Geb\u00e4ude- und Energietechnik. Dieses Buch ist sein Res\u00fcmee 20-j\u00e4hriger Befassung mit wirtschaftspolitischen Fragen und Umweltproblemen. Dementsprechend sehen Leser*innen sich einem umfangreichen Buch mit 500 Seiten Text und circa 200 Seiten Anmerkungen und Quellenverzeichnissen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Vorwort weist Andre\u00df auf die generelle Gesellschaftskritik am Kapitalismus hin. Es fehlt offensichtlich ein Gegenentwurf. F\u00fcr eine solchen h\u00e4lt Andre\u00df den Begriff <i>Postkapitalismus<\/i>, der eine Br\u00fccke zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein solle (12). Seine Grundannahmen basieren jedoch auf den Ideen der Freiwirtschaftslehre und des Keynesianismus. Grundbetrachtungen beziehen sich auf Emissionshandel, bedingungsloses Grundeinkommen, Freihandel und Weltw\u00e4hrung. Analog zur Freihandelslehre und zum Postkeynesianismus fordert er eine Reform des Geldsystems und eine Versorgung der Realwirtschaft mit g\u00fcnstigen Krediten. Entsprechend der Bonit\u00e4t sollten nur Verwaltungskosten erhoben werden. Die R\u00fcckzahlung der Kredite sollte durch angemessene Tilgungsraten ohne Zinsen erfolgen. Die Umsetzung der Freiwirtschaftslehre sollte zeitgem\u00e4\u00dfer durch digitales Zentralbankgeld erfolgen, strittig bleibt dabei ob verzinst, zinslos oder sogar mit negativem Zins.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Andre\u00df hat sich in seiner Analyse in einzelnen Kapiteln in Form von wirtschaftlichen Problemen sowie Umwelt und Klimafragen, L\u00f6sungsans\u00e4tzen, Handlungsans\u00e4tzen und sich den daraus ergebenen Auswirkungen befasst. Die konkreten Themen sind Kapital, Umwelt, Arbeit und Markt. In Anwendung der Freiwirtschaftslehre und des Neokeynesianismus untersucht Andre\u00df systematisch den Status quo, Geschichte und Perspektiven oder Auswege hinsichtlich der Finanzkrisen, der \u00dcberschuldung und der Verm\u00f6gensungleichheit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aus den Finanzkrisen, verstanden als Marktversagen, erfolgen erhebliche Kosten f\u00fcr die Gemeinschaft. Aus dieser desastr\u00f6sen neoliberalen Politik und Wirtschaft ergeben sich \u00dcberschuldung, Reduzierung staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t und ungleiche Verm\u00f6gensverteilung (24). Entsprechend der Freiwirtschaftslehre und auch dem Keynesianismus sollte Geld zu geringen Kosten, im Grenzfall nur Verwaltungskosten, zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Niedrige Zinsen und geringe Inflation w\u00e4ren gut zu vereinbaren (43), sofern ein Gegenwert von Waren und Dienstleistungen vorhanden ist. Zinsen sieht Andre\u00df als Ursache ungleicher Verm\u00f6gensverteilung. \u201eGem\u00e4\u00df der Freiwirtschaftslehre ist die Wirtschaft durch den Zins einem st\u00e4ndigen Wachstumszwang ausgesetzt\u201d (48). Bei geringen Zinsen w\u00fcrde ein Wirtschaftswachstum beg\u00fcnstigt, das in Verbindung mit entsprechender Bepreisung des Umweltverbrauchs eine \u00f6kologische Wende erg\u00e4be. Diese Erwartung widerspricht der herrschenden neoliberalen \u00d6konomie, in der der Zins eine immanent wichtige Lenkungsfunktion hat und derzufolge das Kapital so seine beste Verwendung findet. Ein Abschied vom Wachstum fordert Andre\u00df aber nicht; es soll durch Begrenzung der Zinsen und Umweltabgaben neu orientiert werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Einen Schwerpunkt des Buches nimmt die Auseinandersetzung mit der Umweltzerst\u00f6rung ein. Dabei beschr\u00e4nkt Andre\u00df sich nicht auf die CO2-Emissionen und die damit verbundene Erderw\u00e4rmung. Die Umweltbelastung vieler Stoffe eingesetzt f\u00fcr Produktion und Konsum, wird detailliert beschrieben und belegt durch ausf\u00fchrliche Anmerkungen. Auch werden Erfahrungen mit den FCKW-Regeln untersucht. In den Handlungsempfehlungen pl\u00e4diert der Autor f\u00fcr Emissionsrechte, begleitet von wirksamen Marktregulierungen. Die Entwicklung erneuerbarer alternativer Energien w\u00fcrde so beschleunigt. Die Analyse der Umweltproblematik ist der Kern des Buches und k\u00f6nnte mit einem Umfang von circa 200 Seiten auch eine eigenst\u00e4ndige Monographie sein. Im Ergebnis sollen die Begrenzung und Bepreisung der Emissionen und des Einsatzes sch\u00e4dlicher Stoffe den Markt veranlassen, \u00f6kologisch wirksame Investitionen hervorzubringen. Zum Teil etwas unbefangen werden die m\u00f6glichen technischen Optionen betrachtet, durchaus im Sinne einer unkritischen Technologie Offenheit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In dem Kapitel zur Lohnarbeit wird f\u00fcr ein bedingungsloses Grundeinkommen argumentiert. Gleichzeitig werden die Alternativen zum Grundeinkommen, n\u00e4mlich eine Erweiterung der bestehenden Sozialversicherungsbez\u00fcge sowie die liberalen und konservativen Positionen erw\u00e4hnt. Andre\u00df bef\u00fcrwortet ein Grundeinkommen in einer H\u00f6he von 2000 Euro monatlich. Er erwartet positive Effekte f\u00fcr Erwerbst\u00e4tigkeit, Lohnniveau, Arbeitszeit, Arbeitsproduktivit\u00e4t und Umgang mit der Etablierung k\u00fcnstlicher Intelligenz. Begleitet von einem h\u00f6heren Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent f\u00fcr alle G\u00fcter, einer angemessenen Verm\u00f6genssteuer und der Einf\u00fchrung einer Finanztransaktionssteuer sei so eine Finanzierung m\u00f6glich. Sinkende Arbeitszeiten w\u00fcrden durch h\u00f6here Produktivit\u00e4t ausgeglichen werden. Unbeachtet bleibt dabei der Verlust einer solidarischen Gesellschaft, der Mensch wird auf die Selbstverantwortung als Orientierung verwiesen. Die Bev\u00f6lkerung w\u00e4re abh\u00e4ngig von der Finanzierung, und w\u00e4re die nicht erfolgreich, bliebe er ohne Schutz durch soziale Einrichtungen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Betrachtung zum Markt konzentriert sich auf den Welthandel und die damit verbundenen Konzepte der Subventionen, Einfuhrkontingente, Schutzz\u00f6lle, Einwanderung und Schatten-Finanzpl\u00e4tze. Freihandel betrachtet Andre\u00df historisch und als untrennbar mit dem Wirtschaftsliberalismus verbunden. Erg\u00e4nzt durch soziale Marktwirtschaft wird deren gegenseitige Bedingung postuliert. Andre\u00df zufolge sind Einfuhrkontingente, Schutzz\u00f6lle und Regelung der Einwanderung abzulehnen. Lediglich die Einhaltung von Umweltstandards, die Teilnahme am Emissionshandel und globale Mindeststeuern auf Unternehmensgewinne, Kapitaleinkommen und Verm\u00f6gen werden gefordert. G\u00e4nzlich unbeachtet bleibt dabei das Kapital, gepr\u00e4gt durch Privateigentumsrechte an Boden, Verm\u00f6gen und Patenten, gesch\u00fctzt durch weltweit geltende Rechte, die Ursprung f\u00fcr die Renditen der Privateigent\u00fcmer sind. Die damit verbundene kolonialistische Ausbeutung des globalen S\u00fcdens wird nicht thematisiert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Funktion von WTO und GATT im Zusammenhang mit dem Weltw\u00e4hrungssystem werden angesprochen und ihre Entwicklung aufgezeigt. Andre\u00df fordert eine Erm\u00e4chtigung der WTO sowie die Einf\u00fchrung einer internationalen Gerichtsbarkeit, um die Anspr\u00fcche aller zu gew\u00e4hrleisten. Hier wird auch wieder mit Bezug auf Keynes die Rolle des US-Dollars in Frage gestellt und die Einf\u00fchrung einer neuen internationaler Reservew\u00e4hrung gefordert (290).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ergibt die Gesamtbetrachtung ein koh\u00e4rentes Bild? Aus Sicht des Rezensenten wird folgender Bogen gespannt: \u00dcber die Einf\u00fchrung von Krediten zu niedrigen Zinsen oder zinslos und der damit verbundenen Freiheit f\u00fcr Investitionen und dem Einsatz von Beschr\u00e4nkung der Umweltsch\u00e4den durch strikte Regeln und Bepreisung wird ein Weg f\u00fcr den \u00f6kologischen Umbau der Wirtschaft aufgezeigt. Bei einer Neuorientierung der Arbeit durch Einf\u00fchrung eines bedingungslosen Grundeinkommens und der damit verbundenen Produktivit\u00e4tsentwicklung wird \u00f6kologisch sinnvolles Wachstum erwartet.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der Rezensent kann hier kein postkapitalistisches System erkennen. Der Begriff <i>Kapital<\/i> wird in seiner Substanz nicht erl\u00e4utert und seine Bedeutung f\u00fcr das \u00f6konomische System nicht hinterfragt. Wie wird Kapital erzeugt, und wie privilegiert er seinen Besitzer? Sein Charakter ist definiert durch <i>Best\u00e4ndigkeit<\/i>, welche die Anspr\u00fcche zeitlich ausdehnt, <i>Universalit\u00e4t<\/i>, die r\u00e4umliche Ausdehnung beschreibend, und seine <i>Konvertierbarkeit<\/i>, die Verm\u00f6gensinhaber erm\u00f6glicht, bei Bedarf Kapital in Staatsgeld umzuwandeln. Der Kapitalismus bliebe somit erhalten (vgl. Pistor 2020: 18).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Viele der aufgef\u00fchrten Punkte \u00e4hneln den Diskussionen im Postkeynesianismus. Insbesondere die Geldversorgung, die Verteilung von Verm\u00f6gen und Einkommen, niedrige Zinsen und niedrige Arbeitslosigkeit stehen auch hier im Zentrum (vgl. King 2022: 137).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Betrachtet man den aktuellen Diskurs \u00fcber Wirtschaftspolitik, kann man nur feststellen, dass die neoliberalen Positionen immer noch hegemonial sind. Andre\u00df versucht hier eine Fortschreibung unter Ber\u00fccksichtigung \u00f6kologischer Aspekte. Andre\u00df\u2019 Buch kann Leser*innen mit Gewinn eine Gesamtschau vermitteln, ohne sich in den Tiefen der klassischen \u00d6konomie zu verlieren. Das Buch beschreibt die unterschiedlichen Kritik-themen am bestehenden Wirtschaftssystem, und die Fortsetzung reflektiert vielleicht die Strategie des gr\u00fcnen Wirtschaftswachstums. Eine grunds\u00e4tzliche Kritik an den Prinzipien von Kapital und Wettbewerb ist aber nicht gegeben. Bemerkenswert ist daf\u00fcr die umfangreiche und sorgf\u00e4ltige Ausarbeitung der Themen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-ohne-western \" align=\"justify\">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur:<\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>King John E. <\/em>2022: Post-Keynesianismus, Wien.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Pistor Katherina<\/em> 2020: Der Code des Kapitals, Berlin.<\/p>\n<p align=\"right\"><em>Werner Bergmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2976,7],"tags":[3077,3598,3165,3164,3385,3597,791,3599],"autoren":[3335],"publikationen":[3527],"class_list":["post-19354","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-klima","category-sozialpolitik","tag-kapitalismus","tag-keynesianismus","tag-klima","tag-klimawandel","tag-nachhaltigkeit","tag-postkapitalismus","tag-rezension","tag-wirtschaft","autoren-werner-bergmann","publikationen-vorg-244"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Toni Andre\u00df hat berufliche Erfahrung im Bereich Marketing f\u00fcr Wirtschaftskonferenzen und als Berater im Bereich der Geb\u00e4ude- und Energietechnik. 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