{"id":19486,"date":"2024-08-21T13:54:43","date_gmt":"2024-08-21T11:54:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19486"},"modified":"2024-08-21T13:54:43","modified_gmt":"2024-08-21T11:54:43","slug":"der-physikalische-aspekt-der-intersektionalitaet-eine-replik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-245\/publikation\/der-physikalische-aspekt-der-intersektionalitaet-eine-replik\/","title":{"rendered":"Der physikalische Aspekt der Intersektionalit\u00e4t \u2013 eine Replik"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Der folgende Artikel von Daniel Stosiek ist eine Replik auf das vergangene <b>vor<\/b>g\u00e4nge-Heft zum Schwerpunktthema Identit\u00e4tspolitik (Nr. 244). In seinem Beitrag geht es Stosiek um einen neuen, die Kausalit\u00e4t der Verh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigenden Zugang zur Frage der Intersektionalit\u00e4t, insbesondere zwischen den Themen der sozialen Gerechtigkeit und Ungleichheit einerseits und den \u201eneueren\u201c Themen der Gendergerechtigkeit, der \u00dcberwindung von Rassismus und Behindertenfeindlichkeit. Anstatt Letztere als Identit\u00e4tspolitik zu begreifen, pl\u00e4diert der Autor daf\u00fcr, sie als Aspekte der Alterit\u00e4t zu verstehen und so f\u00fcr eine intersektionale Analyse fruchtbar zu machen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Intersektionalit\u00e4t meint, dass unterschiedliche Formen der Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und der Diskriminierung von Menschen und menschlichen Gruppen, wie Ungleichheit von Klassen, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus usw. in einem Zusammenhang zu sehen seien, und dass auch die Praxis von deren \u00dcberwindung alle diese Formen mit einbeziehen m\u00fcsse. In einem Aufsatz schreibt Philip Dingeldey (2023) in der vergangenen Ausgabe der <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i> (Nr. 244) \u00fcber die Frage, ob und wie eine Intersektionalit\u00e4t zwischen den Themen der sozialen Gerechtigkeit, Ungleichheit, materiell sichtbarer Unterdr\u00fcckung einerseits und den Fragen der Diskriminierung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wie Homosexueller, behinderter Menschen, Frauen, Nichteurop\u00e4er*innen und anderer andererseits m\u00f6glich und aufzeigbar seien. Diese Frage \u00f6ffnet sich, da seit Ende der 1990er Jahre in der europ\u00e4ischen Politik, insbesondere bei SPD und den Gr\u00fcnen, zwar einerseits der Gerechtigkeitsbegriff (mit Axel Honneth) erweitert wurde, indem er nicht nur die \u00f6konomische und politische soziale Gleichheit, sondern auch das Streben nach gleicher Anerkennung unterschiedlicher Herk\u00fcnfte, sexueller Orientierungen, gendergerechte Sprache usw. enthalten solle, klammheimlich aber andererseits in der Praxis unter dem Vorwand der sehr begr\u00fc\u00dfenswerten neuen Themen das alte Anliegen sozialer Gerechtigkeit, der Bem\u00fchung um \u00dcberwindung sozialer Ungleichheit, also die gro\u00dfen Themen der Arbeiterk\u00e4mpfe, Gewerkschaften usw., unter den Tisch gekehrt worden sind (J\u00f6rke\/Schwuchow 2023).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach meiner Ansicht h\u00e4ngt diese tats\u00e4chliche Entwicklung unter anderem damit zusammen, dass die angedeuteten neuen Themen (Gendern, homosexuelle Ehen, Gleichheit der Geschlechter, soziale Gleichheit behinderter Menschen und vieles mehr) mit dem Begriff der <i>Identit\u00e4tspolitik<\/i> verk\u00fcrzt worden sind, anstatt sie als Aspekte der <i>Alterit\u00e4t<\/i> zu begreifen. Mit dem Konzept der <i>Identit\u00e4t<\/i> neigt man dazu, die unterschiedlichen gesellschaftlich ausgegrenzten, benachteiligten (oder auch unterdr\u00fcckten) Gruppen als isolierte Einheiten zu sehen und deren Anliegen zu privatisieren. Ich sehe das Problem des Begriffes der <i>Identit\u00e4t<\/i> darin, dass Gruppen und Subjekte damit gleichsam selbstbez\u00fcglich, das hei\u00dft nur von sich selber her, definiert werden und nicht dialektisch in sozialer Wechselseitigkeit. Und dann liegt es nicht mehr fern, auch die alten gro\u00dfen Themen der sozialen Gerechtigkeit, des Sozialismus, der Kritik am Privateigentum der Produktionsmittel usw. identit\u00e4tspolitisch zu verk\u00fcrzen, zu privatisieren \u2013 und zu vergessen. Wir \u2013 die unterschiedlichen sozialen Gruppen \u2013 m\u00fcssen uns aber alle im Sinne der <i>Alterit\u00e4t<\/i> und reziproken Dialogen erkennen und anerkennen, als Teile eines \u201egro\u00dfen Dialogs\u201c (Bachtin [1979] 2010: 409) und im Sinne von \u201e\u00dcbersetzungskulturen\u201c (de Sousa Santos 2013<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a>). Dann k\u00f6nnten aus meiner Sicht alle \u201eneuen\u201c Themen viel besser in der Praxis als Anteile der gro\u00dfen Anliegen der sozialen Gerechtigkeit als Ganzes aufgefasst werden, die alle Menschen angehen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Um sich einem solchen Verst\u00e4ndnis zu n\u00e4hern, ist es sehr wichtig, von Autor*innen des globalen S\u00fcdens zu lernen, wie zum Beispiel Enrique Dussel, An\u00edbal Quijano, Boaventura de Sousa Santos oder Breny Mendoza. Dussel kritisierte den Begriff der <i>Inklusion<\/i> und meinte, statt einer Inklusion in dasselbe m\u00fcssten die bisher ausgegrenzten Menschen und Gruppen gemeinsam mit der \u00fcbrigen Gesellschaft das <i>soziale Ganze<\/i> transformieren<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a>. De Sousa Santos spricht in Kritik am universalistisch gedachten Prinzip <i>Weltethos<\/i> von Hans K\u00fcng davon, dass es nicht geboten sei, ein universales Prinzip der Ethik oder der Menschenrechte zu formulieren, sondern dass ein Zusammenhang der vielen unterschiedlichen Kulturen und menschlichen Gruppen durch eine <i>\u00dcbersetzungskultur<\/i> \u2013 \u00fcbersetzen im weiteren Sinne des Wortes verstanden, als einander zuh\u00f6ren und ansprechen verschiedener Teile der Gesellschaft \u2013 durch Prozesse gegenseitigen \u00dcbersetzens der je anderen Erfahrungen, Denkweisen und Praktiken, entstehen k\u00f6nne. Auch das ist eine Denkweise, die nicht von der Identit\u00e4t, sondern der Alterit\u00e4t ausgeht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auch Dingeldey (2023: 58f.) verweist implizit im oben erw\u00e4hnten Aufsatz auf Alterit\u00e4t und \u00dcbersetzungskulturen, n\u00e4mlich bez\u00fcglich intersektionaler Koalitionen auf \u201egeteilte Positionen in einem Machtverh\u00e4ltnis \u2013 bei gleichzeitiger gegenseitiger Anerkennung von Differenz\u201c und auf das \u201eSolidarit\u00e4tsprinzip\u201c.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Folgenden geht es mir um einen neuen, die Kausalit\u00e4t der Verh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigenden Zugang zur Frage der Intersektionalit\u00e4t, hier besonders zwischen den Themen der sozialen Gerechtigkeit und der Ungleichheit (wie kapitalistische \u00d6konomie, Besitzende versus Besitzlose, Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle, aber auch die Ausbeutung der Bio-, Geo- und Atmosph\u00e4re) einerseits und den neueren Themen der Gendergerechtigkeit, der \u00dcberwindung von Rassismus, Behindertenfeindlichkeit usw. Oder anders formuliert, zur Frage <i>Anerkennung oder Umverteilung?<\/i> (Fraser\/Honneth 2003) oder eben der Intersektionalit\u00e4t zwischen beiden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es geht mir um eine bisher in der Diskussion fehlende Dimension der Ursachen, um \u2013 hier einen in anderem Zusammenhang von Wolfgang Jantzen verwendeten Vergleich heranziehend \u2013 nicht nur wie die altorientalischen Astronomen mit Genauigkeit die Planetenbahnen aufzuzeichnen, sondern wie Kopernikus, Kepler und Newton eine erkl\u00e4rende Theorie zu erarbeiten. Und dazu bedarf es naturwissenschaftlicher Zug\u00e4nge wie der Einbeziehung von Themen der Physik, etwa der Energie und der Thermodynamik, wie auch der Biologie und der Selbstorganisationstheorien der Materie. Marx und Engels verkn\u00fcpften ihre sozialwissenschaftlichen Untersuchungen mit naturwissenschaftlichen Studien. So geht Marx\u2019 Verwendung des Konzepts der <i>Arbeitskraft<\/i> auf die damalige physikalische Theoriebildung zum Begriff der <i>Kraft<\/i> zur\u00fcck (Jantzen 2013), und Engels thematisiert in der <i>Dialektik der Natur<\/i> unter anderem Themen der Biologie und der Chemie. In der Gegenwart fehlt meist ein solcher oder vergleichbarer naturwissenschaftlicher Zugang. F\u00fcr Adorno und Horkheimer war in der <i>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/i> das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Natur in einem subjekthaften Sinne zentral, was auch Dingeldey (2023: 56) hervorhebt, aber sie erarbeiteten keinen naturwissenschaftlichen Zugang.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die \u201eZellenform\u201c der Gesellschaft \u2013 so behaupte ich in der <i>Aufhebung des Kapitals<\/i> unter Bezug auf die Denkweisen von Marx, Vygotskij und Jantzen (Stosiek 2022: 20) &#8211; ist die T\u00e4tigkeit oder Arbeit als widerspruchsvolle Einheit aus Produktion (von Dingen) und Reproduktion (des Lebens). Dabei sind die energetischen \u00dcberg\u00e4nge wichtig. Alle organischen Systeme, also Organismen, \u00d6kosysteme, soziale Zusammenh\u00e4nge, existieren in einem energetischen Flie\u00dfgleichgewicht (vgl. Prigogine 1998)<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\"><sup>iii<\/sup><\/a> innerhalb einer Situation des thermodynamischen Ungleichgewichts, so dass sie innerhalb eines l\u00e4ngeren Zeitraums die Zunahme der Entropie innerhalb ihrer selbst verhindern, das hei\u00dft hohe Komplexit\u00e4t bewahren oder vergr\u00f6\u00dfern. Die Energie im Flie\u00dfgleichgewicht ist eine Verschr\u00e4nkung aus potentieller und kinetischer Energie. Denn die organischen Systeme brauchen potentielle Energie, sprich Energie im Zustand des thermodynamischen Ungleichgewichts, um \u2013 in sich bewegender, kinetischer Energie \u2013 existieren zu k\u00f6nnen. Sie <i>schaffen<\/i> aber auch Strukturen potentieller Energie, n\u00e4mlich ihren eigenen K\u00f6rper und Aspekte ihrer Umgebung. Der Lebensprozess eines Organismus ist zugleich Arbeit im umfassenden Sinne dieses Begriffes, das hei\u00dft der Organismus produziert und reproduziert sich selber unaufh\u00f6rlich. Sobald soziale Prozesse beginnen, <i>vergegenst\u00e4ndlicht<\/i> der Organismus einen Teil oder Aspekt seiner eigenen Lebensprozesse (der kinetischen Energie); sie werden zu potentieller Energie f\u00fcr den <i>Anderen<\/i>. Der Andere, der sie nutzt, negiert ihn, indem er ihn als Nahrung verwendet oder seine T\u00e4tigkeiten f\u00fcr sich gebraucht (das ist der Aspekt der <i>Produktion<\/i> und des <i>Gebrauchswerts<\/i>), wobei die potentielle Energie f\u00fcr diesen zu kinetischer Energie wird. Wenn ein solcher Prozess aber wechselseitig stattfindet wie bei der Symbiose im biotischen Leben oder beim basalen Kommunismus unter Menschen (jeder Mensch nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a>), dann wird die Vergegenst\u00e4ndlichung (Produktion) aufgehoben, es kommt zur Negation der Negation, zur Reproduktion und Bejahung des Lebens in neuer, sozialer oder gemeinschaftlicher Dimension.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese Prozesse geschehen in Natur und Gesellschaft, sie reichen von der rudiment\u00e4rsten Biosph\u00e4re bis hin zu jeglicher menschlichen Kultur. Menschliche Kultur, Noosph\u00e4re, ihrerseits ist immer ein Zusammenhang aus menschlicher Welt und umgebender Natur, sprich Geo- Bio- und Atmosph\u00e4re (und weitere wie Heliosph\u00e4re). Trotz der Unterscheidungen zwischen politisch, \u00f6konomisch und kulturell sind soziale Prozesse immer politisch, \u00f6konomisch und kulturell zugleich. Menschen k\u00f6nnen im Zusammenleben untereinander und im Zusammenleben mit der Natur (Erde, Biosph\u00e4re usw.), wie angedeutet, die Vergegenst\u00e4ndlichung des Nutzens, der Verwendung als Gebrauchswert, in einer reziproken, sozialen, sinnhaften Beziehung aufheben. Aber sie k\u00f6nnen auch die Aufhebung verweigern, die Vergegenst\u00e4ndlichung zur Verdinglichung verewigen, sobald einige Subjekte einer Gesellschaft anstreben, dingliche Reicht\u00fcmer anzuh\u00e4ufen. Eben das passiert in der kapitalistischen Gesellschaft oder besser gesagt: in unserer Gesellschaft, insofern sie kapitalistisch ist. Sie ist der Tendenz zufolge aber nicht immer kapitalistisch (es gibt auch Momente der Demokratie, der gegenseitigen Hilfe, der Solidarisierung und vieles mehr). Insofern sie kapitalistisch funktionieren, k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich alle Lebensbereiche verdinglicht und zu Kapital gemacht werden: die Biosph\u00e4re, die Erde, die Gew\u00e4sser, die W\u00e4lder, Pflanzen und Tiere, menschliche Gemeinschaften, Kultur, Musik, Malerei, Kunst, Religion, au\u00dferdem Dialoge, welche zu Prozessen der <i>Anrufung<\/i> (Althusser [1970] 2010), zu Herrschaftsformen werden, und die Diversit\u00e4t, die im Neoliberalismus gern vereinnahmt wird (Dingeldey 2023: 48f.). Denn <i>alle<\/i> sind Lebensvollz\u00fcge im energetischen Flie\u00dfgleichgewicht, und sie k\u00f6nnen auf den Aspekt der Produktion (von Dingen), das hei\u00dft auf dinglich betrachtete potentielle Energie reduziert werden. Und dieser Prozess erscheint in der menschlichen Gesellschaft als Herrschaft und als Kapitalbildung. In energetischen Begriffen sind <i>Herrschaft<\/i> und <i>Kapitalbildung <\/i>(einschlie\u00dflich des symbolischen, kulturellen, politischen, sozialen, religi\u00f6sen Kapitals, von denen Pierre Bourdieu (1992: 49) spricht<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\"><sup>v<\/sup><\/a>, denn bei Kapital handelt es sich um privatisierte soziale Energien) exakt dasselbe. Es gibt keine Anerkennung ohne Umverteilung (nicht nur der Dinge, sondern auch der Macht), weil eben in der Umverteilung die reziproke Beziehung besteht, welche die Vergegenst\u00e4ndlichung in Bejahung des Lebens in sozialer Dimension transformiert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es ist meine These, dass <i>jede<\/i> Diskriminierung energetisch betrachtet auf der Verweigerung der Aufhebung der Vergegenst\u00e4ndlichung beruht, das hei\u00dft die Vergegenst\u00e4ndlichung des*der Anderen verewigt. Bei der Ausbeutung der Arbeitskraft l\u00e4sst sich das relativ einfach veranschaulichen: Anstatt einer reziproken Arbeitsteilung, bei der die Menschen das gegenseitige Nutzen der jeweiligen Arbeit der Anderen (Vergegenst\u00e4ndlichung) durch die Beidseitigkeit in eine gute soziale oder gemeinschaftliche Beziehung umwandeln, nutzt ein Teil der Menschen die Arbeit der anderen Menschen und ebenso der Natur und gibt ihnen nur so viel zur\u00fcck, damit sie knapp \u00fcberleben und als \u201eWare Arbeitskraft\u201c (Ak) weiterhin zur Verf\u00fcgung stehen (humane Ware Ak wie die Arbeiter*innen und Ware Ak der Natur, wie das zugerichtete Land f\u00fcr Monokulturen). Die \u00f6konomische Beziehung ist immer zugleich eine soziale Beziehung, die im ersten Fall in Respekt und sozialem Sinn, im zweiten Fall in totaler Abwertung besteht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wenn man Menschen \u00fcberfl\u00fcssig macht, ohne direkt deren Arbeit auszubeuten, sind diese Zusammenh\u00e4nge etwas komplizierter, aber im Prinzip dieselben, etwa was behinderte Menschen oder die Leute in Slums und Favelas betrifft. Das kapitalistische System beutet nicht nur die Menschen aus, sondern den gesamten Mensch-Natur-Zusammenhang; darauf beruht der europ\u00e4ische Kolonialismus, mit dem zusammen sich die kapitalistische \u00d6konomie entwickelt hat (vgl. Stosiek 2022). Die Arbeit der Natur und die Arbeit der Menschen werden gleicherma\u00dfen ausgebeutet; und mit steigender Produktivit\u00e4t werden tendenziell immer weniger Menschen gebraucht, um \u00fcber die Arbeit der Natur zu verf\u00fcgen. Deshalb produziert die kapitalistische Gesellschaft \u201e\u00dcberfl\u00fcssige\u201c. Auch diese werden nach blo\u00dfem Nutzen-Kalk\u00fcl betrachtet, in diesem Falle als \u201enutzlos\u201c, w\u00e4hrend die ausgebeuteten Menschen \u201en\u00fctzlich\u201c sind<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\"><sup>vi<\/sup><\/a>; aber in beiden F\u00e4llen verewigt die kapitalistische soziale Beziehung deren Vergegenst\u00e4ndlichung, anstatt sie in reziprokem sozialem Sinn aufzuheben. Wer einen Menschen ausbeutet, \u201eisst\u201c ihn auf; wer ihn \u00fcberfl\u00fcssig macht, \u201eisst\u201c sein Essen auf.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Was die Abwertung der Frauen gegen\u00fcber den M\u00e4nnern, sowie auch aller queerer gegen\u00fcber den heteronormalen Menschen und Gruppen anbelangt, sind die Arbeiten von Silvia Federici ([2004] 2021) bez\u00fcglich des europ\u00e4ischen Kontinents und diejenigen zur Kolonialit\u00e4t des Geschlechts von Autorinnen wie Mar\u00eda Lugones (2014) und Breny Mendoza (2018), die in Bezug auf Lateinamerika schreiben, bedeutsam. Aus beiden Denkstr\u00f6mungen wird deutlich, dass vor allem seit dem 16. Jahrhundert, seit der Kolonisierung eines gro\u00dfen Teiles der Erde durch Europa und dem beginnenden Kapitalismus, die dem Rassismus analoge Trennung der Geschlechter eine \u00f6konomische Bewandtnis hat. Innerhalb des internationalen kolonialen und kapitalistischen Arbeitsregimes (Quijano 2016) schrieb man den Frauen unter anderem die \u00f6konomische Aufgabe zu, die kapitalistische humane \u201eWare Arbeitskraft\u201c (die ihrerseits Dinge produzierend erarbeiten soll) zu produzieren, das hie\u00df damals, m\u00f6glichst viele Kinder zu bekommen, und kann heute, da quantitativ weniger Menschen f\u00fcr die Arbeit gebraucht werden, darauf hinauslaufen, sie auch in geringerer Anzahl zu n\u00fctzlichen und dezenten (nicht queeren) Arbeiter*innen zu erziehen. Menschliche <i>Reproduktion<\/i> des Lebens wird also der <i>Produktion<\/i> von Dingen untergeordnet, einverleibt, subsumiert. Wer in diesem System mitmacht, wird <i>ausgebeutet<\/i> und ist \u201en\u00fctzlich\u201c; wer davon abweicht (wie queere Menschen, welche die \u2013 im weiteren Sinne des Wortes verstandene \u2013 Reproduktion des Lebens nicht der Produktion unterordnen), wird aus der Sicht des kapitalistischen und patriarchalen Systems \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c und \u201eunn\u00fctz\u201c und f\u00e4llt in extremen kapitalistischen und in faschistischen Gesellschaften immer wieder dem Mord zum Opfer.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ich vermute, dass s\u00e4mtliche Formen der Diskriminierung von Menschen und Gruppen in unserer Gesellschaft auf eine solche Dimension von Prozessen zur\u00fcckgehen und Aspekte der kapitalistisch sich organisierenden Gesellschaft sind, und dass es deshalb keine sinnvolle Alternative zur Intersektionalit\u00e4t gibt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Verh\u00e4ltnisse sind immer \u00f6konomisch und politisch zugleich: ausgebeutet werden die <i>Reproduktions<\/i>zusammenh\u00e4nge des Lebens f\u00fcr die Produktion von Dingen (Identit\u00e4t). Die Alternative ist die Aufhebung der Vergegenst\u00e4ndlichung der Lebensprozesse in wechselseitigen Dialogen, nach dem Modell der biotischen Symbiose und des basalen Kommunismus (Alterit\u00e4t).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Dr. <\/strong><strong class=\"western\">Daniel Stosiek<\/strong> geboren 1970, wuchs in G\u00f6rlitz, in der ehemaligen DDR, auf, studierte in M\u00fcnster und Bremen Theologie und Entwicklungspolitik und war seit 2000 mehrfach in Lateinamerika t\u00e4tig. Dort forschte er \u00fcber Fragen indigener V\u00f6lker und arbeitete im Bereich der Menschenrechte.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"\">Literatur<\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Althusser, Louis<\/em> [1970] 2010: Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbbd., Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bakhtin, Mikhail<\/em> [1979] 2010: Est\u00e9tica da cria\u00e7\u00e3o verbal, S\u00e3o Paulo.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bourdieu, Pierre <\/em>1992: Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Czech, Herwig<\/em> 2024: Hans Asperger und der Nationalsozialismus. Geschichte einer Verstrickung, Gie\u00dfen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Dingeldey, Philip <\/em>2023: Identit\u00e4tspolitik und Intersektionalit\u00e4t. Zur Rolle der sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit, in: <em>vorg\u00e4nge. Zeitschrift f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Gesellschaftskritik<\/em> Nr. 244 = Jg. 62, H. 4, S. 47-62.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Dussel, Enrique<\/em> 2014: 20 Thesen zu Politik, M\u00fcnster.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Fraser, Nancy\/Honneth, Axel<\/em> 2003: Anerkennung oder Umverteilung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Federici, Silvia<\/em> [2004] 2021: Caliban und die Hexe. Frauen, der K\u00f6rper und die urspr\u00fcngliche Akkumulation, Wien\/Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Graeber, David<\/em> 2011: Debt. The first 5,000 Years, New York.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Jantzen, Wolfgang<\/em> 2013: Marxismus als Denkmethode und Sicht auf die Welt \u2013 eine st\u00e4ndige Herausforderung auch im 21. Jahrhundert? In: Lanwer, Willehad\/Jantzen, Wolfgang (Hrsg.): <em>Jahrbuch der Luria-Gesellschaft 2012<\/em>, Berlin, S. 10-28.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>J\u00f6rke, Dirk\/Schwuchow, Torben <\/em>2023: Wie im Barbieland? Rechte und linke Identit\u00e4tspolitiken in der EU, in: <em>vorg\u00e4nge. Zeitschrift f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Gesellschaftskritik<\/em> Nr. 244 = Jg. 62, H. 4, S. 29-45.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Lugones, Mar\u00eda<\/em> 2014: Colonialidad y G\u00e9nero. Hacia un feminismo descolonial, in: Mignolo, Walter et al. (Hrsg.): <em>G\u00e9nero y descolonialidad<\/em>, Buenos Aires, S. 13-42.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Mendoza, Breny<\/em> 2018: Die Epistemologie des S\u00fcdens, die Kolonialit\u00e4t des Geschlechts und der lateinamerikanische Feminismus, in: Hoffmann, Thomas\/Jantzen, Wolfgang\/Stinkes, Ursula (Hrsg.): <em>Empowerment und Exklusion. Zur Kritik der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung<\/em>, Gie\u00dfen, S. 169-188.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Prigogine, Ilya <\/em>1998: Die Gesetze des Chaos, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Quijano, An\u00edbal<\/em> 2016: Kolonialit\u00e4t der Macht. Eurozentrismus und Lateinamerika, Wien\/Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Smolin, Lee <\/em>2014: Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verst\u00e4ndnis des Kosmos, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Sousa Santos, Boaventure de<\/em> 2013: Se Deus Fosse um Ativista dos Direitos Humanos, S\u00e3o Paulo.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Stosiek, Daniel<\/em> 2022: Die Aufhebung des Kapitals. Politische \u00d6konomie des Mensch-Natur-Zusammenhanges im Neo-Kolonialismus, M\u00fcnster.<\/p>\n<h3 class=\"\">Anmerkungen<\/h3>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>Der Autor bezieht sich unter anderem auf die Erfahrung der Weltsozialforen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii <\/a>Enrique Dussel (2014: \u00a7 14.13) schreibt: \u201eDie Ausgeschlossenen sollen nicht ins <i>alte System eingeschlossen<\/i> werden (was bedeuten w\u00fcrde, den Anderen in das Selbe hereinzubringen), sondern als Gleiche in einem <i>neuen institutionellen Moment<\/i> (der <i>neuen<\/i> politischen Ordnung) partizipieren. Es wird nicht f\u00fcr die <i>Inklusion<\/i> (Einbeziehung\/Einschlie\u00dfung), sondern f\u00fcr die <i>Transformation<\/i> [&#8230;] gek\u00e4mpft \u2013 gegen Iris Young, J. Habermas und so viele andere, die von \u201aInklusion\u2018 sprechen.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii <\/a>Lee Smolin (2014: 294f.) thematisiert \u2013 von Energiefl\u00fcssen angetriebene und von R\u00fcckkopplungsprozessen stabilisierte und geformte \u2013 Systeme der Selbstorganisation sowohl im Bereich der Galaxien als auch in der Biosph\u00e4re. Er beschreibt die Sterne im \u201edynamischen Flie\u00dfgleichgewicht\u201d zwischen den einander entgegengesetzten Kr\u00e4ften der Kernreaktionen, die zur Explosion dr\u00e4ngen, und der Gravitation, die zur Implosion neigt.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv <\/a>Als Grundlage jeder \u00d6konomie sieht David Graeber (2011: 95ff.) einen basalen Kommunismus, n\u00e4mlich ein Zusammenleben der Menschen, bei dem jede Person nach ihren F\u00e4higkeiten handelt und jede nach ihren Bed\u00fcrfnissen empf\u00e4ngt oder Aufmerksamkeit erh\u00e4lt.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote5\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote5anc\" name=\"sdendnote5sym\">v<\/a>\u201e(Jedwedes) Kapital ist akkumulierte Arbeit (als Gegenstand oder in verinnerlichter, inkorporierter Form). Einzelne Akteure oder Gruppen eignen sich Kapital an, n\u00e4mlich soziale Energie (in Form von verdinglichter oder lebendiger Arbeit\u201c (Bourdieu 1992: 49).<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote6\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote6anc\" name=\"sdendnote6sym\">vi<\/a>Nach dieser Logik haben die Nazis selektiert, wer von den behinderten Kindern leben darf, und wer ermordet wird. Daran war auch Asperger beteiligt (vgl. Czech 2024).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,3004,2976,7],"tags":[3731,3528,3309,3077,3730,667],"autoren":[3581],"publikationen":[3668],"class_list":["post-19486","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-asylpolitik","category-klima","category-sozialpolitik","tag-alteritaet","tag-identitaetspolitik","tag-intersektionalitaet","tag-kapitalismus","tag-replik","tag-vorgaenge-artikel","autoren-daniel-stosiek","publikationen-vorg-245"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der physikalische Aspekt der Intersektionalit\u00e4t \u2013 eine Replik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-245\/publikation\/der-physikalische-aspekt-der-intersektionalitaet-eine-replik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der physikalische Aspekt der Intersektionalit\u00e4t \u2013 eine Replik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der folgende Artikel von Daniel Stosiek ist eine Replik auf das vergangene vorg\u00e4nge-Heft zum Schwerpunktthema Identit\u00e4tspolitik (Nr. 244). 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