{"id":19817,"date":"2025-02-25T15:49:42","date_gmt":"2025-02-25T14:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19817"},"modified":"2025-02-25T15:49:42","modified_gmt":"2025-02-25T14:49:42","slug":"bildungsungleichheit-in-deutschland-eine-praxisperspektive-auf-huerden-und-herausforderungen-von-studierenden-der-ersten-generation","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-247-248\/publikation\/bildungsungleichheit-in-deutschland-eine-praxisperspektive-auf-huerden-und-herausforderungen-von-studierenden-der-ersten-generation\/","title":{"rendered":"Bildungsungleichheit in Deutschland: Eine Praxisperspektive auf H\u00fcrden und Herausforderungen von Studierenden der ersten Generation"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Noch immer h\u00e4ngen die Bildungschancen junger Menschen in Deutschland in hohem Ma\u00dfe von der sozialen Herkunft ab. Nur ein Viertel der Kinder aus nichtakademischen Elternh\u00e4usern beginnt ein Studium. Von den Akademikerkindern sind es mehr als dreimal so viele. Martina K\u00fcbler erl\u00e4utert, woher diese Reproduktion von Bildungsungleichheit kommt und gibt Einblick, wie Organisationen wie ArbeiterKind.de darauf hinwirken, dass staatliche Institutionen und Hochschulen endlich die H\u00fcrden im Bildungssystem reduzieren und daf\u00fcr sorgen, dass Bildung k\u00fcnftig keine Frage der sozialen Herkunft mehr ist.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Im Juli 2024 ver\u00f6ffentlichte das Deutsche Zentrum f\u00fcr Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DHZW) den neuen <i>Bildungstrichter<\/i>, eine viel zitierte Statistik \u00fcber den Zugang zur Hochschulbildung in Deutschland (Kracke et al. 2024: 5). Angesichts der allgegenw\u00e4rtigen M\u00e4r vom \u201eAkademisierungswahn\u201c lasteten gro\u00dfe Erwartungen auf dieser neuen Statistik. Bestimmt doch studiere heutzutage fast jede*r, die Ausbildung leide schlie\u00dflich darunter, dass immer mehr junge Menschen den Schritt an die Hochschule wagten. Der neue Bildungstrichter zeichnet jedoch ein altbekanntes Bild: Noch immer h\u00e4ngen die Bildungschancen junger Menschen in Deutschland in hohem Ma\u00dfe von der sozialen Herkunft ab, das hei\u00dft davon, welchen Bildungsstand die Eltern haben. \u201eVom Akademisierungsschub der vergangenen Jahre haben Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, kaum profitiert\u201c (Kracke et al. 2024: 1), so der DHZW-Brief. Der \u00dcbergang von der Schule zur Hochschule stellt also eine Schwelle dar, die von Kindern aus akademischen Elternh\u00e4usern weitaus h\u00e4ufiger \u00fcberschritten wird als von Kindern aus Familien, in denen kein Elternteil \u00fcber einen akademischen Abschluss verf\u00fcgt. Noch immer beginnt nur ein Viertel der Kinder aus nichtakademischen Elternh\u00e4usern<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a> ein Studium. Von den Akademikerkindern sind es mit 78 Prozent mehr als dreimal so viele.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"herausforderungen-und-huerden-fuer-studierende-der-ersten-generation\">Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen und H&uuml;rden f&uuml;r Studierende der ersten Generation<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Doch warum wagen junge Menschen aus nichtakademischen Familien so viel seltener den Schritt an die Hochschule als ihre Altersgenoss*innen aus Akademikerfamilien? Eine Auswertung des nationalen Berichts <i>Bildung in Deutschland<\/i> von 2022 liefert Erkl\u00e4rungsfaktoren f\u00fcr die unterschiedliche Studierneigung von Studienberechtigten aus Akademiker- und Nichtakademikerfamilien: \u201e[S]elbst wenn die Hochschulreife erworben wurde, gibt es klare soziale Herkunftsunterschiede, und Studienberechtigte aus Nichtakademikerfamilien entscheiden sich deutlich h\u00e4ufiger gegen ein Studium als Studienberechtigte aus Akademikerfamilien\u201c (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2020: 185), wie bereits der Vorg\u00e4ngerbericht festgestellt hatte. Unterschiede in der Schulabschlussnote erkl\u00e4ren diese unterschiedliche Studierneigung jedoch nur zu 15 Prozent (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2022: 204). St\u00e4rkeren Einfluss darauf, dass sich Kinder aus nichtakademischen Familien seltener f\u00fcr ein Studium entscheiden, haben bildungsbiografische, famili\u00e4re und vor allem systemische Faktoren, die Studierenden der ersten Generation den Schritt an die Hochschule erschweren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In unserer Arbeit bei ArbeiterKind.de als deutschlandweit gr\u00f6\u00dfte gemeinn\u00fctzige Organisation f\u00fcr Studierende der ersten Generation begegnen uns diese H\u00fcrden beim Hochschulzugang t\u00e4glich in Form von Gespr\u00e4chen, Anfragen und pers\u00f6nlichen Bildungsgeschichten. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass junge Menschen aus nichtakademischen Familien, sofern man es aus der soziologischen Perspektive Pierre Bourdieus (1983: 185) betrachten m\u00f6chte, \u00fcber ein geringeres Kapitalvolumen, das hei\u00dft \u00fcber weniger \u00f6konomisches, kulturelles sowie soziales Kapital verf\u00fcgen als ihre Kommiliton*innen aus Akademikerfamilien. Damit sind sie aufgrund ihrer sozialen Herkunft im Hochschulsystem vor eine Vielzahl von H\u00fcrden und Herausforderungen gestellt. Im Folgenden soll daher den drei Kapitalsorten bei Studierenden aus nichtakademischen Familien nachgegangen werden.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"fehlendes-oekonomisches-kapital\">Fehlendes &ouml;kono&shy;mi&shy;sches Kapital<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ein h\u00f6herer Bildungsabschluss f\u00fchrt in Deutschland tendenziell zu einem h\u00f6heren Einkommen. Deshalb verf\u00fcgen viele Familien, in denen kein Elternteil studiert hat, \u00fcber weniger finanzielle Ressourcen als Familien, in denen mindestens ein Elternteil \u00fcber einen akademischen Abschluss verf\u00fcgt. Entsprechend k\u00f6nnen junge Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren, weitaus seltener auf finanzielle Unterst\u00fctzung aus der Herkunftsfamilie zur\u00fcckgreifen als Akademikerkinder und sind auf externe Mittel, zum Beispiel Stipendien oder die staatliche Studienf\u00f6rderung, angewiesen. Doch selbst, wenn eine externe Studienf\u00f6rderung in Anspruch genommen werden will und famili\u00e4re Glaubenss\u00e4tze wie \u201eMan steht auf eigenen Beinen!\u201c oder \u201eWir sind nicht auf Sozialleistungen angewiesen!\u201c dem nicht im Wege stehen, f\u00fchrt die fehlende Hochschulerfahrung in der Familie h\u00e4ufig dazu, dass Studierende aus nichtakademischen Familien nicht in gleichem Ma\u00dfe wie ihre Kommiliton*innen dar\u00fcber informiert sind, wie sich ein Studium \u00fcberhaupt finanzieren l\u00e4sst. Die g\u00e4ngigen Wege der Studienfinanzierung wie BAf\u00f6G und Stipendien sind nichtakademischen Familien oft fremd, oder es gibt niemanden, der beim komplizierten und b\u00fcrokratisch herausfordernden BAf\u00f6G-Antrag helfen kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auch bei der Bewerbung um Stipendien herrscht eine Diskrepanz zwischen Akademiker- und Nichtakademikerkindern. Die Tatsache, dass Stipendien \u00fcberhaupt existieren, ist vielen Studierenden der ersten Generation v\u00f6llig unbekannt. Falls sie doch von Stipendien wissen, ziehen sie eine Bewerbung f\u00fcr eine solche F\u00f6rderung h\u00e4ufig nicht in Betracht, entweder weil sie sich selbst nicht als \u201ebegabt\u201c einstufen (die Bezeichnung <i>Begabtenf\u00f6rderwerk<\/i> tut hier ihr \u00dcbriges) oder weil sie bef\u00fcrchten, die Bewerbungsanforderungen von \u00fcberdurchschnittlichen Noten und hohem gesellschaftlichen Engagement nicht erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Obwohl viele Studierende und Studieninteressierte aus nichtakademischen Familien in hohem Ma\u00dfe sozial engagiert sind, passiert dies oft nicht innerhalb der klassischen ehrenamtlichen Strukturen, weshalb sie gar nicht auf die Idee kommen, dieses Engagement im Zuge einer Stipendienbewerbung als solches anzuf\u00fchren. Viele Studierende aus nichtakademischen Elternh\u00e4usern sind in der Schule oder im eigenen famili\u00e4ren Umfeld h\u00f6chst engagiert, beispielsweise weil sie die berufst\u00e4tigen Eltern bei der Betreuung der Geschwisterkinder oder im Familienbetrieb unter-st\u00fctzen, weil sie bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen von Familienangeh\u00f6rigen, die kein oder nicht ausreichend Deutsch sprechen, als \u00dcbersetzer*innen fungieren oder weil sie ganz selbstverst\u00e4ndlich Aufgaben in ihrer Glaubensgemeinschaft \u00fcbernehmen. Dadurch fehlt diesen Menschen h\u00e4ufig die Zeit, sich in \u201eklassischen\u201c offiziellen Ehren\u00e4mtern zu engagieren. Und wenn noch niemand im n\u00e4heren Umfeld studiert hat, ist jungen Menschen meist nicht bewusst, dass all diese T\u00e4tigkeiten ebenso wie \u201eklassische\u201c Ehren\u00e4mter als soziales Engagement in eine Stipendienbewerbung einflie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Studium angekommen, zeichnen sich Studierende der ersten Generation meist durch eine hohe Eigenverantwortung aus: Dadurch, dass die Eltern finanziell nicht oder nur wenig unter-st\u00fctzen k\u00f6nnen, liegt es an den jungen Menschen selbst, nicht nur Inhalte und Organisation des Studiums zu meistern, sondern auch noch den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten sowie Semesterbeitrag und eventuelle Studiengeb\u00fchren zu decken. Folglich verf\u00fcgen Studieren-de aus nichtakademischen Elternh\u00e4usern \u00fcber weniger zeitliche Ressourcen, um sich dem Studium zu widmen, da die Sicherung der \u00f6konomischen Existenzgrundlage im Vordergrund steht. Wenn ein oder mehrere Nebenjobs ausgef\u00fchrt werden m\u00fcssen, liegt es in der Natur der Sache, dass das Studium von Studierenden der ersten Generation h\u00e4ufig l\u00e4nger dauert als jenes ihrer finanziell besser gestellten Mitstudierenden. Eine l\u00e4ngere Studiendauer, die deutlich \u00fcber der Regelstudienzeit liegt, hat mitunter negative Konsequenzen: Einerseits kann ein langes Studium im Lebenslauf beim sp\u00e4teren Berufseinstieg negativ ausgelegt werden, andererseits neigen junge Menschen, die besonders lange studieren und nebenbei viel arbeiten m\u00fcssen, besonders h\u00e4ufig dazu, das Studium abzubrechen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Studierende aus nichtakademischen Familien tendieren dar\u00fcber hinaus h\u00e4ufiger dazu, ihren Studiengang nicht unbedingt ihren Interessen und Neigungen entsprechend zu w\u00e4hlen, sondern sich f\u00fcr solche Studienf\u00e4cher zu entscheiden, die nach dem Abschluss ein hohes Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit in Aussicht stellen. \u201eIch konnte mir das Leben nicht in allen St\u00e4dten leisten und habe mich daher nur auf bestimmte Hochschulen beworben \u2013 unabh\u00e4ngig von meinen pers\u00f6nlichen Interessen und Kompetenzen\u201d, berichtet ein Teilnehmer der Online-Werkstatt <i>Herkunft, Finanzen und Studium<\/i>, die ArbeiterKind.de im April 2024 ausgerichtet hat (ArbeiterKind.de 2024: 5). Ebenso absolvieren Studierende der ersten Generation seltener unbezahlte Praktika und Auslandsaufenthalte w\u00e4hrend ihres Studiums \u2013 zum einen, weil sich die Finanzierung dieser Zusatzerfahrungen schwieriger gestaltet, zum anderen auch deshalb, weil diese als Verz\u00f6gerungen des ohnehin schon langen Studiums anstatt als Investition in die Zukunft wahrgenommen werden.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"fehlendes-kulturelles-kapital\">Fehlendes kulturelles Kapital<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Im Tagesgesch\u00e4ft von ArbeiterKind.de und im Austausch mit der bundesweiten Gemeinschaft aus Studierenden der ersten Generation ist das Thema Studienfinanzierung allgegenw\u00e4rtig und stellt mit Abstand die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde beim Hochschulzugang dar. Gleichwohl zeichnen sich der erschwerte Hochschulzugang f\u00fcr viele junge Menschen, deren Eltern nicht studiert haben, auch durch fehlendes kulturelles Kapital aus. Dieses \u00e4u\u00dfert sich h\u00e4ufig in einem Fremdheitsgef\u00fchl in der akademischen Welt. Viele Mitglieder der ArbeiterKind.de-Community berichten, dass sie sich, teils anf\u00e4nglich und teils durchgehend, an der Hochschule oder Universit\u00e4t nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Der bildungsb\u00fcrgerliche Habitus, der an der Hoch-schule oft vorausgesetzt wird, ist vielen Studierenden aus nichtakademischen Familien fremd: Weder sprechen sie die \u201erichtige\u201c Sprache, da sie es nicht gewohnt sind, sich mit gehobenem akademischem Vokabular auszur\u00fccken, noch stimmen die eigenen Erfahrungen aus der Kindheit in der Herkunftsfamilie mit denen der Kommiliton*innen aus bildungsb\u00fcrgerlichen Familien \u00fcberein. Berichten die Studienkolleg*innen von Bildungsreisen sowie Museumsbesuchen und beeindrucken mit Kenntnissen in klassischer Musik und dem Kanon der Weltliteratur, merken viele Studierende der ersten Generation schnell, dass ihre Kindheit von anderen, vermeintlich weniger prestigetr\u00e4chtigen Erlebnissen gepr\u00e4gt war.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a> Diese Differenzerfahrung f\u00fchrt bei vielen Studierenden aus nichtakademischen Familien zum sogenannten Impostor-Syndrom. Das meint das Gef\u00fchl, nicht an die Universit\u00e4t zu geh\u00f6ren und den Platz dort nicht verdient zu haben. Eignet man sich den akademischen Habitus hingegen z\u00fcgig an, um nicht negativ aufzufallen, so f\u00fchrt diese Anpassung im Umkehrschluss bei vielen Studierenden der ersten Generation zu Loyalit\u00e4ts- und Identit\u00e4tskonflikten in Bezug auf die Herkunftsfamilie und das Herkunftsmilieu. Viele Studierende der ersten Generation haben den Eindruck, in keiner der beiden Welten dazuzugeh\u00f6ren \u2013 weder im akademischen noch im Arbeitermilieu. W\u00e4hrend man sich anstrengt, sich dem akademischen B\u00fcrgertum in Sprache, Auftreten, Geschmack und Interessen anzupassen, hat man gleichzeitig das Gef\u00fchl, die eigenen Wurzeln und die eigene soziale Herkunft zu verleugnen. Dies f\u00fchrt f\u00fcr Studierende aus nichtakademischen Familien nicht selten zur Entfremdung von der Herkunftsfamilie, die die Ver\u00e4nderungen der Studierenden in Form von neuer Sprache, neuem sozialen Umfeld, neuem Habitus m\u00f6glicherweise mit Bedauern oder Argwohn zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"fehlendes-soziales-kapital\">Fehlendes soziales Kapital<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Neben den finanziellen und den kulturellen H\u00fcrden stellt auch das fehlende soziale Kapital \u2013 gemeint sind die fehlenden sozialen Verbindungen in Form eines tragf\u00e4higen akademischen und beruflichen Netzwerks \u2013 eine signifikante Benachteiligung von Studierenden der ersten Generation beim Schritt an die Hochschule dar. Wenn noch keine andere verwandte Person zuvor studiert hat, fehlen nicht nur motivierende Vorbilder im eigenen sozialen Umfeld. Auch das nicht vorhandene Erfahrungswissen rund um das Thema Studium kann junge Menschen daran hindern, ein Hochschulstudium zu beginnen oder die erste Zeit an der Universit\u00e4t bedeutend erschweren. Viele Studierende aus nichtakademischen Familien kennen \u2013 abgesehen von ihren Lehrkr\u00e4ften und \u00c4rzt*innen \u2013 niemanden, der studiert hat, und haben deshalb keine Vorstellung von der Vielfalt der akademischen Berufe und Studienf\u00e4cher. Auch der Ablauf eines Studiums \u2013 von der Immatrikulation \u00fcber die Zwischenpr\u00fcfung bis zur Abschlussarbeit \u2013 ist f\u00fcr viele Studierende der ersten Generation zun\u00e4chst ein Buch mit sieben Siegeln. W\u00e4hrend man in einem Akademikerhaushalt beispielsweise h\u00e4ufig ganz beil\u00e4ufig vom Studienweg der Eltern und \u00e4lteren Geschwister erf\u00e4hrt und einem Begriffe, akademische Grade oder universit\u00e4re Gepflogenheiten erkl\u00e4rt werden, obliegt es jungen Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren, sich die Institution Hochschule in all ihren Abl\u00e4ufen und Eigenarten von Grund auf selbst zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Selbst dann, wenn Studierende aus nichtakademischen Familien den Sprung an die Hochschule aus eigener Kraft geschafft haben, erfahren sie schnell, dass einige ihrer Kommiliton*innen Ressourcen und Privilegien verschiedenster Art haben, auf die sie selbst nicht zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen: Steht zum Beispiel die erste wissenschaftliche Arbeit an, k\u00f6nnen Studierende der ersten Generation oft weder auf Tipps zum Recherchieren z\u00e4hlen, noch kann jemand aus dem famili\u00e4ren Umfeld die Arbeit Korrektur lesen. Diese realen Wettbewerbsnachteile f\u00fchren oft mindestens zu erheblichem Mehraufwand und Unsicherheiten, im schlimmsten Fall aber zu schlechteren Leistungen oder dazu, dass der akademische Bildungsweg in Zweifel gezogen wird.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Am augenscheinlichsten wird das Fehlen eines akademischen Netzwerks, wenn die ersten Schritte ins Berufsleben bevorstehen. Diese werden regelm\u00e4\u00dfig nicht ausschlie\u00dflich durch eigenes K\u00f6nnen, nicht durch gute Noten oder die perfekte Bewerbungsmappe erm\u00f6glicht, sondern insbesondere durch den Kontakt zu T\u00fcr\u00f6ffner*innen: Personen aus dem eigenen Netzwerk erm\u00f6glichen Praktika in angesehen Unternehmen und Organisationen oder informieren dar\u00fcber, dass in einer bestimmten Abteilung eine Stelle f\u00fcr Berufseinsteiger*innen frei wird. Eine Studie der Boston Consulting Group belegt: \u201eFirstGen-Professionals berichten mit fast 50 Prozent h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit, dass sie keinen Zugang zu Netzwerken haben, die ihnen beim Berufseinstieg und bei der weiteren Entwicklung ihrer Karriere von Nutzen sind\u201c (Ullrich et al. 2023: 6). In der Konsequenz f\u00e4llt Erstakademiker*innen der Berufseinstieg h\u00e4ufig schwerer, und es dauert l\u00e4nger, bis eine passende Stelle gefunden werden kann (Ullrich et al. 2023: 6). In der Arbeit von ArbeiterKind.de f\u00e4llt auch immer wieder auf, dass Erstakademiker*innen ihr erstes Gehalt durch fehlende Kontakte zu Personen mit Erfahrung im akademischen Berufsleben h\u00e4ufig schlechter verhandeln als Berufseinsteiger*innen aus Akademikerfamilien \u2013 und so h\u00e4ufig auch finanziell hinter ihren Potenzialen zur\u00fcckbleiben.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"studienpioniere-mit-uebersetzungskompetenz\">Studi&shy;en&shy;pio&shy;niere mit &Uuml;berset&shy;zungs&shy;kom&shy;pe&shy;tenz<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Das deutsche Hochschulsystem ist darauf ausgelegt, dass Studierende gewisse Privilegien mitbringen: Die Finanzierung soll m\u00f6glichst vom Elternhaus aus gesichert sein, sodass die jungen Menschen in Vollzeit und ohne Zeitverlust durch Nebenjobs studieren k\u00f6nnen. Dies sehen die Studienverlaufspl\u00e4ne so vor. Auch Care-Verpflichtungen f\u00fcr eigene Kinder oder pflegebed\u00fcrftige Familienmitglieder werden in der Imagination der typischen deutschen Studierenden nicht mitgedacht, von denen erwartet wird, dass sie an jedem Wochentag von fr\u00fchmorgens bis sp\u00e4tabends verteilt Lehrveranstaltungen besuchen und sich in der vorlesungsfreien Zeit mehrere Wochen lang ganztags dem Verfassen von Hausarbeiten widmen k\u00f6nnen, ehe sie f\u00fcr ein Pflichtpraktikum vor\u00fcbergehend in eine andere Stadt ziehen. Auf Studierende aus nichtakademischen Elternh\u00e4usern treffen diese Privilegien h\u00e4ufig nicht zu, weshalb der Weg an und durch die Hochschule f\u00fcr sie h\u00e4ufig mit H\u00fcrden und Herausforderungen versehen ist. Studierende der ersten Generation navigieren regelm\u00e4\u00dfig einen Hochschulalltag, der mit dem Klischee der faulen Studierenden wenig zu tun hat: Geldsorgen, BAf\u00f6G-Antr\u00e4ge, mehrere Nebenjobs, Fremdheitsgef\u00fchle und ein Leben unter der Armutsgrenze sind hier die soziale Realit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Trotzdem ist das Studium von Studierenden der ersten Generation nicht nur eine Frage des pers\u00f6nlichen sozialen Aufstiegs. Hochschulen wie Gesellschaft profitieren davon, wenn m\u00f6glichst viele interessierte Bildungsaufsteiger*innen ein Studium aufnehmen und abschlie\u00dfen. Junge Menschen, die mit dem Studium einen Weg gehen, den noch niemand zuvor in ihrer Familie eingeschlagen hat, begeben sich in eine f\u00fcr sie fremde Welt, deren Regeln und Risiken sie erst verstehen und erlernen m\u00fcssen. Dieser Schritt ins Ungewisse erfordert Mut, Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und nicht selten ein gro\u00dfes Ma\u00df an Resilienz \u2013 Qualit\u00e4ten, die sowohl in der akademischen Arbeitswelt als auch im gesellschaftlichen Zusammenleben von unsch\u00e4tzbarem Wert sind. Erstakademiker*innen sind so h\u00e4ufig au\u00dferordentlich selbstst\u00e4ndig und verantwortungsbewusst, da sie ihr Leben schon fr\u00fch selbst meistern mussten und auf wenig Unterst\u00fctzung aus dem sozialen Umfeld zur\u00fcckgreifen konnten (Minicozzi\/Roda 2020: 45). Die vielen H\u00fcrden und Herausforderungen, die auf dem Weg zum Hochschulabschluss bew\u00e4ltigt werden mussten, begr\u00fcnden dar\u00fcber hinaus nicht nur ein starkes Durchhalteverm\u00f6gen; Erstakademiker*innen wurden dadurch naturgem\u00e4\u00df zu kompetenten Probleml\u00f6ser*innen, deren Wille, die eigenen Ziele zu erreichen, sich in einer au\u00dferordentlich hohen Arbeitsmoral niederschl\u00e4gt (Minicozzi\/Roda 2020: 45).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Beim \u00dcbergang vom nichtakademischen Elternhaus in die akademische Welt vollziehen Studierende der ersten Generation eine Transformation, die f\u00fcr Hochschulen und Gesellschaft in der heutigen Zeit von besonderer Relevanz ist. Durch das Aufwachsen im nichtakademischen und das Eintauchen in das akademische Milieu entwickeln sie als Bildungsaufsteiger*innen Transformations- und \u00dcbersetzungskompetenzen zwischen zwei h\u00f6chst unterschiedlichen Welten. Erstakademiker*innen besetzen somit eine Schnittstellenposition, in der nur diejenigen Menschen souver\u00e4n agieren k\u00f6nnen, die beide Welten kennen und den Drahtseilakt des Lebens zwischen ihnen erfolgreich gemeistert haben. In einer Zeit, die gepr\u00e4gt ist von gesellschaftlicher Zersplitterung sowie von Fake News und Verschw\u00f6rungstheorien, ist es umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die zwischen Akademiker- und Arbeitermilieu, zwischen wissenschaftlicher Sprache und leicht verst\u00e4ndlicher Alltagssprache changieren und vermitteln und so wissenschaftliche Fakten der breiten, vor allem der nichtakademischen \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich machen k\u00f6nnen. Erstakademiker*innen machen seit Beginn ihres Studiums genau das, wenn sie im Elternhaus ein anderes Sprachregister w\u00e4hlen als in Diskussionen im akademischen Seminar. Nicht nur deshalb ist es Aufgabe von Politik und Hochschulen, die H\u00fcrden im Bildungssystem zu reduzieren und daf\u00fcr zu sorgen, dass Bildung k\u00fcnftig keine Frage der sozialen Herkunft mehr ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Dr. Martina K\u00fcbler,<\/strong> geb. 1987, Bundeslandkoordinatorin Bayern f\u00fcr die gemeinn\u00fctzige Organisation ArbeiterKind.de.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>ArbeiterKind.de<\/em> 2024: Ergebnisbrosch\u00fcre der Online-Werkstatt \u201e\u201a\u00dcber Geld spricht man nicht\u2026\u2018 \u2013 Wir schon! Herkunft \u2013 Finanzen \u2013 Studium\u201c, Berlin, <a href=\"https:\/\/www.arbeiterkind.de\/sites\/default\/files\/ergebnisbroschuere_online-werkstatt_herkunft_und_finanzen.pdf\">https:\/\/www.arbeiterkind.de\/sites\/default\/files\/ergebnisbroschuere_online-werkstatt_herkunft_und_finanzen.pdf<\/a>.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung<\/em> 2020: Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengest\u00fctzter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt, Bielefeld, <a href=\"https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2020\/pdf-dateien-2020\/bildungsbericht-2020-barrierefrei.pdf\">https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2020\/pdf-dateien-2020\/bildungsbericht-2020-barrierefrei.pdf<\/a>.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung<\/em> 2022: Bildung in Deutschland 2022: Ein indikatorengest\u00fctzter Bericht mit einer Analyse zum Bildungspersonal, Bielefeld, <a href=\"https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2022\/pdf-dateien-2022\/bildungsbericht-2022.pdf\">https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2022\/pdf-dateien-2022\/bildungsbericht-2022.pdf<\/a>.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bourdieu, Pierre<\/em> [1979] 1987: Die feinen Unterschiede, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bourdieu, Pierre<\/em> 1983: \u00d6konomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in Kreckel, Reinhard (Hrsg.): <em>Soziale Ungleichheiten<\/em>, G\u00f6ttingen, S. 183-198.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Kracke, Nancy et al.<\/em> 2024: Neuer Bildungstrichter: Trotz Akademisierungsschub immer noch ungleicher Zugang zur Hochschule (DZHW Brief 02|2024), Hannover, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.34878\/2024.02.dzhw_brief\">https:\/\/doi.org\/10.34878\/2024.02.dzhw_brief<\/a>.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Minicozzi, Lisa\/Roda, Allison<\/em> 2020: Unveiling the Hidden Assets that First-generation Students Bring to College, in: <em>Journal for Leadership and Instruction<\/em>, Jg. 19, H. 1, S. 43-46, <a href=\"https:\/\/files.eric.ed.gov\/fulltext\/EJ1255874.pdf\">https:\/\/files.eric.ed.gov\/fulltext\/EJ1255874.pdf<\/a>.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Ullrich, Sebastian et al.<\/em> 2023: Das schlummernde Potenzial der \u201eFirst-Generation Professionals\u201c: Herausforderungen von FirstGen-Professionals und Wege, ihr volles Potenzial auszusch\u00f6pfen, M\u00fcnchen, <a href=\"https:\/\/web-assets.bcg.com\/57\/20\/86ed7fb549fb95792dc494b67767\/das-schlummernde-potenzial-der-first-gen-professionals-bcg-studie.pdf\">https:\/\/web-assets.bcg.com\/57\/20\/86ed7fb549fb95792dc494b67767\/das-schlummernde-potenzial-der-first-gen-professionals-bcg-studie.pdf<\/a>.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h3>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>Zu den im Text verwendeten Begrifflichkeiten: Der Begriff <i>Arbeiterkind<\/i> im Namen der Organisation ArbeiterKind.de wirkt durch seine Pr\u00e4gnanz und schlie\u00dft auch Kinder von Selbstst\u00e4ndigen, Handwerker*innen oder Angestellten mit ein. Denn entscheidend ist, ob es in der Familie eine akademische Tradition gibt. Die Begriffe <i>Kinder<\/i> beziehungsweise <i>Studierende aus nichtakademischen Familien\/Elternh\u00e4usern<\/i> und <i>Studierende der ersten Generation<\/i> werden im Folgenden als Synonyme verwendet, letzterer in Anlehnung an den im angloamerikanischen Sprachraum gel\u00e4ufigen Begriff <i>first-generation students<\/i>. Menschen, die als Erste in ihrer Familie einen Studienabschluss erreicht haben, bezeichnet der Text als <i>Erstakademiker*innen<\/i>.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii <\/a>F\u00fcr detaillierte Ausf\u00fchrungen zum Habitus-Begriff, vgl. Pierre Bourdieus <i>Die feinen Unterschiede<\/i>. In seinem epochalen Werk konstatiert Bourdieu ([1979] 1987), dass Ausdrucksformen wie der sprachliche Ausdruck, Geschmack, und Hobbys nicht zuf\u00e4lliger Ausdruck individueller Pr\u00e4ferenzen sind, sondern auf einen milieu- beziehungsweise klassenspezifischen Habitus zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":19808,"template":"","categories":[2973,5],"tags":[4050,4049,653,4051,3895,667],"autoren":[4048],"publikationen":[4041],"class_list":["post-19817","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-armut","category-bildung","tag-akademiker","tag-arbeiterkind","tag-bildung","tag-erstakademiker","tag-universitaet","tag-vorgaenge-artikel","autoren-martina-kuebler","publikationen-vorg-247-248"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bildungsungleichheit in Deutschland: Eine Praxisperspektive auf H\u00fcrden und Herausforderungen von Studierenden der ersten Generation - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-247-248\/publikation\/bildungsungleichheit-in-deutschland-eine-praxisperspektive-auf-huerden-und-herausforderungen-von-studierenden-der-ersten-generation\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bildungsungleichheit in Deutschland: Eine Praxisperspektive auf H\u00fcrden und Herausforderungen von Studierenden der ersten Generation - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Noch immer h\u00e4ngen die Bildungschancen junger Menschen in Deutschland in hohem Ma\u00dfe von der sozialen Herkunft ab. 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